Das Berghotel 185 - Verena Kufsteiner - E-Book

Das Berghotel 185 E-Book

Verena Kufsteiner

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Beschreibung

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Warum sich die schöne Paulina nicht entscheiden kann
Von Verena Kufsteiner

Paulina Aumüller ist eine kleine Attraktion in St. Christoph, denn vor einigen Jahren hat die Bauerntochter aus Hochbrunn die Wahl zur "Miss Tirol" gewonnen. Ist sie zunächst sehr stolz gewesen auf den Titel, hat sie es nun satt, stets auf ihr Äußeres reduziert zu werden. Niemand scheint ihr etwas zuzutrauen, am wenigsten ihr eigener Vater.
Paulina ist inzwischen erfolgreich als Ernährungsberaterin im Schwazer Kreiskrankenhaus tätig und schlägt nun Hedi und Andi Kastler vor, auch im Berghotel einen wöchentlichen Kurs zum Thema "Gesunde Ernährung" anzubieten, für Gäste und für Dorfbewohner. Sie will beweisen, dass mehr in ihr steckt als nur die "Miss Tirol".
Während die beiden Hotelchefs von der Idee begeistert sind, scheint ihr Anliegen im Dorf auf taube Ohren zu stoßen. Denn als Paulina im "Ochsen" Werbung macht, wird sie verspottet. Einzig die beiden Ellwanger-Brüder Karsten und Tom, die sie noch aus der Schulzeit kennt, kann sie überzeugen. Schnell werden zwischen Karsten und Paulina alte Gefühle wieder wach, und auch die Blicke in Toms grüne, geheimnisvolle Augen verursachen bei Paulina Bauchkribbeln ...

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Seitenzahl: 136

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Cover

Impressum

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Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Anne von Sarosdy / Bastei Verlag

Datenkonvertierung eBook: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-7585-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Im idyllischen St. Christoph, dort, wo auch der »Bergdoktor« lebt und praktiziert, liegt das Hotel »Am Sonnenhang«. Es ist ein Haus, in dem sehr viel Wert auf Tradition und Gastlichkeit gelegt wird – und sich für die Gäste so mancher Traum erfüllt.

Damenwahl

Warum sich die schöne Paulina nicht entscheiden kann

Von Verena Kufsteiner

Paulina Aumüller ist eine kleine Attraktion in St. Christoph, denn vor einigen Jahren hat die Bauerntochter aus Hochbrunn die Wahl zur »Miss Tirol« gewonnen. Ist sie zunächst sehr stolz gewesen auf den Titel, hat sie es nun satt, stets auf ihr Äußeres reduziert zu werden. Niemand scheint ihr etwas zuzutrauen, am wenigsten ihr eigener Vater.

Paulina ist inzwischen erfolgreich als Ernährungsberaterin im Schwazer Kreiskrankenhaus tätig und schlägt nun Hedi und Andi Kastler vor, auch im Berghotel einen wöchentlichen Kurs zum Thema »Gesunde Ernährung« anzubieten, für Gäste und für Dorfbewohner. Sie will beweisen, dass mehr in ihr steckt als nur die »Miss Tirol«.

Während die beiden Hotelchefs von der Idee begeistert sind, scheint ihr Anliegen im Dorf auf taube Ohren zu stoßen. Denn als Paulina im »Ochsen« Werbung macht, wird sie verspottet. Einzig die beiden Ellwanger-Brüder Karsten und Tom, die sie noch aus der Schulzeit kennt, kann sie überzeugen. Schnell werden zwischen Karsten und Paulina alte Gefühle wieder wach, und auch die Blicke in Toms grüne, geheimnisvolle Augen verursachen bei Paulina Bauchkribbeln …

Es war klirrend kalt. Das ganze Zillertal lag unter einer dichten Schneedecke, und die Urlauber des Sporthotels »Am Sonnenhang« konnten sich gar nicht sattsehen an der weißen Pracht, wenn sie in rote, warme Wolldecken gehüllt auf der Panoramaterrasse saßen.

Von hier aus hatte man einen fantastischen Blick über das ruhige Nebental, in dem das beschauliche Dörfchen St. Christoph lag, und wenn sich die strahlende Wintersonne in den winzigen Eiskristallen der Schneedecke brach, funkelten jede Wiese, jede Zirbelkiefer und jedes Haus um die Wette.

Auch Hedi und Andi Kastler, die Besitzer des Hotels, liebten diese Jahreszeit. Schließlich brachte sie ihnen jedes Jahr vollständig ausgebuchte Zimmer ein, weil die Skipisten des Zillertals hielten, was sie versprachen. Aber auch für sie war der Winter in Tirol eine ganz besonders romantische Zeit mit Kaminfeuern, Schlittenfahrten und gemütlichen, warmen Getränken im Kerzenschein. Und weil Hedi und Andi zwar schon ewig ein Paar waren, sich aber immer noch liebten wie am ersten Tag, verfielen auch sie trotz all der Arbeit, sobald es dämmerte, in eine vertraute Stimmung miteinander.

Das hätte Andi auch an diesem frühen Abend Anfang Februar gerne genossen, wenn Hedi ihm in ihrem gemeinsamen Büro kurz hinter der Rezeption nicht gesagt hätte, dass sie gleich noch Besuch bekamen.

Andi stöhnte. »Spatzl. Gestern die Veranstaltung im Edelweißsaal, vorgestern die Romanlesung im Weinstüberl, vorvorgestern das Lichterschwimmen im Hotelschwimmbad … Meinst du net, dass wir uns wenigstens einmal diese Woche einen freien Abend verdient hätten?«

Hedi lächelte aufmunternd. »Es dauert net lang. Versprochen. Die Aumüller-Paulina hat mich gefragt, ob sie etwas mit uns besprechen könnt. Das Madel ist seit Kurzem zurück in St. Christoph.«

Andis Gesicht klärte sich merklich auf. »Die Paulina? Unsere Schönheitskönigin?«

Hedi kniff argwöhnisch die Augen zusammen.

»Ich glaub net, dass es bei ihrem Anliegen um die Misswahl geht.«

Vor einigen Jahren hatte die ausgesprochen hübsche Paulina es geschafft, bei der Wahl zur »Miss Tirol« den ersten Platz zu belegen. Sie stammte von einem Bauernhof in Hochbrunn, einer kleinen Bauernschaft, die zu St. Christoph gehörte. Wenn jemand zuvor gesagt hätte, ein Madel aus Hochbrunn würde es einmal zur »Miss Tirol« bringen, hätte ihm niemand geglaubt. Deshalb war Paulina mit ihrem Sieg eine kleine Attraktion im Tal.

Seither waren mehrere Jahre vergangen. Das Madel war nach Wien gegangen, um zu studieren, und mit einem Abschluss in der Tasche zurückgekehrt. Soweit Hedi wusste, war sie inzwischen Ernährungsberaterin, und weil Hedi seit einigen Monaten mit ihrem Winterspeck kämpfte, erhoffte sie sich von Paulina gute Tipps zu einer kalorienarmen Ernährung.

Andi hingegen schien sich nur für die Schönheit des Madels zu interessieren, als diese wenig später das Büro der Kastlers betrat. Wahrscheinlich durfte Hedi es ihm nicht verdenken, denn mit ihrer hellen, reinen Haut, den strahlend blauen Augen und dem langen, dunkelblonden Haar war Paulina wirklich bildschön.

Aber Hedi neigte zur Eifersucht, was ihr »Anderl« betraf, und außerdem hatte sie aus dem kurzen Telefonat mit dem Madel schon herausgehört, dass es ihr ganz und gar nicht schmeckte, wenn sie auf ihr Aussehen reduziert wurde.

Sie saßen sich an Hedis Schreibtisch gegenüber, und Hedi ließ unauffällig einige benutzte Teller verschwinden. In letzter Zeit war so viel zu tun gewesen, dass sie sich – trotz ihrer Bemühungen abzunehmen – immer wieder dazu hatte verleiten lassen, aus der Küche ein kleines Schmankerl mitzunehmen und neben der Arbeit zu verspeisen. Eine äußerst lästige Angewohnheit, die sie tunlichst in den Griff kriegen musste. Aber Köchin und Konditorin Rosi zauberte auch einfach die köstlichsten Leckereien.

»Vielen Dank, dass ihr euch meinen Vorschlag anhört«, kam Paulina direkt auf den Punkt. »Ich würd euch gern um die Gelegenheit bitten, mich den Leuten hier in St. Christoph einmal von einer anderen Seite als der ›Miss Tirol‹ zu zeigen. Ehrlich gesagt wär’s mir inzwischen ganz recht, wenn sie auch einmal sehen würden, was ich sonst noch so kann.«

Andi nickte bestätigend, doch Hedi sah, wie offensichtlich er die schöne Paulina anstarrte. Sie verdrehte die Augen.

»Ich hab gehört, du hast Ernährungswissenschaften studiert?«, fragte sie dann.

»Ja genau. Damals, nach der Misswahl, fand der Vater plötzlich, ich hätt ›net das Zeug zur Bäuerin‹.« Sie schnaubte. »Dabei hab ich mir nie was draus gemacht, die Hände schmutzig zu machen. Auf einmal war nur noch der Ferdi gut genug für den Hof. Da hab ich mir halt was anderes gesucht, um mich zu beweisen.«

»Der Ferdi ist dein Bruder, gell?«

Paulina machte ein nachdenkliches Gesicht.

»Ja, genau. Er ist ein feiner Kerl, aber noch ziemlich jung für seine dreiundzwanzig Jahre. Hat jede Menge Flausen im Kopf.«

Andi grinste. »Hat er net letzten Sommer mit seinem Traktor ein Rennen veranstaltet und den Zaun vom Ambachhof …?«

Paulina unterbrach ihn, indem sie die Hand hob.

»Ich will’s gar net wissen. Mei, ich hab den Ferdi herzlich gern, aber dass der Vater ihm den Hof eher anvertraut als mir … Das tut ein bisserl weh, versteht’s ihr?«

»Freilich«, stimmte Hedi zu und legte Paulina zur Bekräftigung eine Hand auf den Unterarm.

Paulina atmete tief durch, bevor sie fortfuhr.

»Also, wie gesagt, ich bin also vor ein paar Jahren nach Wien, um allen, die in mir nur noch das hübsche Pupperl sahen, irgendwann einmal zu beweisen, dass an mir mehr dran ist.«

»Hm-hm, hübsches Pupperl …«, bestätigte Andi versonnen, bevor Hedi ihm unter dem Tisch einen unauffälligen Tritt verpassen konnte.

»Ich hab den Abschluss mit Auszeichnung bestanden und sofort eine Anstellung gefunden, was gar net selbstverständlich ist.«

»Was machst du denn jetzt?«, fragte Hedi, die sich unter »Ernährungswissenschaften« so ein bisserl alles und nichts vorstellen konnte.

Sie nahm einen Schluck von dem ungesüßten Rotbuschtee, den sie extra für ihr Gespräch mit Paulina aufgesetzt hatte – und wünschte augenblicklich, sie hätte ihm ein oder zwei Stücke guten alten Zuckers hinzugefügt. Der Tee schmeckte viel zu gesund. Was wahrscheinlich gut war … Hedi nahm sich vor, darauf zu achten, wie Paulina reagierte, doch die hatte noch nicht einmal an ihrer Tasse genippt.

»Ich biete am Kreiskrankenhaus in Schwaz eine Ernährungsberatung an.«

Hedi nickte zufrieden. Paulina würde ihr wahrscheinlich wirklich ein paar Tipps geben können.

»Zum Abnehmen und so?«

»Ja, auch. Aber net nur. Eine gesunde Ernährung hat in vielerlei Hinsicht positive Konsequenzen.«

»Wenn’s nur net immer so fad schmecken tät wie dieser Tee hier …«, murmelte Andi, und Paulina lachte.

»Gesunde Ernährung muss net fad sein. Im Gegenteil! Was gut schmeckt, macht glücklich, und wenn wir glücklich sind, unterstützt das unsere Gesundheit. Das sag ich auch immer den Patienten.«

»Siehst du, Hedi? Wenn’s sogar eine Studierte sagt …«

Wieder musste Paulina lachen.

»Ein bisserl abspecken tät uns beiden trotzdem net schaden«, wandte Hedi ein.

Daraufhin leuchteten Paulinas schöne Augen auf.

»Dann komm ich genau zur rechten Zeit. Um was ich euch nämlich bitten wollt, das wär die Möglichkeit, euren kleinen Saal montagabends für eine Ernährungsgruppe benutzen zu dürfen. So hätt ich die Möglichkeit, gerade auch den Leuten vor Ort ein bisserl zu zeigen, was ich drauf hab.«

Sie lächelte verlegen, und selbst die Röte, die ihr dabei ins Gesicht stieg, wirkte attraktiv. Hedi musste sich zusammenreißen, um nicht vor Neid zu erblassen.

»Als Thema der Gruppe hab ich mir ›Gesund essen – schlank bleiben‹ überlegt. Grad jetzt im bevorstehenden Frühjahr, wenn der Winter sich hoffentlich bald neigt, wollen doch sicher einige ein bisserl Winterspeck loswerden, gell?«

»Freilich!« Hedi war ganz begeistert. »Eine tolle Idee! Ich bin sofort dabei!«

Andi wirkte skeptischer. »Die Bergbauern haben eigentlich kein Problem mit dem Abnehmen. Ich mein, die kraxeln bei ihrer Arbeit eh ständig irgendwelche Abhänge rauf und runter. Da schmelzen die Pfunde ganz von allein.«

»Na, und wir? Wir können da freilich noch was lernen! Ich jedenfalls komm auf jeden Fall«, widersprach Hedi. »Außerdem passt so ein Angebot einfach super ins Programm unseres Sporthotels. Wär’s in Ordnung, wenn auch unsere Gäste dazukämen, Paulina?«

»Freilich. Je mehr, desto besser.« Sie lächelte freundlich.

Da fiel Hedi noch etwas ein. »Ich bin schon seit Längerem in einer Gymnastikgruppe hier im Ort. Um ein paar Pfunde loszuwerden. Vielleicht frag ich die Madeln da auch?«

»Super! Sehr gerne! Und ich tät dann ein bisserl beim ›Ochsen‹ im Dorf die Werbetrommel rühren, wenn euch das recht ist. Schließlich treffen sich dort die Bauern der Gegend zum Stammtisch. Da kann man sicher den einen oder anderen erreichen.«

»Ja, ja, tu das!«, bekräftigte Hedi und stupste Andi an. »Und was machst du?«

Andi antwortete mit einem verständnislosen Blick.

»Wie? Was soll ich machen?«

Hedi verdrehte die Augen. »Anderl, was trägst du zu unserem neuesten Angebot bei?«

Andi kratzte sich verlegen am Hinterkopf.

»Madeln, ich glaub, das ist mehr was für euch. Wir Burschen kümmern uns net so sehr um die Figur. Wir schauen auch mit einem Baucherl noch genauso fesch aus.«

Hedi prustete los, als er sich dabei auch noch mit einer Hand über den Bauch fuhr.

»Wenn du dich da mal net vertust, Anderl!«

***

Doch obwohl Paulina zumindest Hedi Kastler viel schneller als erwartet von ihrer Idee überzeugt hatte, bestätigten sich ihre Befürchtungen, als sie am Samstagabend das Gasthaus »Zum Ochsen« betrat. Die urige Kneipe im Ortskern von St. Christoph war brechend voll. Hier traf sich alles, was nicht lieber vor einem gemütlichen Feuer im heimischen Kamin sitzen blieb.

Schon als sie hereinkam, wurde sie mit großem Hallo empfangen.

»Da schau her, die schöne Prinzessin auf ihrem hohen Ross!«, rief ein Bursche, der vermutlich nonchalant an der Theke lehnen wollte, aber eindeutig zu betrunken war, um noch lässig zu wirken.

Dennoch stimmten alle in sein Gelächter ein, denn sie hatten durchs Fenster gesehen, dass Paulina mit dem Mountainbike gekommen war, und das war in St. Christoph recht ungewöhnlich – zumindest im Februar, wenn alles eingeschneit war.

Paulina verdrehte die Augen. »Mit Winterreifen am Radl ist das gar kein Problem.«

»Hört, hört!«, rief ein anderer Bursche. »So macht man das heuer in Wien!«

»Net nur in Wien …« Paulina winkte ab, als der vollbesetzte Schankraum des Gasthauses wieder einmal unisono in Gelächter ausbrach. »Was red ich überhaupt?«

Sie schälte sich aus ihren Lagen dicker Wollkleidung – Mütze, Schal, Mantel, Handschuhe und noch eine weitere Strickjacke, die sie übergezogen hatte, um sich gegen die Kälte zu schützen. Dann sah sie sich im Raum um.

Alle Stühle waren besetzt, und die Tische gerappelt voll mit Bierkrügen, kleinen Appetithappen und in einem Fall einem Kartenspiel, das die Spieler mit großer Ernsthaftigkeit betrieben. Die Burschen an der Theke wirkten größtenteils angetrunken, während die Madeln in ihren hübschen Dirndln und Trachtenjankern ihnen schöne Augen machten.

Seit sie vor wenigen Jahren nach Wien gegangen war, hatte sich hier wirklich nichts getan. Nur Paulina selbst schien sich verändert zu haben. Sie war nicht mehr das traurige Madel, das jeder unterschätzte, sondern eine gestandene Hochschulabsolventin, deren Meinung für manche Menschen etwas zählte.

Nur hier anscheinend nicht.

Kopfschüttelnd hielt sie nach einem Platz Ausschau, aber alle Stühle schienen besetzt zu sein, und als ihr Blick die überraschten Augen ihres Vaters Hubert Aumüller traf, der sich unter den Kartenspielern befand, sah sie, dass auch er ihr an seinem Tisch keinen Platz anbieten würde. So, wie er sie ansah, schien er zu denken, dass sie hier nichts verloren hatte.

Paulina reckte das Kinn. Gut, dann wurde sie eben ihre kleine Werbeansprache los und verdrückte sich schnell wieder. In dieser Runde entdeckte sie eh niemanden, mit dem sie befreundet gewesen wäre. Und die Frage, warum sie in dem Ort, in dem sie aufgewachsen und zur Schule gegangen war, keine Freunde hatte, schob sie kurzentschlossen weg.

»Ähm, wenn ihr mir kurz zuhören tätet? Bitte?« Sie hörte selbst, dass ihre Stimme viel zu unsicher klang. Herrjeh, sie bot ja nur eine Ernährungsgruppe an. Solche Gruppen leitete sie im Krankenhaus täglich.

Aber in St. Christoph hing für sie irgendwie noch mehr daran.

Allerdings schien niemand ihren Versuch, sich Gehör zu verschaffen, bemerkt zu haben. Nachdem bei ihrer Ankunft alle ihren Spaß gehabt hatten, hatten sie sich wieder ihren jeweiligen Gesprächspartnern zugewandt, und Paulina wurde ignoriert.

»Verzeiht’s, aber könntet ihr vielleicht …?«, versuchte sie es erneut, doch niemand reagierte.

Da erklang links von ihr ein gellender Pfiff, und alle Gespräche verstummten abrupt. Ein Bursche war von seinem Stuhl aufgestanden und bat mit kräftiger Stimme um Ruhe.

Er war groß, schlank, hatte braune Haare und dazu überraschend blaue Augen. Und sie hatte schon als kleines Schulmadel genauso für ihn geschwärmt wie alle anderen Madeln im Dorf.

Karsten Ellwanger: jahrelang der Traum ihrer schlaflosen Nächte – und dass er inzwischen erwachsen geworden war und gemeinsam mit seinem Bruder Tom den Ellwangerhof bewirtschaftete, bekam seiner Ausstrahlung besser, als ihr harmloses Herz vertragen konnte.

»Die Paulina hat, scheint’s, was zu sagen. Also haltet’s einmal kurz den Mund, bittschön«, sagte er und setzte sich wieder, wobei er Paulina aufmunternd zunickte.

Ihr Herz klopfte wie verrückt, und sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. Ob es an der Art lag, wie Karsten ihren Namen ausgesprochen hatte, oder daran, dass plötzlich doch wieder alle Augen auf ihr ruhten, hätte sie nicht sagen können.

Als ihr Blick zu ihrem Vater hinüberzuckte, funkelte dieser sie finster an.

»Ähm, ich wollt euch net lang aufhalten«, begann sie zaghaft, räusperte sich dann und fuhr mit festerer Stimme fort: »Es ist nur so, dass ich eine kleine Ankündigung für euch hab.«

»Dann heraus damit!«, rief eines der Madeln, und Paulina musste das darauffolgende Gelächter abwarten, bevor sie weitersprechen konnte.

»Alles klar, entschuldigt’s. Also, es ist so: Ich bin ja jetzt Ernährungsberaterin, und da hab ich mir gedenkt, vielleicht mag der eine oder andere davon profitieren …«

Nein, das klang nicht richtig. Sie wollte sich nicht aufspielen, sie wollte nur …

»Inwiefern?«, fragte Karsten schräg hinter ihr.

Wieder glühten Paulinas Wangen, als sie sich zu ihm umwandte.

»Ich biet jeden Montagabend eine Ernährungsgruppe im Berghotel an. ›Gesund essen – schlank bleiben‹, soll’s da heißen. Und wer mag, mei, der ist herzlich willkommen.«

»Eine Abnehmgruppe?«, rief ein Bursche von der Theke her. »Damit wir nur noch Salatblätter futtern wie die damischen Models?«

Wieder wurde gelacht.

Paulina schüttelte den Kopf. »Freilich net. Niemand zwingt euch, nur noch Salat zu essen. Das wär auch gar net gesund für den Darm. Ich wollt nur …« Sie kam kurz ins Stocken. »Es soll um ausgewogene, leckere Ernährung gehen. Und damit kann man freilich ein bisserl Winterspeck loswerden …«

»Das haben wir Bergbauern net nötig«, brachte ausgerechnet ihr eigener Vater den Einwand vor, den Andi Kastler vorausgesehen hatte. »Wir kraxeln jeden Tag auf eine Alm hoch oder schlagen Zaunpfähle in den Boden, damit uns die Küh hier im Tal net abhandenkommen. Die Pfunde fallen bei uns ganz von allein.«

»Ja, freilich, aber …«

»Und ich will auch net wie so ein Hungerhaken aussehen. In meinem Dirndl soll noch ein bisserl was zum Anschauen sein, gell?«, unterbrach sie ein Madel, dessen Augen über den rosigen Wangen verräterisch glasig waren. Kokett drückte sie mit den Händen ihr Dekolleté nach oben.