Das andere Mecklenburg-Vorpommern - Wolf Schmidt - E-Book

Das andere Mecklenburg-Vorpommern E-Book

Wolf Schmidt

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Beschreibung

Moin, oder wie grüßt man hier richtig? Willkommen im Land der Fisch- und Ossen-Köppe, wo der Samstag Sonnabend heißt und die Zauberei zu Hause ist. Bevölkert von den Nachfahren der wahren Sachsen, die ganz eigene Zeitangaben pflegen. Mit einer Liebkosung, die es nur hier gibt. In der Heimat des Hopfenbieres leben die Trinkfesten, wo Kaffee und Muckefuck einst Karriere machten. Mecklenburger und Pommer können sich sogar als Pferd und Hund begegnen. Und die liebevolle Bezeichnung "Südschweden" enthält einen wahren Kern. Humorvoll enthüllt Wolf Schmidt in seinem zweiten Band zum ANDEREN MV wieder dessen verborgene Seiten. Wahre Begebenheiten zum Staunen, Schmunzeln und Wiedererkennen - eine Heimatkunde mit Augenzwinkern.

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Seitenzahl: 140

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Man mag es als Wolf, Katze, Hund, Waschbär oder Marderhund deuten. Als Lösung des Rätsels ergibt sich eine stilisierte Darstellung des Pommers. Der Mini-Spitz ist in seiner MV-Heimat kaum bekannt. Als Pomeranian halt er weltweit Karriere gemacht.

Mehr dazu in der Geschichte

„Mecklenburger und Pommer“

Inhalt

Moin

Von der Kunst des Grüßens

Ossenkopp

Verwirrungen um Wappen

Fischkopp

Identität und Fischgeschäft

Platt

Die Sprache der Sachsen

Missingsch

Mischmasch im Norden

Dörchläuchting

Wege der Liebkosung

Zeitzonen

Bruchrechnen mit der Uhr

Sonnabend

Das Erbe der Götter

Seebier

„Gebrautes ist so gut wie Gekautes“

Trinkfest

Wo Geistvolles Trumpf ist

Auf Entzug

Die Wasserrevolution

Heißgetränk

Der koloniale Wachmacher

Säurefest?

Weingenuss an der Ostsee

Schwedenzeit

Von IKEA zum Dreißigjährigen Krieg

Hexen und Püstern

Im zauberhaften Mecklenburg-Vorpommern

Mecklenburger und Pommer

Tierisch unterschiedlich

Der lange Weg zum Mecklenburg-Autor

Rückkehr – Der Künstler Udo Scheel

Hinweise

MoinVon der Kunst des Grüßens

Woanders sagt man „Grüß Gott“ oder weniger religiös „Grüezi“. In Bayern gern Servus – praktischerweise zur Begrüßung wie zum Abschied. Der im Ruhrgebiet wie im Erzgebirge populäre Steiger-Gruß „Glück Auf“ ist in MV ein Ortsteil von Altentreptow. „Küss die Hand“ – als verbalen Ersatz für den Handkuss – wird man hier genauso wenig zur Begrüßung hören wie „Habe die Ehre“. Derart Höfisches hat in Wien sein Zuhause.

Zum Küstenland zwischen Lübeck und Stettin würde „Ahoi“ gut passen. Gelegentlich kommt einem der Seemannsgruß zu Ohren, der wie Servus beim Kommen und Gehen angesagt ist. Kein Shanty-Auftritt ohne ahoi. Und so wie das Shanty entstammt auch ahoi der britischen Seefahrt des 19. Jahrhunderts. Seine Wurzeln hat es allerdings im englischen Viehtreiberruf Hoy. Das passt zu unserem Land mit dem Ochsenkopf im Wappen.

Warum also nicht ahoi bei uns? Die Antwort finden wir an der amerikanischen Ostküste in den späten 1870-er Jahren. Damals hatte sich Alexander Graham Bell gerade das Telefon patentieren lassen. Damit entstand die Frage, wie man ein Telefongespräch einleitet. Bell propagierte: Ein Telefonat startet mit ahoy.

Leider war das Mikro des Bell-Telefons so schwach, dass die elektrischen Impulse nur für Ortsgespräche reichten. Den Durchbruch des Ferngesprächs schaffte erst das Kohlegries-Mikrofon, das Thomas Alva Edison 1877 erfand.

Damals konnte man nicht direkt eine Telefonnummer wählen, sondern meldete das Telefonat bei der Telefongesellschaft an. Die Verbindung wurde per Handschaltung hergestellt. Edison schrieb vor, dass die Telefonistinnen – einer der ersten weiblichen Technik-Berufe – nicht Bells ahoi, sondern Hello zu sagen hatten. Hello Girls hießen sie bald in Amerika. So hat Edison den damals nicht sehr gebräuchlichen amerikanischen Ausruf „Hello“ zu einem Begrüßungswort gemacht, das heute weltweit in Mode ist.

Der Nordosten ist Hallo-Land. Früher rief man so den Fährmann, um den Fluss zu überqueren, oder wen auch immer aus der Lethargie aufzuwecken. Hallo bezeichnete ein großes Durcheinander, Halli hallo signalisiert traditionell Spaß, heute hundertfach variiert in der Kita wie für Erwachsene: Halli, hallo, Halunken, die Fische sind ertrunken. Der Regen wurde pitschenass und unser Vollmond leichenblass. Die Karriere des Hallo-Grüßens verdanken wir Edisons Hello.

Ahoi-Freunde, denen Shanty-Auftritte in Wismar oder Stralsund nicht reichen, müssen sich weit von der Küste entfernen, um den geliebten Klang zu erleben. In Tschechien und der Slowakei ist ahoj die Standard-Begrüßung, in Süddeutschland dagegen Schlachtruf der närrischen Tage.

Hauptrivale von Hallo ist in Mecklenburg-Vorpommern „moin“. Das klingt so richtig norddeutsch. Wer es besonders authentisch machen will, ruft moin moin. Andere protestieren: „Es heißt moin. Moin moin ist schon Gesabbel.“ Moin steht für Heimat: „Zuhause ist da, wo man abends Moin sagt“, verrät ein populärer T-Shirt-Spruch. Auf Fremde wirkt das mal anziehend mal döschig. Auch wenn moin einem überall im Land von Ochsenkopf und Greif entgegenschallt: Ist es hier wirklich zu Hause?

Echtheitszertifikate oder Urheberrechte gibt es in der Alltagskultur nicht. Da wird hemmungslos geklaut, imitiert und abgewandelt. Schauen wir in Fritz Reuters Welt vor gut 150 Jahren, finden wir dort kein Hallo, aber auch kein moin zur Begrüßung. Und tatsächlich: Das mecklenburgische Wörterbuch der beiden großen Gelehrten Wossidlo und Teuchert kennt das Wort moin gar nicht. Dort gibt es nur ein Mooi oder Moi und das bedeutet schmuck, hübsch, schön. Ein wichtiger Hinweis.

Vielen Zugereisten kommt es leicht debil vor, sich den ganzen Tag moin im Sinne von „Guten Morgen“ zuzurufen. Tatsächlich gibt es eine entsprechende Deutung, die moin mit morgen gleichsetzt. Das hat den Ostfriesen den Verdacht einer kulturellen Aneignung eingebracht. Sie hörten von den Verwaltungsbeamten ihrer preußischen Obrigkeit das berlinernde Morjen und machten daraus angeblich ihren Gruß.

Mehr Sinn ergibt Moin als Kurzform von moin Tag, also guten oder schönen Tag. Als besonders herzlich gilt, dann mit moin moin zu antworten. Ursprünglich ein Gruß der Friesen, ist er mit Arbeitern und Handwerkern allmählich von Schleswig-Holstein und Niedersachsen nach Hamburg eingesickert. Mit der Grenzöffnung 1989 hat er auch Mecklenburg und Vorpommern erobert. Geblieben ist eine Verhaltensunsicherheit: Darf das M-Wort nur am Vormittag oder ganztägig verwendet werden? Und ist die Doppelung ein Muss, Kann oder Gesabbel? Auf jeden Fall grüßt moin eher in Jeans als mit Krawatte. Auch eine männliche Note ist nicht zu verkennen. Wissen sollte man, dass es in Mecklenburg-Vorpommern Ureinwohner gibt, denen ein moin tierisch auf den Geist geht.

Da war es in Fritz Reuters Mecklenburg übersichtlicher. Damals hieß es einfach „gun Morgen“, „gun Dag“, „gun Nacht“, gern mit nachgesetzten „ok“: gun Dag ok. Ok steht dabei nicht für Okay, sondern für auch. Abgekürzt zu einem mürrischen n’ Dag wird der Gruß schon eher unhöflich. Optimal ist die Garnierung mit einer Frage nach dem Befinden oder dem Zusatz „help Gott“.

Offen religiöse Grußformeln sind im konfessionslosen Nordosten nicht mehr in Mode. Auf ein „Grüß Gott“ könnte die Retourkutsche lauten „Grüß ihn doch selbst“. Insgeheim spielt der liebe Gott aber seine Rolle als Grüßaugust weiter, jedenfalls beim Abschied. Aus dem „Reist mit Gott“ ist in Deutschland das französische „Adieu“ oder in der Kurzform „ade“ geworden. Das wurde im Ersten Weltkrieg ausgemerzt, weil eine französische Freundlichkeit trotz Gott die geistige Mobilmachung gegen den Erbfeind störte. Überlebt hat dagegen tschüss – im Mecklenburg des 19. Jahrhunderts noch adjüüs – was nichts anderes als eine plattdeutsche Verballhornung des französischen Adieu darstellt. Tschüss ist mittlerweile ein norddeutscher Exportartikel. Selbst bayrisches Brauchtum hat er infiziert.

Umgekehrt bleibt zu hoffen, dass Servus aus dem vornehmlich katholischen Sprachraum hier keine Wurzeln schlägt. In Zeiten eines blühenden Sadomasochismus könnte es allzu leicht missverstanden werden. Wer Servus sagt, outet sich als römischer Sklave, denn genau das bedeutet das Wort. Dabei ist die fehlende Geschlechtergerechtigkeit besonders empörend, die Sklavin heißt schließlich serva.

Wer heute einen Brief mit der früher üblichen Formel „ihr stets sehr ergebener“ unterzeichnete, würde eine sexuelle Anspielung oder eine extrem autoritär erzogene Persönlichkeit vermuten lassen. In der Jugend ist die altertümliche Unterwerfung wieder populär. „Ciao“ sagen sie heute gerne. Das klingt nach Bella Ciao, dem schönen Lied des antifaschistischen Widerstands. Nach Herkunft ist es venezianisch und bedeutet „ich bin Ihr Diener“.

„Salve“ findet man über dem Eingang oder auf der Türschwelle mancher alter Gutshäuser. Es bedeutet nicht „Vorsicht Maschinengewehr“, sondern das Gegenteil. Wörtlich übersetzt heißt das lateinische Wort „sei gesund“. Es meint dasselbe wie das jüdische Shalom oder das arabische Salam: Nicht bloß frei von Erkrankungen zu sein, sondern ein Wunsch des Wohlbefindens und des Friedens mit sich und anderen. Die deutsche Entsprechung „Heil“ ist 1945 aus der Mode gekommen, als damit viel Unheil angerichtet worden war. In den Nischen der Freizeitabenteuer hat es überlebt. Die in MV besonders zahlreichen Angler wünschen sich Petri Heil, die Freunde der Wildschweinkeule Waidmanns Heil. Turner rufen Gut Heil, Radfahrer traditionell All Heil. Ski Heil dürfte außerhalb der Wittenburger Skihalle hier wenig Sinn machen. Berg Heil wäre selbst für den höchsten Landesgipfel, die Helpter Berge mit sagenhaften 179 Meter Höhe, übertrieben.

Mit Heil-Hitler-Grüßen hatte man einst seine Regimetreue zu beweisen. Seit dem Untergang des Dritten Reiches sind Heil-Hitler- und Sieg-Heil-Bekundungen strafbar. „Freundschaft“, der alte Gruß der Sozialisten, der bis 1989 jede Versammlung der gar nicht so Freien Deutschen Jugend in der DDR einleitete, ist nicht verboten und wahrscheinlich deshalb verschwunden.

Wie wichtig ist das Grüßen für das Heil des Einzelnen und der Gemeinschaft? Grüßen schafft und stärkt Bindungen. Das macht gute Laune. Gerade im dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern gibt es Dörfer und Regionen, wo jeder auf der Straße, im Wald oder auf dem Feld gegrüßt wird – ob man sich kennt oder nicht. Das ist der ursprüngliche Sinn des Grüßens von Fremden: Ich lass dich in Ruhe, lasst du mich in Ruhe – und im Notfall könnten wir uns sogar helfen. Das Grüßen unter Fremden als persönlicher Nichtangriffspakt. Einen Gruß nicht zu erwidern, gilt seit alters her als Ehrverletzung. Leider bleiben heutzutage selbst in der Einöde viele Gegrüßte stumm. Da mag schon mal einer hinterherrufen „Du mich auch!“.

Die Sozialforschung hat beobachtet, dass in einem Wohnquartier das Wohlbefinden vom Grüßen der Nachbarn beeinflusst wird. Besonders wenn Migranten zuziehen, nimmt das Grüßen ab. Eingesessene beklagen das als Verlust von Lebensqualität.

Nun könnte man sagen, es kommt nur auf die Geste an. Wie das Grüßen genau abläuft, ist unerheblich. Aber da liegt der Irrtum. Grüßen als Methode des Vertrauensaufbaus, der gefühlt richtigen Balance von Nähe und Distanz, folgt tieferliegenden Regeln. Die können zwischen den Kulturen leicht zu Missverständnissen führen. Der Islam lehrt, dass der Muslim den Ungläubigen nicht als erster grüßt. Bei uns gilt es als vertrauenerweckend, dem Gegrüßten in die Augen zu schauen – und das unabhängig vom Geschlecht. Eine Milliardenzahl von Menschen, zum Beispiel in China, deutet diesen Augenkontakt aber als Aggressivität. Eine Frau, die einen Mann beim Grüßen anblickt, erscheint in manchen Kulturen unverschämt. Bei uns gilt die Regel, eine Armlänge Distanz einzuhalten. Anderswo gilt das Gegenteil. Beduinen der Wüste und Inuit der Arktis reiben den Begrüßten mit der Nase. Ob man die Hände schüttelt oder nicht, brachte eine deutsche Außenministerin in Verlegenheit.

Was in Mecklenburg-Vorpommern auf dem Lande für das Grüßen gilt, passt nicht auf die sommerlich überfüllte Promenade von Boltenhagen und erst recht nicht in die Hamburger U-Bahn. Im Internet kursiert der Spruch: „Dass ich vorm Dorf komme, merkt man daran, dass ich Menschen in der Stadt noch freundlich anschaue. Die denken dann immer, ich bin irre.“

Wo Dichtestress herrscht, haben sich Menschen angewöhnt, durch die Nächsten hindurchzuschauen, sie emotional wegzubeamen. Wer grüßt schon, wenn er in ein öffentliches Verkehrsmittel einsteigt? Und wenn doch, wie wären die Reaktionen? Andererseits heißt es: „Leute, die im Fahrstuhl nicht grüßen, werden im Falle des Steckenbleibens als erste gegessen.“

Ein Dilemma, aus dem auch kein Knigge befreien kann. Der Freiherr hat 1788 in seinem berühmten Buch „Über den Umgang mit Menschen“ fast alle Aspekte des menschlichen Miteinander ausgeleuchtet. Zum Grüßen findet man dort nichts. War ihm das Thema zu kompliziert?

Wo Menschen überfordert sind, blüht der Nonsens: „Wie geht’s? Muss ja, und selbst?“ Oder auch „Moingiorno“.

OssenkoppVerwirrungen um Wappen

In Mecklenburg-Vorpommern ist er nicht ganz so präsent wie in Spa nien. Aber hier wie dort spielt der Stier eine besondere Rolle. Im Land der Toreros ist er allgegenwärtig. In stolzer Pose schaut seine Silhouette von spanischen Hügeln herab und grüßt überall die Vorbeifahrenden. Spanische Produkte werden durch ihn authentisch.

In Mecklenburg-Vorpommern begegnet man dem Stier nicht straßenbegleitend und eher selten auf Weiden. Hier blickt er uns aus dem Landeswappen an. Gelegentlich hat er in die Alltagskultur Eingang gefunden. Als Mecklenburger Stiere spielen Handballer in Schwerin – wenn auch nicht so erfolgreich wie Empor Rostock unter dem Zeichen des Greifen. Das Mecklenburger Stier-Bier kommt aus der größten – dänischen – Brauerei des Landes in Dargun und punktet mit einem schönen Etikett. Unter dem Kronenkorken entfaltet sich ein Gerstensaft aus dem Discountsegment. Kenner charakterisieren ihn als wässrig und körperarm. Also wenig schmeichelhaft für einen Stier.

Auch im Landeswappen prangt offiziell ein Kopfbild des Stiers, das mit Eselsohren, einer Hundezunge und schläfrigen Augen – aber immerhin goldbekrönt – eine gewisse Eleganz gegenüber der spanischen Konkurrenz vermissen lässt. Allerdings hat der Mecklenburger ganze 800 Jahre Geschichte zu schleppen. Der spanische Stier dagegen ist mitnichten das Wappentier des Landes, sondern eine erfolgreiche Kreation der Schnapsindustrie. Was viele für Spaniens Wahrzeichen halten, wirbt seit 1957 für die Weinbrand-Marke „Veterano“. Im spanischen Staatswappen finden wir dagegen einen Löwen – in Erinnerung an das einstige Königreich Leon.

Freund und Feind mit einem Löwen zu imponieren, ist auch unter deutschen Bundesländern die beliebteste Idee – gefolgt von Pferd, Bär und Adler. Nur Mecklenburg-Vorpommern hat ein tierisches Alleinstellungsmerkmal – sogar ein doppeltes. Denn zum Mecklenburger Stier gesellt sich der pommersche Greif. Die Greifen nannte sich das dortige Herzoghaus. Die Idee dahinter: Wenn der Löwe der König unter den Landtieren ist, dann ist der Adler der Herrscher der Lüfte. Was lag also näher, als beide Machtansprüche zu kombinieren: Kopf und Vorderfüße sowie Flügel vom Adler, Ohren, Hinterleib und Schwanz vom Löwen. Ein Wolpertinger des Größenwahns?

Der Greif stammt nicht etwa aus Greifswald, sondern geisterte schon durch das pharaonische Ägypten lange vor unserer Zeitrechnung. Offenbar kein nachhaltiges Konzept, denn unter diesem Zeichen sind die Pharaonen ebenso wie Pommerns Herzöge von der Bildfläche verschwunden.

Dagegen tritt der Mecklenburger Stier bescheidener auf, nicht als wachmachender „Red Bull“, sondern als Black Bull mit Scharlach-Zunge. Aber ist das überhaupt ein Stier?

Seit dem Mittelalter hat sich für das Wappentier der Mecklenburger die Bezeichnung „Ossenkopp“ eingebürgert. Bald wurden auch die Mecklenburger selbst als Ossenköppe bezeichnet. Das passte zur sprichwörtlich sturen Dickschädeligkeit eines Volksstamms, der wie der Ochse lange unter dem Joch – allerdings dem der Ritterschaft – dienen musste. Doch schon vor über 300 Jahren schrieb der Barockprediger Abraham a Sancta Clara: „Wir Teutschen pflegen einen ungelehrten menschen … einen ochsenkopf zu nennen.“1 Der Ochs vorm Berge und der Hornochse begleiten uns bis heute als Symbole der Begriffsstutzigkeit.

Der Mecklenburger Ochse war auch Zeichen mangelnden Respekts gegenüber gutbürgerlichen Tischsitten. „Das Mecklenburgische Wappen machen“, bedeutete dann, ungebührlich den Kopf auf die Ellenbogen zu stützen. So lässt Uwe Johnson in den „Jahrestagen“ seine Romanheldin Gesine Cresspahl über ihre Tochter schreiben: „Sie sitzt am Tisch mit den Händen an den Schläfen, so dass sie das mecklenburgische Wappen macht, deinen Ossenkopp.“2

Wie viel Masochismus brauchte es, sich selbst – gar als Fürst – unter das Emblem eines Ochsen zu stellen?

Stier oder Ochse – was macht den Unterschied? Zu lokalisieren ist er zwischen den Hinterbeinen. Der eine ist ein sexueller Kraftprotz, der andere um seine Hoden gebracht. Der männliche Jungbulle findet heute meist schnell den Weg in die Fleischtheke, nur wenige werden noch als Mastochsen für das höherwertige, weil besser marmorierte Fleisch gehalten. Früher war das ganz anders.

Die Entfernung der Hoden machte aus dem gefährlichen Testosteronbullen den leicht zu bedienenden Trecker der Vormoderne. Jahrtausende, und vielerorts bis in die Gegenwart, haben Ochsen Pflüge und Karren gezogen. Die Erinnerung daran findet sich heute noch zum Beispiel im „Ochsenweg“, sozusagen dem Autobahnvorläufer von Dänemark nach Hamburg, der dort im Stadtteil Ochsenzoll endete. Ochsenzoll ist allerdings in Hamburg ein Synonym für Psychiatrie, seit dort im 19. Jahrhundert eine sogenannte Irrenanstalt geschaffen wurde. Gelehrsamkeit dagegen hat sich im englischen Oxford angesiedelt, ein Zusammenhang, der nicht zwingend ist, wie Ochsenfurt am Main beweist. Zu unterscheiden ist der Ochsenweg von der Ochsentour, die seit circa 250 Jahren nicht von Ochsen, sondern Bürokraten und Militärs zu absolvieren ist. Seit Gründung der SPD im 19. Jahrhundert wird mit der Ochsentour auch deren politischer Nachwuchs gefügig gemacht.

Zumindest die vierbeinigen Ochsen sind ausschließlich zu Fuß unterwegs. In Schwerin jedoch kann das Rindviech jedes Jahr Anfang Mai auch festen Boden verlassen, wenn das Filmkunstfest des Landes stattfindet. Als Hauptpreis wird dann ein fliegender Ochse verliehen – allerdings in Plexiglas. Einen religiösen Zusammenhang sollte man nicht vermuten, selbst wenn der geflügelte Stier als Symbol des Evangelisten Lukas dient.

Man sieht, der Ochse führt eine schillernde Existenz, zumal in früheren Zeiten der Begriff für Rindviecher mit und ohne Hoden gebräuchlich war. Gewachsenes großherzogliches Selbstbewusstsein im 19. Jahrhundert sprach schließlich lieber vom Büffelkopp. Das klang respektabler und ist – wie sich mittlerweile herausstellt – sogar zukunftsweisend. Das hängt mit der Moorstrategie des Landes zusammen. Neuerdings grast nämlich die Feuchtwiesen liebende Büffel-Gattung bubalus hierzulande – ursprünglich Immigranten aus Asien. Schuld sind Greifswalder Moorforscher. Sie verbreiten die Erkenntnis, dass trockengelegte Moore klimaschädlich sind. Und Moore hatte der Nordosten reichlich. Die meisten wurden über Jahrhunderte für Ackerbau und Viehzucht nutzbar gemacht. Nun sollen möglichst viele Moore – nicht aber der „Große Moor“ am Schweriner Regierungssitz – wiedervernässt werden. Schon gedeihen auf dem Darß und bei Wendisch Waren Wasserbüffel auf überschwemmten Wiesen. So steht dem Büffel in der nassen Nische bei uns eine Karriere bevor.