1,99 €
Daniel liegt im Hotelzimmer des Berghotels und kann nicht schlafen. Sein Gewissen plagt ihn. Ein paar ungestörte, freie Tage - das war alles, was er sich gewünscht hat, und nun ist doch alles anders gekommen. Das muss wohl Schicksal sein, denkt er.
Seitdem die Wirtschaftszeitung eine Liste mit den zehn vermögendsten Junggesellen des Landes veröffentlicht und ihn in diesem Jahr an die Spitze dieser Aufzählung gesetzt hat, ist Daniels Alltag völlig aus den Fugen geraten. Seine unerwartete Prominenz hat zahlreiche Frauen angelockt, die ihn unbedingt kennenlernen wollen - nicht zu vergessen seinen Status und sein Vermögen. Sie haben sogar sein Haus in München belagert! Um dem Wahnsinn zu entgehen, hat er sich kurzerhand unter dem Mädchennamen seiner Mutter im Berghotel eingemietet.
Und dann hat er sie getroffen: Hannah. Das süße Zimmermädchen. Sie ahnt nicht einmal, wer er in Wirklichkeit ist. Anfangs hat Daniel es genauso gewollt. Jetzt wünscht er sich, er wäre ehrlich gewesen ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 110
Veröffentlichungsjahr: 2018
Cover
Impressum
Ein unerwarteter Gast
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Anne von Sarosdy / Bastei Verlag
Datenkonvertierung eBook: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-6021-9
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Im idyllischen St. Christoph, dort, wo auch der »Bergdoktor« lebt und praktiziert, liegt das Hotel »Am Sonnenhang«. Es ist ein Haus, in dem sehr viel Wert auf Tradition und Gastlichkeit gelegt wird – und sich für die Gäste so mancher Traum erfüllt.
Ein unerwarteter Gast
Er wollte nicht erkannt werden, doch das Schicksal hatte einen anderen Plan
Von Verena Kufsteiner
Daniel liegt im Hotelzimmer des Berghotels und kann nicht schlafen. Sein Gewissen plagt ihn. Ein paar ungestörte, freie Tage – das war alles, was er sich gewünscht hat, und nun ist doch alles anders gekommen. Das muss wohl Schicksal sein, denkt er.
Seitdem die Wirtschaftszeitung eine Liste mit den zehn vermögendsten Junggesellen des Landes veröffentlicht und ihn in diesem Jahr an die Spitze dieser Aufzählung gesetzt hat, ist Daniels Alltag völlig aus den Fugen geraten. Seine unerwartete Prominenz hat zahlreiche Frauen angelockt, die ihn unbedingt kennenlernen wollen – nicht zu vergessen seinen Status und sein Vermögen. Sie haben sogar sein Haus in München belagert! Um dem Wahnsinn zu entgehen, hat er sich kurzerhand unter dem Mädchennamen seiner Mutter im Berghotel eingemietet.
Und dann hat er sie getroffen: Hannah. Das süße Zimmermädchen. Sie ahnt nicht einmal, wer er in Wirklichkeit ist. Anfangs hat Daniel es genauso gewollt. Jetzt wünscht er sich, er wäre ehrlich gewesen …
Der Frühling verwandelte das Zillertal in ein grünes Märchenland. Überall blühte und grünte es, und die Luft war so süß, dass manche Urlauber sie am liebsten in Flaschen gefüllt und mit nach Hause genommen hätten, um sich auch daheim daran zu erfreuen. Hier und da weideten bereits Kühe auf den Hängen. Und in den Gärten rings um die Bauernhäuser reckten sich leuchtend gelbe Narzissen der Sonne entgegen.
Eine steile Serpentinenstraße führte nach St. Christoph hinauf. Das Dorf war so abgelegen, dass die Hektik der modernen Zeit hier noch keinen Einzug gehalten hatte. Urlauber, die mit der Zillertalbahn ankamen, mussten in Mayrhofen in den Linienbus umsteigen, um an ihr Ziel zu gelangen. Dafür stoppte der Bus dann unmittelbar vor dem Sporthotel »Am Sonnenhang«.
Das Berghotel stand auf einer Anhöhe über dem Dorf. Es war ein hübsches mehrstöckiges Alpenhaus mit einer großen Sonnenterrasse und einem Biergarten, in dem es sich an milden Abenden trefflich draußen sitzen, plauschen oder lesen ließ. Von hier aus konnte man weit über die Berge schauen.
Als sich der Abend über das Tal senkte, frischte der Wind spürbar auf und trieb bleigraue Wolken von Nordosten heran. Sie kündigten Regen für kommende Nacht an.
Das ist gut für unseren Garten, befand Hedi Kastler nach einem prüfenden Blick nach draußen. Zufrieden wandte sich die Hotelchefin wieder ihrem Computer zu. Zwei Anfragen für Zimmerbuchungen waren vor wenigen Minuten hereingekommen. Sie verglich die Termine mit ihrem Kalender und seufzte leise. Beide Zeiträume waren längst ausgebucht. Sie würde die Gäste abweisen müssen. Dabei enttäuschte sie äußerst ungern jemanden. Doch ihr Haus war bis in den Herbst hinein so gut wie ausgebucht.
Hedi und ihr Mann Andreas bewirtschafteten das Hotel seit einigen Jahren. Sie steckten all ihre Liebe und Zeit in das Hotel. Sie liebten ihre Arbeit und taten alles, damit sich ihre Gäste rundum wohlfühlten. Gerade plante Hedi einen Tanzabend. Die Band »Hexensteiner« hatte sie bereits dafür gewinnen können. Damit war für schwungvolle Unterhaltung gesorgt. Nun musste sie nur noch mit Leo, ihrem Koch, das Menü abstimmen.
»Guten Abend.« Die raue Stimme veranlasste sie, aufzublicken.
Franz Jell trat an den Empfang und lächelte sie breit an, sodass sich die zahllosen Furchen in seinem Gesicht vertieften. Er trug eine grüne Lodenjacke und braune Hosen mit zahlreichen Taschen. In der Hand hielt er einen Wanderstab.
»Haben Sie an mich gedacht, Frau Kastler?«
»Freilich. Ich werd Sie doch net vergessen, Herr Jell.«
Lächelnd reichte Hedi ihrem Gast die Tageszeitung über den Tresen. Er unternahm jeden Tag einen Ausflug in die Berge und kehrte abends zurück, um die Zeitung bei ihr abzuholen. Der Neunundsiebzigjährige kam jedes Jahr im Frühling und im Herbst drei Wochen ins Zillertal und schwärmte davon, dass ihm die gute Luft und die Bewegung guttaten.
»Ich dank Ihnen schön.« Er drückte die neueste Ausgabe an sich. »Auch wenn ich im Ruhestand bin, möcht ich gern wissen, was auf der Welt los ist.«
»Ja, das versteh ich gut. Ohne meine Morgenzeitung zum Kaffee fehlt mir was.« Hedi lächelte. »Auf Seite drei steht ein Artikel über die Erlebnissennerei von Mayrhofen. Der könnte Sie interessieren. Sie wollten den Betrieb in den nächsten Tagen besuchen, gell?«
»Richtig. Wie schön. Dann kann ich mich gleich mit dem Text auf den Ausflug einstimmen.« Der Rentner warf einen Blick auf die Seite eins. »Oha! Haben Sie das gesehen?«
»Was denn? Was meinen Sie?«
»Die Liste mit den vermögendsten Junggesellen unseres Landes.« Er tippte mit dem Zeigefinger auf die betreffende Stelle. »An erster Stelle steht der Chef eines Software-Unternehmens. Jung und millionenschwer, wie mir scheint.«
»Und fesch«, bestätigte Hedi, die den Artikel ebenfalls gelesen hatte.
Ihr Gast schnalzte missbilligend mit der Zunge.
»Wozu soll diese Liste denn gut sein? Sie suggeriert, dass man den Wert eines Menschen an seiner Brieftasche ablesen kann. Was für ein Schmarrn. Wofür soll das denn gut sein?«
»Tja, das weiß ich leider auch net«, musste Hedi zugeben.
»Diesen Teil werde ich wohl überspringen. Für schwerreiche Junggesellen interessiere ich mich nun wirklich net.«
Ihr Gast lächelte verschmitzt, wurde im nächsten Augenblick jedoch wachsbleich und klammerte sich an den Rand des Tresens, als würde der Boden plötzlich unter ihm schwanken. Ein gedämpftes Stöhnen entfuhr ihm.
Alarmiert lehnte sich Hedi zu ihm vor. »Jessas! Fehlt Ihnen was? Sie sind ja plötzlich ganz blass!«
»Ich … oooh!« Er biss sich auf die Lippen.
»Sie gefallen mir gar net, Herr Jell.«
»Ich bin ja auch schon neunundsiebzig«, ächzte er matt. »Der Altersunterschied wäre zu groß, meinen Sie net?« Er zwinkerte ihr zu.
»Ich meinte, weil Sie so blass sind. Geht’s Ihnen net gut?«
»Mir ist plötzlich furchtbar schwindlig. Ich hatte heute schon mehrmals mit dem Magen zu kämpfen.« Er wedelte mit einer Hand.
»Legen Sie sich besser eine Weile hin und ruhen sich aus. Soll ich einen Arzt für Sie rufen?«
»Das wird net nötig sein, denke ich. Ist sicherlich nur eine Magenverstimmung. Morgen geht’s mir wieder gut. Aber ein bisserl Ruhe wäre jetzt wirklich net verkehrt. Mir ist ein bisserl schwach zumute.«
»Dann werd ich Sie zu Ihrem Zimmer begleiten. Net, dass es Ihnen auf dem Weg dahin schlecht wird. Soll ich Ihnen was aufs Zimmer bringen lassen? Kamillentee und ein leichtes Abendessen vielleicht? Dann müssen Sie sich nachher net nach unten bemühen.«
»Das wäre wirklich schön.«
»Also ist es abgemacht.«
Hedi nahm den Arm ihres Gastes und stützte ihn auf dem Weg zu seiner Unterkunft. Er wankte und atmete hörbar auf, als sie sein Zimmer erreichten. Von einem Hausbesuch des Bergdoktors, der in St. Christoph praktizierte, wollte er nach wie vor nichts wissen, deshalb nahm sich Hedi vor, sich später noch einmal nach seinem Befinden zu erkundigen und zu vergewissern, dass er ohne ärztliche Hilfe zurechtkam.
»Ich werde dem Zimmermädchen Bescheid sagen, dass sie Ihnen das Essen raufbringt«, versprach sie ihm und kehrte auf ihren Posten am Empfang zurück.
Ein kurzer Anruf über das Haustelefon, und das Abendessen für ihren Gast war bestellt.
Vor dem Hotel brach unterdessen ein kräftiger Regenguss los. Dicke Tropfen zerplatzten auf dem Asphalt. Der Wind frischte auf und zerrte an den Kiefern, die sich ächzend neigten. Urlauber, die von ihren Ausflügen zurückkehrten, stürmten mit langen Schritten in die Lobby – erleichtert, dass sie wieder im Trockenen und Warmen waren.
Hedi wollte gerade ihre Wetterjacke holen und draußen im Biergarten nach dem Rechten schauen, als die Drehtür eine junge Frau hereinführte. Die Unbekannte hatte ein blasses, schmales Gesicht und wirkte so elend, dass sich unwillkürlich etwas in Hedi zusammenkrampfte.
Rot verweinte Augen und fest zusammengebissene Lippen verrieten einen tiefen Kummer. Regenwasser rann vom Rand ihrer Kapuze. Ihre Hosen waren dunkel und feucht vor Nässe. Und ihre blonden Haare klebten ihr in der Stirn.
Atemlos lehnte sie eine Hand auf den Tresen und sah Hedi flehend an.
»Grüß Gott«, stieß sie leise hervor. »Haben Sie einen Job für mich?«
Verblüfft erwiderte Hedi den Blick ihres Gegenübers. Mit dieser Frage hatte sie nun nicht gerechnet, deshalb brachte sie nicht gleich eine Erwiderung zustande.
»Ich brauche eine Stellung. Irgendeine.« Ein flehender Unterton schwang in dieser Bitte mit.
»Was machen Sie denn beruflich?«, fand Hedi endlich ihre Sprache wieder.
»Ich hab auf Lehramt studiert, aber ich hab das Studium net abgeschlossen«, erwiderte die Unbekannte stockend. »Mein Name ist Hannah Wiegele. Bitte, können Sie mir einen Job geben? Ich bin fleißig und lerne schnell. Und ich übernehm alles, was gerade anfällt. Bitte. Ich … Bitte.«
»Eigentlich brauchen wir gerade niemanden …« Hedi hielt inne, als sie den Ausdruck in den Augen ihres Gegenübers bemerkte.
Es war die stille Verzweiflung eines Menschen, der das Liebste in seinem Leben verloren hatte. Grundgütiger. Es war beinahe zu viel Schmerz für jemanden, der so jung und so zerbrechlich war wie diese junge Frau. Und so brachte Hedi es nicht übers Herz, sie abzuweisen.
»Fleißige Hände sind uns immer willkommen«, lenkte sie ein. »Wir sind beinahe ausgebucht. Arbeit gibt’s also genug.«
»Dann darf ich hier arbeiten? Wirklich?«
Hannah stieß dankbar den Atem aus. Sie verschlang ihre Hände ineinander, trotzdem entging Hedi nicht, dass sie zitterten.
»Wann können Sie denn anfangen?«
»Jetzt sofort!«, kam es wie aus der Pistole geschossen zurück. »Ja, sofort. Nur schicken Sie mich bitte net wieder fort.«
***
»Guten Morgen«, schmetterte eine fröhliche Frauenstimme aus dem Radiowecker. »Heute erwartet uns ein milder Frühlingstag mit Temperaturen bis zweiundzwanzig Grad und viel Sonnenschein, liebe Hörer. Auf den Straßen Tirols sind noch keine Störungen zu melden. Wir wünschen Ihnen eine gute Fahrt! Und jetzt spielen wir für Sie einen Hit von den Hexensteinern: Wenn i an di denk. Kommen Sie gut in den Tag!«
Eine schwungvolle Melodie erklang und vertrieb die Schläfrigkeit aus Hannahs Gedanken. Sie rieb sich die Augen und richtete sich im Bett auf. Prompt spürte sie einen heftigen Stoß gegen die Stirn.
»Autsch!«
So ganz wach war sie wohl doch noch nicht, sonst wäre ihr bewusst gewesen, dass sie nicht daheim in München war, sondern in ihrer neuen Kammer unter dem Dach des Berghotels – und dass eine Dachschräge genau über ihrem Kopf zur Vorsicht mahnte.
Sie schob die Bettdecke zur Seite und schwang die Beine aus dem Bett. Durch das offene Fenster drang kühle Morgenluft herein. Im Osten zeigte sich am dunklen Himmel erst ein Streifen Licht. Es war kurz nach fünf Uhr, aber hinter etlichen Fenstern im Dorf brannte bereits Licht. Die Bauern standen früh auf und begannen mit ihrem Tagewerk.
Hannah nahm das gerahmte Foto von ihrem Nachttisch zur Hand. Darauf lachte ein junger Mann in Skikleidung in die Kamera. Seine leuchtenden blauen Augen schienen ihr geradewegs ins Herz zu blicken.
»Guten Morgen, Albert.« Hannah strich sacht mit der Daumenkuppe über das Bild ihres Verlobten.
Sie hatte es sich angewöhnt, ihm einen guten Morgen zu wünschen. Nach vier gemeinsamen Jahren fehlten ihr die kleinen Rituale am meisten, die sie einst verbunden hatten: sein Kuss in ihren Nacken, wenn sie bereits am Frühstückstisch saß, ihre liebevolle Neckerei, wer die letzte Semmel essen durfte – die sie sich dann meistens teilten, und sogar sein Schnarchen in der Nacht …
Eine heiße Woge von Trauer spülte jäh über ihr Herz hinweg und raubte ihr sekundenlang den Atem. Albert.
Ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. Er hatte Sport studiert, ebenso auf Lehramt wie sie selbst. Im vergangenen Winter war er morgens mit dem Fahrrad zur Uni unterwegs gewesen, als ein Autofahrer ihn beim Abbiegen übersehen und überfahren hatte. Der Notarzt hatte getan, was er konnte, aber auf dem Weg ins Krankenhaus war Albert gestorben. Er hatte Hannah allein gelassen, und seitdem lief ihr Leben neben der Spur – holprig und verloren wie ein Zug auf dem falschen Gleis.
Hannah hatte es in München nicht mehr ausgehalten. Nach einer weiteren schlaflosen Nacht hatte sie kurzerhand ihre Sachen gepackt und war losgefahren. Wohin, wusste sie selbst nicht. Albert hatte das Zillertal immer geliebt. Er war gern zum Skifahren und Wandern hierhergekommen, deshalb hatte es sie wohl unbewusst hierher verschlagen. Das idyllische Berghotel war ihr wie ein sicherer Hafen erschienen. Sie war einem Impuls gefolgt und hatte nach einer Stelle gefragt.
Und nun war sie hier Zimmermädchen. Die Hotelchefin selbst hatte sie in alle Abläufe und Handgriffe eingeführt und ihr gezeigt, was zu tun war. Hannah musste früh mit der Arbeit anfangen, aber das störte sie nicht. Sie war ein Morgenmensch und stand gern zeitig auf.
Die Kammer unter dem Dach war klein, aber behaglich eingerichtet. Und es war alles vorhanden, was sie brauchte: ein bequemes Bett, ein Schrank aus Zirbenholz, ein Schreibtisch und sogar ein Lesesessel am Fenster. Nebenan gab es ein Badezimmer für sie allein. Und die Aussicht – oh, wie herrlich die war! Die Gäste eine Etage weiter unten zahlten eine Menge Geld für den Ausblick auf die verschneiten Gipfel.
