Das Berghotel 240 - Heimatroman - Verena Kufsteiner - E-Book

Das Berghotel 240 - Heimatroman E-Book

Verena Kufsteiner

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Beschreibung

Frida Noack ist zu Gast auf der Hochzeit ihres Geschäftspartners. Es ist ein rauschendes Fest im Berghotel, aber Fanny ist nicht wirklich glücklich. Ihr Leben besteht nur aus Arbeit, in ihrer Freizeit kann sie nicht viel mit sich anfangen. Ausgelassenheit und Fröhlichkeit sind der spröden Geschäftsfrau eher fremd. Am Nachmittag verlässt sie deprimiert die Hochzeitsgesellschaft, um einen Spaziergang in den Bergen zu machen. Sie kommt am Gestüt des Barons vorbei und betrachtet die Pferde auf der Koppel. Sie will gerade weitergehen, als der Pferdewirt Zeno Mayr aus dem Stall kommt. Er verwechselt Frida mit der Praktikantin, die sich an diesem Tag vorstellen will und befiehlt ihr in derbem Ton, sich nützlich zu machen. Es kommt zum Schlagabtausch und empört flieht Frida vom Gestüt. Doch ausgerechnet dieser "primitive Naturbursche", wie Frida ihn tituliert, wird ihr fortan ständig über den Weg laufen und schon bald längst vergessene Gefühle in ihr wecken ...

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Seitenzahl: 126

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Inhalt

Cover

Lieb mich, wenn du dich traust

Vorschau

Impressum

Lieb mich, wenn du dich traust

Heiterer Roman aus dem Berghotel

Von Verena Kufsteiner

Frida Noack ist zu Gast auf der Hochzeit ihres Geschäftspartners. Es ist ein rauschendes Fest im Berghotel, aber Frieda ist nicht wirklich glücklich. Ihr Leben besteht nur aus Arbeit, in ihrer Freizeit kann sie nicht viel mit sich anfangen. Ausgelassenheit und Fröhlichkeit sind der spröden Geschäftsfrau eher fremd.

Am Nachmittag verlässt sie deprimiert die Hochzeitsgesellschaft, um einen Spaziergang in den Bergen zu machen. Sie kommt am Gestüt des Barons vorbei und betrachtet die Pferde auf der Koppel. Sie will gerade weitergehen, als der Pferdewirt Zeno Mayr aus dem Stall kommt. Er verwechselt Frida mit der Praktikantin, die sich an diesem Tag vorstellen will und befiehlt ihr in derbem Ton, sich nützlich zu machen. Es kommt zum Schlagabtausch und empört flieht Frida vom Gestüt. Doch ausgerechnet dieser »primitive Naturbursche«, wie Frida ihn tituliert, wird ihr fortan ständig über den Weg laufen und schon bald längst vergessene Gefühle in ihr wecken ...

»Sind die Champagnergläser poliert? Hoffentlich bringt der Mayr-Zeno die Kutsche wieder heil zurück? Ach, und ist die Hochzeitstorte fertig dekoriert?«

Schon wollte Hedi Kastler erneut zur Tür hinaushuschen, um in der Küche nach dem Rechten zu sehen, als ihr Mann Andi sie an den Schultern festhielt.

»Nana, Spatzerl, man könnte ja fast meinen, dass du heute die Braut seist.«

Einen Moment lang sah Hedi aus, als ob sie sich losreißen wollte. Doch ein Blick in die Augen ihres Mannes genügte und ihr Widerstand erstarb. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter und ließ sich willig eine Strähne des blondgefärbten Haares aus der heißen Stirn streichen.

Seit Wochen plante und organisierte die Hotelchefin die exklusivste Hochzeit, die bislang im Berghotel stattgefunden hatte. Nach stundenlangen Gesprächen mit dem Brautpaar, unzähligen Telefonaten mit Lieferanten und zahllosen durchwachten Nächten war der große Tag endlich gekommen.

Seit dem frühen Morgen war Hedi Kastler nun schon auf den Beinen, um die letzten Vorbereitungen zu treffen. Ein Glück, dass das Brautpaar samt Hochzeitsgesellschaft erst in einer halben Stunde aus der Kirche kam. So blieb Zeit für eine kleine aber bitter nötige Verschnaufpause.

»Ehrlich gesagt fühle ich mich auch ein bisserl so wie bei unserer Trauung«, gestand sie in den Armen ihres Mannes. »Schließlich soll die Hochzeit der schönste Tag im Leben eines Paares sein. Da muss alles stimmen. Mal abgesehen davon, dass die zukünftige Frau Hoheneck sehr genaue Vorstellungen hatte.«

Allein beim Gedanken an die ausgefallenen Wünsche der Braut wurde Hedi noch immer schwindlig.

Alexandra Hoheneck hatte alles bis ins kleinste Detail durchgeplant. Sie hatte den Kastlers mitgeteilt, welche Blumen die Bouquets auf den Tischen schmücken und wie sie gesteckt werden sollten. Die Tisch- und Menükarten hatte sie gleich selbst drucken lassen, weißes Damastpapier mit goldener Schrift. Im Kühlraum der Küche wartete nicht nur die fünfstöckige Hochzeitstorte, sondern auch eine Eisskulptur in Form eines Herzens in Übergröße auf ihren Einsatz.

Andi drückte seiner Frau ein Busserl auf die Wange.

»Du wirst sämtliche Erwartungen übertreffen. Alles ist perfekt wie immer. Schau dich doch nur um!« Mit einer Geste umfasste er den ganzen Saal, der nicht wiederzuerkennen war. »Hier schaut es aus wie in einem Hollywoodfilm.«

»Ich verstehe nur net, warum die beiden hier droben heiraten, wenn sie es doch so schick haben wollen.« Unbemerkt war die Hausdame Gerda Stahmer zum Ehepaar Kastler getreten. »Dieser ganze Tand passt doch gar net zu uns.«

Mit dieser Bemerkung hatte sie nicht ganz unrecht.

»Die beiden haben sich beim Bergsteigen im Zillertal kennengelernt«, erinnerte sich Andi an das, was der Bräutigam in einem der stundenlangen Vorgespräche verraten hatte. »Deshalb haben sie hier nach einer geeigneten Location gesucht und sind bei uns fündig geworden.«

»Kein Wunder. Weit und breit gibt es kein schöneres Haus – noch dazu in so einer unvergleichlichen Lage – wie unser Berghotel.« Unvermittelt geriet Hedi ins Schwärmen, wie es normalerweise nur Mütter von ihren Kindern taten. Aber das Berghotel war ja auch so etwas wie das Baby der beiden Wirtsleute. Obwohl sie jahrelang sehnsüchtig auf Nachwuchs gewartet hatten, war es nun zu spät und Hedi und Andi legten all ihre Liebe in das Hotel und die Betreuung ihrer Gäste. »Deshalb verbringt das Brautpaar die Flittertage auch gleich hier. Und ein paar Gäste machen es ihnen nach und hängen einen Kurzurlaub an.«

»Eine bessere Werbung kann uns gar net passieren«, freute sich Gerda und ließ den Anblick noch einmal auf sich wirken, bevor der Edelweiß-Saal von den Gästen gestürmt wurde. Auch wenn sie sich ihre eigene Hochzeit anders vorstellte, wurde sie ein bisserl wehmütig bei dem Anblick. Im Gegensatz zu Leon Hoheneck und seiner zukünftigen Frau Alexandra war sie noch auf der Suche nach der großen Liebe. »Das wird eine echte Traumhochzeit«, seufzte sie aus tiefstem Herzen.

***

Uwe von Stein war spät dran. Aber das störte ihn nicht im Geringsten. Mit der Hochzeit hatte er ohnehin nichts zu schaffen. Ihn führte ein wesentlich delikateres Geschäft hinauf ins Sporthotel »Am Sonnenhang«. Kein Mensch würde Notiz davon nehmen, wenn er sich der Hochzeitsgesellschaft erst im Hotel anschloss.

Fasziniert blickte er durch die Windschutzscheibe auf die herrliche Berglandschaft, die sich vor ihm ausbreitete. An vielen Stellen hatte man den Eindruck, als hätte nie zuvor ein Mensch seinen Fuß auf dieses Fleckchen Erde gesetzt. Dass das ein Trugschluss war, bewiesen die schmalen Straßen, die sich an Bauernhöfen und kleinen Dörfern vorbeischlängelte. Dieser Anblick war so idyllisch, dass Uwe am liebsten nach jeder Kurve Halt gemacht und ein Foto geschossen hätte.

Doch dann erinnerte er sich wieder daran, dass er nicht wegen der schönen Landschaft gekommen war. Sie war ein Zuckerl, eine Dreingabe zu dem Hauptpreis, den es zu gewinnen galt und von dem seine ganze Zukunft abhing. Er drückte das Gaspedal durch und peitschte die Limousine die steilen Serpentinen hinauf, bis er endlich das Berghotel erreichte.

Das gepflegte, im alpinen Stil gebaute Haus lag ein Stückerl oberhalb eines Dorfes mit dem Namen St. Christoph in einem Seitenteil des Zillertals. Der Bräutigam Leon Hoheneck hatte seinem Geschäftspartner im Vorfeld Fotos im Internet gezeigt. Meistens führten Uwe die Geschäfte in anonyme Stadthotels, die alle gleich aussahen. Doch das Berghotel war anders, und er hatte sofort gewusst, dass er sich in diesem charmanten Haus ausgesprochen wohlfühlen würde. Gab es eine bessere Gelegenheit, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden?

Uwes Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Er hatte den Motor gerade erst ausgestellt, als Kilian Garnreiter – der Mann für alle Fälle, wie Hedi Kastler ihren Helfer liebevoll nannte – auch schon herbeieilte, um sich um das Gepäck zu kümmern. Und das war erst der Anfang des vielversprechenden Aufenthalts in den Bergen.

»Grüß Gott!«, hallte Uwe eine freundliche Stimme entgegen, kaum dass er das Hotel betreten hatte. »Herr von Stein, nicht wahr?«, vermutete die Hausdame Gerda Stahmer.

Wohlwollend mustert Uwe von Stein die aparte Erscheinung.

»Sie sind nur nicht ausgesprochen hübsch, sondern können auch noch hellsehen«, erwiderte er ihren Gruß. »Was für eine aufregende Mischung. Sind Sie eine Zauberin?«

Augenblicklich begannen Gerdas Wangen zu glühen. Gut, sein Äußeres wirkte eher farblos, fast ein bisserl spießig mit dem ordentlichen Scheitel und der viereckigen Hornbrille. Dafür war sein Benehmen umso charmanter.

»Manchmal wäre ich das wirklich gerne«, gestand sie. »Aber ehrlich gesagt ist meine Zauberkugel ein Computer. Er hat mir verraten, dass Sie die letzte Anreise heute sind. Sie sind zum ersten Mal bei uns zu Gast und wohnen in Zimmer Nummer 17. Außerdem weiß ich, dass Sie zu spät zur Hochzeit kommen.«

Uwe von Stein lachte. Er beugte sich ein Stückerl über den Tresen und winkte Gerda zu sich.

»Das war Absicht, damit ich Sie ganz für mich alleine habe.« Er warf einen Blick auf das Namensschild an ihrer Dirndlbluse. »Frau Stahmer. Sind Sie die Chefin hier?«

»Tut mir leid, aber ich bin nur die Hausdame«, stammelte Gerda.

Etwas an seiner Art machte sie nervös. Sie war froh, als er ihr den Personalausweis reichte, damit sie den Check-In vorbereiten konnte.

Während ihre Finger über die Tastatur flogen, lächelte Uwe über Gerda Stahmers unverdorbene Frische. Die Frauen in der Großstadt waren oft ganz anders. Zu gerne hätte er seine Verführungskünste an dieser Alpenblume erprobt. Dumm nur, dass ihn eine andere, viel wichtigere Aufgabe erwartete. Aber ein kleiner Flirt war doch trotzdem erlaubt? Später! Jetzt galt es, sich so schnell wie möglich für die Hochzeitsfeier umzuziehen. Sein erster, großer Auftritt. Er war schon gespannt, wie sich die Dinge entwickeln würden.

»Hoffentlich bis bald!«, sagte er zu Gerda und zwinkerte ihr zu, bevor er sich in sein Reich zurückzog.

***

Vor allen anderen Hochzeitsgästen betrat kurz darauf Frida Noack das Hotel und strebte auf den Edelweiß-Saal zu, der laut Alexandras Anweisungen über und über mit weißen Blumen geschmückt war. Auf den Tischen standen Gestecke, kunstvoll komponiert aus weißen Rosen, Tulpen, Ranunkeln und Schleierkraut. Davor reihten sich Stühle mit weißen Stoffbezügen, die bis zum Boden reichten. Die Musiker der Kapelle – natürlich in weißen Hemden zu den Lederhosen – spielten ihre Instrumente ein.

Normalerweise war die nüchterne Physikerin gegen Romantik jeglicher Art immun, ja, sie bemerkte sie meist noch nicht einmal. Doch diesem bezaubernden Anblick konnte selbst Frida sich nicht entziehen.

»Mein Gott, das ist ja traumhaft schön.«

Genau in diesem Moment fiel ein Sonnenstrahl durch eines der großen Fenster und lockte ihren Blick hinaus. Ein weiter, klarer Himmel spannte sich über das schmale Seitental, in dem das weltabgeschiedene St. Christoph lag. Im Hintergrund schimmerten die weißen Kappen der sechs Gipfel, die das Dorf wie steinerne Wächter umgaben und es vor allzu stürmischen Winden und der Hektik der Außenwelt beschützten. Jetzt, im Frühling, blühten die ersten Blumen auf den Almwiesen unterhalb der Wälder, aus denen die Berge emporkletterten. Dieser Anblick ließ auch Fridas Herz aufgehen. Kein Wunder, dass sich ihr Geschäftspartner Leon Hohenstein und seine Braut Alexandra nicht nur ineinander, sondern auch in dieses Fleckchen Erde verliebt hatten.

Nach und nach kamen die Hochzeitsgäste lachend und schwatzend herein. Zufrieden sah nicht nur Frida, sondern auch Hedi und Andi dabei zu, wie einer nach dem anderen verstummte und sich mit großen Augen umsah. Was für eine zauberhafte Kulisse! Das Tuscheln und Raunen verstummte gänzlich, als die Kapelle den Hochzeitsmarsch anstimmte und das frisch getraute Paar in der Tür erschien.

»Schau nur, Anderl!« Hedi seufzte verzückt.

Normalerweise fand Frida nachgemachte Trachten lächerlich. Doch auch sie musste insgeheim zugeben, dass Leon fantastisch aussah in seinem grauen Anzug mit Lederapplikationen und Hirschhornknöpfen. Und Alexandra erst!

Sie trug ein weißes Dirndl aus Jaquardseide mit langen Spitzenärmeln. Die silberfarbenen Miederhaken waren mit kleinen Kristallsteinen besetzt, die bei jeder Bewegung glitzerten. Natürlich war auch die weiße Schürze nicht einfach nur eine Schürze, sondern über und über mit Blumen, Ranken und Perlen bestickt. Niemals hätte Frida so ein verspieltes Kleid getragen. Aber Alexandra sah darin aus wie eine leibhaftige Märchenprinzessin.

Frida hielt die Luft an, als das Brautpaar durch das weiße Rosenspalier an der Tür schritt. Dieser Anblick ließ sie sogar vergessen, dass sie eigentlich gar nicht hier sein wollte. Nicht nach allem, was Leon ihr in den vergangenen Wochen angetan hatte. Nicht nach dem Streit, der ihre Zusammenarbeit in den Grundfesten erschüttert hatte.

Noch immer wurde ihr schwindlig, wenn sie an das Angebot des Medizintechnik-Konzerns dachte, der sich ihre Firma Noho Labortechnik, ihr Baby, einverleiben wollte und von dem Leon so begeistert war, dass er die Firma am liebsten gleich verkauft hätte. Wäre da nicht Frida gewesen, die sich mit Händen und Füßen gegen die feindliche Übernahme wehrte. Sie ballte die rechte Hand zur Faust.

»Niemals verkaufe ich meinen Anteil!«, murmelte sie vor sich hin, während das Brautpaar unter dem Applaus der Gäste auf seine Plätze zuschritt.

»Wie bitte?«

Frida zuckte zusammen. Mit einem Schlag kehrte sie ins Hier und Jetzt zurück.

»Ach, nichts.« Sie musterte den Mann im grauen Zweireiher, der neben sie getreten war. Sie hatte ihn noch nie gesehen, wie so viele andere Gäste der Hochzeitsgesellschaft. »Was für ein schönes Paar«, wechselte sie geistesgegenwärtig das Thema.

»Ja, nicht wahr?« Der Fremde nickte lächelnd. »Man könnte glatt neidisch werden.« Sein Blick ruhte ein bisschen zu lange auf Fridas Gesicht. »Uwe von Stein, ich bin ein Großcousin der Braut«, erinnerte er sich endlich an seine guten Manieren.

»Ich wusste gar nicht, dass Alexandra von vornehmer Herkunft ist.«

»Verarmter Adel«, erwiderte Uwe. »Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?«

Frida musterte ihm mit schief gelegtem Kopf. Sie war nicht gekommen, um neue Bekanntschaften zu schließen. Schon gar keine Männerbekanntschaften. Mit Männern hatte sie bisher kein Glück gehabt und nach der letzten gescheiterten Beziehung beschlossen, die Finger davon zu lassen. Auf der anderen Seite sah er ganz nett aus, vielleicht ein bisschen spießig. Was aber viel wichtiger war: Er wirkte angenehm unaufdringlich.

»Dr. Frida Noack«, erwiderte sie. »Leon ist mein Geschäftspartner. Wir haben zusammen Physik studiert und beschäftigen uns inzwischen mit der Entwicklung und dem Vertrieb hochtechnisierter Laborgeräte.«

»Was Sie nicht sagen!« Uwe von Stein deutete eine Verbeugung an. »Meine Hochachtung! Leider verstehe ich überhaupt nichts von technischen Dingen.«

Er wollte fortfahren, als die Kapelle einen Tusch spielte.

Inzwischen hatten sich alle Hochzeitsgäste im Edelweiß-Saal eingefunden. Der Bräutigam war ans Mikrofon getreten, um ein paar warme Worte zu sprechen. Diese Gelegenheit nutzte Frida, um sich von ihrem Gesprächspartner zu verabschieden und schnell auf ihren Platz zu schlüpfen.

***

In der Hotelküche war von der Hochzeitsgesellschaft nichts zu hören. Und wenn, dann hätte keiner der Küchengeister darauf geachtet. Auf fast jeder Herdplatte dampfte ein Topf oder zischte eine Pfanne. Das Personal lief hin und her, klapperte mit Geschirr und rief sich Befehle zu. Aber so chaotisch die Szene auch wirkte, so folgte sie doch einer unsichtbaren Choreographie. Jeder wusste, was er zu tun hatte, allen voran die Köchin Rosa Stadler.

»Krebsschwänze mit Avocadomousse auf Ingwerspänen, Forellenröllchen mit Limettenschaum auf einem bunten Gemüsebett, getrüffelte Kalbsbrust, Veilchensorbet auf Champagnercreme. Und dass alles am liebsten ohne Fett und Zucker.« Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ihrer Miene war deutlich anzusehen, was sie von der Speisenwahl des Brautpaares hielt. »Wenn wir im Schloss von der Kaiserin Sisi wären, würde ich das ja alles verstehen. Aber das hier ist das Berghotel. Hierher gehört unsere ehrliche, bodenständige Küche. Ich könnte den Gästen den weltbesten Kaiserschmarrn servieren. Eine Forelle Müllerin Art oder meinetwegen auch einen Wiener Zwiebelrostbraten«, schimpfte sie. »Aber nein, unsere Küche ist offenbar net erlesen genug für die feinen Herrschaften.«

Während sie mit ihrem Schicksal haderte, hackte sie auf einen Bund Schnittlauch ein.

Normalerweise war das die Aufgabe der Zöllner-Sissi, die als Küchenhilfe im Berghotel arbeitete. Ab und zu musste auch der Auszubildende Stefan Werninger für diese niederen Dienste herhalten. Doch in diesem Augenblick kam Rosi diese Arbeit ganz gelegen. So konnte sie wenigstens ihrem Unmut Luft machen.

Chefkoch Leo Hofbacher wirbelte unterdessen von einem brodelnden Kochtopf zum nächsten, rührte hier das Gemüse um und schmeckte dort noch einmal die Sauce für die Kalbsbrust ab, bevor die Serviermadeln die fertig angerichteten Teller holten.

»Ich hab gar net gewusst, dass du so langweilig bist und immer nur Kaiserschmarrn und Topfenstrudel zubereiten willst«, rief er der Rosi zu.