Das Aufgebot - Felix A. Münter - E-Book
Beschreibung

Die Tore der Hölle haben sich dort geöffnet. Sie haben Terror und Schrecken ausgespien und alles verwüstet.   Amerika 1872. Sieben Jahre nach dem Ende des blutigen Bürgerkriegs durchstreift Samuel Reeve, ein ehemaliger Kavallerieoffizier des Nordens, das Land. Er ist auf der Suche nach Begleitern, nach Männern und Frauen, die mutig genug sind, sich auf die Suche nach etwas zu begeben, von dem nur im Flüsterton gesprochen wird. Es hat sie immer gegeben: Die Geschichten von Monstern in den Weiten des Westens. Von Gestaltwandlern, Geistern, Wendigos oder Chupacabras. Von Dämonen und anderen namenlosen Schrecken, die ihr Unwesen treiben und auf der Jagd nach den Arg- und Wehrlosen sind. Die meisten mögen diese Geschichten für Folklore halten, für Gerede am Lagerfeuer – oft aus dem Mund eines Betrunkenen. Doch Sam Reeve weiß es besser. Angetrieben vom Schicksal der eigenen Familie und dem Drang, die Wahrheit erfahren zu wollen, macht er sich auf den Weg, ein Aufgebot zusammenzustellen, das allen Gefahren gewachsen ist. Doch was sich in den entlegenen Winkeln des Landes verbirgt und Jagd macht, scheint viel größer, schlimmer und unglaublicher als angenommen.  "Das Aufgebot" ist der Auftakt der Troubleshooter-Reihe aus der Feder von Felix A. Münter, in der die Genres Western und Horror gekonnt miteinander verbunden werden. Monsterjäger im Wilden Westen – eine gelungene Mischung. Weitere aktuelle Titel von Felix  A.  Münter:    Die Carter-Akten (Thriller-Serie):MercenaryHunterHijackerBloodhoundHitmanLone Wolf Hardliner Dynastie (Episches Fantasy Drama):KönigsretterKönigsfreundKönigsbote Westrin (High-Fantasy-Saga):KaisersturzExilSchicksalKaisergardistLegionärPhoroi Trümmerwelten (High Fantasy-Epos in Zusammenarbeit mit Ann-Kathrin Karschnick):Trümmerwelten - Die Abenteuer der Alice SparrowTrümmerwelten - Die Odyssee der Alice Sparrow Trümmerwelten - Das Schicksal der Alice Sparrow Troubleshooter (Weird Horror Western Serie):Das AufgebotJäger und GejagteEin Funken Wahrheit Archon (Science Fiction Serie):VermächtnisHöhere MachtPer AsperaEingungskriegAd Astra Einzelbände:Der kleine König - High Fantasy  All about the Money - Thriller Vita - Steampunk-Thriller Prepper - Endzeit-Thriller Nulllinie - Thriller  

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Seitenzahl:221


Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

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Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design // Tina Köpke

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

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ISBN 978-3-95962-031-4

www.papierverzierer.de

Inhaltsverzeichnis
Troubleshooter – Das Aufgebot
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Felix A. Münter

Für Katharina.

Kapitel I

Hitchcock

»Leg die Karten auf den Tisch, Arschloch.«

Der blonde Mann lächelte beschwichtigend.

»Ich kann nichts dafür, dass du kein Glück hast.«

»Und ich sage, das hier ist kein Glücksspiel. Das ist ein abgekartetes Spiel.«

Der Blonde sah seinem Gegenüber in die Augen. Es war ein kräftiger Kerl mit pockennarbigen Wangen, einem ausgefransten Schnurrbart und staubverkrusteten Falten im Gesicht. Sein Blick war grimmig. Auf dem Tisch zwischen den beiden Männern wuchs ein stattlicher Haufen aus Münzen, Scheinen, Ringen und anderen Schmuckstücken in die Höhe. Der letzte Satz des Schnurrbärtigen hatte es im Raum still werden lassen und dutzende Augenpaare richteten sich auf den Spieltisch.

»Das behaupten schlechte Verlierer immer.«

In einer bemerkenswert schnellen Bewegung zückte der verstaubte Kerl seinen Revolver. Der Lauf lugte über die zerschrammte Kante des runden Tischs auf die Brust des Blonden.

»Karten auf den Tisch, hab ich gesagt!«

Das Lächeln des blonden Mannes erstarb und er biss sich auf die Unterlippe. Mit einem leichten Nicken deutete er an, dass er verstanden hatte. Vorsichtig spähte er an dem Bewaffneten vorbei in den Raum. Die Hälfte der Anwesenden hatte er an diesem Abend ausgenommen. Doch anstatt aufzuhören, als er die Gelegenheit dazu gehabt hatte, machte er einfach weiter. Glücksspiel war eben eine hinterlistige, verräterische Schlampe. Vor allem, wenn man es so spielte, wie der blonde Mann.

»Alles gut. Alles gut!«, meinte er und bewegte beide Hände, mit denen er sein Blatt hielt, langsam zum Tisch. Kurz bevor sie die Platte erreichten, ließ er das Blatt fallen, packte blitzschnell an die Kante und warf den Tisch um. Das stattliche Vermögen darauf flog in hohem Bogen durch den Raum, Münzen prasselten auf die Dielen, Wertpapiere schaukelten wie Herbstlaub herunter. Der Bewaffnete wurde überrascht und unter der schweren Tischplatte begraben, ein Schuss löste sich und die Patrone hinterließ ein Loch in der Decke. In diesem Moment brach das Chaos aus. Auch das Chaos war ein alter Begleiter des blonden Mannes. Er ließ sich in einer Bewegung nach hinten fallen, kippte mit dem Stuhl um, rollte sich über die Schulter ab und war sofort wieder auf den Beinen. Es war Zeit zu gehen.

Er machte einen Satz in Richtung Tür, hatte aber die Reaktionsgeschwindigkeit jener unterschätzt, die er über den Abend hinweg geprellt hatte. Drei Burschen waren von ihrem Tisch in der Nähe des Eingangs aufgesprungen und versperrten ihm den Weg, einer von ihnen griff ungelenk nach seinem Revolver. Der Blonde schlug sogleich einen Haken, änderte seine Laufrichtung und hielt auf den Tresen zu.

Mittlerweile war der Lärm im Schankraum wieder angeschwollen, die Leute krakelten und fluchten, einige stürzten übereinander, um einen Teil des Geldes in die eigene Tasche wandern zu lassen. Und wieder andere hatten es auf den abgesehen, den sie für das Durcheinander verantwortlich machten. Der Blonde duckte sich unter dem weit ausholenden Griff eines bärtigen Mannes weg, verpasste dem nächsten Kerl – einem dicken, schwitzenden Farmer – einen Stoß mit der Schulter und erreichte die Bar. Galant, beinahe anmutig, machte er einen Satz über den Tresen und prallte mit dem Wirt zusammen. Beide Männer segelten in die verspiegelte Rückwand der Bar. Glas klirrte, Flaschen rauschten zu Boden. Der Wirt schlug nach dem Flüchtenden, verpasste ihm einen derben Treffer. Doch anstatt sich auf einen Faustkampf einzulassen, brachte der Blonde den tobenden Wird mit einem Stiefeltritt auf Distanz, wirbelte herum und stürzte durch die Schwingtür in die kleine Küche des Saloons.

Das eigentümliche Aroma von Bohneneintopf, geschmortem Speck, Kaffee, Trockenfleisch und Schweiß empfing ihn. Er stürmte einfach weiter, vorbei an einem großen Kessel, in dem der Eintopf der folgenden Tage blubberte. Er steuerte die nächste Tür an, von der er hoffte, dass sie in die Freiheit führte. Das wütende Schreien einer Frau alarmierte ihn. Zwischen ihm und der Tür befand sich eine Anrichte, ein alter, stabiler Tisch, der zur Zubereitung von Zutaten benutzt wurde – und genau dort stand eine dralle Frau mit schwerer Pfanne in der Hand.

»Raus aus meiner Küche!«

Sie schwenkte die Pfanne bedrohlich in seine Richtung, doch er hatte keine Zeit für Erklärungen. Erneut schlug er einen Bogen, setzte zu einem Sprung über die Anrichte an, anstatt daran vorbeirennen zu wollen. Teller, Bretter und Töpfe flogen durcheinander. Die dralle Frau schien überrascht, aber nicht übertölpelt: Sie holte aus und die gusseiserne Pfanne rauschte heran. Der Flüchtende duckte sich, merkte den Windzug und spürte, wie sie ihn nur knapp verfehlte. Stattdessen segelte sein Hut davon.

Er stürmte weiter, brach mit der Schulter voran durch die nächste Tür – und fand sich in einem Lagerraum wieder. Erst ein zischender Fluch, dann erkannte der Blonde, dass eine weitere Tür aus dem vollgestopften Raum hinausführte.

Er atmete auf, warf den Riegel zur Seite und stieß die Tür auf. Kühle, angenehme Nachtluft schlug ihm ins Gesicht. Noch während er sich ins Freie drückte, packte er nach einem schweren Regal neben dem Durchgang und riss es um. Es stürzte unter Krachen und Poltern um und versperrte allen, die ihm auf den Fersen waren, den Weg. Zumindest für einen Moment. Hochmütig blieb er stehen, schöpfte Atem und wandte sich zu dem blockierten Durchgang. Noch bevor er den ersten beißenden Spruch auf den Lippen hatte, fiel ihm auf, wie dünn das Eis war, auf dem er sich bewegte. Durch die Nacht hallten bereits Schreie, auf der anderen Seite des Gebäudes brachen die Betrogenen ins Freie. Verärgert über sich selbst begann er zu rennen, ohne wirklich zu wissen, wohin.

Im Halbdunkeln zogen die Gebäude an ihm vorbei, und er verstand erst einige Sekunden später, dass er auf einer parallel zur Hauptstraße dieses Kaffs gelegenen Seitengasse gelandet war. Der Blonde rannte weiter, grob in die Richtung, in der er den Mietstall vermutete. Wenn er nur schnell genug sein Pferd erreichte, würde er diese Idioten Staub fressen lassen.

Er bog in eine weitere, enge Gasse ein, suchte nach Orientierungspunkten und verfluchte die Nacht. In der Dunkelheit sah alles gleich aus. Es war gut möglich, dass er in die völlig falsche Richtung lief. Vorbei an einigen dicken Fässern, dann blieb sein rechter Fuß an etwas hängen. Der Blonde hatte nicht einmal die Gelegenheit zu schreien oder zu fluchen, da segelte er schon durch die Luft, streifte eine Bretterwand und schlug dumpf auf dem staubigen Boden auf. Stöhnend rollte er sich auf den Rücken und wollte wieder aufstehen, da trat eine Gestalt aus dem Schatten.

»Na, Hitchcock? Ärger?«

Der blonde Mann kniff die Augen zusammen und schnellte hoch. Die Gestalt im Schatten machte keine Anstalten, ihn aufzuhalten, im Licht des Mondes blitzten ihre Zähne auf, als sie lächelte.

»Was zum …?«

»So wie ich das sehe, Hitchcock, hast du ein ernstes Problem.«

Die Gestalt trat aus dem Halbschatten. Es war ein Mann mit Bowler, einem fein geschnittenen Gesicht und einem gezwirbelten Schnurrbart. Seine Kleidung erschien hier, mitten im Nirgendwo, deplatziert, entsprach aber eher der Mode der Ostküste. Er strich sich den Gehrock glatt und nestelte an seinem breiten Seidenbinder.

»Reeve?«

»Verwundert, was?«

Während Hitchcock sich mühsam auf die Füße zwängte, immer noch benommen von seinem Sturz, reckte Reeve den Hals und lauschte in die Nacht. Die ganze Ortschaft war in Aufruhr, jedermann schien auf der Suche nach dem Falschspieler.

»Entschuldige, Reeve, aber ich habe gerade keine Zeit für ein nettes Pläuschchen …«

»Stimmt auffallend.« Der Mann mit dem Bowler nickte. »Wenn du so weitermachst, hast du bald überhaupt keine Zeit mehr. Weißt du, wie sie in diesem Kaff mit Falschspielern umgehen? Teeren und Federn kennen sie hier nicht.«

Hitchcock stützte sich an der Wand ab und suchte nach einem Fluchtweg.

»Und du bist extra den ganzen Weg geritten, um mir das zu sagen?«

»Netter Gedanke. Nein. Ich war auf der Suche nach dir und wollte dir ein Angebot machen.«

»Ach?«

»Aber wie es aussieht, muss ich deinen Hintern erst einmal retten.«

»Ohne Hintergedanken?«

»Nichts ist umsonst. Ich bringe dich hier heraus und du hilfst mir, Hitchcock. Ganz einfach.«

»Und du meinst, ich kaufe die Katze im Sack, Reeve?«

Die beiden Männer blickten sich einige Momente an. Die Bewohner der Ortschaft hatten mittlerweile Suchtrupps gebildet und schwärmten zwischen den Gebäuden hindurch, Fackeln und Laternen in den Händen.

Hitchcock fluchte lautlos. Das kurze Gespräch, auf das er sich eingelassen hatte, hatte ihm jede noch so kleine Fluchtmöglichkeit geraubt.

»Schätze, du hast keine andere Wahl. Außer natürlich, es war dein Plan, aufgeknüpft zu werden.«

Hitchcock spie aus und verzog das Gesicht.

»Es endet nie gut, wenn man sich mit dir einlässt, Reeve. Aber in Anbetracht der Umstände … ich bin ganz Ohr.«

»Dachte ich mir.« Der Mann mit dem Bowler nickte, packte den Blonden an der Schulter und wirbelte ihn unsanft herum. Noch bevor Hitchcock reagieren konnte, spürte er, wie ihm der Lauf eines Revolvers in den Rücken gedrückt wurde.

»He, was …?«

»Mach einfach mit, Hitchcock«, zischte Reeve und gab dem Blonden einen Stoß. Er blieb dicht hinter ihm, die eine Hand auf der Schulter, die andere an der Waffe.

»Das war nicht …«, begann Hitchcock, doch verstummte, als eine Gruppe aufgebrachter Gestalten in die Gasse trat. Es waren wütende Männer und Frauen, improvisierte Waffen und Fackeln in der Hand. Ein Mob, wie er sich eben gerne an Orten bildete, an denen das Gesetz nur ein vages Konstrukt und die Langeweile groß waren.

»Da ist er!«, brüllte jemand.

Hitchcock wollte sogleich auf dem Absatz kehrtmachen und davonspringen, doch Reeve hielt ihn eisern fest. Gleichzeitig stellte er sich so hin, dass die aufgebrachte Menge ihn hinter dem blonden Mann sehen konnte.

»Ruhig!«, verkündete Reeve mit durchdringender Stimme und sah die Männer und Frauen furchtlos an. »Ich hab den dreckigen Falschspieler geschnappt.«

»Her mit ihm! Wir zeigen ihm, wie wir hier mit Seinesgleichen umgehen!«, johlte es aus der Menge. Irgendwer aus den hinteren Rängen reckte bereits einen Strick in die Luft.

»Er kommt nicht an den Galgen!«, verkündete Reeve und taxierte die Versammelten. Immer mehr Menschen strömten herbei. So selbstsicher sein Auftreten und so einschüchternd seine Stimme auch war, der Mob wollte diese Aussage nicht akzeptieren.

»Und wer bist du, das zu entscheiden?«, blaffte eine Frau aus der Menge. Hitchcock erkannte sie als die Köchin wieder und lächelte verstört.

»Mein Name ist Deputy Samuel Reeve. Dieser Mann hier ist auf Anordnung von Marshall Burke festgenommen worden.«

Reeve nahm die Hand von Hitchcocks Schulter und schlug seinen Gehrock zu Seite. Auf seiner Brust blitzte eine Marke im Fackelschein. Er vergewisserte sich, dass jeder das Abzeichen gesehen hatte, und legte dem mittlerweile kreidebleichen Hitchcock die Hand wieder auf die Schulter. In der Menge machte sich Uneinigkeit breit. Für die eine Hälfte der Menschenmenge schien die Sache damit erledigt, die andere Hälfte war jedoch nicht so einfach zu beeindrucken.

»Dieser Bastard da hat uns alle betrogen! Ich sage: Hängt ihn!«, schrillte es aus der Menge, der Ruf wurde aufgenommen und wiederholt. Reeve zögerte nicht, er richtete seinen silbernen Revolver in den Nachthimmel und drückte ab. Der Schuss peitschte und hallte zwischen den Häusern wieder. Sogleich war die Stille zurück.

»Marshall Burke obliegt die Rechtsprechung. Hat irgendjemand ein Problem damit und will mich wirklich bei meiner Amtsausübung behindern?«

Die Versammelten warfen einander unsichere Blicke zu, doch noch bevor sich unter ihnen neue Mordlust formieren konnte, schoss Reeves ein zweites Mal in die Luft.

»Will irgendjemand gegen geltendes Gesetz verstoßen?« Er fixierte einen glatzköpfigen Mann in der ersten Reihe. »Du vielleicht, Mann?«

Seine Art und Weise, die Menschen zu konfrontieren, zeigte Wirkung. Langsam wichen sie zurück, die ersten Grüppchen lösten sich aus der Masse und eilten schleunigst zurück zu ihren Häusern. Lediglich einige Starrköpfe waren nach einer halben Minute noch anwesend.

»Und? Was ist mit euch? Wollt ihr es wirklich darauf anlegen?«, blaffte Reeves die letzten Gestalten an. »Ich schwöre euch, ich werde jedem eine Kugel verpassen, der meint, mich aufhalten zu müssen!«

Der Damm war gebrochen. Auch die letzten Männer und Frauen wichen zu den Seiten. Sie hielten Abstand und bedachten das Duo mit bösen Blicken. Doch ihre Blutlust war gebrochen.

»Geht also.« Reeve nickte zufrieden und gab Hitchcock einen Stoß. »Und nun beweg dich. Der Marshall musste lange genug auf dich warten!«

***

Die beiden Männer ritten in die Dunkelheit und ließen die kleine Stadt hinter sich. Sie spürten die Blicke der aufgebrachten Bürger von hinten. Die Menschen in diesem Ort hatten auch jeden Grund dazu, denn an diesem Abend waren sie gleich zweimal verprellt worden.

»Marshall Burke?«, fragte Hitchcock, während sie über die schmale Straße ritten. »Es gibt in dieser Gegend keinen Marshall Burke.«

»Es war eine fünfzig zu fünfzig Chance«, erklärte Reeve. »In dem verschlafenen Kaff hat man andere Sorgen, als sich zu merken, wer gerade Marshall ist.« Er lächelte kühl, griff zur Brust und ließ die Marke in seiner Tasche verschwinden. »Und wo es keinen Marshall Burke gibt, kann es auch keinen Deputy Reeve geben.«

»Wie zum Teufel bist du an eine Marke gekommen?«

»Das ist eine lange Geschichte, Hitchcock. Aber wir haben ja genug Zeit, um ein bisschen zu plaudern, was?«

Hitchcock brummte verärgert.

»Du weißt schon, was darauf steht, sich als Gesetzeshüter auszugeben, obwohl man keiner ist?«

»Im Gegensatz zu dir habe ich ja nicht vor, mich erwischen zu lassen.«

Kapitel II

Cora Blackbush

Die beiden Männer saßen auf ihren Sätteln und blickten zur Ebene hinab. Auf der rechten Seite lag eine Ortschaft, die von der Position der Reiter aus wie eine Spielzeugstadt wirkte. Zahlreiche kleine Häuser – einige davon zwei- oder dreistöckig – erstreckten sich entlang einer breiten Straße, an deren Ende ein Bahnhof lag. Zwischen den Gebäuden bewegten sich die Menschen, bahnten sich Fuhrwerke ihren Weg oder trabten Reiter umher. Geschäftiges Treiben in einer aufstrebenden Stadt, die das Glück hatte, an die Eisenbahn, den Zugmotor in die Zukunft, angeschlossen zu sein. Jenseits der Ortschaft erstreckte sich weites Grasland, in der Entfernung waren einzelne Gehöfte und Siedlungsflecken an den Rauchfahnen zu erkennen, die in den Himmel stiegen.

Hitchcock hatte die Hände auf den Sattelknauf gelegt, streckte sich und blickte in Richtung Ortschaft. Er trug mittlerweile frische, ordentliche Kleidung, wenngleich diese nicht an jene heranreichten, die Reeve trug. Der blonde Mann hatte Kleider in Beige und Sandfarben an, Stoffe, auf denen der allgegenwärtige Staub nicht auffiel. Er rückte seinen Staubmantel zurecht und tippte sich an den breitkrempigen Hut.

»Du hast mir immer noch nicht gesagt, worum es geht.«

»Stimmt auffallend.« Reeve nickte. Im Gegensatz zu seinem Begleiter hatte er seinen Blick nach Süden gerichtet und sah in die Ebene hinaus.

»Wie wäre es mal damit?«

»Ich habe keine Lust, die gleiche Geschichte mehrfach zu erzählen, Hitchcock. Und ich schätze, du kannst gut damit leben. Dafür, dass ich dir das Leben gerettet, dir neue Klamotten und einen ordentlichen Hut gekauft habe, kannst du es sicher ein paar Tage aushalten.«

Hitchcock spie aus und massierte sich das Kinn. Beim Geräusch der raschelnden Bartstoppeln verzog er genervt das Gesicht.

»Das ist nur fair. Aber müssen wir denn unbedingt hier draußen hocken und warten?« Er nickte in Richtung Ortschaft. »Ich meine: Dort unten gibt es sicher bequeme Plätzchen. Und etwas zu essen und trinken.«

»Und einen Ort, an dem gespielt wird«, stellte Reeve fest.

»Na, das will ich doch hoffen.« Der blonde Mann lächelte schwach.

»Vor zwei Tagen bist du dabei aufgeflogen, wie du ein ganzes Kaff beim Poker ausnehmen wolltest. Nur mit Glück bist du dem Strick entkommen. Und jetzt willst du gleich wieder an den Tisch und es versuchen?«

»Wer seine Chancen nicht nutzt, der ist ein armer Hund«, entgegnete Hitchcock.

»Nein«, beschloss Reeve und drehte sich zu seinem Begleiter um. »Belüg dich doch nicht selbst. Was du machst, ist kein Glücksspiel. Du nimmst die Leute aus und ziehst sie über den Tisch.«

»Jeder tut das, was er gut kann, Sam.«

»Im Moment siehst es so aus, als wärst du nicht besonders talentiert darin. Außerdem sind wir nicht hier, damit du gleich wieder in das nächste Problem stolperst. Und ich wüsste auch nicht, was du setzen willst.«

Hitchcock machte eine versöhnliche Geste und legte den Kopf schief.

»Komm schon! Nur ein kleiner Vorschuss! Nur ein paar Dollar und ich mache uns zu reichen Männern.«

»Hitchcock, du hast ein verdammtes Problem. Und wenn man nicht auf dich aufpasst, dann wird dich die Zockerei und Betrügerei noch einmal ins Grab bringen.«

»Pah!«, stieß der blonde Mann verärgert aus. »Was weißt du denn?«

»Genug, um das beurteilen zu können. Das Glückspiel hat dich hier in den Westen gebracht, Hitchcock. Hättest du es im Griff gehabt, könntest du heute in irgendeinem beschaulichen Haus an der Küste sitzen – vielleicht in Boston oder New York - und das Leben genießen. Stattdessen hast du es übertreiben und schon einmal alles verloren.«

»Sind wir jetzt schon bei den Moralpredigten, Captain?«, zischte Hitchcock und bleckte die Zähne. Er brachte es fertig, das letzte Wort so zu betonen, dass es wie eine Beleidigung klang.

»Keinesfalls«, antwortete Reeve ruhig. »Ich sage nur, wie es ist. Wir können nur aus der Vergangenheit lernen und es für die Zukunft besser machen.«

»Du hast leicht reden«, murmelte Hitchcock.

Gerade, als er Luft holen und zur Gegenrede ansetzen wollte, tat sich etwas in der Ebene. Über der grünen Ebene zeichneten sich zwei Staubwolken ab, die aus der gleichen Richtung kamen, von wo aus auch sie gekommen waren, und die Ortschaft ansteuerten. Anstatt etwas zu sagen, legte der blonde Mann die Stirn in Falten. Reeve, offensichtlich weniger überrascht, nahm einen kleinen Feldstecher an die Augen und richtete ihn auf die Staubwolken.

»Fast auf die Minute …«

»Erklärst du es mir, Reeve?«

Samuel reichte seinem Begleiter wortlos das Fernglas, ließ die Staubwolken aber nicht aus dem Blick. Hitchcock griff zu und inspizierte die immer weiter wachsenden Staubwolken.

»Das sind Herden.«

»Genau. Tausend Stück Vieh pro Herde würde ich schätzen.«

»Sag mir nicht, wir haben darauf gewartet, Sam.«

»Doch. Genau darauf.«

»Ich werde aus dir nicht schlau, Reeve«, presste Hitchcock hervor und reichte das Fernglas zurück.

»Du wirst es bald verstehen. Was wir da unten erleben, ist ein Rennen. Da unten in der Stadt sitzt der Einkäufer für ein paar Schlachthäuser an der Küste. Er hat einen guten Preis für Vieh ausgelobt. Tausend Stück für einen wirklich guten Kurs.« Er machte eine Pause, strich sich über den gezwirbelten Bart und tippte sich an den Bowler. »Schätze, wir haben ein paar Anwärter für dieses Geschäft. Der Preis dürfte fallen, sobald die ersten tausend Rinder verkauft wurden.«

»Und?«, wollte Hitchcock wissen. »Das passiert überall dort, wo die Viehbarone hocken. Möglicherwiese ist das ein ordentlicher Anblick, Sam. Aber nicht mehr. Ich verstehe immer noch nicht, was das mit uns zu tun hat.«

»Komm, wir schauen es uns aus der Nähe an.«

***

Die Erde bebte unter dem Stampfen tausender Hufe. Die Herden wälzten sich unter den wachen Augen ihrer Treiber voran und wirbelten kolossale Staubwolken in den Himmel. Entfesselte Urgewalten, die in Richtung Siedlung stürmten. Zuerst hatte es den Anschein, als wären beide Herden gleich auf, dann jedoch nahm die Geschwindigkeit der einen zu. Irgendwie gelang es den Treibern, die letzten Reserven des Viehs zu mobilisieren und die prächtigen Rinder zur Höchstleistung anzutreiben. Es war ein majestätischer Anblick, doch er entbehrte auch nicht einer gewissen Ironie: Denn im Grund lieferten sich die Tiere ein Rennen darum, wer als erstes in die Wagons verladen und zu den Schlachthöfen verfrachtet wurde.

Auf den Straßen der Ortschaft brachte man sich vorsorglich in Sicherheit. Männer und Frauen huschten unter die Vordächer oder gleich in die Sicherheit ihrer Häuser, geübte Viehtreiber waren in der Lage, auch große Herden schadlos durch eine Stadt zu treiben, aber es war nie gut, sich darauf zu verlassen. In aller Eile wurde also alles, was der Herde im Weg sein konnte oder in keinem Fall zu Bruch gehen durfte, in Sicherheit gebracht. Die Ortschaft mit dem Bahnhof erlebte wöchentlich die Ankunft von Herden, doch zwei Triebe dieser Größe waren schon etwas, das man nicht alle Tage sah.

Die Herden lieferten sich ein enges Rennen. Doch jener Trieb, der sich einige Meilen vor der Stadt an die Spitze gesetzt hatte, war nicht mehr einzuholen. Seine Treiber lenkten die Tiere an die Siedlung heran und beschrieben dann, wenige hundert Schritte davon entfernt, eine Kurve. Das Vieh folgte und stürmte um die Siedlung herum, geradewegs auf den Bahnhof zu. Die ersten Rinder wurden bereits unter dem Jubel ihrer Treiber in die Gatter getrieben, als die zweite Herde ankam. Doch für Zweitplatzierte gibt es nun mal keinen Preis.

***

Unter den aufmerksamen Blicken von zwei stämmigen Leibwächtern nahm der hagere Mann mit der runden Brille ein Geldbündel aus dem Panzerschrank und legte es vor sich auf den Schreibtisch. Nachdem er sich gesetzt hatte, begann er in übertriebener Pedanterie die Scheine abzuzählen und Stapel zu bilden. »Eintausend«, verkündete er beim ersten Stapel. »Zweitausend«, beim nächsten.

Ihm gegenüber saß eine Frau in staubiger Reiterkluft, den Stetson auf dem Knie. Gespielt desinteressiert drehte sie sich eine Zigarette und ließ den Ankäufer sein Spiel spielen. Mit einem Streichholz zündete sie sich die Zigarette an und strich sich eine ihrer tiefroten Korkenzierlocker aus dem Gesicht.

»Dreitausend«, meinte der Ankäufer und schob drei Stapel Geldscheine über den Tisch. »Wenn sie nachzählen wollen, Miss Blackbush?«

Die Frau nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette, blies eine Dunstwolke aus und schnalzte mit der Zunge.

»Das war nicht der Deal, Mister. Vier Dollar pro Stück. Ich habe tausend Stück gebracht und bekomme daher auch viertausend Dollar.«

»Haben Sie mal aus dem Fenster gesehen, Miss?«, fragte der Ankäufer und lehnte sich in seinem knarrenden Stuhl zurück. »Da draußen sind mehr als genug Rinder, die darauf warten, gekauft zu werden. Drei Dollar ist ein sehr guter Preis, den Sie nirgendwo anders bekommen.«

Die Frau beugte sich nach vorne und fixierte den Mann, ihre Augen wurden zu Schlitzen.

»Drauf geschissen. Vier Dollar waren ausgemacht. Sie zahlen mir vier Dollar und fertig.«

»Das war der Preis, als es eine Knappheit an Rindern gab«, lächelte der Ankäufer böse. »Aber die ist ja jetzt vorbei. Also fallen die Preise. Wenn Sie nicht bereit sind, zu diesem Kurs zu verkaufen, dann mache ich meine Geschäfte eben mit Ihrer Konkurrenz.«

»Mein Boss erwartet viertausend Dollar. Und die wird er bekommen. Wenn Sie der Meinung sind, mich über den Tisch ziehen zu können, dann muss ich Sie enttäuschen. Ich bin kein kleines Dummchen, verstehen Sie?«, flüsterte die Frau.

»Sie tun ja gerade so, als ob Sie Ansprüche stellen können, Miss Blackbush«, meinte der Ankäufer. Er streckte seine Hand aus, ließ sie auf einen Geldstapel plumpsen und zog diesen wieder zu sich. »Mein Angebot ist gerade verfallen. Ich gebe Ihnen Zweitausend für die ganze Herde. Nehmen Sie es oder lassen Sie es.«

»Können Sie vergessen.«

»Dann werden Sie jetzt gehen, Miss Blackbush.«

Nachdenklich nahm sie einen Zug von der Zigarette, lächelte dann undurchschaubar und nickte.

»Alles, was Sie sagen.«

Blackbush stand auf und setzte sich den Stetson auf, nahm noch einen Zug von der Zigarette und drückte sie dann im Aschenbecher aus. Sie tippte sich an die Hutkrempe und drehte auf dem Absatz um. An einem kleinen Tisch bei der Tür saßen die beiden Leibwächter und grinsten sie spöttisch an. Dann, als sie die Tür beinahe erreicht hatte, ging alles rasend schnell.

In einer fließenden Bewegung flog der Staubmantel zur Seite und ein Messer blitzte auf. Die Klinge schnitt durch die Luft und tackerte die Hand des einen Leibwächters auf der Tischplatte fest. Noch während er schrie, hatte Blackbush den Kopf des zweiten Leibwächters gepackt und donnerte ihn gegen die Wand. Die erste Wache heulte vor Schmerz, die andere stöhnte dumpf. Sie beide hatten den Fehler gemacht, die Frau zu unterschätzen. Aber Blackbush hatte wenig mit dem allgemeinen Frauenbild gemein. Sie wirbelte herum, den Revolver in der Hand, und hielt den Ankäufer mit ihm davon ab, Dummheiten zu tun.

»Fangen wir noch einmal an«, lächelte sie gehässig. »Ich habe eintausend Stück Vieh. Und ich bekomme dafür viertausend Dollar.«

Der Ankäufer warf einen erschrockenen Blick zu seinen Leibwächtern. Sogleich standen Schweißperlen auf seiner Stirn.

»Also … äh … Sie … Sie müssen mich falsch …«

»Sparen Sie sich den Atem. Mein Geld?«

Der Mann nickte, sprang beinah von dem Stuhl auf, eilte zum Panzerschrank und nahm einen weiteren Stapel Geldscheine heraus. Eilig – viel schneller als noch zu Beginn – zählte er die Scheine herunter. Unschlüssig blickte er danach auf den Rest des Geldes in seiner Hand, schien abzuwägen, ob er es ihr auch geben sollte.

»Keine Sorge. Ich bin eine ehrliche Frau. Ich will das, was mir zusteht. Eine Diebin bin ich nicht«, verkündete Blackbush. Im gleichen Moment brummte der eine Leibwächter – der mit der blutenden Nase – etwas und machte eine ungelenke Bewegung. Kurzerhand donnerte die lockige Frau dem Mann ihren Revolvergriff gegen den Schädel. Ein Treffer, der den Mann ins Reich lang anhaltender Träume beförderte. Dann nahm sie die vier Geldstapel und tippte sich mit dem Revolverlauf an die Hutkrempe.

»Sir? Es war mir eine Ehre, mit Ihnen Geschäfte zu machen. Empfehlen Sie mich ruhig weiter.« Beim Rausgehen blieb sie noch einmal bei dem Leibwächter stehen, rammte den Revolver zurück in den Holster und legte die Hand auf das Messer. »Oh. Und das hier gehört auch noch mir.«

***

Wehmütig blickte Hitchcock in den Schankraum des Saloons hinab. Unterhalb wurde getrunken, gelacht, gegessen und gespielt. Der Blick des blonden Mannes heftete sich an den zwei Spieltischen fest, an denen die Glücksspielhungrigen saßen.

»Deshalb sind wir nicht hier«, erinnerte ihn Sam mit einem Seitenblick.

Hitchcock brummte genervt und stieg hinter dem Mann in Schwarz die Stufen hinauf. Eine Freitreppe führte zu den umlaufenden Galerien, von denen die einzelnen Zimmer abgingen. Die Räume auf der ersten Galerie waren den leichten Mädchen vorbehalten, so dass sich die beiden Männer an stark geschminkten Schönheiten vorbeidrücken mussten, um eine Etage höher zu gelangen. Die Huren klimperten mit den Augen und hauchten Anzüglichkeiten, doch Reeve blieb eisern und schob Hitchcock vor sich her.

»Du gönnst einem wirklich nicht den kleinsten Spaß, Sam«, zischte der Blonde mit finsterer Miene, als sie das obere Stockwerk erreichten.