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Die Bürokauffrau Carmen Strewe wird nach dem Tod ihres Gatten Heiko mit obskuren Spukgestalten konfrontiert. Geister von Verstorbenen tauchen in ihrem Leben auf, fremdartige Wesen erscheinen in ihren Träumen. Heiko Strewe versucht, Kontakt mit seiner geliebten Frau aufzunehmen. Doch sie reagiert nicht auf seine übersinnlichen Botschaften, stürzt stattdessen noch tiefer in den Strudel unerklärlicher und gefährlicher Phänomene. Die dramatischen Ereignisse ziehen Carmen in einen magischen Bann, in dessen Verlauf sie eine völlig abstrakte Realität erlebt. Sie beginnt an ihrem Verstand zu zweifeln und vertraut sich einem Bekannten an, der ihr einen erfahrenen Psychologen empfiehlt. Dieser erkennt, dass ihre Schilderungen nicht auf Einbildung oder Halluzination beruhen, sondern real sind. Gemeinsam versuchen alle drei, den Ursachen auf den Grund zu gehen und setzen sich lebensbedrohlichen Situationen aus. Sind all diese ominösen Willenslenkungen nur als Folge durch den unerwarteten Tod ihres Gatten entstanden oder steckt mehr dahinter? Am Ende kommt es zu verblüffenden Ergebnissen.
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Seitenzahl: 419
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Horst Fesseler
Das Böse wartet schon
Roman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
KAPITEL I
KAPITEL II
KAPITEL III
KAPITEL IV
KAPITEL V
KAPITEL VI
KAPITEL VII
KAPITEL VIII
Impressum neobooks
Dünne, weißgraue Nebelschwaden kündeten an diesem milden frühmorgendlichen Septembertag von dem bevorstehenden Herbst, der unaufhaltsam näher rückte. Der Spätsommer hatte sich in den vergangenen Wochen noch einmal von seiner wunderschönen und sonnigen Seite gezeigt. Die Temperaturen waren teilweise bis auf 25 Grad angestiegen, als wollten sie den Sommer nicht weichen lassen. Aber durch die stetig kürzer werdenden Tage wurde man sich der zu Ende gehenden warmen Jahreszeit deutlich bewusst. Ein leichter Wind blies die ersten verwelkten Blätter von den Ästen der Bäume und Sträucher.
Matt und mit blassem Schein versuchte die gerade aufgehende Sonne den letzten Dunst des feuchten Frühnebels zu vertreiben, um noch einmal mit voller Energie ihre ungebrochene Kraft und Stärke zu demonstrieren. Das Zwitschern vereinzelter Vögel erinnerte an eine harmonische und wohltuende Ausgewogenheit. Es machte Spaß, diesen Tag zu genießen.
Regungslos lag Heiko Strewe auf dem mit einem weißen Laken überzogenen Bett in einem verschlossenen Zimmer der Nervenklinik von Grewelsmühlen. Einsam und allein. Niemand sah nach ihm. Heiko hielt die Augen geschlossen, schlief tief und fest, kaum spürbar war sein Atem. Auch die schon bald durch das halb geöffnete Fenster hereinfallenden Strahlen der hinter den flachen Hügeln am Horizont aufgehenden, mittlerweile rotgelb leuchtenden Sonne vermochten nicht ihn zu wecken.
Doch dann, nach einer Weile, entwich plötzlich etwas aus Heikos Leib, unsichtbar für jedes Auge, und schwebte lautlos durch den kleinen sterilen Raum. Es war seine Seele, die gerade den leblos gewordenen Körper verließ. Heiko Strewe fühlte sich erleichtert und frei, glücklich und zutiefst zufrieden, erlöst von allen Sorgen und Problemen, die ihn in letzter Zeit so sehr bedrückt hatten.
Weit unter sich sah er einen leeren und starren Körper auf dem Bett liegen, friedlich, die Augen geschlossen haltend. Heiko schaute genauer hin. Es war sein eigener! Was, um alles in der Welt, war geschehen? In welcher Lage befand sich Heiko nur? So ein Gefühl hatte er noch nie empfunden. Heiko wollte etwas sagen, doch kein Wort kam über seine ausgetrockneten Lippen, sosehr er sich auch anstrengte. Langsam schwebte er nach unten und versuchte, den schlafenden Leib zu berühren, tippte mit den Fingern danach. Eine unsichtbare Wand trennte ihn davon.
Heiko verspürte keinerlei Furcht oder Panik. Ganz im Gegenteil. Es ist ja nur ein Traum, ein sehr eigenartiger, jedoch auch ein sehr schöner und angenehmer Traum, überlegte er. Ein Traum vom Fliegen, wie er ihn schon oft im Leben hatte. Schade, bald würde er daraus erwachen. Dann würde alles wieder ganz normal sein, wie sonst auch, grübelte Heiko.
Aber es war kein Traum, es gab auch kein Erwachen daraus. Heiko war tot! Jetzt, wo er seine sterbliche Hülle auf dem Bett liegen sah, wurde ihm dies definitiv bewusst. Er akzeptierte es. Ihm war untrüglich klar, dass damit alle Verbindungen zu jenen, denen er sich bisher so verbunden gefühlt hatte, endgültig und unwiederbringlich zerbrochen waren, dass es keinen Kontakt zu seinem bisherigen Leben geben würde, und eine tiefe, unüberwindliche Kluft dazwischen liegen würde.
Aber war es tatsächlich so? Sollte er aus seiner gewohnten Umgebung herausgerissen worden sein, war jetzt mit einem Mal alles vorbei? War er von nun an getrennt von der vertrauten Wirklichkeit? Es gab doch noch so viel zu erledigen. Das alles war allerdings ab diesem Augenblick ohne Bedeutung, es zählte überhaupt nicht mehr. Bevor sich Heiko weitere Gedanken darüber machen konnte, fühlte er ganz deutlich, wie sein Geist sich von den Lebenden und ihrer realen Welt distanzierte. Er war keiner mehr von ihnen, gehörte nicht mehr dazu.
Wieder schaute er auf seinen leblosen Körper herab. Ein wenig tat er ihm leid. Wenn doch jetzt nur irgendjemand ins Zimmer käme. Ein Krankenpfleger, der Arzt oder Carmen, seine geliebte Frau. Wo steckten sie nur? Sonst hatten sie doch immer nach ihm geschaut. Bald musste Werner, sein Pfleger, das Frühstück bringen. Zeit dafür wurde es ja. Werner würde sofort feststellen, dass er tot war. Dann könnte man ihn vielleicht zurückholen zu den Lebenden. Noch schwebte sein Geist ja durch diesen Raum, noch war es nicht zu spät, ihm wenigstens die Gelegenheit zu geben, sich für immer von seinen Lieben zu verabschieden. Heiko sank näher zu seinem Körper. Er fühlte die Wärme, die von ihm ausstrahlte. Und die war gleichbedeutend mit Leben.
Doch er konnte einfach nicht zurück in seinen reglos daliegenden Leib. Eine unbekannte Macht hielt ihn davon ab, eine unsichtbare Wand war dazwischen. Sie verschloss mit undurchdringlichen Strahlen den Weg zurück in das Reich der Lebenden. Nur ein Mensch könnte – als Medium dienend – diese Tür wieder öffnen. Viel Zeit blieb also nicht mehr.
Ein heißer Strahl durchzuckte Heiko, der den für andere unsichtbaren, dünnen, glitzernden Silberfaden zwischen seinem Geist, seiner Seele und seinem Körper endgültig zertrennte. Nun wusste er, dass die Verbindung unabänderlich zerrissen war und es keinen Weg mehr zu den Lebenden gab.
Heiko versuchte sich zu orientieren. Er musste weg von hier, weg von diesem Ort der Kälte und des Unbehagens. Das fühlte er jetzt allzu deutlich. Hier gehörte er nicht hin. Eine innere Eingebung sagte ihm, dass die alte und vertraute Welt um ihn herum nicht für ihn geschaffen und bestimmt war.
Da kam er auch schon: Werner, pfeifend und frohgelaunt wie immer. Er stellte das Tablett mit dem Frühstück auf den Tisch neben dem Fenster, zog die Gardine zurück, ließ die Sonnenstrahlen voll herein. Werner sagte irgendetwas zu Heiko. Er hörte seine vertraute Stimme, verstand aber nicht die Worte. Sie bedeuteten ihm auch nichts. Dann sah Heiko, wie der Pfleger seinen leblosen Körper rüttelte und anschließend aufgeregt und nach dem Arzt rufend hinausrannte. Heiko beobachtete es mit einer gelassenen Gleichgültigkeit, es berührte ihn nicht.
Ein heller Schleier legte sich jetzt um seine Seele, angefüllt von blendendem Licht, das langsam erlosch. Was blieb, war die Dunkelheit. Doch von irgendwoher kam das Funkeln eines schwachen Sterns. Dorthin wollte Heiko. Er ließ sich treiben wie eine Wolke. Durch ein enges gewundenes Rohr schwebte seine Seele dahin, hinein in einen nebelhaften Schleier, der sich allmählich lichtete und den Blick freigab. In dem Rohr hingen unzählige bunte Bilder, die wie Neon aus der Dunkelheit hervorleuchteten. Als Heiko sie genauer ansah, erkannte er in ihnen sein vergangenes Leben. Noch einmal liefen all seine Erlebnisse vor ihm ab, glückliche und traurige Momente, angefangen vom Augenblick seiner Geburt. Wenig später folgten die Schulzeit, seine erste große Liebe, das Berufsleben, die Heirat mit Carmen und all die wundervollen Jahre mit ihr gemeinsam. Heiko schaute sich all die Bilder schweigend an. Sie zählten jetzt nicht mehr, waren in diesem Moment unwichtig geworden. Allein das überirdische Licht am anderen Ende des Tunnels zog Heiko magisch an. Er konnte nicht dagegen angehen, wollte es auch nicht. Jetzt verlangte er nach diesem hellen Schein.
Unaufhaltsam trieb er weiter, gleitete schwerelos vorwärts. Das Licht wurde immer größer und größer, heller und leuchtender, kräftiger in den Farben. Schließlich hüllte es Heiko vollkommen ein. Er spürte die Wärme und die angenehme Ruhe, die von dort ausstrahlten, die wohltuende Entspannung, welche ihn plötzlich durchflutete. Es war, als würde er mit seinen Händen, seinem ganzen Körper diesen wundervollen Anblick umarmen, in ihm aufgehen, verschmelzen mit der Ewigkeit.
Plötzlich spürte Heiko, dass er ein Teil davon war, wie ein klarer Wassertropfen in der Masse, ein winziger Partikel der elementaren Kräfte. Vollkommen eins mit allem. Und er empfand es einfach als grandios. Er kam sich in der Unendlichkeit so unscheinbar und bedeutungslos vor und sah sich dennoch als ein wichtiger Bestandteil, der dieses Gebilde zusammenhielt. Ein nie gekanntes Glücksgefühl der Befriedigung durchflutete ihn. Keine belastenden Gedanken, keine Probleme, keine Sorgen und Nöte bedrückten ihn. Es war, um es mit einfachen Worten auszudrücken, prächtig und unvergleichlich harmonisch. Dieses angenehme Licht, dieser liebliche Schein, begünstigte ihn noch in seinen Empfindungen.
Heiko schaute sich nach allen Seiten um, genoss mit voller Hingabe den wundervollen Anblick. Es gab hier kein Unten und kein Oben, kein Rechts und kein Links. Zeit- und raumlos befand er sich inmitten einer ihm absolut neuen, unbekannten Dimension. Sie hatte nicht im Geringsten mit der bisherigen zu tun.
Heiko brauchte keinen organischen Körper, ein solcher war hier vollkommen überflüssig. Er kam auch ohne ihn zurecht und konnte sich so bedeutend freier und ungezwungener bewegen. Das machte ihn viel empfänglicher für die Impulse der elementaren Energien und der ihn umgebenden hellen Strahlen, deren Ursprung nicht auszumachen war. Bunte Lichtpunkte in schillernden Farben kreisten um ihn. Sie hüllten ihn ein, als wollten sie neue Lebenskraft spenden. Heiko verharrte für einen Augenblick. Wie lange, wusste er nicht. Er labte sich an diesem Anblick und genoss die tiefe unsagbare Freude und Zufriedenheit.
Irgendwelche unbekannten Geräusche klangen an sein Ohr. Sie ließen sich nicht genau definieren. Auf jeden Fall wirkten sie beruhigend und wohltuend. Mit einem Mal gab es nun keine Erinnerungen mehr an die Vergangenheit, keine Gedanken an die Zukunft. Nur der Moment des Erlebens zählte jetzt. Und der sollte niemals vergehen ... Heiko schwebte wie auf dünnen Nebelschwaden dahin. Er ließ es sich gefallen, es war wunderschön.
Die ihn umgebenden farbenprächtigen Lichtblitze stellten dynamische Gedanken von unvergänglichen Seelen dar, die ihm die Reinheit und Entzückung der Ewigkeit verkündeten. Wie ein offenes Buch offenbarten sie sich Heiko. Und er erkannte darin all das Wirken und Leben längst vergangener Geschöpfe.
Heiko trieb weiter durch einen Strom der Schwerelosigkeit. Er fühlte sich geborgen und behütet von einer angenehmen Macht, die jetzt kraftvoll auf ihn einwirkte. Sie nahm ihm die Furcht vor dem Ungewissen und steigerte seine Neugierde. Er wollte wissen, was ihn erwartete.
Plötzlich kamen Heiko dünne, wie Silberstreifen wirkende Lichtschwaden entgegen. Ihr Glanz faszinierte ihn. Das waren die Seelen von Verstorbenen, die Heiko im Leben nahe gestanden hatten. Und er erkannte viele vertraute Gesichter darunter. Eine vertrauenerweckende und freundliche Gestalt kam aus dem Nichts hervor.
Sie sprach zu Heiko: „Erkennst du mich? Ich bin es, deine Mutter, die vor vielen Jahren von dir gegangen ist. Und hier finden wir uns wieder vereint.“
„Ja, du bist es wirklich und hast dich nicht verändert“, entgegnete Heiko würdevoll und spürte eine unsagbare Freude in sich aufsteigen, „aber wie ist das möglich?“
„Du bist noch an der Schwelle zum Jenseits, am Scheidepunkt zwischen den Toten und den Lebenden, an der Pforte in das Reich der Seelen und des unvergänglichen Geistes. Noch musst du diese Hürde überwinden. Wenn du wirklich in deinem Innersten reif dafür bist, wird es dir gelingen und die Barriere wird sich für dich öffnen. Ich aber bin dein Wächter und dein Medium, damit du in die wundervolle Ewigkeit hinübergelangen kannst, denn du hast mich mit deinen Gedanken und Gefühlen ausgewählt. Ich bin gekommen, dir den Weg zu weisen. Bist du also bereit, den Schritt zu wagen?“
Heiko nickte und antwortete gelassen: „Ja, Mutter, ich bin es, mit all meinen Gefühlen und Empfindungen. Mit meinem Geist, mit meinen Gedanken. Und meine Sehnsucht verlangt danach. Ich will diesen Schritt in das Ewige und Unvergängliche wagen.“
Eine fremde Stimme sprach jetzt zu Heiko: „Erkennst du den Geist, der dir gegenübersteht? Siehst du all die anderen Wesen rings um dich? Schau dich um, Heiko!“
Das Bild seiner Mutter war plötzlich verschwunden. Ein Meer von glitzernden Punkten umgab Heiko, das Wärme und Geborgenheit ausstrahlte. Und mitten heraus formte sich ein gleißendes Licht wie eine pulsierende Kugel. Heiko empfand eine angenehme und unbekannte Kraft tief in sich hineinströmen, wurde gewahr, wie das Licht ihn ausfüllte. Er spürte die gewaltigen und wohltuenden Energien des gesamten Universums durch seinen Geist sprudeln und genoss diesen wundervollen Augenblick.
„Ja!“, rief Heiko. „Ich erkenne ihn, diesen Geist. Er ist so, wie er mir in meinen Träumen stets vorschwebte, wie ich ihn schuf und wie ich ihn mir ausdachte. Genau nach meinem Willen. Gleiches gilt auch für die anderen Seelen, die sich bei ihm befinden. Denn sie sind ein Produkt meiner geistigen Kraft, meiner Energien. Und nur in meiner Vorstellung sind all diese Erscheinungen real. Aber in Wirklichkeit sind es nur die Gedanken, die sich zu einem Bild formen und mir Gestalten aus meinem Leben offenbaren. Es ist die Welt, die ich mir geschaffen habe. Jetzt in diesem Augenblick in der Dimension einer Überzeit, fernab von Zeit und Raum. Hinter dem Horizont meines vergangenen Lebens.“
Einer der funkelnden Punkte antwortete ihm mit leiser Stimme: „So ist es! Denn was hier geschieht, was du erlebst, ist nicht vergleichbar mit der irdischen Wirklichkeit. Viele unserer Seelen leben bereits in einem anderen Körper, sind hinübergegangen in eine Dimension des materiellen Seins. Für den Bruchteil einer Sekunde, im Pulsschlag des Universums, erfahren wir gemeinsam eine Realität, die in kein Zeitgefüge passt. Wir alle, die wir dir erschienen sind, bilden einen Teil deiner Fantasie als identisches Abbild eines unnachahmlichen Originals. Verbunden durch elektrische Impulse des endlos weiten Universums und von den statischen Wogen der Ewigkeit zusammengehalten.
Du wirst nun bald aus deinem geistigen Traum hinaus in die Wirklichkeit des Reichs aller Seelen gehen. Dorthin, wo die Gedanken wie unsichtbare Wellen dahinströmen. Und du wirst sie sehen. Du wirst sie erkennen und deuten. Dort, wo der Geist in dir gedeihen kann.
Lass dich treiben in dem Strom der Elemente, mein Freund. Wehre dich nicht dagegen. Denn von nun an bist du ein Teil des Universums. Unvergänglich, unsterblich, rein wie der Geist der Erkenntnis. Klar und unverdorben, unbefleckt. Der Geist wird dich erleuchten und führen.“
Heiko bewunderte den ihn umgebenden Glanz, all die bunten Lichtpunkte, das Leuchten der vielen wunderschönen Sterne mitten in der Helligkeit. Ringsum erstrahlte Licht, das ihn durchflutete und ihm Kraft spendete. Langsam trieb er in diesem Strom dahin.
Neue und vielfältige Gestalten tauchten vor ihm auf, Erscheinungen unbekannter Wesen. Friedlich umringten sie ihn, spendeten wohltuende Wärme, sprachen irgendwelche Worte, die Heiko aber nicht verstand.
Die fremden Wesen geleiteten ihn zu einem dunklen Loch, mitten in dem nebelhaften Gebilde, in das er nun eintrat. Dort machten sie Halt und schoben Heiko behutsam und still bis zum Rand vor. Er verspürte keinerlei Furcht dabei. Im Gegenteil. Eine große Erleichterung überkam ihn, obwohl er noch nicht wusste, was ihn erwartete.
Wenig später sah Heiko den strahlenden Kranz, der sich um die dunkle Öffnung legte. In dem Kranz erkannte er eine Unzahl bunter Farben, die wie bei einem Kaleidoskop ineinander zu fließen schienen. Es waren Farben mit leuchtendem Glanz, noch viel prächtiger, als er es je kannte, unbeschreiblich in ihrer Vielfalt.
Heiko spürte, wie er in eine schwarze Leere fiel, tief hinein in die absolute Dunkelheit. Es war angenehm und entspannend, denn er wusste, dass ihm nichts geschehen würde. Das endlose Loch breitete sich immer weiter aus, Ewigkeiten schienen zu vergehen. Frei von allen Gedanken genoss Heiko diesen Augenblick. Er machte ihn so leicht, erfüllte ihn mit Freude. Ein wundervolles Glücksgefühl kam in ihm auf. Er hätte für alle Zeiten in dieser angenehmen und so befreienden Schwerelosigkeit verharren können.
Bald schon erkannte Heiko einen kleinen leuchtenden Punkt mitten in der Dunkelheit. Wo genau, konnte er nicht lokalisieren. Er wurde größer und strahlender, zog Heiko wie magisch an. Ja, dorthin will ich, freute sich Heiko. Dort finde ich Geborgenheit und meine Vollendung.
Allmählich wich die Dunkelheit. Schon hüllte ihn das Licht voll und ganz ein. Er kam in die Welt der lebendigen Gedanken und der Träume. Dorthin wo es nur Imaginationen gibt und nichts physischen Bestand hatte, wo die Kraft der Vorstellungen Formen und Gebilde schaffte. Und daselbst machte sich Heiko seine eigene Welt.
Noch aber hatte er nicht das Jenseits erreicht, noch lag es weit vor ihm. Und es gab viele elementare Schöpfungen und Hürden zu überwinden. Nach wie vor führte ihn sein Weg durch die vielen unbekannten Dimensionen, unaufhaltsam tiefer hinein in die Welt des Unvergänglichen. Seine Umgebung wandelte sich von nun an in gasförmige Erscheinungen. Alles wirkte so abstrakt und unwirklich, aber aufgrund der unbeschreiblichsten Visionen unvorstellbarer Kreationen dennoch vollendet. Heiko staunte und fand es wunderschön. Er schien ins Endlose zu treiben, in vollkommen andere Dimensionen, weitab von Raum und Zeit.
Hier in diesem Reich, einem Ort, an dem die Dinge viel lebendiger und kraftvoller wirkten als in der Wirklichkeit, herrschte eine angenehme Ruhe, die Heikos Geist voll durchflutete. Er spürte das Schweigen und die Entspannung tief in sich wirken. Sie gaben ihm Stärke und Energie.
Heiko nahm deutlich seine neue Umgebung wahr, die ihm wie ein reines Kristallgebilde und mit dynamischem Flair durchflutet erschien. Sie hatte nichts von negativer Ausstrahlung, war klar und transparent, unverdorben und sauber. Er bestaunte diese leuchtenden Kristalle, die sich nach seinen Wunschvorstellungen geformt hatten und ihm eine zauberhafte Welt zeigten, wie sie ihm vorschwebte und wie er sie empfand.
Heiko verharrte für einen Moment und schaute sich befriedigt um, bewunderte diese wundervolle Pracht an Reinheit und Vollendung. Es erklangen anmutige Töne. Es handelte sich um die Wellen einer anderen Frequenz, die nur in dieser Dimension zu hören waren, und die Welt wie ein statisches Gerippe zusammenhielten. Sie waren Energie, Kraft und Geist zugleich, aber auch die Nahrung aller Seelen.
Heiko schwebte unaufhaltsam weiter, mitten durch die Kristallwelt, als würde sie nur aus Luft bestehen. Ein angenehmer Duft umgab ihn, der ihn an irgendetwas erinnerte, er wusste aber nicht, an was konkret.
Langsam erhob sich Heiko in die Lüfte, wenn man von geometrischen Begriffen sprechen wollte. Es bereitete ihm keine Anstrengung. Er trieb über diesen wundersamen Ort hinweg, blickte auf ihn hinab. Wie Eiszapfen wirkten diese Gebilde aus der Vogelperspektive, wie tiefe Gletscherschluchten, klar und durchsichtig.
Heiko versuchte, sich an diesen zauberhaften Tönen einer anderen Dimension zu orientieren, den Klängen aus dem Jenseits, deren Sinn und Bedeutung er noch nicht voll und ganz erkannte. Wie ein Neugeborener empfand er, musste er lernen, die Zusammenhänge zu verstehen.
Erneut spürte Heiko eine Wandlung aufkommen, die ihn in andere Dimensionen, noch unbegreiflichere, führen sollte, noch tiefer hinein in die Unendlichkeit, in das Unvorstellbare, in Sphären, die jenseits jeder Vorstellungskraft lagen. Dorthin, wo die Seelen sich auf ihre lange Reise in physische Welten und reale Zeiten vorbereiten.
Gewaltige Kräfte aus dem Verborgenen zogen Heiko an. Mit einer unbeschreiblichen Geschwindigkeit zerrten sie ihn fort, Zeitbarrieren überwindend, mitten durch die abstraktesten feinstofflichen Räume, tief hinein in dunkle Bereiche, die keine Orientierung zuließen. Nur sehr langsam kam Heiko zur Ruhe und schwamm wie in einem tiefen Meer dahin. Er fühlte sich umgeben von ungezählten und pulsierenden Elementen. Hier klangen die Töne anders als zuvor, verständlicher und nicht so fremdartig, vertrauter und freudiger.
Heiko hörte eine leise Stimme, die zu ihm sprach: „Nun bist du frei von allen irdischen Verbindungen, gelöst von den materiellen Dingen. Du gehörst zu uns und gibst mit deinem Geist die Impulse für neues Leben.
Hier versetzt die Molekularschwingung des Seins die Körper und andere Gegenstände vom physischen in den astralen Zustand und umgekehrt. Die verdichtete Energiebündelung gibt dir einen Körper nach deinen imaginären Vorstellungen. Und dennoch bist du nicht mehr als der Stoff, der sich aus den Gedanken formiert. Du bist ein unsichtbares Wesen, aber vollkommener als jeder materielle Körper.“
Heiko spürte alles sehr deutlich. Er sah auch die Stimme, da sie sich durch ihre hochfrequenten Ausschläge visualisierte. Und er stellte sich die wunderbarsten Gebilde vor, Erscheinungen, denen er jederzeit und ohne große Schwierigkeiten ein anderes Aussehen geben konnte. Es war ein herrliches, eigenartiges und erleichterndes Gefühl.
Zum ersten Mal sah er eine Farbenpracht, wie er sie in seinem physischen Leben nicht gekannt hatte. Die Farben strahlten in einem unbeschreiblichen Glanz, wirkten nicht so matt und verwaschen, wie es in seinem vorherigen Dasein der Fall war.
Wieder sprach die Stimme zu Heiko: „Lass deinen Gedanken fortan freien Lauf. Spüre deine Gefühle und die Kraft, die dich umgibt. Dies sind deine wahren Sinne. Sie drücken all das aus, was dein wirkliches Streben ist, wozu du berufen bist. Du wirst befreit sein von den gewohnten Empfindungen und der Begierde deines einstigen organischen Lebens. Du wirst wahres Glück, Freude und Leid erfahren und dich an deinen Regungen entzücken, begreifen, was sie wirklich bedeuten. Du kannst die Erinnerungen all deiner vergangenen physischen Leben wach werden lassen und als ein Geist in sie hineintreten. Dir wird es gelingen, auf den feinstofflichen Wellen in Kontakt zu treten zu jenen, die deine Ausstrahlungen empfangen. Doch sie müssen bereit sein für das Übersinnliche.
Gehe nun durch den Bogen der Empfängnis, dorthin, wo du eins sein wirst mit dem Odem der Genesis. Es ist eine Welt der Zauberei und des kosmischen Bewusstseins.“
Heiko gelangte in eine vollkommen neue Dimension, die alle Erinnerungen an seine vergangenen Leben sowie die zukünftigen Leben wachriefen und Vergleiche zu seinem jetzigen geistigen Dasein in einer Welt des Feinstofflichen darboten. Er begriff, wie verschieden doch diese Realitäten waren, zumal es eine deutliche Abgrenzung zwischen diesen beiden Dimensionen gab. Ein Unterschied wie Tag und Nacht, Feuer und Wasser, Helligkeit und Dunkelheit.
Seine Gedanken kehrten noch einmal kurz zurück in die nahe Vergangenheit, zu den Menschen, die er einst zu Lebzeiten von ganzem Herzen geliebt hatte. Carmen tauchte vor seinem Auge auf, in materialisierter Form, so plastisch und wirklichkeitsnah, als stünde er ihr wahrhaftig gegenüber. Deutlich erkannte Heiko ihre klaren leuchtenden Augen, ihren wundervollen Teint, die dichten glänzenden Haare. Aber konnte sie ihn auch sehen? Nein! Heiko wusste es genau. Zeit und Raum, Tod und Leben trennten sie voneinander. Carmen war so nah und doch so fern, unerreichbar, getrennt durch unbekannte Dimensionen.
„Konzentriere dich nun auf andere Erinnerungen aus deinem vergangenen Leben!“, hörte Heiko eine Stimme.
Spontan fiel ihm seine Mutter ein. Deutlich tauchte sie vor ihm auf. Und mit ihr eine ihm vertraute Umgebung. Heiko sah, wie sie zu Hause im Garten das Unkraut jätete. So hatte er sie oft als Kind von der Terrasse aus beobachtet und sich über ihre Anwesenheit gefreut.
„Wie ist das möglich?“, flüsterte Heiko. „Sie ist doch schon sehr lange tot ... Und jetzt sehe ich sie hier putzmunter und im fast jugendlichen Alter im Garten ... als wäre die Zeit zurückgedreht worden.“
Er schaute ihr eine Weile zu, bis von irgendwoher wieder die vertraute Stimme erklang: „Das ist die Kraft der Gedanken, der Strom deines Geistes, der ungehemmt dahinfließt und sich ausbreitet. Er vermag dir eine Welt zu projizieren, die von deinen Gefühlen gelenkt wird. So entstehen lebendige geistige Materialisationen, die nur du wahrnimmst. Es ist allein deine Welt, die vor dir liegt. Sie ist unermesslich und vollendet. Du bist ihr wahrer Schöpfer. Denn du bist Gott. Du bestimmst, was geschehen soll. Du bist der Anfang und das Ende. Du bist ewig ...“
Es wurde still um Heiko. Die Stimme verstummte. Er war wieder allein, mitten in seiner imaginären Welt, umgab sie schützend mit seinem geistigen Körper, behütete sie mit ganzem Stolz. Und er betrachtete sie genau, genoss den Augenblick des Wundervollen. Bald verschwanden die Bilder wieder, weil Heiko es so wollte. Es trieb ihn weiter.
Heiko schwebte empor, weit hinaus in eine Sphäre neuer Impulse, hoch über den von ihm geschaffenen Himmel in eine übergeordnete Dimension mit anderen Gesetzmäßigkeiten. All die Sterne lagen ihm zu Füßen wie ein Meer aus tausend Lichtern. Und er konnte an jedem Ort sein, den er sich vorstellte, schnell wie ein Gedanke.
Nun erst erkannte Heiko, dass das Jenseits, das Reich der Toten und der Seelen, nicht aus Engeln oder Teufeln bestand, dass es nicht Himmel oder Hölle gab, weder Gut noch Böse. Er begriff, dass Gott nicht Gott war, und all die Vorstellungen von Glaube und Religion nur reine Phantasie bedeuteten. Denn ein jeder von uns war Gott. Heiko war ein Teil davon, seine reine und klare Seele.
„Was ist es, das ich hier vollbringen muss?“, rief er und spürte zum ersten Mal, dass die Worte reine Gedankenenergie darstellten und keine akustischen Laute. Aber er wusste, man würde ihn hören und verstehen.
Im selben Moment bekam er die Antwort auf seine Frage. „Was du vollbringen musst, das hast du schon getan. Gehe tief in dich. In das, was du wirklich bist. Begreife deine ungeheure Macht der Vollendung, lass die Elemente tanzen. Mach was dir gefällt. Öffne deinen Geist. Bau dir ein energetisches Feld auf und erkenne deine Erfahrungen.“
Es war die Stimme, die er schon mehrmals in diesen neuen Dimensionen hörte, ein Klang, den er vertraut in sich aufnahm und der ihm Kraft und Erkenntnis gab, der aber gleichzeitig auch Harmonie ausstrahlte.
Umgeben von den unzähligen funkelnden Sternen trieb Heiko im weiten Meer der Ewigkeit durch das endlose Universum. Dunkel, angefüllt mit Abermillionen leuchtenden Punkten, breitete es sich vor ihm aus. Dann sah er sie, diese rotierende Spirale in den buntesten Farben, wie sie unvorstellbarer nicht sein konnte. Es war das Tor hinein in die Urschöpfung aller Welten und aller Dimensionen, zur Geburtsstätte allen Seins, an den Anfang der Entstehung. Dort entsprangen die Elemente und nahm das wahre Leben seinen Ursprung. Hier gab es weder Zeit noch Raum.
Deutlich spürte Heiko, dass er wie ein mikroskopisch kleines Staubkorn war, einsam und allein durch die Unendlichkeit dahintreibend. Es schien ihm, als sei um ihn herum alles nur für ihn geschaffen. Als sei er der Mittelpunkt jeden Geschehens. Er, ein kleiner Punkt, ein mit Lichtgeschwindigkeit dahinschießendes Photon, von dem gewaltige Energien ausgingen und den Raum ins Unermessliche ausdehnten.
Heiko hatte das Tor in die Ewigkeit durchschritten. Ein ungeheuer wohltuender Lichtblitz durchzuckte ihn. Er spürte es ganz deutlich in diesem Moment. Um Heiko herum gab es bald überhaupt nichts mehr. Nur die absolute Leere, keine Materie, keinen Raum, kein Licht und keine Schatten. Nur Heiko war mitten darin, als Geist, als ein Gedanke, unsichtbar und ohne Formen, ein gewaltiges Energiebündel, kleiner noch als ein Atomkern und dennoch gewaltiger als der mächtigste Vulkan.
Nun war Heiko herausgetreten aus der Welt des Diesseits. Er wusste, dass es von nun an kein Zurück mehr gab und die andere Seite bereits nach ihm griff, dort wo er geborgen in einem Meer der Wohltat entspannt und gelöst sein Dasein verbringen konnte.
Heiko gelangte dorthin, wo die Seelen geboren wurden, wo sie sich mit Bewusstsein füllten und ihre Reise in die vielen unbekannten Dimensionen, in die Welten der physischen und der geistigen Materie antraten. Hier aber, in dieser pulsierenden Ebene, wimmelte es von Lichtblitzen, und jeder davon war eine neugeborene Seele. All die jungen Seelen, die ahnungslosen, gelangten hinaus in die materiellen Welten, wo sie zunächst ihren Platz in dem Pflanzenreich fanden. In Bäumen, Sträuchern, den Blumen und Gräsern. Dafür waren sie zunächst auserkoren, um ihre ersten Erfahrungen zu sammeln, damit sich ihr Geist ohne Vorbelastungen bilden konnte. Dann, nach dem Absterben ihrer Pflanze, würden sie zurückkehren in das Jenseits, um sich den ersten Prüfungen und Bewährungen zu unterziehen.
Hier in dieser Sphäre gestalteten sich die Träume aller Menschen auf Erden als ein Spiegelbild in einer realistischen Wirklichkeit. In diese Parallelwelt kam der Astralkörper, um seine Phantasien auszuleben und psychische Gestalt anzunehmen. Jeder der Mitwirkenden hatte seinen vorgegebenen Platz in diesem Rollenspiel und erkannte dessen Bedeutung.
Und Heiko wurde um eine Erfahrung reicher. Er bestaunte anfangs noch dieses Abstrakte, bevor er dessen Bedeutung begriff und sie ihm wie etwas ganz Normales und vollkommen Selbstverständliches erschien.
Heiko wanderte weiter durch den Strom der Unendlichkeit. Zeit war kein fester Begriff, zählte nicht im Meer der stetig pulsierenden Gedanken. Gemächlich floss der Strom des unbekannten Seins dahin. Doch alles hatte seinen Sinn, einen geregelten und geordneten Ablauf. Nach Gesetzen der göttlichen Schöpfung, wovon er ein Teil war. Es gab nichts, das nicht vollendet war. Jeder lebende Gedanke fügte sich zu einem Ganzen zusammen, jede Energie strömte in gesetzmäßigen Bahnen. Und nichts ging verloren im sprudelnden Meer der Ewigkeit.
Heikos Körper war hier eine alles durchdringende Substanz, feinstofflich und dennoch voller gebündelter gewaltiger und unsichtbarer Energie. Er fühlte sich wohl in seinem neuen Dasein. Von hier wollte er niemals weg, verspürte auch kein Verlangen danach. Heiko war geborgen. Für ihn bedeutete dies den Neubeginn einer eindrucksvollen Ära, ein Auferstehen aus dem Tiefschlaf, in den er jahrzehntelang versunken gewesen war.
Heiko Strewe war nur neununddreißig Jahre alt geworden, hatte mitten im Leben gestanden, hätte noch seine ganze Zukunft vor sich gehabt. Der Tod war so plötzlich und unerwartet für alle gekommen. Herzversagen, schrieb man auf den Totenschein. Carmen Strewe, Heikos Frau, hatte es einfach nicht fassen können. Sein Tod war für sie wie ein brutaler Faustschlag gewesen, wie alles zerfetzende Dornen in ihrem Gesicht.
Vier Tage lag das furchtbare Geschehen nun schon zurück, das eine Zeit der schrecklichsten Alpträume nach sich zog. Carmen verbrachte schlaflose Nächte, in denen sie sich, von Gedanken und Erinnerungen gequält, die Seele aus dem Leib heulte. Keiner konnte ihr in diesen furchtbaren und entsetzlichen Stunden Trost spenden. Was hätte es auch genutzt? Was brachten die Zurückgezogenheit und der Kummer schon ein? Nichts und niemand konnte ihr den geliebten Mann zurückbringen. Aber die Trauer befreite von dem allergrößten Schmerz, machte ihn erträglicher, wenngleich sie auch keine Erlösung brachte.
Heute hieß es Abschied nehmen für immer. Heikos letzter Gang, der die endgültige Trennung von dem bedeutete, was sie noch miteinander verband, stand bevor. In ein paar Stunden war es soweit. Mit Grauen dachte Carmen an die Beerdigung, diesem schlimmsten und übelsten Moment ihres Lebens. Die letzten Tage hatte sie sich so sehr davor gefürchtet. Aber diesen Weg musste sie nun mal hinter sich bringen. Noch ein paar Minuten blieben ihr, dann würde sie zum Friedhof aufbrechen.
Als Carmen in ihrer Wohnung vor dem Fenster stand und fast apathisch in den Regen hinausschaute, liefen ihr die Tränen unaufhaltsam an den Wangen herunter. Sie ließ es geschehen und wehrte sich nicht dagegen. Ihr Atem bebte bei dem Gedanken an die schrecklichen Begebenheiten vor vier Tagen. Sie konnte den Tod von Heiko, ihrem geliebten Mann, noch immer nicht in seiner vollen Tragweite erfassen, geschweige denn begreifen.
An diesem ekelhaften verregneten Tag sollte er zu Grabe getragen werden. Schrecklich! Anfang der Woche, als er so plötzlich starb, herrschte so wundervolles sonniges Wetter mit angenehm milden Temperaturen, dachte Carmen. Da hatte niemand mit seinem Tod gerechnet, sie am allerwenigsten. Warum musste das geschehen? Weshalb so früh, quälte sie immer wieder ihre ohnehin schon stark strapazierten Gedanken. Heiko durfte einfach nicht tot sein, er war noch viel zu jung, hatte doch niemandem etwas getan. Er war ein herzensguter Mann gewesen, immer für die anderen da. Vor allem für Carmen ... sie durfte nicht weiter nachdenken. Der Schmerz war zu groß und ließ die Tränen wie einen unaufhörlichen Strom fließen.
Carmen blickte nervös auf die Uhr, es war langsam an der Zeit, aufzubrechen. Wenn doch nur endlich Sabine Ullmann käme. Sie wollte sie abholen. Angespannt schaute Carmen zum Fenster hinaus. Der Regen hatte ein wenig nachgelassen. Von Sabine jedoch war weit und breit nichts zu sehen.
Plötzlich läutete es an der Tür, und Carmen fuhr erschrocken zusammen. Ihre Hände zitterten, im Magen kam ein mulmiger Druck auf. Sie verspürte ein unsicheres Gefühl, obwohl sie genau wusste, dass nur Sabine vor der Tür stehen konnte. Dennoch fürchtete sie sich vor diesem Augenblick, denn er bedeutete ein unaufhaltsames Aufwallen der Emotionen. Carmen öffnete, und Sabine trat ein, wortlos folgte die Umarmung. Die Trauer um Heikos Verlust ließ den Schmerz bei beiden Frauen mit aller Macht emporquellen, schlimmer noch bei Carmen. Hemmungslos fing sie an zu heulen. Und trotz des großen Leides tat es ihr unermesslich gut.
Sie sprachen einige Minuten keinen Ton, traten vors Fenster und starrten wortlos hinaus auf die regennasse Straße. Sabine legte ihre rechte Hand auf die Schulter der Freundin.
Dann sagte sie nur: „Es wird Zeit, wir müssen gehen.“
Sabine atmete tief durch. Carmen nickte stumm und wischte sich die Tränen von den Wangen, versuchte tapfer zu sein. Niemand sollte ihr verweintes Gesicht sehen, nicht die unsagbare Leere in ihren Augen, nicht die erlittenen Qualen.
Die beiden Frauen brachen voller Schwermut auf, überschritten die Straße, bestiegen den Wagen von Sabine und fuhren in Richtung Friedhof davon. Je näher sie ihrem Ziel kamen, desto unruhiger und bedrückter wurde Carmen. Sie spürte das heftige Pochen ihres Herzens und die Angst vor dem bevorstehenden Geschehen, der Situation, in die sie sich in den vergangenen Tagen immer wieder gedanklich hineinversetzt hatte. Ununterbrochen hatte sie gehofft, es würde alles nur ein Traum sein. Ein böser Alptraum, aus dem sie unbedingt jeden Moment erwachen müsste. Sie fürchtete sich jetzt vor der letzten Begegnung und der Erinnerung an Heiko.
Ihr schlotterten die Beine, sie verspürte ein Kribbeln in beiden Armen, heiß und unangenehm. Carmen musste schlucken, als die eiserne und rostbehangene Pforte des Friedhofs vor ihren Augen auftauchte. Und in diesem Moment spürte sie diesen dicken Kloß in ihrem Hals, der ihr die Luft abdrehen wollte. Das Dröhnen in ihrem Kopf und der furchtbare Schmerz ihres Herzens lähmten sie. Die Angst, gleich aussteigen zu müssen, hemmte sie und raubte ihr jeden klaren Gedanken. Dass es so schlimm sein würde, hatte sie nicht geahnt. Aber Carmen riss sich zusammen.
Auf unsicheren Beinen torkelte sie wie in Trance den schmalen Weg zur Friedhofskapelle entlang, fest geklammert an den stützenden Arm von Sabine, der es ebenfalls unbehaglich zumute wurde, je näher sie der Kapelle kamen. Drohend ragte sie kalt und starr vor ihnen auf. Wie ein Mahnmal erhob sie sich im strömenden Regen, eine mystische, dämonenhafte Warnung ausstrahlend. Für einen Moment zögerte Carmen und wäre am liebsten davongerannt, weg von hier, weg vom Ort der Trauer und des Schmerzes, fort von den schrecklichen Erinnerungen, um die lähmende Angst loszuwerden.
Dann traten die beiden Frauen zögernd durch die Pforte ins Innere der kleinen Kapelle mit ihren nackten Backsteinwänden. Viele Menschen hockten bereits in tiefer Anteilnahme versunken auf den hölzernen Sitzbänken. Sie starrten Carmen betroffen, pietätvoll verhalten, an. Gesenkten Hauptes schritt sie an ihren durchdringenden Blicken vorbei, nahm gleich vorne in der ersten Reihe Platz.
Da stand der Sarg auf einer Bahre, bedeckt mit einer Unzahl von Kränzen und Blumen, als ein letzter Gruß für den toten Heiko. All der Glanz konnte aber nicht das ausdrücken, was Carmen je für den geliebten Gatten empfunden hatte.
Der vor ihr ruhende Totenschrein der sie anzustarren schien, wirkte fast bedrohlich und löste ein beklemmendes Unbehagen in ihr aus. Nervös spielte Carmen mit ihren Fingern. In dieser Holzkiste lag Heiko, ihr geliebter Mann. Manchmal glaubte sie, der Deckel müsse sich jeden Moment heben und er wieder heraussteigen, so als sei nichts geschehen.
Dann kam der Pfarrer, er fand trostreiche Worte in seiner Predigt. Carmen nahm gar nicht so richtig auf, was er eigentlich sagte. Ihre Gedanken galten einzig und allein ihrem toten Mann, der hier vor ihr ruhte und von allem nichts mehr mitbekam.
Die kleine Kapelle war gefüllt bis auf den letzten Platz. Alle waren gekommen, um Heiko auf seinem letzten Weg zu begleiten. Alle, die ihn gekannt hatten und mochten: die Arbeitskollegen, Freunde, Verwandte, Nachbarn. Eben alle, die ihn in Erinnerung behalten wollten. Sie wollten ihm so die letzte Ehre erweisen.
Es regnete in Strömen, als ein langer Trauerzug aufbrach und schweigend durch die gepflegten Gräberreihen des Friedhofs von Dassow schritt. Unter dem schwerfälligen Gang der Trauergäste knirschte fast störend der ausgewaschene Kies des leicht abfallenden Weges. Vor einer ausgehobenen Grube machte die Gruppe Halt. Bedrückendes Schweigen lastete auf der versammelten Trauergemeinde. Das monotone Prasseln des Regens auf den aufgespannten Schirmen wirkte in dieser angespannten Situation wie lautes Hämmern.
Mit stummen Mienen senkten die vier Totengräber den eichenen Sarg vorsichtig hinunter. Von ihrer gleichmäßigen täglichen Arbeit hatten sie Schwielen an den Handflächen. Ihr Job war Routine. Was aber mochten sie in ihrem Innersten empfinden? Litten sie den gleichen Schmerz wie die Trauernden? Waren ihre Gedanken bei den Toten und den Leidenden? Das Schicksal eines Einzelnen berührte sie wenig, Gefühle konnten sie sich in ihrem Beruf nicht erlauben.
Der furchtbare Dauerregen wollte überhaupt nicht mehr aufhören, er wurde immer schlimmer, peitschte hart gegen den hölzernen Sarg, so als wäre er gegen diese Zeremonie. In kleinen Rinnsalen tropfte das Wasser an den durchnässten Seiten des Sarges herunter.
Mit zitternden Händen umklammerte die ganz in Schwarz gekleidete Carmen Strewe den Regenschirm, damit ihn der Wind nicht davonblies. Noch immer bekam sie gar nicht so richtig mit, was hier eigentlich geschah. Fast mechanisch und geschockt starrte sie dem hinabgleitenden Sarg nach, der allmählich in dem abweisenden und bedrohlich wirkenden Loch verschwand. Hin und wieder stieß er gegen das Erdreich und polterte dumpf. Carmen registrierte den hohlen Klang unbewusst wie aus weiter Ferne, so als sei das alles nicht wirklich wahr. Die Situation erschien ihr wie ein böser Traum, ein Traum, aus dem sie gleich erwachen musste. Aber es war die nackte Realität, eine erschreckende Wirklichkeit, die sie nicht verdrängen konnte.
Ihr langes blondes Haar hatte Carmen zu einem Knoten zusammengebunden und hinter einem dunklen Schleier aus Seide verborgen. Er verbarg dezent ihr Gesicht. Niemand sollte ihre Tränen in ihren geröteten Augen sehen, nicht ihre unsagbare Trauer und die grenzenlose Verzweiflung. Sie wollte den stechenden Schmerz in ihrem Herzen verbergen.
Einen letzten kleinen Blumengruß warf sie auf den braunen Eichensarg hinab. Carmen beugte sich weit vor und konnte ihre Tränen nicht mehr unterdrücken, sie weinte unaufhaltsam. Zwei Männer an ihrer Seite mussten sie stützen.
„Heiko, mein Liebling. Mein guter lieber Mann. Warum so früh? Warum hast du mich alleine gelassen? Ich brauche dich doch so sehr!“, schluchzte Carmen mit gebrochener Stimme. Es klang flehend und anklagend. Ihr ganzer Körper bebte.
Doch Heiko konnte sie nicht hören. Oder stand sein Geist, seine Seele, neben ihr und beobachtete das qualvolle Treiben? Schaute er zu, wie sie alle um ihn trauerten, und musterte er jeden Einzelnen kritisch mit prüfenden Blicken, hauchte ihnen womöglich seinen Atem ins Genick? Oder war es nur ein Windstoß, den mancher von ihnen verspürte?
Mitunter glaubte Carmen ganz fest, er würde ihr wie ein guter Geist erscheinen und unsichtbar neben ihr stehen: zu Hause in der Wohnung, bei der Arbeit im Büro oder hier am Grabe, und bei all ihren Tätigkeiten schützend seine Hände über sie halten. Rief er gar nach ihr? Hörte Carmen nicht seine Worte, sein Flehen?
Gerade jetzt war ihr Schmerz am größten. Jetzt, da diese Männer ihn einfach so vor ein paar Minuten in einem braunen Holzsarg nach unten gelassen hatten. In ein Loch, in dem er für immer verschwinden sollte, vergraben und zugeschüttet mit Erde. Es wirkte so herzlos, so stechend auf sie. Carmen fühlte sich Heiko gegenüber schuldig und unendlich beschämt. Er hätte weiß Gott was Besseres verdient. Und überhaupt, all die verlorene Zeit, die vor ihr liegende Leere ihres Herzens, sie hatten beide noch so viel vorgehabt. Nun war alles mit einem Schlag vorbei, die schönen Stunden wie ausgelöscht. Allein der Gedanke daran überzog ihren Körper mit einer eisigen Gänsehaut.
Stumm und in Gedanken versunken stand Carmen schluchzend vorm Grab und starrte hinab auf den braunen Sarg. Er wirkte so kalt, fast bedrohlich, als wolle er ihr eine Botschaft offenbaren.
Fassungslos schüttelte Carmen den Kopf. Unaufhaltsam quollen die Tränen aus ihr hervor. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht. Trotz des Schirmes war sie völlig durchnässt. Carmen kümmerte es wenig, sie starrte nur wie gelähmt auf das, was von Heiko geblieben war, in einer feuchten und kalten Lehmgrube. Gleich würde man sie mit Erde zuschütten, um das letzte greifbare und reale Andenken an Heiko Strewe für immer zu begraben.
Carmens Körper bäumte sich verkrampft auf. Sie heulte laut und unaufhaltsam los, schrie ihr unsagbar trauriges Leid von der Seele. Ihre Freunde, ebenfalls tief ergriffen, mussten die verzweifelte Carmen stützen. Uli, Heikos Bruder, zog sie ein paar Schritte zurück. Carmen versuchte, sich dagegen zu wehren. Sie wollte keinen Millimeter von Heikos Seite weichen. Jetzt, beim Abschied für immer, wollte sie ihm ganz nah sein.
Lange Zeit blieb Carmen in Gedanken versunken am Grabe stehen. Die anderen waren bereits gegangen. Carmen wollte alleine sein und noch einmal mit Heiko reden, ihm all ihre Liebe offenbaren. Er sollte wissen, dass sie nur ihn geliebt hatte, ihm stets treu gewesen war und er unvergesslich seinen Platz in ihrem Herzen haben würde. Nichts würde ihre liebevollen Gedanken an ihn verdrängen.
Nach einer Weile wandte sich Carmen gesenkten Hauptes und mit tränenunterlaufenen Augen ab und schritt dem Ausgang zu. Sabine saß im Wagen und wartete bereits auf sie. Wortlos hockte sich Carmen auf den Beifahrersitz. Sie fuhren los, zum „Dorfkrug“, wo die Trauergäste sich zum gemeinsamen Essen versammelt hatten. Trostreiche Worte des Beileids wurden ausgesprochen. Man redete pietätvoll über den toten Heiko Strewe, erinnerte sich an viele gemeinsame Ereignisse, an glückliche Momente und Situationen, die dazu beitragen sollten, eine Erklärung auf den plötzlichen Tod des Freundes zu geben. Aber es fand keiner Antworten auf die Frage nach dem Warum.
Carmen saß fast wortlos am Tisch. Ihr war nicht nach großen und mitleidsvollen Gesprächen zumute. Zu viel ging ihr durch den Kopf, das sie alleine verarbeiten musste.
Nachdem sich schon alle Trauergäste verabschiedet hatten, brachen auch Carmen und Sabine auf. Es herrschte Dunkelheit, als sie zum Wagen gingen und schweigend durch die Nacht zu Carmens Wohnung fuhren. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, aber die Straßen waren noch immer nass.
Vor dem Haus angelangt, sprach Sabine: „Soll ich noch mit hochkommen? Vielleicht kann ich etwas für dich tun. Wollen wir noch einen Kaffee trinken?“
Müde und total abgespannt antwortete Carmen fast lethargisch: „Sei mir bitte nicht böse, Sabine. Du warst mir heute eine sehr große Stütze. – Und ich bin dir sehr dankbar dafür. Aber ich möchte jetzt erst mal alleine sein, brauche unbedingt Ruhe ... viel Ruhe, damit ich über den heutigen Tag nachdenken kann ... Ich hab den ganzen Trubel noch nicht verarbeitet.“
„Du darfst nicht anfangen zu grübeln, Carmen. Es ist besser, wenn du versuchst, abzuschalten und auf andere Gedanken zu kommen ... Es kann nicht schaden, wenn wir jetzt noch ein paar Minuten reden, bevor du schlafen gehst. Wir sollten reden ... über irgendetwas. Danach fühlst du dich bedeutend wohler.“
Carmen schaute die Freundin an, die so besorgt wirkte, und zwang sich zu einem gequälten und krampfhaften Lächeln.
Nach einer kleinen Pause entgegnete sie: „Also gut, für ein paar Minuten. Vielleicht hast du ja Recht. Reden, einfach nur reden. Es wird mir gut tun.“
Sie stiegen aus und gingen ins Haus. Als Carmen die Wohnungstür öffnete und in den dunklen Flur trat, überfiel sie plötzliche furchtbare Angst. Die Furcht vor der Wirklichkeit rief eine tiefe Beklemmung hervor und würgte ihr in der Kehle. Die unleugbare Realität der Einsamkeit versetzte sie in Panik. Jetzt war sie froh, dass Sabine mitgekommen war. So fiel es ihr wesentlich leichter, die hohe Schwelle zur harten Wirklichkeit zu überwinden. Die Anwesenheit von Sabine gab Carmen Kraft und Mut.
In Gedanken stellte sie sich vor, dass Heiko jetzt im Wohnzimmer hocken könnte, lächelnd und auf sie wartend. Die Angst vor diesem Trugbild schnürte ihr die Kehle zu, und zwar aus dem Grund, weil sie sich diese Gegebenheit so sehr herbeiwünschte. Ihre Vorstellung war so stark mit Energie gefüllt, dass sie an diese Möglichkeit wirklich glaubte und sich nicht mit der brutalen Wirklichkeit abfinden konnte. Unbewusst schielte sie bereits von der Diele ins Wohnzimmer hinein, zu dem Sessel, in dem Heiko früher oft gesessen hatte. Carmen war dennoch erleichtert, als sie ihn leer fand, sie atmete beruhigt auf. Wie in Trance hängte sie ihre Jacke an die Garderobe und ging mit Sabine in die Küche hinüber.
„Ich koche uns ganz rasch einen starken Kaffee“, sagte Carmen und goss eine Kanne Wasser in den Automaten.
Sabine trat vors Fenster und schaute gedankenverloren in die Dunkelheit hinaus. Es begann wieder zu regnen. Im Schein der Straßenlaterne spiegelten sich die Regentropfen in einer Pfütze.
„Ein Sauwetter ist das“, meinte Sabine, nur um etwas zu sagen. „Aber morgen soll es ja wieder besser werden.“
„Was soll’s. Ist doch vollkommen egal“, brummte Carmen fast teilnahmslos.
Der Kaffee war schon durchgelaufen. Sie füllte zwei Tassen voll und reichte eine davon Sabine.
„Zucker, Milch?“, fragte sie mit zitternder Stimme.
Sabine schüttelte den Kopf. „Danke. – Komm lass uns ins Wohnzimmer gehen. Da sitzt es sich bequemer.“
Die beiden gingen nach nebenan. Als Carmen das Licht anknipste, überkam sie wieder dieses komische würgende Gefühl. Ein Kloß, der ihr im Halse saß, rief ein beklemmendes Unbehagen hervor. Carmen schaute sich forschend im Zimmer um, aus Angst, irgendwo könne Heiko stehen und sie, mit verschränkten Armen gegen die Wand gelehnt, hämisch angrinsen. Alleine der Gedanke daran jagte ihr Furcht ein. Doch es war alles ruhig. Und die Worte von Sabine lenkten sie von ihren Grübeleien ab. Die zwei Frauen saßen eine Weile zusammen und redeten, was ihnen gerade so einfiel. Einige Zeit später aber wollte Carmen für sich sein, und Sabine verabschiedete sich von ihr.
Nachdem Carmen kurz darauf alleine war, goss sie sich noch einen Kaffee ein und setzte sich ins Wohnzimmer. Sie rauchte eine Zigarette und dachte an all die schönen Augenblicke der vergangenen Jahre, die in Sekundenbruchteilen an ihr vorbeizogen. Carmen spürte, wie ihr nun die Tränen an den Wangen herunterliefen. Wie sollte sie mit dieser trostlosen Einsamkeit, der Leere ihres Lebens, bloß fertig werden? Wenn doch Heiko einfach zur Tür hereinkommen würde, so als sei dieser schreckliche Tod gar nicht wahr. Weshalb konnte es kein Traum sein, aus dem sie jeden Moment erwachen würde? Warum traf ausgerechnet sie ein solch schwerer Schicksalsschlag?
Sie drückte die Zigarettenkippe im Aschenbecher aus und schlürfte den restlichen Kaffee. Noch einmal ging sie durch alle Räume, überzeugte sich, dass die Wohnungstür verriegelt war, und legte außerdem die Sicherheitskette vor. Carmen schaute in jedes Zimmer, in die Schränke, hinter die Gardinen, unter die Betten. Nach den emotionalen Strapazen des vergangenen Tages konnte sie ihre Gefühle nicht von jetzt auf gleich abschalten. Die Furcht vor umherspukenden Geistern irrte durch ihren Kopf. Deshalb blieb auch die ganze Nacht im Schlafzimmer das Licht eingeschaltet. Carmen wäre sonst vor Angst gestorben, sie fürchtete sich im Dunkeln, gerade jetzt unmittelbar nach der Beisetzung von Heiko, vor ungewissen Alpträumen und Schattengestalten aus der Unterwelt.
Verzweifelt versuchte Carmen, wach zu bleiben, um nachdenken zu können. Immer wieder gingen ihr die gleichen Gedanken durch den Kopf. Sehr spät in der Nacht schlief sie dann aber doch völlig übermüdet und erschöpft ein, sie schlief tief und fest. In ihren Träumen tauchten wirre Bilder von schemenhaften, schrecklichen Gestalten auf. Dazwischen ständig das Gesicht von Heiko und viele gemeinsame vergangene Erlebnisse, glückliche Augenblicke.
Als Carmen am nächsten Morgen nach einer qualvollen Nacht erwachte, war sie noch vollkommen gerädert. Ihr Kopf dröhnte wie nach tausend Hammerschlägen. Wie sollte sie nur diesen Tag überstehen? Erst nach einer Tasse Kaffee fühlte sie sich wohler. Die Kopfschmerzen verschwanden allmählich, nicht aber die Einsamkeit und die trostlose nun folgende Zeit. Ein harter Weg stand Carmen bevor.
*
Für Carmen begann nun eine Zeit der Neuorientierung, ein Umstellen und Umdenken auf andere Gewohnheiten. Nichts war mehr so wie früher. Ihr Dasein nahm einen neuen Lebensabschnitt ein, wenngleich Carmen nach der Beisetzung von Heiko versuchte, wieder zum gewöhnlichen Alltag überzugehen. Seine Anwesenheit fehlte ihr sehr: der allmorgendliche Kuss, die herzliche Umarmung, das Streicheln seiner Hände über ihren Rücken, seine freundlichen Worte. All diese Liebkosungen vermisste sie.
Sein plötzlicher Tod hatte eine tiefe Kluft in ihr Leben gerissen, nahm einen wichtigen Bestandteil ihrer Existenz. Wie sollte sie nur damit fertig werden? Sie musste die Veränderung bewältigen, ob sie wollte oder nicht. Ihr Job würde ihr sicher dabei helfen.
Nach zwei Urlaubstagen, an denen es privat viel zu erledigen gab, machte sich Carmen wieder an die Arbeit. In der Firma bat sie die Kollegen, nicht über Heikos Tod zu sprechen. Sie wollte nicht daran erinnert werden, um Abstand zu gewinnen und zur Ruhe zu kommen. Man respektierte ihren Wunsch.
Ihre berufliche Aufgabe nahm Carmen total in Anspruch. Sie hatte deshalb wenig Zeit, über den Verlust von Heiko und ihren tiefen Schmerz nachzudenken; in ihrem Job ging sie voll auf. Sehr schnell gelang es Carmen, wieder die notwendige Konzentration zu finden. Nur an den langen einsamen Abenden zu Hause spürte sie, wie ihr die Gefühle hochkamen, wie sehr ihr doch Heiko fehlte, wie sie sich nach seinen Umarmungen sehnte. Und manchmal saß sie einfach so da, still, fast teilnahmslos, und weinte hemmungslos vor sich hin. Dann kamen all die Erinnerungen mit aller Heftigkeit hoch.
Hin und wieder spendete ihr Sabine bei stundenlangen Gesprächen Trost. Danach fühlte sich Carmen stets wohler, erfrischter und etwas freier von der zentnerschweren Last. Doch Sabine war nicht immer da, sie konnte Carmen nicht jeden Tag ermutigen. Gerade zu diesen Zeiten fühlte sie eben, wie leer ihr Leben doch wirklich geworden war. Aber Carmen wollte versuchen, damit fertig zu werden, stark zu bleiben, keine Depressionen aufkommen zu lassen. Das Leben ging weiter, das wusste sie, es machte auch nicht Halt wegen ihr. Und änderte schon gar nicht seinen gleichmäßigen Lauf. Carmen musste sich anpassen, fügen, nehmen was kam. Dazu gehörten nun auch die tragischen Augenblicke, selbst wenn sie ihr ganzes Leben umkrempeln würden. Heikos Tod war einer jener schicksalhaften Momente, die sie nicht beeinflussen konnte. Aber warum musste das gerade jetzt passieren? Hätte das nicht noch Zeit gehabt bis in ferne Jahre, wenn sie beide alt und grau gewesen wären? Doch es sollte wohl so sein, jetzt und heute. Carmen tröstete sich mit dem Gedanken, dass Heikos früher Tod eine besondere Bewandtnis hatte. Ob er glücklich ist, dort, wo er jetzt war? Im Jenseits, in einer anderen Welt, einem neuen Leben vermutlich?
Sabine sprach eines Abends mit Carmen darüber: „Seine wirkliche Aufgabe hatte Heiko nicht hier auf der Erde unter den Lebenden zu erfüllen. Sein Leben stellte lediglich eine Art Bewährungsprobe dar, eine Zwischenetappe auf dem Weg in ein anderes Bewusstsein. Seine Seele suchte sich dafür einen organischen Körper aus. Mit dem konnte er sich hier unter den Geschöpfen dieser Welt verständlich machen und Erfahrungen sammeln. Doch seine Seele, tief im Innern, ist zu Höherem berufen, in anderen Dimensionen, die uns vollkommen unbegreiflich sind. Dort liegt seine wahre Erfüllung und Aufgabe.
Uns allen ergeht es einmal so, ob wir es wahrhaben wollen oder uns dagegen wehren. Du kannst daran glauben oder nicht – es ist unerheblich. Doch das absolute Wissen über den künftigen Tod bereitet uns Angst, weil wir nicht wissen, was danach kommt. Wir haben Furcht vor dem Unbekannten, haben keine Ahnung von der wundervollen Seite unserer geistigen Existenz. Und diese Gewissheit löst ein eigenartiges Unbehagen in uns aus. Wir glauben, dass wir glücklich und zufrieden mit unserem Leben sind, klammern uns daran und lassen uns nicht überzeugen von einer noch wunderschöneren Zeit danach. Diese universelle Wahrheit, vor der wir uns nicht drücken können, sollten wir akzeptieren.
Wir sind geboren worden, um zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder zu sterben. Aber in Wirklichkeit gibt es keinen Tod, nur der organische Körper zerfällt zu Staub und Asche. Unser wahres feinstoffliches Ich, die Seele, besteht weiter, weil sie unsterblich ist und sich im Strudel der Ewigkeit fortpflanzt. Sie ist unvergänglich, entwickelt sich mit jedem neuen Leben, in das sie hineingeboren wird, weiter.
