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Seit Coline von Johanna dazu verdammt wurde, ewig zu leiden, suchte sie einen Weg diesen Bann schmerzfrei zu brechen. Doch erst nach Jahrzehnten treten zwei Menschen in ihr Leben, die sie dermaßen in Rage versetzen, dass ihre ganze Wut herausbricht. Diese Beiden treiben Coline dazu, den Spieß umzudrehen und all ihre Peiniger so bestialisch zu foltern, dass der Tod eine Gnade wäre. Wer diesen Blutrausch überlebt entscheidet nur einer allein: COLINE!!!
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Seitenzahl: 473
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Patrice Parlon
Das Böse bleibt!
Der Lüge zweiter Teil
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Auf ein Neues!
Der letzte Nachkomme
Der Eintritt in die Hölle
Neue Opfer werden kommen
Erkenntnis
Das Leid der Knechte
Keine Schonung
Fluchtversuch
Jäger und Gejagte
Die Lüge in Reinform
Coline zieht die Notbremse
Das Ende einer Lüge
Impressum neobooks
Jeden Tag die gleiche Prozedur. Aufstehen, eine Runde durch das Haus wandeln, etwas Gartenarbeit und danach im Flurfenster des ersten Stockes, genau über der Haustür sitzen bleiben - bis zum Einbruch der Nacht. Anschließend wieder zum Schlafplatz gehen und die ganze Nacht ziellos in die Schwärze starren. So verbrachte Coline seit Jahren den Großteil ihrer Zeit. Sie aß nicht, schlief nicht und mied die Menschen. Nur alle Jubeljahre nahm sie Kontakt zur Außenwelt auf. Das machte sie jedoch nur unter Zwang. Sie fand es angenehmer allein zu sein und das nicht grundlos, denn sie war kein Mensch mehr – keiner aus Fleisch und Blut. Das verdankte sie einer grausamen Furie namens Johanna! Sie brauchte nur wenige Jahre, um Coline zu zerstören. Einzig und allein ihre Knochen durfte sie behalten und das im wahrsten Sinne. Dennoch starb sie nicht. Ihr blieb nur ein Weg in den Tod, den sie nicht gehen wollte. Das zwang sie, ihre Nachkommen vor dem gleichen Schicksal zu bewahren, bis der Fluch endgültig gebrochen war.
Colines Martyrium begann mit einem einfachen Buch, das Johanna zutiefst beleidigte. Darin unterstellte sie ihr, willkürlich auf andere einzuschlagen, sie regelrecht zu foltern und gnadenlos zu jagen. Johanna zerrte sie vor Gericht und verlor den Prozess, worauf sie Coline die Umsetzung des Buches androhte, es sei denn sie gestand ihre Verleumdung. Coline genoss es zu provozieren. Da sie immer weiter stichelte, entschied Johanna, den Drohungen Taten folgen zu lassen. Sie nahm das Buch als Vorlage, um Coline zu brechen. Schnell zeigte sich, dass es nicht so einfach war. Es fing an wie es Coline niederschrieb und wurde letztendlich wesentlich schlimmer. Johanna dachte sich immer neue und grauenvollere Methoden aus, aber nicht eine brachte den gewünschten Effekt. Mit der Zeit erkannte Coline, dass sie nur dauerhaft widerstehen konnte, wenn sie sich auch auf das Buch einließ. Noch zweifelte sie an der Geschichte, da ihr eben nur ein Fluch das Leben rettete. Das änderte sich schlagartig als ihr Gevatter Tod erschien und den Fluch als Ausweg bot. Seitdem schützte sie ein Ring, graviert mit sieben Zeichen. Dieses kleine metallische Stück hielt sie am Leben, ganz gleich was ihr passierte, selbst nachdem ihr Körper bis auf die Knochen zerstört wurde! Durch den Ring hätte sie sich jederzeit einen anderen Leib beschaffen können. Da ihr aber immer noch ihr Skelett blieb, verzichtete sie vorerst auf einen Mord, denn der Vorbesitzer müsste sterben, wenn sie den Körper dauerhaft behalten wollte.
Coline begnügte sich mit einem künstlichen Leib aus Silikon, in dem ihre Knochen steckten. Er war ein Geschenk ihrer Tochter Jessica. Nur leider wirkte sie damit wie eine Schaufensterpuppe. Starr und ausdruckslos. Für sie war das aber immer noch erträglicher, als einen Unschuldigen zu ermorden. Jessicas Geschenk war mehr als teuer, es ruinierte sie. Coline wollte ihr wieder auf die Beine helfen, so bediente sie sich der einzigen Geldquelle, die ihr blieb. Trotz heftigster Zweifel kehrte sie in ihr Gefängnis zurück. Dort erwarte sie mehr, als sie verkraften konnte. Ihr Erscheinen erweckte Johanna zu neuem Leben. Als sie sich trennten, lag sie im Sterben. Da ihr aber ein schmerzhaftes Ende bevorstand, schloss sie einen eigenen Pakt mit dem Tod, der einige Bedingungen daran knüpfte. Unter anderem konnte sie nur dann schmerzfrei sterben, wenn Coline niemals wieder zurückkehrte. Johanna schlug ein, weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass es jemals dazu kommen würde. Aber Coline machte ihr einen Strich durch die Rechnung! Allein dadurch schürte sie Johannas unbändigen Hass und entfachte ihren Blutdurst erneut. Doch trieb sie nicht allein das an. Sie folgte zu allererst ihrem Pakt mit dem Tod. Er verpflichtete sie, Colines Nachkommen der gleichen Folter zu unterziehen, bis der Fluch endgültig gebrochen war. Jessica kam als Erste dran. Johanna ließ Coline im Glauben, dass sie ewig leiden würde und ihr niemand helfen könnte. Jahre später kehrte sie mit ihrem nächsten Opfer zurück. Coline nutzte die Gelegenheit und überlistete sie. So vereitelte sie den Plan, Jessicas Tochter Carina zu foltern. Dazu fiel ihr nur ein Weg ein. Allerdings hielt es Johanna nicht dauerhaft auf. Also beschloss Coline, ihr immer wieder zuvor zu kommen. Sobald es ein neues, potenzielles Opfer gab, sorgte sie dafür, dass es keines wurde. Im Grunde war es eine gute Idee, doch Johanna wusste sich zu helfen. Sie nahm den schnellen Tod ihrer neuen Opfer eher in Kauf, als Coline zu verschonen. Somit improvisierte Coline. Sie sorgte erst einmal dafür, dass ihre Nachkommen nicht restlos verflucht werden konnten. Anschließend sucht sie ein sicheres Versteck für sie. Johanna musste geduldig abwarten, bis es einen weiteren Nachkommen gab. Erst dann hatte sie die Chance an sie heranzukommen. Coline hatte ein ähnliches Problem. Sie wusste zwar, wo sich der letzte Nachkomme befand, aber alle anderen verschwanden spurlos. Sie konnte erst wieder Kontakt aufnehmen, wenn Johanna ein neues Opfer im Visier hatte. Colines Erfahrung nach zeigte sich Johanna, wenn ihr Zielobjekt das fünfundzwanzigste Lebensjahr vollendet hatte. Dann begann die Jagd.
Nur zwei Jahre nachdem sie Johanna das letzte Mal aufgehalten hatte, beschloss Coline diesem ewigen Kampf ein Ende zu setzen. Doch dafür brauchte sie mehr Geld, denn ihre Reserven waren längst aufgebraucht, sodass ihr nur ehrliche Arbeit helfen konnte. Anders würde es nicht funktionieren, denn sie war ein schlechter Dieb. Ihr Entschluss stellte sie vor ein weiteres Problem. In ihrem Zustand war es schwer einen Job zu finden. Ihr starres Auftreten schreckte viele ab. Also musste sie wieder ein echter Mensch werden. Coline war nicht wählerisch und bediente sich einer namenlosen Leiche, um an eine fleischliche Hülle zu gelangen. Nur durch den Fluch konnte sie vom Skelett zum Menschen werden. Jedoch nur so lange, bis Johanna ihr nächstes Opfer entführte. Sie musste innerhalb von fünf Jahren so viel Geld verdienen, dass sie ihren letzten Kampf gewinnen konnte. Wieder ergab sich ein Problem. In welcher Branche würde sie Arbeit finden? Sie besann sich auf das, was sie einst erlernt hatte und suchte eine Stellung. Diese fand sie und begann ein neues Leben.
Von Colines wahrer Vergangenheit bekam ihre neue Chefin nichts mit, jedoch erfuhr sie schnell vom Buch und dem Fluch. Sie war so erstaunt, eine Autorin unter ihren Arbeitern zu haben, dass sie ein Exemplar kaufte. Zum Lesen fehlte ihr jedoch immer die Zeit. Das übernahm ihr Lebensgefährte, der schockiert darüber Fragen stellte, die Coline mit Ausreden beantwortete. Schließlich hätte er die Wahrheit nie vertragen. Sie erfand einige Ausflüchte, um nicht zu viel zu verraten, da es keine weiteren Opfer geben sollte. Das machte ihr das Leben einfacher.
So sehr sie sich auch anzupassen versuchte, mit jedem Jahr schwand ihre Bereitschaft, weiterhin dort zu arbeiten. Auch wenn sie unter ihren Kollegen eine fand, die ihr alles erträglich machte. Auch die Arbeit selbst war nicht das Problem, sondern nur die Chefetage. Woche um Woche wurde ihre Chefin unzufriedener. Immer öfter brüllte sie ihre Arbeiter nieder und drohte die Firma zu schließen. Die Stimmung wurde permanent schlechter. Noch arrangierte sich Coline mit der Situation, nur wie lange würde es noch gut gehen? Kirsten brachte immer mehr Unruhe in die Truppe, da sie jeden unterschiedlich, jedoch nicht gerecht, behandelte. Während die einen nur eine vorsichtige Ermahnung bekamen, wurden andere regelrecht zur Schnecke gemacht. Diese Ungerechtigkeit setzte Coline immer mehr zu, bis sie von Rachegedanken beherrscht wurde. Das Einzige, was ihr noch im Wege stand, war der Drang, ihrer uralten Pflicht nachzukommen. Das stellte sie vor ein neues Problem. Wie sollte sie ihrem jetzigen Leben den Rücken kehren? Zumal sie die finanziellen Mittel trotzdem brauchte. Noch schwieriger war es, alle menschlichen Kontakte abzubrechen. Die beinahe partnerschaftliche Beziehung zu zerstören tat am meisten weh. Das alles für einen wahren Albtraum aufzugeben, wollte wohl durchdacht werden. Sie musste eine Entscheidung treffen und beschloss, ein für alle Mal mit den Fehlern ihrer Vergangenheit abzuschließen. Also ging sie wie jeden Tag an die Arbeit. Sie saß mit ihren Kollegen in der Firma und erwartete den nächsten Anschiss. Immer drohte ein ohrenbetäubendes Gebrüll wegen Nichtigkeiten. Was würde es diesmal sein? Etwas vergessen oder kaputt gemacht und dann verschwiegen? Vielleicht war es auch das eigenmächtige Entscheiden vom Vortag! Sie war gespannt, immerhin bestand die winzige Chance auf einen entspannten Start in den Tag.Noch lachten und spöttelten alle, doch sobald Kirsten in Sichtweite war wurde es totenstill. Erwartungsvolle Blicke hafteten an der Tür. Da stand sie, die Frau, die seit Wochen nur noch schlecht gelaunt war. Ein halbwegs freundliches „ Guten Morgen“ entwich ihrer Kehle. Gleich darauf zogen sich ihre Mundwinkel weit nach unten. Sie schaute kurz in die Runde und einer nach dem anderen senkte den Kopf. Die erste bissige Frage ging an Coline, die gestern noch das anhaltende Piepsen des Betriebsfahrzeugs bemängelt hatte. „Was hat denn gepiepst?“ Natürlich mischte sich ihr Gefährte Tom ein und knurrte genervt, dass mit dem Auto alles in Ordnung sei. Aber er hätte den Hebel, der das letzte Mal schuld war nachgezogen, auch wenn nichts piepte. Wieder einmal fühlten sich Coline und ihre Kollegin als Lügner. Sie erinnerte Kirsten daran, dass sie Zeugen vorweisen konnten. Darauf kam prompt die Antwort: „Ich habe auch einen Zeugen, dass nichts gepiept hat!“ Coline rollte die Augen. Warum nur machten sie sich die Mühe auf Mängel hinzuweisen? Sie bekam ja doch nur dumme Sprüche als Antwort. Auch die zweite Rüge galt ihr und ihrer Kollegin. Vorwurfsvoll forderte diese Furie eine Erklärung, warum sie ohne ihre direkte Zustimmung, den Anweisungen anderer gehorchten. Immerhin war sie Chef und brauchte einen offiziellen Auftrag, um die Bezahlung sicher zu stellen. Coline fragte sich, warum erst ausgehandelt wurde, dass die niederen Arbeiter entscheiden konnten, was noch zu erledigen war, wenn sie sich ja doch nicht daran hielt. Aber sie schwieg und sah kurz zu ihrer Kollegin hin. Sie war den Tränen nah, doch nicht aus Traurigkeit, sondern Wut. Immerhin war dies nicht der erste Anschiss des Jahres. Coline dachte augenblicklich darüber nach, wie sie sich revanchieren könnte. Da erkannte sie ihre Chance. Es gab eine ganz spezielle Methode, um ihrem Ärger Luft zu machen. Diesen Gedanken schrieb sie sofort in ihrer geheimen Schrift nieder, um den Frust vorerst loszuwerden. Nur so konnte sie sich auf die Umsetzung konzentrieren. Sie entschied, geduldig auf ihre Chance zu warten. Untätig blieb sie dabei aber nicht, denn eine effektive Rache musste gut durchdacht werden. Es betraf ja nicht nur ihre direkten Vorgesetzten, sondern auch die Feinde ihres beinahe vergessenen Vorlebens. Vielleicht gelang es ihr nicht, alle gleichzeitig zur Rechenschaft zu ziehen, aber sie setzte alles daran.
Endlich beruhigten sich die Gemüter. Kirsten meckerte noch über die Arbeitsweise, indem sie Coline und Kollegin mit Wildschweinen verglich, die im Beet gewütet hätten. Coline lag so mancher böser Spruch auf der Zunge, aber sie blieb stumm, denn in diesem Augenblick kämpfte sie gegen ihre Wut. Noch war sie nicht soweit, aus sich heraus zu gehen.
Kirsten näherte sich dem Ende ihrer Rede und verteilte die ersten Aufgaben. Zu allem Übel trennte sie Coline von ihrer liebsten Kollegin. Gerade jetzt, wo sie ihren Beistand gebrauchen konnte. Dann war sie dran. Erst einmal reguläre Aufgaben, dann die Fehler vom Vortag ausbügeln. Plötzlich tat sie wieder freundlich, doch Coline blieb distanziert. Diesmal ging sie nicht auf derartig wechselnde Launen ein! Sie hörte die Anweisungen und stimmte beinahe lautlos zu. Kirsten versuchte noch einen Witz zu machen, hatte aber keinen Erfolg. Coline hielt sich nicht länger auf, schließlich wollte sie nur noch weg. Kirstens Versuche, wieder nett zu sein, scheiterten schon im Ansatz. In solchen Momenten kochte in Coline all das wieder hoch, was lange im Unterbewusstsein vergraben lag. Schlimm genug, dass sie als Arbeiter nichts wert waren, aber musste sie immer noch nach treten? Jeden noch so kleinen Zwischenfall während der Arbeit strafte Kirsten mit einem bösen Blick. Verletzungen und Sachschäden bewirkten im ersten Moment Ärger und wenig später böse Kommentare oder Vorwürfe. Bestes Beispiel, gerade erst eine Woche zuvor geschehen. Colines Kollegin stieß sich heftig den Kopf an einem Schild und litt an einer Gehirnerschütterung. Coline sah sofort nach ihr, zwang sie, sich gegen ihren Willen hinzusetzen und sich etwas zu sammeln. Indes schrieb sie eine SMS an Kirsten, die erst Stunden später reagierte. Jedoch erkundigte sie sich nicht nach dem Befinden, sondern spottete: „Wir werden ab Montag die Helmpflicht für sie einführen.“ Auch am nächsten Arbeitstag interessierte es sie nicht im Geringsten. Nur wenig später schnitt sich Coline tief an einer Glasscherbe, was nicht einmal kommentiert wurde. Kirsten war dermaßen mit sich beschäftigt, dass sie ihre Arbeiter völlig vergaß. Seit Wochen dachte sie nur an Geld. Allein deshalb gebärdete sie sich bei jeder Kleinigkeit, wie eine wilde Furie. Jedoch sollte sie auch einmal daran denken, dass ihre Leute nicht ewig als Sandsäcke herhalten wollten. Früher oder später warfen sie das Handtuch und suchten sich andere Arbeit. Viele von ihnen waren sowieso schon nah an der Rente oder an ihren körperlichen Grenzen. Auf Nachschub würde sie vergeblich warten. Das hatte sie oft genug versucht und ist jedes Mal leer ausgegangen, denn niemand will so schwer ackern und dazu noch angebrüllt werden. All diese Dinge schwirrten in Colines Kopf herum. Zu alledem war ihre Ersatzkollegin für diesen Tag auch keine Hilfe. Sie redet pausenlos auf sie ein, dieses Gemecker nicht persönlich zu nehmen. Sie wollte Coline beruhigen, doch die fühlte sich nicht aufgebracht. Sie dachte nur an alle Ereignisse, die bewiesen, dass die Arbeiter in dieser Firma nichts wert waren. Trotzdem redete sie sich ein, dass auch dieser Tag ein weiterer belangloser Zwischenfall war. Nichts weiter als ein Überdruckventil, weil Kirsten mit sich selbst unzufrieden war. Sie war ja nur stinkig, weil ihre Truppe selbstständig arbeiten konnte und nicht auf Knien angekrochen kam. Coline brauchte diese Einstellung. Einerseits aus reinem Selbstschutz, andererseits um die Ruhe zu bewahren. Noch konnte sie sich nicht abreagieren. Also klammerte sie sich an ihre größte Stärke. Sie konnte problemlos alle Vorwürfe ignorieren. Über Jahre trainierte sie mit verschiedenen Charakteren, bis ihr Fell dick genug war. Sie verstand sich darauf, alles Gehörte so zu filtern, dass nur der Kern der Aussage haften blieb. Alles andere verdrängte sie wie kein anderer, vergaß es aber nicht. Sie regte sich nicht über solch unberechenbare Menschen auf. Im Gegenteil. Deren Wut fachte ihre Fantasie an. Sie würde es auch später darauf anlegen, dass sie wütend herum brüllten, jedoch aus ganz anderen Gründen. Das machte ihr das Leben mit diesen Menschen leichter. Für Coline war Kirsten das klassische Beispiel für „erst brüllen, dann denken“.
Im Laufe des Tages redete sie weiter mit Nina - ihrer Ersatzkollegin - über das Gezeter, da die einfach keine Ruhe gab. Obwohl Coline darauf beharrte, dass sie über solchen Dingen stand, glaubte sie, sie wäre gereizt. Allerdings hatte sie Coline noch niemals richtig gereizt gesehen. Also erkläre sie ihr, dass sie ihren Zorn niederschrieb, um die Seele zu befreien. Allerdings war es eher eine Aufgabenliste, die irgendwann abzuarbeiten wäre. Unterdessen erreichte sie eine Nachricht von ihrer liebsten Kollegin. Sie kochte noch immer vor Wut und wollte am liebsten alles hinschmeißen, da das Maß endgültig voll war. Coline beruhige sie so gut sie konnte und schlug ihr vor, ihren Zorn auf Racheideen zu lenken, die sie dann mit Wonne auf ihre Liste setzte. Just in diesem Augenblick hatte sie einen Plan, wie Kirsten zu bestrafen wäre. Ab sofort stand sie auf derselben Stufe wie Colines Peiniger und würde miterleben, welche Abgründe in ihr lauerten. Schon sehr bald war es soweit. Es fehlte nur noch ein wichtiges Detail, um anzufangen.
Für Coline stand fest, dass sie diese Firma sehr bald verlassen würde. Aus mehr als einem Grund. Sie durfte einfach nicht länger warten. Ihre ganze Existenz stand auf dem Spiel. Sie musste sich ihrem Fluch stellen, wie so oft in den vergangenen Jahrzehnten. Seit ihrem letzten Versuch konnte sie wenigstens ein scheinbar normales Leben führen. Jedoch auf Kosten einer namenlosen Leiche. Alles nur, um in der breiten Masse nicht mehr aufzufallen. Sie machte sich daran, ihrer Pflicht nachzukommen und nutzte ihren ersten Urlaub, um einen bestimmten Menschen zu suchen. Kaum hatte sie ihr Ziel im Visier, musste sie einen passenden Augenblick abwarten, bevor sie sich zeigen konnte.
Es war einer dieser Tage, die man gerne vergessen will. Schon früh morgens ging alles schief. Jeder kennt das, man drückt den Wecker aus, dreht sich noch mal um und verschläft. Dann schreckt man hoch und verfällt in Panik. Jetzt geht es nicht mehr schnell genug und hastig greift man nach den Klamotten vom Vortag. Man hat ja keine Zeit mehr, um etwas Besseres zu finden. Überhastet stürmt man aus dem Haus und stolpert über alle möglichen Dinge. Hat man es endlich hinaus geschafft, stellt man fest, dass man nicht vom Fleck kommt. Ganz gleich ob mit dem Auto, dem Bus oder der Straßenbahn. Plötzlich steht man ratlos am Straßenrand und hofft, dass es nicht allzu viele Probleme nach sich zieht, wenn man zu spät kommt. Genau in solch einer Lage befand sich Loana. Ihr steckten eindeutig noch die zahllosen Albträume der letzten Nacht in den Knochen. In ihrer Verzweiflung blieb nur noch ein Anruf. Aber auch das sollte nicht sein! Ihr Telefon streikte. Gerade als sie zurück ins Haus gehen wollte, stellte sie fest, dass sie ihren Schlüssel auf dem Küchentisch vergaß. Doch damit hörten die Katastrophen noch nicht auf. Sie machte nur einen Schritt auf die Straße, da geschah es! Ein PKW erfasste sie und schleifte sie meterweit mit, ehe er zum Stehen kam. Aber es war nicht irgendein Auto, es gehörte Johanna! Loana lag blutend am Boden, als die ersten Passanten stehen blieben und weitere heran stürmten. Nur eine hielt sich abseits und starrte gebannt in ihre Richtung, aber erst als Johanna floh, rannte sie auf Loana zu und schrie: „Mein Kind! Bist du verletzt?“ Loana verlor ihr Bewusstsein. Sie bekam nicht mehr mit, wie sie ins Krankenhaus gebracht wurde. Erst geschlagene drei Stunden später erwachte sie. Benommen sah sie sich um. Indem erschien ihr Arzt und fragte nach ihrem Namen. Loana sah ihn verwirrt an und stammelte: „Ich weiß nicht.“ Er fragte, wo sie wohnte, aber auch das konnte sie nicht beantworten. Er beruhigte sie und versicherte, dass ein Gedächtnisverlust nach solch einem Unfall nicht ungewöhnlich und außerdem nicht von Dauer wäre. Das tröstete sie überhaupt nicht. Sie war den Tränen nah, da sagte er: „Laut Ihrem Ausweis heißen Sie Loana Crepprit. Sie sind 25 Jahre jung und wohnen im Kamkertal Eins in Wechnais.“ So sehr sie sich auch anstrengte, sie erinnerte sich nicht. Einzig und allein der Vorname kam ihr bekannt vor. Dennoch konnte sie nicht mit Sicherheit sagen, dass sie auch wirklich so hieß. Loana musste es erst einmal so akzeptieren. Sie hatte keine andere Wahl. Der Doktor riet ihr zur Ruhe. Kaum war er gegangen, da erschien die starre Beobachterin. Sie beugte sich an Loanas Ohr und flüsterte: „Du hättest mich fast im Stich gelassen.“ Loana musterte sie irritiert und fragte: „Woher kennen Sie mich?“ „Ich bin deine Urgroßmutter.“ Loana fühlte, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Zumal diese Frau nicht älter als Dreißig aussah. Also fragte sie nach. „Wie heißen Sie?“ „Mein Name ist Coline!“ Verdutzt stammelte Loana: „Sie lügen! Sie sind viel zu jung, um meine Uroma zu sein. Ich bin mir sicher, dass ich Sie noch nie in meinem Leben gesehen habe!“ Coline stimmte ihr zu, versicherte aber, dass es die Wahrheit wäre. Sie trat den Rückzug an. Loana rief erschrocken: „Wo wollen Sie hin?“ Und bekam zur Antwort: „Du bist noch nicht bereit. Ich komme ein anderes Mal wieder.“ Coline war kaum zur Türe raus, da entdeckte sie Loanas Pflegeeltern. Schnell versteckte sie sich und beobachtete aus der Ferne. Nach einer Weile drehte sich Loanas Mutter zu ihr um und schickte ihr einen verärgerten Blick. Coline verstand nur allzu gut, was er bedeutete. Immerhin sah sie ihn schon oft genug bei Loanas Vorgängerinnen. Nun blieb ihr nichts anderes übrig, als zu gehen. Sie wollte sich nicht schon wieder rechtfertigen. Auf halben Weg zur Tür kamen ihr drei Gestalten entgegen. Sie schaute nur kurz auf und erkannte sie sofort. Sie glichen alten, verhassten Bekannten. Johanna und ihre Handlanger! Es gab nur einen Unterschied. Diese waren jüngere Ausgaben ihrer Peiniger. Sofort drängten sich böse Erinnerungen in Colines Kopf. Diese Drei nahmen ihr fast alles. Auf eine bestialische Art und Weise. Coline wusste genau, warum sie gerade jetzt auftauchen. Sie wollten ihr grausames Werk fortsetzen. So oft haben sie es schon getan. Bisher ohne echten Erfolg. Schließlich „lebte“ Coline noch. Ihr Druckmittel sollte diesmal Loana sein. Nun galt es, alles Erdenkliche zu versuchen, um diese schier endlose Folterorgie zu beenden. Dazu brauchte sie nur eine günstige Gelegenheit, um auch Loana davor zu bewahren. Stunden vergingen und so geduldig sie auch warte, Johanna ließ Coline nicht mehr an Loana heran. Sie hatte keine andere Wahl, als sie weg zu locken. Nur wie? Coline wusste genau, dass sie ihr nicht nachlaufen würden. Aber wer sagte denn, dass sie es mussten? Es genügte sicher schon, Johanna als Unfallfahrer zu entlarven und sie würde abgeführt. So jedenfalls die Theorie. Ein kurzes Gespräch mit der Oberschwester und Coline wurde aus der Klinik gezerrt, nur weil ihr Johanna zuvor kam. Aber das war nur ein winziger Rückschlag. Noch konnten sie Loana nicht schaden. Dazu brauchte sie ihr erstes Opfer! Oder vielmehr den Ring - den Träger des Fluches. Doch den bekam sie nicht so einfach.
Nur eine Stunde später kehrte Coline mit den Polizisten zurück. Es gab schließlich genug Augenzeugen, die Johanna als Fahrerin entlarvten. Kaum erkannte sie ihre missliche Lage, floh sie, dicht gefolgt von ihren Handlangern und den Polizisten. Coline machte sich schleunigst daran, ihren Plan umzusetzen. Sie stahl sich einen OP-Kittel und das nötige Besteck für eine Amputation. Loana lag friedlich schlafend im Bett, als Coline das Zimmer betrat und alles vorbereitete. Sie nahm ihre linke Hand und machte eine Faust daraus, dann bog sie den Mittelfinger hervor und setze eine Art Miniguillotine an. Damit wollte sie den Finger abtrennen, denn nur das allein schützte Loana vor Colines Peinigern. Unvermittelt ging die Tür auf! Die Nachtschwester kam herein! Coline ließ sofort ihr Werkzeug verschwinden. Sie tat, als würde sie den Puls fühlen. Rasch redete sie sich heraus: „Die Patientin schläft. Ich werde morgen früh wiederkommen.“ Gerade noch mal gut gegangen! Doch nun brauchte sie eine Idee, einen Plan B!
Als Loana erwachte, entdeckte sie ein Buch auf dem Tisch. Es trug ein Symbol, das sie als Tätowierung auf ihrer Schulter hatte. Was sollte sie davon halten? Je länger sie es betrachtete, umso neugieriger wurde sie. Was mochte wohl in diesem Buch stehen? Vielleicht erfuhr sie die Bedeutung ihrer Tätowierung, denn sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie dieses Bild bekam! Es gab nur einen Weg, um es herauszufinden. Sie musste das Buch lesen. Also nahm sie es und schlug es auf. Sie entdeckte ein Gedicht, das lautete: Eine Warnung vor dem Buch, in dem steht ein wahrer Fluch. Lass ihn nicht zu nah heran, weil er dich sonst töten kann. Loana lehnte sich zurück. Ihre Augen wichen aber nicht von diesem mysteriösen Schriftstück. Heftige Widersprüche plagten sie. Irgendwie wagte sie nicht, dieses Ding aufzuschlagen. Indem klopfte es an der Zimmertür. Sie zuckte zusammen. Mutig rief sie: „Wer ist da?“ Niemand regte sich. Plötzlich durchbrach ein Peitschenknall die angespannte Stille! Loana rutschte unwillkürlich unter die Decke. Sie war unfähig aufzuspringen oder wegzulaufen. Kurz darauf öffnete sich die Zimmertür. Da stand Coline! Nach einer Weile kam sie näher. Sie sah das Buch auf dem Tisch und griff danach. Sofort funkte Loana dazwischen und riss es an sich. Coline warnte: „Wenn du auch nur ein Wort davon liest, bist du verdammt! Du wirst niemals sterben und auf ewig Folterqualen erleiden!“ Loana glaubte kein Wort. Sie fragte nach: „Ist das ein schlechter Scherz? Das da ist doch nur ein Buch!“ Coline wiederholte ihre Warnung und fügte noch etwas hinzu: „Ich weiß, wovon ich rede. Ich war sein erstes Opfer und habe alle anderen bei ihrem Höllentrip begleitet. Keiner von ihnen hat Hoffnung auf Rettung! Es sei denn, du hilfst ihnen!“ Loana fragte ungläubig: „Warum ich?“ Die Antwort darauf gefiel ihr gar nicht. „Das Buch folgt einer Blutlinie. Ich habe all meine Nachkommen mit ins Unglück gestürzt.“ Loana hakte nach: „Was geht’s mich an? Ich bin nicht mit dir verwandt!“ Coline schnaubte abfällig und murmelte: „Du warst ihre letzte Hoffnung, jetzt werden sie niemals Frieden finden! Ich werde mich nicht opfern, nie wieder!“ Loana war nun noch verwirrter. „Warum ich? Meine Mutter ist eine angesehene Frau. Sie lebt nicht weit von hier und ich weiß, dass sie niemals verletzt wurde. Ich kann kein Nachfolger deiner Familie sein!“ Coline kehrte ihr mit einem verkniffenen Lachen den Rücken und ging in das winzige Bad. Loana folgte ihr sofort, doch war sie längst verschwunden. Es gab nur eine Tür. Dennoch war sie weg! Loana erschreckte der Gedanken, dass sie vielleicht einem Geist gegenüberstand. Verwirrt setzte sie sich auf die Bettkante, stierte auf das Buch und ließ sich einige Fragen durch den Kopf gehen. Knallte Coline mit der Peitsche? War das ein Schauermärchen? Einerseits interessierte sie, warum das Buch dieses Bild trug. Andererseits scheute sie den Blick hinein. Je länger sie da saß, umso schwerer wurde es, nicht danach zu greifen, um es vielleicht doch zu lesen. Es reizte sie immer mehr. Aber ihr ging die Warnung nicht aus dem Kopf. Schon bald kam ihr die Idee, dass sie dieses Buch nicht ohne Grund bekam. Loana hoffte inständig, dass alles nur ein böser Traum war. Doch nur um Klarheit zu bekommen, griff sie zum Telefon. Sie wählte die Nummer ihrer Eltern. Als sich ihr Vater meldete, platzte Loana einfach heraus: „Bin ich adoptiert?“ Es wurde gespenstisch still in der Leitung. Also fragte sie noch einmal. Plötzlich stotterte er: „Macht das einen Unterschied?“ Jetzt war alles klar! Loana zögerte einen Moment und plärrte durchs Telefon: „Ich will Antworten!“ Er versprach, ihr alles zu erzählen, sobald sie wieder gesund war. Aber Loana wollte es sofort wissen. So lenkte er ein und kam ins Krankenhaus. Er ließ den Kopf hängen, als er eintrat und sagte leise: „Ja, es ist wahr. Du bist adoptiert! Wir haben es dir nicht gesagt, weil wir uns nie als Fremde gesehen haben. Wir waren doch eine Familie!“ Loana atmete einmal tief durch und bat: „Erzähl mir trotzdem alles, was du weißt!“ Er zog ein fast schon antikes Album aus seiner Jacke und hielt es ihr entgegen. „Da drin steht alles, was du wissen kannst.“ Was meinte er? Gab es etwas, das sie nicht erfahren durfte? Zum Beispiel die Sache mit dem Buch? Sie wollte ihn fragen, aber zuerst sah sie in das Album. Vielleicht verheimlichte er ja etwas anderes.
Neugierig setzte sie sich auf und sah sich den Einband an. Es wirkte wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Sie stierte vor sich hin, aber sie brauchte Antworten, also schlug sie es auf. Schon das erste Foto jagte ihr einen eisigen Schauer über den Rücken. Es zeigte eine junge Frau, die kaum älter als Loana sein konnte. Ihre Gesichter ähnelten sich so stark, dass Loana ihren Vater fragte. „Ist das meine Mutter?“ Er stammelte: „Woher weißt du eigentlich, dass du adoptiert wurdest?“ Jetzt konnte sie einen guten Rat brauchen. Sollte sie ihm von Coline und dem Buch erzählen oder eine Ausrede erfinden? Noch ehe sie sich entscheiden konnte, riss er sie aus ihren Gedanken. „Das ist deine Großmutter!“ Loana erwiderte: „So sah Oma Anna aus?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein! Das ist sozusagen deine leibliche Oma!“ Sofort dachte sie wieder an Coline, obwohl diese Frau anders aussah. Konnte es trotzdem wahr sein? Gehörte Loana zu einer verfluchten Familie? Was nun? Sollte sie sich auf den Weg machen, um ihre leibliche Mutter zu suchen? Doch wozu? Immerhin ließ diese Frau ihre Tochter im Stich. Trotz allem reizte Loana die Chance, ihre Vergangenheit zu erforschen. Sie fragte nach ihrem Namen, aber ihr Vater kannte ihn nicht. Dann wollte Loana wissen, woher er das Bild hatte und er erwiderte: „Als wir dich abholten, gehörte es zu deinen Sachen. Wir haben es für dich aufbewahrt. Doch hatten wir keinen Kontakt zu deinen Blutsverwandten. Wir kennen nicht einmal ihre Namen.“ Auch auf die Frage woher die Tätowierung stammte, konnte er nichts sagen, denn dieses Bild hatte sie schon als Baby. Loana zweifelte daran, dass irgendwer ein Baby tätowieren würde, doch sie war der Beweis. Sie musste sich damit abfinden, dass der einzige Hinweis auf ihre Herkunft in diesem ominösen Buch steckte. Doch die Warnung bremste ihre Neugier. Sie beschloss, erst einmal darüber zu schlafen und verschob jede weitere Frage auf ein anderes Mal. Loanas Vater blieb aber noch eine Weile und blätterte das Album durch. Er versuchte klarzustellen, dass es keinen Unterschied machte, ob sie blutsverwandt waren oder nicht. Loana beruhigte ihn, denn sie wollte sicher nicht fortlaufen, um jemanden zu suchen, der sie niemals wollte.
Als sie wieder alleine war, betrachtete sie die Fotos noch intensiver. Irgendwann fiel ihr etwas auf. Bei jedem Urlaubsbild oder öffentlichen Veranstaltungen tauchten immer dieselben vier Personen im Hintergrund auf. Sie standen ausnahmslos abseits und sahen in Loanas Richtung. In diesem Moment wünschte sie sich eine Lupe, um mehr Details zu erkennen. Leider hatte sie keine, so vertagte sie die Nachforschungen. Die Nacht wurde zur Tortur. Ein Albtraum folgte dem nächsten. Loana sah sich schreiend auf der Erde. Neben ihr standen fünf Gestalten mit Masken. Jeder von ihnen wollte sie verletzen. In ihrer Panik versuchte sie zu fliehen, schaffte es aber nicht. Diese Träume rissen sie immer wieder aus dem Schlaf. Schweißgebadet saß sie im Bett und starrte die Tür an. Ihr Blutdruck stieg bis an die Grenze zum Herzinfarkt. Nach vier solcher Albträume war es mit dem Schlafen vorbei. Loana stand auf, zog sich einen Morgenmantel über und schwankte ziellos durch die Klinik. Als sie zurückkam, war das Album verschwunden und das Buch lag auf ihrem Kopfkissen. Es war geöffnet und ein geflochtenes Lederband klemmte darin. Auf der rechten Seite befand sich das Bild eines Saals und links der Text. Ein flüchtiger Blick auf das Bild zeigte ihr interessante Dinge. In diesem Saal gab es einen Altar und ein riesiges Kreuz, an dem etwas hing. Wieder war die Neugier groß. Sie wollte wissen, was es war und näherte sich dem Buch. Da schallte die Warnung durch den Raum. Loana sah sich erschrocken um und antwortete: „Ein Bild kann man nicht lesen!“ Doch erneut erklang Colines Stimme: „Jeder Blick in das Buch ist gefährlich. Du wirst es bereuen!“ Loana dachte einen Moment darüber nach und entschied, die Finger davon zu lassen. An den vielen Warnungen musste etwas Wahres sein. Also legte sie es weg. Sie vergrub sich unter der Bettdecke. Etwas später nickte sie ein. Der nächste Albtraum begann. Diesmal träumte sie sich in den Saal aus dem Buch. Sie ging langsam auf das Kreuz zu. Dabei tappte sie in eine Pfütze. Als sie nach unten sah, stand sie knöcheltief in einer Blutlache. Erschrocken sprang sie heraus. Plötzlich lachte eine Frau ganz gehässig. Loana drehte sich im Kreis und suchte nach ihr. Aber niemand ließ sich blicken. So wandte sie sich wieder dem Kreuz zu. Je näher sie kam, umso schauriger wurde es. Es ähnelte der Kreuzigung Jesu. Mit dem Unterschied, dass Loana dort oben hing. Dieser Anblick versetzte sie so in Panik, dass sie schreiend aufwachte. Das war zu viel! Sie wollte nichts mehr davon wissen. Sie griff das Buch und warf es in den Müll. Dieser Akt verschaffte ihr erst einmal Ruhe.
Schon am folgenden Tag durfte sie das Krankenhaus verlassen. Sie fuhr nach Hause und erschrak. Irgendwer hatte ihre Wohnung verwüstet und nichts an seinem Platz gelassen. Loana überlegte nicht lange und packte hastig die wichtigsten Sachen. Sie wollte keinen Augenblick länger bleiben. Dann griff sie zum Telefon und rief sich ein Taxi. Der Fahrer kam schnell. Loana stieg ein und nannte ihm die Adresse ihrer Eltern. Dorthin wollte sie flüchten. Bei ihnen erhoffte sie sich Schutz, auch wenn sie nur Pflegeeltern waren. Immerhin wollten sie für Loana sorgen. Der Taxifahrer fuhr los. Loana sah ein letztes Mal zurück, da entdeckte sie eine winkende Schattengestalt an ihrem Küchenfenster. Sie forderte ihn auf, schneller zu fahren und er trat aufs Gas. Nach einer rasanten Fahrt standen sie vor Loanas Elternhaus. Sie warf ein Bündel Scheine auf den Vordersitz und sagte: „Stimmt so!“ Dann sprang sie aus dem Wagen, holte ihren Koffer und rannte hinter das Haus. Der Taxifahrer rief noch: „Das ist doch viel zu viel!“ Loana interessierte das nicht. Also fuhr er schulterzuckend weiter. Sie stand inzwischen an der Haustür und trommelte heftig dagegen. Erst nach Minuten ging das Licht an und ein fremder Mann schaute aus dem Fenster heraus. Sie erschrak. Sie glaubte am falschen Haus zu stehen, aber es war das Richtige. Aufgeregt fragte sie nach ihren Eltern und der Mann sah sie verärgert an. Er knurrte: „Die wohnen seit Jahren nicht mehr hier!“ Loana schrie ihn an: „Das kann überhaupt nicht sein! Ich war erst kürzlich hier!“ Er drehte sich weg und schloss das Fenster. Loana verzweifelte fast. Sie ließ ihren Koffer zurück und ging zum Nachbarhaus. Diesmal klingelte sie. Allerdings vergeblich. Es schien niemand da zu sein. Jetzt wusste sie sich keinen Rat mehr. Sie setzte sich auf die Türschwelle, stand rasch wieder auf und lief die Straße entlang. Schon bald stand sie vor einem Laden. Im Schaufenster spiegelten sich die Gestalten von den Fotos und Loana schnellte herum. Sie sah niemanden und fragte sich, ob sie verfolgt wurde. Plötzlich erschien ein stattlicher Mann. Er tippte ihr auf die Schulter und hielt ihr einen Ring entgegen, in dem ihre Tätowierung graviert war, neben sechs anderen Zeichen. Loana sah den Mann an und fragte nach seinem Namen. Er reagierte gar nicht darauf. Er versuchte nur, ihr den Ring aufzudrängen. Das war ihr alles zu viel und sie schrie ihn an: „Was soll das? Warum lasst ihr mich nicht in Ruhe? Was habe ich euch getan?“ Er grinste schadenfroh und warf ihr den Ring vor die Füße. Sie sah eine Weile auf ihn herunter, doch aufheben wollte sie ihn nicht. Irgendwie ahnte sie, dass er ihr nur Ärger bereiten würde. Einmal tief durchgeatmet lief Loana zurück zu ihrem Elternhaus. Sie holte ihren Koffer und machte sich auf den Weg zum Bahnhof. Noch wusste sie nicht, wohin sie gehen sollte. Sie fühlte sich überall beobachtet. Tagelang irrte sie umher. Sie nahm ein Hotelzimmer nach dem anderen und verkroch sich darin. Das machte sie zwei Wochen lang. Dann wurde ihr Geld knapp. Zu Hause lag noch ihre Notreserve, die sie in ihrer Eile vergaß. Aber sie weigerte sich zurückzugehen. Jetzt brauchte sie einen Plan. Sie hatte keine andere Wahl, als zu arbeiten. Ihre Angst war aber so groß, dass sie nicht an ihren alten Arbeitsplatz zurück wollte. Also musste sie eine neue Stelle finden. Sie ging in ein Internetcafé und durchsuchte die Stellenanzeigen. Nach einer Stunde fuhr sie los und fand sich in einer ländlichen Gegend wieder. Einer Anzeige zufolge, suchten die Bewohner einer Villa ein Zimmermädchen. Das war ein willkommener Anfang, weit weg von den Menschen, die ihr nachstellten. Das Vorstellungsgespräch verlief erstaunlich gut, obwohl Loana keinerlei Referenzen hatte. Der Herr des Hauses interessierte sich kein Stück für ihre Qualitäten und stellte sie sofort ein. Nach einer kurzen Einweisung zeigte er ihr ein Zimmer. Dort sollte sie wohnen. Es war gemütlich und großzügig eingerichtet. Sie hatte alle Annehmlichkeiten. Es erschien ihr märchenhaft. Dieses sagenhafte Glück konnte sie kaum fassen. Auch die Arbeit war leicht. Andererseits auch etwas zu leicht. Sie versuchte aber nicht darüber nachzudenken. Es würde sich schon alles von selbst regeln. Die erste Nacht im neuen Bett verging ohne Albträume. Loana hoffte nun auf einen Neuanfang. Aber ihre Gedanken hafteten noch immer am Buch. Die Neugier war noch viel zu groß, als dass sie es vergessen konnte.
Die Tage vergingen wie im Flug. Loana kannte sich im Haus immer besser aus und lernte nun die Hausherrin kennen. Sie ähnelte der Frau, die sie mit dem Auto überfuhr. Doch irgendetwas war anders. Sie stellten sich einander vor. Loana hörte wie sie sagte: „Nennen sie mich Johanna oder Frau Köhler.“ Loana fragte vorsichtig: „Haben wir uns schon einmal gesehen?“ Das knappe Nein genügte ihr nicht als Antwort. Doch eine weitere Frage durfte sie nicht stellen. Stattdessen bekam sie einige Arbeiten zugewiesen. Sie wusste nun, wer in diesem Haus die Hosen anhatte.
Der Tag zog sich endlos hin. Loana spürte die wachsamen Blicke ihrer Arbeitgeberin und hörte sie flüstern: „Ist es nicht verblüffend, wie ähnlich sie sich sind! Man sieht, dass sie aus einer Sippe stammen!“ Loana stutzte und hörte genauer hin. Sie schnappte einige Worte auf, die sie sehr beunruhigten, doch wusste sie noch nicht, wie sie reagieren sollte. Das Gespräch der beiden beschäftigte sie bis in die Nacht hinein. Als sie endlich einschlief, begann ein neuer Albtraum. Diesmal war er noch schrecklicher. Sie spürte zahllose Nadelstiche auf ihrer Schulter und sah den Mann, der ihr den Ring aufzwingen wollte. Jetzt versuchte er es wieder. Loana schreckte hoch. Sie war hellwach und saß im Bett. Sie überlegte angestrengt, was ihr dieser Traum sagen wollte. Plötzlich spürte sie diesen brennenden Schmerz auf ihrer Schulter und fasste an die Stelle. Sofort hatte sie feuchte Finger. Sie machte Licht und sah ihre Hand an. Blut! Sie war voller Blut! Loana sprang auf und lief ins Badezimmer. Sie drehte ihren Rücken zum Spiegel und schielte nach hinten. Ihre Tätowierung blutete, als würde sie gerade gestochen. Panisch rannte sie durch das Haus zum Ausgang. Dort stoppte sie Johanna, die seelenruhig fragte: „Was ist denn los?“ Loana rief verängstigt: „Was los ist? Ihr habt…, meine Tätowierung…, als ich geschlafen habe!“ Ein böses Grinsen legte sich über Johannas Gesicht. „Mal ganz langsam! Das war sicher nur ein Traum. Wer käme denn auf so eine Idee?“ Loana wollte es ihr beweisen und drehte sich um. „Und was ist das? Ist das ein Traum?“ Johanna blieb ruhig. „Ich weiß nicht wovon du sprichst. Leg dich wieder schlafen. Morgen wartet eine Überraschung auf dich.“ Loana sah noch einmal in den Spiegel. Das Tattoo war wieder ganz normal. Sie war sich aber so sicher, dass es jemand verändern wollte. Nun konnte sie nicht mehr einschlafen. Die ganze Nacht starrte sie aus dem Fenster und zählte die Sterne. Da fielen ihr einige schwache Lichter auf. Sie schimmerten durch den nahen Wald. Loana öffnete ihr Fenster und sah hinaus. Sie hörte mehrere Frauen, die einen Spruch aufsagten. Sie sagten immer wieder „Eine Warnung vor dem Buch, in dem steht ein wahrer Fluch. Lass ihn nicht an dich heran, weil er dich sonst töten kann.“ Sie mussten das Buch meinen, das Loana überhaupt erst in dieses Haus brachte.Am nächsten Morgen fragte sie ihren Boss nach den Frauen. Er zuckte unwissend mit den Schultern und ließ sie stehen. Johanna reagierte ganz anders. Sie verhöhnte die Frauen: „Diese Möchtegern-Hexen jagen einer fixen Idee nach. Sie denken, dass sie verflucht wären und suchen nach einem, der sie erlöst!“ Loana wollte mehr darüber wissen, aber Johanna verstummte. Sie hielt ihr nur ein schön verpacktes Geschenk entgegen und sagte: „Das ist eine kleine Aufmerksamkeit. Das lenkt dich vom Alltag ab!“ Loanas Freude hielt sich in Grenzen. Sie spürte, dass etwas daran nicht stimmte und legte es erst einmal in ihr Zimmer. Die Hausarbeit ging vor. Der Feierabend nahte und Loana nahm sich vor, die Gegend zu erkunden. Sie machte sich auf den Weg in die Stadt. Dort schlenderte sie durch die Straßen und sah in die vielen Schaufenster. Sie entdeckte ein kleines Gasthaus und beschloss, erst einmal einen Kaffee zu trinken. Das sollte sie auf andere Gedanken bringen. Sie suchte sich einen Platz in der hintersten Ecke, um sich den Rücken frei zu halten. Sie dachte nur noch daran, dass ihr etwas passieren könnte.Im Minutentakt kamen neue Gäste und füllten die leeren Stühle. Schon bald war nur noch ein Platz frei. An ihrem Tisch! Doch schon kurz darauf erschien ein junger Mann, der höflich fragte, ob er sich zu ihr setzen durfte. Loana hatte so ihre Bedenken, aber sie willigte ein. Dieser Herr versuchte sie in ein Gespräch zu verwickeln. Sie reagierte aber nicht auf ihn, denn er machte ihr Angst. Er war zwar ein attraktiver Mann, aber er wirkte gefährlich. Also beeilte sie sich, ihren Kaffee zu trinken, um wieder zu gehen. Er ließ dennoch nicht locker. Loana wollte zur Theke gehen, um zu zahlen, doch er bat sie sitzen zu bleiben, da er ihr etwas zu sagen hatte. Aber sie überhörte seine Worte. Unwillkürlich griff er nach ihrem Arm und zog sie an sich heran. Er flüsterte in ihr Ohr: „Das Buch ist dein Untergang!“ Loana riss sich los. Sie lief aber nicht weg. Im Gegenteil, sie sah ihm direkt in die Augen und sagte: „Das Buch habe ich sowieso nicht mehr! Was soll das alles überhaupt?“ Seine Antwort war erschreckend. „Es ist der Fluch deiner Familie! Deiner richtigen Familie!“ Jetzt reichte es ihr endgültig. Sie packte ihn voller Wut am Kragen und drohte: „Ich werde die Polizei rufen, wenn du mich nicht in Ruhe lässt!“ Er blieb gelassen. „Wenn du meinst. Ich wollte dir nur helfen. Aber du bist genauso stur wie deine Mutter!“ Mit diesen Worten ließ er sie stehen. Loana blieb verdutzt zurück. Sie wusste nicht mehr weiter. Also machte sie einen Spaziergang. Sie brauchte Zeit, um über die Geschehnisse nachzudenken.Sie stand erst spät abends in ihrem Zimmer und entdeckte Johannas Geschenk. Jetzt fragte sie sich, was da wohl so hübsch eingepackt war. Irgendwie ahnte sie es, aber sie wollte Gewissheit. Langsam näherte sie sich dem Päckchen. Sie nahm es in die Hand und drehte es in alle Richtungen. Ein kalter Schauer lief über ihren Rücken. Loana nahm allen Mut zusammen und packte es aus. Wieder ein Buch! Es war aber nicht dasselbe wie im Krankenhaus. Dieses war wesentlich dünner, hatte einen anderen Titel und eine deutlichere Abbildung der Tätowierung. Loana öffnete das Fenster und wollte es hinaus werfen. Da fiel ihr ein, wenn sie es in den Hof warf, würde es Johanna finden und sicher nicht sehr erfreut darüber sein. Also warf sie es zurück auf den Tisch. Sie war den Tränen nah. Wie sollte sie diesem Martyrium entkommen? Gab es eine Chance zur Flucht? Nach allem, was sie bisher wusste, war es aussichtslos. Sie musste sich der Herausforderung stellen. Vielleicht hatte sie das Zeug dazu, den Teufelskreis zu durchbrechen. Immerhin hielt sie schon eine ganze Weile stand.
Grübelnd machte sie sich bettfertig. Sie sah noch einmal auf den Tisch. Da entdeckte sie einen Brief. Sie öffnete ihn und las halblaut: „Der Weg zur Freiheit führt nur an der Ratte vorbei ...“ Wirre Worte. Was für eine Ratte war gemeint? Sicher nicht das Nagetier. Loana steckte den Brief in das Buch, ohne den Rest zu lesen. Sie legte sich hin und starrte die Decke an. Der Mann aus dem Gasthaus ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht konnte er ihr weiter helfen. Sie schlief ein und träumte von den fünf Peinigern. Jeder von ihnen schien scharf auf ihr Blut zu sein. Die einzige Frau in der Truppe kam auf Loana zu. In ihrer offenen Hand hielt sie den Ring. Sie forderte Loana auf, ihn anzunehmen und an den Mittelfinger ihrer linken Hand zu stecken. Loana lehnte ab. Sie wollte gehen, da bremste sie ein Mann mit Peitsche. Er hielt sie ihr direkt unter die Nase und drohte mit Prügel, falls sie nicht gehorchte. Loana ließ sich aber nicht darauf ein. Sie machte einen Schritt zur Seite und ging an ihm vorbei. Sofort schlug er zu. Die Peitsche traf Loanas Rücken. Sie schrie und wachte auf. Johanna stand neben ihrem Bett und fragte mitleidig: „Hat dich der große, böse Mann gehauen?“ Loana rieb sich den Schlaf aus den Augen, sah sie ratlos an und fragte: „Was? Woher wissen Sie ...?“ Johanna unterbrach sie: „Ich habe wohl dasselbe geträumt.“ Loana glaubte ihr kein Wort. Wie sollten sie den gleichen Traum haben? Dafür gab es nur eine Erklärung. Johanna wusste über das Buch Bescheid. Sie konnte ihr verraten, was das alles zu bedeuten hatte. Doch verhallte ihre Frage ungehört. Schon am nächsten Morgen versuchte Loana mehr herauszufinden. Johanna grinste, als hätte sie ein Spiel gewonnen. Sie fordert Loana auf, das Buch von vorne bis hinten zu lesen und keine Seite auszulassen, dann würde sie wissen, worum es ging. Das war nicht das, was sie sich erhoffte, denn sie wollte gerade das vermeiden. Aber es blieb ihr wohl keine andere Wahl. Wenn sie noch länger wartete, dann würden sie die Träume umbringen. Also holte sie sich das Buch. Johanna sah mit Freude, dass sich ihre Angestellte zum Opfer machte. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie ihren Blutdurst stillen durfte.
Loana saß inzwischen auf der Gartenbank. Noch blieb das Buch in ihren Händen geschlossen. In ihrem Kopf spukte Colines Warnung. Sie zeigte sich nicht umsonst. Je länger sie zögerte, desto mehr lockte es. Schließlich griff sie beherzt zu. Sie schlug es auf und entdeckte wieder das Symbol, das ihr schon beinahe überall begegnete. Auf der nächsten Seite stand eine Widmung. „Dies ist ein kleines Dankeschön an Sie, weil Sie mir zum Erfolg verholfen haben...“ Wer bedankte sich da bei wem? Diese Frage konnte nur das Buch beantworten. Loana stellte schnell fest, dass es nur der Autor namens Rainer C‘loppta sein konnte. Unwillkürlich vertiefte sie sich in die Geschichte. Sie las von einer Schülerin, die gegen ihre Lehrerin rebellierte und viele Rückschläge einstecken musste. Der Name der Schülerin war Coline. Wieder entdeckte Loana vertraute Szenen. Parallelen zu ihrer Vergangenheit. Das konnte kein Zufall sein. Der Text ließ nur einen Schluss zu. Coline hatte in allen Punkten Recht. Sie war also das erste Opfer und somit Loanas Urahnin. Trotzdem wollte sie nicht glauben, dass es diesen Fluch wirklich gab. In Johannas Buch war keine Rede davon. Gebannt klebten ihre Augen auf den Seiten. Sie interessierte sich weder für ihre Arbeit, noch bemerkte sie Johanna, die schon lange neben ihr stand. Sie beobachtete genau, wie sich Loana immer tiefer in den Fluch verstrickte. Somit gab es kein Zurück mehr. Loana las das Buch bis zum Ende, sah sich ängstlich um und erwartete die Folterknechte aus der Geschichte. Da erblickte sie Johanna, die höhnisch sagte: „Es ist Zeit! Wir müssen dich in dein neues Heim bringen.“
Loana stotterte: „Welches Heim?“ Augenblicklich erschien der Hausherr und hielt ihr schon wieder den Ring vor die Nase. Er befahl ihr, ihn anzustecken und drückte ihn in ihre Hand. Kreidebleich sah sie in sein starres Gesicht und brüllte: „Nein! Das werde ich nicht tun! Ihr könnt mich nicht dazu zwingen!“ Johanna lachte. „Es ist deine Pflicht! Du hast dich auf den Fluch eingelassen, nun stehe auch dazu!“ Loana ergriff die Flucht. Sie wollte keine Minute länger in diesem Haus bleiben. Sie ließ alles zurück und rannte so schnell sie konnte. Eine letzte Warnung schallte ihr hinterher: „Nimm den Ring, wenn du nicht höllisch leiden willst! Du kannst nicht mehr entkommen!“
Wie Recht sie hatte! Loana wusste es nur nicht. Noch wollte sie alles als Gruselgeschichte abtun, aber schnell zeigte sich die Macht des Fluches. Loana stürmte durch zahllose Gassen, bis es nicht mehr weiter ging. Gerade als sie umkehren wollte, erschienen drei kräftige Kerle. Sie erkannte sie sofort. Alle Drei entstammten dem Buch! Was sollte sie jetzt tun? Weiter rennen brachte nichts. Sich ergeben kam aber auch nicht infrage. Da nahm ihr Johanna die Entscheidung ab. „Bringt sie zum Auto! Wir fahren sofort los!“ Irgendwie ahnte Loana, wohin sie entführt werden sollte. Allein dieser Gedanke gab ihr Kraft, um sich loszureißen und erneut zu fliehen. Sie kam nicht weit. Gefesselt und geknebelt landete sie im Kofferraum und wurde verschleppt.
Die Fahrt dauerte Stunden. Loanas Glieder schmerzten durch die gekrümmte Haltung und sie weinte leise vor sich hin. Irgendwann fielen ihr die Augen zu und sie schlief ein. Sie träumte sich in den Saal und näherte sich dem Altar. Dort lagen etliche Folterwerkzeuge bereit. Jedes war blutig und abgenutzt. Das konnte nur bedeuten, dass viele Menschen damit gepeinigt wurden. Vollkommen reglos starrte sie auf die blutige Altarplatte. Sie fragte sich, wo die Opfer waren und bekam sofort einen Hinweis. Ein greller Schrei donnerte durch den Saal. Kurz darauf ein grässliches Lachen. Loana rief: „Was ist hier los? Wo seid ihr?“ Da zeigten sich fünf Frauen. Ihr Fleisch hing in Fetzen an ihren Leibern herunter und doch standen sie aufrecht. Man sah ihnen keinen Schmerz an. Loana musterte eine nach der anderen, doch Coline schien nicht dabei zu sein. Sie rief nach ihr und eine der Frauen trat hervor. Sie sah nicht aus wie Coline, sprach aber mit derselben Stimme. Loana wollte einfach nur die Gründe erfahren, also nahm sie die Veränderung hin. Sie fragte vorsichtig, was ihr bevorstand. Coline zeigte schweigend zu den anderen, die sich sofort umdrehten. Jede hatte die gleiche Tätowierung, an derselben Stelle. Nur Colines war etwas anders. Ihre war rot hinterlegt. Loana fragte: „Was kommt jetzt? Muss ich genauso leiden?“ Vier von ihnen ließen die Köpfe hängen, nur Coline nicht. Loana fragte neugierig, wie sie es verhindern konnte. Da zeigten alle auf das Kreuz hinter dem Altar. Dort befand sich eine Inschrift. Loana ging näher heran und musste feststellen, dass die Botschaft in unbekannten Symbolen verfasst war. Ratlos sah sie die Opfer an, bekam aber keinen weiteren Hinweis. Eine nach der anderen löste sich in Luft auf. Nur Coline blieb übrig. Sie hielt ein rundes Amulett in ihrer Hand. Es trug eine Art Mandala aus Symbolen. Ein letzter Blick auf das Kleinod und sie reichte es Loana, die es bereitwillig annahm. Dieser Anhänger machte ihr keine Angst im Gegensatz zum Ring. Loana hoffte, dass es sie beschützen würde. Plötzlich brach sie zusammen. Sie schreckte hoch und stieß sich den Kopf. Es dauerte einen Moment, bis sie wieder wusste wo sie war. Sie lag noch immer im Kofferraum. Minuten später hielten ihre Entführer an. Der Deckel ging auf und Johanna stand grinsend da. Sie zog ihr Buch hervor und spottete: „Das wird jetzt umgesetzt!“ Loana schob ungläubig die Augenbrauen zusammen. Sie wollte am liebsten laut schimpfen, aber der Knebel ließ es nicht zu. Der nächste Befehl klang wie eine Drohung. Johanna verlangte, dass ihr neues Opfer vor den Richter geführt wurde. Loana wusste mittlerweile, dass ihre Verurteilung nur ein böses Spiel war. Es dauerte nicht lange, da standen sie in einem großen Raum. Hinter einem breiten Tisch saß einer der Bande. Johanna ließ es sich nicht nehmen und stellte sie vor. „Da vorne, der nette Mann ist Maxwell Zorgett, unser Direktor. Der Herr zu meiner Rechten heißt David Worka. Er wird auf dich aufpassen. Da neben ihm steht Georg Van Dörren. Er wird dir auf die Sprünge helfen. Dann haben wir hier noch Andreas Trisper. Er wird dir helfen, wenn du dich irgendwie verletzen solltest.“ Loana kamen die Gesichter und die Namen mehr als bekannt vor, doch konnten es unmöglich dieselben Menschen sein. Wenn sie richtig lag, waren sie Colines Peiniger. Doch war das etliche Jahrzehnte her und sie hätten uralt sein müssen. Ehe sie sich einen Reim darauf machen konnte, gab Johanna ein Zeichen und David löste ihre Fesseln. Dann führte er sie zu einem Stuhl, der mitten im Raum stand. Maxwell verlas ein Protokoll. Er zählte eine Menge Regeln und Verbote auf, die strikt einzuhalten waren. Loana interessierte sich nicht dafür, bis Johanna zu schimpfen anfing. „Du bist das Ebenbild dieser Missgeburt. An deiner Stelle würde ich gut zuhören. Das erspart dir eine Menge Ärger! Du hast nicht die Kraft, um gegen mich zu gewinnen!“ Sie wusste sofort, wen Johanna meinte. Es konnte sich nur um Coline handeln. Sie nahm es hin und vertraute darauf, dass sie träumte. Allerdings war es viel zu real, um ein Traum zu sein.
Nachdem Maxwell seinen Vortrag beendet hatte, wollte Johanna mit dem grausamen Spiel beginnen. Dazu brauchte sie ihr nur noch den Ring aufzuzwingen. Dann war sie auf ewig verdammt. Das klappte immerhin schon oft genug. Loana war nur eine weitere Kerbe am Bettpfosten. David führte sie durch zahllose Gänge in eine Wäschekammer und verpasste ihr eine Sträflingskluft. Auch das weckte Erinnerungen an das Gelesene. Loana erkannte, dass sie Colines ganzen Leidensweg vor sich hatte. Doch im Gegensatz zu ihr, wehrte sie sich nicht. Sie ließ es auf sich zukommen. Sie war entschlossen alles zu tun, um wieder frei zu sein. Dazu brauchte sie nur etwas Hilfe. Sie sah David tief in die Augen. Er erwiderte ihren Blick und erschreckte sie zutiefst. Er war eine Marionette, gelenkt durch Johannas Willen. Er schubste sie in eine feuchte Zelle und verriegelte die Tür mit zahllosen Schlössern. Loana setzte sich auf eine zerfetzte Matratze und starrte in die Dunkelheit. Sie hörte den Wind durch das winzige Fenster pfeifen. Das erinnerte sie wieder an das Buch. Coline erging es damals fast genauso. Mit dem Unterschied, dass Loana noch keine Wunden davon trug. Doch das war nur noch eine Frage der Zeit. Bis dahin versuchte sie, den Inhalt des Buches zusammen zu kriegen, um einen Ausweg zu finden. Doch blieb nicht genug hängen.
