Das bisschen Sünde - Anke Greifeneder - E-Book

Das bisschen Sünde E-Book

Anke Greifeneder

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8,99 €

Beschreibung

Wer bei diesem Mann nicht sündigt, kann nur eine Heilige sein!

Annie ist heilfroh, kein Teenager mehr zu sein. Sie hat einen tollen Job, zwei niedliche Katzen und – ach ja, ihren Freund kürzlich verlassen. Welche selbstbewusste Frau ist heute noch auf einen Mann angewiesen? Doch dann steht aus heiterem Himmel Annies große Liebe aus Schulzeiten vor ihr. Max ist aufregend, unwiderstehlich … und immer noch ein Riesenarsch. Und Annie verhält sich, ohne es zu wollen, wieder wie eine Sechzehnjährige. In diesem Gefühlswahnsinn hilft ihr nur ein radikaler Einschnitt: der Gang ins Kloster. Oder ist Max vielleicht doch die ein oder andere Sünde wert?

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EPUB

Seitenzahl: 392

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Buch

Wenn die eigene Mutter dir eine Freundschaftsanfrage auf Facebook schickt, wird es höchste Zeit, dich abzumelden. Vor allem, wenn Mamas neue Freunde deine einstigen Schulfreunde sind und du froh bist, dass der Kontakt zu ihnen für immer und ewig abgebrochen ist … Das denkt zumindest die junge Apothekerin Annie Fischer. Aber weil ihre Mutter weiß, dass Annies Kunden nur Hämorridensalbe oder Psychopharmaka benötigen, anstatt ihrer Tochter den Hof zu machen, spielt sie Fortuna und versucht, Annie zu verkuppeln. Und zwar mit dem neuen Tierarzt. Doch der entpuppt sich als niemand Geringeres als Max Wolf – der einst arroganteste Kerl der Schule. Und Annie verhält sich, ohne es zu wollen, ihm gegenüber wieder wie eine Sechzehnjährige. In diesem Gefühlswahnsinn hilft ihr nur ein radikaler Einschnitt: der Gang ins Kloster …

Autorin

Anke Greifeneder, Jahrgang 1972, wurde im Schwarzwald geboren. Sie studierte Jura, beschloss aber, Karriere in der Medienwelt zu machen, statt in einer Kanzlei zu arbeiten. Nach Jobs bei MTV in London sowie Viva und Comedy Central ist Greifeneder als Programmdirektorin bei Turner Broadcasting in München tätig. In ihrer Freizeit schreibt die Grimme-Preisträgerin Liebesromane – für ihr Buch »Das bisschen Sünde« ging sie zu Recherchezwecken sogar ins Kloster. Neben dem Schreiben ist die Musik ihre große Leidenschaft: Sie singt, komponiert und spielt Klavier. Anke Greifeneder lebt mit ihrer Familie in München.

Von Anke Greifeneder bereits erschienen:

Flurfunk (E-Book 15759)

Klatschmohn (E-Book 15760)

Anke Greifeneder

Das bisschen Sünde

Roman

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2015 by Blanvalet Verlag,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Umschlaggestaltung © Johannes Wiebel | punchdesign,

unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com

Redaktion: Lisa Bitzer

Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-14234-6

www.blanvalet.de

Für Hannes – den besten Grund,

nicht ins Kloster zu gehen …

KAPITEL 1

Ärgere dich nicht darüber, dass der Rosenstrauch

Dornen trägt, sondern freue dich darüber,

dass der Dornenstrauch Rosen trägt.

Arabisches Sprichwort

»Ich hab die Masern«, rief Lasse beim Öffnen der Tür und streckte mir mit stolzem Gesichtsausdruck die roten Pusteln entgegen. Dann ließ er mich in die mit Plastikbaggern, Barbiepuppen und Teddybären übersäte Vierzimmerwohnung eintreten.

Hinter ihm tauchte meine beste Freundin Johanna auf, bereits in festliche Abendrobe gehüllt, und sah mich flehentlich an. »Sag bitte, dass du die Masern schon hattest! Nils bringt mich um, wenn wir die teuren Karten verfallen lassen müssen.«

Lasse spiegelte sich in der Wohnzimmervitrine und stellte freudig fest: »Cool, ich sehe aus wie das Sams!«

Johannas Augen füllten sich mit Tränen.

Beruhigend tätschelte ich ihr die Schulter, eine Umarmung wagte ich angesichts des samtroten Rüschentraums nicht. »So ein paar rote Punkte schrecken mich nicht ab. Keine Angst, ihr seht euch heute Carmen an, ich kümmere mich um Lasse und Maja.«

Ihr erleichtertes Seufzen ließ erahnen, wie dringend sie diesen Abend brauchte. Auf einem kleinen Trampelpfad, der sich durch das auf dem Parkett herumliegende Spielzeug schlängelte, bewegte sie sich auf die Tür zu. »Du bist die Rettung! Maja habe ich eben ins Bett gebracht. Sie müsste durchschlafen, bis wir zurück sind. Wenn du nicht bereits Lasses Patentante wärst, würde ich dich nachträglich dazu ernennen.«

Natürlich würde sie das – wie alle aus meinem Freundeskreis. Wenn es ums Babysitten, Schleppen tragen oder Verlobungsringe mit unfähigen Freunden aussuchen ging, war ich unschlagbar. Was die Anzahl schiefgelaufener Verabredungen anging, allerdings auch. Und so kam es, dass ich mit meinen einunddreißig Jahren an einem Samstagabend im Mai einen Vierjährigen auf die Toilette begleitete, anstatt einen aufregenden Mann ins Kino. Dass sich dieser triste Samstagabend in meiner Heimatstadt Freiburg ereignete, in die ich vor zwei Jahren nach verschiedenen Umwegen wieder zurückgekehrt war, machte es leider nicht besser.

Lasse schien sich von den Masern nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Kaum war er von der Schüssel gestiegen, zeigte er hocherfreut auf meinen Laptop, den ich im Flur zwischen einer kopflosen Puppe und einer Plüschgiraffe mit umgeknicktem Hals abgestellt hatte. »Suchst du wieder Männer?«

Mist. Wenn bereits ein Vierjähriger begriffen hatte, dass ich mich auf Männersuche befand, war ich offensichtlich verzweifelt.

»Nein, einen Mann. Ich suche nur einen Mann«, erwiderte ich und fügte leise hinzu: »Und das ist schon schwer genug.«

Vielleicht hätte ich meine Online-Dating-Profile beim letzten Mal erst besuchen sollen, nachdem ich Lasse ins Bett gebracht hatte. Was er wohl seinen Eltern erzählt hat?

»Papa ist auch ein Mann«, versuchte er zu helfen.

Nett gemeint, aber bevor ich Nils mit seiner hohen Fistelstimme und der noch höheren Stirn in Betracht zog – dank Johanna wusste ich zudem, dass er unter Krampfadern litt und deshalb im Sommer stets lange Hosen trug –, suchte ich mir lieber ein anderes Hobby. Ganz davon abgesehen, dass er Johannas Mann war. Das wäre nicht nur eine verhängnisvolle Affäre, das war eine absolute No-Go-Area. Falls ich jemals anfangen sollte, Nils oder den Männern meiner anderen Freundinnen nachzusteigen, würde ich mich wegschließen lassen. Freiwillig. Für immer. Schließlich wollte ich nicht als Glenn Close enden und Kaninchen vergiften, um schließlich mit verlaufenem Kajal in der Badewanne zu enden.

»Aber dein Papa hat schon eine Frau. Die Mama«, erklärte ich und kam mir dabei sehr pädagogisch vor.

Lasse überlegte einen Moment. »Also bekommt jeder Mann nur eine Frau?«

»Ja.«

»Und jede Frau nur einen Mann?«

Äh, ja, meistens zumindest. Aber wenn man nicht schnell genug war, bekam man anstelle des Mannes eine Katze, eine Wärmflasche und eine Menge Spleens als kostenlose Dreingabe, bis die zweite Runde eingeläutet wurde und alle geschiedenen Exemplare Modell Nummer zwei suchten – realistischer, verarmter und mit genauem Plan in der Hosentasche, wer an welchem Wochenende die Kinder bekam.

»Ja, in der Regel kriegen sich immer nur zwei Leute. Bei mehreren wird’s kompliziert«, sagte ich.

Man konnte nicht früh genug anfangen, es dem männlichen Geschlecht einzutrichtern. Am eigenen Leib hatte ich miterleben dürfen, was passierte, wenn man sich (wie im Falle meines Vaters) nicht an diese einfache Regel hielt und (wie im Falle meiner Mutter) eine Rachegöttin auf den Hals gehetzt bekam. Von ihr hatte ich früh genug gelernt, mich nicht von einem Mann abhängig zu machen, sondern immer auf eigenen Füßen zu stehen. Sie wusste, wovon sie sprach, schließlich hatte sie uns beide ohne einen männlichen Ernährer durchbringen müssen. Diese Erfahrungen hatten mich geprägt und waren ein Grund, weshalb ich ein gutes Abitur und ein noch besseres Pharmaziestudium abgelegt hatte und mich in der Rosengarten-Apotheke abschuftete, in der Hoffnung, meinen Chef, Herrn Metzler, zu beerben – der, kinderlos und bald im Rentenalter, seit geraumer Zeit Andeutungen mir gegenüber machte, dass ich einmal seine Apotheke übernehmen dürfe.

Davon träumte ich seit dem Studium. Mein eigener Chef zu sein, die Apotheke nach meinem Geschmack einzurichten, mehr auf Naturheilverfahren zu setzen und genug Zeit für eine anständige Beratung der Kunden einzuplanen. War ich ehrlich zu mir selbst, war ich nicht nur auf der Suche nach einem Mann, sondern im Idealfall nach einem Mann mit Apotheke. Notfalls wollte ich auch nur die Apotheke nehmen, wenn der Mann sich als Niete entpuppte, denn erst kam die Pflicht und dann die Kür.

Nachdem ich Lasse unter vielen Nachfragen und einem prophylaktischen Fieberzäpfchen ins Bett gesteckt hatte, machte ich es mir auf dem mit Joghurt und Schokoflecken eingesauten Sofa bequem, das vor Lasse und Maja einmal hellbeige gewesen war, und klinkte mich in das WLAN von Johanna und Nils ein. Mal sehen, wer mir heute ins Netz gegangen war. Effizient, wie ich war, hatte ich mich bei drei Agenturen gleichzeitig angemeldet. Die erste machte auf elitär und akademisch. Die zweite war groß und von Stiftung Warentest als gut bewertet worden, und bei der dritten gefiel mir einfach die Werbung, in der junge hippe Menschen im strahlenden Sonnenschein auf einer Wiese im Park rumlagen und flirteten. So schön konnte Partnersuche sein …

Bei der elitären Agentur war mal wieder ein Unternehmer Anfang sechzig aufgetaucht, der sich selbst als aktiven Genussmenschen beschrieb, was übersetzt bedeutete: Er trank und aß zu viel, hatte wahrscheinlich einen Bauchumfang bis nach Finnland, wollte trotz allem noch überdurchschnittlich viel Sex, sich aber bitte nur hinlegen und den Rest Viagra und die Dreißigjährige machen lassen, die sich von ihm aushalten ließ.

Danke, der Nächste, bitte! Wieder einmal beschlich mich der Verdacht, dass sich Akademiker nicht für gleichaltrige Frauen interessierten. Überhaupt sollte ich mich bei dem blasierten »Von und Zu«-Portal besser wieder abmelden. Über eine Bekanntschaft dieser Art würde sich im Zweifel höchstens meine Mutter freuen, die sich immer – ich zitiere – »ein besseres Leben« für mich wünschte, was ich ihrem mitleidigen Unterton nach zu urteilen ziemlich nötig hatte.

Als ich die mickrigen Ergebnisse meines Beutezugs begutachtet hatte, schaute ich noch bei Facebook vorbei – und wurde blass, als ich die Freundschaftsanfragen anklickte. In diesem Moment vibrierte mein Handy. Es war meine Kollegin Shakira. Zwei Menschen konnten nicht unterschiedlicher sein als wir, was wahrscheinlich der Grund war, weshalb wir uns so gut verstanden.

»Du glaubst nicht, von wem ich eben eine Freundschaftsanfrage bekommen habe!«, rief sie etwas zu laut in den Hörer, den ich reflexartig vom Ohr weg hielt.

»Von meiner Mutter?«, fragte ich.

Der kleine Moment der Stille verriet, dass sie nicht mit meiner Antwort gerechnet hatte und ich ihr die Überraschung verdarb.

Ich ahnte Schreckliches. »Sie hat dir also auch eine Anfrage geschickt. Hast du ihr Profil gesehen? Ein öffentliches, für jeden einsehbar!«

»Schau mal unter Fotos nach – aber vielleicht spendierst du dir vorher ’nen Obstler«, warnte Shakira, die viel zu alt war, um ihren Namen der Sängerin zu verdanken, sich aber trotzdem oft genug doofe Sprüche anhören durfte und regelmäßig von ganz originellen Spaßvögeln zum Bauchtanz aufgefordert wurde. Da machte es keinen Unterschied, dass sie mit Nachnamen Wendel hieß.

»Das hat sie nicht gewagt«, zischte ich durch die zusammengepressten Zähne.

Shakiras Ton wechselte von sensationshungrig auf mitfühlend. »Ich fürchte doch. Schau dir die Seite in Ruhe an. Und klingle durch, wenn du seelischen Beistand brauchst. Wo bist du eigentlich?«

Wo wohl, wenn ich nicht gerade auf einem miesen Date war?

»Babysitten bei Johanna. Nils führt sie in die Oper aus. Lasse hat Masern.«

Shakira lachte kurz auf, merkte aber schnell, dass ich es nicht lustig fand. »Annie, es wird Zeit, dass du von der Straße kommst. Sonst hast du bald alle Kinderkrankheiten durch, ohne je selbst geworfen zu haben. Warum impft Johanna ihre Brut eigentlich nicht? Ich finde das unverantwortlich.«

Ich verkniff mir einen Kommentar. Meine Konzentration wurde längst von der Profilseite meiner Mutter gefangen genommen, was Shakira nicht entging.

»Lies mal in Ruhe. Bis später!«

In Ruhe las ich bestimmt nicht, bei dem, was ich allein schon beim Überfliegen sehen konnte. Das Profilbild, viel zu aufreizend für ihr Alter, war absolut peinlich und Fremdschämgarant pur. Zu viel Ausschnitt, zu viel Make-up, zu viel Haar … zu viel Mama und eben so, wie man die eigene Mutter definitiv nicht sehen wollte.

Bei ihrem Status stand »Single«, garniert mit einem humorigen Seitenhieb an alle Männer: »Der erste Hodenschützer wurde 1874 im Hockey benutzt, der erste Helm erst 1974. Das bedeutet, dass es nur einhundert Jahre gedauert hat, bis Männer gemerkt haben, dass sie auch ihr Hirn brauchen.«

Wenn Eltern auf Facebook auftauchten, wurde es höchste Zeit, die Plattform zu wechseln. Vor allem, wenn sie wie meine Mutter offenbar vor allem Menschen als neue Freunde hinzufügten, die sie hauptsächlich aus meiner dreizehnjährigen Schulkarriere kannten. So konnte ich live mitverfolgen, dass Irene Fischer jetzt mit der gesamten Welt, insbesondere meinen alten Freunden aus der Oberstufe, anbandelte.

Als ich zu ihrer Bildergalerie surfte, wusste ich, wovon Shakira gesprochen hatte. Inmitten ihrer Party- und »Ich-wäre-gerne-nochmal-17«-Aufnahmen waren auch Schnappschüsse von mir zu finden. Zwischen den Hochzeitsfotos meiner Cousins und Cousinen lachte ich als fünfjähriges Pummelchen in die Kamera, außerdem war ich mit rosa Brille und Meckifrisur während der Pubertät zu sehen, und als Krönung auf einem aktuellen Foto beim Sonnenbaden im Bikini auf dem Balkon meiner Mutter mit dem Kommentar: »Meine wunderschöne Tochter Annie, immer noch Single. Da verstehe einer die Männer!«

Atemlos wählte ich Shakiras Nummer, die sich gar nicht erst mit einer Begrüßung aufhielt, sondern gleich japste: »Das Bikini-Foto, richtig?«

»Na klar, was meinst du denn? Kinderfotos, geschenkt. Meine Optik in der Pubertät kann mir inzwischen auch nichts mehr anhaben, aber ein Bikinifoto mit dem Hinweis, dass ich immer noch Single bin?«

Shakira, die meine Mutter und ihre exzentrische Art zur Genüge kannte, wusste genau, wovon ich sprach. »Du musst ihr sagen, dass sie die Inhalte ihres Profils besser verbergen muss, das Foto kann wirklich jeder Hanswurst sehen. Sag Bescheid, wie es lief. Wir sehen uns Montag in alter Frische!«

Nach einer halben Stunde der Verzweiflung, einer mittelschweren Panikattacke und zahllosen Versuchen, meine Mutter zu erreichen, gab ich auf. Sie ging weder ans Festnetztelefon noch an ihr Handy und stellte sich vermutlich einfach tot, wohl wissend, dass ihre Tochter Grund zur Beschwerde hatte. Im Internet konnte ich mitverfolgen, wie sie ihr Profil ständig bearbeitete und »verschönerte«. Ihr letztes Status-Update lautete: »mag junge Männer, die wissen, was sie wollen«.

Ich war versucht, in meine Statusleiste einzugeben: »mag sterben«.

Johanna und Nils kamen früher zurück als gedacht. Die Sorge um Lasse war Grund dafür, dass sie den zweiten Akt der Oper sausen ließen, obwohl ich Johanna bei ihren telefonischen Nachfragen mehrfach versichert hatte, dass er schliefe und alles gut sei, während ich im Hintergrund empörte Opernbesucher hören konnte, die kurz davor waren, sie und ihr rotes Rauschekleid vor die Tür zu setzen. Erst als sie sich selbst davon überzeugt hatte, dass Lasse und Maja selig im Land der Träume weilten, schien sie sich zu entspannen. Es wurde Zeit für mich, nach Hause zu fahren.

»Ich pack’s dann mal. Tut mir leid, dass ihr den Abend nicht richtig genießen konntet, wo du dich so darauf gefreut hast.«

Johanna sah müde, übernächtigt und frustriert aus, als sie sich neben mir aufs Sofa fallen ließ. »Das ist mein Alltag. Einer ist immer krank. Maja schläft zwar besser, aber lange noch nicht durch. Nils und ich sind nur damit beschäftigt, uns gegenseitig die Kinder abzunehmen, damit der andere mal ein paar Minuten für sich hat. Sex kenne ich nur noch vom Hörensagen. Das letzte Mal war, glaube ich, als wir Maja gezeugt haben.«

Ich nickte verständnisvoll. Keinen Sex hatte ich auch. Dafür brauchte ich noch nicht mal einen Mann, geschweige denn Kinder.

»Aber es ist uns sogar egal, dass wir nicht mehr miteinander schlafen«, fuhr Johanna seufzend fort. »Wir sind chronisch müde, obwohl ich manchmal Nils im Verdacht habe, die Bilder aus dem Kreißsaal nicht verdrängt zu haben – er ist doch so sensibel und etepetete. Und zugegeben, appetitlich ist das nicht, gerade für einen Schöngeist. Hättest mal sehen sollen, wie angewidert er geschaut hat. Die Hebamme war kurz davor, ihn rauszuwerfen.«

Hallo? Das wollte ich nicht wissen! Und selbst, wenn es so war, konnte sie unmöglich mir, einer Frau um die dreißig, die sich nichts sehnlicher wünschte als eine Beziehung und Kinder, diese abschreckenden Informationen anvertrauen.

»Aber wenn sie dich dann anlächeln und dich umarmen ist es all die Arbeit und Opfer wert, oder?«

Johanna nickte automatisch, so als ob man das machen müsste, wenn man Mutter war, und ihre Lider wurden mit einem Mal so schwer, dass ich ihr gerade noch die hochhackigen Pumps von den Füßen ziehen konnte, bevor sie samt Rüschenkleid in den Tiefschlaf fiel.

KAPITEL 2

Eine Frau ohne Geheimnis

ist wie eine Blume ohne Duft.

Maurice Chevalier

»Ich würde Ihnen abraten, die Hämorridencreme für die Augen zu benutzen. Ich weiß, dass das immer wieder als Faltentrick der Stars in Zeitschriften steht, aber viele Frauen, die das versucht haben, haben Ausschlag bekommen und, als die Wirkung nachließ, zugeschwollene Augen.«

Vor mir stand eine in sich zusammengefallene Endvierzigerin mit hängenden Schultern und einem Selbstbewusstsein, das sich vom Boden abkratzen ließ. Ihre Enttäuschung sprang mir über den Verkaufstresen hinweg förmlich ins Gesicht. Gewartet hatte sie, bis keiner mehr in der Apotheke war, dann hatte sie schüchtern und mit leiser Stimme nachgefragt. Die Frau, die einen praktischen Kurzhaarschnitt trug und offensichtlich nicht viel Zeit für ihr Erscheinungsbild aufwendete, seufzte tief und herzzerreißend, als ob ihr von Anfang an klar gewesen wäre, dass die Hämorridencreme eine Schnapsidee war und ihre Probleme auch nicht lösen würde.

Vorsichtig begab ich mich in die Gefahrenzone. »Aber wenn Sie wollen, kann ich Ihnen ein paar Produkte empfehlen und ein paar Pröbchen mitgeben.«

Sie nickte müde und blickte mich schüchtern an. In ihr steckte so viel Energie wie in schockgefrostetem Brokkoli, aber langsam taute sie auf. Während ich ihr einige Naturpflegeprodukte zeigte und verschiedene Cremes zum Probieren reichte, erzählte sie, dass sie ihre Mutter, die an Demenz erkrankt war, seit einigen Jahren pflege. Ihre Tochter feiere am Samstag Abiball und wolle, dass die Mutter sich zurechtmache.

»Sie sagte wortwörtlich: ›Bitte gib dir Mühe, das ist mir wichtig.‹ Als ob sie sich für mich schämen würde.«

Sie klang verletzt und tat mir wahnsinnig leid.

»Ach, Sie wissen doch, wie Mädchen in dem Alter sind. Die Hormone spielen verrückt. Oberflächliches Gehabe und Gruppenzwang sind in der Pubertät viel stärker. Das meint sie bestimmt nicht so. Sie sollten sich aber vielleicht wirklich mal was Gutes tun und den Abiball als Anlass nehmen, sich etwas zu gönnen.«

Sie senkte den Blick. »Ich schlafe so schlecht und bin öfter deprimiert, weil mir das mit Mutter zu schaffen macht«, redete sie sich ihren Kummer von der Seele. Es war, als öffnete sich bei ihr eine Schleuse – eben noch war sie ein vertrocknetes Mauerblümchen gewesen, dessen beste Jahre bereits hinter ihm lagen, nun zerfloss sie in Selbstmitleid.

»Wollen Sie nicht mal Johanniskraut versuchen? Das ist rein pflanzlich und hilft bei depressiven Verstimmungen und Schlafstörungen«, schlug ich vor. »Trotzdem ist es wichtig, dass Sie jemanden haben, mit dem Sie über Ihre Probleme sprechen können. Wie sieht’s mit Ihrem Mann oder einer guten Freundin aus?«

Sie schüttelte den Kopf. »Am Anfang war da ein gewisses Interesse. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, andere zu nerven, weil ich nur noch das eine Thema habe.«

Während sie erneut seufzte, kam mir eine Idee. Ich lief hinter den Tresen, zog einen Ordner aus einem der Regale darunter hervor und blätterte darin, bis ich eine Adresse fand, die ich ihr auf ein Blatt Papier schrieb. »Das hier sind Freiburger Selbsthilfegruppen für Angehörige von Alzheimer-Patienten. Vielleicht wollen Sie das mal ausprobieren?«

Zögernd nahm sie den Zettel entgegen, aber wenn mich nicht alles täuschte, sah ich ein leichtes Lächeln ihr Gesicht erhellen. Als sie mit Make-up, einigen Pflegeprodukten für die reife Haut und einer Jahrespackung Johanniskraut im Gepäck die Apotheke verließ, drückte ich ihr innerlich die Daumen, dass sie es schaffen möge, zur Selbsthilfegruppe zu gehen und vor allem sich selbst mehr Zeit zu schenken.

Shakira, die sich dezent im Hintergrund gehalten hatte, kam nach vorne und grinste. »Na? Konntest du dein Kräuterzeug mal wieder an die Frau bringen? Lass das bloß nicht den Metzler sehen. Du weißt, dass er skeptisch ist, was Heilkräuter angeht, und glaubt, mit konventionellen Mitteln mehr Geld verdienen zu können.«

Entnervt schüttelte ich den Kopf. Es war ja nicht so, als ob ich eine dogmatisch verblendete Anhängerin von pflanzlichen Wirkstoffen wäre. Zu gut kannte ich ihre Grenzen. In meinen Augen waren chemisch hergestellte Medikamente ein Segen und eine große Errungenschaft unserer Zeit. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, eine Lungenentzündung mit Kamillenblüten zu heilen. Allerdings hatte ich im Apothekenalltag gemerkt, dass bei harmlosen Krankheiten, die mit einem Hausmittel und etwas Schonung in den Griff gebracht werden konnten, schnell zu Chemiekeulen gegriffen wurde. Mir ging es darum, dass Menschen sich mehr mit ihrem Körper und ihrer Gesundheit im Ganzen vertraut machten und durch eine vernünftige Lebensweise und Aktivierung ihrer Selbstheilungskräfte auf die geballte Pharmapower verzichteten.

»Du kennst meine Argumentation sehr genau. Ich verkaufe eben lieber ein Produkt, das genauso gut wie ein chemisch hergestelltes wirkt und dabei ohne Tierversuche auskommt.«

Shakira ließ nicht locker. »Hoffentlich fällst du nicht auf die Schnauze mit deiner Kräuternummer. Außerdem tendierst du in letzter Zeit wieder zu einem Helfersyndrom. Ich dachte, du wärst seit deinem Einbruch in dieses Schweizer Tierlabor kuriert?«

Sie sprach einen wunden Punkt an: meine Vergangenheit als Tieraktivistin. Meine Freunde konnten ein Lied davon singen, schließlich hatte ich bis vor nicht allzu langer Zeit ständig irgendwelche Mäuse, Hamster und Katzen mitgebracht, die nach den Einbrüchen ein neues Zuhause suchten. Auf diesem Weg waren auch Kaspar und Hauser zu mir gelangt. Die beiden waren in ganz erbärmlichem Zustand gewesen, als wir sie befreiten, und so dankbar, dass ich sie behalten musste. Dank meiner Pflege hatten sie sich prächtig entwickelt. Mein letzter »Rettungsversuch« lag allerdings bereits ein paar Monate zurück. Beinahe wäre ich geschnappt worden und hätte damit meine Existenz aufs Spiel gesetzt. Das war mein ganz persönlicher Weckruf gewesen, denn bis dato hatte ich vor lauter Tierliebe und Robin-Hood-Enthusiasmus verdrängt, dass es sich bei meinen Einbrüchen um illegale Taten handelt, auch wenn sie moralisch von vielen Seiten begrüßt wurden.

Zum Glück hatte meine Mutter nie etwas von meinen Aktionen mitbekommen – ein weiteres Indiz, dass ihre hellseherische Gabe reines Wunschdenken war, ansonsten hätte sie mir vor jedem Labor aufgelauert und mich sofort wieder ins Auto gezerrt.

»Was hat denn bitte eine Beratung auf Basis von Naturheilverfahren mit Tierbefreiung zu tun?«, wollte ich von Shakira wissen.

Sie zog die Augenbrauen hoch. »Na, dass du dich wieder wie Mutter Teresa fühlen kannst!«

Was war schlecht daran, sich mit Leidenschaft für eine Sache einzusetzen? Wäre es verkehrt, hätte Mutter Teresa wohl nie den Friedensnobelpreis bekommen und wäre auch nicht heiliggesprochen worden. Nicht, dass ich mich mit ihr auch nur im Ansatz vergleichen würde. Die einzigen beiden Dinge, die uns verbanden, waren die Größe (ich war gerade mal eins vierundfünfzig groß) und die Tatsache, dass ich vor Jahren überlegt hatte, nach Indien zu gehen – allerdings nicht, um Lepra zu heilen, sondern um meiner Mutter zu entfliehen. Indien war eines der Länder, in das sie bestimmt nie freiwillig reisen würde. »Wer weiß, was man sich da alles einfangen kann, ganz abgesehen davon, dass da inzwischen die Terrorcamps boomen, und es gibt überall Kinderarbeit!« Dass die Terrorcamps, wenn überhaupt, eher in Pakistan zu finden waren, störte meine Mutter wenig. »Sehen eh alle gleich aus.«

In Gedanken versunken, machte ich mich daran, eine neue Lieferung an Medikamenten in die Schubladen der Rosengarten-Apotheke einzuräumen. Ich liebte den kleinen Laden, den es seit über einhundert Jahren gab und dessen Inventar von früher fast vollständig erhalten war. Das schöne alte Fischgrätenparkett, das an vielen Stellen knarzte, die dunkelbraunen Apothekerschränke aus der Jahrhundertwende, die hell getünchten Wände, die alte Bilderrahmen schmückten, hinter deren Glas getrocknete Pflanzen zu bewundern waren.

Schon als kleines Kind war ich in die Rosengarten-Apotheke vernarrt gewesen. All die braunen Gläser mit in schöner Schreibschrift versehenen Aufklebern, all die in den Ausziehregalen fein säuberlich geordneten Medikamente. Nicht zu vergessen der Apotheker, Herr Metzler, der in seinem gestärkten Kittel Gummibärchen und Apotheken Umschauen verteilte und beinahe wie ein Teil des Bühnenbilds wirkte. Während meines Pharmaziestudiums hatte ich hier mein Praxissemester verbracht, und nach dem Studium wurde ich von Herrn Metzler direkt eingestellt. Wir pflegten ein vertrautes Verhältnis, obwohl wir uns nach wie vor siezten. Herr Metzler – ganz alte Schule – hatte mich als Jugendliche geduzt, nach meinem Abitur aber mit den Höflichkeiten angefangen und bestand weiterhin darauf, mich zu siezen.

Trotz aller gegebenen Höflichkeit hoffte ich sehr darauf, die Apotheke bald übernehmen zu dürfen. Herr Metzler, dessen Ehe kinderlos geblieben war, beabsichtigte, bald in Rente zu gehen. Meiner Beobachtung nach schien er sich auf seinen Ruhestand zu freuen und mich im Verborgenen als Nachfolgerin genauestens unter die Lupe zu nehmen. Meinen direkten Fragen wich er zwar aus, aber immer mit einem zweideutigen Kommentar und der Aufforderung, ich solle mich noch etwas in Geduld üben. Die Taten aber sprachen für sich. In den letzten Monaten hatte er mir peu à peu das Zepter übergeben, genau wie die Wochenend- und Abenddienste sowie die Überstunden. Die Mehrarbeit hatte mir zwar nichts ausgemacht, war aber nach und nach an die Substanz gegangen. Ein paar Wochen Belastung waren der Rede nicht wert, aber da ich von Anfang an hatte zeigen wollen, dass ich das Zeug hatte, die Apotheke zu übernehmen, war ich bereits seit meiner Einstellung vor zwei Jahren im Ausnahmezustand. Das Wort »Urlaub« war aus meinem aktiven Wortschatz gestrichen worden, und da zuhause niemand auf mich wartete, wurden die Ausziehschubladen der Apotheke meine Heimat. Leider hatte Herr Metzler den personalen Engpass vor ein paar Monaten selbst bemerkt und gehandelt, indem er vor einigen Wochen für Unterstützung gesorgt hatte. Die neue Kollegin hörte auf den affigen Namen Loretta Schöne und fing in ein paar Tagen bei uns an, was zwar eine große Hilfe sein würde, denn Shakira durfte als Apothekengehilfin nicht alle Medikamente anmischen und verkaufen, für meine Zukunftsplanung aber eine latente Gefahr darstellte. Konkurrenz zu diesem Zeitpunkt brauchte ich so dringend wie Mundfäule. Natürlich hatte ich geplant Verstärkung einzustellen, aber erst nachdem ich die Apotheke übernommen hatte.

»Annie, hast du wieder diese flachen Treter an? So klappt das nie mit einem Freund! Bei diesen Gesundheitslatschen würde ich als Mann auch Reißaus nehmen.«

Dieser Satz konnte nur von meiner Mutter stammen, die gern unangemeldet in die Apotheke schneite. In ihrem Job als Medium war sie relativ erfolgreich, was mich immer wieder verwunderte, denn zumindest im Alltag konnte ich nicht viel Einfühlungsvermögen bei ihr entdecken – es sei denn, es ging um sie selbst. Auch heute sah sie wieder aus, als ob sie jeden Moment zur weißen Tigerparade nach Las Vegas durchbrennen wollte, mit goldenem Leopardenshirt, hochtoupierter dunkler Mähne, viel zu großen goldenen Kreolen, die an ihren Ohrläppchen baumelten, rot lackierten Krallen und einer Leggings, die sie definitiv nicht mehr tragen konnte. Weder in ihrem Alter noch bei ihrer Figur. Dazu hatte sie sich in High Heels gezwängt, mit denen sie nur kleine Trippelschritte machen konnte. Ich wusste, dass sie das Laufen in diesen Folterinstrumenten zuhause übte und als sexy empfand.

Kühl musterte ich sie, als ob ich sie nicht kennen würde – die Facebook-Aktion musste geahndet werden. »Wie kann ich Ihnen weiterhelfen? Wir hätten Diskretionspillen im Angebot, und der ›Ich-höre-auf-meine-Tochter-verkuppeln-zu-wollen‹-Saft ist ebenfalls runtergesetzt. Da wir heute die Aktion ›Kauf zwei, bekomm drei‹ haben, bekommen Sie die ›Hände-weg-von-sozialen-Netzwerken-aller-Art‹-Salbe dazugeschenkt.«

Meine Mutter verstand natürlich, worauf ich auch nicht gerade dezent anspielte, war aber Profi genug, sich nicht davon beeindrucken zu lassen. »Nachdem deine Dates immer in einer Katastrophe enden, lässt du mir ja keine andere Wahl. Du solltest im Übrigen viel aktiver auf Facebook sein. Wusstest du, dass die meisten Menschen jemanden heiraten, der aus ihrer Gegend stammt? Sie finden sich über soziale Netzwerke wieder. Habe ich kürzlich erst gelesen.«

Ja, die Studie hatte ich auch gelesen, allerdings war es da nicht ums Heiraten gegangen, sondern um die Tatsache, dass sich Affären viel leichter über Facebook als im Real Life beginnen ließen.

Mutter ließ sich wie immer nicht beirren. »Du musst dein Profilbild austauschen, ein paar Bikini-Fotos hinzufügen und deinen Beziehungsstatus von einem verzweifelten Single-Status in ›Es ist kompliziert‹ ändern, das klingt interessanter. Vor allem aber musst du wirklich höhere Schuhe anziehen, sonst denken alle, dass Metzlers Patenkind hier Praktikum macht.«

Innerhalb von wenigen Sekunden hatte sie mich wieder auf hundertachtzig gebracht. »Mama, ich steh hier nicht zur Dekoration herum! Und da ich bis zu zehn Stunden pro Tag auf den Beinen bin, trage ich lieber flache Schuhe. Außerdem ist mein Job keine Kontaktbörse, okay?«

Mutter schnaubte verächtlich. »Wie denn auch? Wenn du dich hinterm Tresen versteckst! Und überhaupt, hatten wir nicht ausgemacht, dass du mich in der Öffentlichkeit Irene nennst?«

Sie schaffte es immer wieder, mich innerhalb von kürzester Zeit bis auf die Knochen zu blamieren. »Nein, das hast du mit dir ausgemacht«, giftete ich sie an. »Ich nenne dich weiter Mama, das bist du nämlich, und nicht meine Freundin oder Schwester oder entfernte Verwandte. Keine Ahnung, was dich da geritten hat, als du das beschlossen hast. Neuer Mann?«

Sie blickte ertappt zur Seite. »Fabio. Habe ich auf Facebook kennengelernt. Eine ganz offene Seele.«

Aha, daher wehte der Wind! Vermutlich hatte sie dieses Mal ein so junges Exemplar an Land gezogen, dass sie lieber nicht zugeben wollte, Mutter einer dreißigjährigen Tochter zu sein, weil es sie älter wirken ließ. Mit zarten siebzehn Jahren hatte sie mich bekommen. Ein Unfall, aber der beste ihres Lebens, wie sie mir bis heute stets versicherte. Mein Vater – kaum älter als sie – hatte es eine Weile mit ihr und mir ausgehalten und versucht, den Anforderungen der jungen Familie gerecht zu werden, dann aber überfordert aufgegeben, als ich zwei Jahre alt gewesen war. Unglücklicherweise war er dabei untreu geworden, was meine Mutter nie wirklich verwunden hatte. Sie war danach jahrelang allein geblieben und hatte mich mithilfe meiner Großeltern aufgezogen. Verrückt oder leicht exzentrisch war sie von jeher, sie sprach, wie ihr der Schnabel gewachsen war, aber sie besaß ein großes Herz, und wir waren ein eingeschworenes Team, so peinlich sie mir manchmal auch war. Seit über einem Jahr jedoch plagte sie die Erkenntnis, ihre Jugend verpasst zu haben. Zwar machte sie mir deswegen keinen Vorwurf, sie liebte ihr einziges Kind wirklich sehr und würde mich für nichts hergeben wollen, doch leider hielt sie das nicht davon ab, die »verlorene Zeit« auf höchst peinliche Weise nachzuholen. Absolute Priorität hatte in ihren Augen aber mein Liebesglück, damit ich, wie sie sagte, ihrem eigenen Schicksal als alleinstehende Frau entrinnen könne.

»Um noch mal auf dein neues Hobby Facebook zurückzukommen, würdest du bitte sofort die Bikinifotos von mir aus deinem Fotoalbum löschen und aufhören, meine Freunde zu adden?«, forderte ich sie auf.

Zu meiner Überraschung nickte sie kurz, um dann direkt die Marschrichtung zu ändern. »Hast du jemand Netten kennengelernt?«

Nein. Und wenn doch, würde ich es nicht sagen, bevor ich sein polizeiliches Führungszeugnis, seine Familie und sein Wohnung kannte. Man glaubte ja gar nicht, was alles frei herumlaufen durfte.

»Hängst du etwa immer noch an Max?«

Und da war sie wieder! Die Mutter mit dem Einfühlungsvermögen eines elektrischen Handrührgeräts. Ich konnte einfach nicht fassen, dass sie ihr Geld als Hellseherin verdiente, wo sie es doch vor allem liebte, in meiner Vergangenheit herumzukramen …

Meine ganze Jugend über war ich in Max Wolf verliebt gewesen. Er war der Star an meiner Schule und ich ihm vollständig erlegen, und zwar nicht nur während, sondern peinlicherweise auch noch nach der Schulzeit. Grund für meine jahrelange Sehnsucht war ein einziger Kuss. Es war der Moment meines Teenagerlebens – Max hingegen löste nur eine verlorene Wette ein. Vielleicht sollte ich dazusagen, dass die Pubertät bei mir eher spät eingesetzt, dafür aber umso heftiger zugeschlagen hatte. Aber ich war bis heute sicher, dass der Kuss auch ihm gefallen und die Welt für eine Sekunde stillgestanden hatte. Na ja, was Frauen halt so alles taten, wenn sie nicht der Wahrheit ins Gesicht blicken wollen …

Natürlich war Max nicht der einzige Mann in meinem Leben gewesen. Was Mutter unterschlug, wenn sie mich hinstellte, als wäre ich eine verknöcherte Jungfer, war die Tatsache, dass ich erst seit zwei Jahren Single war. Davor hatte ich sehr glücklich mit Robert zusammengelebt, bis ich ihn auf einer Uniparty mit einem Erstsemester, der – ich schwöre – haargenau wie Leonardo di Caprio aussah, betrogen hatte. Immerhin war ich betrunken gewesen. Peinlich allerdings war die Tatsache, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits exmatrikulierte Studentin gewesen war, mich aber der alten Zeiten wegen mit meinem abgelaufenen Studentenausweis und einigen ehemaligen Kommilitonen auf die Party geschmuggelt hatte. Der Höhepunkt war gewesen, als mich Roberts Cousine knutschend erwischte, ein Beweisfoto schoss und Robert das Foto von meiner Missetat per SMS schickte. Robert konnte und wollte mir nicht verzeihen, er meinte, er würde mich nicht mehr kennen, und wenn ich ehrlich war, war ich mir auch vollkommen fremd geworden – auch wenn es nur ein Kuss gewesen war. Aber diese Aktion sah mir überhaupt nicht ähnlich, zumal vor meinem geistigen Auge die Hochzeit mit darauffolgenden Kindern schon in greifbarer Nähe gewesen war.

Natürlich hatte meine Mutter Robert vom ersten Tag an nicht leiden können. »Banker! Wer traut sich denn heutzutage noch, Banker zu werden? Dann doch lieber Leichenwäscher oder Fußpfleger. Das sind immerhin ehrenhafte Berufe im Vergleich zu diesen windigen Kerlen!« Und natürlich hatte meine Mutter immer schon geahnt, dass der Apfel außen schön und innen faul war, und bevor ich es mich versah, kündigte sie an, dass sie sich ab jetzt persönlich um mein Glück kümmern werde. Dass der faule Apfel in dieser Geschichte die eigene Tochter war, übersah sie großzügig. Ihrer Meinung nach war Roberts Verhalten, mir nicht verzeihen zu können, ein weiterer Beweis seiner Kleinlich- und Spießigkeit. Der Drohung, mich zu verkuppeln, folgten eine Menge furchtbarer Dates, die sie immer wieder mehr oder weniger geschickt einfädelte.

Bevor sie heute weiter in meinem mickrigen Liebesleben herumstochern konnte, kam Herr Metzler aus dem hinteren Bereich der Apotheke nach vorn. »Ach, die Frau Mama! Na, was macht das werte Befinden?«

Mutter ließ sich natürlich nie eine Gelegenheit entgehen. »Mir geht es bestens. Nur um Annie mach ich mir Sorgen. Sie arbeitet immer noch so viel, dass sie gar nicht dazukommt, sich ein vernünftiges Privatleben aufzubauen. Verstehen Sie mich nicht falsch, die Apotheke ist ihr Ein und Alles, aber die ganzen Fläschchen halten sie nachts auch nicht warm. Höchstens, sie schmeißt sich was von diesen Happy-Pills ein!«

In den Peinlichkeitscharts von »etwas unangenehm« bis »Boden, tu dich auf!« war dieser Vorstoß nur schwer zu toppen – geschweige denn zu kommentieren. Also schwieg ich und zermalmte mir das Kiefergelenk bei dem Versuch, die Zähne zusammenzubeißen. Meine Mutter meinte es ja gut – nur war der Zeitpunkt für ihre »Fürsorge« nicht gerade günstig, denn ich wollte meinem Chef schließlich beweisen, dass ich die Apotheke locker allein schmeißen konnte.

Herr Metzler nickte verständnisvoll. »Ja, das habe ich mir schon gedacht. Wir haben sehr gut wirkende Präparate gegen Stress, aber Annie möchte die nicht nehmen. Na ja, die neue Kollegin Fräulein Schöne wird sich bestimmt gut anstellen und Annie etwas entlasten. Hoffen wir, dass sie sich schnell einarbeitet, sodass wir ihr bald mehr Aufgaben geben können, und dann hat Annie so viel Zeit, dass Sie sich wünschten, sie wäre öfter in der Apotheke«, sagte er, lachte jovial und nestelte dabei an seiner randlosen Gleitsichtbrille herum.

Ja, er meinte es gut mit mir. Über die Jahre war eine Vater-Tochter-Beziehung zwischen uns entstanden, trotzdem hatten wir unterschiedliche Ansichten, wie man eine Apotheke führen und vor allem in welche Richtung man die Kunden beraten sollte.

Meine Mutter gab sich geschlagen. Sie kaufte (bei Herrn Metzler, natürlich) eine Packung Aspirin, weil die laut eigener Aussage bei Kater immer noch am besten halfen, und verließ unter großem Tamtam die Apotheke.

Shakira, die meine Mutter stets als unterhaltende Bereicherung im tristen Apothekerdasein empfand (wohl auch, weil sie nicht mit ihr verwandt war), kicherte amüsiert: »Bei deiner Mutter freut man sich immer zweimal! Das erste Mal, wenn sie kommt – und das zweite Mal, wenn sie wieder geht!«

KAPITEL 3

Die Normalität ist eine gepflasterte Straße,

man kann gut darauf gehen– doch es wachsen

keine Blumen auf ihr.

Vincent van Gogh

»Dann hat sich die Wunde entzündet und geeitert. Die mussten den Abszess öffnen. Das hat vielleicht gestunken, sag ich dir.«

Der Abend lief definitiv nicht nach Plan. Vor mir saß Bertram, laut eigener Online-Aussage eine gute Partie. Auf dem Foto hatte er nett ausgesehen, seine Angaben hatten normal geklungen, und er arbeitete in einem Architekturbüro, das ich vom Namen her kannte. Wir hatten uns im Pane in der Wiehre verabredet, einem netten Italiener mit rot-weiß karierten Tischdecken, rustikalen Holztischen und traditionellen Gerichten, wobei mir bei Bertrams Ausführungen die Pasta im Hals stecken blieb. Mir war der Appetit in den vergangenen Minuten vergangen, zumal meine Ravioli in Gorgonzolasoße optisch durchaus mit seinen Abszessschilderungen korrespondierten. Unauffällig schob ich den Teller zur Seite und wechselte das Thema.

»Du schreibst in deinem Profil, dass du naturverbunden bist und gern kletterst. Das finde ich spannend. Erzähl doch mal!«

Bertram sah kurz erfreut aus, dann verfinsterte sich seine Miene. Was war denn jetzt wieder nicht in Ordnung?

»Ich geh nicht mehr klettern. Das ist aus und vorbei«, grummelte er wie ein beleidigtes Kind und verschränkte tatsächlich die Arme vor der Brust.

»Äh, und warum schreibst du es dann in dein Profil?«

Ich hätte nicht fragen sollen – aber das merkte ich wie immer erst hinterher.

»Das Klettern habe ich mit Melli angefangen, meiner Exfreundin.«

Nachtigall, ick hör dir trapsen! Natürlich ging es im folgenden ausufernden Exkurs nicht mehr um sein Hobby, sondern um die geldgierige, durchtriebene Exfreundin, die ohne Grund von heute auf morgen Schluss gemacht hatte.

»Stell dir vor, die ist einfach ausgezogen, ohne ihren Anteil des Haushaltgelds für den Monat dazulassen. Ich meine, mit dem Geld habe ich doch gerechnet, und die Miete musste ich ganz allein bezahlen!«

Ohne diese Melli je kennengelernt zu haben, beschlich mich der Verdacht, dass sie eine wahnsinnig sympathische Person sein musste und mit ihrem Auszug das einzig Richtige getan hatte.

»Wie groß ist denn eure Wohnung?«, fragte ich, mehr um irgendetwas zu sagen als aus Interesse. Den Nachtisch würde ich ausfallen lassen. Nichts wie weg von Eiter-Bertram!

»Meine Wohnung. Ich hab vorher schon allein darin gewohnt. Die hab ich noch aus meiner Studienzeit. Zwei Zimmer, fünfzig Quadratmeter. Nicht ganz so groß, aber ich schmeiß das Geld doch nicht einem Vermieter in den Rachen.«

Anstatt zu antworten, nickte ich nur und schielte nach Salvatore, dem Kellner. Zu Beginn meiner Partnersuche war er stiller Beobachter der desaströsen Dates gewesen, dann eingeweihter Zeuge und schließlich Freund und Helfer. »Ich sehe gleich, ob der Typ was taugt«, hatte er mich eines Tages wissen lassen, nur leider war sein Daumen bislang fast immer unten geblieben. Wenn ganz üble Typen auftauchten, half er mir auch schon mal mithilfe des ein oder anderen Vorwands aus der Klemme.

Bertram redete sich in Rage. »Ihr war ja alles nicht schick genug, es musste immer das Beste für die Dame sein. Aber warum muss ich Butter essen, wenn Margarine genauso schmeckt und viel günstiger ist? H-Milch hält sich länger als frische, die musst du nie wegwerfen, weil sie gekippt ist. Meine Mutter sagt auch, dass die Frauen heute nicht mehr wissen, wie man haushaltet. Sind alle verwöhnt. Hat ja auch keine mehr ’ne schwere Zeit mitgemacht. Die würden ja in der Not alle nicht überleben, sagt meine Mutter.«

Ja, Bertram – oder sollte ich lieber Norman Bates zu dir sagen? Ich hatte verstanden: alles Schlampen außer Mutti.

Zum Glück sah mich endlich Salvatore und kam an unseren Tisch. Er blickte betrübt auf meinen halbleeren Teller. »Hat es nicht geschmeckt, Signora?«

»Doch, ausgezeichnet wie immer. Ich habe heute aber einfach keinen Appetit. Ich fürchte, ich bekomme einen Infekt«, log ich und hüstelte affektiert.

»Dann kein Dessert für Sie? Einen Espresso, Grappa vielleicht?« Praktischerweise stand Salvatore hinter Bertram und machte zu seiner Frage eine vielsagende Geste: beide Daumen nach unten. So eine Überraschung.

Panisch schüttelte ich den Kopf. Bertram, der bestimmt die Kosten für unser Essen heimlich zusammenrechnete und es für eine maßlose Verschwendung hielt, sich einen Espresso oder gar ein Dessert zu genehmigen, lehnte ebenso ab.

Stattdessen legte er noch einen drauf. An Salvatore gewandt, fragte er: »Packen Sie mir dann bitte ihr Essen ein? Wäre doch jammerschade, die teuren Nudeln wegzuwerfen.«

Salvatore machte mir ein Zeichen, dass er Bertram für verrückt hielt.

Ach was!

»Wollen die Herrschaften dann bezahlen?«, half er mir aus der Patsche und trug meinen Teller mit den vier übrig gebliebenen Ravioli Richtung Küche.

»Ja, bitte«, rief ich einen Tick zu erleichtert und erklärte Bertram, der überhaupt nicht mitbekam, was gespielt wurde, dass ich mich besser gleich ins Bett legen wolle.

Salvatore brachte den Bon und legte ihn Bertram hin.

Der warf nur einen kurzen Blick drauf. »Teilen wir am besten, oder?«

Von jemandem wie ihm wollte ich mich bestimmt nicht einladen lassen. Ich schnappte mir die Rechnung und knallte den gesamten Betrag mit ordentlich Trinkgeld obendrauf auf den Tisch. »Du bist eingeladen. Ich muss los. Bis dann«, verabschiedete ich mich in Überschallgeschwindigkeit vom verdutzten Bertram und machte mich, so schnell ich konnte, vom Acker.

Kaum aus dem Restaurant rausgestolpert, wählte ich Johannas Nummer, die meine Datingbemühungen stets interessiert verfolgte. »Und?«

»Wenn das so weitergeht, gehe ich ins Kloster. Im Ernst! Lieber atme ich bis ans Ende meiner Tage Weihrauch ein, als mir weitere Krankheitsgeschichten von einem gestörten Muttersöhnchen anzuhören.«

Den Heimweg nutzte ich, um meiner lachenden Freundin von Bertram, Melli und der garstigen Schwiegermutter zu berichten, die die potenzielle Neue an Bertrams Seite erwartete. Aber eigentlich war mir nicht zum Lachen zumute. Zwar versuchte ich, meine Suche nach einem Mann mit Witz zu überspielen, aber eigentlich fand ich das ganze Theater ziemlich anstrengend und nicht gerade schön. Nachdem ich die absurdesten Verkuppelungsversuche meiner Mutter hinter mich gebracht hatte, hatte ich mir geschworen, selbst einen Mann zu finden – was leider leichter gesagt als getan war. Die meisten steckten inzwischen in Familien oder Beziehungen, und ich war auch nicht mehr an der Uni, wo es täglich wechselnde Menüs und Chancen ohne Ende gab, jemanden kennenzulernen. Ein Kunde aus der Apotheke kam natürlich nicht infrage. Selbst wenn mal einer gut aussah, kaufte er im Anschluss garantiert Hämorridensalbe oder Psychopharmaka. Meine Vernunft sagte mir, dass es Sinn ergab, auf den Datingportalen angemeldet zu bleiben. Denn auch im Freundeskreis waren fast alle vergeben, und beim Online-Dating konnte man zumindest davon ausgehen, dass das Gegenüber eine feste Partnerschaft suchte und nicht Kind und Kegel im Eigenheim sitzen hatte. Es sei denn, man versuchte auf Cheater.de sein Glück, so wie Shakira.

Wann war es so schwer geworden, einen Mann zu finden, der sich auch eine Familie wünschte? Dem es nichts ausmachte, sich festzulegen, eine Beziehung einzugehen, sich eine gemeinsame Zukunft aufzubauen, und der beim Wort »Kinder« nicht Schnappatmung bekam und das Weite suchte? Leider waren meine Begegnungen über die Datingportale bislang nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Es waren zwar auch ein paar vielversprechende Kandidaten dabei gewesen, aber entweder funkte es bei mir nicht oder bei den Männern.

Schlimm war mein Abend mit Oskar gewesen. Auf Anhieb hatten mir seine widerspenstigen Haare und lustigen Sommersprossen gefallen. Spannend erzählen konnte er, und zu meiner Überraschung schien er völlig normal – er lebte zumindest nicht bei Mutti und sprach entspannt von der Ex, mit der ihn ein gutes Verhältnis verband. Als Reisefotograf übte er einen spannenden Job aus, und ich dachte wirklich, dass aus uns was werden könnte. Vollständig von Hoffnung erfüllt ging ich nach Hause, nur um herausfinden zu müssen, dass Oskar unseren Abend offenbar komplett anders empfunden hatte. Zumindest löschte er mich sofort aus seinen Kontakten und sperrte mich, damit ich ihm überhaupt keine Nachricht mehr schicken konnte. Seither überlegte ich immer wieder, ob ich mich abmelden sollte, aber bislang war mir keine bessere Alternative eingefallen, und meinen Lebenstraum einer Familie wollte ich allen Widerständen zum Trotz nicht aufgeben. Was aber vielleicht auch nur eine Frage der Zeit war.

»Wieso ›Bauernhof‹? Der Lärm im Hintergrund sind Tiere. Ich bin mit Kaspar und Hauser beim Tierarzt. Du hast doch selbst den Termin für mich ausgemacht.«

Es war zum Mäusemelken. Meine Mutter vergaß nie zu betonen, dass sie meine Katzen nicht ausstehen könne. Vermutlich deshalb, weil in Zeitschriften oder Filmen immer wieder das Klischee alleinstehender Frauen mit haarigem Anhang bedient wurde und sie fest davon überzeugt war, dass meine Chancen auf dem Heiratsmarkt durch sie geschmälert wurden. Was natürlich beides nicht stimmte. Denn einerseits erwähnte ich meine Katzen bei einem Date nie, andererseits war meine Mutter im Grunde ihres Herzens in die zwei Racker vernarrt und fand, dass sie zu ihr als Medium viel besser gepasst hätten. Wahrscheinlich war das der Grund, warum sie sich ständig in die Erziehung der beiden einmischte. Weil sie außerdem der Überzeugung war, ich würde vor lauter Arbeit nichts auf die Reihe bekommen, machte sie immer wieder Friseurbesuche oder Arzttermine für mich respektive für Kaspar und Hauser aus. Dass sie es dieses Mal so eilig mit der jährlichen Impfung gehabt hatte, gab mir dennoch Rätsel auf.

»Ich muss auflegen, die schauen alle schon so komisch«, flüsterte ich in mein Handy. Wie unangenehm, zumal ich zum ersten Mal bei Dr. Wolf angemeldet war. Meine langjährige Tierärztin hatte mit Anfang vierzig Zwillinge bekommen – ja, es gab Hoffnung für uns alle! – und die Praxis vorübergehend an eben genannten Dr. Wolf übergeben. Seltsamer Name für einen Tierarzt.

Ronit, die Sprechstundenhilfe, war zum Glück geblieben. Ich mochte sie gern. Sie war zwar leicht wunderlich (sie sprach eindeutig zu viel mit Tieren), aber dabei ganz reizend und immer gut gelaunt.

»Kaspar und Hauser, bitte!« Ronit rief stets die Namen der Tiere auf, nie die der Besitzer. Nur recht und billig, wie ich fand, schließlich ging es auch um die tierischen Patienten, nicht um die menschlichen.

Mit meinem Katzenkorb bepackt, ging ich ins Sprechzimmer, sehr gespannt darauf, wie der neue Tierarzt mit meinen Schätzchen umgehen würde. Dr. Wolf saß mit dem Rücken zu mir und hämmerte auf die Tastatur eines weißen Computers ein. Das war neu, der PC im Sprechzimmer. Überhaupt war der Raum verändert worden, er war moderner, aufgeräumter, männlicher, und es hingen auch keine Tierposter mehr an der Wand. Selbst die von Kindern gemalten Bilder waren abgehängt worden. Das war ein dicker Minuspunkt, das musste er erst einmal wieder wettmachen, dieser Dr. Wolf. Viel erkennen konnte ich außer einem breiten Rücken, der in dem weißen Arztkittel steckte, nicht. Das war übrigens auch neu. Seine Vorgängerin hatte immer Grün getragen. Ich sah außerdem braune gewellte Haare, die Dr. Wolf offenbar gern etwas länger trug. Das war alles.

Wie lange wollte er mich eigentlich noch warten lassen?

Als hätte er meine Gedanken gelesen, drehte er sich in diesem Moment schwungvoll zu mir um. Ungefähr da setzte mein Herzschlag aus, im gleichen Augenblick begann ich mit der Schnappatmung. Dann fiel mir die Kinnlade mit Karacho herunter, und ich schwor meiner Mutter ewige Rache.

Natürlich hatte diese Mistkröte es gewusst und deshalb auf den Termin gedrängt: Dr. Wolf war niemand anderes als Max, Schwarm meiner gesamten Gymnasialzeit! Vor mir saß der Mann, den ich angehimmelt hatte, seit ich denken konnte. Aus der Ferne natürlich, denn er war ja zwei Jahre älter und mit den hübschesten Mädchen aus seiner Stufe zusammen gewesen. Max war drei Jahre lang Schulsprecher und auch der Grund gewesen, weshalb ich der Schülermitverwaltung beitrat, obwohl ich mich überhaupt nicht für deren langweiligen Kram interessierte. Er kam ohne Pickel durch die Pubertät, zu allem Übel mit guten Noten, glänzte aber leider immer wieder als arrogantes, eingebildetes Arschloch, das sich seiner Wirkung und Position ziemlich bewusst war und über Schüler am unteren Ende der Nahrungskette spottete. Die Schulsprechertätigkeit war für ihn eher Mittel zum Zweck, um beim Lehrerkollegium gut dazustehen und auf Schulfreizeiten neue Freundinnen zu rekrutieren.