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Der Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation, Holger Kardinal Lenstorf, wird in einer abgelegenen Kirche in den italienischen Alpen tot aufgefunden. Die Gegenstände neben der Leiche geben Rätsel auf. Dennoch scheint der Fall schnell gelöst. Die angehende Kommissarin Valentina Cipolla aber äußert Zweifel und stößt auf Widerstand: weder ihre Vorgesetzten noch der Vatikan zeigen Interesse an der tatsächlichen Todesursache. Als Cipolla die Ermittlungen fortführt, wird sie nach Neapel versetzt. Bald darauf geschieht dort ein weiterer Mord. Wie sich zeigt, steht die Tat im Zusammenhang mit dem Tod des Kardinals. Die Spuren führen in die Bretagne, nach Rom und Berlin. Trotz Verbots folgt Cipolla diesen, wird verraten und vom Dienst suspendiert. Ein geheimnisvolles, antikes Schriftstück und der Suizid eines Ministers liefern schließlich Hinweise auf eine geheime Loge. Diese hat Staaten als auch Religionen unterwandert und macht sich daran, die politische Ordnung in Europa zu beseitigen. Kann der verheerende Plan noch vereitelt werden? Ein Wettlauf beginnt.
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Seitenzahl: 740
Veröffentlichungsjahr: 2023
Marcel Salberg
Das Böse hinter den Schatten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Anmerkung
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Impressum neobooks
Marcel Salberg
Das Böse hinter den Schatten
Anmerkung
Impressum
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Das Böse hinter den Schatten
von Marcel Salberg
© 2019 by Marcel Salberg
wird vertreten durch Stephan Kathan, c/o Kathan, Alte Nußdorferstr. 14, D-88662 Überlingen
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Lektorat: Judith Krohe
Covergestaltung: Sarah Buhr – www.covermanufaktur.de unter Verwendung von Bildmaterial von ted007 (Reichstag) und Nomad Soul (Mönch) / Adobe Stock
e-Book-Erstellung: Marcel Salberg
Dieses Buch ist ein Roman. Handlung, Abläufe und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig. Manche Orte entstammen der Fantasie des Autors, andere wurden den Bedürfnissen des Romans angepasst.
Italien: Die Abtei von San Michele
Holger Lenstorf hastete keuchend voran. Er hielt den Kopf gesenkt und sah nur selten nach oben zum Portal, durch das grelles Tageslicht strahlte. Nur so glaubte er den Blicken der Touristen zu entgehen, die mit vorsichtigen Schritten an ihm vorbei über die Scalone dei Morti, die Treppe der Toten, dem Ausgang zustrebten. Erstaunt und neugierig zugleich musterten manche den hageren Mann, der in großer Hast die steile Treppe erklomm, als sei der Teufel höchstpersönlich hinter ihm her. Trotz der Hitze, die die Temperaturen außerhalb der dicken Mauern des Klosters auf fast dreißig Grad hatte steigen lassen, trug er einen Anzug aus schwarzem, recht schwerem Stoff. Nichts an seiner Kleidung verriet, dass er ein Mann der Kirche war.
Holger Kardinal Lenstorf hetzte weiter. Seine Beine schmerzten und wurden von Stufe zu Stufe bleierner, aber er fand nicht die Ruhe, einen kurzen Augenblick inne zu halten, um neue Kräfte zu sammeln. Das Wissen um seine Schuld, das ihn seit vielen Jahren quälte, trieb ihn unerbittlich voran und hinauf zur Basilika. Gleich einer Krone aus Stein thronte sie über dem trutzigen Klosterkomplex, der vor Jahrhunderten als eindrucksvolles Zeugnis christlichen Glaubens auf dem Gipfel des Pirchiriano errichtet worden war. Endlich langte Lenstorf auf der Terrasse vor der Basilika an. Von hier aus bot sich ein atemberaubender Blick auf das Tal und die umliegenden Berge. Aber für all das hatte er keine Augen. Nur noch wenige Schritte trennten ihn von seinem Ziel.
Im Innern der Basilika herrschte Stille: eine Stille, die Lenstorf augenblicklich ruhiger werden ließ. Hier oben in der Kirche, am höchsten Punkt des Bergs, glaubte er Gottes Nähe tatsächlich zu spüren. Lenstorf schloss die Augen und verharrte einige Sekunden regungslos. Er genoss diese Ruhe. Nach einer Weile löste er sich aus seiner Starre. Wie lange war er nicht mehr hier gewesen? Es mochten vielleicht vierzig Jahre sein. Damals hatte er die Abtei als junger Priester besucht. Die Erinnerungen erschienen ihm auf seltsame Weise fremd und waren doch so vertraut. Viele Bilder waren in Vergessenheit geraten, andere hingegen hatten sich umso mehr in sein Gedächtnis gebrannt: so auch die beiden Seitenschiffe, die durch verschiedenartig gestaltete Pfeiler vom Mittelschiff getrennt wurden und in drei Apsiden endeten, von denen die mittlere die größte war.
Lenstorfs Blick wanderte nach oben. Die beiden Emporen über den Seitenschiffen waren nur zwei von mehreren Verstecken, die er noch von früher im Gedächtnis hatte, falls man ihn überraschen sollte. Aber das war eher unwahrscheinlich, denn nachts war die Kirche verschlossen und für niemanden zugänglich.
Er drehte sich um. Bis ins kleinste Detail kannte er die Geschichte dieser Abtei. So wusste er auch, weshalb der Chor von asymmetrischer Form war und wessen Gebeine die Sarkophage bargen, die dort entlang den Wänden aufgereiht standen. Langsam schlenderte Lenstorf durch einen der Seitengänge. Erst nachdem er sich vergewissert hatte, dass niemand außer ihm in der Kirche war, ging er durch das Mittelschiff vor bis zum Altar. Dort machte er das Kreuzzeichen und sprach ein Gebet, ehe er sich abwandte, um die Gemälde an den Wänden zu betrachten. Diese zeigten neben Szenen vom Leben und Tod Jesu Christi auch Darstellungen von Heiligen. „Verzeiht mir meinen Frevel“, sagte Lenstorf leise, „ich war verblendet - eine Täuschung, die mich den falschen Weg einschlagen ließ. Ich flehe Euch an: Vergebt mir…“ Jäh erstarrten seine Lippen. Ein hastiges Kreuzzeichen, dann stürzte Lenstorf hinüber zum Beichtstuhl. Er hatte den Vorhang kaum hinter sich zugezogen, als das Geräusch der Eingangstür erklang, die geöffnet und wieder geschlossen wurde. Unmittelbar danach hörte Lenstorf die schlurfenden Schritte des Paters, der seinen Rundgang durch die Kirche begann. Dabei kam er seinem Versteck bedrohlich nahe. Lenstorf wagte kaum zu atmen. Nur langsam entfernten sich die Schritte. Was folgte, war das leise Klappen der Tür und das gedämpfte Rasseln von Schlüsseln, die einander berührten. Unmittelbar darauf ertönte das Scharren eines Schlüssels, der ins Schloss geschoben wurde. Sogleich hallte ein scharfes, zweimaliges Knacken durch den Kirchenraum: für Lenstorf die Gewissheit, dass er allein war. Doch erst als der Klang der Schritte draußen verebbt war, verließ er sein Versteck. Die Stille lag nun wie ein schwerer, bleierner Mantel über der Basilika. Diese Stille war eine andere als jene vorhin: Sie besaß nun etwas Bedrückendes, ja vielleicht auch Unheilvolles.
Holger Lenstorf setzte sich auf eine der Bänke im Mittelschiff. Mit einem Mal schien alle Kraft aus seinem Körper gewichen. „Ihr Heiligen, steht mir bei“, flüsterte er und sah mit nervösen Augen nach allen Seiten, als lauerte im Verborgenen jene Kreatur, der er heute die Stirn bieten wollte. Nur wenige Stunden noch, dann würde er mit dem beginnen, was er für seine heilige Pflicht hielt.
Draußen brach die Dämmerung herein. Lenstorf streckte sich und griff nach seiner Tasche, die neben ihm stand. Den ganzen Weg hier herauf hatte er sie fest an seinen Körper gepresst und die Umklammerung erst gelockert, als er am Altar angelangt war. Lenstorf stand auf. Einsam hallte das verhaltene Tappen seiner Schritte durch den Kirchenraum. Er ging zum Altar und lehnte die Tasche an den kunstvoll behauenen Klotz aus Stein. In Demut kniete er nieder und sprach ein flüchtiges Gebet. Schnell stand er wieder auf und nahm die Kerzenhalter und Vasen vom Altar. Alles geschah ohne einen Laut, bis ein helles Klicken die Stille zerriss…
Lenstorf fuhr unwillkürlich zusammen, als die Verschlüsse der Tasche aufschnappten. Wie erstarrt stand er für Sekunden da und lauschte angespannt in die Stille. Er hatte nicht daran gedacht, wie laut sie in der Weite des Kirchenraums hallen würden. Ärgerlich über seinen Leichtsinn schimpfte er leise mit sich selbst. „Hab´ Vertrauen. Es gibt keinen Anlass für deine Angst, denn Gott ist bei dir“, sagte er dann mit tonloser Stimme und flüsterte: „Dank seiner Gnade wird es gelingen!“ Energisch, als hätte er schlagartig all seine Energie zurückgewonnen, schlug er den Deckel der Tasche zurück und ließ seine Hand hinabtauchen. Nacheinander entnahm er einige Gegenstände, die in Tücher eingeschlagen waren. Mit zitternden Händen befreite er sie aus dem weichen Stoff und fand dabei das kleine Stück Papier, auf dem in roter, altertümlich wirkender Schrift beschrieben war, wie alles aufzustellen sei. Hastig eilten Lenstorfs Augen über die Zeilen. Leise wiederholte er jedes Wort, während er die Gegenstände auf dem Altar platzierte. Lenstorf hatte sein Werk kaum vollendet, als er eine unbekannte Kraft zu spüren glaubte, die sich seiner zu bemächtigen suchte. War es nur Einbildung? Täuschte ihn die Angst, die ihm den Schweiß auf die Stirn trieb und ihn am ganzen Körper zittern ließ? Es war kalt geworden, eisig kalt…
Lenstorfs Augen glitten über den Altar. Ein letztes Mal prüfte er die Anordnung der Gegenstände. Bewundernd verweilte sein Blick auf dem kleinen, nur handgroßen Kreuz. Es war aus Gold und mit zahlreichen Edelsteinen besetzt, die trotz des nur fahlen Lichts in der Kirche hell strahlten. Zusammen mit dem kleinen Bild des heiligen Michael symbolisierte es das Gute, wohingegen die übrigen Gegenstände dem Bösen zuzuordnen waren: neben dem Fuß einer Ziege eine kleine Figur aus schwarzem Marmor, die einen hockenden Bock mit Flügeln darstellte. Das teuflische Wesen hielt sie gespreizt, als wollte es sich gleich in die Luft erheben. In seinen Körper hatte der unbekannte Künstler Symbole geschnitzt, deren Bedeutung Lenstorf nicht kannte. Für Sekunden verharrten seine Augen auf dem spitzen, von vier Hörnern umrahmten Gesicht, ehe sie sich den schwarzen Kieselsteinen zuwandten, die in einem Kreis um die Gegenstände lagen. Zwischen ihnen standen vier Kerzen, deren Farbe dem von dunklem Blut glich.
Noch einmal verschwand Lenstorfs Hand in der Tasche. Diesmal förderte sie eine Packung Streichhölzer und ein kleines, bauchiges Fläschchen zu Tage, das geweihtes Wasser enthielt. Demütig senkte Lenstorf den Kopf und sprach ein weiteres Gebet. Dann hob er die Stimme. Noch während sich seine Augen auf das Bild des Erzengels hefteten, sagte er: „Dieser Wahnsinn muss ein Ende finden. Der Glaube und unsere heilige Kirche sind in großer Gefahr. Heiliger Michael…“ Er hielt inne: War sein Plan nicht anmaßend? Lenstorf wankte. Die Entschlossenheit, die ihn bis hierhergeführt hatte, war auf einmal wie weggeblasen. An ihre Stelle trat das Gefühl von Unsicherheit: durfte er den Erzengel überhaupt um Hilfe bitten? Nie zuvor hatte er über diese Frage nachgedacht. „Heiliger Michael, ich bin nur ein einfacher Diener Gottes“, flüsterte Lenstorf. Seine Augen suchten die des Erzengels. Ein Gefühl tiefer Erleichterung durchströmte ihn, als er in ihnen den Ausdruck von Güte zu erkennen glaubte - eine Güte, die kein irdischer Maler einem Gemälde je hätte verleihen können. Mit kraftvoller Stimme sprach Lenstorf weiter: „Ich weiß, meine Absicht ist verwegen, ja vielleicht auch frevelhaft, aber ich sehe keinen anderen Weg. Seine Kräfte wachsen unaufhaltsam. Niemand kann sagen, was geschehen wird, wenn er…“ Lenstorf verstummte. Er wagte den Gedanken nicht auszusprechen.
Die Schatten der Nacht verscheuchten das fahle Licht der Dämmerung und tauchten die Abtei und die umliegenden Berge in schwarze Finsternis. Die Zeit war gekommen, mit dem Ritual zu beginnen. Lenstorf entzündete die Kerzen und besprengte den Kreis und alles in ihm mit geweihtem Wasser. Gleichzeitig murmelte er Worte, die fremd und geheimnisvoll klangen. Anschließend zog er mit dem gleichen Wasser einen Kreis auf dem Boden um sich herum, verteilte auf diesem zwölf Kerzen und steckte sie an. Wieder heftete er die Augen auf das Bild des Erzengels: „Heiliger Michael: Gottes Sohn, Jesus Christus, hat sein Blut vergossen, als man ihn ans Kreuz geschlagen hat. Ein barbarischer Akt und doch so barmherzig, diente er doch allein dem Heil der Menschheit. Durch seinen Tod wurde uns Gottes Güte zuteil. Aber die, die noch in heutiger Zeit geopfert werden, verlieren ihre Seelen an das Böse. Hilf mir, Satans Diener zu besiegen. Unermesslich groß ist seine Gier nach Blut, die ihm bald die Kraft verleihen wird, vor der wir schon heute zittern.“ Lenstorf verstummte. Seine Brust hob und senkte sich im schnellen Takt seines Atems. Er spürte wieder die Kälte, die ihm jetzt noch eisiger erschien. Im flackernden Licht der Kerzen begannen Schatten zu tanzen. Die Gesichter der Propheten, die in den Steinrahmen des Fensters hinter dem Altar gemeißelt waren, verzerrten sich zu schrecklichen Fratzen.
Lenstorf schloss die Augen. Ein letztes Mal ging er in Gedanken die magischen Formeln durch. Immer und immer wieder hatte er sie in den vergangenen Tagen leise vor sich hingemurmelt, bis sie in Fleisch und Blut übergegangen waren. Er durfte sich keinen Fehler erlauben!
„Es ist an der Zeit“, hörte Lenstorf seine leise Stimme. Er hob den Kopf und begann mit fester Stimme zu sprechen.
„Die heilige Pflicht ist getan!“ Die Worte waren kaum zu verstehen. Die Frau sprach nur sehr leise in das Handy, das man ihr gegeben hatte. Im Hintergrund war ein unablässiges Prasseln zu hören, das vom Regen herrührte, der in dieser Nacht über nahezu ganz Oberitalien niederging. Trotzdem hatte der Angerufene sofort begriffen, was sie ihm sagen wollte. „Keine Zeugen?“, fragte er schnell.
„Nein, niemand!“
„Gut“, sagte er zufrieden. „Der Wagen wartet am vereinbarten Ort.“
Augenblicklich verstummte das Prasseln und mit ihm das verhaltene Keuchen, das verraten hatte, dass die Anruferin in großer Eile war.
Eine klobige Hand legte den Telefonhörer zurück auf die Gabel. Für einen Moment blitzte im flackernden Schein eines Kaminfeuers ein Siegelring auf. Sein in Gold gefasster, dunkelblauer Stein trug eine geheimnisvolle Gravur: einen Tierkopf mit vier Hörnern, von denen zwei in ihrer Form denen eines Widders glichen, wohingegen sich die beiden anderen in einem sanften Bogen weit nach oben krümmten. Drei verschnörkelte Buchstaben waren in einem unsichtbaren Dreieck um den Kopf herum angeordnet: ein A, ein D und ein V. Der Name und die Worte, für die sie standen, waren die Grundlage seines Glaubens. Mit wässrigen Augen starrte er auf das Siegel und wandte dann den Blick ab. „Er ist gerichtet“, sagte er mit feierlicher Stimme, ehe er sich von seinem Sessel erhob und sein bodenlanges Gewand ordnete. Sein Blick fiel auf die Uhr, die auf dem Kaminsims stand. Ihre goldenen Zeiger standen auf halb zwei.
Lucia ließ das Handy in den kleinen Rucksack auf ihrem Rücken gleiten und machte sich auf den Weg ins Tal. Wie ihre langen Haare war auch ihr Gesicht nass vom Regen, ebenso wie ihre Kleidung. Die schwarze Regenjacke machte ihrem Namen keine Ehre und ließ die Nässe ungehindert durch. Unangenehm klebte die Bluse, und ebenso die Jeans, auf ihrer Haut. Lucia mochte diese Sachen nicht, die enganliegend waren und die Formen ihres Körpers auch im trockenen Zustand so unverhohlen nachzeichneten. Dabei hatte sie keinen Grund, sich seiner zu schämen: Lucia war schlank und von außergewöhnlicher Schönheit. Aber in der Gemeinschaft, in der sie zuhause war, galten andere Werte als jene, die in der Welt außerhalb der schützenden Mauern des Klosters das Leben bestimmten. Lucia hielt nichts von Vergnügen und Luxus, von materiellen Werten wie schnellen Autos oder teurer Kleidung. Nein, sie strebte nach etwas Höherem, das sich nicht mit Geld bezahlen ließ. Wie jedes Mal, wenn man sie fortgeschickt hatte, um einen Auftrag zu erfüllen, freute sie sich wieder auf das einfache Leben im Kloster und auf ihr Ordensgewand, das ihr ein Gefühl von Sicherheit, ja echte Geborgenheit gab.
Ihre Schritte waren auf dem nassen Asphalt kaum zu hören. Lucia hatte ihr Tempo verlangsamt. Bis hierher war sie getrabt. Jetzt aber wechselte sie in einen Gang, der grazil und von bemerkenswerter Eleganz war. Sie fühlte die Nässe auf ihrer Haut und die Kälte, die sie mit sich brachte. Doch es störte sie nicht. In dieser Nacht glaubte sie, Gott unendlich nahe zu sein. Was vor nicht einmal einer Stunde geschehen war, wertete sie als ein Zeichen des Himmels. Gott selbst hatte ihr die Bürde dessen, was ihr befohlen worden war, von den Schultern genommen. Wie sonst sollte sich Lucia das erklären, was sie mit eigenen Augen in der Basilika gesehen hatte?
„Es ist eine sehr schwierige Aufgabe, zu der wir Euch heute verpflichten…“ In Gedanken hörte Lucia die Stimme des Bischofs. Vor ihrem geistigen Auge sah sie sich wieder in jenem Saal stehen, wohin er sie einbestellt hatte. Es war der einzige Raum im Kloster, dessen Ausstattung von üppiger Pracht und nicht von zweckmäßiger Kargheit bestimmt war. „Manchmal bedarf es eines Schwerts, um Unheil von unserer Kirche, ja unserem Glauben abzuwenden!“ Niemals würde Lucia diese Worte vergessen. Der Bischof hatte gelächelt und mit sanfter Stimme hinzugefügt: „Der Herr wird Eure Tat nicht verurteilen. Im Gegenteil, gnädig wird er auf Euch herabsehen und Euren Mut und Eure Treue belohnen. Gott selbst hat Euch zu uns geschickt. Denkt immer daran: Ihr seid zu wahrhaft Großem auserwählt!“ Es gab keinen Zweifel: Lucias Weg war von Anfang an vorbestimmt gewesen. Im Alter von drei Jahren hatte sie ihre Eltern verloren. In seiner unendlichen Güte hatte sich der Bischof damals ihrer angenommen und sie zu den Nonnen gebracht. Oft hatte er Lucia besucht und sich wie ein Vater um sie gekümmert. Aber nie hatten er oder die Äbtissin Lucia seinen Namen verraten. „Neugier ist eine schwere Sünde“, hatten sie ihr erklärt, als sie einmal danach gefragt hatte. So war sie in der Abgeschiedenheit der Pyrenäen zu einer Frau herangewachsen: Geprägt von einem Alltag, der bestimmt war von den strengen Regeln des Ordens. Als die Zeit gekommen war, hatte sie sich freiwillig für Gott und das Leben im Kloster entschieden und die Gelübde abgelegt. Von jenem Tag an trug Lucia das Ordensgewand als äußeres Zeichen ihres Glaubens.
Lucias Körper bebte. „Der Glaube ist in Gefahr!“, sagte sie laut zu sich selbst. Kaum merklich hob sie das Kinn und sah entschlossen nach vorn. „Ja, oh Herr, mit all meiner Kraft werde ich deine heilige Kirche gegen das Böse verteidigen!“
Italien: Turin
Als das Telefon zum ersten Mal klingelte, weilte Niccoló Pasoletti in einem Traum, in dem es eigentlich kein Telefon gab. Mit einem Laut, der einem Grunzen ähnelte, wälzte er sich auf den Bauch. Unter dem Gewicht seines beleibten Körpers gaben die Bettfedern ein leises Quietschen von sich.
Das Telefon klingelte ein zweites Mal.
„Zum Teufel nochmal, es ist mitten in der Nacht“, grummelte Pasoletti unwirsch. Regungslos blieb er liegen und rollte sich erst auf den Rücken, als das Telefon zum dritten Mal schrillte. „Da ist aber jemand hartnäckig“, schimpfte Pasoletti und fügte mit dumpfem Blöken hinzu: „Und lästig obendrein!“ Von jeher hasste er es, vom Telefon aus dem Schlaf gerissen zu werden. Schlaftrunken hob er den Kopf und sah hinüber zur Uhr. „Noch nicht mal halb acht“, brummte er ärgerlich. Pasoletti streckte die Hand aus und tastete nach dem Lichtschalter, fand ihn und knipste die Lampe an. Er sah direkt in die Glühbirne. Geblendet kniff er die Augen zusammen und angelte blind nach seiner Brille, die auf dem Nachtkästchen neben dem Bett auf dem Rücken eines aufgeklappten Buches lag. Er zog sie zu sich her und setzte sie umständlich auf. Schwerfällig mühte er sich dann aus dem Bett und tappte zur Tür.
Das Telefon klingelte wieder.
„Zum Donnerwetter nochmal, bin ich denn ein Rennpferd?“ Wütend riss Pasoletti die Tür auf und wankte hinaus auf den Flur. Er gähnte laut, als er den Hörer von der Gabel nahm und gleichzeitig mit der anderen Hand auf den Lichtschalter an der Wand schlug. „Was zum Teufel nochmal erlauben Sie sich?“, nuschelte er verschlafen in die Muschel.
„Commissario Pasoletti?“, erklang eine Stimme am anderen Ende der Leitung.
„Ja, natürlich - wer sonst?“, erwiderte Pasoletti brummig. Wie immer hatte er keine Lust, freundlich zu sein und bellte ungeduldig: „Nun reden Sie schon!“
„Ein Leichenfund in der Abtei von San Michele.“
„Eine Leiche in der Abtei?“ Ein leiser Fluch kam über Pasolettis Lippen, gefolgt von einem Gedanken: Das Fußballspiel… Der geplante Fernsehabend war mit einem Mal in Gefahr!
„Cipolla ist in zehn Minuten bei Ihnen“, hörte er den Beamten noch sagen, bevor er den Hörer auf die Gabel knallte und ins Schlafzimmer schlurfte, um sich anzuziehen.
Eine halbe Stunde später - Valentina Cipolla, eine junge Polizistin im Rang einer Vice Commissaria, hatte bereits etliche Male an der Tür geklingelt - öffnete er die Haustür und trat hinaus auf die regennasse Straße: Deutliche Spuren des Gewitters, das in der Nacht über der Stadt niedergegangen war. Vom Fenster seines Schlafzimmers aus hatte Pasoletti das Naturschauspiel verfolgt. Er konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor ein Unwetter von einer solchen Heftigkeit erlebt zu haben. Ganze Bündel von Blitzen waren über den nachtschwarzen Himmel gejagt, gefolgt vom Krachen der Donnerschläge, deren Gewalt die Wände des Hauses hatte erzittern lassen. Das Zentrum des Gewitters musste irgendwo in den Bergen westlich von Turin gelegen haben. In keinem Wetterbericht war es vorausgesagt worden: Im Gegenteil, die Meteorologen im Fernsehen hatten eine sternenklare Nacht angekündigt.
Am Straßenrand wartete ein schwarzer Alfa Romeo. Pasoletti ging auf den Wagen zu, riss die Beifahrertür auf und zwängte sich auf den Sitz. Seine üppigen Körpermaße verlangten eigentlich nach einem größeren Fahrzeug, aber zu seinem Unverständnis war ein solches im Budget der Polizei nicht vorgesehen.
„Guten Morgen, Commissario“, begrüßte Valentina Cipolla ihn und wies mit dem Daumen nach hinten in Richtung der Rückbank. „Wenn Sie möchten: Ich habe Kaffee dabei.“ Die junge Beamtin kannte die Launen ihres Vorgesetzten, der drei Dinge nicht leiden mochte: frühes Aufstehen, ein Mangel an Kaffee und ein ebensolcher an Zigaretten.
Pasoletti nickte wortlos und griff hinter sich. Auf dem Rücksitz fand er eine Aktentasche und darin die Thermoskanne. „Na, das macht doch den Morgen gleich ein wenig freundlicher“, sagte er, als er den Deckel aufschraubte und den Geruch des Kaffees durch die Nase sog. „War ja ein tolles Wetter heute Nacht. Bei dem Krach war an Schlaf kaum zu denken.“
Auf Valentinas Gesicht erschien der Anflug eines schelmischen Lächelns. Die junge Frau hatte sofort die Chance auf einen Seitenhieb erkannt: „Nicht mal die Wetterfrösche sind frei von Fehlern - so wie manch anderer Spezialist auch!“
„Was soll das bitte heißen?“ Pasoletti sah seine Kollegin scharf an. Versteckte sich in ihren Worten vielleicht so etwas wie Kritik an ihm oder seiner Arbeit?
„Nun“, sagte Valentina, die in diplomatischer Voraussicht beschlossen hatte, ein wenig zurück zu rudern: „Was hatte man uns versprochen?“ Sie spitzte die Lippen und flötete mit hoher, fast kindlicher Stimme: „Eine milde, ja durchaus warme Nacht. Tja, nur einer von vielen Irrtümern. Auch Kolumbus ist damals nicht da gelandet, wo er ursprünglich hinwollte.“ Valentina lachte hell auf und verstummte, als ihr Blick Pasoletti streifte. Der Commissario hatte keine Miene verzogen. Seine Züge behielten ihre gewohnte Strenge, die so gar nicht zu seinem rundlichen Gesicht passen wollte, in dem Valentina jetzt sogar einen Anflug von Tadel zu erkennen glaubte. Pasoletti kannte offenbar keinen Humor.
Der Commissario hatte Valentinas Blick nicht bemerkt. Oder er ignorierte ihn einfach. „Der Tote? Oder ist er eine Sie?“ Pasoletti goss Kaffee in den Deckel der Thermoskanne und nahm einen Schluck daraus. Dabei sah er Valentina fragend an.
Die junge Beamtin zuckte mit den Schultern. „Viele Informationen habe ich nicht. Ein Pater der Abtei fand ihn vor etwa einer Stunde.“
„Ein Mann also!“
„Ja, der Pater berichtete von einem männlichen Toten“, nickte Valentina und sagte: „Soll übel zugerichtet sein, wobei ich auf diese Schilderung nicht allzu viel gebe. Für jemanden, der vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben eine Leiche sieht, sehen die immer übel aus. Der Tod zaubert seinen Opfern nur selten ein Lächeln auf die Lippen.“
„Allerdings, das vergisst er in seinem Hunger nach etwas Lebendigem schon mal“, brummte Pasoletti und trank mit lautem Schlürfen seinen Kaffee.
Sie ließen Turin hinter sich. Regen setzte ein und wurde rasch heftiger. Müde folgten Pasolettis Augen den monotonen Bewegungen der Scheibenwischer, die sich mühten, die Tropfen beiseite zu wischen, die unentwegt auf die Scheibe prasselten. „Wo hat man ihn denn gefunden?“ Mit Unbehagen dachte Pasoletti an die zahlreichen Stufen, die vom Parkplatz hinauf zur Basilika führten. Insgeheim hoffte er, dass ihm dieser beschwerliche Gang erspart bleiben würde. Aber Valentinas Antwort zerstörte all seine Hoffnungen: „Oben in der Kirche!“
„Na prima“, stöhnte Pasoletti und schimpfte mit leiser Stimme: „Würde man die Kirche nachts verschließen, wäre das nicht ausgerechnet dort passiert!“
„Sie ist nachts abgeschlossen“, hielt Valentina dagegen und fügte leise hinzu: „Genau das ist ja das Rätsel.“
„Eine Leiche in einer verschlossenen Kirche“, überlegte Pasoletti und schnalzte leise mit der Zunge. Er wusste von Fällen, in denen sich Gauner in Kirchen hatten einschließen lassen, um in aller Ruhe Heiligenfiguren, Kelche und andere Wertgegenstände zu stehlen. Doch Pasoletti war kein einziger Fall bekannt, bei dem einer dieser Diebe auch zu Tode gekommen war. Einen Moment lang dachte er nach, dann fragte er: „Wurde die Leiche vielleicht nicht schon gestern Abend entdeckt?“
„Sicherlich nicht, sonst hätten sie uns noch gestern informiert.“
„Ja, natürlich.“ Pasoletti verzog den Mund und warf Valentina einen tadelnden Blick zu. Er hasste alles, was auch im Entferntesten nach Kritik oder einer Belehrung klang.
Den Rest des Weges schwiegen sie. Während sich Pasoletti eine Zigarette ansteckte und missgelaunt daran zog, grübelte Valentina über die Frage, was einen Mann wie Pasoletti dazu bewogen haben konnte, sich für die Kriminalistenlaufbahn zu entscheiden. Er war keiner von denen, die ihren Beruf als Leidenschaft verstanden. Nein, Pasoletti gehörte zu jenen Beamten, die während der Arbeit keine Gelegenheit ausließ, einen Blick auf die Uhr zu werfen, um sich noch vor Dienstschluss mit fadenscheinigen Ausreden in den Feierabend zu verabschieden. Weder Fleiß noch Talent hatten Pasoletti auf der Karriereleiter nach oben gebracht, sondern einzig und allein die Beziehungen, die Pasolettis Familie seit jeher zu führenden Köpfen des Staates und der Polizei unterhielt. Es machte Valentina wütend, wenn sie daran dachte, mit welchem Elan sie an die ihr gestellten Aufgaben heranging, während sich Pasoletti in sturer Bequemlichkeit übte. Im Rahmen ihrer Ausbildung hatte man Valentina nach Turin geschickt, um weitere Kenntnisse zu erwerben. Was aber sollte sie von einem Kommissar ohne jegliche Motivation und mit nur bescheidenen Fähigkeiten schon lernen? Es war in der Questura kein Geheimnis, dass Pasoletti als Kommissar nichts taugte. Zahlreiche Kriminalfälle warteten auf ihre Aufklärung, was im Wesentlichen an Pasolettis Gleichgültigkeit lag. Trotzdem hielt man an ihm fest. Doch seine Unfähigkeit war nicht das Einzige, was ihn in Valentinas Augen disqualifizierte. Lüsterner alter Sack! Mit einem Gefühl aus Unbehagen, zu dem sich erst mit der Zeit auch eine gewisse Belustigung gesellt hatte, dachte die junge Frau an jenen Tag zurück, an dem sie dem Commissario zum ersten Mal begegnet war: Ein Beamter hatte sie in sein Büro geführt und hinter ihr die Tür geschlossen. In diesem Augenblick hatte sie sich hilflos, ja regelrecht ausgeliefert gefühlt. Betont lässig, in der Manier eines Playboys, hatte Pasoletti in seinem Bürostuhl hinter dem Schreibtisch gelauert - in der Hand die übliche Zigarette. Schweigend hatte er zu ihr aufgesehen. Ihrem Gefühl nach waren es wenigstens fünf Minuten dummen Glotzens gewesen. Dabei hatte sich Pasoletti keine Mühe gegeben, seine Gedanken zu verbergen. Deutlich hatte Valentina gespürt, dass seine Blicke nicht ihrem Gesicht oder den dunklen Augen gegolten hatten. Nein, das Zentrum seines Interesses waren ohne Zweifel ihre Brüste gewesen. Seine Augen hatten sich an ihnen förmlich festgesaugt, bevor sie hinabgewandert waren, um in der gleichen unverschämten Weise die sanft geschwungenen Hüften und die langen Beine zu begutachten, die wie ihr ganzer Körper makellos waren.
„Den Po auch?“, hatte Valentina schließlich forsch gefragt und sich in der Gewissheit umgedreht, dass ihn ihre freche, durchaus entlarvende Bemerkung in Verlegenheit bringen würde. Wie erwartet war Pasoletti knallrot angelaufen. „Nicht das, was Sie denken“, hatte er sich mit knurrigem, kaum verständlichem Gemurmel zu erklären versucht. „Ich bin nicht scharf auf Sie. Ich überlege nur, ob Sie zu dem taugen, was Sie sich vorgenommen haben. Meinem Verständnis nach sind Frauen aufgrund ihrer naturgegebenen Spezifitäten nicht zu allem geeignet - und am wenigsten zum Polizeidienst. Daher meine kritische Begutachtung!“
„Kritische Begutachtung? Aber klar doch, jetzt verstehe ich, was Sie meinen“, hatte Valentina mit eisigem Lächeln erwidert und schnippisch gesagt: „Die entscheidenden Kriterien für eine mögliche berufliche Eignung sind ausschließlich Form und Größe des Busens beziehungsweise die Rundung des Gesäßes. Oder liege ich da falsch?“
„Jetzt werden Sie mal nicht unverschämt!“ Völlig überraschend war Pasoletti aufgebraust und hatte sich ebenso schnell wieder beruhigt. „Gut, Sie wollen es ja nicht anders!“ Mit einem bösen Grinsen hatte er dann auf die Bedeutung ihres Namens angespielt: „Valentina Cipolla ist also Ihr Name?“
Valentina hatte stumm genickt.
„C-I-P-O-L-L-A“, hatte er langsam und mit genüsslicher Stimme wiederholt und leise aufgelacht: „Die Zwiebel also… Wissen Sie denn auch, was man mit einer Zwiebel so alles anstellt? Nein? Ich will es Ihnen sagen: Man entblättert sie - Schicht für Schicht!“
„Nicht hier und nicht jetzt und sicherlich auch nicht irgendwann einmal“, hatte Valentina prompt entgegnet und mit spitzer Stimme hinzugefügt: „Ich sollte mich eigentlich beim Questore über Sie beschweren.“
„Tun Sie das ruhig, wenn Ihnen danach ist.“ Pasolettis Miene hatte Gelassenheit signalisiert - eine Gelassenheit, die Valentina verunsichert hatte. So war es bei der bloßen Drohung geblieben und zu keiner Beschwerde gekommen, obwohl Pasoletti seine Anzüglichkeiten in den darauffolgenden Tagen ungeniert fortgesetzt hatte. Bis heute machte der Commissario gegenüber ihr keinen Hehl daraus, dass er Frauen in den Reihen der Polizei oder des Militärs kategorisch ablehnte - wenn er ihnen überhaupt irgendeine Befähigung zusprach.
Der Wagen erklomm die schmale Straße hinauf zur Abtei, die wie eine trutzige Burg in den grauen Morgenhimmel ragte. Valentina öffnete das Fenster. Kalte Luft strömte durch den Spalt herein und ließ sie frösteln. Sie freute sich darauf, dem Auto bald entfliehen zu können, hatte doch Pasolettis ungebremster Zigarettenkonsum den Innenraum längst in eine Wolke aus stinkendem Qualm gehüllt. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten sie den Parkplatz unterhalb der Klosteranlage. Valentina hielt hinter einem der Polizeiautos, die dort zu beiden Seiten des Sträßchens geparkt waren, und schaltete den Motor aus.
„Es ist einfach unglaublich! So viel Aufhebens wegen einer einzigen Leiche“, brummte Pasoletti und schüttelte verständnislos den Kopf. „Vermutlich haben diese Idioten ein ganzes Bataillon hier herauf in Marsch gesetzt. Ich frage mich nur, weshalb ich mich da noch hier heraufmühen muss.“ Er stieß die Tür auf und stieg ächzend aus dem Wagen.
„Guten Morgen, Commissario. Der Tote liegt oben in der Kirche!“ Ein Polizist eilte auf Pasoletti zu und deutete auf den Weg, der hinauf zum Klosterkomplex führte. „Die Kollegen der Spurensicherung…“
Pasoletti ließ ihn nicht ausreden. „Ja, ja, ich weiß Bescheid“, erwiderte er gelangweilt. Plötzlich erhellte sich sein Gesicht: „Ihr Tipp für das Spiel? Ich sage, Inter gewinnt.“
„Nun, das…“
„Na, nur raus damit, sagen Sie es ruhig.“
„Es wäre besser, Juve würde gewinnen. Dann nämlich wäre Neapel Meister.“
„Ach, ihr Neapolitaner…“ Pasoletti machte eine wegwerfende Handbewegung. „Vom Fußball versteht ihr rein gar nichts.“ Er wartete die Antwort nicht ab und schritt in dem ihm eigenen, leicht schwankenden Gang auf den Weg zu, der hinauf zur Abtei führte. „Los, Cipolla, wir kommen leider nicht umhin, uns die Sache selbst anzusehen.“
Pasoletti war bereits völlig außer Atem, als er die erste Treppe hinter sich gebracht hatte, die auf eine Terrasse unterhalb des Hauptportals führte. Keuchend beugte er sich nach vorn und stützte die Hände auf die Oberschenkel. Nach einer Weile richtete er sich auf und legte den Kopf in den Nacken, um nach oben zu schauen. Der Commissario war beileibe kein religiöser Mensch, dennoch machte es auf Valentina den Eindruck, als zöge ihn der Anblick der Mauern, die über ihnen emporwuchsen, auf seltsame Weise in ihren Bann. Ergriffen sank Pasoletti auf die Knie.
Schweigend beobachtete Valentina ihren Vorgesetzten. Die junge Frau war die Treppe zum Hauptportal hinaufgestiegen und blickte auf Pasoletti herab. Was in aller Welt macht er nur? Das Verhalten des Commissarios verwunderte und befremdete sie zugleich. Die Sekunden verstrichen…
„Wir sollten keine Zeit verlieren…“ Valentina biss sich auf die Lippen, als ahnte sie die Sinnlosigkeit ihres Versuchs, Pasoletti aus seiner Lethargie zu holen. Mit einer harschen Handbewegung bedeutete er ihr, zu schweigen.
Was ist bloß los mit diesem Spinner? Vermutlich suchte Pasoletti in seiner Faulheit nur nach einer Möglichkeit, dem beschwerlichen Weg hinauf zur Kirche zu entgehen! Erwartet er vielleicht, dass ich ihn den Rest des Weges trage? Valentina beschloss, seinem Verhalten auf den Grund zu gehen. Schnell sprang sie die Stufen hinab und drehte sich am Fuß der Treppe um. Ihr Blick glitt nach oben…
Als gehörten sie zu einem wuchtigen Turm, wuchsen die Mauern der Abtei über Valentina in die Höhe, nur durchbrochen von einem hohen Fenster und einer kleinen Rosette. Sie gingen in eine halbrunde Apsis über, die gekrönt war von einem Kranz aus zierlichen Säulen und Bögen. Je länger Valentina hinaufstarrte, umso mehr gewann sie den Eindruck, als streckte sich das Bauwerk bis in den Himmel, wo es mit dem Grau der Wolken verschmolz. Der Anblick beeindruckte Valentina, doch schien es ihr abwegig, deswegen gleich auf die Knie zu sinken. Kopfschüttelnd wandte sie sich ab und sagte in Pasolettis Richtung: „Wir sollten die Kollegen nicht warten lassen!“
Pasoletti reagierte nicht.
Valentinas Augen wanderten hastig umher. Zu ihrer Erleichterung war niemand zu sehen: Die Polizisten hatten sich am Parkplatz und vermutlich auch oben vor der Basilika postiert, um eventuellen Besuchern den Zutritt zum Tatort zu verwehren.
Plötzlich löste sich Pasoletti aus seiner Starre und stand unter lautem Ächzen auf. Zu Valentinas Überraschung fluchte er dabei nicht, wie es sonst immer seine Gewohnheit war, wenn der Zugang zu einem Tatort seinen vollen körperlichen Einsatz verlangte. Ohne einen Blick oder gar ein Wort an Valentina zu verlieren, stieg Pasoletti die Treppe hinauf und verschwand im Eingang.
Valentina lief ihm nach. Was folgte, war eine weitere, sehr steile Treppe. Man hörte nur das Keuchen, unter dem sich Valentina und der Commissario nach oben mühten. Die Stufen waren ausgetreten und von zahllosen Schuhsohlen glattpoliert. Diese sogenannte Treppe der Toten verdankte ihren Namen dem Umstand, dass die Mönche hier früher ihre Verstorbenen in Nischen beigesetzt hatten. An ihrem Ende führte ein Portal ins Freie und zur obersten Treppe, über der sich, getragen von mächtigen Pfeilern, die Strebebögen der Basilika spannten. Noch immer schwieg Pasoletti. Valentina hielt es für ratsam, es ihm gleich zu tun.
Endlich gelangten sie am Portal der Basilika an, vor dem ein Polizist Posten bezogen hatte. Er grüßte in militärischer Manier, als sie an ihm vorbei nach drinnen gingen.
Pasoletti blieb stehen. Es war eine seiner Gewohnheiten, sich sofort einen Überblick zu verschaffen, um nicht fragen zu müssen. Fast ein Dutzend Polizeibeamte war auf den gesamten Kirchenraum verteilt und damit beschäftigt, diesen nach Spuren abzusuchen.
Nur flüchtig streiften Valentinas Augen die Säulen und Bögen. Ebenso kurz wanderten sie über die Fresken, welche die Wände schmückten. Schließlich blieben sie auf einem Körper haften, der vor dem Altar am Boden lag, halb verdeckt von einem Mann mit weißen Handschuhen, der daneben kniete.
Pasoletti machte sich auf den Weg. Valentina hatte Mühe, ihrem Chef zu folgen, der mit ungewohnt großen Schritten den Mittelgang durchmaß.
„Guten Morgen, Dottore. Sieht ganz danach aus, als hätte ein weiterer Patient Ihre Fürsorge nicht überlebt!“ Pasoletti verschwendete keine Zeit auf einen freundlichen Tonfall, geschweige denn auf ein Lächeln. Solche Ausdrucksformen hielt er für überflüssig, ebenso wie er keinen Sinn darin sah, die Leute, mit denen er sich unterhielt, beim Sprechen auch anzusehen. So blickten seine Augen konsequent an Cattaneo vorbei, als wäre der Dottore gar nicht vorhanden. Stattdessen verharrten sie auf dem Toten, der mit leicht angewinkelten Beinen auf der Seite lag. Sein Körper steckte in einem schwarzen Anzug, dessen dicker Stoff für diese Jahreszeit eher unüblich war.
„Eine männliche Leiche, etwa Ende Fünfzig bis Mitte Sechzig“, erklärte Cattaneo. Auch er vermied jeden Blickkontakt.
Der Commissario nickte stumm. Seit jenem Tag, an dem der Dottore an seiner Arbeit und genaugenommen auch an seiner Person offen Kritik geübt hatte, war der Gerichtsmediziner für ihn ein rotes Tuch.
Cattaneo blieb der Hass, der aus Pasolettis Augen blitzte, nicht verborgen: „Na, welche Boshaftigkeiten haben wir denn heute im Gepäck?“ fragte er spitz und sagte dann in einem sachlichen Ton: „Wir können ihn jetzt umdrehen. Fassen Sie mal mit an! Handschuhe finden sie in meiner Tasche.“
„Cipolla, das ist Ihre Aufgabe!“ Für einen winzigen Augenblick erschien auf Pasolettis Gesicht der Ausdruck tiefen Widerwillens. Eine Leiche zu berühren, kostete ihn immer wieder aufs Neue Überwindung. Um dem zu entgehen, unterstrich er seinen Befehl mit einer harschen Geste.
Schweigend zog Valentina die Handschuhe über und ging auf die Knie. Erst als der Tote auf dem Rücken lag, begab sich auch Pasoletti in die Hocke: schwerfällig und unter rasselndem Keuchen, was ihm Cattaneos belustigten Blick einbrachte. „Lange wird´s bei Ihnen vermutlich nicht mehr dauern!“
Pasoletti ging auf die Bemerkung nicht ein. Umständlich rückte er seine Brille zurecht, beugte sich dann vor und betrachtete das Gesicht des Manns. Selbst im Tod wirkte es noch schroff, ja abweisend. Eine lange Narbe zog sich von der rechten Schläfe über die Wange bis hinab zum Kinn. Die Haut war blass und zeigte keinerlei Farbe, ganz im Gegensatz zu den stahlblauen Augen, die blutunterlaufen und weit aufgerissen waren, als hätten sie im Augenblick des Todes etwas Schreckliches erblickt.
„Er wird dem Teufel höchstpersönlich begegnet sein“, sagte Pasoletti mit trockener Ironie und fügte leise hinzu: „Damit hätten wir bereits den Täter.“
Cattaneo nahm von Pasolettis Gerede keine Notiz. Routiniert suchte der Mediziner nach Verletzungen, besah sich den Hals von allen Seiten und wandte sich dann dem Kopf zu. Aber nirgendwo fanden sich Spuren einer gewaltsamen Einwirkung. „Nicht ein einziger Tropfen Blut“, sagte Cattaneo dumpf. Im Aufstehen streifte er die Handschuhe ab. „Mehr kann ich hier im Augenblick nicht tun.“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ging Cattaneo an Pasoletti vorbei und den Mittelgang hinunter. „Der Bericht?“, rief der Commissario ihm nach.
„Sie bekommen ihn gleich nach der Obduktion“, gab Cattaneo über die Schulter zurück. „Also frühestens morgen!“
„Morgen…“, knurrte Pasoletti und murmelte: „Als ob es bei diesem Fall viel zu schreiben gäbe. Was will dieser Quacksalber denn schon an Indizien finden? Ein Toter, der tot ist, dazu nicht ein winziger Tropfen vergossenen Blutes und offenbar auch keine sonstigen Verletzungen! Wozu also dieser blödsinnige Aufwand?“ Ein paar Sekunden blieb er stehen, als überlegte er, was er dem Dottore an Beleidigungen noch hinterher schleudern konnte. Aber es wollte ihm nichts einfallen. Wortlos quälte er sich erneut in die Hocke, um die Taschen des Toten zu durchsuchen. Aber in keiner fand er irgendein Dokument oder sonst einen Gegenstand, der Aufschluss über die Identität hätte geben können. Bei dem Gedanken an die Arbeit, welche die Identifizierung einer Leiche mit sich bringen konnte, seufzte Pasoletti leise. In der Hoffnung, vielleicht einen Ring zu finden, der etwas über seinen Träger verraten würde, überprüfte er die Hände des Toten. Doch der Mann besaß keinen. Schlecht gelaunt suchte Pasoletti die Arme des Toten ab. Auch Uhren konnten Informationen geben, sofern sie Prägungen besaßen oder sonstige Merkmale, die außergewöhnlich waren. Aber dieser Mann trug keine Uhr. Pasoletti knirschte leise mit den Zähnen. Warum mussten manche Tote es ihm bei der Klärung ihrer Identität nur so schwer machen? Pasoletti schob die Ärmel des Anzugs ein Stück weit zurück, um die des Hemds genauer betrachten zu können. Sie wurden von Manschettenknöpfen zusammengehalten, die aus mattem Gold waren. Der erste Knopf, den Pasoletti aus dem Hemdsärmel löste, war schlicht und ohne Auffälligkeiten. Ohne ihn länger zu betrachten, reichte er ihn schnell an Valentina weiter, die das Stück in ein Tütchen gleiten ließ.
Mit dem zweiten Manschettenknopf verfuhr Pasoletti in der gleichen Weise. So entging ihm das winzige Detail, das diesen von seinem Gegenstück unterschied. „Cipolla, jetzt sind Sie an der Reihe: erzählen Sie mir etwas über das Motiv dieses Manns.“ Pasolettis Augen blitzten listig, während sie Valentina fixierten. Obwohl sie sich mittlerweile bis in den Rang einer Vice Commissaria Aggiunta hochgearbeitet hatte, behandelte Pasoletti sie nach wie vor so, als sei sie in diesem Beruf noch immer eine blutige Anfängerin.
„Ein Motiv?“, fragte Valentina erstaunt.
„Ja, ein Motiv!“, nickte Pasoletti.
„Was soll ich sagen?“, fragte sie mit leiser Stimme und dachte in stiller Wut: Ich sollte besser fragen, was er überhaupt hören will und was nicht.
„Ich verstehe Sie nicht, Cipolla! Geht das Ganze denn nicht lauter? Immerhin ist Ihr zartes Mündchen zum Sprechen gedacht und nicht zum Flüstern!“
„Ich erkenne beim besten Willen noch kein Motiv. Dieser Mann dürfte eher ein Opfer denn ein Täter sein. Aber noch können wir keine genaueren Schlüsse ziehen.“ Valentina war bemüht, mit fester Stimme zu sprechen. Sie hasste die Angewohnheit des Commissarios, sie bei jeder Gelegenheit zu verunsichern und so Fehler zu provozieren, um diese anschließend noch über einen Zeitraum von Wochen oder gar Monaten zu kritisieren. „Wir wissen noch nicht, ob die Todesursache Fremdeinwirkung, Selbstmord oder ein natürlicher Tod war.“
„Das haben Sie schön gesagt, aber in diesem Fall: Sehen Sie sich den Mann doch einmal genauer an!“ Für einen winzigen Moment lächelte Pasoletti, doch genauso schnell wurde sein Gesicht wieder ernst: „Hier gibt es durchaus ein erkennbares Motiv! Ich will es Ihnen erklären: Ein Mann lässt sich in einer Kirche einsperren. Um nicht gleich als gewöhnlicher Dieb entlarvt zu werden, zieht er einen Anzug an. Er möchte ja seriös erscheinen, sollte ihn jemand überraschen. In seiner Aufregung aber erleidet er, weil er ja weiß, dass er etwas Verbotenes tut, einen Herzinfarkt. Ich glaube, wir sind der Lösung des Falls schon sehr nahe.“
„Ist diese Schlussfolgerung nicht etwas voreilig?“
„Voreilig?“, schnaubte Pasoletti wütend, sodass Valentina erschrocken einen Schritt zurückwich. „Die Sache ist klar!“ Wie konnte sich eine Polizistin wie Valentina, die viel zu jung war und dazu noch eine Frau, anmaßen, seine Ausführungen als voreilig zu bezeichnen. „Weiber“, knurrte er leise in sich hinein, um gleich darauf mit scharfer Stimme zu bellen: „Cipolla, ein so junges Ding wie Sie hat doch von nichts eine Ahnung. Sie halten sich für außergewöhnlich klug und sind vorlaut, aber eben nur das! Es wird noch viele Jahre, ja vielleicht sogar Jahrzehnte dauern, bis Sie verstehen, wovon ich spreche. Wenn Sie es überhaupt je einmal kapieren!“
Mit hochrotem Kopf stand Pasoletti auf. Seine fleischigen Lippen bebten vor Zorn. Das leise Klicken eines Fotoapparats in seiner Nähe lenkte ihn von Valentina ab, die spürte, dass er ihr gerne noch mehr Abfälligkeiten an den Kopf geworfen hätte. Stattdessen fand Pasoletti in dem Kriminaltechniker, der mit dem Rücken zu ihm hinter dem Altar stand, ein neues Opfer. „Die Fotos könnten längst fertig sein!“, blaffte er ihn an und fügte mit nicht minder unfreundlicher Stimme hinzu: „Ich habe heute meinen guten Tag - das ist Ihr Glück! Bis heute Nachmittag um drei Uhr sind die Aufnahmen auf meinem Schreibtisch. Und fünfzehn Abzüge vom Gesicht der Leiche.“
„Wird gemacht, Commissario“, gab der Mann gelassen zurück. Er kannte Pasoletti und seine Launen und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
Valentina lächelte still in sich hinein. Gerne hätte sie dem Mann ein Zeichen gegeben: Einen nach oben gereckten Daumen oder etwas in der Richtung, denn es war genau diese Art von Gelassenheit, die den Commissario innerlich zum Kochen brachte. Ohne dass er es selbst bemerkte, ballte Pasoletti die Hände zu Fäusten und entspannte sie sogleich wieder: Der untrügliche Beweis dafür, wie sehr er sich darüber ärgerte.
Valentina triumphierte. Ihre Augen folgten Pasoletti, als er jetzt langsam um den Altar herumging. Er spürte ihre Blicke nicht. Seine Aufmerksamkeit galt nur den Gegenständen, die dort auf dem Boden lagen, markiert von Kärtchen mit Zahlen.
„Wurde in der Kirche irgendetwas von seinem Platz entfernt?“, knurrte er den Polizisten an, der dort stand.
„Das muss noch geklärt werden. Der Pater hatte nach dem Fund der Leiche die Kirche sofort verlassen.“
„Und wo ist dieser Pater jetzt?“
„Unten in der Abtei.“
„Gehören diese Sachen zum Inventar der Basilika?“ Pasoletti wies mit einer Kopfbewegung auf vier goldene, mit Edelsteinen besetzte Metallfragmente, die über den Boden verstreut lagen.
Der Polizist zuckte mit den Schultern. „Das wissen wir noch nicht.“
Pasoletti nickte stumm. Eigentlich erschienen ihm diese Fragen nicht mehr wichtig. Nach seinem Dafürhalten galt es nur noch herauszufinden, wer dieser Tote war. Dass er sich in der Basilika hatte einschließen lassen, um Kunstschätze zu stehlen, stand für Pasoletti längst außer Zweifel.
Wie zuvor die Manschettenknöpfe, wanderten auch die vier Fragmente in Beutel, die Valentina ihm entgegenstreckte. Zu ihrer Erleichterung hatte sich Pasolettis Laune angesichts der Tatsache, dass es heute keine aus seiner Sicht ohnehin nur unnötigen Überstunden geben würde, fast schlagartig gebessert. Das Fußballspiel heute Abend war nicht mehr gefährdet. So also entspannte sich sein Gesicht, als er sich mit Valentina auf den Weg durch die Kirche machte, um den Tatort in seiner Gesamtheit zu inspizieren. Nur an einer Stelle im hinteren Teil des Kirchenraums entdeckten sie weitere Spuren. Anfangs wusste Pasoletti mit den Holzsplittern und den Fetzen aus alter Leinwand nichts anzufangen, die sich erst bei genauerem Hinsehen als die Reste eines kleinen Gemäldes entpuppten.
„Als ob ein wütendes Tier es mit seinen Krallen zerrissen hat“, bemerkte der Kriminaltechniker, der die Stücke fotografierte und dann beiseitetrat, um den Commissario vorzulassen.
Valentina wartete nicht auf eine Aufforderung. Sie kannte ihren Chef und wusste, dass er keine Ambitionen hegte, sich ein weiteres Mal körperlich zu ertüchtigen, um irgendwelche Reste eines Bildes vom Boden aufzulesen. So ging sie in die Hocke und hob auch noch seine Handschuhe auf, die er in der Zwischenzeit abgestreift hatte. Grinsend hatte er sie ihr genau in dem Moment vor die Füße geworfen, als sie im Begriff gewesen war, aufzustehen. „Unglaublich, was man da unten so alles findet!“
Valentina überhörte es. Wortlos, als sei nichts geschehen, erhob sie sich, zog ebenso stumm ihre Handschuhe aus und stopfte sie zusammen mit den anderen in eine ihrer Hosentaschen. Man strafte Pasoletti für Niederträchtigkeiten wie diese am ehesten, indem man sie einfach ignorierte.
Pasolettis Mundwinkel zuckten. Valentinas Gleichgültigkeit ärgerte ihn, ja ihre Selbstbeherrschung verlieh ihr sogar so etwas wie Überlegenheit. Verzweifelt suchte er nach einer Möglichkeit, sie zu provozieren. Doch so sehr er auch grübelte, es wollte ihm auf die Schnelle nichts einfallen. Resigniert beschloss er, zur Tagesordnung zurückzukehren. „Mal hören, was der Pater zu berichten weiß.“
Sie hielten auf die Tür zu und waren kaum ins Freie getreten, als ihnen zwei dunkel gekleidete Männer entgegenkamen, die einen grauen Zinksarg trugen. Ein belustigtes, durchaus fieses Lächeln huschte über Pasolettis Gesicht. Es war nicht schwer zu erraten, dass er an die vielen Treppen dachte.
Ein Kloster in den Pyrenäen
Einen Kilometer von der Abtei entfernt hatte der Wagen auf Lucia gewartet. Wortlos war sie eingestiegen. Während der Fahrt hatte sie ihre nassen Sachen gegen die trockenen getauscht, die auf dem Sitz neben ihr bereitgelegen hatten. Die neugierigen Augen des Fahrers im Rückspiegel waren jeder ihrer Bewegungen gefolgt. Lucia hatte seine Blicke als unangenehm empfunden. Gerne hätte sie den Mann in seine Schranken gewiesen, aber das Verbot, mit ihm zu sprechen, hatte sie davon abgehalten.
Der Wagen hatte sie nach Mailand gebracht, von wo aus sie am späten Vormittag nach Barcelona geflogen war. Erst in der Nacht, nach einer stundenlangen Autofahrt durch die einsame Bergwelt der Pyrenäen, an die sich ein anstrengender Ritt auf einem Maultier angeschlossen hatte, war Lucia im Kloster angekommen. Leise, wie die Regeln es verlangten, war sie in ihre Zelle gegangen. Behutsam hatte sie hinter sich die Tür geschlossen und war vor dem Kreuz in der kleinen Gebetsnische auf die Knie gesunken. Mit Freude hatte sie das Gebet gesprochen. Die Müdigkeit war mächtig gewesen – genau aus diesem Grund hatte Lucia beschlossen, die Nacht über wach zu bleiben. Ist der Kampf gegen den Schlaf nicht auch eine Form der Buße? Nach dem Gebet hatte sie die weltliche Kleidung abgelegt und das Ordensgewand übergezogen: die bodenlange, dunkelgraue Tunika und darüber das dunkelrote Skapulier - einen ärmellosen, an den Seiten offenen Überwurf. Auf ihm prangte auf Höhe des Herzens ein blaues, nicht sonderlich großes Kreuz. Die Enden hatten die Form von Lilienblüten und seine Oberfläche zeigte ein filigranes Muster aus einzelnen Fäden, die miteinander verflochten waren. In seinem Zentrum war ein kleines, rotes V zu erkennen, das auf halber Höhe von einem nach unten hin offenem Halbkreis durchschnitten wurde. Schon oft hatte Lucia über dieses Symbol gegrübelt, doch wollte sich seine Bedeutung ihr auch heute nicht offenbaren.
Lucia trat vor den Spiegel, der über dem Waschtisch hing. Seinem Zustand nach musste er uralt sein. Die Oberfläche war an manchen Stellen stumpf und ein langer Sprung zog sich in einem sanften Bogen von oben links nach unten rechts. Der Spiegel war nicht sonderlich groß und eigentlich der einzige Luxus, den die strengen Regeln des Ordens den Nonnen zugestanden. Folglich konnte es in den Augen des Herrn keine Sünde sein, sich selbst zu betrachten. Zwei wache, fast schwarze Augen blickten Lucia entgegen. Aufmerksam studierte sie ihr Gesicht, das bis auf ein kleines, sichelförmiges Muttermal unter dem rechten Auge makellos war. Zärtlich glitten ihre Hände durch die schwarzen Haare. Als einzige der Nonnen war es ihr erlaubt, ja sogar befohlen, sie lang zu lassen. Plötzlich aber hielt sie inne, als hätte sie sich bei etwas Verbotenem ertappt. Umso hastiger begann sie dann, ihre Haare in einzelne Bündel zu ordnen, um sie anschließend zu einem Zopf zu flechten. Als sie damit fertig war, band sie ihn hoch, sodass er als Kranz auf ihrem Kopf zu liegen kam. Danach zog sie das dunkelgraue Schultertuch über, das Kopf und Nacken bedeckte. Darüber kam der Velan, ein ebenfalls grauer Schleier, der sich, gleich einer breiten Haube, bis über die Schultern wölbte.
Ein letztes Mal sah Lucia in den Spiegel, bevor sie sich abwandte. Wie jedes Mal, wenn sie ihren Habit angelegt hatte, wollte sie noch einmal beten. Aber es gelang ihr nicht, sich zu konzentrieren. Die Bilder der vergangenen Nacht wollten nicht aus ihren Gedanken weichen. Versteckt in einer Seitenkapelle der Basilika hatte sie gewartet, bis der Fremde sein ketzerisches Ritual begonnen hatte. Wie aus dem Nichts war eine blaue Kugel erschienen und über dem Altar geschwebt. Schnell hatte sie den Kirchenraum in ein gleißendes Licht getaucht. Fast gleichzeitig war draußen ein Gewitter losgebrochen. Die Donnerschläge hatten die Mauern der Basilika erzittern lassen. Für Lucia gab es keinen Zweifel, dass Gott selbst das Urteil über den Fremden gesprochen hatte: Aus einem nicht ersichtlichen Grund war der Mann plötzlich zusammengebrochen und hatte sich für Sekunden am Boden gekrümmt. Schnell waren seine Bewegungen dann erschlafft.
Lucia war nach vorn zum Altar geeilt und hatte seinem Tod mit kalten Augen beigewohnt. Niemals würde sie für einen Feind Gottes Mitleid empfinden! Wie es ihr aufgetragen worden war, hatte sie alle Kerzen, die Kieselsteine, die Figur eines Bocks und eine Tierklaue an sich genommen. Das Kreuz und das Bildnis des heiligen Michael aber hatte sie zerstört. Sie waren durch die ketzerische Zeremonie entweiht worden. Anschließend hatte sie sich auf den Rückweg gemacht. Die Schlüssel, die man ihr gegeben hatte, hatten ihr auf dem Weg nach draußen alle Türen geöffnet, die in der Nacht für gewöhnlich verschlossen waren.
Ein Lächeln huschte über Lucias Lippen. Wie würde die Polizei die Spuren deuten?
Turin: In der Questura
Niccoló Pasoletti nahm eine Zigarette aus der Schachtel, zündete sie an und zog genussvoll daran. Sein Gesicht verriet Zufriedenheit. Das Ergebnis der Obduktion hatte seine Vermutung bestätigt. Auch die Identifizierung des Toten hatte sich entgegen allen Befürchtungen unerwartet leicht gestaltet: Aus einem Instinkt heraus hatte Pasoletti die Fotos an die Pressestelle des Vatikans geschickt und damit genau ins Schwarze getroffen. Rom hatte sich bestürzt über den Tod des Kardinals gezeigt, gleichzeitig aber darum gebeten, diese durchaus delikate Angelegenheit diskret zu behandeln. Pasoletti hatte mit Gleichgültigkeit reagiert. Für ihn war der Fall abgeschlossen. „Warum die ganze Aufregung?“, knurrte er und angelte nach der nächsten Zigarette. Leise sagte er dann: „In ein paar Monaten wird sowieso kein Mensch mehr darüber reden.“
Pasoletti sollte recht behalten: Der Fall des Kardinals geriet schnell in Vergessenheit. Der Vatikan hatte alles darangesetzt, die Sache nicht öffentlich werden zu lassen. Den Patres der Abtei war mit unmissverständlicher Deutlichkeit nahegelegt worden, über den Vorfall zu schweigen. Die Presse schließlich hatte man mit der Information abgespeist, der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Holger Kardinal Lenstorf, sei an einem Herzinfarkt gestorben. Schon seit geraumer Zeit habe er an einer Herzschwäche gelitten.
Italien: Ischia
„Die Idee ist einfach nur aberwitzig. Dass einmal im Jahr ein fremdes Schiff erschienen ist, muss nichts zu bedeuten haben. Zumal es darüber keine genauen Berichte gibt: weder über die Größe noch über das Aussehen. Okay, es war schwarz: In der Dämmerung jedoch oder bei Nacht sind alle Schiffe schwarz! Es könnten auch Fischer gewesen sein, die einer bestimmten Spezies von Meerestieren nachstellten, die dort nur zu einer bestimmten Zeit im Jahr zu finden war. Auch ist nirgendwo im Text von einer Insel die Rede. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dort irgendwo ein Schatz versteckt sein könnte.“ Maurice Duparet schnaubte leise und sah seinen Freund zweifelnd an. „Vincenzo, ich habe den Eindruck, du träumst zu viel. Archäologie und Fantasie vermischen sich in deinem Kopf zu verrückten Ideen, die mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun haben.“ Maurice senkte den Blick und starrte auf seine Hände, die auf dem Tisch ruhten. Sie trugen die unverkennbaren Spuren harter, körperlicher Arbeit: Die Handrücken waren rau und von Schrammen übersät - die Blasen an den Innenflächen spürte er schon gar nicht mehr. „Ist das die ganze Mühe wert?“
Vincenzo hob den Kopf. „Du brennst doch genauso auf einen Erfolg wie ich“, sagte er und sah Maurice lange an, als wartete er auf die Bestätigung für das, was er gerade behauptet hatte. Das Gesicht seines Freundes aber, welches von langen, schwarzen Koteletten umrahmt war, die in einen ebenso schwarzen Vollbart übergingen, blieb unbeweglich. „Das bringt doch nichts, Vincenzo. Seit Jahren hetzen wir durch halb Europa: Es scheint keinen Ort zu geben, an dem du nicht einen versteckten Schatz vermutest. Dabei stützt du dich auf Aufzeichnungen, die irgendein Mensch irgendwann einmal gemacht hat. Aber nirgendwo haben wir etwas gefunden, was auch nur annähernd von Bedeutung war: Eine Handvoll Münzen, bemerkenswert schlecht erhalten und einige winzig kleine Tonscherben. Gut, für dich als Archäologe mag das vielleicht von Wert gewesen sein. Aber nichts von dem ganzen Ramsch konnten wir zu Geld machen.“
„Darum geht es doch gar nicht“, erwiderte Vincenzo ruhig.
„Worum dann?“, brauste Maurice auf. „Ums Bekanntwerden? Oder um bloßen Idealismus? Nun sag´ schon!“
Vincenzo zuckte hilflos mit den Schultern. Wie oft hatte er versucht, Maurice den Sinn seiner Expeditionen, wie er diese Unternehmungen nannte, nahe zu bringen? Alle Versuche waren bisher gescheitert, was vermutlich daran lag, dass Maurice Wirtschaftswissenschaften studiert hatte. Er bewertete die Dinge anders und dachte nur in Zahlen. Für alles verlangte er handfeste Fakten. Vincenzo hingegen fällte die meisten Entscheidungen aus dem Bauch heraus - trotz zahlloser Irrtümer, was ihm so manchen Streit mit Maurice eingebracht hatte. Vincenzo seufzte leise. Er hielt Maurices forderndem Blick nicht länger stand und sah zur Seite.
Vincenzos Schweigen weckte in Maurice leisen Zorn. Wie so oft wirkte Vincenzo in sich gekehrt. Träumt er etwa schon wieder von großen Entdeckungen? Maurice schäumte innerlich vor Wut. „Ich habe dir Geld geliehen, Vincenzo“, zischte er und sagte laut: „Und das nicht nur einmal.“
„Wir sind keine Schatzjäger“, entgegnete Vincenzo.
„Nein, das sind wir wahrhaftig nicht“, gab Maurice zurück und sagte: „Schatzjäger sind Menschen, die überlegt vorgehen, also Menschen, die den Wahrheitsgehalt von Berichten prüfen, bevor sie etwas unternehmen oder gar Geld investieren. Du aber machst genau das Gegenteil: Jeder noch so irrwitzigen Erzählung wird ohne Vorbehalte geglaubt. Ich denke da nur an den Wunderheiler in Burgund: Hatte er nicht die wirren Sätze eines Kranken zu Papier gebracht, der im Fieber fantasierte. Von dem angeblichen Silberschatz, den du daraufhin zu finden hofftest, existierte nicht mal das Gefäß. Die ganze Geschichte war nur erfunden! Vermutlich hat dieser Quacksalber damals geahnt, dass rund vierhundert Jahre später zwei Idioten wie wir daherkommen, um seinen Spinnereien auf den Leim zu gehen. Ich glaube, er hätte sich kaputtgelacht, wenn er uns bei unseren Nachforschungen im Wald bei Dijon gesehen hätte…“ Maurice verstummte abrupt. Die Kellnerin war an den Tisch getreten, in den Händen zwei große Teller, die von noch größeren Pizzen bedeckt waren. „Pizza Margherita?“
„Für meine Wenigkeit“, lächelte Vincenzo und schob sein Besteck ein Stück weit auseinander, um zu verhindern, dass es unter dem riesigen Teller begraben wurde. Maurice folgte seinem Beispiel: Kaum eine Sekunde später wurde der Teller mit einer schwungvollen Bewegung vor ihn hingestellt. Gespannt beugte sich Maurice darüber und sog den betörenden Duft in seine Nase. „Na, das ist doch `was“, sagte er freudig.
„Buon appetito!“, sagte die junge Frau mit einem entwaffnenden Lächeln, das mit einem kecken Nicken einherging. Sie lenkte die beiden Männer von ihrer Diskussion ab. Wie zufällig streifte ihre Hand Vincenzos Arm, bevor sie kehrt machte und sich mit aufreizend schwingenden Hüften entfernte.
Interessiert sahen sie der attraktiven Frau hinterher, bis sie in der Tür zur Küche verschwunden war. Ohne es selbst zu bemerken, war Vincenzo rot geworden - wie jedes Mal, wenn ihn eine Frau mit mehr als nur flüchtiger Aufmerksamkeit bedachte. Er war sich durchaus bewusst, dass seine Schüchternheit im krassen Gegensatz zu seinem Aussehen stand: Vincenzo war groß und muskulös - eine sportliche Erscheinung, zu der das eher runde Gesicht mit den kurzgeschorenen, schwarzen Haaren und dem Dreitagebart, der auf Wangen und Kinn spross, nicht so recht passen wollte. Rasch fing er sich wieder: Hatten sie nicht eine Vereinbarung getroffen? „Keine Weibergeschichten“, hörte er Maurice in Gedanken sagen. Er warf den Kopf in den Nacken und sah seinen Freund herausfordernd an: „Ob du es glaubst oder nicht: Diese Burg birgt ein Geheimnis!“ Kurzerhand hatte er beschlossen, seinem Freund mit trotziger Hartnäckigkeit zu widersprechen.
„Nein, Vincenzo“, entgegnete Maurice nicht minder trotzig und schüttelte energisch den Kopf. Er überlegte kurz, dann sagte er mit versöhnlicher Stimme: „Vincenzo, wach´ endlich auf! Die Schriften, die du wo auch immer findest, verdienen es nicht, dass man ihretwegen Zeit oder gar Geld vergeudet. Kein Historiker misst ihrem Inhalt auch nur die geringste Bedeutung bei. Also hör´ endlich auf mit deinen Träumereien und gib´ uns nicht länger der Lächerlichkeit preis! Es wird Zeit, dass du wieder an einem offiziellen Projekt mitarbeitest. Deine Eigenmächtigkeiten treiben dich allmählich in den Wahnsinn und mich in den finanziellen Ruin!“
„Nein, so schlimm ist es nicht“, wiegelte Vincenzo ab und fügte hinzu: „Du malst wiedermal alles viel zu schwarz.“ Der Italiener mit den dunklen Augen, in denen trotz aller Sanftheit ein Feuer von Entschlossenheit brannte, wagte ein versöhnliches Lächeln, so als wollte er sich bei Maurice für das entschuldigen, was er ihm in den letzten Monaten zugemutet hatte: Sie waren durch zahllose Städte gereist, hatten in Bibliotheken und Kirchenarchiven gestöbert und waren bei ihrer Suche auf Berichte gestoßen, die Vincenzos Neugier geweckt hatten. Jedes Mal waren er und Maurice dann losgezogen, um in alten Ruinen zu stöbern oder in Wäldern zu graben. Genauso oft aber hatten sich diese Berichte als übertrieben oder sogar gänzlich unwahr herausgestellt. Vincenzos Ehrgeiz machte vor nichts Halt. Es war die Hoffnung auf einen Erfolg, die ihn immer wieder aufs Neue antrieb. „Nicht alle diese Berichte haben die Aufmerksamkeit erhalten, die sie eigentlich verdienen.“ Vincenzo sprach jetzt sehr leise. Trotzdem hörte Maurice den zornigen Unterton, der in seiner Stimme schwang und sie schnell wieder lauter werden ließ: „Vieles, was eigentlich von Bedeutung ist, wurde in der Vergangenheit von Professoren und Doktoren - und mit welchen Titeln sich diese überheblichen Leute noch schmücken - nicht erkannt oder einfach übersehen. Diese Leute sind einfach zu verblendet und haben den Blick für das Außergewöhnliche verloren.“
„Und zu derart Außergewöhnlichem zählt in deinen Augen auch die Burg“, sagte Maurice undeutlich, bemerkte aber trotzdem nicht, dass er dabei mit vollem Mund sprach.
