Das Atlantis-Gen - A. G. Riddle - E-Book

Das Atlantis-Gen E-Book

A. G. Riddle

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Beschreibung

Wie wurden wir eigentlich zur Krone der Schöpfung?

Vor 70.000 Jahren stand die Menschheit vor der Auslöschung ... Doch ein unerklärlicher Entwicklungssprung setzte den Homo sapiens an die Spitze der Evolution ... Nach geheimen Erkenntnissen liegt der Schlüssel hierfür im Atlantis-Gen, dem Vermächtnis der atlantischen Hochkultur ... Der mysteriöse Großkonzern Immari ist auf der Suche nach diesem Gen ... Das Ziel: ein neuer Typus Mensch ... Dafür beschwört Immari eine globale Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes herauf ... Nur die Geheimorganisation Clocktower kennt diesen fatalen Plan ... Als in der Antarktis ein Höhlenlabyrinth aus atlantischer Vorzeit gefunden wird, beginnt der Kampf um die Zukunft der Menschheit!

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A. G.

RIDDLE

DASATLANTISGEN

Roman

Aus dem Amerikanischen von Marcel Häußler

WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN

Das Buch

Vor 70000 Jahren stand die Menschheit vor der Auslöschung ... Doch ein unerklärlicher Entwicklungssprung setzte den Homo Sapiens an die Spitze der Evolution ... Nach geheimen Erkenntnissen liegt der Schlüssel hierfür im Atlantis-Gen, dem Vermächtnis der atlantischen Hochkultur ... Der mysteriöse Großkonzern Immari ist auf der Suche nach diesem Gen ... Das Ziel: Ein neuer Typus Mensch ... Dafür beschwört Immari eine globale Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes herauf ... Als in der Antarktis ein Höhlenlabyrinth aus atlantischer Vorzeit gefunden wird, beginnt der Kampf um die Zukunft der Menschheit!

Der Autor

A. G. Riddle wuchs in North Carolina auf. Zehn Jahre lang beschäftigte er sich damit, diverse Internetfirmen zu gründen und zu leiten, bevor er sich aus dem Geschäft zurückzog. Seitdem widmet Riddle sich seiner wahren Leidenschaft: dem Schreiben. Seine Atlantis-Trilogie ist in Amerika schon jetzt ein Phänomen. Riddle lebt in Parkland, Florida.

Die amerikanische Originalausgabe THE ATLANTIS GENE (THE ORIGIN MYSTERY, BOOK ONE) erschien2013bei Modern Mythology

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen. Vollständige deutsche Erstausgabe 07/2015

Copyright © 2013 by A. G. Riddle

Published in agreement with the author, c/o Danny Baror International Inc,

Armonk, New York, USA

Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Redaktion: Sven-Eric Wehmeyer

Umschlagillustration: Johannes Wiebel/punchdesign, München,

unter Verwendung von Motiven von

shutterstock.com (Tyler Olson; Andreas Meyer)

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-15408-0V002

www.heyne.de

Dieser Roman ist frei erfunden,

Für Anna

PROLOG

Forschungsschiff Icefall

Atlantischer Ozean

88 Seemeilen vor der antarktischen Küste

Karl Selig stützte sich auf die Reling und spähte durch seinen Feldstecher auf den gewaltigen Eisberg. Ein weiteres Eisstück brach ab, fiel in die Tiefe und gab den Blick auf das lange schwarze Objekt frei. Es sah fast aus wie … ein U-Boot. Doch das war unmöglich.

»Hey, Steve, sieh dir das mal an.«

Steve Cooper, Karls ehemaliger Kommilitone, verzurrte eine Boje und kam zur anderen Seite des Boots herüber. Er nahm das Fernglas, schwenkte es kurz und hielt inne. »Wow. Was ist das? Ein U-Boot?«

»Könnte sein.«

»Und darunter?«

Karl schnappte sich den Feldstecher. »Darunter …« Er richtete die Linsen auf den Bereich unter dem U-Boot. Dort war noch etwas anderes. Das U-Boot, falls es sich um ein solches handelte, ragte aus einem viel größeren metallischen Gebilde heraus. Im Gegensatz zu dem U-Boot reflektierte das graue Material darunter nicht das Licht; es sah aus wie die Wellen, die am Horizont über einer heißen Landstraße oder einer weiten Wüste schimmerten. Doch es war nicht warm, jedenfalls brachte es das umgebende Eis nicht zum Schmelzen. Unmittelbar darüber konnte Karl eine deutsche Aufschrift auf dem U-Boot erkennen: U-977 und Kriegsmarine. Ein Nazi-U-Boot, das aus … irgendeinem Objekt herausragte.

Karl ließ das Fernglas sinken. »Weck Naomi, und mach das Boot zum Anlegen klar. Wir sehen uns das aus der Nähe an.«

Steve lief unter Deck, und Karl hörte, wie er Naomi in einer der beiden Kabinen des kleinen Boots weckte. Karls Sponsorenfirma hatte darauf bestanden, dass er Naomi mitnahm. In dem betreffenden Meeting hatte Karl nur genickt und gehofft, sie werde ihm nicht im Weg herumstehen. Er war nicht enttäuscht worden. Als sie vor fünf Wochen in Kapstadt in See gestochen waren, hatte Naomi zwei Garnituren Kleidung zum Wechseln, drei Liebesromane und genug Wodka, um eine russische Armee auszuschalten, mit an Bord gebracht. Seitdem hatten sie sie kaum gesehen. Es muss hier draußen so langweilig für sie sein, dachte Karl. Für ihn hingegen war es die Chance seines Lebens.

Karl hob den Feldstecher und musterte erneut den gewaltigen Eisbrocken, der sich vor knapp einem Monat von der Antarktis gelöst hatte. Fast neunzig Prozent des Eisbergs lagen unter Wasser, doch die Oberfläche erstreckte sich trotzdem über hundertzwanzig Quadratkilometer und war somit fast anderthalb mal so groß wie Manhattan.

Karls Doktorarbeit befasste sich mit der Frage, wie frisch gekalbte Eisberge während ihres Schmelzprozesses die globalen Meeresströmungen beeinflussten. In den letzten vier Wochen hatten Steve und er rund um den Eisberg Hightech-Bojen ausgesetzt, die sowohl die Meerestemperatur und das Verhältnis von Salz- zu Süßwasser maßen als auch gelegentliche Sonaraufnahmen von der sich verändernden Gestalt des Eisbergs erstellten. Das Ziel war, mehr darüber zu erfahren, wie Eisberge sich auflösten, nachdem sie die Antarktis verlassen hatten. Die Antarktis enthielt neunzig Prozent des Eises der Erde, und wenn es in den nächsten Jahrhunderten abschmolz, würde das die Welt dramatisch verändern. Er hoffte, seine Forschungen würden zum genaueren Verständnis dieses Vorgangs beitragen.

Karl hatte Steve angerufen, sobald er erfuhr, dass sein Projekt finanziert wurde. »Du musst mitkommen – nein, glaub mir.« Steve stimmte zögerlich zu, und zu Karls Freude lebte sein alter Freund auf der Expedition auf, während sie tagsüber Daten sammelten und abends die vorläufigen Ergebnisse besprachen. Vor der Reise war Steve so teilnahmslos durch seine akademische Laufbahn getrieben wie der Eisberg, dem sie folgten, durch das Meer. Immer wieder hatte er das Thema seiner Doktorarbeit geändert. Karl und seine anderen Freunde hatten sich schon gefragt, ob er seine Promotion ganz aufgeben würde.

Ihre Messungen hatten faszinierende Daten geliefert, doch nun hatten sie etwas ganz anderes entdeckt, etwas Außergewöhnliches. Es würde Schlagzeilen machen. Aber wie würden sie lauten? »Nazi-U-Boot in der Antarktis gefunden«? Es war nicht ausgeschlossen.

Karl wusste, dass die Nationalsozialisten von der Antarktis besessen gewesen waren. Sie hatten 1938 und 1939 Expeditionen durchgeführt und sogar einen Teil des Kontinents zum deutschen Hoheitsgebiet ernannt – Neuschwabenland. Mehrere U-Boote der Nationalsozialisten waren nach dem Zweiten Weltkrieg verschollen geblieben, ohne dass man von ihrem Untergang wüsste. Die Verschwörungstheoretiker behaupteten, ein U-Boot habe kurz vor dem Sturz des Dritten Reichs Deutschland verlassen und die hochrangigsten Nazis sowie den gesamten Staatsschatz einschließlich unbezahlbarer erbeuteter Kunstwerke und streng geheimer Technologie außer Landes gebracht.

In Karls Hinterkopf tauchte ein neuer Gedanke auf: Finderlohn. Falls in dem U-Boot ein Nazi-Schatz war, wäre er einen Haufen Geld wert. Er müsste sich nie mehr Gedanken um die Finanzierung seiner Forschung machen.

Aber jetzt mussten sie erst einmal mit dem Boot am Eisberg anlegen. Die See war rau, und sie benötigten drei Versuche, doch schließlich gelang es ihnen, in einigen Kilometern Entfernung von dem U-Boot und dem seltsamen Objekt darunter festzumachen.

Karl und Steve packten sich warm ein und legten ihre Kletterausrüstung an. Karl gab Naomi einige einfache Anweisungen, die sich im Wesentlichen mit »Rühr nichts an« zusammenfassen ließen; dann stiegen Steve und er auf die Eisfläche und machten sich auf den Weg.

Während der nächsten fünfundvierzig Minuten stapften die beiden Männer schweigend durch die Eiswüste. Im Inneren war die Landschaft zerklüfteter, und ihre Schritte verlangsamten sich. Steves stärker als Karls.

»Wir müssen Gas geben, Steve.«

Steve versuchte mitzuhalten. »Sorry. Der Monat auf dem Boot hat mich aus der Form gebracht.«

Karl blickte zur Sonne auf. Wenn sie unterging, fiel die Temperatur schlagartig, und sie würden wahrscheinlich erfrieren. Die Tage waren lang hier. Die Sonne ging um 2:30 Uhr auf und um 22:00 Uhr unter, doch ihnen blieben nur wenige Stunden. Karl erhöhte das Tempo noch ein wenig.

Hinter sich hörte er Steve in seinen Schneeschuhen über das Eis schlurfen, der verzweifelt versuchte, zu ihm aufzuschließen. Plötzlich stiegen seltsame Geräusche vom Eis auf: zuerst ein tiefes Dröhnen, dann ein schnelles Hämmern, als bearbeiteten Tausende von Spechten das Eis. Karl blieb stehen und lauschte. Er drehte sich zu Steve um, und als sich ihre Blicke trafen, breitete sich im Eis unter Steves Füßen schlagartig ein Spinnennetz von winzigen Rissen aus. Steve sah entsetzt zu Boden und rannte dann, so schnell er konnte, auf Karl und das unversehrte Eis zu.

Auf Karl wirkte die Szene unwirklich und wie in Zeitlupe. Er lief seinem Freund entgegen und warf ihm ein Seil von seinem Gürtel zu. Steve fing es einen Sekundenbruchteil bevor ein lauter Knall die Luft erschütterte und das Eis unter ihm einbrach und eine riesige Spalte bildete.

Sofort straffte sich das Seil, sodass Karl von den Beinen gerissen wurde, bäuchlings auf dem Eis landete und mit in die Eisschlucht gerissen zu werden drohte. Er versuchte, auf die Füße zu kommen, doch der Zug des Seils war zu stark. Er öffnete die Hände und ließ es durch die Finger gleiten, um seine Vorwärtsbewegung zu bremsen. So schaffte er es, die Füße nach vorn zu bringen. Die Steigeisen unter seinen Stiefeln bohrten sich ins Eis, und Splitter flogen ihm ins Gesicht, während er allmählich zum Stillstand kam. Als er das Seil wieder fester packte, spannte es sich über der Kante und gab ein vibrierendes Geräusch von sich, fast wie ein tiefer Geigenton.

»Steve! Halt durch! Ich zieh dich hoch …«

»Nein!«, schrie Steve.

»Was? Bist du verrückt …«

»Hier unten ist was. Lass mich runter, langsam.«

Karl überlegte einen Moment lang. »Was denn?«

»Sieht aus wie ein Tunnel oder eine Höhle. Innen ist graues Metall. Ich kann’s nur undeutlich erkennen.«

»Okay, warte. Ich geb dir ein bisschen Seil.« Karl ließ drei Meter Seil durch seine Hände gleiten, und als er von Steve nichts hörte, gab er ihm weitere drei Meter.

»Stopp«, rief Steve.

Karl spürte, wie das Seil ruckte. Schwang Steve dort unten hin und her? Das Seil wurde schlaff.

»Ich bin drin«, sagte Steve.

»Was ist da?«

»Weiß nicht genau.« Steves Stimme klang jetzt gedämpft.

Karl kroch zur Kante vor und blickte hinab.

Steve streckte den Kopf aus der Höhle. »Ich glaube, es ist eine Art Kathedrale. Es ist gigantisch. Da sind Inschriften an den Wänden. Symbole – solche habe ich noch nie gesehen. Das muss ich genauer untersuchen.«

»Steve, nicht …«

Steve verschwand. Einige Minuten verstrichen. War da eine erneute Erschütterung? Karl horchte. Er konnte es nicht hören, aber er spürte es. Das Eis pulsierte nun schneller. Er stand auf und trat einen Schritt von der Kante zurück. Das Eis hinter ihm brach, und dann waren auf einmal überall Risse, die sich schnell ausbreiteten. Er rannte in vollem Tempo auf den sich vergrößernden Spalt zu. Dann sprang er – und schaffte es fast bis zur anderen Seite. Er klammerte sich an die Eiskante und baumelte dort einen langen Augenblick. Mit jeder Sekunde wurde das Vibrieren des Eises heftiger. Karl sah, wie das Eis um ihn herum bröckelte und in die Tiefe fiel, dann brach die Platte, an der er hing, und er stürzte in den Abgrund.

Auf dem Boot beobachtete Naomi, wie die Sonne hinter dem Eisberg versank. Sie nahm das Satellitentelefon und wählte die Nummer, die der Mann ihr gegeben hatte.

»Ich sollte anrufen, wenn wir was Interessantes finden.«

»Sagen Sie nichts. Bleiben Sie dran. In zwei Minuten haben wir Sie geortet. Wir kommen zu Ihnen.«

Sie stellte das Telefon auf die Arbeitsfläche, ging zurück zum Herd und rührte weiter in dem Topf mit den Bohnen.

Der Mann am anderen Ende der Leitung sah auf, als die GPS-Koordinaten auf dem Bildschirm aufleuchteten. Er kopierte die Angaben und suchte in der Datenbank der Überwachungssatelliten nach einer Live-Quelle. Ein Treffer.

Er öffnete den Stream und schwenkte auf die Mitte des Eisbergs, wo sich die schwarzen Punkte befanden. Mehrmals zoomte er heran, und als das Bild scharf wurde, ließ er seine Kaffeetasse auf den Boden fallen, stürmte aus dem Zimmer und rannte über den Flur zum Büro des Direktors. Er platzte einfach hinein und unterbrach den grauhaarigen Mann, der im Zimmer stand und redete und mit beiden Händen gestikulierte.

»Wir haben es gefunden.«

TEIL I

JAKARTA UNTER BESCHUSS

1

Autismusforschungszentrum (AFZ)

Jakarta, Indonesien

Gegenwart

Dr. Kate Warner wachte mit einem schrecklichen Gefühl auf: Es war jemand im Zimmer. Sie wollte die Augen aufschlagen, doch es gelang ihr nicht. Sie fühlte sich benommen, fast als hätte man sie unter Drogen gesetzt. Die Luft roch faulig … wie unter der Erde. Sie drehte sich halb um, und ein Schmerz durchfuhr sie. Das Bett war hart – ein Sofa vielleicht, jedenfalls nicht das Bett in ihrer Eigentumswohnung im neunzehnten Stock im Zentrum von Jakarta. Wo bin ich?

Sie hörte einen weiteren leisen Schritt, als ginge jemand mit Turnschuhen über einen Teppich. »Kate«, flüsterte ein Mann, um festzustellen, ob sie wach war.

Kate gelang es, die Augen einen Spalt weit zu öffnen. Über ihr drang schwaches Sonnenlicht durch die Metalljalousien vor den niedrigen breiten Fenstern. In der Ecke blinkte alle paar Sekunden eine Lampe auf und beleuchtete den Raum wie der Blitz einer Kamera, die permanent Fotos schoss.

Sie atmete tief durch und setzte sich mit einem Ruck auf, sodass sie den Mann sehen konnte. Er sprang zurück und ließ etwas fallen, das klirrend auf dem Boden landete und braune Flüssigkeit verspritzte.

Der Mann war Ben Adelson, ihr Laborassistent. »Mein Gott, Kate. Entschuldigung. Ich dachte … wenn du wach bist, könntest du vielleicht einen Kaffee gebrauchen.« Er bückte sich, um die Scherben aufzusammeln, und nachdem er Kate genauer betrachtet hatte, sagte er: »Nimm’s mir nicht übel, aber du siehst furchtbar aus.« Er warf ihr einen durchdringenden Blick zu. »Sag mir bitte, was los ist.«

Kate rieb sich die Augen, und ihre Verwirrung ließ nach, als sie begriff, wo sie war. Sie hatte fast die ganze Woche Tag und Nacht im Labor gearbeitet, nahezu ununterbrochen, seit sie den Anruf ihres Forschungssponsors erhalten hatte: Wir brauchen Ergebnisse, irgendwelche Ergebnisse, sonst wird die Finanzierung gestrichen. Keine Ausreden dieses Mal. Sie hatte ihren Mitarbeitern nichts von der Autismusstudie erzählt. Es gab keinen Grund, sie zu beunruhigen. Entweder erzielte sie Ergebnisse, dann ging es weiter, oder sie erzielte keine, dann fuhren sie nach Hause. »Kaffee wäre nicht schlecht, Ben. Danke.«

Der Mann stieg aus dem Lieferwagen und zog die schwarze Gesichtsmaske herunter. »Nimm drinnen dein Messer. Schüsse erregen zu viel Aufmerksamkeit.«

Seine Assistentin nickte und stülpte sich ebenfalls eine Maske über das Gesicht.

Der Mann streckte seine behandschuhte Hand nach der Tür aus, aber dann zögerte er. »Bist du sicher, dass der Alarm ausgeschaltet ist?«

»Ja. Also, ich habe die Leitung nach draußen durchgeschnitten, aber innen geht er wahrscheinlich an.«

»Was?« Er schüttelte den Kopf. »Verdammt – vielleicht melden sie es gerade schon. Wir müssen uns beeilen.«

Auf dem Schild über der Tür stand:

Autismusforschungszentrum

Personaleingang

Ben kehrte mit einer frischen Tasse Kaffee zurück, und Kate bedankte sich. Er ließ sich auf einen Stuhl auf der anderen Seite ihres Schreibtischs fallen. »Du arbeitest dich noch zu Tode. Ich weiß, dass du die letzten vier Nächte hier geschlafen hast. Und diese Geheimnistuerei, dass du alle anderen aus dem Labor aussperrst, deine Aufzeichnungen versteckst, nicht über ARC-247 sprichst. Ich bin nicht der Einzige, der sich Sorgen macht.«

Kate schlürfte ihren Kaffee. Jakarta war ein schwieriger Ort, um eine klinische Studie durchzuführen, aber es hatte auch seine Vorteile, auf der Insel Java zu arbeiten. Einer davon war der Kaffee.

Sie konnte Ben nicht sagen, was sie im Labor tat, zumindest noch nicht. Vielleicht führte es zu nichts, und höchstwahrscheinlich würden sie ohnehin alle ihre Arbeit verlieren. Wenn sie ihn einweihte, machte sie ihn nur zum Komplizen bei einem möglichen Verbrechen.

Kate deutete mit dem Kopf auf die blinkende Lampe in der Ecke. »Was ist das für ein Licht?«

Ben warf einen Blick über die Schulter. »Weiß nicht genau. Ein Alarm, glaube ich.«

»Feuer?«

»Nein. Auf dem Weg hierher hab ich eine Runde gedreht, es brennt nirgendwo. Ich wollte gerade einen gründlichen Kontrollgang machen, da habe ich gesehen, dass deine Tür einen Spalt offen steht.« Ben griff in einen der zahlreichen Kartons, die in Kates Büro herumstanden. Er blätterte durch einige gerahmte Diplome. »Warum hängst du die nicht auf?«

»Ich wüsste nicht, wozu.« Die Urkunden an die Wand zu hängen widersprach Kates Charakter, und selbst wenn sie es täte, wen sollte sie damit beeindrucken? Kate war die einzige Medizinerin bei der Studie, und sämtliche Assistenten kannten ihren Lebenslauf. Besuch bekam sie nicht; die einzigen anderen Leute, die ihr Büro sahen, waren die gut zwanzig Angestellten, die sich um die Kinder in der Autismusstudie kümmerten. Das Personal würde wahrscheinlich glauben, Stanford und Johns Hopkins wären Menschen, verstorbene Verwandte vielleicht, und die Diplome ihre Geburtsurkunden.

»Ich würde die Urkunde aufhängen, wenn ich einen Doktor in Medizin von der Johns Hopkins University hätte.« Ben legte das Dokument vorsichtig zurück in den Karton und wühlte weiter darin herum.

Kate kippte den letzten Schluck Kaffee hinunter. »Ja?« Sie streckte ihm die Tasse entgegen. »Ich tausche den Doktortitel gegen einen weiteren Kaffee.«

»Heißt das, ich darf dich jetzt rumkommandieren?«

»Träum weiter«, sagte Kate, während Ben den Raum verließ. Sie stand auf und drehte an dem Plastikstab, mit dem man die Jalousien verstellen konnte, bis vor dem Fenster der Maschendrahtzaun zu sehen war, der das Gebäude umgab, und dahinter die überfüllten Straßen Jakartas. Der morgendliche Pendlerverkehr war in vollem Gange. Busse und Autos krochen über die Straße, während Motorräder durch die engen Lücken dazwischen schossen. Radfahrer und Fußgänger bevölkerten jeden Quadratzentimeter der Gehwege. Und sie hatte gedacht, der Verkehr in San Francisco sei schlimm.

Doch es lag nicht nur am Verkehr; sie fühlte sich in Jakarta noch immer fremd. Es war nicht ihr Zuhause. Vielleicht würde es das niemals sein. Vor vier Jahren wäre Kate an jeden Ort der Welt gezogen, Hauptsache weg aus San Francisco. Martin Grey, ihr Stiefvater, hatte gesagt: »Jakarta ist ein guter Ort, um deine Forschungen fortzusetzen … und … um noch mal von vorn anzufangen.« Er hatte auch gemurmelt, dass die Zeit alle Wunden heile. Aber jetzt lief ihr die Zeit davon.

Sie wandte sich wieder dem Schreibtisch zu und begann, ein paar Fotos aufzuräumen, die Ben mit den Urkunden herausgeholt hatte. Bei dem verblichenen Bild eines Tanzsaals mit Parkettboden zögerte sie. Wie war es zwischen ihre Arbeitssachen gekommen? Es war das einzige Foto, das sie von ihrer Kindheit in West-Berlin besaß, als sie in der Nähe der Tiergartenstraße gewohnt hatten. Kate hatte nur noch ein undeutliches Bild des stattlichen dreigeschossigen Hauses vor Augen. In ihrer Erinnerung fühlte es sich eher wie eine ausländische Botschaft oder ein Anwesen aus einer anderen Zeit an. Ein Schloss. Ein verlassenes Schloss. Kates Mutter war bei ihrer Geburt gestorben, und ihr Vater war zwar liebevoll gewesen, jedoch nur selten anwesend. Kate versuchte vergeblich, sich ihn vor Augen zu rufen. Es gab nur eine vage Erinnerung an einen kalten Dezembertag, an dem er sie auf einen Spaziergang mitgenommen hatte. Sie wusste noch genau, wie winzig sich ihre Hand in seiner angefühlt hatte und wie behütet sie sich vorgekommen war. Sie waren die Tiergartenstraße bis zur Berliner Mauer entlanggegangen. Es war eine düstere Szene: Familien legten Kränze und Bilder ab und beteten, dass die Mauer fiele und sie mit ihren Liebsten wiedervereint würden. Die übrigen Erinnerungen bestanden nur aus Bruchstücken, in denen ihr Vater sie verließ und wiederkehrte, jedes Mal mit einem kleinen Andenken von einem weit entfernten Ort. Das Hauspersonal war so gut wie möglich für ihn eingesprungen. Es war fürsorglich gewesen, wenn auch ein wenig kühl. Wie hatte noch mal die Haushälterin geheißen? Oder die Privatlehrerin, die mit ihr und dem ganzen Krempel im obersten Stockwerk wohnte? Sie hatte Kate Deutsch beigebracht. Kate konnte es immer noch sprechen, aber den Namen der Frau hatte sie vergessen.

So ungefähr die einzige klare Erinnerung aus ihren ersten sechs Lebensjahren war der Abend, als Martin in ihren Tanzsaal kam, die Musik ausschaltete und ihr mitteilte, dass ihr Vater nicht nach Hause komme – nie mehr – und sie ab jetzt bei ihm wohnen werde.

Sie wünschte, sie könnte diese Erinnerung löschen und die folgenden dreizehn Jahre gleich mit. Sie war mit Martin nach Amerika gezogen, doch er war von einer Expedition zur nächsten geeilt und hatte sie in immer neue Internate geschickt, sodass die Städte in ihrem Kopf miteinander verflossen. Nirgendwo hatte sie sich zu Hause gefühlt.

Ihr Forschungslabor kam einem echten Zuhause noch am nächsten. Jede wache Stunde verbrachte sie dort. Nach den Ereignissen in San Francisco hatte sie sich in ihre Arbeit gestürzt, und was als Abwehrmechanismus oder Überlebensstrategie begonnen hatte, war zum Alltag geworden, zu ihrem Lebensstil. Das Forschungsteam war ihre Familie, und die Teilnehmer waren ihre Kinder.

Und das alles stand nun auf dem Spiel.

Sie musste sich konzentrieren. Und sie brauchte mehr Kaffee. Sie schob die Fotos vom Schreibtisch in den Karton darunter. Wo blieb Ben?

Kate trat in den Flur und ging zur Kaffeeküche. Leer. Sie sah in die Kaffeekanne. Leer. Auch hier blinkte eine Alarmleuchte.

Etwas stimmte nicht. »Ben?«, rief sie.

Die anderen Mitarbeiter würden erst Stunden später eintreffen. Sie kamen zu merkwürdigen Zeiten, doch sie leisteten gute Arbeit. Die Arbeit war Kate wichtiger.

Sie wagte sich in den Forschungstrakt, der aus einer Reihe von Lagerräumen und Büros bestand, die um ein Reinraumlabor angeordnet waren, in dem Kate und ihr Team Retroviren für eine Gentherapie gegen Autismus entwickelten. Sie spähte durch die Scheiben. Ben war nicht im Labor.

Das Gebäude war unheimlich um diese frühe Uhrzeit. Es war leer, still und weder richtig dunkel noch hell. Durch die Fenster in den Räumen zu beiden Seiten fielen gebündelte Sonnenstrahlen in den Flur, wie Suchscheinwerfer, die nach Spuren von Leben fahndeten.

Kates Schritte hallten laut von den Wänden wider, als sie durch den ausgedehnten Forschungstrakt streifte, einen Blick in jedes Zimmer warf und die Augen zusammenkniff, um im grellen Licht der Jakarta-Sonne etwas zu erkennen. Alles leer. Es blieb nur noch der Wohntrakt – die Schlafräume, Küchen und Betreuungseinrichtungen für die ungefähr einhundert autistischen Kinder, die an der Studie teilnahmen.

In der Ferne hörte Kate andere, schnellere Schritte – jemand rannte. Sie ging zügig darauf zu, und als sie um eine Ecke bog, packte Ben sie am Arm. »Kate! Komm mit, schnell.«

2

Bahnhof Manggarai

Jakarta, Indonesien

David Vale zog sich in den Schatten des Fahrkartenschalters zurück. Er beobachtete den Mann, der am Zeitungsstand die New York Times kaufte. Der Mann bezahlte und ging am Mülleimer vorbei, ohne die Zeitung hineinzuwerfen. Nicht der Informant.

Hinter dem Zeitungsstand kroch ein Pendlerzug in den Bahnhof. Er war mit indonesischen Arbeitern vollgepackt, die aus den Orten in der Umgebung in die Hauptstadt kamen. Aus sämtlichen Schiebetüren hingen Fahrgäste heraus, vor allem Männer mittleren Alters. Auf dem Dach des Zuges hockten und lagen Jugendliche und junge Erwachsene, die Zeitung lasen, mit ihren Smartphones spielten oder sich unterhielten. Der überfüllte Pendlerzug war ein Symbol für Jakarta selbst, eine Stadt, die aus allen Nähten platzte und deren wachsende Bevölkerung um den Anschluss an die Moderne kämpfte. Der öffentliche Transport war nur das sichtbarste Zeichen der Bemühungen, den achtundzwanzig Millionen Menschen in der Metropolregion gerecht zu werden.

Jetzt stürzten die Pendler aus dem Zug und schwärmten durch den Bahnhof wie Schnäppchenjäger in der Vorweihnachtszeit durch die Einkaufszentren der USA. Es herrschte Chaos. Die Arbeiter stießen und schoben und brüllten sich an, während sie zu den Ausgängen rannten, durch die andere sich in den Bahnhof hineinzudrängen versuchten. Dieser Vorgang wiederholte sich hier und an anderen Pendlerbahnhöfen der Stadt jeden Tag. Es war der perfekte Ort für ein Treffen.

David ließ den Zeitungsstand nicht aus den Augen. Sein Ohrhörer knisterte. »Uhrenladen an Sammler. Zur Information: Wir sind zwanzig Minuten über der Zeit.«

Der Informant kam zu spät. Das Team wurde nervös. Die unausgesprochene Frage lautete: Sollen wir abbrechen?

David hob sein Handy an den Mund. »Verstanden, Uhrenladen. Händler, Vermittler, bitte kommen.«

Von seinem Standpunkt aus konnte David die beiden anderen Agenten sehen. Einer saß auf einer Bank inmitten der geschäftigen Menge. Der andere Mann reparierte eine Lampe vor den Toiletten. Beide meldeten, dass sie den anonymen Informanten, einen Mann, der behauptete, Hinweise auf einen bevorstehenden Terroranschlag mit dem Codenamen Toba-Protokoll zu haben, nicht gesichtet hatten.

Die Agenten waren gut, zwei der besten aus der Niederlassung in Jakarta; David konnte sie in der Menge kaum ausmachen. Als er den Rest des Bahnhofs inspizierte, beunruhigte ihn irgendetwas.

Der Ohrhörer knisterte erneut. Es war Howard Keegan, der Direktor von Clocktower, der Terrorabwehrorganisation, für die David arbeitete. »Gutachter an Sammler, dem Verkäufer scheint der Markt heute nicht zu gefallen.«

David war der Chef der Niederlassung in Jakarta und Keegan sein Vorgesetzter und Mentor. Der ältere Mann wollte David offensichtlich nicht auf die Füße treten, indem er die Operation abbrach, doch die Botschaft war eindeutig. Keegan war extra aus London angereist, weil er auf einen Durchbruch hoffte. Es war ein großes Risiko angesichts der anderen laufenden Clocktower-Operation.

»Zustimmung«, sagte David. »Brechen wir ab.«

Die beiden Agenten räumten unauffällig ihre Stellungen und verschmolzen mit der Menge der vorbeihastenden Indonesier.

David warf einen letzten Blick zum Zeitungsstand. Ein großer Mann in rotem Anorak bezahlte etwas. Eine Zeitung. Die New York Times.

»Händler und Vermittler, bereithalten. Ein Käufer sieht sich die Waren an«, sagte David.

Der Mann trat zurück, hielt die Zeitung hoch und blieb einen Augenblick lang stehen, um die Schlagzeilen zu lesen. Ohne sich umzusehen, faltete er die Zeitung zusammen, warf sie in den Mülleimer und ging schnell auf den vollen Zug zu, der aus dem Bahnhof ausfuhr.

»Unser Informant. Ich folge ihm.« David schwirrte der Kopf, als er aus dem Schatten in die Menschenmenge stürmte. Warum kam der Mann zu spät? Und sein Aussehen – irgendwas stimmte damit nicht. Der offene Anorak, die Körperhaltung, die an einen Soldaten oder Agenten erinnerte, sein Gang.

Der Mann zwängte sich in den Zug und begann, sich durch die dichte Menge von stehenden Männern und sitzenden Frauen zu schlängeln. Er war größer als fast alle anderen im Zug, und David konnte seinen Kopf sehen. David quetschte sich in den Zug und zögerte. Warum lief der Kontaktmann davon? Hatte er etwas gesehen? Etwas, das ihm Angst einjagte? Und dann geschah es. Der Mann drehte sich um und sah David an. Der Ausdruck in seinen Augen sagte alles.

David wirbelte herum und stieß die vier Männer, die in der Tür standen, hinaus auf den Bahnsteig. Hastig schob er sie weg, während andere Pendler sich in die entstandene Lücke drängten. David wollte ihnen noch eine Warnung zurufen, da zerriss die Explosion den Zug, und Glassplitter und Metallstücke regneten auf den Bahnsteig. Die Druckwelle warf David auf den Betonboden, wo er zwischen anderen Menschen eingeklemmt wurde, manche tot, andere sich windend vor Schmerz. Schreie erfüllten die Luft. Durch den Rauch schwebten Asche und Schutt herab wie fallender Schnee. David konnte seine Arme und Beine nicht bewegen. Sein Kopf rollte nach hinten, und er verlor beinahe das Bewusstsein.

Einen Moment lang war er wieder in New York und rannte, um sich vor dem einstürzenden Gebäude in Sicherheit zu bringen, doch die Trümmer begruben ihn unter sich, und er war zum Abwarten verdammt. Hände an unsichtbaren Armen packten ihn und zogen ihn ins Freie. »Wir bringen dich in Sicherheit«, sagte jemand. Als das Sonnenlicht auf sein Gesicht fiel, sah er die Fahrzeuge der New Yorker Polizei und Feuerwehr, die mit heulenden Sirenen dastanden.

Doch dieses Mal kam kein Rettungswagen. Vor dem Bahnhof wartete ein schwarzer Lieferwagen. Und die Männer waren nicht von der Feuerwehr. Es waren die Agenten Händler und Vermittler. Sie hievten David in den Lieferwagen und rasten davon, während Polizisten und Feuerwehrtrupps die Straßen von Jakarta füllten.

3

Autismusforschungszentrum (AFZ)

Jakarta, Indonesien

In Spielzimmer vier herrschte munteres Treiben. Die Szene war typisch: Überall lag Spielzeug verstreut, ein Dutzend Kinder war im ganzen Raum verteilt, und jedes spielte für sich. In einer Ecke saß ein achtjähriger Junge namens Adi und wippte vor und zurück, während er ohne Mühe einen Knobelwürfel zusammensteckte. Als er den letzten Klotz einfügte, blickte er mit einem stolzen Lächeln zu Ben auf.

Kate konnte es kaum glauben. Der Junge hatte soeben ein Puzzlespiel gelöst, mit dem ihr Forschungsteam Savants identifizierte – Autisten mit besonderen kognitiven Fähigkeiten. Für den Würfel benötigte man einen IQ zwischen 140 und 180. Kate konnte ihn nicht lösen, und nur ein Kind aus der Studiengruppe hatte es bisher geschafft – Satya.

Kate beobachtete, wie Adi den Würfel schnell wieder zerlegte und erneut zusammensetzte. Dann stand er auf und setzte sich neben Surya, einen siebenjährigen Jungen, auf die Bank. Surya nahm sich das Spiel und setzte es mit ebensolcher Leichtigkeit zusammen.

Ben wandte sich zu Kate. »Ist das zu fassen? Glaubst du, sie haben sich gemerkt, wie es geht? Weil sie Satya zugesehen haben?«

»Nein. Oder vielleicht. Aber ich bezweifle es«, sagte Kate. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie brauchte Zeit, um nachzudenken. Sie musste sich sicher sein.

»Das ist es, woran du gearbeitet hast, stimmt’s?«, sagte Ben.

»Ja«, sagte Kate abwesend. Es war unmöglich. Die Wirkung konnte nicht so schnell eintreten. Gestern hatten diese Kinder noch klassische Anzeichen von Autismus gezeigt – wenn es denn solche gab. Zunehmend begriffen Forscher und Ärzte Autismus als ein Spektrum von Störungen, das sich in vielfältigen Symptomen äußerte. Den Kern bildeten eine dysfunktionale Kommunikation und soziale Interaktion. Die meisten betroffenen Kinder vermieden Augenkontakt und zwischenmenschliche Beziehungen, manche reagierten nicht auf ihren Namen, und die schweren Fälle konnten gar keinen Kontakt ertragen. Gestern hätten weder Adi noch Surya den Würfel zusammensetzen, Augenkontakt herstellen oder sich beim Spiel abwechseln können.

Sie musste es Martin mitteilen. Er würde dafür sorgen, dass ihre Finanzierung nicht gestrichen wurde.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Ben aufgeregt.

»Sie in Beobachtungsraum zwei bringen. Ich muss jemanden anrufen.« Kate war hin- und hergerissen zwischen Zweifel, Erschöpfung und Freude. »Und, äh, wir sollten eine Diagnose durchführen. ADI-R. Nein, ADOS 2, das geht schneller. Und lass es uns filmen.« Kate lächelte und packte Ben an der Schulter. Sie wollte etwas Tiefgründiges sagen, etwas, das den Augenblick unterstrich, Worte, die brillante und bald berühmte Wissenschaftler in ihrer Vorstellung im Moment des Durchbruchs sprachen, doch es kam nichts heraus, nur ein müdes Lächeln. Ben nickte und nahm die Kinder an der Hand. Kate öffnete die Tür, und sie traten zu viert in den Flur, wo zwei Menschen auf sie warteten. Nein, keine Menschen – Monster, die von Kopf bis Fuß in militärischer Ausrüstung steckten: Helm und Strumpfmaske, dunkle Schutzbrille, Brustpanzer und schwarze Gummihandschuhe.

Kate und Ben erstarrten, warfen einander einen ungläubigen Blick zu und stellten sich dann schützend vor die Kinder. Kate räusperte sich. »Das ist ein Forschungslabor, wir haben kein Geld hier, aber nehmen Sie die Ausrüstung, nehmen Sie alles mit, was Sie wollen. Wir werden nicht …«

»Maul halten.« Die Stimme des Mannes war rau, als hätte er sein ganzes Leben mit Trinken und Rauchen verbracht. Er wandte sich zu seiner kleineren, schwarz gekleideten Komplizin und sagte: »Nimm sie mit.«

Die Frau trat einen Schritt auf die Kinder zu. Ohne nachzudenken, versperrte Kate ihr den Weg. »Nein. Nehmen Sie alles andere. Nehmen Sie mich stattdessen …«

Der Mann zog eine Pistole und richtete sie auf Kate. »Aus dem Weg, Dr. Warner. Ich will Ihnen nichts tun, aber wenn es sein muss …«

Er kennt meinen Namen.

Aus dem Augenwinkel sah Kate, wie Ben näher kam, um sich zwischen sie und das Monster mit der Pistole zu schieben.

Adi versuchte wegzurennen, doch die Frau hielt ihn am T-Shirt fest.

Ben trat neben Kate, dann vor sie, und gleichzeitig stürzten sie sich auf den Mann mit der Waffe. Als sie ihn zu Boden warfen, löste sich ein Schuss. Kate sah Ben von dem schwarz gekleideten Mann herunterrollen. Überall war Blut.

Sie wollte aufstehen, aber der Mann hielt sie fest. Er war zu stark. Er drückte sie zu Boden, und sie hörte ein lautes Krachen …

4

Clocktower-Safehouse

Jakarta, Indonesien

Dreißig Minuten nach der Explosion im Zug saß David an einem billigen Klapptisch in der konspirativen Wohnung, ließ die Behandlung des Sanitäters über sich ergehen und versuchte, den Sinn des Anschlags zu begreifen.

»Au.« David zuckte zusammen und wich vor dem alkoholgetränkten Tupfer zurück, den der Sanitäter auf sein Gesicht drückte. »Danke, aber lassen Sie uns das später machen. Mir geht’s gut. Nur Fleischwunden.«

Auf der anderen Seite des Raums erhob sich Howard Keegan vor der Reihe von Monitoren und kam zu David. »Es war eine Falle, David.«

»Warum? Das ist doch unlogisch …«

»Nein. Sie müssen sich das hier ansehen. Ich habe es kurz vor der Explosion erhalten.« Keegan reichte ihm ein Blatt Papier.

<<< GEHEIM >>>

<<< CLOCKTOWER >>>

<<< KOMMANDOZENTRALE >>>

Angriff auf Clocktower.

Zweigstellen in Kapstadt und Mar del Plata zerstört.

Karachi, Delhi, Dhaka und Lahore in Gefahr.

Schutzmaßnahmen werden empfohlen.

Antwort erbeten.

<<< ende der nachricht >>>

Keegan steckte das Blatt zurück in die Jackentasche. »Er hat uns über unser Sicherheitsproblem belogen.«

David rieb sich die Schläfen. Es war ein Albtraumszenario. Sein Kopf pochte noch immer von der Explosion. Er musste nachdenken. »Er hat nicht gelogen …«

»Zumindest hat er untertrieben. Wahrscheinlich hat er nur die halbe Wahrheit gesagt, um unsere Kräfte aufzuspalten und uns von dem größeren Angriff auf Clocktower abzulenken.«

»Der Angriff auf Clocktower bedeutet nicht, dass kein Terroranschlag geplant ist. Es könnte der Auftakt sein für …«

»Vielleicht. Aber wir wissen nur, dass Clocktower mit dem Rücken zur Wand steht. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, Ihre Zweigstelle zu sichern. Es ist die größte Operationsbasis in Südostasien. Vielleicht wird Ihr Hauptquartier in diesem Moment angegriffen.« Keegan nahm seine Tasche. »Ich fliege zurück nach London und versuche, die Dinge von dort aus zu koordinieren. Viel Glück, David.«

Sie gaben sich die Hand, und David brachte Keegan aus dem Haus.

Auf der Straße rannte ein Junge mit einem Stapel Zeitungen auf David zu, wedelte mit einer davon durch die Luft und rief: »Haben Sie schon gehört? Anschlag in Jakarta.«

David schob ihn weg, doch der Junge drückte ihm eine zusammengerollte Zeitung in die Hand und flitzte um die nächste Ecke.

David wollte die Zeitung schon wegwerfen, aber … sie war zu schwer. Es war etwas darin eingewickelt. Als er die Zeitung auseinanderrollte, fiel ein etwa dreißig Zentimeter langer Metallzylinder heraus. Eine Rohrbombe.

5

Autismusforschungszentrum (AFZ)

Jakarta, Indonesien

Eddi Kusnadi, der Polizeichef von West-Jakarta, wischte sich den Schweiß von der Stirn, als er den Tatort betrat, irgendein Forschungslabor im Westen der Stadt. Ein Nachbar hatte einen Schuss gemeldet. Es war eine bessere Gegend, in der die Einwohner Verbindungen zur Politik hatten, deshalb musste er der Sache auf den Grund gehen. Offenbar handelte es sich um eine medizinische Einrichtung, aber die Räume sahen fast aus wie in einer Kinderkrippe.

Paku, einer seiner besten Zivilbeamten, winkte ihn in einen Flur im hinteren Gebäudeteil, wo eine bewusstlose Frau und ein toter Mann in seinem eigenen Blut am Boden lagen und zwei Polizisten herumstanden.

»Eine Beziehungstat?«

»Das glauben wir nicht«, sagte Paku.

Im Hintergrund hörte der Polizeichef Kinder weinen. Eine indonesische Frau trat in den Flur und begann sofort zu kreischen, als sie die Leiche sah.

»Bringt die Frau hier raus«, sagte er. Die beiden Polizisten geleiteten sie vor die Tür, und er blieb mit Paku allein zurück. »Wer sind die beiden?«, fragte er ihn.

»Die Frau ist Dr. Katherine Warner.«

»Doktor? Ist das hier ein Krankenhaus?«

»Nein. Eine Forschungseinrichtung. Warner ist die Chefin. Die Frau, die gerade hier war, ist eines der Kindermädchen; sie forschen an behinderten Kindern.«

»Klingt nicht sehr profitabel. Wer ist der Mann?«, fragte der Polizeichef.

»Einer der Labortechniker. Das Kindermädchen hat gesagt, einer der anderen Techniker hätte angeboten, auf die Kinder aufzupassen, deshalb geht sie jetzt nach Hause. Außerdem behauptet sie, zwei Kinder würden fehlen.«

»Ausreißer?«

»Glaubt sie nicht. Sie sagt, das Gebäude sei gesichert.«

»Gibt es Überwachungskameras?«

»Nein. Nur in den Räumen mit den Kindern. Wir überprüfen gerade die Aufzeichnungen.«

Der Polizeichef bückte sich und betrachtete die Frau. Sie war dünn, aber nicht zu dünn. Das gefiel ihm. Er fühlte ihren Puls, dann drehte er ihren Kopf zur Seite, um zu sehen, ob sie Schädelverletzungen hatte. Er bemerkte kleinere Blutergüsse an den Handgelenken, ansonsten schien sie unverletzt. »Was für eine Schweinerei. Finde raus, ob sie Geld hat. Wenn ja, dann bring sie auf die Wache. Wenn nicht, lad sie im Krankenhaus ab.«

6

Forschungskomplex der Immari Corporation

Nahe Burang, China

Autonomes Gebiet Tibet

Der Projektleiter schlenderte in Dr. Shen Changs Büro und warf eine Akte auf den Schreibtisch. »Wir haben eine neue Therapie.«

Dr. Chang nahm die Akte und blätterte durch die Seiten.

Der Projektleiter lief im Büro auf und ab. »Sie ist sehr vielversprechend. Wir beschleunigen die Sache. Ich möchte, dass der Apparat einsatzbereit gemacht wird und die Probanden in den nächsten vier Stunden die Therapie verabreicht bekommen.«

Chang legte die Akte weg und sah auf.

Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch der Projektleiter winkte ab. »Erzählen Sie mir nicht, Sie bräuchten mehr Zeit. Sie hatten genug Zeit. Wir brauchen Ergebnisse. Und jetzt sagen Sie mir, was Sie benötigen.«

Chang sackte auf seinem Stuhl zusammen. »Der letzte Test hat das örtliche Stromnetz überstrapaziert; wir haben unsere hauseigenen Kapazitäten überschritten. Wir glauben, dass wir das Problem gelöst haben, aber der Stromversorger ist wahrscheinlich argwöhnisch geworden. Das größere Problem ist, dass uns die Primaten ausgehen …«

»Wir testen nicht an Primaten. Ich will, dass eine Kohorte von fünfzig Menschen für den Test vorbereitet wird.«

Chang richtete sich auf und sagte mit größerem Nachdruck: »Selbst wenn man die moralischen Aspekte beiseitelässt, wovon ich dringend abrate, bräuchten wir viel mehr Daten für einen Menschenversuch, wir bräuchten …«

»Die haben Sie, Doktor. Es steht alles in der Akte. Und wir bekommen weitere Daten. Aber das ist noch nicht alles. Wir haben zwei Probanden mit dauerhaft aktivierten Atlantis-Genen.«

Changs Augen weiteten sich. »Sie haben … zwei … wie bitte?«

Der Projektleiter zeigte mit einer schnellen, an das Zuschnappen einer Kobra erinnernden Bewegung auf die Akte. »Die Akte, Doktor, da steht alles drin. Und sie werden bald hier sein. Ich rate Ihnen, sich vorzubereiten. Sie müssen nur die Gentherapie replizieren.«

Chang blätterte durch die Akte, las und murmelte vor sich hin. Dann blickte er auf. »Die Probanden sind Kinder?«

»Ja. Ist das ein Problem?«

»Ähm, nein. Also, vielleicht. Oder vielleicht auch nicht.«

»Vielleicht nicht ist die richtige Antwort. Rufen Sie mich an, wenn Sie mich brauchen, Doktor. Vier Stunden. Ich muss Ihnen nicht sagen, was auf dem Spiel steht.«

Doch Dr. Chang hörte ihn schon nicht mehr. Er war völlig in Dr. Katherine Warners Aufzeichnungen vertieft.

8

BBCWorld Report– Agenturmeldung

Mögliche Terroranschläge in Wohngebieten vonMar del Plata,Argentinien und Kapstadt, Südafrika

*** Eilmeldung: Weitere Explosionen in Karachi, Pakistan und Jakarta, Indonesien. Wir aktualisieren diese Meldung, sobald Einzelheiten vorliegen. ***

Kapstadt, Südafrika: Der Lärm von automatischen Waffen und Granatexplosionen zerriss heute die morgendliche Ruhe in Kapstadt, als eine Gruppe von vermutlich zwanzig Bewaffneten in ein Wohngebäude eindrang und vierzehn Menschen tötete.

Die Polizei gab keine offiziellen Verlautbarungen zu dem Anschlag heraus.

Augenzeugen am Tatort berichteten, es habe wie die Operation eines Sondereinsatzkommandos gewirkt. Ein BBC-Reporter vor Ort interviewte einen der Zeugen: »Ja, ich habe es beobachtet, es sah aus wie eine Art Panzer, Sie wissen schon, so ein Truppentransporter. Er ist auf den Bürgersteig gerollt, und dann sind die Typen rausgesprungen wie Ninjas oder Kampfmaschinen, mit total mechanischen Bewegungen, und dann ist das ganze Gebäude explodiert, überall sind Glassplitter rumgeflogen, und ich bin weggerannt. Ich meine, das ist eine raue Gegend, aber so was, Mann, so was habe ich noch nie erlebt. Zuerst dachte ich, es wäre ein Drogenkrieg oder so. Was auch immer es war, es ist auf jeden Fall total schiefgegangen.«

Ein anderer Augenzeuge, der ebenfalls anonym bleiben wollte, bestätigte, dass sich auf dem Fahrzeug und den Uniformen keinerlei offizielle Abzeichen befanden.

Ein Reporter von Reuters, der sich kurz Zugang verschaffen konnte, ehe die Polizei ihn fortschaffte, beschrieb den Tatort folgendermaßen: »Für mich sah es aus wie eine konspirative Wohnung, vielleicht von der CIA oder dem MI6. Es muss jemand mit sehr guter finanzieller Ausstattung gewesen sein, um sich diese Technik leisten zu können: ein Lagezentrum mit einer ganzen Monitorwand und ein riesiger Serverraum. Überall lagen Leichen. Ungefähr die Hälfte war in Zivil, die anderen trugen schwarze Körperpanzer, so wie sie laut Zeugen die Angreifer anhatten.«

Ob die Angreifer Opfer erlitten und diese zurücklassen mussten oder ob die gepanzerten Leichen zu den Verteidigern der Einrichtung gehörten, ist noch nicht abschließend geklärt.

Die BBC ersuchte sowohl CIA als auch MI6 um eine Stellungnahme, doch beide verweigerten eine solche.

Es ist ungewiss, ob dieser Vorfall auf irgendeine Weise mit ähnlichen Ereignissen früher am Tag in Mar del Plata zusammenhängt, wo gegen 2:00 Uhr eine gewaltige Explosion in einem unterprivilegierten Viertel zwölf Menschen tötete. Beobachter sagten, der Explosion sei ein Überfall einer bislang unidentifizierten, schwer bewaffneten Gruppe gefolgt.

Wie auch bei dem Angriff in Kapstadt übernahm niemand die Verantwortung für die Attacke in Mar del Plata.

»Es ist äußerst beunruhigend, dass wir keine Ahnung haben, wer hinter diesen Anschlägen steht«, sagte Richard Bookmeyer, ein Professor an der American University. »Falls, wie es die ersten Berichte nahelegen, entweder die Opfer oder die Täter Teil eines Terrornetzwerks sind, würde das auf eine Perfektion hinweisen, die bisher keiner bekannten Terrorvereinigung zugetraut wurde. Es muss sich also um einen neuen Akteur oder eine wesentliche Weiterentwicklung einer bestehenden Gruppe handeln. Beide Szenarien erfordern, dass wir noch einmal überprüfen, was wir über die globale Terrorlandschaft zu wissen glauben.«

Wir werden diesen Artikel aktualisieren, sobald uns Einzelheiten vorliegen.

9

Clocktower-Hauptquartier

Jakarta, Indonesien

David war in eine Karte vertieft, auf der die geheimen Unterschlupfe von Clocktower in und um Jakarta verzeichnet waren, als der Überwachungstechniker hereinkam. »Er ist hier.«

David faltete die Karte zusammen. »Gut.«

Josh Cohen ging zu dem unscheinbaren Wohnhaus, in dem sich das Clocktower-Hauptquartier von Jakarta befand. Die meisten umliegenden Gebäude waren verlassen – eine Mischung aus gescheiterten Bauprojekten und Lagerhäusern.

Auf dem Schild am Gebäude stand: »Clocktower Security Inc.«, und für die Allgemeinheit war Clocktower Security nur einer der vielen neuen privaten Sicherheitsdienste. Offiziell bot Clocktower Security Personenschutz für Führungskräfte und hochrangige Ausländer an, die Jakarta besuchten, sowie private Ermittlungen, falls die örtlichen Behörden sich »wenig kooperativ« zeigten. Es war die perfekte Tarnung.

Josh betrat das Gebäude, ging einen langen Flur entlang, öffnete eine schwere Stahltür und näherte sich den glänzenden silbernen Aufzugtüren. Eine Klappe neben dem Aufzug glitt zur Seite, und er legte seine Hand auf die spiegelnde Fläche und sagte: »Josh Cohen. Stimmauthentifizierung.«

Eine zweite Klappe öffnete sich, dieses Mal auf Höhe seines Gesichts, und ein roter Lichtstrahl glitt auf und ab, während er ruhig dastand und die Augen geöffnet hielt.

Der Aufzug klingelte, öffnete sich, und Josh fuhr nach oben. Er wusste, dass irgendwo im Gebäude ein Überwachungstechniker während der Fahrt einen Ganzkörperscan durchführte, um sicherzustellen, dass er keine Wanzen, Bomben oder anderweitig problematische Gegenstände bei sich trug. Falls er etwas dabeihätte, würde sich der Aufzug mit einem farb- und geruchlosen Gas füllen, und er würde in einer Arrestzelle aufwachen. Und das wäre der letzte Raum, den er jemals sähe. Falls alles in Ordnung war, würde der Aufzug ihn in den vierten Stock bringen: in das Clocktower-Hauptquartier von Jakarta, in dem er seit drei Jahren zu Hause war.

Clocktower war die geheime Antwort der Welt auf den nichtstaatlichen Terror: eine nichtstaatliche Antiterroreinrichtung. Kein Papierkram. Keine Bürokratie. Nur Gute, die Böse töteten. Ganz so einfach war es zwar nicht, aber Clocktower kam diesem Ziel näher als irgendeine andere Organisation.

Clocktower war unabhängig, apolitisch, undogmatisch und vor allem äußerst effizient. Aus diesem Grund unterstützten Geheimdienste aus aller Welt die Organisation, obwohl sie fast nichts über sie wussten. Niemand wusste, wann sie gegründet worden war, wer sie führte, wie sie finanziert wurde oder wo sich das Hauptquartier befand. Als Josh vor drei Jahren Clocktower beitrat, dachte er, als Insider bekäme er Antworten auf diese Fragen. Doch das stellte sich als Irrtum heraus. Er war schnell aufgestiegen und zum Chef der Geheimdienstanalytiker der Niederlassung in Jakarta ernannt worden, aber er wusste noch immer nicht mehr über Clocktower als an dem Tag, an dem er aus dem CIA-Büro für Terrorismusanalyse rekrutiert worden war. Und das war offenbar so gewollt.

Innerhalb von Clocktower wurde das Wissen strikt auf die unabhängigen Zellen aufgeteilt. Jeder übermittelte seine Informationen an die Zentrale, jeder bekam Informationen von der Zentrale, aber keine Zelle bekam Einblick in das Gesamtbild oder in größere Operationen. Aus diesem Grund war Josh verblüfft, dass er vor sechs Tagen eine Einladung zu einer Art »Gipfeltreffen« für die Chefanalysten sämtlicher Clocktower-Zellen erhalten hatte. Er hatte sich an David Vale, den Chef der Jakarta-Niederlassung, gewandt und ihn gefragt, ob das ein Witz sein solle. Dieser hatte verneint und ihm mitgeteilt, alle Führungskräfte seien über das Meeting informiert worden.

Joshs Verwunderung steigerte sich weiter, als er über den Ablauf der Konferenz informiert wurde. Die erste Überraschung war die Anzahl der Teilnehmer: zweihundertachtunddreißig. Josh hatte angenommen, Clocktower wäre relativ klein und hätte vielleicht fünfzig Zellen an den Brennpunkten der Welt, doch stattdessen waren Mitarbeiter aus allen Winkeln der Erde angereist. Wenn man davon ausging, dass alle Zellen so groß waren wie die in Jakarta – ungefähr fünfzig Agenten –, dann mussten über zehntausend Menschen bei Clocktower arbeiten, und dazu kamen mindestens tausend Beschäftigte, um die Informationen einzuordnen und zu analysieren, ganz zu schweigen von der Koordinierung der Zellen.

Das Ausmaß der Organisation war beeindruckend – möglicherweise war sie fast so groß wie die CIA, die über ungefähr zwanzigtausend Mitarbeiter verfügte, als Josh dort tätig war. Und viele dieser zwanzigtausend Menschen arbeiteten in der Analyseabteilung in Langley, Virginia, nicht im Feld. Clocktower hingegen war schlank, es hatte nicht die bürokratische und organisatorische Speckschicht der CIA.

Was die Durchführung von Kommandooperationen anging, stellte Clocktower wahrscheinlich sämtliche Regierungen der Welt in den Schatten. Jede Clocktower-Zelle teilte sich in drei Gruppen auf. Ein Drittel des Personals bestand aus Führungsoffizieren, ähnlich dem National Clandestine Service der CIA; sie arbeiteten undercover in Terrororganisationen, Kartellen und anderen Verbrecherbanden oder dort, wo sie Quellen abschöpfen konnten: in Regierungen, Banken und Polizeiwachen. Ihr Ziel war Human Intelligence (HUMINT) – der Erkenntnisgewinn aus menschlichen Quellen.

Ein weiteres Drittel jeder Zelle bestand aus Analysten. Die Analysten verbrachten den Großteil ihrer Zeit mit zwei Tätigkeiten: hacken und Vermutungen anstellen. Sie hackten jeden und alles: Telefonanrufe, E-Mails, SMS. Sie verbanden die Signal Intelligence oder SIGINT mit der HUMINT und anderen vor Ort gewonnenen Erkenntnissen und übermittelten alles an die Zentrale. Joshs Hauptaufgabe war, dafür zu sorgen, dass die Jakarta-Niederlassung ein Höchstmaß an Informationen sammelte, und die entsprechenden Schlüsse daraus zu ziehen. Schlüsse ziehen klang besser als Vermutungen anstellen, doch im Wesentlichen bestand seine Arbeit darin, Vermutungen anzustellen und dem Chef der Niederlassung Vorschläge zu unterbreiten. Der Chef genehmigte dann nach Rücksprache mit der Zentrale lokale Einsätze, die vom Sondereinsatzkommando – dem letzten Drittel des Personals – durchgeführt wurden.

Das Sondereinsatzkommando von Jakarta stand im Ruf, eines der besten der gesamten Clocktower-Organisation zu sein. Das hatte Josh eine Art Prominentenstatus auf der Konferenz verschafft. Joshs Zelle hatte de facto die Führerschaft in der asiatisch-pazifischen Region übernommen, und viele wollten mehr über die Finessen ihrer Arbeit erfahren.

Doch nicht alle veranstalteten einen solchen Starkult um Josh – er freute sich auch über die vielen alten Freunde, die er auf der Konferenz traf. Leute, mit denen er bei der CIA zusammengearbeitet oder zu denen er Kontakt gehabt hatte, weil sie bei anderen Regierungsstellen beschäftigt waren. Es war unglaublich; er unterhielt sich mit Leuten, die er seit Jahren nicht gesehen hatte. Clocktower hatte einen strikten Grundsatz: Jedes neue Mitglied bekam einen neuen Namen, die Vergangenheit wurde ausgelöscht, und man durfte seine Identität niemandem außerhalb der Zelle offenbaren. Ausgehende Anrufe wurden von einem Computer verfremdet. Persönlicher Kontakt war streng verboten.

Ein Treffen von Angesicht zu Angesicht mit den Chefanalysten sämtlicher Zellen zerriss diesen Schleier der Geheimhaltung. Es verstieß in jeder Hinsicht gegen die Vorgehensweise von Clocktower. Josh wusste, dass es einen Grund für dieses Risiko geben musste – etwas extrem Wichtiges und Dringendes –, doch er hätte niemals das Geheimnis erraten, das die Zentrale auf der Konferenz lüftete. Er konnte es noch immer nicht glauben. Und er musste es sofort David mitteilen.

Josh stellte sich dicht vor die Aufzugtüren und bereitete sich darauf vor, auf kürzestem Weg ins Büro des Chefs zu gehen.

Es war neun Uhr morgens, und in der Jakarta-Niederlassung musste die Hölle los sein. Der Analystenraum wäre mit Sicherheit so hell erleuchtet wie die New Yorker Wertpapierbörse, und Analysten würden sich diskutierend vor den Monitorwänden drängen. Auf der anderen Seite des Raums stünde die Tür zur Umkleide der Sondereinsatzkommandos weit offen, sodass man die Agenten sah, die sich auf ihr Tagwerk vorbereiteten. Die Spätankömmlinge würden vor ihren Spinden eilig ihre Körperpanzer anlegen und sich Ersatzmagazine in jede Tasche stopfen. Die Frühaufsteher saßen meist auf den Holzbänken und redeten über Sport und Waffen, ehe das morgendliche Briefing begann, und ihr kameradschaftliches Miteinander wurde nur durch gelegentliche Spötteleien unterbrochen.

Es war sein Zuhause, und Josh musste zugeben, dass er es vermisst hatte, obwohl die Konferenz ihn auf unvorhergesehene Weise bereichert hatte. Das Wissen, Teil einer größeren Gemeinschaft von Chefanalysten zu sein, Menschen, die dieselben Lebenserfahrungen hatten und mit denselben Problemen und Ängsten konfrontiert wurden, war überraschend tröstlich. In Jakarta war er der Chef der Analyseabteilung, doch er hatte keine echten Kollegen, niemanden, mit dem er richtig reden konnte. Geheimdienstarbeit war ein einsames Geschäft, besonders für diejenigen, die die Verantwortung trugen. Bei einigen seiner alten Freunde hatte das Spuren hinterlassen. Viele waren vorzeitig gealtert. Andere waren abgebrüht und unzugänglich geworden. Seit er sie getroffen hatte, fragte Josh sich, ob er auch so enden würde. Alles hatte seinen Preis, doch er war überzeugt von der Arbeit, die sie leisteten. Kein Job war perfekt.

Als seine Gedanken von der Konferenz in die Gegenwart zurückkehrten, wurde ihm bewusst, dass sich die Aufzugstüren mittlerweile hätten öffnen sollen. Er sah sich um. Die Beleuchtung verschwamm vor seinen Augen. Sein Körper fühlte sich schwer an. Er bekam kaum noch Luft. Er streckte den Arm aus, um sich am Geländer festzuhalten, konnte aber die Hand nicht schließen; sie rutschte ab, und der Stahlboden schien auf ihn zuzustürzen.

10

Verhörraum C

Untersuchungsgefängnis von West-Jakarta

Jakarta, Indonesien

Kate hatte mörderische Kopfschmerzen. Alles tat ihr weh. Und die Polizei war überhaupt keine Hilfe gewesen. Sie war auf dem Rücksitz eines Streifenwagens aufgewacht, und der Fahrer hatte sich geweigert, ihr irgendetwas zu sagen. Als sie auf der Polizeiwache ankamen, wurde es nur noch schlimmer.

»Warum hören Sie mir nicht zu? Warum suchen Sie nicht nach den beiden Jungs?« Kate Warner stand auf, beugte sich über den Metalltisch und sah den selbstgefälligen Vernehmungsbeamten an, der schon zwanzig Minuten ihrer Zeit verschwendet hatte.

»Wir versuchen ja, sie zu finden. Deshalb stellen wir Ihnen diese Fragen, Miss Warner.«

»Ich habe Ihnen doch schon gesagt, ich weiß nichts.«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht.« Bei diesen Worten wackelte der kleine Mann mit dem Kopf.

»Vielleicht, so ein Schwachsinn. Dann suche ich sie eben selbst.« Sie ging auf die Stahltür zu.

»Die Tür ist abgeschlossen, Miss Warner.«

»Dann schließen Sie sie auf.«

»Geht nicht. Sie muss verschlossen sein, wenn Verdächtige verhört werden.«

»Verdächtige? Ich will einen Anwalt, sofort.«

»Sie sind in Jakarta, Miss Warner. Kein Anwalt, kein Telefonat mit der amerikanischen Botschaft.« Der Mann blickte nach unten und pulte Dreck aus der Sohle seines Stiefels. »Wir haben viele Ausländer hier, viele Besucher, viele Leute, die herkommen und unser Land und unser Volk nicht respektieren. Früher hatten wir Angst vor dem amerikanischen Konsulat, deshalb haben wir ihnen Anwälte zur Verfügung gestellt, und sie sind immer davongekommen. Wir lernen dazu. Indonesier sind nicht so dumm, wie Sie glauben, Miss Warner. Deswegen arbeiten Sie doch hier, oder? Weil Sie glauben, wir wären zu dumm, um herauszufinden, was Sie vorhaben?«

»Ich habe gar nichts vor. Ich versuche, Autismus zu heilen.«

»Warum machen Sie das nicht in Ihrem eigenen Land?«

Kate hätte diesem Mann in einer Million Jahren nicht verraten, warum sie die USA verlassen hatte. Stattdessen sagte sie: »Amerika ist der teuerste Ort der Welt, um eine klinische Studie durchzuführen.«

»Ah, dann geht es ums Geld, ja? Hier in Indonesien können Sie Babys kaufen, um mit ihnen Experimente durchzuführen?«

»Ich habe keine Babys gekauft!«

»Aber diese Kinder gehören doch Ihrem Labor, oder?« Er drehte die Akte um und zeigte darauf.

Kate folgte mit dem Blick seinem Finger.

»Miss Warner, Ihr Labor hat die Vormundschaft für diese beiden Kinder – für alle hundertdrei –, oder etwa nicht?«

»Vormundschaft bedeutet nicht, dass einem die Kinder gehören.«

»Sie benutzen andere Worte. So wie die Niederländische Ostindien-Kompanie. Wissen Sie darüber Bescheid? Bestimmt. Diese Leute haben das Wort Kolonie benutzt, aber sie haben Indonesien über zweihundert Jahre lang besessen. Mein Land und mein Volk haben einer Firma gehört, und sie hat uns auch wie ihr Eigentum behandelt und sich genommen, was sie wollte. 1949 wurde endlich unsere Unabhängigkeit anerkannt. Aber die Erinnerung im Volk ist noch frisch. Die Geschworenen werden das genauso sehen. Sie haben sich diese Kinder einfach genommen, oder? Sie haben selbst gesagt, dass Sie nicht dafür gezahlt haben. Und ich sehe hier kein Dokument der Eltern. Die haben der Adoption nicht zugestimmt. Wissen die Eltern überhaupt, dass Sie ihre Kinder haben?«

Kate starrte ihn an.

»Das dachte ich mir. Langsam kommen wir zum Punkt. Es ist am besten, bei der Wahrheit zu bleiben. Eines noch, Miss Warner. Ich weiß, dass Ihr Projekt von der Forschungsabteilung von Immari Jakarta finanziert wird. Es ist wahrscheinlich nur Zufall … aber ein sehr unglücklicher … Immari Holdings hat viele Besitztümer der Niederländer aufgekauft, als sie vor fünfundsechzig Jahren aus dem Land gejagt wurden. Das Geld für Ihre Arbeit kommt also …«

Der Mann stopfte die Blätter in den Ordner und stand auf, als wäre er ein indonesischer Perry Mason, der sein Schlussplädoyer hielt. »Sie können sich sicher vorstellen, wie die Geschworenen das sehen werden, Miss Warner. Ihr Volk geht, kommt aber unter neuem Namen zurück und beutet uns weiter aus. Anstatt Zuckerrohr und Kaffeebohnen wie im zwanzigsten Jahrhundert wollen Sie jetzt neue Medikamente, und dazu brauchen Sie Versuchskaninchen. Sie nehmen uns unsere Kinder weg und machen mit ihnen Experimente, die Sie in Ihrem eigenen Land nicht durchführen dürfen, weil Sie so etwas mit Ihren eigenen Kindern nicht tun, und als etwas schiefgeht – vielleicht ist ein Kind krank geworden, und Sie haben befürchtet, dass die Behörden es herausfinden –, müssen Sie es loswerden. Aber es kommt etwas dazwischen. Vielleicht kann einer Ihrer Techniker die Kinder nicht töten. Er weiß, dass es falsch ist. Er wehrt sich und wird im Kampf selbst getötet. Und Sie wissen, dass die Polizei kommen wird, deshalb denken Sie sich diese Entführungsgeschichte aus? Ja. Sie können es ruhig zugeben, es ist besser für Sie. Indonesien ist ein gnädiges Land.«

»So war es nicht.«

»Es ist der logischste Ablauf, Miss Warner. Sie lassen uns keine Wahl. Sie fordern einen Anwalt. Sie verlangen, dass wir Sie freilassen. Überlegen Sie doch mal, wie das aussieht.«

Kate blickte ihn schweigend an.

Der Mann ging zur Tür. »Also gut, Miss Warner. Ich muss Sie warnen; was jetzt kommt, wird sehr unangenehm. Es wäre besser, mit uns zu kooperieren, aber ihr cleveren Amerikaner wisst natürlich immer alles besser.«

11

Forschungskomplex der Immari Corporation

Nahe Burang, China

Autonomes Gebiet Tibet

»Aufwachen, Jin, deine Nummer wird aufgerufen.«

Jin schlug die Augen auf, doch das Licht blendete ihn. Sein Zimmergenosse beugte sich über ihn und flüsterte ihm etwas ins Ohr, aber er verstand ihn nicht. Im Hintergrund dröhnte eine Lautsprecherstimme: »204394, sofort melden. 204394, sofort melden. 204394. 204394. Melden.«

Jin sprang aus dem schmalen Bett. Wie lange riefen sie ihn schon? Sein Blick schoss durch die drei mal drei Meter große Zelle, die er mit Wei teilte. Wo waren seine Hose und sein Hemd? Bitte nicht – wenn er zu spät kam und seine Uniform nicht trug, würden sie ihn mit Sicherheit rauswerfen. Wo waren die Klamotten? Wo? Sein Zimmergenosse saß auf seiner Pritsche und hielt die weißen Kleider hoch. Jin schnappte sie sich, zog sie an und zerriss dabei beinahe die Hose.

Wei blickte zu Boden. »Tut mir leid, Jin, ich habe auch geschlafen. Ich habe es nicht gehört.«

Jin wollte etwas entgegnen, aber er hatte keine Zeit. Er rannte aus dem Raum und den Flur entlang. Einige Zellen waren leer, und in den meisten befand sich nur ein Insasse. Der Pfleger, der an der Tür am Ende des Flügels stand, sagte: »Dein Arm.«

Jin streckte den Arm aus. »204394.«

»Ruhe«, sagte der Mann. Er fuhr mit einem Gerät mit einem kleinen Monitor über Jins Arm. Als es piepte, wandte der Mann den Kopf und rief: »Das war der Letzte.« Er öffnete Jin die Tür. »Los.«

Jin trat zu einer Gruppe von ungefähr fünfzig weiteren »Insassen«. Drei Pfleger geleiteten sie in einen großen Raum mit mehreren Stuhlreihen, die durch hohe Stellwände abgetrennt waren. Die Stühle sahen fast aus wie Strandliegen. Neben jedem Stuhl baumelten an einem silbernen Ständer drei Beutel mit klarer Flüssigkeit, von denen Schläuche herabhingen. Auf der anderen Seite stand jeweils ein Gerät, das mehr Anzeigen aufwies als ein Armaturenbrett im Auto. Von der Unterseite des Apparats führte ein Kabelstrang zur rechten Armlehne.

Jin hatte so etwas noch nie gesehen. Es geschah zum ersten Mal. Seit er vor sechs Monaten in der Einrichtung angekommen war, hatte sich der tägliche Ablauf kaum verändert: Frühstück, Mittag- und Abendessen zu exakt denselben Zeiten, immer die gleichen Mahlzeiten; nach jedem Essen eine Blutentnahme aus dem ventilähnlichen Ding, das sie ihm in den rechten Arm implantiert hatten; und an manchen Nachmittagen Sportübungen, bei denen seine Körperfunktionen von Elektroden auf der Brust überwacht wurden. Den Rest des Tages waren sie in ihre Zellen eingesperrt, in denen sich nichts als zwei Betten und eine Toilette befand. Alle paar Tage machten sie mit einer großen Maschine, die ein tiefes Dröhnen von sich gab, eine Aufnahme von ihm. Dann sagten sie immer, er solle still liegen.

Sie duschten ein Mal pro Woche in einem großen gemischten Waschraum. Das war das Schlimmste – das Verlangen in der Dusche unter Kontrolle zu halten. Während seines ersten Monats war ein Paar beim Sex ertappt worden. Die beiden wurden nie wieder gesehen.

Letzten Monat hatte Jin versucht, während des Duschgangs in der Zelle zu bleiben, aber sie hatten ihn erwischt. Der Aufseher war in seine Zelle gestürmt. »Wir werfen dich raus, wenn du noch einmal gegen die Regeln verstößt«, hatte er gesagt. Jin war zu Tode erschrocken. Sie zahlten ihm ein Vermögen, ein echtes Vermögen. Und er hatte keine Alternativen.

Letztes Jahr hatte seine Familie ihren Bauernhof verloren. Wie viele Kleinbauern konnte sie die Steuern für den Hof nicht mehr aufbringen. Die Grundstückspreise schossen in die Höhe, und die Bevölkerung wuchs überall in China. Deshalb tat seine Familie dasselbe wie viele andere Bauern: Die Eltern schickten den ältesten Sohn in die Stadt, während sie selbst mit den jüngeren Kindern durchzuhalten versuchten.