Das Buch ohne Gnade - Anonymus - E-Book

Das Buch ohne Gnade E-Book

Anonymus

4,5
8,99 €

oder
Beschreibung

Ein Hotel irgendwo in der Wüste. Etwas Großes steht bevor: Abgehalfterte Barkeeper, schizophrene Musiker und eine Handvoll Zombies machen sich auf den Weg zu dem Rock-Festival, das unter dem Motto "Zurück von den Toten" steht. Die Teilnehmer sollen längst verstorbene Stars imitieren. Keiner von ihnen ahnt, dass sie dem Tod näher sind, als ihnen lieb ist. Denn ein weiterer Gast steht auf der Liste: ein wahnsinniger Killer namens Bourbon Kid...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 557




Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

Fünfundvierzig

Sechsundvierzig

Siebenundvierzig

Achtundvierzig

Neunundvierzig

Fünfzig

Einundfünfzig

Zweiundfünfzig

Dreiundfünfzig

Vierundfünfzig

Fünfundfünfzig

Sechsundfünfzig

Siebenundfünfzig

Achtundfünfzig

Neunundfünfzig

Sechzig

Einundsechzig

Zweiundsechzig

Dreiundsechzig

Vierundsechzig

Fünfundsechzig

ANONYMUS

DasBuchohneGnade

ROMAN(SCHÄTZEN WIR)

Übersetzung aus demEnglischen vonMichael Kubiak

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Titel der englischen Originalausgabe:

»The Devil’s Graveyard«

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2010 by The Bourbon Kid

Published by arrangement with Michael O’Mara books Limited, London

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2011 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Gerhard Arth, Molzhain

Umschlaggestaltung: © Patrick Knowles

Umschlagmotiv: © Patrick Knowles Design

E-Book-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 978-3-8387-0438-8

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Lieber Leser,

es ist niemals ungefährlich, sich auf Annahmen zu verlassen.

Insbesondere ist es niemals ungefährlich, sich auf Annahmen bei Dingen zu verlassen, die ungefährlich erscheinen oder auch nicht.

So gut wie sicher sind sie es nicht.

Anonymus

EINS ♦

Scheiiiiiße! Es stimmte schon, es ging nichts über einen anständigen Hubraum. Die Maschine in diesem Schlitten hatte wirklich Power …

Für Johnny Parks ging endlich ein lebenslanger Traum in Erfüllung. Am frühen Morgen mit über hundertsechzig Sachen einen verlassenen Highway hinunterzurasen war aufregend. Dass er in einem Streifenwagen saß und einen berüchtigten Serienmörder in einem schwarzen Pontiac Firebird verfolgte, gab dem Ganzen einen zusätzlichen Kick.

Das Funkgerät erwachte knisternd und die Stimme des Chiefs erklang zum dritten Mal laut und deutlich während der letzten zwei Minuten.

»Ich wiederhole, alle Einheiten bleiben zurück. Der Flüchtige wird nicht bis auf den Devil’s Graveyard verfolgt! Ich erwarte Bestätigung – das ist ein verdammter Befehl!«

Johnnys Partner auf dem Beifahrersitz, Neil Silverman, griff nach unten und drehte am Lautstärkeknopf des Funkgeräts, bis nacheinander die Stimmen der anderen Beamten, die den Empfang der Meldung bestätigten, verstummten. Die beiden Cops grinsten und nickten. Währenddessen jagten sie an der riesigen Tafel am Straßenrand vorbei. Dort war zu lesen:

Willkommen auf Devil’s Graveyard

Johnny beobachtete im Rückspiegel, wie die Kette der anderen sieben Streifenwagen hinter ihm stoppte, kehrtmachte und sich entfernte. Feige Bande. Das war seine Stunde – nun ja, seine und Neils, dachte er. Normalerweise wäre keiner von ihnen beiden an einer solchen hochkarätigen Verfolgungsjagd beteiligt gewesen, aber an diesem Morgen waren so viele Beamte getötet worden, dass sie den Einsatzbefehl erhielten. Beide Männer waren Anfang zwanzig und hatten erst vor einem halben Jahr die Polizeiakademie absolviert. Neil war der beste Pistolenschütze seines Jahrgangs und hatte eine glänzende Karriere in der Truppe vor sich. Was Johnny betraf, so fand er es einfach nur aufregend, den Meisterschützen über den Highway zu fahren. Wenn überhaupt jemand den Fahrer des Firebird zur Strecke bringen würde, dann war es sein Kumpel Neil – was der Grund dafür war, dass Johnny so erpicht darauf war, die Jagd noch ein wenig fortzusetzen, obgleich es bedeutete, den Befehl des Chiefs zu missachten.

Während ihn die Wüstensonne mit ihrem grellen Licht blendete, bemühte sich Johnny, den Wagen unter Kontrolle zu behalten, während sie allmählich zu dem Firebird aufholten. Über den Highway mit seinen Sandverwehungen und Geröllpassagen zu navigieren, während er gleichzeitig versuchte, einen Wahnsinnigen aufzuhalten, der mindestens drei andere Fahrzeuge von der Straße gerammt hatte, erforderte sein ganzes Können.

Wenn Neil der beste Schütze in der Truppe war, dann betrachtete Johnny sich als den besten Fahrer. Als Teenager war er ein fanatischer Stockcar-Fahrer gewesen, hatte stundenlang auf einer eigens dafür angelegten Sandpiste auf der Farm seines Vaters trainiert und zahlreiche Rennen auf dem örtlichen Rundkurs gewonnen. Es waren seine Fahrkünste, die ihn bei seiner Verlobten Carrie-Anne, der Anführerin der Cheerleader-Truppe an seiner Highschool, hatten landen lassen. Sie erwarteten jeden Tag die Geburt ihres ersten Kindes. Wenn Johnny den Ruhm und die Vorteile einheimste, die ihm zuteilwürden, weil er Teil des Duos war, das den Bourbon Kid zur Strecke brachte, hätte sein zukünftiges Kind einen Vater, auf den es stolz sein konnte.

»Komm schon, Johnny! Ich kann von hier keinen genauen Schuss anbringen!«, brüllte Neil und zielte mit dem Revolver aus dem offenen Fenster. »Bring uns näher ran!«

Johnny rammte den Fuß aufs Gaspedal und versuchte, die Front ihres Streifenwagens auf gleiche Höhe mit dem Heck des Firebird zu bringen.

»Zielst du auf die Reifen?«, rief er über den Lärm des Motors und des Windes, der durch die offenen Fenster pfiff.

»Nee. Auf den Fahrer.«

»Solltest du nicht die Reifen aufs Korn nehmen?«

Neil löste den Blick von dem schwarzen Wagen vor ihnen und schaute kurz zu Johnny.

»Hör mal, wenn ich diesen Kerl erledige, dann sind wir verdammte Helden, Johnny. Stell dir doch nur mal vor – irgendwann kannst du deinem Jungen erzählen, dass du den schlimmsten Massenmörder der Geschichte zur Strecke gebracht hast!«

Während er mit einem Auge auf die Straße achtete, erwiderte Johnny das Grinsen seines Partners. »Yeah. Das wäre obercool.«

»Ich kann’s mir richtig vorstellen. Wir eröffnen Supermärkte, machen Werbung für Aftershave, das volle Programm.«

»Ich könnte ein neues Aftershave brauchen.«

»Nun, sieh du nur zu, dass du den Wagen ruhig hältst, dann sorge ich schon dafür.«

»Kannst du ihn nicht nur verwunden? Ginge das? Hä?«

Neil schüttelte ungehalten den Kopf. »So’n Scheiß, was erwartest du von mir? Soll ich ihm die Scheißnase wegblasen? Ich bin gut, aber so gut bin ich auch nicht. Das ist niemand.« Er lehnte sich weiter aus dem Fenster und fügte hinzu: »Vergiss nicht, dass diese Sau heute Morgen mindestens zehn von unseren Leuten gekillt hat. Gute Männer. Männer mit Familien. Fröhliches Halloween, der Boogeyman ist in der Stadt!«

Dass Halloween war, hatte Johnny nicht vergessen. Die Bewohner – das heißt, die wenigen, die es noch gab – setzten niemals einen Fuß auf Devil’s Graveyard, erst recht nicht an Halloween. In den Bars und Imbissrestaurants wurde ständig über das gemunkelt, was da draußen an jedem einunddreißigsten Oktober geschah. Es hieß, dass ganze Busladungen unschuldiger Trottel jedes Jahr reingefahren und nie wieder gesehen wurden. Die meisten Leute glaubten das. Das war das schmutzige kleine Geheimnis der Stadt. Johnny hatte bereits das Schild passiert, das anzeigte, dass sie sich auf tödlichem Territorium befanden. Es war schon dämlich genug, mit einem Streifenwagen hinter dem Serienmörder, den alle nur als Bourbon Kid kannten, herzurasen, aber diese Jagd bis auf Devil’s Graveyard fortzusetzen und das an Halloween … nun, das war in etwa genauso Idiotisch wie ein Bungeesprung ohne Seil.

»Okay, Neil, hab schon verstanden. Beeil dich nur, diesen Hurensohn zu erwischen. Und dann lass uns verdammt noch mal schnellstens von hier verschwinden.«

»Du sagst es, Kumpel.«

Die Straße dehnte sich vor ihnen endlos bis zum Horizont und schimmerte in der frühmorgendlichen Sonnenhitze wie eine Fata Morgana. So weit das Auge reichte, gab es keine Gebäude, keinen weiteren Verkehr. Abermals lehnte Neil sich aus seinem Fenster und zielte mit der Pistole auf das dunkel getönte Heckfenster des Firebird. Der Fahrtwind ließ sein normalerweise adrett gekämmtes blondes Haar wild um seinen Kopf flattern.

»Komm zu Daddy, du Schweinebacke«, flüsterte er.

Eine Millisekunde, bevor Neil feuerte, trat der Fahrer des Firebird auf die Bremse und brachte beide Wagen auf gleiche Höhe. Neil hatte bereits abgedrückt. Die Kugel verfehlte ihr Ziel und sirrte an der Front des anderen Wagens vorbei. Johnny bremste ebenfalls scharf, aber ehe er begriff, was geschah, senkte sich das Seitenfenster auf der Fahrerseite des Firebird. Die Zwillingsmündung einer Schrotflinte mit abgesägten Läufen erschien in der Öffnung. Sie zielten auf sie. Johnny riss den Mund auf, um Neil zuzurufen, er solle sich ducken, aber –

BOOM!

Es geschah so schnell, dass Johnny kaum Zeit hatte zu blinzeln, geschweige ein Wort über die Lippen zu bringen, um seinen Partner zu warnen. Die massive Schrotladung blies den größten Teil von Neils Kopf weg und spritzte ihn auf Johnnys Gesichtshälfte. Blut, Haare und Gehirnfetzen flogen ihm in den offenen Mund, und er quiekte ein gequältes »Oh, Scheiße!«. Der Schock ließ ihn die Kontrolle über den Wagen verlieren. Der Firebird schwenkte zu ihm herüber, und sein vorderer Kotflügel erwischte den Streifenwagen bei vollem Tempo. Johnny trat abermals auf die Bremse, aber es war viel zu spät. Seinen Händen war das Lenkrad bereits entglitten und drehte sich wild. Aus dem Augenwinkel sah er, wie der Firebird drei- oder viermal hin und her schlingerte, während sein Fahrer darum kämpfte, das Schleudern in den Griff zu kriegen, sich fing und den Highway hinunterraste. Mit kreischenden Reifen schlitterte der Streifenwagen von der Straße und auf das mit Steinen übersäte Wüstengelände daneben. Er prallte auf einen großen Felsklotz, drehte sich in der Luft und schleuderte dabei Neils leblosen Körper aus seinem Sitz.

Johnny fand sich kopfüber mitten in der Luft. Instinktiv krümmte er sich zur Seite und griff nach der Basis seines Sitzes und zog sich mit aller Kraft nach unten. Ihm war beigebracht worden, dass dies das Erste sei, das er tun solle, wenn sich sein Wagen während eines Rennens überschlug. Wenn das Dach des Wagens auf dem Boden aufschlug, müsste Johnny sich vor dem Aufprall schützen, indem er sich mit aller Kraft, komme was wolle, an seinem Sitz festhielt. Er hörte das Dach knirschen und knacken, als es auf dem Wüstenboden landete. Die Beulen im Blech verfehlten seinen Kopf nur um Zentimeter. Drei weitere Male drehte der Wagen sich um seine Längsachse und raubte Johnny jegliche Orientierung. Schließlich landete er auf der Seite, sodass Johnny gegen das Seitenfenster gepresst wurde und auf den sandigen Boden starrte. Der Wagen schaukelte noch ein paar Mal, ehe er endlich zur Ruhe kam.

Was von Neil übrig war, kippte auf ihn. Das verbliebene Auge seines toten Freundes starrte ihn leer an, und Blut tropfte auf ihn herab wie die Vorboten eines Regenschauers. Er hörte das Ticken des abkühlenden Metalls und nahm den beißenden Geruch ausströmenden Benzins wahr.

Eine Sekunde, ehe er das Bewusstsein verlor, nahm Johnny sich vor, den Polizeidienst zu quittieren.

ZWEI ♦

Der Halloweenmorgen verlief auf Devil’s Graveyard völlig anders als jeder andere Morgen. Wie jeden Tag öffnete Joe die Tankstelle um Punkt acht Uhr, aber alles andere an diesem Tag unterschied sich vom gewöhnlichen Ablauf. Er brauchte weniger als zehn Minuten in der frischen, kühlen Luft, um die Vorhängeschlösser an den beiden Tanksäulen zu entfernen und die Pumpen einzuschalten. Nicht einmal die Eidechsen, Schlangen und das diverse Ungeziefer, das ständig in der staubigen Einöde umherglitt und krabbelte, waren zu sehen. Falls das Getier einen Ort kannte, wo es für ein oder zwei Tage Winterschlaf ungestört war, konnte man darauf wetten, dass es sich dorthin zurückgezogen hatte.

Sleepy Joe’s Diner war die einzige Raststätte an dem verlassenen Highway, der zum Hotel Pasadena führte. Sie diente auch als Tankstelle, und da es im Umkreis von hundertfünfzig Kilometern keine weiteren Tankstellen gab, hielten die meisten Leute, die zum Hotel wollten, dort zum Auftanken an. Und an den Tagen kurz vor Halloween liefen die Geschäfte immer am besten.

Joe freute sich auf das Festival fast genauso wie ihm davor graute. Alle möglichen seltsamen Typen kamen vorbei, um ihre Benzintanks und Mägen zu füllen. Neunzig Prozent von ihnen waren totale Spinner; die anderen zehn Prozent konnte man, höflich ausgedrückt, als unbedarft bezeichnen. Bisher hatte in den zwölf Jahren, die er die Tankstelle und das Imbissrestaurant besaß, Halloween immer das gebracht, was er erwartet hatte. Dass es dieses Jahr anders wäre, war unwahrscheinlich.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Zapfsäulen einwandfrei funktionierten und betriebsbereit waren, kehrte er in den sicheren Schutz des Restaurants zurück. Er wusste nur zu gut, dass der Frieden und die Stille draußen lediglich die Ruhe vor dem Sturm waren. Er wusste aus Erfahrung, was auf ihn zukam, und war dankbar, dass, wenn die Dinge später am Tag eine grässliche Wendung nähmen – wie es sicher geschehen würde –, er über einen tornadosicheren Keller verfügte, in dem er sich verkriechen konnte.

In der Küche im hinteren Teil des Restaurants setzte er eine Kanne Kaffee für Jackos alljährlichen Besuch auf. Dann erledigte er seine morgendlichen Hausarbeiten, während das Wasser durchs Kaffeemehl und in die Kanne tropfte.

Gegen halb neun hielt draußen, wie jeden Morgen, ein Lieferwagen mit den Zeitungen. An den meisten Tagen tauschte Joe mit Pete, dem Fahrer, Nettigkeiten aus und schwatzte mit ihm über die örtlichen Neuigkeiten. An diesem Morgen jedoch stieg Pete nicht mal aus dem Lieferwagen aus. Er drehte lediglich das Fenster auf der Fahrerseite herunter und warf einen Stapel Zeitungen, die durch eine Schnur zusammengehalten wurden, auf den Vorplatz. Das Paket landete vor Joes Füßen und wirbelte eine kleine Wolke Sand und Staub hoch.

»’n Morgen, Pete«, sagte Joe und tippte gegen seinen Mützenschirm.

»Hey, Joe. Bin heute Morgen spät dran. Muss gleich weiter.«

»Kann ich dich mit einer Tasse Kaffee locken? Ich habe gerade eine Kanne aufgesetzt.«

»Nein, trotzdem vielen Dank. Hab heute noch eine Menge zu erledigen.«

»Nun, ich sollte eigentlich mal bei dir bezahlen. Ich schätze, ich bin eine Woche im Rückstand.«

Pete begann das Fenster wieder hochzukurbeln. Es war nicht schwer zu erkennen, dass er an diesem Morgen nicht die Absicht hatte, länger zu bleiben.

»Ist schon okay, Joe, ich weiß, dass du mich nicht bescheißt. Du kannst morgen bezahlen. Oder später in der Woche, ist nicht so schlimm.«

»Bist du ganz sicher? Ich kann das Geld aus der Kasse holen.« Aber das hätte er sich sparen können.

Das Fahrerfenster schloss sich und Pete lenkte den Wagen auf die Straße, wobei er Joe kurz zuwinkte. Bald war er nicht mehr zu sehen und unterwegs zum Hotel Pasadena.

An den meisten Tagen dauerte das Schwätzchen der beiden Männer an die fünf Minuten. Pete war normalerweise immer freundlich und dankbar für ein zwangloses Gespräch, aber an Halloween hatte er es immer eilig mit seinen Lieferungen. Auf dem Devil’s Graveyard gab es nur zwei Lieferadressen – Sleepy Joe’s Diner und das Hotel Pasadena –, daher nahm Joe es Pete nicht übel, dass er an diesem Morgen gleich weiterfuhr, auch wenn er ein wenig enttäuscht war.

Um Viertel vor neun hatte er den Imbiss offen und angeheizt und war bereit für die ersten Gäste. Entspannt und gelassen dem Tag ins Auge schauend, schenkte er sich den ersten Becher Kaffee ein und setzte sich an einen der runden Tische, um einen Blick in die Zeitungen zu werfen. In dem Imbiss standen nur acht Tische, jeder mit einer identischen rot-weiß karierten Tischdecke ausstaffiert. Für einen neuen Gast, der zum ersten Mal hereinkam, wäre es niemals offensichtlich gewesen, dass Joe der Inhaber war. Er trug jeden Tag dieselbe blaue Jeanslatzhose, die er nur einmal in der Woche wusch. Sein schütteres graues Haar versteckte sich jeden Tag unter einer fünfzehn Jahre alten roten Baseballmütze, bis auf ein paar Büschel, die an den Ohren drunter hervorschauten. Silbergraue Bartstoppeln glänzten wie winzige Stacheln in seinem schlaffen alten Gesicht, und er setzte immer eine Miene wie drei Tage Regenwetter auf, ganz gleich in welcher Stimmung er sich befand. Sogar als er noch ein junger Mann war, machte der Witz die Runde, dass er aussehe, als hätte ihn der Blitz getroffen, während er gerade an einem Wettkampf im Fratzenschneiden teilnahm.

Die Schlagzeile der ersten Zeitung, die er zu sich heranzog, lautete: »Gesucht: tot oder lebendig – Belohnung $100 000.« Unter der klotzigen Überschrift befand sich ein körniges Foto von einem Videoband irgendeiner örtlichen Überwachungskamera, das einen ganz in Schwarz gekleideten Mann mit fettigem schulterlangem Haar und einer dunklen Sonnenbrille zeigte. Laut dem Artikel, der zu der Schlagzeile gehörte, hatte der Mann eine Reihe bewaffneter Raubüberfälle in einer Kleinstadt in der Nähe verübt. Dabei hatte er einige örtliche Polizeibeamte sowie ein paar unschuldige Mitbürger getötet. Die Anzahl der Toten betrug mehr als dreißig, aber die Polizei erwartete, während der nächsten Tage weitere Leichen zu finden. Der Artikel wagte sogar anzudeuten, dass der Täter der legendäre Bourbon Kid sein könnte. Jeder wusste über den Bourbon Kid Bescheid. Aber sie neigten auch dazu, ihn mit Bigfoot und dem Ungeheuer von Loch Ness in eine Schublade zu stecken.

Joe las stillvergnügt die Zeitung und stellte sich dabei vor, wie es wohl wäre, wenn er die Belohnung für die Ergreifung des Bourbon Kid einheimsen würde. Würde er sich von dem Geld einen neuen Wagen kaufen? Oder vielleicht eine Urlaubsreise machen? Oder sogar in eine bessere Stadt umziehen? Die Antwort war ein entschiedenes Nein. Aber wie wäre es damit, ihn in den Rücken zu schießen, wenn sich die Gelegenheit ergab? Ja, das hatte was. Klar, es wäre feige, aber es geschähe im Interesse der Öffentlichkeit. Und die Öffentlichkeit wäre ihm auf ewig dankbar. Allein aus diesem Grund würde er, wenn er das Geld bekam, niemals in eine andere Stadt ziehen. Es wäre völliger Blödsinn, ein lokaler Held zu sein und nicht mitzukriegen, wie man gefeiert wurde.

Er trank einen Schluck schwarzen Kaffees aus seinem angeschlagenen weißen Lieblingsbecher, als, genau aufs Stichwort, Jacko, sein alljährlicher Besucher, eintraf. Während er jeden Gedanken daran, ein lokaler Held zu werden, in den hintersten Winkel seines Bewusstseins verdrängte, machte Joe sich klar, dass der Besuch Jackos ungefähr das Aufregendste war, das in seinem Leben je geschah.

Als der Neuankömmling hereinkam, klingelte die Glocke über der Tür leise und verkündete sein Eintreffen. Er war ein Schwarzer, Mitte bis Ende zwanzig. Und jedes Jahr kam er in den Imbiss, verkleidet als Michael Jackson wie damals in dem Thriller-Video. Bekleidet war er mit einer roten Lederjacke, einer dazu passenden roten Lederhose und einem blauen T-Shirt. Sein schwarzes Haar trug er kurz geschnitten und in einer betonfesten Dauerwelle.

Jedes Jahr verbrachte Jacko den ganzen Tag im Imbiss, schwatzte mit Joe, trank Kaffee in rauen Mengen und hoffte, dass jemand ihn mit seinem Wagen zum Back-From-The-Dead-Gesangswettbewerb im Hotel Pasadena mitnahm. Jedes Jahr wartete er vergeblich. Aber es schien ihm nichts auszumachen, denn, so sicher wie das Amen in der Kirche, kehrte er jedes Mal zu Halloween zurück, um sein Glück erneut zu versuchen.

Joe sah ihn hereinkommen und sich umschauen. Ihre Blicke trafen sich und beide Männer lächelten einander an. Jacko redete als Erster.

»Immer noch hier, Joe?«

»Immer noch. Willst du das Übliche?«

»Klar, Mister.« Er hielt inne und trat verlegen von einem Fuß auf den anderen, ehe er hinzufügte: »Du weißt, dass ich kein Geld habe, nicht wahr?«

»Ich weiß.«

Joes wackliger Holzstuhl knarrte laut, als er aufstand und zur Theke im hinteren Teil des Imbisses ging. An der Wand dahinter befand sich knapp unter Augenhöhe ein Regalbrett. Darauf stand eine Reihe weißer Porzellanbecher wie der, aus dem Joe getrunken hatte. Er nahm einen aus der Mitte der Reihe und stellte ihn auf die Theke. Dann griff er nach der Kaffeekanne auf einer Anrichte neben dem Durchgang zur Küche und begann, den Becher zu füllen. Als der Becher voll war, hatte Jacko sich auf Joes Stuhl niedergelassen. Und er las Joes Zeitung. Der ältere Mann verzog unwillkürlich das Gesicht zu einem ironischen Grinsen. Dieselbe Prozedur wie jedes Jahr.

»Wie läuft das Geschäft?«, rief Jacko, ohne von der Zeitung hochzuschauen.

»So wie immer.«

»Freut mich zu hören.«

Joe kam zum Tisch und stellte Jacko den Kaffeebecher neben die Zeitung. Er blieb hinter ihm stehen und sah zu, wie er die erste Seite las.

»Was glaubst du, wie dieses Jahr deine Chancen stehen?«, fragte er.

»Dieses Jahr habe ich ein richtig gutes Gefühl.«

»Tatsächlich? Nun, ich setze fünf Bucks, dass du auch diesmal keinen findest, der dich mitnimmt.«

Jacko sah schließlich hoch und zeigte ein perfektes Lächeln, ein Lächeln voller Optimismus und strahlend weißer Zähne, ein Lächeln, auf das ein junger Michael Jackson mit Recht stolz gewesen wäre.

»Du hast so wenig Vertrauen, Joe. Gott wird mir dieses Jahr jemanden schicken. Ich fühle es.«

Joe schüttelte den Kopf. »Wenn Gott irgendetwas hierherschicken sollte, dann ist es Verdruss, mein Freund. Wenn du hier in dieser Gegend zu jemandem in den Wagen steigst, dann bin ich ziemlich sicher, dass ich dich nächstes Jahr nicht wieder sehe.«

Jacko lachte. »Ich hab’s letzte Nacht geträumt. Ich hatte eine Vorahnung, dass Gott einen Mann schickt, der mich sicher durch diese Gegend bringt. Dies ist mein Schicksalstag.«

Joe seufzte. Jacko laberte eine solche Scheiße. Und er redete in einer Sprache, die man in dieser Gegend von niemandem hörte. Doch das machte ihn irgendwie liebenswert.

»Irgendeine Idee, wer dieser Typ ist, den Gott dir schickt?«

»Noch nicht.«

»Hast du irgendeinen Hinweis, wie er aussieht?«

»Nee. Nicht den geringsten.«

Joe streckte eine Hand aus und fuhr damit durch Jackos Dauerwelle. Dann lächelte er. »Na gut. Frühstück in fünf Minuten.«

»Vielen Dank, Sir«, sagte Jacko in einem Ton, der viel zu höflich war für ein Etablissement wie Sleepy Joe’s Diner, das für den Begriff »Scheißladen« hätte Pate stehen können.

Sein Inhaber verzog sich in die Küche und begann, Jackos Frühstück zuzubereiten. Er kannte es auswendig. Zwei Streifen Speck, zwei Würstchen, zwei Hash Browns und ein auf beiden Seiten gebratenes Spiegelei. Vier Scheiben Weizentoast waren bereits mit Butter bestrichen und servierfertig.

Nachdem er die Zutaten aus einem ramponierten alten Kühlschrank geholt hatte, stellte er eine Bratpfanne auf den Herd und warf einen Klumpen Bratfett hinein, gefolgt von den Speckstreifen und zwei fetten Würstchen. Nach einer Weile angelte er einen rostigen Metallpfannenwender aus einer Schublade unter der Spüle und begann, die Würstchen zu wenden. Das kalte Fleisch zischte, als es im heißen Fett landete, und der Bratenduft stieg Joe in die Nase. Als er ihn einatmete, wusste er, dass der Tag endgültig begonnen hatte. In gespannter Erwartung dessen, was kommen würde, rief er in den Gastraum: »Hierher sind jede Menge Fremde unterwegs, weißt du. Und wie in der Zeitung steht, könnte einer von ihnen der Serienmörder sein. Hast du schon mal was von diesem Bourbon Kid gehört? Sollte er hier reinschneien, empfehle ich dir, lieber nicht in seinen Wagen zu steigen.«

Jacko antwortete aus dem Imbiss. »Ich fahre mit jedem Wagen mit. Ich bin nicht pingelig.«

»Der Typ ist ein Killer, Jacko. Ich habe meine Zweifel, dass er von Gott gesandt ist.«

»Die Männer Gottes kommen in vielen verschiedenen Verkleidungen.«

»Etwa auch mit genügend Munition, um Mexiko in Schutt und Asche zu legen?«

»Schon möglich.«

»Na ja, dann ist er vielleicht dein Mann.«

Eine kurze Pause entstand, bis Jacko sich wieder zu Wort meldete. »Der Kaffee ist gut, Joe.«

»Ja. Ich weiß.«

Die beiden schwatzten gut eine Stunde lang, in der Jacko sein Gratisfrühstück verzehrte und dann die Zeitungslektüre fortsetzte, während Joe auf seinem Hocker hinter der Theke saß. Er hatte sich gerade seinen dritten Becher Kaffee eingeschenkt, als draußen ein Wagen vorfuhr. Joe hatte ihn vorher schon mit hohem Tempo vorbeifahren sehen. An einer Kreuzung knapp einen Kilometer die Straße hinunter stand ein Wegweiser, der auf das Hotel Pasadena hinwies, aber jedes Jahr zu Halloween verschwand das Schild und jeder Fahrer, der am Imbiss vorbeikam, kehrte ein paar Minuten später zurück, um nach dem Weg zu fragen.

Joe kannte das Spiel. Er musste den Ahnungslosen mimen, falls jemand hereinkam und sich nach dem Weg zum Hotel Pasadena erkundigte. Dadurch konnte Jacko seine Dienste als Führer anbieten, wenn der Betreffende ihn als Gegenleistung in seinem Wagen mitnahm.

Der Wagen war ein schnittiger schwarzer Schlitten mit langer Motorhaube. Aufgrund der Ausmaße der Haube konnte man mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass sich ein extrem starker Motor darunter befand. Der Motor war auch im Leerlauf ganz schön laut. Tatsächlich röhrte er auf eine Weise, die verriet, dass der Fahrer die Leerlaufdrehzahl absichtlich hoch hielt, damit niemand auf die Idee kam, der Wagen brauche einen Tankstellenservice. Es war ein starker Wagen, und zweifellos wollte der Fahrer, dass alle Leute das auch bemerkten. Nach einer vermutlich langen Fahrt durch die Wüste war der Wagen mit Sand und Staub bedeckt. Da Joe ein zynischer alter Knochen war, verriet er durch nichts, dass der Wagen irgendeinen Eindruck auf ihn machte. Er besaß einen armseligen alten Pick-up und verabscheute jeden, der etwas Besseres fuhr. In Wahrheit hätte er dem schwarzen Wagen nach Möglichkeit überhaupt keine Beachtung geschenkt, aber zu seinem Pech wollte Jacko einiges darüber wissen.

»Was für ein Wagentyp ist das eigentlich?«, fragte Jacko ihn. Joe, der so tat, als hätte er den Wagen noch gar nicht bemerkt, blickte übertrieben angestrengt durch das schmuddelige Fenster. Er erkannte das Modell sofort.

»Ein Pontiac Firebird«, knurrte er.

»Ein was?«

»Ein Pontiac Firebird.« Diesmal dehnte er jede Silbe: »Pontii-ack Fey-er-börd.«

»Was ist ein Pontiac Firebird? Von dem habe ich noch nie etwas gehört.«

»Ein Schlitten für ganz üble Typen.«

»Was meinst du mit …?« Jacko verschluckte den Rest seiner Frage, als die Türglocke erklang und verkündete, dass der Fahrer des Wagens den Imbiss betreten hatte.

Joe wusste auf Anhieb, dass seine Voraussage zutraf. Das war wirklich ein übler Typ. Das spürte man schon an der Aura, die ihn umgab. Der Mann hatte eine mächtige Ausstrahlung. Jeder hätte das schon von Weitem wahrgenommen. Außer Jacko wahrscheinlich.

Der Fremde trug eine schwarze Kampfhose über abgetragenen schwarzen Stiefeln, dazu eine schwere schwarze Lederjacke mit einer völlig unpassenden schwarzen Kapuze. Unter der Jacke spannte sich ein enges schwarzes T-Shirt. Die Augen waren hinter einer dunklen verspiegelten Sonnenbrille mit Stahlgestell verborgen und sein Haar war kräftig, dunkel und strähnig – eigentlich eher fettig. Es hing ihm bis auf die Schultern, war aber völlig ungekämmt. Der Kerl sah absolut cool aus, als schliefe er in seinen Klamotten und kümmerte sich einen Dreck darum.

Während er zur Theke schlenderte, höchstwahrscheinlich um Joe nach dem Weg zu fragen, schaute er zu Jacko und nickte ihm zu. Es bestand kein zweifel: Dies war der Typ auf dem Foto auf der ersten Zeitungsseite. Joe spürte, wie seine Handflächen feucht wurden. War dies ein Zeichen? Kurz vorher hatte er noch darüber nachgedacht, was er tun würde, wenn er jemals mit dem Serienkiller aus dem Zeitungsbericht zusammentreffen sollte. Und nun, als wollte er ihn testen, hatte Gott ihm ausgerechnet diesen Kerl geschickt. Joe dachte an die einhunderttausend Dollar Belohnung. Hätte er den Mut, seinen Plan auszuführen und diesen gesuchten Mörder niederzuschießen, wenn sich ihm die Gelegenheit dazu bot? Zweifellos war dies die einzige Gelegenheit in seinem Leben, an richtig viel Geld zu kommen. Während er noch die Risiken abwog, irgendetwas zu unternehmen, um in den Besitz dieser Geldsumme zu gelangen, begann der Mann zu reden. Seine Stimme war rau und hatte einen unangenehmen, ja bedrohlichen Unterton.

»Habt ihr in dieser Gegend noch nie etwas von Wegweisern gehört?«, fragte er.

Joe zuckte entschuldigend die Achseln. »Hier verkehren nur Einheimische, Mister. Die brauchen keine Wegweiser.«

»Sehe ich aus wie ein Einheimischer?«

»Nein, Sir.«

Wie aufs Stichwort nutzte Jacko, der links von dem Mann an seinem Tisch saß, die Gelegenheit, um sich einzumischen. »Ich kann dir den Weg zeigen, Mister.«

Der Mann wandte sich um, hob einen Finger, um seine Sonnenbrille ein wenig nach unten zu schieben, und musterte Jacko über ihren Rand hinweg von Kopf bis Fuß.

»Du siehst aber nicht so aus, als kämst du von hier.«

»Komme ich auch nicht. Aber ich war schon mal hier.«

»Und du weißt, wohin ich will?« Die Stimme knirschte wie kleine Kieselsteine, die von der Strömung in einem Flussbett herumgeschoben wurden.

Jacko grinste. »Zum Hotel Pasadena, denke ich. Wenn du mich mitnehmen würdest, könnte ich dir den Weg erklären.«

»Warum erklärst du ihn mir nicht jetzt gleich?«

Joe wurde wegen Jacko unruhig. Hatte er nicht erkannt, dass dieser Typ der Serienmörder war – und daher nicht unbedingt jemand, zu dem man freiwillig in den Wagen steigt?

»Na ja, ich will selbst zum Pasadena«, erklärte Jacko aufgeräumt. »Also, als Belohnung, dass ich dir den Weg erkläre, könntest du mich wirklich mitnehmen.«

»Erklär mir einfach, wie ich fahren muss.«

»Na ja, ich bin mir eigentlich nie ganz sicher, bis ich die entsprechende Straße vor mir sehe. Und ich möchte dich doch nicht in die falsche Richtung schicken.«

»Nein. Das willst du ganz gewiss nicht.«

»Und? Nimmst du mich mit?«

Der Mann schob seine Sonnenbrille ein Stück nach oben, sodass seine Augen wieder dahinter verschwanden. Er schien lange und intensiv in Jackos Augen zu starren. Währenddessen traf Joe eine Entscheidung.

Eine Belohnung von einhundert Riesen war einfach zu verlockend, um sie sich durch die Lappen gehen zu lassen.

Langsam, ohne eine sichtbare Bewegung, streckte er die Hand nach einer kleinen Schublade in Hüfthöhe unter der Theke aus. Er bewahrte dort einen kleinen vernickelten Revolver auf für den Fall, dass es Ärger gab. Er brauchte nichts anderes zu tun, als ihn herauszuholen und diesem neuen Gast damit in den Rücken zu schießen, während Jacko ihn ablenkte. Einhundert Riesen im Sack. Gute Arbeit. Vielen Dank. Mit einer für sein vorgerücktes Alter erstaunlich ruhigen Hand zog er die Schublade millimeterweise auf und griff hinein. Seine Finger berührten den kalten Stahl des Revolvers. Sein Herz hämmerte, als wollte es jeden Moment aus seiner Brust springen, aber er hatte Zeit. Der Typ an der Theke blickte immer noch in die andere Richtung und ließ sich offensichtlich Jackos Bitte, mitgenommen zu werden, durch den Kopf gehen. Schließlich, gerade als Joe den Griff der Pistole fest in der Hand hatte, reagierte der Fremde auf Jackos Vorschlag.

»Okay, ich nehme dich mit. Aber hol mir vorher noch zwei Flaschen Bourbon von der Theke.«

Joe sah, wie Jacko das Gesicht verzog, während er sich von seinem Stuhl erhob. »Äh, ich, na ja, ich habe kein Geld.«

Der Mann seufzte, dann griff er mit der rechten Hand in die linke Innentasche seiner Lederjacke. Er zog eine schwere graue Pistole heraus. Während er sich zur Theke umwandte, streckte er den Arm aus und richtete die Pistole auf Joes Hals. Joes Augen quollen hervor, aber er riss seine eigene Waffe so schnell er konnte aus der Schublade und zielte damit auf den Mann in Schwarz.

Was folgte, war ein lauter Knall, der bestimmt kilometerweit im Umkreis zu hören war. Die weißen Porzellanbecher auf dem Regalbrett hinter Joes Kopf waren plötzlich mit dem Blut bespritzt, das aus einem klaffenden Loch in seinem Nacken sprudelte.

Die Mordserie des Tages hatte begonnen.

DREI ♦

Sanchez hasste Fahrten mit dem Autobus. Um ganz ehrlich zu sein, er hatte für jede Art Reise so gut wie nichts übrig, aber eine allem Anschein nach niemals endende Busfahrt ohne offenkundiges Ziel stand auf der Liste der Dinge, die er niemals unternehmen wollte, fast an erster Stelle. Nur seine eigene Pisse zu trinken rangierte noch darüber. Diese spezielle Busfahrt hatte sich einem Drei-Stunden-Flug angeschlossen. Er war auch nicht gerade begeistert vom Fliegen. Tatsache war, dass er niemals in dem Bus gesessen hätte, wenn er nicht Gewinner eines zweiwöchigen Überraschungsurlaubs inklusive aller Nebenkosten gewesen wäre.

Sanchez war in seiner Heimatstadt Santa Mondega als Geizhals bekannt, daher hatte es niemanden verwundert, dass er den Vorteil des kostenlosen Erste-Klasse-Flugs und die Unterbringung in irgendeinem geheimnisvollen Fünfsternehotel irgendwo in Nordamerika genutzt hatte. Er konnte durchaus nach Detroit unterwegs sein oder zu irgendeinem anderen schrecklichen Ort, aber das war ihm egal. Es war einfach befreiend, dass die Reise ihn an Halloween aus Santa Mondega herausgeführt hatte, an einem Tag, an dem es in dem Ort noch schlimmer zuging als üblich. Und das wollte etwas heißen.

Es war dazu gekommen, weil er eine Weile zuvor eine Umfrage für einen Internet Dating Service ausgefüllt hatte, der den Urlaub als Preis für den interessantesten Single in jeder Stadt seiner Region verschenkt hatte. Doch zu Sanchez’ großer Enttäuschung hatte es bei der Auswahl des interessantesten Singles in Santa Mondega ein Unentschieden gegeben. Ärgerlicherweise war der andere Gewinner im Flugzeug direkt neben ihn gesetzt worden und saß auch jetzt im Bus neben ihm. Und es war jemand, der ihm unendlich auf die Nerven ging.

Annabel de Frugyn, oder die »Mystische Lady«, wie sie sich lieber nennen ließ, war die örtliche Spinnerin. Sie war Wahrsagerin von Beruf, und eine miserable dazu – zumindest nach Sanchez’ Meinung. Bereits eine Minute nach dem Start prophezeite sie, dass sie gegen einen Berg rasen würden. Dann identifizierte sie zwei Fluggäste einige Reihen weiter vorne als potenzielle Terroristen. Sie hatten gehört, was sie gesagt hatte, und von diesem Augenblick an war Sanchez überzeugt, dass sie es auf ihn abgesehen hatten, nur weil er neben ihr saß. Das Einzige, was sie richtig vorausgesagt hatte, war, dass sie sowohl im Flugzeug wie auch im Bus nebeneinandersitzen würden. Und nun prophezeite sie etwas, das Sanchez noch beängstigender fand.

»Die Geister sagen mir, dass Sie und ich während der nächsten Tage sehr viel Zeit miteinander verbringen werden«, sagte sie heiter. Sie schenkte ihm ihr scheußliches Zahnlückengrinsen und ein nervtötendes Augenzwinkern.

Verdammte Scheiße, dachte Sanchez. Die ist mindestens sechzig. Und die reinste Schreckschraube. Sie war tatsächlich sechzig und damit genau doppelt so alt wie er. Also ganz und gar nicht die Art weiblicher Gesellschaft, die er sich für diesen Gratisurlaub erhofft hatte.

Es gab keinen freien Sitzplatz im Bus, und es war offensichtlich, dass es auch keine Paare gab. Jeder an Bord schien sein oder ihr Ticket durch die Teilnahme an der gleichen Umfrage gewonnen zu haben, an der auch Sanchez sich beteiligt hatte. So quetschten sich nun fünfundfünfzig alleinstehende Personen, von denen keine unter fünfundzwanzig Jahre alt war, in die Sitze. Die älteste und hässlichste war jedoch zweifellos die Mystische Lady, die neben Sanchez saß.

Ich muss sie so früh wie möglich loswerden, dachte er. Wenn er sich nicht in Acht nahm, kamen die Leute glatt auf die Idee, dass er sie mochte, und das könnte möglicherweise seine Chancen bei jeder der anderen Frauen im Bus ruinieren, die er als Kandidatinnen für seinen unwiderstehlichen Charme betrachtete. Vor allem war da eine attraktive portugiesische Frau zwei Reihen vor ihm auf der anderen Seite des Mittelgangs. Entweder hatte sie ihn schon während des größten Teils der Reise auf dem Kieker oder sie schielte oder war kurzsichtig. Egal was, es störte ihn nicht. Sie war definitiv eine bessere Partie als die alte Vogelscheuche neben ihm.

Es wurde Zeit, jegliche Missverständnisse von Anfang an auszuräumen, fand Sanchez und wandte sich mit dieser Absicht zu seiner Reisegefährtin um. »Ich schätze, Sie wissen, wie diese Überraschungsreisen verlaufen, Annabel«, sagte er, und seine Stimme troff geradezu vor Unaufrichtigkeit. »Wir werden wahrscheinlich schon früh getrennt und sehen uns erst wieder bei der Heimreise. Wenn überhaupt noch einmal.«

»Unsinn«, erwiderte Annabel lachend und schlug ihm mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. »Da wir niemand anderen kennen, müssen wir zusehen, dass wir zusammenbleiben. Es ist doch viel netter, jemanden zu kennen, wenn man sich an einem fremden Ort aufhält, nicht wahr?« Ihre Hand blieb auf seinem Oberschenkel liegen. Er trug braune knielange Shorts aus einem der billigeren Synthetikstoffe, und sie war ihm während des Fluges am Hintern hochgerutscht, sodass Annabels Hand gefährlich nahe davor war, nacktes Fleisch zu berühren.

In dem Brief, der sein gewonnenes Flugticket enthielt, war ihm empfohlen worden, Kleidung für warmes Wetter einzupacken, daher trug Sanchez zu der Hose ein rotes kurzärmeliges Hawaiihemd. Als Vorsichtsmaßnahme hatte er auch noch eine braune Wildlederjacke eingepackt, aber dem Wetter nach zu urteilen, das sie bisher begleitet hatte, würde er sie nicht brauchen. Allerdings müsste er erst einmal Annabel abhängen. Er zwang sich zu einem höflichen Lächeln und antwortete mit zusammengebissenen zähnen auf ihren schwärmerischen Sermon.

»Oh ja, sicher. Natürlich. Das Problem ist nur, dass ich mich ziemlich schnell verlaufe, wenn ich in der Fremde bin. Ernsthaft. Gerade war ich noch da, und dann drehen Sie sich für einen kurzen Moment um und schon bin ich verschwunden.«

»Nun, dann muss ich darauf achten, dass ich Sie nicht aus den Augen verliere, nicht wahr? Keine Sorge, Schätzchen – ich achte schon darauf, dass Sie nicht auf der Strecke bleiben.« Abermals spürte Sanchez, wie ihre Hand seinen Oberschenkel drückte, und er schüttelte sich innerlich. Im Gegensatz zu ihm hatte sie dem Hinweis auf warmes Wetter keine Beachtung geschenkt und trug ein langes Kleid unter zwei Strickjacken. Eine war dunkelblau und verhüllte eine hässliche mottenzerfressene dunkelgrüne Jacke. Ihr langes graues Haar hing bis auf diese reizenden Kleidungsstücke herab und diente den Motten und anderem Ungeziefer als Weg, um von ihrem Kopf auf ihre Kleidung zu gelangen. Sanchez hätte am liebsten ihre Hand von seinem Oberschenkel gewischt, aber ihre vergilbten Fingernägel und die faltigen Hände ekelten ihn an. Wegen ihnen hätte sich sogar ein Leprakranker geschämt. Glücklicherweise nahm sie nach einer ziemlich langen Zeit die Hand von selbst weg und deutete durch das Fenster auf irgendetwas dicht am Straßenrand vor ihnen.

»Sehen Sie mal«, sagte sie aufgeregt. »Da ist ein Straßenschild. Können Sie erkennen, was darauf steht?«

Sie saßen jetzt seit zwei Stunden im Bus. Bei ihrer Ankunft auf einem Flugplatz namens Goodman’s Airfield hatte Sanchez zu seiner Überraschung festgestellt, dass dort kein Reiseführer auf sie wartete. Tatsächlich war niemand da, der ihnen erklärte, wohin sie überhaupt unterwegs waren. Er hatte herumgefragt, aber niemand hatte etwas gewusst. Sogar die Mystische Lady mit ihrem zweifelhaften Talent, in die Zukunft zu blicken, hatte keine Ahnung. Und alle beklagten sich, dass sie keine Netzverbindung für ihre Mobiltelefone hatten. Daher war ein Wegweiser etwas, das auf jeden Fall einer eingehenden Betrachtung wert war.

Seit ihrer Abfahrt vom Flugplatz waren sie auf einem verlassenen Highway durch eine ausgedörrte und eintönige Wüstenlandschaft gerollt. Der Busfahrer hatte mit niemandem gesprochen und sich geweigert, auf irgendwelche Fragen nach ihrem Bestimmungsort zu reagieren, geschweige denn sie zu beantworten. Er war ausgesprochen unfreundlich, aber auch ein ziemlich massiger Kerl, daher hatte sich niemand darüber aufgeregt und sich beklagt. Und bis zu diesem Punkt ihrer Reise waren sie an keinem einzigen Straßenschild vorbeigekommen, dem sie hätten entnehmen können, wo zum Teufel sie sich überhaupt befanden.

Während das Schild näher kam, blinzelte Sanchez durch das Fenster, um zu sehen, was darauf zu lesen war. Das Schild stand vor kilometerweitem Wüstengelände und wurde von einem fernen Panorama orangefarbener Hochebenen und Felsbastionen eingerahmt. Es war schwarz, mindestens drei Meter hoch und an die sieben Meter breit. Und darauf stand: WILLKOMMEN AUF DEVIL’S GRAVEYARD.

»Nett«, sagte Sanchez laut. »Sind nicht gerade die verdammten Bahamas, nicht wahr?« Annabel, die sicherlich um einiges aufgeregter war als er, zeigte es, indem sie mit der einen Hand erneut seinen Oberschenkel drückte und sich mit der anderen Hand auf den eigenen Oberschenkel schlug.

»Finden Sie das nicht einfach nur spannend?«, fragte sie. »Ich habe Santa Mondega seit Jahren nicht mehr verlassen. Ist das alles nicht ein großer Spaß? Junge, Junge, ich könnte jetzt einen Drink gebrauchen, um meine Nerven zu beruhigen.«

Sanchez seufzte, dann griff er in seine Jackentasche. Er holte eine kleine, flache silberne Flasche heraus.

»Da, trinken Sie«, bot er ihr düster an, schraubte die Flasche auf und reichte sie Annabel.

»Du liebe Güte! Was ist das denn?«, fragte sie, wobei ihre Augen in erwartungsvoller Vorfreude auf Alkohol lüstern glänzten.

»Das ist meine eigene Mischung. Ich hab sie für eine besondere Gelegenheit aufbewahrt.«

»Oh, Sanchez, Sie sind ein wahrer Gentleman.«

»Nicht der Rede wert.«

Annabel nahm die Flasche und trank einen kräftigen Schluck. Ein oder zwei Sekunden später begann sie zu husten. Sie verzog ihr ohnehin schon hässliches Gesicht zu einer furchtbaren Grimasse.

»Igitt! Das ist ja grauenhaft. Was ist das?«, fragte sie und würgte.

»Man muss sich erst daran gewöhnen. Sie müssen einfach durchhalten. Wenn wir erst einmal unser Reiseziel erreicht haben, wollen Sie nichts anderes mehr trinken.«

Die Mystische Lady schien nicht überzeugt zu sein. Zehn Minuten nach ihrem ersten Schluck von Sanchez’ Spezialgebräu hatte sie sich in der engen einzigen Toilette des Reisebusses eingeschlossen. Ihre angebliche Fähigkeit, die Zukunft vorherzusagen, hatte ihr nicht geholfen zu erkennen, dass Sanchez ihr eine Flasche mit seiner eigenen Pisse anbieten würde.

Noch wichtiger war jedoch, dass sie das Grauen nicht vorhergesehen hatte, das sie während ihres kurzen Aufenthalts auf Devil’s Graveyard erwartete. Ein Ort mit einem noch viel größeren Untotenproblem als Santa Mondega.

VIER ♦

Fast in derselben Sekunde verstaute der Bourbon Kid die Pistole in seiner Lederjacke und schob sie in ein verstecktes Holster unter seiner linken Achselhöhle. Wie in Zeitlupe begann Joes immer noch aufrechter Körper zu schwanken. Es war eine Folge von einzelnen Abläufen, die der Kid nur zu gut kannte – die Knie des Opfers würden gleich unter ihm nachgeben. Auf die Sekunde genau, bei drei, zitterte der Körper ein wenig, dann sackte er in sich zusammen und stürzte zu Boden wie eine Stoffpuppe. Auf dem Weg nach unten krachte das Gesicht des alten Mannes auf die Massivholztheke. Alles, was dort zurückblieb, war sein Blut. Einige aparte Spritzer befleckten die lange Reihe weißer Porzellanbecher hinter der Theke, während ein paar vereinzelte Tropfen eine Kollektion Keksriegel neben der Kasse zierten. Ein wahres Kunstwerk. Wenn der Kid sich entschlösse, dieses Arrangement zu signieren, könnte es ein Vermögen wert sein.

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