Das Berghotel 196 - Heimatroman - Verena Kufsteiner - E-Book

Das Berghotel 196 - Heimatroman E-Book

Verena Kufsteiner

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Beschreibung

Zwillingsherzen im Glück In St. Christoph finden Moni und Emma wieder zueinander Von Verena Kufsteiner Die Unterberger-Bärbel ist eine alte Bäuerin, die auf ein erfülltes Leben in St. Christoph zurückblicken kann. Jedermann kennt sie, und sie ist allseits sehr beliebt. Umso schockierter sind die Dorfbewohner, als sie von ihrer schweren Erkrankung hören. Auch im Berghotel ist man bestürzt! Bärbel selbst erfüllt das nahende Lebensende eher mit Frieden als mit Angst. Nur eines belastet sie schwer: der fehlende Kontakt zu ihren Enkelinnen. Das Verhältnis zu ihrer Tochter ist zerrüttet, und deswegen hat sie die beiden Madeln schon viele Jahre nicht mehr gesehen. Wie gerne würde sie Moni und Emma noch einmal in die Arme schließen! Das Wiedersehen ist Bärbels letzter Wunsch. Hedi Kastler und ihre Mitarbeiter zögern nicht lange und bieten ihre Hilfe an. Doch das ganze Unterfangen ist nicht so einfach wie gedacht ...

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Seitenzahl: 127

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Inhalt

Cover

Impressum

Zwillingsherzen im Glück

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Bastei Verlag / Anne von Sarosdy

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar

ISBN 9-783-7325-8270-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Zwillingsherzen im Glück

In St. Christoph finden Moni und Emma wieder zueinander

Von Verena Kufsteiner

Die Unterberger-Bärbel ist eine alte Bäuerin, die auf ein erfülltes Leben in St. Christoph zurückblicken kann. Jedermann kennt sie, und sie ist allseits sehr beliebt. Umso schockierter sind die Dorfbewohner, als sie von ihrer schweren Erkrankung hören. Auch im Berghotel ist man bestürzt!

Bärbel selbst erfüllt das nahende Lebensende eher mit Frieden als mit Angst. Nur eines belastet sie schwer: der fehlende Kontakt zu ihren Enkelinnen. Das Verhältnis zu ihrer Tochter ist zerrüttet, und deswegen hat sie die beiden Madeln schon viele Jahre nicht mehr gesehen. Wie gerne würde sie Moni und Emma noch einmal in die Arme schließen!

Das Wiedersehen ist Bärbels letzter Wunsch. Hedi Kastler und ihre Mitarbeiter zögern nicht lange und bieten ihre Hilfe an. Doch das ganze Unterfangen ist nicht so einfach wie gedacht …

Solange man jung war, hatte man das Gefühl, es gäbe noch unendlich viele Jahre, die vor einem lagen. Ja, im Grunde seiner Seele war man felsenfest davon überzeugt, es kämen noch endlos viele Sommer auf einen zu, keiner von ihnen schien der Letzte zu sein.

Die Unterberger-Bärbel seufzte tief, als sie darüber nachdachte. Freilich war auch sie so gewesen, hatte sich jung und beinahe unsterblich gefühlt und keinen Gedanken daran verschwendet, dass es irgendwann auch für sie ein Ende geben würde.

Doch diese unbeschwerten Zeiten waren vorüber. Schon im Winter hatte sie gespürt, dass ihr Körper nicht mehr so mitspielen wollte, wie sie es gewohnt war. Die Arbeit war ihr schwergefallen, sehr schwer. Noch dazu war sie neuerdings so ungewöhnlich kurzatmig, und da waren der starke Husten und diese merkwürdigen Brustschmerzen, unter denen sie litt …

Ein weiteres schweres Seufzen kam über ihre Lippen, während sie den Blick über ihre Obstwiese schweifen ließ. Sie saß auf ihrer Veranda, genoss das herrlich warme Wetter und den Sonnenschein, der eine wahre Wohltat für den Körper war. Eine angenehme Ruhe herrschte hier, nur das Summen der Bienen und Hummeln war zu hören. Sachte strich der milde Sommerwind über Gräser und durch Blätter.

Blickte sie etwas weiter in die Ferne, sah sie die Berge, deren schroffe Umrisse ihr ebenso vertraut waren wie der Anblick ihres eigenen Spiegelbildes.

Wie sehr sie ihre Heimat, das Zillertal, doch liebte! Hier in dem beschaulichen Bergdorf St. Christoph war sie geboren worden, hier hatte sie ihr Leben als Bäuerin verbracht, und nirgendwo anders hätte sie wohnen wollen. Und hier würde sie auch sterben, wenn die Zeit reif war, dachte sie feierlich.

Die Hühner, die sie in Ställen neben dem Haus und dem Obstgarten hielt, gackerten und scharrten friedlich in ihrem großen Freilaufgehege. Munter tummelten sich auch die Wachteln in ihren Volieren. Wenn Bärbel den Kopf ein wenig reckte, konnte sie die Tiere von ihrem Sitzplatz auf der Veranda sehen. Wie immer zauberte ihr der Anblick ein Lächeln auf die Lippen.

Die Hühner und Wachteln waren alles, was vom ursprünglich sehr großen Bauernhof mit Nutztieren und Ackerbau geblieben war, den sie mit ihrem Mann Gustav bewirtschaftet hatte. Es waren gute Zeiten gewesen, anstrengend zwar freilich, aber doch wunderbar befriedigend. Sie hatte die harte Arbeit nie gescheut, ebenso wenig wie Gustav. Oft waren sie nach einem langen Arbeitstag erschöpft und mit schmerzenden Gliedern ins Bett gefallen, doch wann immer sie zufrieden über ihren florierenden Bauernhof geblickt hatten, hatten sie gewusst: Es war alles wert.

Doch nun war sie schon beinahe zehn Jahre lang allein, ihr armer Gustav war verstorben. Und freilich wurde sie auch nicht jünger und konnte nicht mehr so tüchtig anpacken, wie sie gerne wollte. Darum hatte sie nach und nach reduzieren müssen, hatte Vieh verkauft und Land verpachtet.

Ja, die goldenen Zeiten waren vorbei, aber das war in Ordnung. Bärbel hatte ihren Frieden damit gemacht. Was brachte es, der Vergangenheit allzu nostalgisch nachzuhängen? Wenn doch nur …

Ihr Blick wanderte weiter zur Schaukel, die jetzt ganz leicht im Wind schwang und dabei quietschte. Das Seufzen, das nun in Bärbels Kehle emporstieg, war sehr viel trauriger als jene davor. Hier hatte damals immer die kleine Ulrike geschaukelt, ihr liebes Madel, ihre Tochter. Und Jahre später waren es Ulrikes Tochter Moni und Emma gewesen, die die Schaukel genutzt und im Garten gespielt hatten. Bei diesen sehnsüchtigen Erinnerungen wurde Bärbels Herz ganz schwer. Nun war hier schon lange kein glockenhelles Kinderlachen mehr zu hören.

Das Motorengeräusch eines Autos näherte sich, dann kam der Landarzt Dr. Burger auf sie zu. Bärbel empfing den sympathischen Mann mit einem Lächeln. Mit seiner sportlichen Figur und den breiten Schultern, dem vollen braunen Haar mit den silbernen Schläfen und seinem energischen Kinn war er ein sehr attraktiver Mann. Wäre sie um einiges jünger, hätte er ihr durchaus gefallen, dachte sie ein wenig verschmitzt.

„Grüß Gott, Herr Doktor. Schön, dass Sie mir einen Besuch abstatten.“

Sein ernster Blick ließ nichts Gutes vermuten.

„Frau Unterberger, ich hab die Untersuchungsergebnisse dabei“, sagte er.

Die alte Dame nickte gefasst. Es war also, wie sie bereits vermutet und gespürt hatte: Es stand nicht gut um ihre Gesundheit. Wäre alles in Ordnung, hätte es vermutlich auch ein Anruf getan, doch der Landarzt war persönlich vorbeigekommen, um eine unschöne Neuigkeit zu überbringen.

„Gut, aber zuerst einmal koch ich uns einen Tee“, beschloss sie energisch und stand mit einer Leichtigkeit auf, die man angesichts ihres Alters gar nicht erwartet hätte. „Unangenehme Dinge bespricht man am besten mit einem Haferl Tee mit einem guten Schuss Rum, gell?“

Er folgte ihr ins Haus. Sie spürte seinen Blick im Rücken, als sie einen Kessel mit Tee aufsetzte und die Rumflasche aus dem holzvertäfelten Schrankerl holte. Sie ließ sich nicht beirren, weder von der Aussicht auf eine Hiobsbotschaft noch vom durchdringenden Pfeifen des Teekessels.

Erst als sie in der gemütlichen Stube beisammensaßen, die Hände um ihre heißen Teetassen geschlungen, sagte sie: „Also, Herr Doktor nun sagen Sie mir: Wie ist’s um mich bestellt? Und bitte, reden Sie net um den heißen Brei herum. Ich kann die Wahrheit vertragen.“

Sie bemerkte ein schmerzliches Zucken um seinen Mund, seine Augen waren dunkel umwölkt. Sie kannte ihn als durchsetzungsstarken Mann, den nichts so leicht aus der Ruhe brachte, doch nun fiel es ihm offensichtlich schwer, die Worte über die Lippen zu bringen.

„Es tut mir leid, wirklich sehr leid, Frau Unterberger“, sagte er leise. „Es ist Krebs. Lungenkrebs.“

Bärbel atmete tief ein und aus, lehnte sich zurück, trank einen großen Schluck von ihrem Tee. Eine Weile sagte sie gar nichts, sondern blickte nur nachdenklich vor sich hin.

„Frau Unterberger“, sagte der Arzt nach einem Moment besorgt, als sie nicht antwortete. Er beugte sich zu ihr vor, sein Blick war sanft und mitfühlend. „Ich weiß, eine solche Diagnose ist ein Schock. Aber Sie sind damit nicht allein. Natürlich werde ich alles tun, was in meiner Macht steht, um Ihnen zu helfen.“

Ein schwaches Lächeln trat auf ihr Gesicht.

„Jetzt schauen Sie halt net so traurig, Herr Doktor. Alles ist gut. Wissen Sie, ich hab’s ja schon geahnt. Gespürt hab ich’s, dass was net stimmt. Menschen leben net ewig, und das ist gut so. Der Tod gehört zum Leben dazu, untrennbar, gell? Das gibt dem Leben ja erst seinen Wert.“

Er seufzte, griff nach ihrer Hand, drückte sie sanft.

„Und nun trösten Sie mich, dabei haben Sie grad eine schlimme Diagnose bekommen. Sie sind eine sehr starke, besondere Frau. Aber Sie müssen net tapfer sein.“

Ihr Blick ging in die Ferne. „Ich hab mein Leben gelebt“, murmelte sie. „Es war ein gutes, erfülltes Leben, hier im wunderbaren Zillertal auf meinem geliebten Bauernhof. Und wenn ich dran denk, dass es nun zu Ende geht, dann erfüllt mich das net mit Angst. Es ist vielmehr … Frieden, was ich empfind.“

Bärbel schaute aus dem Fenster auf ihren idyllischen Hof und die Berge in der Ferne, auf die Hühner und Wachteln, auf die Schaukel zwischen den Obstbäumen. Dann huschte doch ein Schatten über ihr Gesicht. Sie hatte die Wahrheit gesagt, sie nahm die Nachricht wirklich gefasst auf, aber einige Sorgen hatte sie doch, die sie nun nicht zur Ruhe kommen ließen. Erneut wanderten ihre Gedanken zu ihrer Familie: zu ihrer Tochter, die sich von ihr abgewandt hatte, und den beiden Enkeltöchtern, die sie schon viel zu lang nicht mehr gesehen hatte.

***

„Lungenkrebs!“, stieß Gerti Wachter bestürzt hervor und schlug sich die Hand vor den Mund.

Die junge Physiotherapeutin und Kosmetikerin des Berghotels fühlte sich, als hätte man ihr eine eiskalte Dusche verpasst.

Ihr Magen krampfte sich vor Entsetzen zusammen. Einen Moment lang hoffte sie, sie hätte sich verhört, doch ein Blick in Bärbel Unterbergers ernstes Gesicht machte klar, dass sie deren Worte genau richtig verstanden hatte: Die ältere Frau war wirklich schwer krank.

„Aber … doch nicht Sie“, brachte Gerti schwach hervor.

Ausgerechnet die Bärbel, die immer so fit und lebensfroh war! Gerti bewunderte sie schon lange dafür, dass sie in ihrem Alter noch so gut drauf war. Die einzigen Zipperlein, von denen Gerti bislang wusste, waren ein paar Gelenksprobleme, wegen denen Bärbel auch die Physiotherapie-Stunden bei Gerti verschrieben bekommen hatte.

Auch als Gerti ihr jetzt ins Gesicht blickte, das trotz der Runzeln etwas Verschmitztes, Lebenslustiges an sich hatte, konnte sie sich kaum vorstellen, dass diese liebenswerte Frau an so einer schlimmen Krankheit leiden sollte.

Bärbels bernsteinfarbene Augen blickten klug und munter wie eh und je in die Welt, die schneeweißen Haare hatte sie zu einem ordentlichen Knoten hochgesteckt. Für die Physiotherapie hatte sie das Dirndl ausnahmsweise gegen fesche Sportkleidung getauscht, die zeigte, dass sie auch in ihrem Alter noch eine recht sportliche Figur hatte und sich mit Gymnastik fit hielt.

Jetzt griff Bärbel nach Gertis Hand und tätschelte sie.

„Madel, für jeden kommt eines Tages das Ende“, sagte sie sanft. „Das ist mir immer klar gewesen, und es kommt net überraschend.“

Gerti schluckte und kämpfte gegen den Kloß in ihrer Kehle an.

„Gibt’s denn keine Möglichkeiten …“ Die Stimme versagte ihr.

Bärbel schüttelte den Kopf. „Der Doktor Burger hat’s mir in aller Ruh erklärt. Da kann man nix mehr machen“, stellte sie pragmatisch fest. „Ich möcht die Zeit genießen, die mir noch verbleibt.“

Gerti wunderte sich darüber, wie gefasst und abgeklärt die alte Bäuerin mit der schlimmen Neuigkeit umging.

„Haben Sie denn keine Angst?“, fragte sie leise und hoffte ihr damit nicht zu nahe zu treten. „Ich bewundere, wie tapfer sie wirken.“

Ein wehmütiges Lächeln umspielte Bärbels Mundwinkel.

„In meinem Alter ist’s nimmer so schwer, tapfer zu sein. Ich hab doch alles erlebt, was ich erleben möchte. Ich kann in Frieden gehen. Wenn doch nur …“ Ein Seufzen entkam ihr, ihre Miene verdunkelte sich. Ihr Blick ging in die Ferne, als hinge sie Erinnerungen nach.

„Wenn nur …?“, fragte Gerti vorsichtig nach.

„Ich frag mich, was aus meinem Hof werden soll, wenn ich nimmer bin“, meinte Bärbel bedrückt. „All die Hendln und Wachteln, um die muss sich ja freilich jemand kümmern, und mir fällt die Arbeit immer schwerer. Vielleicht sollt ich drüber nachdenken, die Viecherln nach und nach zu verkaufen. Ewig kann ich nimmer so weitermachen.“

„Da lässt sich doch sicher Hilfe auftreiben“, überlegte Gerti. „Ja, im Dorf sind Sie doch bekannt und beliebt. Ich kann mir net vorstellen, dass Ihnen da keiner helfen würd! Ich werd gern herumfragen und mich ein bisserl umhören, wer Sie gegen ganz kleines Geld unterstützen könnt.“

„Das ist lieb.“ Bärbel lächelte warmherzig. „Ja, vielleicht kann ich mit ein bisserl Unterstützung noch eine Weile so weitermachen. Das wär freilich schön. Ich liebe meinen Hof und die Tiere!“ Das Lächeln verblasste. „Auch wenn ich auf Dauer freilich eine andere Lösung suchen muss. Nix ist für die Ewigkeit.“

Gerti hatte das Gefühl, da sei noch irgendetwas, was Bärbel noch mehr belastete als die Sorge um ihren geliebten Bauernhof.

„Das ist noch net alles, gell?“, fragte sie direkt nach.

„Die Familie fehlt mir.“ Bärbels Stimme war leise, kaum mehr als ein Hauch. „Meine Tochter, die Ulrike, hab ich schon lang nimmer gesehen.“

„Aber wenn sie von der schlimmen Diagnose erfährt, wird sie freilich sofort herkommen!“, stieß Gerti hervor.

Bärbel wiegte den Kopf hin und her, ein weiterer Seufzer entrang sich ihrer Kehle.

„Mag sein, mag auch net sein. Wissen Sie, die Ulrike … sie hat sich immer schon für ihre Abstammung geschämt.“

Mit einem Mal wirkte sie so geknickt, dass Gerti mitleidig ihre Schulter drückte und sich wünschte, sie könnte irgendetwas tun, um zu helfen.

„Geschämt? Aber warum denn?“, fragte die Physiotherapeutin verwirrt.

Mutlos zuckte die alte Frau mit den Schultern.

„Das Leben auf dem Bauernhof war ihr wohl net fein genug, das Dorf zu fad und spießig. Immer schon, seit sie ein blutjunges Madel war, hat’s sie in die Ferne gezogen – in die große Stadt, wo sie Karriere machen konnte. Einmal hat sie mir im Streit an den Kopf geworfen, dass sie neuen Bekannten gegenüber verheimlicht, woher sie stammt. Net einmal ihr Nachname war ihr gut genug: Unterberger sei ja ach so bäuerlich, hat sie behauptet. Woher das Madel die Flausen nur hatte … Das hab ich nie begriffen. Irgendwie wollte sie immer höher hinaus, dabei hatten wir’s hier in St. Christoph so schön.“ Unglücklich schüttelte sie den Kopf.

„Das tut mir sehr leid“, murmelte Gerti bestürzt.

Sie merkte Bärbel deutlich an, wie sehr sie darunter litt. Wie schlimm es sein musste, wenn die eigene Tochter sich von einem distanzierte, noch dazu aus solchen Gründen! Dass die Unterberger-Bärbel eine Tochter hatte, war ihr bewusst gewesen, und auch, dass diese fortgezogen war und sich selten in der Heimat blicken ließ.

Plötzlich schimmerten Tränen in Bärbels Augen.

„Als damals der Prugger-Holger aus Wien ins Zillertal gekommen ist, um Urlaub zu machen, hat sich mein Madel auf Anhieb in ihn verliebt. Ein erfolgreicher Geschäftsmann, welterfahren, aus einer großen Stadt – das ist ihr wohl aufregend vorgekommen. Sie hat ihn geheiratet, ist mit ihm nach Wien gezogen und immer seltener hergekommen. Der Kontakt ist einfach immer mehr eingeschlafen. Mein Madel war ja so beschäftigt in der Großstadt, hat Karriere gemacht, war viel auf Feiern. Mit den Kindern sind die Ulrike und der Holger noch ein paar Mal ins Zillertal gekommen. Oh, wie schön das war!“ Kurz leuchteten ihre Augen auf, wurden aber gleich wieder matt, als sie von traurigen Gedanken überrollt wurde.

„Die Kinder?“, fragte Gerti.

„Ulrikes Töchter, meine Enkel.“ Stolz schwang im Tonfall der alten Frau mit. „Zwei herzige kleine Madeln, eines liebreizender als das andere. Zwillinge, stellen Sie sich das vor! Die Moni und die Emma. Wie sehr ich mich gefreut hab, wenn die Ulrike mit den Kindern zu Besuch gekommen ist! Aber die Besuche sind immer seltener und seltener geworden. Mittlerweile hab ich sie seit vielen Jahren nimmer gesehen. Nachdem die Ulrike und der Holger sich getrennt haben, ist das net besser geworden, leider.“

„Sind sie immer noch in Wien?“, erkundigte sich Gerti.

„Die Ulrike in Wien, ihrer geliebten Großstadt. Sie hat die Emma bei sich. Und der Holger ist irgendwann nach Graz umgesiedelt, die Moni ist bei ihm aufgewachsen. Und das Traurigste ist …“ Sie schluckte, rang sichtlich um Fassung.

„Was denn?“, fragte Gerti besorgt.