Das Bild der Erinnerung - Micaela Jary - E-Book

Das Bild der Erinnerung E-Book

Micaela Jary

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Beschreibung

Sie sucht nach einem verschwundenen Gemälde – und entdeckt ein Familiengeheimnis und die große Liebe.

Einem Münchner Auktionshaus wird ein Bild des berühmten impressionistischen Malers Leo Reichenstein angeboten, das 70 Jahre als verschollen galt. Die junge Kunsthistorikerin Anna Falkenberg hat Zweifel an der Echtheit des Gemäldes. Ihre Nachforschungen führen sie zur Galerie Richardson in London. Der attraktive Oliver Richardson, der die Galerie leitet, rät Anna, sich an seinen Großvater Henry zu wenden. Oliver begleitet Anna auf ihrer Reise an die wildromantische Küste Cornwalls. Doch als Anna mit Henry Richardson spricht, ist sie zutiefst irritiert. Denn die Geschichte des Bildes führt in das besetzte Berlin der Nachkriegszeit zurück und scheint eng mit ihrer eigenen Geschichte verbunden zu sein.

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Die junge Kunsthistorikerin Anna Falkenberg arbeitet in einem Münchner Auktionshaus. Eines Tages wird das Bild eines Liebespaares des berühmten impressionistischen Malers Leo Reichenstein eingeliefert, das seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen galt. Auf den ersten Blick das Original, doch Anna beschleichen Zweifel an der Echtheit des Gemäldes, und sie beginnt Nachforschungen anzustellen. Ihre Recherchen führen sie zu einer Galerie nach London und zu dem charmanten Oliver Richardson, der ebenfalls an der Geschichte des Bildes interessiert ist. Er fährt mit ihr nach Cornwall zu seinem Großvater, der die Wahrheit zu kennen scheint. Henry Richardson nimmt Anna mit auf eine Reise in die Vergangenheit und zu einer großen Liebe im Jahre 1946 in Berlin. Erinnerungen werden lebendig, die schließlich auch Annas eigenes Leben berühren ...

Informationen zu Micaela Jarysowie zu weiteren Titeln der Autorinfinden Sie am Ende des Buches.

Micaela Jary

Das Bildder Erinnerung

Roman

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Copyright © 2013 by Wilhelm GoldmannVerlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbHNeumarkter Str. 28, 81673 MünchenGestaltung des Umschlags: UNO Werbeagentur MünchenUmschlagfoto: © Getty images/Bruno Crescia Photography Inc; Getty Images/Brian KennedyRedaktion: Marion VoigtBH · Herstellung: Str.Satz: DTP Service Apel, HannoverISBN: 978-3-641-09979-4V002www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz
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Am Ende ist die Wahrheit das Einzige,das wert ist, dass man es besitzt:Sie ist aufwühlender als Liebe,freudvoller und leidenschaftlicher.Sie kann einfach nicht versagen.

Katherine Mansfield

London, 1961

Prolog

Das Bild zog Philip magisch an.

Er wollte sich abwenden, seinen Weg durch die im Licht der aufflammenden Straßenlaternen und Autoscheinwerfer gelb schimmernde Bond Street fortsetzen, um pünktlich – und trocken – zu seinem Termin zu kommen. Der für die Themse-Metropole typische dichte Sprühregen wehte ihm ins Gesicht, das braune Haar klebte ihm in dicken, feuchten Strähnen an der Stirn. Nicht mehr lange und er würde durchnässt sein bis auf die Haut – und auszusehen wie ein großartiger Journalist wäre dann endgültig nur noch Illusion. Doch er rührte sich keinen Meter fort von seinem zufälligen Standort vor dem Schaufenster.

Wie gebannt starrte er auf das Bild. Es war nur etwa so groß wie ein DIN-A3-Blatt, und es hing fast versteckt an einer Wand der Galerie, in die man durch die Auslage hineinschauen konnte. Philip wusste nicht, wie er darauf aufmerksam geworden war. Es schien ihm, als hätte ihn das Gemälde gerufen. Warum sonst war er überhaupt hier stehen geblieben? Üblicherweise drückte er sich die Nase nicht an den Vitrinen von Kunsthandlungen platt.

Das Motiv war eine Liebesszene. Ein wenig obszön, ziemlich skandalös, vielleicht schockierend, wahrscheinlich genial. Doch das alles war ihm ebenso gleichgültig wie der Name des Malers oder dessen Duktus. Nicht einmal der Preis interessierte ihn. Im Vordergrund stand einzig die Erinnerung. Und das, was das Betrachten des Bildes in seinem Körper, seinem Kopf, in seinem Herzen anrichtete.

Plötzlich war er nicht mehr Philip Coleman, vierzig Jahre alt und Reporter aus München, dabei mäßig erfolgreich, enttäuscht vom Leben und gebeugt unter der Last seines Versagens. Mit einem Mal wurde er auf mystische Weise zu einem anderen, Jüngeren, Besseren. Zu einem Menschen, der im blinden Glauben an den Frieden meinte, das Glück wäre grenzenlos und nach dem Schrecken des Krieges nicht mehr brüchig …

Ein Mann stand unbekleidet auf dem Sandstreifen eines stillen Gewässers, eines Sees oder eines Flusses, im Rücken einen dichten, in allerlei Grüntönen schattierten Strauch. Gesicht und Oberkörper des Mannes wurden von dem Hinterkopf und der Statur einer Frau verdeckt, die nackt auf seinen Hüften saß, die Beine um seine Taille geschlungen. Seine Muskeln traten an den Oberschenkeln und den Armen hervor, eine Hand stützte ihren Po, die andere umfasste vermutlich ihren Busen. Es kostete den Mann offensichtlich große Anstrengung, das Gleichgewicht zu halten.

Philip war es, als könnte er die körperlichen Schmerzen des Mannes am eigenen Leibe fühlen. Und doch spürte man in dieser Situation nicht wirklich das Ziehen in den Muskeln, weil Begehren und Wollust die Oberhand gewannen. Er wusste das. Die Angst vor einem Sturz war längst der atemlosen Hingabe gewichen, wenn auch ein Hauch davon übrig geblieben war. Der Gedanke, von der eigenen Leidenschaft ebenso niedergeworfen zu werden wie von dem zarten Körper der Geliebten, schwelte in seinem Hirn wie das Wissen um die Herrlichkeit der Erfüllung. Philip kannte die Gefühle des Porträtierten genau.

Ihr Name war Fee. Wie die Figur aus dem Märchen. Sie sah auch so aus, wie man sich gemeinhin eine gute Fee vorstellte: blond, blauäugig, fragil. Und sie hatte ihn verzaubert. Im Rückblick fragte er sich allerdings manchmal, ob sie wirklich die gute Fee gewesen war oder eher die böse, eine verkleidete Hexe, die ihn mit einem Bann belegt hatte, den er nicht in der Lage war abzuschütteln. Bis heute nicht.

Fünfzehn Jahre lagen zwischen dem Moment am Wannsee, in dem er zu dem unbekannten Mann auf dem Bild geworden war, und heute. Damals hatte die Sonne geschienen. Heute war ein regnerischer, grauer Tag, der sich in einen ebenso trostlosen Abend verwandeln würde und genauso zu werden versprach wie die Abfolge von Tagen und Abenden, die sein im Alltag gefangenes Leben bestimmten. Ein Leben, das er so niemals hatte führen wollen, und inzwischen verwandelten sich seine Träume in Albträume. Doch da war nun dieses Bild, das ihn aus den Fesseln der Normalität riss. Und da war die Erinnerung.

Nichts anderes zählte mehr. Sein überaus wichtiges Interview mit Rob Walker, dem Whisky-Erben und Formel-1-Rennstall-Besitzer, war vergessen. Die feinen Nadelstiche des Sprühregens spürte er nicht mehr. Nicht weit von ihm entfernt stand ein Zeitungsverkäufer, doch auch die ausgerufenen neuen Nachrichten gingen ihn nichts an. Was scherten ihn der Vulkanausbruch auf einer Insel im Südatlantik, Demonstrationen gegen den Hunger im indischen Kalkutta oder die Geburt eines Sohnes für Prinzessin Margaret, die Schwester der Queen?

Entrückt starrte er auf das Bild und erinnerte sich dabei an die Verzückung, die Fee ihm damals geschenkt hatte, als wäre es heute. La petite mort nannte man in Frankreich den Orgasmus. Philip wusste genau, was der kleine Tod bedeutete – in jeder Hinsicht.

Schrie der inzwischen heisere Zeitungsverkäufer gerade den Namen jener Stadt heraus, die Philips Schicksalsort war – oder bildete er sich das nur ein? Schon möglich, dass von Berlin die Rede war. Seit dem Bau einer Mauer, die die geschundene Stadt in einen Ost- und einen Westteil trennte, befand sich Berlin wieder in den Schlagzeilen, nicht nur in Philips Erinnerungen.

In Gedanken versunken trat er einen Schritt zur Seite – in Richtung Ladentür. Zog es ihn wirklich in die Galerie? Vielleicht wollte er das Gemälde aus der Nähe betrachten. Sich überzeugen, dass es tatsächlich das Bild von damals war. Möglicherweise sollte er sich nach dem Preis erkundigen. Dabei konnte er sicher sein, dass das Gemälde unerschwinglich für ihn war. In Mayfair ließen sich nur die vornehmsten Kunsthändler nieder, in dieser noblen Gegend wurde geklotzt, nicht gekleckert. Hier wurden auch keine Preisnachlässe gewährt. Nicht einmal auf Erinnerungen …

Er entschied, dass er die in Öl festgehaltene Szene wenigstens einmal aus der Nähe sehen sollte. Er wollte sicher sein, dass ihn sein Blick durch das Schaufenster nicht trog.

Das Geräusch von Reifen auf nassem Asphalt und das Quietschen feuchter Bremsen rissen ihn aus seiner stillen Rückschau. Aus einer riesigen Pfütze spritzte das Wasser auf wie aus dem Springbrunnen am Piccadilly Circus.

Noch mehr Nässe kroch durch Philips Hosenbeine. Automatisch bückte er sich in der wahrscheinlich sinnlosen Absicht, die Tropfen von dem Stoff zu streichen. Im selben Moment wurde er ruppig zur Seite gestoßen. Jäh taumelte er, drohte zu straucheln.

»Beg your pardon«, flötete eine Frauenstimme. Ihre Entschuldigung klang halbherzig. Offenbar befand sich die Person in Eile und war an seiner Befindlichkeit ebenso wenig interessiert wie an der eigenen Schuld.

Glücklicherweise war er nicht gestürzt. Er fuhr herum, um die Übeltäterin zurechtzuweisen. In einem vom schmutzigen Regenwasser verunreinigten Anzug konnte er unmöglich im luxuriösen Hotel Claridge’s zu seiner Verabredung erscheinen.

Außer einem weit fallenden, kostbaren Ozelotmantel sah er erst einmal nichts. Der braun-gold-silber-weiß gefleckte Pelz schwang ihm ins Gesicht, als sich die Trägerin hastig die Eingangsstufen zur Galerie hinaufbewegte.

»Philip?!« Der Tonfall der Frau veränderte sich, dann rief sie auf Deutsch aus: »Wir kennen uns! Du bist doch Philip? Philip Coleman. Grundgütiger! Erinnerst du dich nicht an damals in Berlin …?«

Er sah sie an – und mit einem Mal war die Erinnerung ein Teil der Realität.

München, 2010

1

Es war eine Ironie des Schicksals, dass Anna Falkenberg in einer Branche arbeitete, in der vor allem die weibliche Kundschaft besaß, was ihr am meisten fehlte: Geld und Zeit.

Natürlich hätte sie sich um eine Festanstellung in einem Museum bewerben können, wo sie gelegentlich höchstens mit den Mitgliedern des Freundeskreises zusammenträfe und ansonsten in einem geregelten Arbeitsalltag einsam in Bibliotheken und Archiven recherchieren würde. Aber einen Job zu finden war schwierig, und die Gehälter von wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen orientierten sich am Tariflohn des öffentlichen Dienstes, was wiederum bedeutete, dass meist noch weniger als in der freien Wirtschaft bezahlt wurde.

Doch nicht nur wegen des Geldes arbeitete sie als Kunstsachverständige in einem privaten Auktionshaus. Anna gefiel ihre Arbeit trotz der Konfrontation mit einer Klientel, die neben einem beachtlichen Vermögen mit dem unerschütterlichen Vorurteil ausgestattet war, dass Mitarbeiterinnen einer Kunsthandlung auf derselben Ebene wie Supermarktkassiererinnen standen – so sie denn nicht zum Clan etwa der Familie Bonhoff gehörten, die seit Generationen im Geschäft mit der Kunst mitmischte. Dass ihr Chef ganz offen Interesse an einer außerehelichen Affäre zeigte, kam zur Aufwertung ihrer Person wohl nicht in Betracht.

Umso erstaunter war Anna über den Auftritt einer Dame, die von der Chefsekretärin in den mit kostbaren Antiquitäten ausgestatteten Salon geführt wurde, in den Rainer Bonhoff nur Geschäftsfreunde bat, die besonders aussichtsreiche Deals versprachen.

Die Kundin war mittelgroß und von einer natürlichen Eleganz, die Anna den Atem verschlug. Jede der Bewegungen, die in der Wolke von Yves Saint Laurents »Opium« ausgeführt wurden, schien auf einem Laufsteg eingeübt, wirkte dabei aber sonderbar selbstverständlich und nicht manieriert. Das zu einem brünetten Bob geschnittene Haar umrahmte ein apartes, geschickt geschminktes Gesicht mit großen grauen Augen, die von einem Netz feiner Falten umgeben waren. Ihr Lächeln war freundlich und offen, als sei es tatsächlich eine Freude für sie, Annas Bekanntschaft zu machen. Der Händedruck war fest, wenn auch nicht zu energisch. Eine wohldosierte Mischung aus Herzlichkeit und Geschäftssinn, die neugierig machte. Und: Man befand sich auf einer Ebene, obwohl die Besucherin bestimmt über fünfzig und damit deutlich älter als Anna war.

Bei der Tagesbesprechung am Morgen hatte Rainer Bonhoff die Kundin angekündigt: »Wir erwarten eine Einlieferung von Beatrice Coleman aus New York. Sie möchte die Sammlung Coleman, deren Erbin sie ist, auflösen und uns zum Verkauf überlassen. Ich hatte bereits vor zwei Jahren das Vergnügen einer hervorragenden Zusammenarbeit. Nun denkt sie an die Versteigerung eines weiteren Bildes, eine Art Test für die künftige Kooperation und um den Markt für Impressionisten und klassische Moderne zu sondieren …«

»Den Markt sondieren?«, wiederholte die Praktikantin kichernd, eine Studentin im dritten Semester. »Wieso das denn? Jedes Kind weiß doch, dass mit Impressionisten enorme Preise erzielt werden. Wie viele Millionen erwartet sie wohl?«

»Wir sprechen hier von deutschen Impressionisten«, erwiderte Bonhoff. »Alles andere hätte sie wohl Christie’s oder Sotheby’s angeboten. Mit einem Werk von Leo Reichenstein wird sie bei uns sicher besser bedient.«

In einer selbstgefälligen Geste zupfte der Kunsthändler an seiner weinroten Krawatte, die perfekt zu seinem nachtblauen Anzug passte und ein Pendant im Einstecktuch seines Sakkos fand. »Da es sich um eine große Sammlung handelt«, fügte er hinzu und maß seine versammelten Mitarbeiterinnen mit einem scharfen Blick, »erwarte ich einen reibungslosen Ablauf der Angelegenheit.«

Seine Augen blieben an Anna hängen. An einer hochgewachsenen jungen Frau von zweiunddreißig Jahren, die ob ihrer unmodernen, weiblichen Figur zuweilen recht unglücklich war. Sie war blond, blauäugig und kurzsichtig und meist ebenso dezent geschminkt wie nachlässig frisiert. Heute trug sie einen schwarzen Rock und einen ebensolchen Blazer, das Kostüm passte jedoch vom Ton her nicht zusammen, weil ihre fünfjährige Tochter beim Frühstück versehentlich die Kakaotasse über der zum Anzug gehörenden Hose ausgeleert hatte.

Anna hatte geahnt, dass sich die Aufmerksamkeit ihres Chefs auf sie konzentrieren würde. Das bezog sich diesmal nicht auf ihre Oberweite. In ihrer Magisterarbeit hatte sie den Unterschied zwischen französischem und deutschem Impressionismus untersucht, und danach spezialisierte sie sich auf Gemälde von Malern wie Max Slevogt, Lovis Corinth, Max Liebermann oder eben Leo Reichenstein. Bereits als kleines Mädchen hatte sie, auf dem Schoß ihrer Oma sitzend und in einem Bildband blätternd, Bekanntschaft mit dieser Kunstrichtung gemacht. Später versuchte sie, selbst ausdrucksstarke Bilder mit leuchtenden Farben herzustellen, doch es fehlte ihr an Talent. Also beließ sie es bei der Theorie und studierte Kunstgeschichte.

Der Begegnung mit der neuen Kundin sah sie daher eher mit gemischten Gefühlen entgegen. Von einer Sammlung Coleman hatte sie nie zuvor gehört. Aber sie getraute sich nicht, ihre Unwissenheit zu offenbaren, da ihr Chef mit einer Hochachtung sprach, als hätte er die Sammlungen Guggenheim, Getty oder Berggruen erwähnt. Allerdings könnte gerade die mangelnde Bekanntheit ein Indiz für einen sensationellen Fund sein, auf den sie – wie die meisten Kunsthistoriker – irgendwann einmal hoffte.

Ein wenig unsicher stand Anna der kultivierten Dame gegenüber, die nach dem kurzen Begrüßungsritual sofort zur Sache kam und das Bild in ihrer Hand, das nicht größer als eine geräumige Aktentasche war, von dem schützenden Mantel aus Packpapier und Noppenfolie befreite.

Und da war es!

Ölfarbe auf leinwandstrukturierter Pappe, in der Farbwahl fast eintönig, dennoch leuchtend und im Ausdruck überwältigend. Das Liebespaar von Leo Reichenstein, entstanden 1926, seit Jahrzehnten unauffindbar.

Anna strich sich betont langsam eine Haarsträhne hinter das Ohr – und versuchte, die hochfliegenden Träume von Lorbeeren als Kunsthistorikerin und Sachverständige vorläufig aus ihren Gedanken zu wischen, um sich ganz auf das Bild zu konzentrieren.

Das Motiv schockierte selbst in der heutigen Zeit. Die Darstellung des Paares war so intensiv, als würde der Betrachter den Akt selbst erleben. Leidenschaftliche Begierde, im Stehen vollzogen. Anna hatte nicht die geringste Ahnung, wie der Mann das Gleichgewicht halten konnte, während die Frau auf seinen Hüften saß, aber die Szene fesselte und ließ keine Fragen offen.

Unwillkürlich stieß sie die Luft aus und wunderte sich gleichzeitig, dass sie ihren Atem so lange angehalten hatte. Sie sehnte sich nach ihrem kleinen Büro, nach dem Regal mit den wichtigsten Nachschlagewerken, in denen sie sich über dieses Bild genau informieren wollte.

Lag die Aufregung, die ihren Herzschlag beschleunigte, aber wirklich nur im Auffinden eines vergessenen Bildes? Wurde sie nicht vielmehr stark von der Erotik der Darstellung berührt? Ein bisschen peinlich war der Anblick schon – vor allem in Gegenwart eines Mannes, der ihr Avancen machte.

»Das ist nur ein Werk aus der Sammlung meines Stiefvaters«, erklärte die Kundin aus New York in akzentfreiem Deutsch, ihre Betonung lag auf dem Wörtchen ein. »Philip Coleman war ein großer Freund der bildenden Kunst. Er besaß viele Gemälde von herausragender Qualität, aber das sagte ich bereits, nicht wahr? Da ich seine alte Wohnung endlich verkaufen möchte … ach, daran hängen so viele Erinnerungen … nun ja, ich muss mich von der Sammlung trennen. Der Platz dafür fehlt mir einfach … Sie verstehen?«

»Wir werden gewiss eine Lösung für Ihr Platzproblem finden«, versprach Bonhoff. »Frau Falkenberg wird eine Expertise erstellen, und dann dürfte es kein Problem sein, den Reichenstein gut zu verkaufen. Ebenso wie alle anderen Bilder.«

Beatrice Coleman zog die Augenbrauen zusammen. »Eine Expertise? Muss das sein? Kostet das nicht unnötig Zeit? Ich hörte, der Markt sei gerade sehr günstig …«, in beredtem Schweigen brach sie ab.

»Umso erfolgreicher werden wir mit einer Expertise sein«, versicherte Bonhoff. »Das Gutachten von Frau Falkenberg wird Ihre Angaben nur bestätigen, gnädige Frau.«

Ihr war anzusehen, dass seine Worte sie nicht überzeugten.

Als das Schweigen unangenehm zu werden drohte, begann Beatrice Coleman, in ihrer Handtasche zu wühlen. Nach einer Weile zog sie ein schwarzes Lederetui heraus und reichte es Bonhoff. »Falls es irgendwelche Zweifel geben sollte: Dies ist ein Foto meines verstorbenen Stiefvaters mit dem Gemälde.«

Anna spähte über die Schulter ihres Chefs auf eine leicht vergilbte Schwarz-Weiß-Aufnahme. Offenbar ein Schnappschuss, denn der Mann darauf saß in einem Lehnstuhl, las in einem Buch und sah nicht in die Kamera. Er wirkte sympathisch, vielleicht ein wenig verschlossen, aber sehr attraktiv: Dichtes dunkles Haar fiel ihm in die Stirn, sein Gesicht war schmal, mit hohen Wangenknochen, er besaß eine gerade Nase und einen weichen Mund, die gesenkten Lider wurden von langen, dunklen Wimpern bekränzt. An der Wand hinter ihm hing in einem schlichten Rahmen und von einer Bilderleuchte erhellt das Liebespaar von Reichenstein.

»Sehr interessant«, behauptete der Kunsthändler und gab das Foto zurück.

»Eine schöne Erinnerung«, bestätigte Anna, »es genügt jedoch nicht. Wo hat Ihr Stiefvater das Bild erworben?«

»Oh, er kaufte es in der Galerie Richardson in London«, Beatrice Coleman hob das auf dem einzigen Tisch im Raum liegende Bild an und drehte die Rückseite vorsichtig nach oben. »Es ist sogar ein Stempel zu erkennen. Sehen Sie hier …«, forderte sie und tippte auf ein Signum.

Es war ein an den Seiten und Ecken ausgefranster, angeschmutzter winziger Klebezettel, der am unteren rechten Rand der Leinwand klebte. Auf dem Stückchen Papier prangte ein Stempel: »Gallery Henry Richardson, New Bond St, Mayfair, London W1«. Etwas oberhalb davon entdeckte Anna einen Stempel, dessen Farbe ausgelaufen war und verblasst: »Kunstsalon Paul Cassirer, Berlin«. Ansonsten war kein weiterer Hinweis auf die Händler oder Vorbesitzer des vierundachtzig Jahre alten Gemäldes zu erkennen.

»Wann hat Herr Coleman das Bild gekauft?«, erkundigte sich Anna. »Wissen Sie das zufällig?«

Die Erbin des Sammlers zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Neunzehnhunderteinundsechzig, glaube ich. Meine Mutter war damals noch nicht mit ihm verheiratet. Ist das wichtig?«

»Ja…«, hob Anna an.

»Nein«, unterbrach Bonhoff. »Es ist nur ein Detail, aber nicht wesentlich. Verlassen Sie sich da ganz auf uns, gnädige Frau.«

Verwundert blickte Anna zu ihm hin. Bonhoff war ein erfahrener Kunsthändler und Auktionator, er war ein intelligenter, zuweilen charmanter, gelegentlich humorvoller Mann, nicht unattraktiv, wenn man Gentlemen der alten Schule anziehend fand, und Bonhoff gab gern den nostalgischen Dandy. Diese Attitüde aus dem alten England verlieh ihm Seriosität. Ein Trick, denn ihm konnte niemand etwas vormachen. Deshalb wusste er auch ganz genau, dass die Provenienz eines Bildes für ein Gutachten bedeutsam war – und nicht nur eine Kleinigkeit. Warum behauptete er das? Fürchtete er um ein langfristiges, gutes Geschäft? Machte ihn die Aussicht auf die Versteigerung der kompletten Sammlung gierig? Ließ ihn das eine Grundregel übersehen?

Als sie spürte, dass der Blick von Beatrice Coleman fragend auf ihr ruhte, riss Anna sich von ihren verwirrenden Gedanken los. Die Haarsträhne, die sie hinter ihr Ohr geschoben hatte, fiel ihr längst wieder ins Gesicht, und sie schob sie erneut zurück. Eine Geste ihrer aufflammenden Nervosität, die nichts mehr mit der Aufregung von vorhin gemein hatte.

»Es hätte mich auch gewundert, wenn Sie mir mit Unterstellungen begegnen würden, Herr Bonhoff«, sagte die Kundin mit schneidender Stimme. »Nichts wäre beleidigender als zu behaupten, mein Vater hätte sich Fälschungen an die Wand gehängt. Gab es irgendwelche Beschwerden nach unserem ersten Geschäft?«

»Aber ich bitte Sie …«

Irgendetwas am Ton Beatrice Colemans nährte die Zweifel, die Anna plötzlich beschlichen.

Es gab keinen Grund für diese Unsicherheit, keinen Beweis für eine Fälschung. Im Gegenteil. Die Ausführungen der Kundin waren plausibel, die Galeriestempel auch. Das Bild war nachweislich 1926 entstanden, es wurde in vielen Quellen aus jener Zeit erwähnt. Dass es von der damals berühmtesten Kunsthandlung Berlins verkauft wurde, dessen Inhaber bekanntermaßen ein persönlicher Freund Reichensteins gewesen war, lag nahe. Angaben über den anschließenden Erwerb fehlten. Aber im sogenannten Dritten Reich wechselte ein Gemälde, von jüdischer Hand erschaffen, nicht auf legalem Wege den Besitzer, weshalb das Fehlen weiterer Angaben nicht irritierend sein durfte. Im und nach dem Zweiten Weltkrieg war darüber hinaus eine enorme Zahl unschätzbar wertvoller Werke verloren gegangen – von Nazis als entartet gebrandmarkt, von Bomben vernichtet, auf dem Schwarzmarkt eingetauscht oder als Beutegut beschlagnahmt.

Dennoch wurde Annas anfängliche Euphorie seltsamerweise gedämpft. Ein unbestimmtes Gefühl wirbelte die Schmetterlinge in ihrem Bauch durcheinander.

»Dann also eine Expertise – meinetwegen«, ergab sich Beatrice Coleman schließlich großmütig, »aber beeilen Sie sich, bitte, Frau Falkenberg. Auf der Homepage steht, dass Ihre nächste Auktion Ende Mai stattfindet, und ich möchte Resultate sehen.«

Bonhoff zupfte nervös an seiner Krawatte. Die Eile der Kundin brachte ihn offenbar aus dem Konzept und verärgerte ihn wahrscheinlich auch. Vielleicht hatte er nicht erwartet, dass Beatrice Coleman so dringend Geld brauchte, wie ihre Forderung vermuten ließ.

»Die Einlieferungen für die nächste Auktion sind abgeschlossen«, seine Stimme klang schroff, er räusperte sich und fuhr dann geschmeidig fort: »Für ein Werk dieser Größenordnung brauchen wir Zeit, gnädige Frau. Das ist etwas völlig anderes als der Deal, den wir vor zwei Jahren für Sie tätigten. Wie gesagt, wir brauchen Zeit für entsprechende Werbung bei den potenziellen Käufern. Nur so lässt sich ein hoher Preis erzielen. Ich würde vorschlagen, den Reichenstein in unsere große Herbstauktion für die zeitgenössische Moderne Ende September zu nehmen. Unsere Kunden kennen und schätzen diesen Termin seit Jahren. Sie werden gewiss angenehm überrascht sein, gnädige Frau.«

Anscheinend war die Dame anderer Meinung. Beatrice Coleman öffnete den Mund, schnappte nach Luft, schloss ihn wieder. Doch dann gab sie sich erstaunlich schnell geschlagen. Dass ihr dennoch Widerworte auf der Zunge lagen, ließen ihre herabsackenden Schultern erkennen. »Wie Sie meinen …«, murmelte sie, dann reckte sie das Kinn, lächelte und sagte: »Selbstverständlich sind Sie der Fachmann.«

2

Als Anna zu dem Gespräch mit Beatrice Coleman gerufen worden war, hatte sie die heutige Tageszeitung aufgeschlagen auf ihrem Schreibtisch liegen lassen. Bei ihrer Rückkehr strahlten sie daher unverändert die beiden Personen auf dem Aufmacherfoto der sogenannten Klatschseite an. Über der Faszination, welche der mutmaßliche Reichenstein auf sie ausübte, hatte sie den zuvor gelesenen Artikel vergessen. Jetzt war sein Inhalt wieder gegenwärtig – und schnitt ihr ins Herz.

Dabei spielte es keine Rolle, dass sie ein Gemälde in Händen hielt, das ihre Aufmerksamkeit viel mehr verdiente. Sie lehnte das Bild auf die Staffelei neben dem Fenster, aus den Augenwinkeln die Abendzeitung fixierend, als befürchtete sie, die Protagonisten des Berichts würden zu Leben erwachen und leibhaftig in ihrem kleinen Büro auftauchen.

Sie hatte gewusst, dass die farblose Enkelin des größten Bauunternehmers der Stadt seit kurzem mit dem biologischen Vater ihrer Tochter liiert war. Dass das Paar vor den Traualtar getreten war, verwunderte sie eigentlich nicht, denn ihr Ex-Freund Daniel war ein Mann, dessen überwältigender Charme Nüchternheit und Berechnung kaschierte. Und die junge Braut besaß definitiv zehn Millionen Euro mehr und bessere Beziehungen als Anna, deren Vater nur die Erste Geige im Opernorchester spielte.

Es tat weh, das junge Glück abgebildet zu sehen. Schließlich hatte sich Anna einmal selbst an die Seite dieses Bräutigams gewünscht. Sie hatte seine Worte damals ernst genommen: »Ich möchte mir dir zusammenleben … Es ist mein größtes Glück, dass du die Mutter meines Kindes wirst …« Bald danach überlegte er es sich allerdings anders und konfrontierte sie mit Sätzen wie diesen: »Es ist mir egal, was aus dir und dem Kind wird. Mach, was du willst!«

Um die Zeitung nicht mit denselben Händen anfassen zu müssen, die eben ein wundervolles Gemälde gehalten hatten, schob sie das Blatt mit dem Ellenbogen von ihrer Schreibtischplatte. Ärgerlicherweise landete es nicht wie beabsichtigt im Papierkorb, sondern daneben. Sie würde sich später danach bücken, beschloss Anna und begann, ihre Aufmerksamkeit auf die neue Einlieferung zu konzentrieren.

Sie hob die Hand und berührte mit den Fingerspitzen vorsichtig den Farbauftrag, der gleichmäßig zersplittert wirkte. Das Krakelee war ein Zeichen des Alterungsprozesses, hervorgerufen durch die Luftfeuchtigkeit, der das Bild im Lauf der Zeit ausgesetzt gewesen war. Auf diese Weise sprach ein Kunstwerk zu seinem Betrachter. Als Studentin hatte Anna in den Semesterferien ein Praktikum im Louvre absolviert und die berühmtesten Gemälde der Kunstgeschichte aus nächster Nähe kennenlernen dürfen. Ein Erlebnis, das sie nie vergessen würde. Die Rückreise von Paris nach München auch nicht – während der nächtlichen Zugfahrt hatte sie nämlich Daniel kennengelernt …

»Vergiss es!«, fauchte sie halblaut.

Es ergab wenig Sinn, sich zu schelten. Sie würde ihn ohnehin niemals vergessen. Immerhin hatte er ihr das größte Geschenk ihres Lebens gemacht – die kleine Emily, ihre Tochter, den wichtigsten Menschen, den es für sie gab.

Dass Daniel keinen Bezug zu dem Kind aufbauen wollte, obwohl sie immer wieder versucht hatte, aus ihm einen richtigen Vater zu machen, war ein anderes Thema. Ebenso, dass er auch nach einer turbulenten Beziehung und ihrer endgültigen Trennung vor drei Jahren weiter mit ihr ins Bett steigen wollte. Das war seine Version von Freundschaft. Dummerweise hatte sie selten die Kraft besessen, ihm zu widerstehen, zumal es keinen anderen gab. Es war ein Kreislauf: Sie konnte Daniel nicht vergessen, lernte aber niemanden kennen, weil ihr die Zeit für derart Privates als berufstätige, alleinerziehende Mutter fehlte, und auf eine Affäre mit einem Mann wie Rainer Bonhoff wollte sie sich nicht einlassen.

Sie nahm das Bild und drehte es vorsichtig um, darauf bedacht, dass der Farbaufstrich nicht durch den Holzbolzen der Staffelei beschädigt wurde. Das Siegel der Galerie Richardson fiel ihr sofort ins Auge, dann die verblasste Tinte mit dem Hinweis auf den Kunstsalon von Paul Cassirer. Die Lücke, die sich zwischen diesen beiden Signaturen auftat, erregte wieder Annas Neugier. In der Provenienz fehlten rund dreißig Jahre. Besonders seltsam erschien ihr dabei, dass das Werk bis heute als verschollen galt – obwohl es 1961 in London an den Sammler Philip Coleman verkauft worden war.

»Wo hast du dich versteckt?«, fragte sie das Gemälde. »Wer hat dich nach England gebracht? Warum diese Heimlichtuerei?«

Berlin, 1946

3

Es war bitterkalt. Tagsüber wurde der Gefrierpunkt nicht mehr erreicht, und nachts fiel das Thermometer noch weiter. Um die Fenster abzudichten, hatten sie zusätzlich zur Verkleidung aus Pappe Zeitungspapier benutzt. Die Scheiben waren bei den Bombenangriffen gesprungen oder ganz aus den Rahmen gebrochen und hatten bisher nicht ersetzt werden können. So kroch der Frost fast ungehindert in das Zimmer – und sie besaßen nichts, um dem Einhalt zu gebieten.

Es mangelte an Kohlen, der Strom wurde nur für zwei Stunden pro Tag angestellt, und für Kamin und Brennhexe fehlte das Holz. Felicitas konnte sich kaum daran erinnern, wie es war, in einer warmen, geheizten Wohnung zu leben. Sie fror erbärmlich. Tante Grete hatte ihr zwar alle verfügbaren Decken gegeben, aber die Kälte drang ihr trotzdem bis auf die Knochen. Der Schüttelfrost tat ein Übriges. Doch daran war nicht nur das eisige Winterwetter schuld, sondern das Fieber, das seit Tagen ebenso unaufhaltsam anstieg, wie die Außentemperaturen fielen.

Grete drängte sie ins Krankenhaus, doch dorthin wollte sie nicht. Und ihre Tante wusste im tiefsten Inneren ihres Herzens, dass es so besser war. Es fehlte ihnen an Tauschwaren und an Geld, um die Behandlung oder gar einen Klinikaufenthalt zu bezahlen. Zwar ging Grete einer bezahlten Arbeit nach, aber als Mitarbeiterin der sogenannten Kunst-Schutz-Abteilung in der britischen Besatzungszone verdiente sie keine Summen, die für einen Großeinkauf auf dem Schwarzen Markt taugten. Mit Fees Auskommen als Küchenhilfe im Offizierskasino der amerikanischen Militärverwaltung kamen sie gerade über die Runden, auch wenn der Hunger ihr ständiger Begleiter war. Aber manchmal erlaubte ihr »Don« Luis, der mexikanisch-stämmige Küchenchef, ein paar Reste mitzunehmen. Allerdings blieb selten etwas von seinen vorzüglich zubereiteten Mahlzeiten übrig, denn der Appetit der Männer der Berlin Brigade war groß – die aßen alles auf.

Seit einer Woche jedoch musste Fee das Bett hüten. Sie war nicht besonders groß und immer sehr schmal gewesen, inzwischen war sie nicht mehr nur als dünn zu bezeichnen. Haut und Knochen sei sie, meinte Grete bekümmert, aber an der Not konnte sie natürlich nichts ändern.

Wenigstens dämpften die Hustenanfälle Fees Hunger. Ihre Lungenflügel drohten zwar zu zerreißen, und der Schmerz brannte in ihrer Brust, aber der Magen knurrte nicht mehr. Allerdings würde ihr abgemagerter Leib der Wucht der Anfälle wohl nicht mehr lange standhalten können.

Als Arzttochter kannte sie die Symptome: Aus dem anfänglichen Schnupfen war eine Bronchitis erwachsen und daraus eine Lungenentzündung – mit absehbarem Ende: Ohne medizinische Hilfe würde sie ihren Eltern sicher bald in den Himmel folgen. Vielleicht gar nicht mal das Schlechteste. Sie war zwar noch nicht einmal achtzehn Jahre alt und hatte das Leben eigentlich noch vor sich, aber da sie nicht die geringste Ahnung davon besaß, wie die Zukunft aussehen könnte, war der Tod immerhin eine Alternative, über die es sich nachzudenken lohnte.

Durch die Nebelwand, die mit dem Fieber um ihr Gehirn waberte, drangen Fragen: Was würde aus ihrer Tante werden, wenn es sie nicht mehr gab? Würde Grete ganz allein zurechtkommen? Und Hans?! Wie würde ihr Jugendfreund fühlen, wenn er heimkehrte und feststellen musste, dass Fee nicht auf ihn gewartet hatte? Sie hatte es ihm doch versprochen!

Wieder dieser Husten …

Ein Poltern drang von der Diele an ihre Ohren. Wahrscheinlich war das irgendwer von der ausgebombten Großfamilie, die in Brahms erhalten gebliebener wunderschöner Altbauwohnung einquartiert worden war. Hier war Fees Zuhause, seit sie denken konnte, in dem auch Grete Zuflucht gefunden hatte, nachdem ihr Wohnhaus in Charlottenburg in Flammen aufgegangen war. Für Fee war Gretes Vormundschaft ein Glück, denn so konnte sie in ihrer vertrauten Umgebung bleiben. Mit der Einquartierung hatten sie beide allerdings eher Pech.

Erst gestern hatte sich Frau Nowak beschwert, dass Fees Hustenanfälle durch die Wände zu hören waren und mindestens eines ihrer fünf Kinder weckten. Sie hatte sich diesen Lärm verbeten, als könnte Fee etwas dafür.

Das Herumhüpfen ihrer Kleinen auf den Parkettböden war für die Kranke auch nicht immer leicht zu ertragen, aber das monierte diese natürlich nicht, dazu fehlte ihr die Kraft. Die fremde Frau benahm sich ohnehin, als hätte sie das Sagen. Das lag vielleicht daran, dass die Nowak den ganzen Tag über nach eigenem Gutdünken schalten und walten konnte, weil die eigentlich verantwortliche Hausherrin einer Arbeit nachging, die ihr wenig Zeit ließ, sich als Vermieterin zu profilieren.

Fee brach der Schweiß aus. Ihr blondes Haar klebte in fettigen Strähnen an ihrer heißen Stirn. Ganz automatisch schob sie einen Fuß unter den Decken hervor. Eisige Kälte umhüllte ihre Zehen und ließ sie erschauern.

»Es ist sehr nett, dass Sie mich nach Hause gebracht haben«, Gretes Stimme klang freundlich, ungewohnt aufgeräumt sogar, und ganz nah, als würde sie direkt vor der Tür stehen, »aber ab hier komme ich schon allein zurecht.«

»Unsinn«, widersprach ein Mann mit volltönendem Tenor, »ich helfe Ihnen. Der Sack ist viel zu schwer für eine Frau. Wohin soll ich …?«

»Können Sie nicht leiser sein?!« Das war eindeutig das Geschrei der Untermieterin. Eine Tür klappte, dann: »Ich möchte doch sehr um Ruhe bitten, Fräulein Brahm, meine Kinder schlafen, und ich finde nicht, dass Sie Herrenbesuch … oh!« Irgendetwas hatte anscheinend der sonst so redseligen, aufdringlichen Person die Sprache verschlagen.

Mit angehaltenem Atem wartete Fee auf eine Fortsetzung des Protests, doch es blieb wundersamerweise still. War Frau Nowak tatsächlich verstummt? Unglaublich.

Fee nahm an, dass die Unterhaltung Teil eines Fiebertraums war. Reine Einbildung. Genauso wie die fremde Männerstimme, die so angenehm geklungen hatte wie der Gesang von Benjamino Gigli auf Gretes Lieblingsschallplatte.

Die Zimmertür schwang auf.

Fee, die bis zur Nase zugedeckt war, spähte über das dicke Federbett mit dem verklumpten Inhalt – und traute ihren Augen nicht.

Ein hochgewachsener junger Mann in einer olivbraunen Uniform duckte sich unter dem Türrahmen hindurch. Er hatte offensichtlich schwer an einem Jutebeutel zu tragen, der Fee verdächtig nach einem Kohlensack aussah. Für einen Moment wusste sie nicht, was sie mehr überraschte: die Anwesenheit des attraktiven britischen Offiziers oder die Tatsache, dass Grete wertvolles Brennmaterial aufgetrieben hatte.

»Na, ist wohl etwas von dem Holz übrig geblieben, das im ganzen Land geschlagen und nach England geschickt wird«, zischte Frau Nowak im Hintergrund.

Der Unbekannte hatte den Vorwurf gehört. Er setzte den Sack ab und war offensichtlich im Begriff, sich für eine Erwiderung umzudrehen, als er des Bettaufbaus gewahr wurde und innehielt. Das Krankenlager erschien ihm wohl interessanter als ein Zurechtweisen der Untermieterin. Die meerblauen Augen wanderten von dem nackten Fuß, der unter der Decke hervorlugte, zu dem Kopf der Patientin, von der jedoch nicht viel zu sehen war – dafür sorgte Fee, als sie das Laken rasch höher zog. Sie wackelte nervös mit den Zehen und schämte sich für ihr Aussehen und die Situation, die ihre Tante dem ungewöhnlichen Gast zumutete – und ihr ebenso.

»Wir sind nicht auf Besuche eingerichtet«, erklärte Grete und warf die Tür hinter sich und dem fremden Mann ins Schloss. »Es tut mir leid. Früher waren unsere Verhältnisse nicht so beengt.«

Er rieb sich die Hände und zog die Schultern hoch. »Vermutlich war es früher auch erheblich wärmer bei Ihnen«, gab er mit einem breiten Grinsen in fast akzentfreiem Deutsch zurück. »Die Kohlen werden Ihre Stimmung im wahrsten Sinne des Wortes anfeuern. Und vielleicht schaut Ihre Nichte dann auch mal unter dem Federbett hervor …«

Leichte Panik erfasste Fee, als er sich schlaksig auf ihr Lager zubewegte. Nicht, dass sie sich vor dem britischen Offizier gefürchtet hätte. Er sah sehr gut aus, war nett und jung. Doch genau das war das Problem: Ein weniger anziehender Mann hätte sie nicht so eingeschüchtert. In seiner Gegenwart fühlte sie sich noch kleiner und elender, als sie ohnehin schon war. Außerdem – was wollte er bei ihr? Die Decke requirieren?

»Guten Abend«, grüßte der Fremde.

Sie wünschte, er würde gehen und nicht so mitleidig auf sie herabsehen.

»’n Abend«, krächzte sie.

»Felicitas, das ist Captain Richardson«, stellte Grete vor.

Sie versuchte zu sprechen, doch stattdessen entrang sich ein neuerlicher Hustenanfall ihrer Kehle.

Captain Richardson wandte sich zu Grete um. »Der Kleinen geht es aber gar nicht gut. Haben Sie Medikamente?«

»Nein. Ich … Nein.« Grete schüttelte den Kopf. »Ich habe neulich versucht, etwas Sulfonamid aufzutreiben, aber Sie wissen, wie das ist: Selbst Restbestände von Prontosil finden ihren Weg nicht mehr zu den Tauschmärkten.«

»Das beste Mittel gegen Infektionen ist heutzutage Penicillin.«

Grete senkte die Lider und schwieg.

»Waren Sie auf dem Schwarzen Markt?«, fragte CaptainRichardson geradeheraus.

Fee hielt den Atem an, ihr Herzschlag beschleunigte sich. Er würde Grete anzeigen, wenn die Tante ihm die Wahrheit anvertraute. Deutschen, die beim Schwarzmarkthandel erwischt wurden, drohten Gefängnisstrafen.

»Ja«, erwiderte Grete leise. »Mir wurde Traubenzucker angedreht.«

»Hmmm. Ja. Ich weiß von diesen Fälschungen. Seit wir die Herstellung von Penicillin in Berlin möglich gemacht haben, kursieren Kopien. Dabei ist die Produktion erst vor zwei Wochen angelaufen. Es tut mir sehr leid, Fräulein Brahm, dass Sie an Kriminelle geraten sind.«

Offensichtlich beabsichtigte er nicht, Grete anzuzeigen. Wie ungewöhnlich! Fee schnaubte erleichtert. Was mochte Grete wohl mit diesem netten Engländer verbinden? Warum vertraute sie ihm? Fee erinnerte sich nicht, dass sie schon einmal über einen Captain Richardson gesprochen hatte.

»Ich wünschte«, hörte sie ihre Tante sagen, »Felicitas würde in ein Krankenhaus gehen, aber sie weigert sich. Wissen Sie, mein Bruder war Oberarzt an der Charité, und sie vertraut keinem anderen Mediziner als ihrem Vater, doch der kam …«, Grete unterbrach sich, stockte, ihre Stimme schien sich verloren zu haben.

Sie erholte sich jedoch rasch und fuhr nach einer winzigen Pause ebenso beherrscht wie zuvorkommend fort: »Entschuldigen Sie, ich möchte Sie nicht mit unseren Privatangelegenheiten behelligen. Haben Sie herzlichen Dank, dass Sie mich nach Hause gebracht und mir beim Tragen geholfen haben.«

»Gern geschehen«, behauptete er, nickte in Fees Richtung und wünschte höflich: »Gute Besserung!«

Wahrscheinlich war sein Blick voller Mitleid, aber das sah sie nicht wirklich, weil sie die Lider gesenkt hielt, um nicht in diese leuchtenden meerblauen Augen schauen zu müssen. Solche Augen hatte sie noch nie gesehen. Jedenfalls nicht im Original, im Kino schon, aber das war lange her. Erst als sie bemerkte, dass er sich zum Gehen wandte, hob sie die Wimpern.

An der Tür drehte er sich noch einmal zu Grete um, die ihm gefolgt war, und sagte leise: »Der Zustand Ihrer Nichte wirkt besorgniserregend. Sie glüht. Das sieht man sogar durch die vielen Kissen. Ich bin kein Arzt, aber wenn ich irgendetwas tun kann …«, in beredtem Schweigen brach er ab.

Grete antwortete nicht. Ein Geräusch zog offenbar ihre Aufmerksamkeit auf sich.

Schwere Schritte hallten durch die Wohnung.

Jetzt haben die Bälger der Nowak auch noch irgendwo Militärstiefel aufgetrieben, fuhr es Fee durch den Kopf. Damit würden die Kinder ihr zweifellos künftig noch stärker auf den Nerven herumtrampeln und ihre Kopfschmerzen verschlimmern.

»Zögern Sie bitte nicht«, sagte Captain Richardson, »sich bei mir zu melden, wenn Sie in irgendeiner Weise Hilfe brauchen.«

»Das werde ich tun«, versicherte Grete, aber Fee wusste, dass das nicht geschehen würde. Ihre Tante würde keinen Besatzungsoffizier um etwas bitten. Das verbaten ihr der Stolz und das Wissen um Millionen Menschen, deren Versorgung zusammengebrochen war. Grete gehörte nicht zu den Frauen, die sich zum eigenen Vorteil in den Vordergrund drängten oder andere ausnutzten. Was sie nicht eigenhändig herbeischaffen konnte, gab es eben nicht. »Aber Sie haben schon genug für mich getan. Wieder Kohlen zu haben grenzt an ein kleines Wunder.«

»Zauberer kennen ihre Zeit«, erwiderte Captain Richardson eindringlich und fügte nach einer Gedankenpause bescheiden hinzu: »Stammt leider nicht von mir, ist ein Shakespeare-Zitat.«

Er drückte die Klinke hinunter, zog die Tür auf – und im nächsten Moment stolperte ein junger Mann ins Zimmer, der offensichtlich ebenfalls im Begriff gestanden hatte zu öffnen. Er strauchelte, kämpfte mit seinem Gleichgewicht, fing sich jedoch wieder, als der Brite unwillkürlich beide Arme ausstreckte und den anderen aufzufangen versuchte. Die Männer stutzten. Im nächsten Moment brachen beide in schallendes Gelächter aus.

»Henry!«

»Philip!«

Hinter Fees Schläfen hallten die Namen nach. Es dröhnte förmlich in ihrem Schädel. Der ungewohnte Wirbel im ehemaligen Arbeitszimmer ihres Vaters, das ihr als Schlafraum zur Verfügung stand, machte ihr zu schaffen. Das Fieber ließ sie erschauern und gleichzeitig ihre Wangen glühen. Ihr war noch immer bitterkalt und doch wurde ihr gleichzeitig seltsam heiß. Sie wünschte, nicht so hilflos auf ihrem Krankenlager unter einem Aufbau aus alten Federbetten und Wolldecken zu liegen. Sie wünschte, hübsch zu sein und nicht verschwitzt und verfroren und unansehnlich …

Den Mann, der von Captain Richardson gerade ungestüm umarmt wurde, hatte sie schon mehrfach heimlich beobachtet. Sie hatte ihn in der Küche des Offizierskasinos gesehen, wenn er mit Luis über gutes Essen fachsimpelte. Er war ihr aufgefallen, weil er ein wenig wie der Filmschauspieler Hans Söhnker aussah, den sie angehimmelt hatte, wenn ihre Mutter früher mit ihr ins Marmorhaus am Kurfürstendamm gegangen war. Natürlich hatte sie nie ein Wort mit ihm gewechselt – weder mit dem amerikanischen Offizier noch mit dem deutschen Leinwandhelden –, und der Amerikaner schien sie nicht einmal zu bemerken. Er verhielt sich deutlich verschlossener, als Fee es von den meisten GIs gewohnt war, die fast jedem Rock nachsahen, der ihnen auf der Straße begegnete. Der Mann war Lieutenant, das hatte sie an den Epauletten seiner Uniform erkannt, aber seinen Namen wusste sie bisher nicht. Nun erfuhr sie also, dass er Philip hieß.

»Na, so etwas! Das gibt’s doch nicht!«, rief Henry Richardson aus.

»Das nenn ich eine Überraschung!«, pflichtete ihm der Lieutenant in erstaunlich klarem Deutsch bei. »Dich in Berlin wiederzusehen hatte ich nicht erwartet. Verlangte dein Vater nicht deine Rückkehr nach Dorset, Somerset oder wo immer Ihr Landadeligen residiert?«

»Cornwall«, erwiderte Richardson lakonisch. »Aber die Verantwortlichen in Lancaster House meinten wohl, ich wäre in Deutschland besser aufgehoben.«

Offensichtlich kannten sich die beiden Männer von früher – wo und wann immer das gewesen sein mochte. Und das Verhältnis von Richardson zu seinem alten Herrn war wahrscheinlich nicht das beste, denn beide lachten schallend, als handelte es sich bei seiner Erklärung um einen Witz.

Das nach der ersten Wiedersehensfreude und dem anschließenden Gelächter eintretende Schweigen wurde von Grete vorsichtig unterbrochen: »Ja, bitte?«

»Oh, gnädige Frau, sorry, ich hatte ganz vergessen, warum ich eigentlich gekommen bin. Ich suche nach FräuleinFelicitas Brahm. Mir wurde gesagt, dass ich sie hier finde.«

Fee hätte sich am liebsten die Decken ganz über den Kopf gezogen, doch dann wären beide Füße vollständig im Freien gewesen. Sie rollte sich zusammen, zog die Beine an und schloss die Augen. Wie alle Kinder hatte sie früher geglaubt, dass sie nicht gesehen wurde, wenn sie selbst nichts sah. Diese Illusion wünschte sie sich zurück.

»Dies ist ein alter Freund von mir«, stellte Captain Richardson vor und klopfte seinem Kumpel auf die Schulter, jedenfalls klang das dumpfe Geräusch danach. »Lieutenant Coleman – Grete Brahm … Grete Brahm – Philip Coleman.«

»Was wünschen Sie von meiner Nichte, Lieutenant Coleman?«

Philip Colemans Stimme antwortete: »Der Küchenchef des Offizierskasinos bat mich, nach Ihrer Nichte zu sehen, und da ich zum Alliierten Kontrollrat unterwegs bin, ist der Besuch bei Ihnen kein Umweg. Unser Don Luis macht sich Sorgen, weil Fräulein Brahm noch immer nicht zur Arbeit erschienen ist.«

»Großer Gott«, entfuhr es seinem britischen Freund, »was seid ihr Amerikaner nur für ein merkwürdiges Volk. Als was dürfen denn so junge Dinger bei euch schuften?«

»Sie ist Küchenhilfe, soviel ich weiß.«

»Es ist sehr nett von Ihnen, dass Sie sich nach dem Wohl von Felicitas erkundigen«, mischte sich Grete ein. »Sie ist schwer krank, und ich kann Ihnen leider nicht sagen, wann sie wieder ihren Dienst antreten wird.«

Fee befürchtete, dass sich alle Augen in diesem Moment auf ihr Lager richteten. Sie rührte sich nicht, hielt den Atem an, versuchte, sich noch kleiner zu machen – und wurde prompt von einem Hustenanfall geschüttelt.

»Bronchitis«, stellte Coleman fest, und seine Diagnose war definitiv untertrieben. »Kein Wunder, es ist eiskalt. Haben Sie einen funktionierenden Herd, Frau Brahm? Luis hat mir etwas Rinderbouillon für Ihre Nichte mitgegeben. Wenn die Suppe heiß getrunken wird, ist sie eine gute Medizin … Dieser Rat stammt nicht von unserem Chef de cuisine, sondern von meiner Großmutter«, fügte er hinzu, und Fee hörte einen leisen Unterton, als würde er bei seinen Worten schmunzeln.

»Oh!«, rief Grete entzückt aus. »Das ist aber reizend von Herrn Luis … und von Ihnen auch, Lieutenant. Dank Captain Richardson verfügen wir jetzt über Kohlen, und ich kann auf der Brennhexe sehr gut kochen.«

Fee wurde warm ums Herz. Gleichzeitig senkte sich Wehmut über sie. Ihre Mutter war derselben Meinung wie Colemans Oma gewesen. Wann immer sie als Kind den Anflug einer Erkältung gespürt hatte – Mama setzte unverzüglich einen großen Topf Brühe auf. Das Rezept dafür war ein Familiengeheimnis, das sie von ihren Eltern, Fees Großeltern, übernommen hatte, die in den zwanziger Jahren ein gut gehendes Restaurant betrieben hatten. Ihr Talent für das Kochen hatte Fee von dieser Seite geerbt. Eine Begabung, die ihr auch die Anstellung bei den Berlin Brigades eingebracht hatte.

Sie wusste, warum Grete die Suppe aus dem amerikanischen Offizierskasino nicht in ihrer durchaus funktionstüchtigen Küche aufwärmen wollte, sondern den tragbaren Grill benutzen würde. In der Küche lief ihre Tante Gefahr, die Kostbarkeit mit der Nowak teilen zu müssen. Allein der bald durch die Wohnung ziehende Duft der Brühe würde Anlass zu Neid und bissigen Bemerkungen geben – welche Eifersuchtsszenen würde dann erst ein gefüllter Kochtopf anrichten? »Amiliebchen« wäre gewiss das harmloseste Schimpfwort, das die Nowak parat hätte.

Obwohl sie sich still verhalten und eigentlich nur den Männerstimmen lauschen wollte, die irgendwie angenehm nach Frieden klangen, wurde Fee wieder von einem Hustenanfall geschüttelt. Ihr Kopf befand sich fast gänzlich unter dem Federbett, und sie musste Nase und Mund freistrampeln, weil die Luft unter der Decke knapp wurde. Sie rang nach Atem.

»Arme Kleine«, meinte Richardson ernst.

»Wir sind keine Ärzte, wir können hier nicht helfen«, stellte Coleman sachlich fest. »Wir sollten lieber gehen, anstatt hier rumzustehen und Maulaffen feilzuhalten. Leben Sie wohl, FräuleinBrahm. Ich wünsche Ihrer Nichte gute Besserung. Hoffentlich kann sie bald wieder arbeiten.«

»Das hoffe ich auch. Danke, dass Sie gekommen sind. Und meine herzlichsten Grüße an Herrn Luis. Guten Abend.«

Fee richtete sich neugierig auf, wobei die Decken herabfielen. Zufällig sah sie zur Tür – und fing Henry Richardsons Blick auf. Beschämt schlug sie die Hände vor das Gesicht, ihr Husten hallte in der Schale ihrer Handflächen nach.

»Ihre Nichte …?«, fragte er gedehnt. »Sie ist kein Kind mehr, oder?«

»Was?«, gab Grete begriffsstutzig zurück.

»Glaubst du, wir beschäftigen kleine Mädchen in der Küche unseres Offizierskasinos? Henry, die Zeiten des Sklavenhandels sind vorbei. Nun komm schon, wir sollten nicht länger stören …«

Die schweren Schritte der Militärstiefel ließen den Boden vibrieren. Die Stimmen der beiden jungen Männer und Fetzen einer freudig aufgeregten, überraschenderweise weiterhin auf Deutsch geführten Unterhaltung wehten herein, als die Besucher die Wohnung verließen. Erst als es wieder still geworden war, schlug im hinteren Teil des langen Flurs eine Tür zu.

Frau Nowak hatte ihren Lauschposten offenbar aufgegeben.

Fast ohnmächtig vor Atemnot, Brustschmerzen und Schwindel sank Felicitas in ihr Kissen zurück. Ihre Gedanken kreisten jedoch nicht mehr nur um ihre Erkrankung. Wäre sie weniger erschöpft gewesen – ein Lächeln hätte ihre spröden, aufgerissenen Lippen umspielt.

4

»Als ich nach Berlin abkommandiert wurde, dachte ich, diese Stadt und ihre Bewohner hätten die Bomben verdient«, murmelte Philip, als er neben Henry auf die Straße trat. »Inzwischen empfinde ich nur noch Mitgefühl für die Menschen und bedauere die Verwüstungen.«

Während er sprach, kickte er mit der Stiefelspitze einen kleinen Stein über den vereisten Bürgersteig. Wahrscheinlich gehörte sein improvisierter Fußball zu dem Fries über dem Eingang des vierstöckigen Mietshauses, das Henry Richardson und er gerade verließen, und landete nun auf einem der Schuttberge am Rand.

Das Haus war eines dieser einst schönen Gebäude aus der wilhelminischen Zeit, die vor dem Krieg das Bild der westlichen Stadtteile Berlins geprägt hatten. Auf dieser Seite der stillen Straße bröckelte zwar der Putz, aber die Wohnungen waren weitgehend intakt. Gegenüber ragten dagegen Ruinen in den grauen Winterhimmel, durch die Fensterhöhlen fegte ein kalter Wind, und dahinter herrschte ebenfalls Leere, wo sich die Schöneberger Hauptstraße befand. Nichts war dort erhalten geblieben als die willkürlich aufgeschütteten Überreste eines bürgerlichen Quartiers, in schwarzem Ruß erstarrte Höhlen des einstigen wohlhabenden Lebens. Die Dämmerung senkte sich über die Trümmer, und dort, wo Straßenlaternen gestanden hatten, befanden sich blinde Skelette. Aus einem Keller wehte plötzlich Musik von einer Schellackplatte.

»Ich bewundere den Überlebenswillen der Deutschen«, erwiderte Henry und knöpfte seinen Mantel zu. »Diese Eigenschaft sollte ich zwar von meiner Mutter gewohnt sein, aber millionenfach war mir das bislang fremd.«

»Neulich sagte mir jemand, neunzehnhundertsechsundvierzig werde wohl das goldene Jahr seines Lebens, denn nie zuvor hatte er so viel Hoffnung, dass morgen alles besser sein werde als gestern und heute …«

»›I’ve Heard That Song Before‹«, unterbrach Henry scheinbar zusammenhanglos.

»Was?«

»Das Lied! Erkennst du es nicht?« Leise begann Henry, die Melodie mitzupfeifen, deren Klänge die ansonsten stille Trümmerlandschaft erfüllten.

»Ja, klar«, rief Philip aus seiner Melancholie erwachend aus, um einen Atemzug später hinzuzufügen: »Sei mal still – gleich kommt das Solo von Harry James …«

Henry ignorierte diese Bitte und feixte: »Es war vor circa drei Jahren in London. Du warst hinter dieser rothaarigen Reporterin aus Texas her, die gerade zum Informationskontrollamt versetzt worden war. Sie hieß Rita, nicht wahr? Tolle Frau! Als sie dich nicht erhörte, hast du dich so betrunken, dass du den Trompeter der Band belabert hast, bis er dir sein Instrument lieh, damit du der Dame etwas vorspielen konntest. Es sollte ›I’ve Heard That Song Before‹ werden, aber du brachtest keinen Ton heraus.«

»Pass auf, was du sagst«, drohte Philip grinsend, »du befindest dich im amerikanischen Sektor!«

»Es ist mir sogar gestattet, im russischen Sektor herumzulaufen.«

»Stimmt – und das hat Vorteile. Die Sowjets drehen einem seltener gepanschten Wodka an … Aber Spaß beiseite, ich freue mich, dich zu sehen. Was tust du hier?«

Henry deutete auf den Rover mit dem Union Jack, der vor einem Jeep Willys, einem amerikanischen Militärfahrzeug, am Rand der mit Schlaglöchern übersäten Straße stand. Ansonsten befanden sich keine Automobile in Sichtweite. »Ich habe eine Dame nach Hause gefahren.«

»Fraternisierung?«

»Nein. Keine Chance. Grete Brahm ist eine intelligente, attraktive Frau, aber dann doch ein wenig zu alt für meinen Geschmack. Egal. Sie arbeitete früher für die Preußische Schlösserverwaltung und war für Schloss Charlottenburg zuständig. Da ich in der Kunst-Schutz-Abteilung tätig bin, ist sie mir eine große Hilfe beim Auffinden der Bestände, Katalogisieren, all diesem Kram.«

»Kunst-Schutz-Abteilung«, wiederholte Philip und trat dabei fröstelnd von einem Bein auf das andere. Die Kälte begann, unangenehm durch seinen Körper zu ziehen, aber das unerwartete Wiedersehen mit Henry Richardson war es wert, ein wenig zu frieren. »Ich hätte mir denken können, dass du bei deinem Faible für Alte Meister dort unterkommst. Du passt also auf, dass die Russen nicht alles, was von Wert ist, nach Moskau tragen …«

»Oder die Amis nach Übersee«, versetzte sein britischer Freund und boxte ihn in die Seite. »Und welche Abteilung erfreut sich deiner Anwesenheit in Berlin?«

»Meine Sache ist der Journalismus geblieben. Ich bin dem Informationskontrollamt treu ergeben.«

»Oha, da haben schon in London die hübschesten Mädchen Dienst geschoben …«

Wie auf ein Stichwort wehte eine Frauenstimme durch die Straße, über die sich die Dämmerung mit zunehmender Dunkelheit legte. Doris Day sang »Sentimental Journey«, und die beiden Besatzungsoffiziere schwiegen einen Moment, in Gedanken versunken, weil dies der Schlager war, der viele alliierte Heimkehrer aus dem Zweiten Weltkrieg zurück nach Hause begleitet hatte.

»Wo haben die Deutschen nur diese Platten her?«, wunderte sich Henry nach einer Weile.

Philip zuckte mit den Achseln. »Schwarzmarktware, Beziehungen – wen interessiert’s? Es ist nicht verboten, gute Musik zu hören.«

»Hm. Ja. Und den Schlagerfans wird beim Zuhören sicher warm ums Herz.« Henry zitterte übertrieben, als er vorschlug: »Was hältst du davon, wenn wir in einem geheizten Offiziersclub weiterreden, anstatt gleich zu Eis zu erstarren?«

»Tut mir leid«, Philip zog eine zerknirschte Miene, »ich muss wirklich noch zum Kontrollrat. Aber wir müssen uns unbedingt bald treffen. Wie wäre es, wenn du zur Einstandsparty von Rita Harris mitkommst?«

»Rita Harris? War das nicht die rothaarige Texanerin damals in London?«

»Genau. Sie war mit uns beim Informationskontrollamt und arbeitet jetzt als Korrespondentin für Associated Press. Übrigens ist sie eine gute Gesprächspartnerin für dich – sie kommt gerade aus München und hat über den Central Collecting Point berichtet. Rita kann dir eine Menge über nationalsozialistischen Kunstraub erzählen.«

»Natürlich werde ich mit ihr reden«, stimmte Henry zu. »Vielleicht sollte ich sie mit Grete Brahm bekannt machen. Mir schwant, die beiden Frauen passen zusammen. Ich bewundere, mit welcher Leidenschaft Grete für den Bestand der Museumsdepots kämpft …«

»Jetzt klingt das aber doch nach Fraternisierung.«

»Ach was. Ich schätze Gretes Kompetenz. Sie weiß mehr über Kunstgeschichte als ich.«

Unwillkürlich wandte Philip den Kopf, und sein Blick wanderte die Fassade des Hauses hoch, das er und Henry gerade verlassen hatten. Irgendwie erwartete er, hinter einem der Fenster das schmale Gesicht der sicher in Friedenszeiten sehr attraktiven Kunsthistorikerin zu gewärtigen. Einschusslöcher und Mauerrisse verschwammen in der Dämmerung, so dass der Krieg plötzlich nur noch eine ferne Ahnung war. Lediglich Zeitungspapier und Pappe als Ersatz für zersplitterte Scheiben erinnerten an die Realität. Philip fragte sich, ob Grete Brahms Nachbarn es auch ohne Fensterglas schafften, ihn und Henry zu beobachten. Zwei Besatzungsoffiziere, die auf der Straße plauderten …

Konnte man sich an Pappe die Nase plattdrücken? Er dachte an seine Großmutter, die ihre Tage damit zubrachte, stundenlang aus dem Fenster ihrer Wohnung in einem New Yorker Wolkenkratzer zu schauen, als wäre dies ein beschaulicher Altbau, und beantwortete seine Überlegung mit einem Ja. Deutsche Frauen waren darin wahre Meisterinnen. Er wusste das. Immerhin stammte seine Grandma ursprünglich aus Berlin.

Doris Day sang auf der Schellackplatte im Keller eines ausgebombten Gebäudes: »Gonna make a sentimental journey, to renew old memories …«

Er sollte nachsehen, fuhr es Philip durch den Kopf, ob das Haus noch existierte, in dem seine Vorfahren gewohnt hatten, bevor sie in die Staaten ausgewandert waren. Eine sentimentale Reise, um die alten Erinnerungen aufzufrischen, wie es in dem Schlagertext hieß.

»Ich würde gern etwas für sie tun«, unterbrach Henry seine Gedanken. »Wenn ihre Nichte stirbt, hat sie niemanden mehr, glaube ich. Das tut mir sehr leid.«

Philip schüttelte den Kopf. »Du kannst nicht jeden retten, mein Freund. Wir sind dafür angetreten, und es ist uns gelungen, die Welt ein bisschen besser zu machen, aber darüber hinaus kannst du nichts tun. Das Mädchen braucht Medikamente. Die wird sie als Deutsche aber nicht bekommen. Es geht um mehr als um Seidenstrümpfe oder Marshmallows. Das ist bitter, ich weiß, aber es ist die Wahrheit.«

»Was täte ich nur ohne deinen Realitätssinn?«, bemerkte Henry, und der Sarkasmus troff aus jedem seiner Worte. »Du warst noch nie der große Romantiker. Vielleicht hat dich die rote Rita deshalb nicht erhört. Könnte das möglich sein?«

»Wir werden sehen«, versprach Philip schmunzelnd. Er reichte Henry die Hand: »Ich muss los. Donnerstag nächster Woche ist Ritas Einstandsparty. Hüttenweg Hausnummer zehn, um die Ecke vom US-Hauptquartier in der Kronprinzenallee. Es wird lustig werden.«

Prompt änderte sich die Melodie. Es schien fast, als würde der unbekannte Musikfreund das Gespräch belauschen und seine Platten passend zu dem auswählen, worüber sich die beiden Besatzungsoffiziere gerade unterhielten. Nun schmetterten die Andrews Sisters »Rum and Coca-Cola«, und der Calypso klang wie eine Vorahnung auf das Fest.

5

Die Villengegenden in Dahlem, Lichterfelde und Zehlendorf waren von Bombenangriffen und Häuserkämpfen weitgehend verschont geblieben, so dass sich die hochherrschaftlichen Gebäude praktisch unbeschädigt aneinanderreihten. Lediglich viele der Parks und Gärten legten Zeugnis der Zeit ab: Umgepflügte Wiesen dienten als Kartoffelacker, und statt gepflegter Rasenflächen machte der Betrachter aufgegrabenes sandiges Erdreich aus; einst blühende Bäume und Büsche hatten die Anwohner wohl heimlich zu toten Stümpfen zerhackt, denn Brennholz war wichtiger als Gartenkunst. Da sich diese Viertel im amerikanischen Sektor befanden, wurden die meisten Gebäude von Angehörigen der Besatzungstruppen bewohnt. Und auch in dem Haus, das für Rita Harris beschlagnahmt worden war, lebten die früheren Eigentümer inzwischen im Souterrain, während sich die junge Reporterin aus Texas in den repräsentativeren Stockwerken einrichtete.

Als Henry vorfuhr, parkten bereits eine Reihe anderer Militärfahrzeuge am Straßenrand. Es handelte sich vornehmlich um amerikanische Automobile, zu seiner größten Überraschung erkannte er jedoch an der Standarte eines beeindruckend großen, alten Horchs Hammer und Sichel auf leuchtend rotem Grund.

Der teure Wagen war sicher von einem vormals reichen Deutschen requiriert worden, bestimmt einem hochrangigen Parteigenossen, dachte er nicht ohne Neid. Die Sowjets hatten sich nach ihrem Einmarsch die Rosinen genommen, bevor sie den West-Alliierten den Zutritt nach Berlin gewährten. Das wusste er als Mitglied der Kunst-Schutz-Abteilung besser als manch anderer. Immerhin gute zwei Monate hatten Stalins Truppen im Frühsommer vorigen Jahres Zeit gehabt, um Wertgegenstände, die sich noch in der alten Reichshauptstadt befanden, aus der Reichweite von Amerikanern, Engländern und Franzosen zu transportieren.

Chauffeure in den Uniformen der unterschiedlichen Armeeeinheiten lümmelten fröstelnd am Straßenrand, formierten sich zu einer kleinen Gruppe und rauchten gegen die Kälte an. Die glühenden Spitzen ihrer Zigaretten schwebten durch die Dunkelheit wie Leuchtkäfer an einem lauen Sommerabend, mit jedem Atemzug stießen sie nicht nur Rauch, sondern auch dicke Wölkchen aus. Sie beobachten die Gäste, die durch das Gartentor schritten, nur am Rande. Die Aufmerksamkeit dieser Männer galt ihren Fahrzeugen und den Diebesbanden, die im Schutz der früh einsetzenden Dunkelheit alles klauten, was nicht niet- und nagelfest war.

Warmes gelbes Licht fiel aus den Fenstern auf den Vorgarten, wo vertrocknete Unkrautreste zu Eis erstarrt waren. Von Musik untermalte Gesprächsfetzen und Lachen drangen nach draußen, wenn die Eingangstüre geöffnet wurde. Stimmen wehten durch die schmale Wohnstraße, in der sich ein kalter Wind fing und die Reste von Laub und Schmutz auftrieb, Schritte hallten über das Kopfsteinpflaster.

Rita Harris’ Haus war offensichtlich in jener Zeit der zwanziger Jahre erbaut worden, die ihnen den Stempel Golden Twenties aufgedrückt hatten. Es war keine atemberaubende Gründerzeitvilla wie viele andere in dieser Gegend und auch keine architektonische Meisterleistung, sondern solide und ansprechend mit jenem wohnlichen Flair, das man anderswo mit deutscher Gemütlichkeit verband. Einem spitzen Giebel also, einem kleinen Balkon im ersten Stockwerk und einem Erkerfenster. Henry mochte das Haus auf Anhieb.

Vor ihm trat ein Paar durch die eiserne Gartenpforte, das die Köpfe zusammensteckte und nicht auf seine Umgebung zu achten schien. Er war ein junger Warrant Officer der United States Army Air Forces, sie Deutsche. Obwohl er sie nur von hinten sah, erkannte Henry ihre Nationalität an ihrer abgetragenen Garderobe. Weizenblondes Haar fiel in weichen Wellen auf ihre Schultern und leuchtete bei der herrschenden Beleuchtung wie flüssiges Gold. Seine Augen wanderten tiefer und betrachteten hübsche schmale Fesseln, die unter dem Mantelsaum hervorlugten. Sie trug Nylons!

Aha, stellte er amüsiert fest, es ist nicht die erste Verabredung. Das Fräulein kennt ihren Verehrer offensichtlich schon etwas länger.

Er drängte sich hinter dem Paar durch die Haustür, doch erst als er seiner Freundin den Mantel abnehmen wollte, fiel dem amerikanischen Unteroffizier auf, dass Henry dicht hinter ihm stand.

Vor Schreck ließ der junge Mann das Kleidungsstück fallen. Mit einer Miene, die tiefste Verlegenheit über seine Nichtbeachtung des wenig älteren Briten mit dem deutlich höheren Dienstgrad ausdrückte, salutierte er: »Captain!«

Die junge Frau blickte von einem zum anderen, dann auf den Boden, wo ein Haufen grauen Wollstoffs lag. Mit einem unterdrückten Seufzen schickte sie sich an, sich danach zu bücken. Doch Henry kam ihr zuvor.

In einer fließenden, eleganten Bewegung hob er den Mantel auf und warf ihn sich über den Arm, als wäre dies ein kostbarer Pelz oder ein Umhang aus Samt und als befänden sie sich an der Garderobe eines Opernhauses.

Er registrierte den fadenscheinigen Stoff eines dunkelblauen Kleides mit weißem Spitzenbesatz am Halsausschnitt und an den Ärmeln, ein hübsches Puppengesicht mit einer Stupsnase, Grübchen am richtigen Fleck – und die Tatsache, dass das Mädchen noch ziemlich jung war. Sie mochte zwanzig Jahre alt sein, vielleicht war sie sogar jünger, aber älter gewiss nicht.

Dunkle Augen in den Farben blau schimmernden Granits starrten ihn verwundert an. »Das nenn ich britische Höflichkeit«, murmelte sie in sich hinein.

»Es ist mir ein Vergnügen«, erwiderte Henry in ihrer Muttersprache.

Außer einem »Oh!«, das ihre Lippen zu einer entzückenden Schnute formte, brachte sie nichts heraus. Offensichtlich hatte sie nicht damit gerechnet, dass er ihre unbedachte Äußerung verstand.

»Henry! Henry Richardson!«, rief eine Stimme und unterbrach seine Überlegungen, wie sich der süße Schmollmund wohl anfühlen mochte und dass der Amerikaner verdammt viel Glück hatte.

Eine Frau drängte sich in sein Bewusstsein, die ihn schon damals in London ziemlich beeindruckt hatte. Rita Harris war ein Ausbund an überschäumend guter Laune, dazu enorm ehrgeizig und mit einem imponierenden Durchhaltewillen ausgestattet. Trotz der herrschenden Zeiten und der Tatsache, dass viele Frauen zu kriegswichtigen Tätigkeiten herangezogen wurden, wehte der jungen Kriegerwitwe und alleinerziehenden Mutter Rita ein eisiger Wind entgegen. Sie wollte mehr sein als nur Sekretärin oder Telefonistin im Informationskontrollamt und viel mehr als die kleine Reporterin der Dallas News, wo sie ausgebildet worden war. Rita Harris war im besten Sinne taff und genau das, was Amerikaner unter dem Begriff smart verstanden: eine Persönlichkeit von überragender Intelligenz. Dazu war sie eine glänzende Journalistin.

Und noch attraktiver als in seiner Erinnerung, wie er unwillkürlich feststellte. Sie war groß und schlank, besaß aber dennoch eine weibliche Figur, was nicht einmal die Uniform kaschieren konnte. Das Auffallendste an ihr waren ihre flammend roten Locken, die sie wie der Hollywoodstar Rita Hayworth in dem Filmmusical Cover Girl trug: eine volle Tolle und über den Ohren mit Kämmen zurückgesteckt.

Die Namensschwester der berühmten Diva flog in Henrys Arme und drückte überschwänglich einen Kuss auf seine Wange.

Er strich ihr Haar zur Seite und spähte auf die Dienstklappe mit dem Rangabzeichen auf ihrer Schulter. »Das ist das erste Mal, dass ich von einem amerikanischen Major geküsst werde«, stellte er lächelnd fest.