Beschreibung

Jack Parker dachte, er hätte schon einiges durchgemacht. Seine Eltern sind soeben an den Pocken gestorben. Doch auf dem Weg zur Farm seiner Tante ermorden Banditen auch noch seinen Großvater und entführen seine Schwester. Zeit für Jack, die Verfolgung mit Hilfe zweier Kopfgeldjäger selbst in die Hand zu nehmen. Allein in einer gewalttätigen Welt, muss Jack schnell erwachsen werden, wenn er seine Schwester retten will. Und er braucht dringend Hilfe, die beste, die er kriegen kann. Aber die einzigen Kopfgeldjäger, die zur Verfügung stehen, sind Shorty, der Zwerg, und Eustace, der Sohn eines ehemaligen Sklaven. Zusammen mit Jimmie Sue, einer genauso klugen wie käuflichen Dame, nehmen sie die Verfolgung in eine berüchtigte Gegend auf: Das Dickicht. Dort sprudelt aus den ersten windschiefen Bohrtürmen illegal das flüssige Gold, doch Jack ist fest davon überzeugt: Blut ist dicker als Öl.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 476


Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel

Impressum

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Tropen

www.tropen.de

Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Printausgabe: ISBN 978-3-608-50135-3

E-Book: ISBN 978-3-608-10727-2

Dieses E-Book entspricht der 1. Auflage 2014 der Printausgabe

Für Terrill Lee Lankford

Wir erinnern uns an unser Leben, als wäre es eine Geschichte.

ANONYMUS

1

Als Großvater zu uns rausgefahren kam und mich und meine Schwester Lula abholte und zur Fähre karrte, ahnte ich nicht, dass alles bald noch viel schlimmer werden oder dass ich mich mit einem schießwütigen Zwerg zusammentun würde, mit dem Sohn eines Sklaven und mit einem großen, wütenden Eber, geschweige denn, dass ich mich unsterblich verlieben und jemand erschießen würde, aber genau so war’s.

Angefangen hat alles mit den Pocken. Die preschten durch unsere Gegend wie ein Maultier auf der Flucht, und in dem Städtchen Hinge Gate ganz in unserer Nähe wüteten sie besonders grausam. Dort tauchten sie in Gestalt eines mit Pusteln übersäten, nässenden Todes auf und brachten so viele Leute um, dass sie als Epidemie bezeichnet wurden. Und unsere Ma und unser Pa sind auch dran gestorben, dabei ist keiner von ihnen jemals auch nur einen Tag krank gewesen. Ich dagegen war meine ganze Kindheit hindurch kränklich, bis ich irgendwann die Kurve kriegte, und Lula war schon immer ziemlich dürr, aber wir bekamen sie beide nicht. Zu der Zeit war ich ein gesunder Sechzehnjähriger, und sie war vierzehn und fing langsam an, richtig etwas herzumachen. Die Pocken rauschten an uns vorbei, als wären sie auf einem Auge blind. An Ma und Pa schlichen sie sich allerdings ran, und sie bekamen Fieber und so Blasen, und wenn sie nach Luft schnappten, klang das wie eine kaputte Quetschkommode. Am schlimmsten war, dass wir nur zuschauen und überhaupt nichts dagegen tun konnten. Wir konnten sie nicht mal anfassen, sonst hätten wir’s womöglich auch gekriegt.

Die Pocken krochen in sämtliche Winkel des Städtchens, als suchten sie nach Geld. Die Toten stapelten sich vor den Häusern, wurden auf Karren geladen und so schnell wie möglich begraben. In manchen Fällen, wenn niemand wusste, wer sie waren, wurden sie verbrannt, denn es gab Leute, die waren auf der Durchreise und steckten sich an und starben, ohne irgendwelche Informationen zu hinterlassen, wie sie hießen oder wohin sie unterwegs waren. Sheriff Gaston musste schließlich an den Hauptstraßen Schilder aufstellen, dass niemand den Ort verlassen oder betreten durfte, damit sich die Seuche nicht noch weiter ausbreitete.

Es gab Leute, die zündeten vor und in ihren Häusern Rauchtiegel an, weil sie glaubten, das würde gegen die Pocken helfen, aber das half nichts– es verqualmte nur alles, und die Kranken bekamen noch schlechter Luft.

Wir wohnten am Rand des Ortes, und ich war immer der Meinung, dass der Kesselflicker die Pocken angeschleppt hat, zusammen mit den Waren auf seinem Karren. Ich glaube, das Elend fing an, als mein Pa ihm die Hand schüttelte und die Pfanne abkaufte. Er und Ma wurden kurz darauf krank, obwohl der Kesselflicker keine Pusteln hatte, jedenfalls keine, die ich sehen konnte.

Ich bin gleich auf dem Maultier in den Ort geritten und hab den Doktor geholt. Er kam zu uns raus und sah sofort, dass da nichts mehr zu retten war, ebenso gut hätte er versuchen können, ein Ölgemälde zum Leben zu erwecken. Er konnte rein gar nichts tun, aber er hat ihnen ein paar Pillen gegeben, damit es so aussah, als würde er es wenigstens versuchen. Ein paar Tage später ging es Ma und Pa richtig schlimm, und ich ritt noch mal in den Ort, aber der Doktor war inzwischen selbst dran gestorben und lag bereits unter der Erde. Jemand hatte einen brennenden Rauchtiegel auf sein Grab gestellt. Das wusste ich, weil ich es sah, als ich auf dem Hinweg am Friedhof vorbeikam, und auf dem Rückweg wusste ich dann auch, wessen Grab es war. Irgendjemand glaubte wohl, der Qualm würde die Pocken daran hindern, sich weiter auszubreiten. Schwer zu sagen, was die Leute wirklich dachten, denn die Pocken brachten nicht nur viele Männer, Frauen und Kinder um, sie machten den Lebenden auch solche Angst, dass sie den Verstand verloren, und um meinen war’s auch nicht allzu gut bestellt.

Als ich wieder nach Hause kam, waren sie beide tot, und Lula hockte im Garten und heulte; in einer Hand hielt sie ein Huhn, das wie wild flatterte, obwohl sie ihm den Hals umgedreht hatte. Sie hatte was zu essen richten wollen, und das mit zwei Toten im Haus. Ich und Lula hatten uns ins Freie unter einen Baum geflüchtet, um uns von den Pocken fernzuhalten, und wir kochten da draußen und aßen da draußen. Ab und zu schaute Grandpa vorbei und kümmerte sich um Ma und Pa, denn er konnte es nicht kriegen. Er hatte es, als er jünger war, schon mal gehabt und lebte noch, also konnte er sich nicht noch mal anstecken. Das war irgendwo ganz oben bei den Cheyenne gewesen, in der Nähe der Wind River Range, was echt weit weg ist von Osttexas. Eingefangen hat er es sich genauso wie die Cheyenne– von irgendwelchen infizierten Decken, die ihnen ein paar Weiße aus Jux gegeben haben. Er war als Missionar dort und lebte unter den Indianern. Er und Grandma kriegten es beide und wurden wieder gesund, und ein paar Jahre später wurde Grandma in der Nähe von Gilmer in Texas von einer verschreckten Kuh totgetrampelt, während sie versuchte, das Tier zu beruhigen und zu melken. Die Pocken haben sie nicht umgebracht, aber eine Kuh, die nicht gemolken werden wollte, hat’s geschafft.

An Grandma kann ich mich kaum noch erinnern. Ich muss wohl so um die fünf gewesen sein, als die Kuh sie abgemurkst hat. Lula war damals zwei Jahre alt. Grandpa, so wurde in unserer Familie erzählt, hat die Kuh erschossen und aufgegessen. Wahrscheinlich hielt er es nur für gerecht, aus dem blutrünstigen Vieh ein Steak zu machen. Ich hab nie gehört, dass er traurig über Grandma oder die Kuh geredet hätte, aber er und Grandma sind anscheinend gut miteinander klargekommen, und bis zu dem Tag hatten er und die Kuh, so weit ich gehört hab, auch nie irgendwelchen Ärger miteinander.

An dem Tag, als Ma und Pa starben, bin ich zu ihnen reingegangen, aber ich hab mich von ihnen ferngehalten und auch nichts angefasst. Sie sahen schrecklich aus, überall Pusteln und Blut, wo sie sich gekratzt hatten, und diese kleinen, seltsamen Bläschen mit den Dellen drin waren aufgeplatzt und nässten. Ich ritt auf unserem müden alten Maultier zu Grandpa rüber, der nicht weit weg von uns wohnte, und er zog sein staubiges Jackett an, setzte seinen Hut auf und begleitete mich auf seinem Wagen zurück. Er nahm ein paar Säcke Kalk mit, den er sonst für seinen Garten brauchte, und zwei Kiefernholzkisten, die er in weiser Voraussicht gebaut hatte. Außerdem hatte er mehrere gepackte Taschen auf den Wagen geladen, aber zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was das sollte, und ich war auch zu benommen, um danach zu fragen.

Ich und Grandpa hoben für Ma und Pa Gräber aus. Weil Grandpa die Pocken nicht kriegen konnte, rollte er sie auf frische Laken, schleifte sie aus dem Haus, hievte sie in die Särge und schüttete Kalk über sie. Ich half ihm, die Särge an Seilen in die Löcher runterzulassen. Während wir Erde drüberschaufelten, meinte er, der Kalk würde dafür sorgen, dass die Krankheit sich nicht weiter ausbreitete. Ich weiß ja nicht. Zwei Meter Erde hatten damit bestimmt auch was zu tun.

Wir begruben sie, und er predigte mit der Bibel in der Hand ein paar Worte, welche Stelle, weiß ich allerdings nicht mehr. Ich war noch immer zu betäubt, und Lula sah aus, als wäre ihr Verstand an einen Ort gegangen, wohin ihm niemand folgen konnte. Sie hatte keinen Ton gesagt, seit ich aus dem Ort zurückgekommen war; das tote Huhn hatten wir schließlich in einen Graben geworfen. Als Grandpa mit der Predigt fertig war, steckte er das Haus in Brand, setzte uns auf den Wagen und zuckelte los; unser altes Maultier hatte er mit einem Seil hinten drangebunden.

»Wohin fahren wir?«, fragte ich, den Blick auf unser Zuhause gerichtet, das in Flammen stand. Etwas anderes fiel mir nicht ein. Lula hatte die Arme um ihren Oberkörper geschlungen und sagte gar nichts. Wer sie nicht kannte, hätte meinen können, sie wäre stumm.

»Je nun, Jack«, antwortete Grandpa, ohne auch nur einen Blick über die Schulter zu werfen, »zu dem brennenden Haus zurück bestimmt nicht. Ihr fahrt rauf nach Kansas zu eurer Tante Tessle.«

»Die kenn ich doch gar nicht«, sagte Lula. Offenbar war das etwas, das sie aus ihrer Benommenheit gerissen und ihr die Sprache zurückgegeben hatte. Sie sagte es so plötzlich und unerwartet, dass ich ein wenig zusammenzuckte, und Grandpa glaube ich auch.

»Ich kann mich kaum an sie erinnern«, sagte ich.

»Wie dem auch sei, ihr werdet bei ihr wohnen«, erwiderte Grandpa. »Sie weiß noch nichts davon, aber ich hab mir gedacht, es ist vielleicht besser, ihr nicht zu viel Zeit zu geben, darüber nachzugrübeln. Wir werden sie einfach überraschen. Und da ich auch vorhabe, zu ihr zu ziehen, wenn auch ein wenig später, um ihr nicht zu viel auf einmal zuzumuten, wird das eine ganz ordentliche Überraschung. So richtig hab ich Tessle eigentlich nie gemocht, weil Mama sie mir immer vorgezogen hat, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen.«

»Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?«, fragte ich. »Dass wir einfach so bei ihr aufkreuzen?«

»Keine Ahnung, ob es eine gute Idee ist«, antwortete er. »Aber so machen wir’s. Und ich sag euch noch zwei Dinge. Ich hab das kommen sehen und mein ganzes Vieh verkauft, mit Ausnahme der beiden Maultiere, und ihr habt das Maultier von eurem Pa, und jetzt habt ihr auch die Verträge für beide Grundstücke, das von eurem Vater und das von mir. Die liegen in Sylvester auf der Bank. Ich hab sie nicht hier auf die Bank gegeben, weil ich mir dachte, hier geht wegen den Pocken eh alles drunter und drüber. Zuständig ist ein Anwalt namens Cowton Little. Er soll die Grundstücke zu einem fairen Preis verkaufen und euch das Geld zukommen lassen, abzüglich seiner Provision natürlich. Ich hab keine Ahnung, wie lang das dauern wird, aber meins ist bestimmt eine Menge wert, wenn der Ort erst mal weiter wächst, und das wird er. Das Land eurer Eltern ist auch in Ordnung, und sobald die Pocken vorbei sind und niemand mehr dran denkt, woran sie gestorben sind, kriegt man dafür bestimmt einen guten Preis. Habt ihr das alles begriffen?«

Wir sagten beide ja, wir hätten es begriffen, auch wenn Lula wieder einen eher abwesenden Eindruck machte. Sie war schon unter normalen Umständen flatterhaft, zerbrach sich andauernd den Kopf über die Form der Wolken und fragte, warum manche Dinge grün waren und solche Sachen. Natürlich war ihr »weil der Herrgott sie so geschaffen hat« nie Antwort genug. Sie suchte immer nach einer höheren Wahrheit, als ob es so was gäbe. Grandpa sagte, wenn sie irgendwo ein Loch in der Erde entdeckte, dann musste da auch was drin sein, und das mit gutem Grund, und es musste eine Vorgeschichte haben, auch wenn sie diese nicht kannte. Mit einem leeren Loch gab sie sich nie zufrieden, und wenn was drin war, hatte es vielleicht noch nicht darüber nachgedacht, warum und wie es da reingekommen war. »Hüte dich vor einer Frau, die für alles einen Grund wissen will.«

Grandpa griff in seine Tasche und zog mehrere Blätter Papier hervor. »Das sind die Unterlagen über die Grundstücke. Wenn ich nach Kansas raufgehe, komme ich nicht mehr zurück, und ihr möglicherweise auch nicht, aber ihr könnt eure Geschäfte mit dem Anwalt, wenn nötig, per Post abwickeln.«

Ich nahm die Papiere, faltete sie zusammen und steckte sie tief in die Tasche meiner Latzhose.

»Gib gut darauf acht«, sagte Grandpa.

»Werd ich«, erwiderte ich.

»Sie sind in euer beider Namen, aber wenn einer von euch umgebracht wird oder stirbt, dann gehen sie auf den anderen über. Und wenn ihr beide umgebracht werdet, na ja, wenn ich dann noch am Leben bin, fallen sie wohl an mich zurück, und wenn wir alle tot sind, gehört wohl alles Tessle, auch wenn ich mir überlegt habe, eine der Kirchen im Ort als Erben einzusetzen, aber das sind alles Baptisten, und die fahren zur Hölle. Dann dachte ich, ich könnte vielleicht auf meinem Grundstück eine Methodistenkirche gründen, aber daraus wird jetzt nichts mehr. Selbst wenn ich nicht wegziehen würde, hab ich dafür einfach nicht mehr die Kraft. Allerdings hab ich dich als Testamentsvollstrecker eingetragen, Jack. Lula bekommt von jedem Stück Land, das du verkaufst, etwas ab, aber du entscheidest, was für Geschäfte du abschließt, denn du bist der Älteste und der Mann oder wirst es jedenfalls noch.«

Also, das sieht jetzt vielleicht so aus, als hätte ich den Tod meiner Eltern verdammt gut weggesteckt, aber ihr könnt mir glauben, so war’s keineswegs. Ich hatte das schon seit ein paar Tagen kommen sehen, und nachdem so viele Leute gestorben waren, hat mich die ganze Sache nicht ganz so umgehauen, wie wenn ich gerade aufgestanden wäre und sie ohne ein Anzeichen von Krankheit tot vorgefunden hätte. Wir hatten sogar schon recht früh Kleider beiseitegelegt und zu Grandpa gebracht, nur für den Fall, dass sie nicht durchkommen würden. Die Kleider waren, so hofften wir, nicht mit Pocken infiziert und schon mal aus dem Haus. Jetzt wurde mir klar, dass die sauberen Kleider noch immer in den Taschen waren, die er für uns gepackt hatte, zusammen mit anderen Dingen, die wir vielleicht brauchen würden. Er hatte sie einfach in Laken gewickelt und beiseitegelegt. Das klingt gefühllos, aber Grandpa war ein praktisch veranlagter Mensch.

Trotzdem, tief in mir drin– und ich bin mir sicher, dass es Lula genauso erging und wahrscheinlich sogar Grandpa– tief in mir drin versuchte ich noch immer, mit Herz und Verstand zu begreifen, dass sie so brutal und so schnell aus dem Leben gerissen worden waren. Ich brachte keine Träne zustande. Ich wollte weinen, aber ich konnte nicht. Lula ebenso wenig. So sind wir Parkers nun mal. Wir nehmen die Dinge so, wie sie kommen. Jedenfalls oberflächlich. Wenn man jedoch an uns kratzt, stößt man rasch auf Wackelpudding. Uns mag es schwerfallen zu weinen, aber sobald wir erst damit anfangen, dann ist Hochwasser angesagt, und es ist besser, die Tiere paarweise in Sicherheit zu bringen.

Nun saßen wir also auf dem klapprigen Wagen, so benommen, als wäre uns ein Stein auf den Kopf gefallen. Pas Maultier lief hinterher. Lula kauerte auf der Ladefläche, und ich saß neben Grandpa, der leise schnalzte, um seine Maultiere anzutreiben, sogar recht freundlich, was ich überhaupt nicht gewohnt war. Pa fluchte immer lauthals und beschimpfte sie und dergleichen. Das meinte er allerdings nicht böse. Er behandelte die Maultiere gut. So redete er nun mal, und die Maultiere verstanden das und schenkten dem keine Beachtung, schließlich waren sie ein ganzes Stück schlauer als Pferde. Zwei Pferde zusammengenommen haben nicht so viel Verstand wie ein altes Maultier, und wenn man unanständiges Zeug redet, werden sie nervös.

»Wenn ich mich nicht täusche«, sagte Grandpa, »kann ich mir ein paar Tage Zeit lassen, um euch drüben in Taylor zum Zug zu bringen, und von dort fahrt ihr hoch nach Kansas. Ich werd euch so ungefähr erklären, wie ihr zu Tessle kommt, aber wenn ihr da seid, schadet es nichts, wenn ihr euch nach ihrem Haus erkundigt, denn so genau weiß ich nicht mehr, wo sie wohnt. Ich komme mit dem Wagen nach, denn ich möchte mir unterwegs noch den ein oder anderen Ort anschauen. Wahrscheinlich ist das sowieso meine letzte größere Reise. Außerdem möchte ich nicht für drei Fahrscheine blechen.«

Mich wunderte schon, dass er für zwei blechen wollte. Daddy hat immer gesagt, Grandpa sei so geizig, dass er nicht mal ’ne neue Hose kaufte, wenn seine alte im Schritt durchgescheuert war. Grandma wünschte sich immer die ein oder andere Kleinigkeit, so erzählte Mutter, und er kaufte ihr nichts davon. Er hielt alles, was er besaß, gut in Schuss, damit er nichts ersetzen musste; sein Werkzeug, das er aus zweiter Hand gekauft hatte, sah besser aus als neu. Seiner Meinung nach brauchte man nichts kaufen, das keinen praktischen Zweck erfüllte oder das man nicht essen konnte. Und dazu zählten auch ein neuer Sonnenhut und ein Kleid für Grandma. Nachdem Ma und Pa tot waren, graute ihm wahrscheinlich bei der Vorstellung, sich den ganzen Weg bis nach Kansas mit uns herumzuärgern, und da kaufte er lieber zwei Zugfahrscheine und hatte seinen Frieden.

»Meinst du nicht, du solltest ihr besser einen Brief schreiben?«, fragte ich, denn Tante Tessle ging mir nicht aus dem Kopf. »Und sie wissen lassen, dass wir kommen?«

»Bis ich den geschrieben und abgeschickt hab und bis sie ihn gekriegt hat, habt ihr beide vielleicht schon die Pocken. Nein, Sir. Du und deine Schwester, ihr macht euch heute auf den Weg.«

»Jawohl, Sir«, sagte ich.

»Vor ein paar Tagen ging es ihnen noch gut«, schoss es aus Lula raus wie ein Kern aus einem zusammengedrückten Granatapfel.

»So ist das nun mal«, erwiderte Grandpa. Ich saß neben ihm auf der Bank und spürte, wie er ein wenig zitterte, das einzige Anzeichen dafür, dass ihm die ganze Sache doch nahegegangen war. Ich denke mal, ein Mann, der mehrere seiner Kinder begraben, auf zahlreichen Beerdigungen gepredigt, hin und wieder Tiere geschlachtet, die Cheyenne sterben gesehen und die Pocken überlebt hat, härtet mit der Zeit ein wenig ab; und dann noch die Sache mit Grandma und der Kuh. Er war ein religiöser Mensch und vertrat die Meinung, dass er alle im Himmel wiedersehen würde. Davon war er fest überzeugt, und das tröstete ihn in allen Lebenslagen, und er hatte mir beigebracht, auf diese Weise mit der Welt fertigzuwerden und nicht zu viel über mich selbst nachzudenken, denn das würde mich nur auf Gedanken bringen, die zwar richtig sein mochten, aber auch unangenehm.

Während wir so dahinfuhren, sah ich, dass sich der Himmel im Nordwesten verfinsterte, und der Geruch von Regen lag in der Luft, süß und schmutzig, wie ein nasser Hund. Als wir den Sabine River erreichten, war der Himmel tiefschwarz, und die Brücke über den Fluss war abgebrannt. Nur noch ein paar Balken ragten auf beiden Seiten über das Wasser, und die waren verkohlt und geborsten. Der Fluss war nicht breit, aber doch breit und tief genug, sodass man normalerweise nur auf einer Brücke rüberkam, außer in einer wirklich trockenen Jahreszeit.

Etwa fünf Meilen flussabwärts gab es eine Furt, aber den Umweg konnten wir uns sparen, denn jetzt gab es eine Fähre, die anstelle der Brücke den Fluss überquerte. Wir konnten sie am anderen Ufer sehen. Es war eine ziemlich breite Fähre, die Pferde und dergleichen transportieren konnte, und der Mann, der sie betrieb, war ein großer Kerl und rothaarig, wie ich. Er wartete, bis ein Wagen von zwei großen weißen Pferden von der Fähre runtergezogen wurde, dann schloss er das Gatter und packte eines der Seile, das über eine Rollenkonstruktion lief, und zog die Fähre langsam zu uns rüber.

Die Fähre war neu, und der Fährmann musste sich ziemlich anstrengen. Seine Bewegungen wirkten auf mich irgendwie so, als wäre die ganze Sache noch ungewohnt für ihn, als hätte er sich diesem Gewerbe erst kürzlich zugewandt. Wir warteten, bis er auf unserer Seite angelangt war, und als er das schließlich geschafft hatte, legte er an dem Seil so was wie eine hölzerne Bremse um und ließ eine Planke herab. Er stakste an Land, als würde er auf Holzbeinen laufen, was für mich ein weiterer Hinweis war, dass er diesen Beruf noch nicht lange ausübte. Grandpa gab mir die Zügel, stieg vom Wagen und ging zu ihm hinüber. Ich konnte sie reden hören.

»Was ist mit der Brücke passiert?«, wollte Grandpa wissen.

»Die ist abgebrannt«, sagte der Fährmann.

»Das seh ich. Wann?«

»Ach, vor einem Monat oder so.«

»Wie das?«

»Sie ist in Brand geraten.«

»Ich weiß, dass sie in Brand geraten ist, aber wie ist sie in Brand geraten?«

»Keine Ahnung.«

»Wird sie jemand wieder aufbauen?«

»Ich nicht«, sagte der Fährmann.

»Das glaub ich gern. Wie viel?«

»Fünfzig Cent.«

Grandpa starrte den Fährmann an, als hätte der ihn gerade gefragt, ob er ihm eins überziehen solle. »Fünfzig Cent? Sie übertreiben doch bestimmt.«

»Nein«, erwiderte der Fährmann. »Glaub nicht. Wenn übertreiben bedeutet, dass ich einen Preis nenne, den ich nicht ernst meine, dann mach ich das nicht, auf keinen Fall.«

»Das ist Straßenraub.«

»Nein, Sir. Das ist der Obolus, um auf meiner brandneuen Fähre den Fluss zu überqueren«, sagte der Fährmann und kratzte sich den roten Schopf. »Wenn Sie nicht zahlen wollen, können Sie fünf Meilen den Fluss runterfahren und ihn an der Furt überqueren. Aber wenn Sie das machen, haben Sie ein schwieriges Wegstück vor sich, bevor Sie auf einen Pfad kommen, der in etwa einer Meile zur Straße führt. Mit dem Wagen wäre das mühselig.«

»Ich muss jetzt da rüber. Nicht in fünf Meilen.«

»Tja, dann werden Sie wohl fünfzig Cent berappen müssen, oder? Die Pferde könnten vielleicht rüberschwimmen, aber für einen Wagen ist es zu tief, also müssten Sie Bäume fällen und an der Seite festbinden, damit er nicht untergeht, und das ist wahrscheinlich mehr Aufwand, als Ihnen lieb ist. Außerdem haben Sie bestimmt keine Axt dabei, und ich leih Ihnen keine. Also bleiben Ihnen nur zwei andere Möglichkeiten: Entweder Sie fahren die fünf Meilen bis zur Furt, oder Sie drehen um.« Der Fährmann streckte die Hand aus.

Grandpa schob sich den Hut in den Nacken, und darunter kam sein wildes graues Haar zum Vorschein. »Na gut, aber nur unter Protest. Und ich warne Sie, der Herr findet keinen Gefallen an einem Dieb.«

»Das ist ein Wegzoll– mit Diebstahl hat das nichts zu tun. Es ist einfach nur mehr, als Sie bezahlen wollen, und der Herr muss den Fluss nicht überqueren. Sie müssen das. Was ist jetzt, wollen Sie rüber oder nicht?«

Grandpa vergrub die Hand in der Tasche, als würde er in einer dunklen Mine nach dem letzten Stück Kohle greifen, das auf der ganzen Welt übrig war, zog zwei Vierteldollarmünzen hervor, klatschte sie dem Fährmann in die Handfläche und kam zum Wagen zurück. Der Wegzoll schien ihn mehr aufzubringen als die Tatsache, dass er vor Kurzem seinen Sohn und seine Schwiegertochter beerdigt hatte.

Er kletterte auf den Wagen und blieb einen Moment reglos sitzen, den Blick himmelwärts gerichtet. »Ich denke schon, dass wir die fünf Meilen schaffen würden, aber da zieht ein Unwetter auf, also hab ich ihm seinen überteuerten Obolus bezahlt, und möge der Herr über ihn richten.«

»Jawohl, Sir«, sagte ich.

»Vermutlich hat er die Brücke selbst abgefackelt, um die Fähre zu bauen«, sagte Grandpa und musterte den Fährmann von oben herab. »Für mich sieht er wie jemand aus, der so was tun würde, meinst du nicht auch? Das ist kein gottesfürchtiger Mensch.«

»Ich weiß es nicht, Sir«, erwiderte ich. »Wenn du es sagst.«

»Ich sage es, aber wir müssen da rüber. Und wenn wir auf der Fähre sind, dann achte auf den Fährmann und halt dich von ihm fern. Ich glaube, er hat Flöhe.«

Grandpa schnalzte den Maultieren zu und steuerte den Wagen zur Fähre. Während er dagesessen und nachgedacht hatte, war ein großer Mann auf einem Fuchs herangeritten und hatte die Fähre bestiegen. Wir konnten hören, wie er mit dem Fährmann um den Obolus feilschte. Er kam weit schneller als Grandpa zu dem Schluss, dass es angemessen war, und bis wir das Ufer erreicht hatten, konnte ich jenseits des Feldes zwei Männer auf Pferden sehen, die den Pfad entlanggeritten kamen, wo er noch von Bäumen gesäumt war. Der Schatten der Regenwolken lag auf ihnen wie schmutziges Moos. Sah so aus, als würde die Fähre voll werden.

Grandpa band die Maultiere im Bug an die Reling und blockierte die Hinterräder mit Holzkeilen, damit sie nicht ins Rollen gerieten. Bessy, unser altes Maultier, blieb hinten am Wagen festgebunden, und ich und Lula standen in ihrer Nähe, aber nicht zu dicht, denn sie hatte die Angewohnheit, wie eine Kuh seitlich auszukeilen, wenn sie das Gefühl hatte, jemand kam ihrem Hinterteil zu nahe. Ich wusste nicht so genau, was sie sich dabei dachte oder was für finstere Absichten sie uns unterstellte, aber ich möchte kurz anmerken, dass wir nicht Bessies erste Eigentümer waren.

Der große Mann war von seinem Pferd abgestiegen, führte seinen Fuchs zum Bug und band ihn neben unseren Zugtieren fest. Dabei kam er an uns vorbei, warf Lula einen Blick zu und sagte: »Was bist du nicht für ein hübsches Ding.«

Bisher hab ich mich noch kaum dazu geäußert, wie Lula aussah, und das sollte ich jetzt wohl nachholen. Sie war groß und schlank, und ihr rotes Haar floss unter einer allerliebsten blauen Reisehaube hervor, auf die an der Seite eine gelbe Kunstblume genäht war. Um den Hals trug sie einen Silberstern an einer Kette, den ich ihr im Gemischtwarenladen im Ort gekauft hatte. Dort gab es noch anderen Krimskrams, silberne Blümchen und kleine Herzen, und ich denk mal, die hätten ihr auch gut gestanden, aber im Jahr davor hatte sie mich aus dem Haus gezerrt, zum Nachthimmel hochgedeutet und gesagt: »Siehst du den Stern dort, Jack? Der gehört mir!« Das leuchtete mir ungefähr ebenso ein wie Polkamusik, vielleicht sogar noch weniger, aber es blieb mir im Gedächtnis, und als ich irgendwann einmal im Ort war und etwas Geld dabei hatte, hab ich ihr den Stern gekauft. Sie zog ihn nie aus. Ich war stolz darauf, dass ich ihn ihr geschenkt hatte, und mir gefiel, wie er das Licht einfing und an ihrem Hals funkelte. Sie trug ein hellblaues Kleid mit einer gelben Bordüre, die zu der Blume passte, und sie hatte hohe Schnürstiefel an, die so schwarz glänzten wie Schmierfett. Das waren die Kleider, die Grandpa vor ein paar Tagen aus dem Haus geholt hatte, bevor die Pocken sie verpesten konnten. Darin sah sie gleichzeitig wie eine junge Frau und wie ein Kind aus. Sie war bildhübsch, das stimmt, aber die Art und Weise, wie der Mann das gesagt hatte, ärgerte mich. Vielleicht lag es auch daran, wie er lächelte und den Blick über sie wandern ließ; nichts, worauf man den Finger legen oder was man in Worte fassen konnte, aber irgendetwas veranlasste mich trotzdem, ihn im Auge zu behalten.

Lula sagte nur: »Vielen Dank«, und neigte sittsam den Kopf.

Der Mann fügte hinzu: »Die beiden Maultiere da sehen auch nicht übel aus«, was seine vorherige Bemerkung für mein Gefühl in ein ziemlich übles Licht setzte.

Ich glaube nicht, dass Grandpa das alles hörte. Er war noch immer am Meckern und redete auf den Fährmann ein, offenbar versuchte er, einen Teil seines Geldes zurückzukriegen.

Als das nicht klappte, fragte Grandpa: »Nun, worauf warten wir?«

»Auf die beiden Reiter dort«, antwortete der Fährmann.

»Wie wäre es, wenn Sie uns rüberbringen und dann zurückkommen?«

»Das wäre umsonst gearbeitet.« Der Fährmann kratzte sich den roten Schopf und betrachtete dann seine Fingernägel, um zu sehen, ob er nicht irgendwas Interessantes erwischt hatte.

»Wir haben unsere fünfzig Cent bezahlt. Das sollte genügen. Außerdem wird es mit den beiden ziemlich eng hier.«

Der große Mann warf ein: »Das sind Freunde von mir, und wir können alle warten.«

»Müssen wir aber nicht«, erwiderte Grandpa.

»Nein, werden wir aber.«

»Besser so«, sagte der Fährmann. »Besser so.«

Jetzt muss ich mal was erklären. Grandpa war ein großer Mann. Er mochte schon um die siebzig sein, aber ehrfurchtgebietend war er trotzdem noch mit seiner grauen Mähne, die früher mal rot gewesen war, und mit der er wie ein Löwe aussah. Er hatte einen dichten Bart von der Farbe schmutziger Baumwolle, und damit wirkte er noch löwenhafter, selbst wenn er einen Hut aufhatte. Sein Gesicht war immer hochrot. Er sah ständig so aus, als würde er überkochen. »Irische Haut« nannte er das. Er war breitschultrig und muskulös, denn er hatte sein ganzes Leben lang schwer gearbeitet. Und dann hatte er das Auftreten eines Mannes, der wusste, wo’s langgeht, was nicht nur an seiner Größe und Erfahrung lag, sondern an seinem ehrlichen und unerschütterlichen Glauben, dass Gott auf seiner Seite war und für niemand auch nur ansatzweise so viel übrig hatte wie für ihn. Vermutlich, weil er früher Prediger gewesen war und das Gefühl hatte, ihm sei ein besonderes Wissen über das Leben zuteil geworden, und wenn er in den Himmel kam, würde er mit Gott höchstpersönlich Choräle singen, während sie sich mit einem Lächeln auf dem Gesicht aneinanderlehnten und den ein oder anderen geschmackvollen Witz rissen– was natürlich bedeutete, dass sie nichts mit Frauen oder Klohäuschen zu tun hatten.

Aber so mächtig und aufbrausend Grandpa auch war, angesichts des großen Mannes, der auf dem Fuchs geritten war, wurde er so still wie eine Maus, die über eine weiche Decke trippelt. Er hatte da etwas gesehen, das ihm unangenehm aufstieß, genau wie mir. Grandpa konnte lange schweigen, aber wenn er es eilig hatte oder sich über Geld aufregte, wurde er geschwätzig und wütend, wie vorhin. Als er den Reiter ansah, hielt er allerdings die Luft an. Ich konnte das nachvollziehen. Der Kerl war genauso groß und kräftig wie Grandpa, höchstens halb so alt und hatte ein Gesicht, das offenbar von einem wütenden Zirkusaffen mit einem Stein und einem Stock bearbeitet worden war. Er hatte haufenweise Narben, seine Nase war schief, und eines seiner Augenlider hing auf Halbmast, sodass er einen äußerst hinterhältigen Eindruck machte. Ich war mir ziemlich sicher, dass irgendwann mal jemand versucht hatte, ihm die Gurgel durchzuschneiden, denn auch dort hatte er eine hässliche Narbe. Wenn er sprach, klang das, als wollte er mit einem Mund voller Reißzwecken gurgeln. Er trug eine alte Melone, und auch wenn er darauf besser verzichtet hätte, steckte eine lange weiße Feder im Hutband. Sein schwarzer Anzug sah teuer und neu aus, aber er passte ihm nicht besonders gut, als hätte er ihn sich geliehen. Um ihn zuzuknöpfen, hätte jemand mindestens zehn Pfund Luft aus ihm rauslassen und das Jackett mit einem Maultiergespann vorne zuziehen müssen.

Grandpa räusperte sich, aber darüber hinaus ließ er sich nicht anmerken, dass er anderer Meinung war als der große Mann. Er hielt sich mit der Hand an seinem Wagen fest und blickte auf den Fluss hinaus, als rechnete er jeden Moment damit, dass Jesus über das Wasser gelaufen kam. Die Luft lastete auf uns wie meistens vor einem Gewitter, und der Himmel war so finster wie die Träume eines Säufers. Der Mann mit der Melone sagte zu Grandpa: »Sie sind es gewohnt, dass Sie Ihren Willen bekommen, was?«

Grandpa wandte sich um und sah ihn an. Ich glaube, im ersten Moment wollte er es dabei bewenden lassen, aber dann regte sich doch der Parker-Stolz. »Ich bin ein Mann, der glaubt, dass jeder möglichst schnell und gründlich seine Sachen erledigen sollte, selbst wenn es darum geht, seine Familie zu begraben. Erst heute habe ich meinen Sohn und meine Schwiegertochter beerdigt.«

»Und jetzt meinen Sie wahrscheinlich, Sie wären wegen Ihrem Kummer was Besonderes und ich sollte Sie bemitleiden«, sagte der Mann mit der Melone.

»Nein, das meine ich nicht. Ich hab auf Ihre Frage hin nur eine Tatsache geäußert.«

»Ich hab Sie nicht gefragt, ob Sie jemand beerdigt haben. Ich hab gesagt, dass Sie es gewohnt sind, Ihren Willen zu bekommen.«

»Sieht so aus, als wäre mir die Beerdigung nicht aus dem Kopf gegangen, also hab ich sie erwähnt.«

»Warum behalten Sie Ihre Ansichten nicht einfach für sich? Ich war heute Morgen selbst auf einer Beerdigung. Bin da zufällig vorbeigeritten, als sie zu Ende war und die Leute sich davonmachten. Die Totengräber, ein paar Nigger, wollten gerade das Loch zuschaufeln. Ich hab meine Knarre gezogen«, er schob sein Jackett auf und berührte mit den Fingerspitzen den vergilbten Knochengriff eines Revolvers, der umgekehrt im Holster steckte, »und sie gebeten, das doch sein zu lassen und den Sarg aus dem Loch zu hieven und aufzubrechen. Und siehe da, der Kerl hatte einen guten Anzug an, einen besseren als ich, also hab ich die Nigger gezwungen, ihm die Klamotten auszuziehen und in meine reinzuhelfen. Gemerkt hat das niemand, und ich hab einen guten Anzug, der sonst unter der Erde verfault wäre, und die Nigger dürfen weiterleben.«

»Warum erzählen Sie mir das?«, fragte Grandpa.

»Weil ich will, dass sie wissen, mit was für einem Mann Sie es zu tun haben.«

»Mit einem Grabräuber? Und darauf sind Sie stolz? Ich möchte überhaupt nichts mit Ihnen zu tun haben, Mister.«

»Hör mal, du alter Scheißer, du gefällst mir nicht. Wie du schon aussiehst. Und wie du redest.«

»Diese Unterhaltung führt nirgendwohin. Wer zugibt, dass er ein Grabräuber ist, zu dem kann man nichts sagen, außer dass er für seine Missetaten büßen wird.«

»Da reden Sie wohl von Gott, was?«

»Das will ich meinen.«

»Ich glaube, Sie sind einer von diesen jämmerlichen Feiglingen, die mich an das Gesetz verraten, das glaube ich. Ich glaube nicht, dass Sie warten, bis Gott irgendwas tut. Ich glaube, vorher hetzen Sie mir den Sheriff auf den Hals.«

»Wenn Sie nicht wollen, dass jemand Sie verpfeift, dann sollten Sie sich nicht selbst verpfeifen.«

»Tatsächlich?«, sagte der große Mann. Es war offensichtlich, dass er es auf Streit abgesehen hatte.

Ich glaube, Grandpa spürte, dass die Sache allmählich aus dem Ruder lief, denn er sagte: »Hören Sie, das geht mich nichts an. Mir passt überhaupt nicht, was Sie da getan haben, aber das ist Ihre Sache. Lassen Sie mich einfach damit in Ruhe.«

»Ich glaube, das sagen Sie jetzt nur«, erwiderte der große Mann. »Ich glaube, dass Sie ein Schwätzer sind, und wenn wir erst mal da drüben sind, dann erzählen Sie dem Gesetz, was ich Ihnen erzählt habe.«

Grandpa blieb ihm die Antwort schuldig. Er wandte sich ab, lehnte sich gegen den Wagen und schaute auf den Fluss hinaus. Dabei schob er die rechte Hand in seine Jackentasche und ließ sie dort. Ich wusste, dass er in der Tasche eine alte zweischüssige Derringer stecken hatte und dass er in Wirklichkeit alles ganz genau beobachtete, um sie, wenn nötig, sofort zu ziehen. Vor zwei oder drei Jahren hatte ich mal gesehen, wie die kleine Pistole im Ort, als ein Betrunkener ihm auf die Pelle rückte, urplötzlich in seiner Hand erschienen war, und das hatte genügt– der Raufbold war sofort wieder nüchtern gewesen und hatte die Beine unter die Arme genommen. Also wusste ich, dass Grandpa auf alles gefasst war, aber ich sah auch, dass seine eine Hand, die frei herabhing, leicht zitterte. Wahrscheinlich mehr aus Wut als vor Angst, auch wenn mir in dem Moment in den Sinn kam, dass er den Mund vielleicht etwas zu voll genommen hatte, und weil er das einsah, versuchte er jetzt, seine Haut zu retten. Ich wusste auch, dass der Mann recht gehabt hatte: Sobald wir auf der anderen Seite waren, würde Grandpa den Grabraub melden. Gut möglich, dass die Geschichte erfunden war, vielleicht hatte der Kerl nur angegeben, um Grandpa auf die Palme zu bringen, aber so, wie der Anzug ihm am Leib klebte, glaubte ich das nicht. Ich hatte den Eindruck, dass er die Wahrheit sagte und auch noch stolz darauf war, als hätte er irgendwo besonders schicke Klamotten erstanden.

Ich blickte den beiden Reitern entgegen, denn inzwischen konnte ich ihre Pferde hören, obwohl der Wind auffrischte und die ersten Tropfen fielen. Ich wandte mich wieder zum Fluss um und sah, dass der Regen durch die Bäume kam und immer stärker wurde, dann wurde der Fluss unruhig, und die Fähre fing an zu tanzen. Die Männer ritten heran, und ich konnte sie mir genauer anschauen. Der eine war klein und dick mit einem Zylinder auf dem Kopf und haufenweise Haaren im Gesicht, die ihm in den Mund zu wachsen schienen, weil ihm da ein paar Zähne fehlten. Seine Augen sahen aus wie zwei Brombeeren, die ihm tief im Kopf steckten. Der andere war hochgewachsen, breitschultrig und farbig, ein Klotz von einem Kerl, wie aus gut gemauerten Backsteinen. Er trug einen riesigen Sombrero mit schmutzigen Wattebäuschen, die an Schnüren an der Krempe baumelten. Wahrscheinlich war er nicht jünger als der Dicke, aber er sah so aus, weil er noch alle Zähne hatte. Seine Beißer waren weiß und kräftig, und er lächelte, als würde er sich über irgendwas lustig machen. Beide trugen Kleidung, die aussah, als wäre sie in einem Schweinestall herumgeworfen worden und als hätte dann noch eine Ziege draufgepisst. Ich konnte sie nur allzu gut riechen, denn die Kerle hatten den Wind im Rücken, und der Regen wühlte den Gestank auf. Beide trugen ihre Schusswaffen offen. Im Holster des Farbigen steckte eine Pistole mit Hickorygriff, ganz alte Schule, wie in den Westernheftchen, und der Dicke hatte eine der neueren Automatikpistolen im Gürtel, direkt vor seinem fetten Bauch.

Die beiden Männer brachten ihre Pferde an Bord, und daraufhin sackte die Fähre ein Stück ab. Wasser spritzte über die Reling, und die Fähre geriet ins Schaukeln.

»Sie sollten die Männer am Ufer warten lassen, bis sie uns rübergebracht haben«, sagte Grandpa. »Die Ladung ist zu schwer.«

»Die müssen nirgendwo warten«, erwiderte der große Mann. »Die sind hier genau richtig.«

»Ich glaube, das geht in Ordnung«, meinte der Fährmann und blickte auf den Regen und den Fluss hinaus, aber ihm war anzusehen, dass er sich nicht völlig sicher war. Wie Grandpa war ich zu der Ansicht gelangt, dass der Kerl, wenn es darum ging, den Fluss zu überqueren, noch ein Greenhorn war, und mit seinem gesunden Menschenverstand war es auch nicht allzu weit her, aber trotzdem glaubte ich, dass alles gutgehen würde. Damals hatte ich noch ein sonnigeres Gemüt.

Der Dicke schaute mich an und lachte. »Du, Fährenmann, ist das dein Sohn?« Und meinte natürlich mich. Seine Stimme klang komisch, weil seine Mundwinkel schlaff waren und seine Worte klebrig.

»Den seh ich heut zum ersten Mal«, antwortete der Fährmann und warf einen raschen Blick zu mir rüber.

»Er hat dieselben feuerroten Haare wie du. Ihr solltet euch ein paar Hüte besorgen und sie darunter verstecken. Du weißt doch, wie es heißt: Lieber tot, als rot.« Der Dicke wandte sich leise glucksend zu Lula um, die anfing zu zittern, entweder vom Regen oder aus Angst. Oder wegen beidem. Er lächelte, aber ohne Zähne sah das aus, als hätte sich ein Spalt in der Erde aufgetan. »Natürlich gibt’s da auch Ausnahmen.«

»Fahren Sie los«, sagte der große Mann.

»Ich sage Ihnen, das Boot ist zu schwer«, warf Grandpa ein.

»Wenn Sie das meinen«, sagte der große Mann, »dann können Sie Ihren Wagen ja wieder rückwärts runterschieben, und die Maultiere gleich mit.«

»Langsam hab ich die Nase voll von Ihnen«, entgegnete Grandpa.

»Tatsächlich?« Der große Mann schob seine Jacke nach hinten, um Grandpa noch mal seinen Revolver zu zeigen.

»Den hab ich schon gesehen.«

»Dann sollten Sie sich besser davor in acht nehmen.«

»Mit einer Knarre fällt es Ihnen leicht, den starken Mann zu mimen«, sagte Grandpa und tat unschuldig, obwohl ich wusste, dass er die Derringer in der Tasche hatte.

»Na schön«, erwiderte der große Mann, »was ich tun muss, krieg ich auch ohne Waffe hin. Fatty.« Fatty, womit natürlich der Dicke gemeint war, kam herüber, und der große Mann gab ihm den Revolver. Fatty trat ein paar Schritte zurück, lehnte sich gegen den Wagen und betrachtete Lula mit dem Blick eines Hundes, der eine Pfanne voller Fett auslecken möchte. Lula hatte die Arme vor der Brust verschränkt, damit sie möglichst unter der großen, breiten Sonnenhaube waren. Was reine Zeitverschwendung war, denn der Regen hatte ihr den Hut an den Schläfen festgeklatscht, und ihre feuchten Haare sahen aus wie blutige Rinnsale, die ihr über Wangen und Schultern flossen.

»Gentlemen«, sagte der Fährmann. »Vergessen wir unsere Meinungsverschiedenheiten.«

»Du hältst die Klappe«, sagte der große Mann. »Genau genommen kannst du die Fähre schon mal losmachen. Das wird nicht lange dauern.«

»Jawohl, Sir.« Der Fährmann zog die Rampe hoch und machte sich an der Winde zu schaffen. Dabei versuchte er sogar zu pfeifen. Wahrscheinlich dachte er, das würde die Stimmung verbessern, aber so richtig wollte das nicht klappen, und nach ein paar Tönen ließ er es wieder bleiben.

In dem Moment versuchte der große Mann, Grandpa mit einem Schwinger zu erwischen, aber Grandpa duckte sich schnell und mühelos darunter weg, richtete sich sofort wieder auf und ließ die linke Faust vorschießen, dem großen Mann mitten ins Gesicht. Volltreffer. Dem Kerl lief Blut aus der Nase, über Mund und Kinn und wurde vom Regen fortgespült.

»Aber hallo«, sagte der große Mann und fasste sich an die Nase. »Du alter Bastard bestehst also doch nicht nur aus heißer Luft, was?«

»Jetzt ist die Gelegenheit, um das herauszufinden.« Grandpa trat lächelnd von einem Fuß auf den anderen.

»Ich glaub, du hast mir die gottverdammte Nase gebrochen.«

»Na, dann wollen wir doch mal sehen, ob ich Sie Ihnen auch wieder richten kann.«

Inzwischen befanden wir uns auf dem Fluss, und der Fährmann drehte wie wild an der Kurbel. Wasser schwappte über die Bordwand. Fatty und der Farbige schauten sich das alles belustigt an. Lula hatte kein Wort gesagt, aber ihrem Gesicht war anzusehen, dass sie wünschte, wir hätten bereits das andere Ufer erreicht und könnten weiterfahren.

Der große Mann griff erneut an, und Grandpa wich wie ein Tänzer einem weiteren ungezielten Schwinger aus, trat einen raschen Schritt vor, schlug erst mit links zu und dann mit rechts, duckte sich, feuerte eine Linke auf die Rippen seines Gegners ab und dann einen rechten Haken auf sein Kinn, worauf der große Mann sich auf den Allerwertesten setzte. Alles ging blitzschnell wie ein Schlangenbiss.

Genauso schnell wurde der Regen so kalt wie der Hintern eines Brunnengräbers, und der Fluss gischtete immer stärker ins Boot. Der große Mann wurde, samt seinem Grabräuberanzug, pitschnass.

»Ich hoffe, ich mache es Ihnen nicht zu leicht.« Grandpa schaute den großen Mann von oben herab an. »Ich hab einen anstrengenden Tag hinter mir und bin möglicherweise nicht richtig in Form.«

»Du altes Arschloch«, sagte der große Mann, rappelte sich auf und stolperte einen Schritt rückwärts. »Fatty.«

Fatty warf ihm augenblicklich den Revolver zu.

»Du Stinktier«, erwiderte Grandpa, zog die Derringer aus der Tasche und drückte ab. Es knallte, und die Schulter des großen Mannes zuckte nach hinten, aber nur wenig. Er hob den Revolver und feuerte. Der Schuss traf Grandpa mit solcher Wucht, dass er auf dem Hintern landete. Die Fähre geriet ins Schwanken. Wasser ergoss sich über die Planken und umspülte Grandpa, der sich aufsetzte, eine Hand auf den Bauch gepresst.

»Grandpa!«, schrie Lula und rannte zu ihm rüber, um ihn zu stützen.

Der große Mann, der an der Schulter blutete, richtete die Pistole auf ihn.

Ich sagte: »Sie haben ihn fertiggemacht. Dem reicht es. Lassen Sie ihn in Ruhe.«

»Dich niete ich als Nächstes um«, sagte er und funkelte mich wütend an, »und dann werden ich und die Jungs ein wenig deiner Schwester den Hof machen. Allerdings werden wir wohl gleich zur Hochzeitsnacht übergehen, ohne Blumen und Priester.«

In dem Moment schoss Grandpa erneut mit der Derringer auf ihn. Es klang, als hätte jemand mit den Fingern geschnalzt. Die Kugel traf den großen Mann am Oberschenkel, und er fiel auf die Knie. »Verdammte Scheiße. Jetzt hast du mich schon wieder mit diesem Ding gezwickt.«

Fatty und der Farbige stürzten vorwärts auf Grandpa zu, aber in dem Moment sank er, nur noch von Lula aufrecht gehalten, in sich zusammen. Dann ertönte ein Knall– das Seil, das die Fähre führte, begann zu zerfasern. Als wäre das noch nicht genug, folgte darauf ein Heulen, wie von einem Wolf, der mit der Pfote in eine Falle geraten ist. Der Wind hatte den Fluss zu einem Wasserteufel aufgewirbelt, der in der Mitte des Sabine River entlangraste. Das Wasser wogte und schäumte, und an beiden Ufern wurden Bäume in Stücke gerissen. Dann krachte der Wasserteufel in die Fähre. Das Seil gab endgültig nach, und wir wurden alle emporgeschleudert.

Das Letzte, an das ich mich erinnere, bevor ich ins Wasser fiel, war unser Maultier, das über mich hinwegsegelte, als wären ihm Flügel gewachsen und als hätte es beschlossen, schon einmal ohne uns weiterzuziehen.

2

Ein Strudel zog mich unter Wasser, und ich dachte, es wäre um mich geschehen. Alles Mögliche rumpelte mit mir zusammen, und ich verlor allmählich das Bewusstsein, doch dann spuckte der Fluss mich wieder aus, und ich schnappte so verzweifelt nach Luft, dass ich das Gefühl hatte, gleich würde mir die Lunge platzen. Ich ging noch ein- oder zweimal unter, bis ich mich, ohne mein eigenes Zutun, am Ufer wiederfand. Meine Beine hingen noch im Wasser, aber der ganze Rest lag sicher in einer Mulde.

Da sah ich den Wassertornado, ein recht kleines Ding, aber wild und ungestüm. Es sauste an mir vorbei, ein dunkler Wirbel aus Wind und Fluss und Wagenteilen. Es zerrte auch an meinem Bein, wie um mich wieder ins Wasser zu reißen, aber ich schaffte es, mich an einer Wurzel festzuhalten. Mein Körper stand quer in der Luft, aber die dicke Wurzel hielt, und dann wanderte der Wasserteufel weiter, und ich fiel zurück auf die Erde. Ich rappelte mich auf und spähte aus meiner Mulde; der Wirbelsturm raste auf das andere Ufer zu, wechselte mehrmals die Richtung und erreichte schließlich Land, wo er Stücke von Bäumen in alle Richtungen schleuderte. Er heulte ein letztes Mal, als wäre er verwundet worden, und erstarb so schnell, wie er aufgekommen war, fiel im Wald in sich zusammen. Blätter und Äste sanken zu Boden, und das Wasser beruhigte sich wieder.

Ich fasste mir an den Kopf. Er blutete ein wenig, aber nach dem, was gerade passiert war, war das rein gar nichts. Ich arbeitete mich aus der Mulde raus und kroch auf den Uferstreifen. Ich musste kriechen. Ich konnte nicht aufstehen. Ich fühlte mich so schwach wie ein neugeborenes Kätzchen. Es regnete noch immer, aber nicht mehr so stark.

Wagenteile und Fährenteile wurden an mir vorbeigeschwemmt, und mit ihnen auch die Leiche des Fährmanns. Er trieb mit dem Gesicht nach unten im aufgewühlten Wasser, den Arm in einem solchen Winkel auf den Rücken gedreht, wie es unmöglich ist, solange er noch richtig in der Gelenkpfanne sitzt. Auch seine Hände waren ganz verdreht, und seine Finger wackelten, als wollte er mir freundlich zuwinken; allerdings bewegte nicht er sie, sondern das Wasser. Der Fluss riss ihn immer weiter mit sich, bis er außer Sichtweite war. Ich versuchte aufzustehen, musste mich aber wieder hinsetzen. Der Himmel schien sich unter mir zu befinden und das Land über mir.

Da legte sich mir eine Hand auf die Schulter, und ich blickte auf und sah einen Mann und eine junge Frau neben mir stehen. Der Mann hatte die Hand nach mir ausgestreckt, ein dünner Kerl mit einem großen Hut, der seinen ganzen Kopf zu verschlucken schien. Er hätte nicht alberner aussehen können, wenn er sich einen Eimer übergestülpt hätte. »Alles in Ordnung, mein Junge?«

»Mir ging’s schon mal besser.«

»Das glaub ich gerne. Ich hab alles gesehen. Ich und Matilda.«

»Das stimmt«, sagte die Frau. »Wir haben alles gesehen.«

Beide waren sie tropfnass. Die Frau hatte keinen Hut auf und dunkles Haar und ein langes Gesicht mit einem Kinn, auf dem haufenweise Platz war. Wenn sie ein klein wenig dünner gewesen wäre und ihre Kleider noch abgetragener, hätte ich ihre Wirbelsäule sehen können und vielleicht noch die Gegend dahinter.

»Es hat das ganze Teil einfach weggeblasen«, sagte der Mann.

»Hat irgendjemand überlebt?«, fragte ich.

»Ich weiß nicht, wer umgekommen ist. Aber drei Männer und ein Mädchen und ein paar Pferde sind auf die andere Seite gelangt. Ein fetter Kerl und ein großer Mann ritten auf dem einen Pferd, und ein Nigger und ein Mädchen auf dem anderen. Hatte nicht den Eindruck, als wäre sie darüber besonders glücklich gewesen.«

»Haben Sie irgendwo die Leiche eines alten Mannes gefunden?«

»Nee, haben wir nicht. Aber da drüben in dem Baum hängt ein großer Fuchs.« Der Mann deutete mit dem Finger. Ich schaute in die Richtung und sah unten am Ufer ein Pferdebein in einer geborstenen Ulme baumeln.

»Deshalb reiten sie wohl zu zweit auf einem Pferd.« Nicht eben eine Offenbarung, aber es rutschte mir halt so raus.

»Da könntest du recht haben.«

»Haben Sie irgendwelche Maultiere gesehen?«

»Auf der Fähre, und dann kurz mal auf dem Fluss. Eins flog durch die Luft, und die anderen beiden schwammen im Wasser. Seither hab ich sie nicht mehr gesehen. Erst waren sie noch da, und dann waren sie weg. Wahrscheinlich leisten sie den Welsen Gesellschaft. Allerdings würde es mich bei dem Sturm auch nicht wundern, wenn du einen im Hintern stecken hast.«

Die Frau kicherte wie ein Pferd, was dem Mann offenbar gefiel. Er lachte leise. Mir war der Humor allerdings vergangen.

»Hast du denn von den Leuten, die es auf die andere Seite geschafft haben, jemand gekannt?«, fragte Matilda.

»Ich hab meine Schwester gekannt, Lula, und meinen Grandpa. Den haben sie erschossen. Er war tot, bevor der Wasserteufel uns erwischt hat. Diese Männer haben meine Schwester verschleppt. Ich muss sie befreien.«

»Bis du über den Fluss geschwommen bist, die andere Seite erreicht hast und ihnen zu Fuß nachläufst, wirst du die nicht mehr einholen können. Außerdem ist das Wasser noch zu stürmisch. Da käme nicht einmal ein Alligator rüber. Besser, du bittest das Gesetz um Hilfe. Kannst du aufstehen?«

Mit seiner Hilfe konnte ich das, auch wenn ich noch etwas wacklig auf den Beinen war.

»Wir sollten dich irgendwohin mitnehmen«, sagte der Mann. »Ich und meine Frau, wir wollten mal mit der neuen Fähre fahren und auf der anderen Seite picknicken, nur zum Spaß. Wir haben vom Hügel aus zugeschaut und darauf gewartet, dass der Fährmann euch rübergebracht hat, und da haben wir den Wirbelsturm gesehen.«

»Ich hab noch nie einen Wirbelsturm gesehen«, sagte Matilda. »An Land oder auf dem Wasser.«

»Ich hab schon drei oder vier gesehen«, fügte der Mann hinzu. »Aber noch nie so einen kleinen, der den Fluss entlangrast. Das war vielleicht ein Ding! Ich hab mal ein paar Nigger von so was erzählen hören, von einem Wirbelsturm auf dem Fluss, aber ich dachte mir, das ist nur Niggergeschwätz.«

»Ich konnte es erst gar nicht glauben«, sagte Matilda.

»Ich schon«, erwiderte ich.

Der Mann tätschelte mir die Schulter.

Es hatte keinen Sinn, in Hinge Gate zum Sheriff zu gehen, denn da wüteten die Pocken, und beide Enden der Hauptstraße wurden von bewaffneten Männern bewacht. Ich dachte einen Moment lang nach und sagte: »Ich wäre Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie mich nach Sylvester mitnehmen könnten. Ich weiß, dass das nicht der nächste Ort ist, aber Hinge Gate steht unter Quarantäne. Ich würde Ihnen ja Geld geben, aber ich hab keins.«

»Das macht nichts«, sagte der Mann und bleckte sein Pferdegebiss. »Nach Sylvester sind es nur ein paar Meilen. Überhaupt kein Problem. Mensch, Junge, wir kommen aus Sylvester. Wie heißt du eigentlich?«

»Jack«, antwortete ich.

»Ich heiße Tom.«

Ihr Wagen stand oben auf dem Hügel. Er war mit einer Plane abgedeckt, wie die Planwagen früher. Ich konnte ihn vom Ufer aus sehen, wenn ich über die Schulter schaute. Sie halfen mir den Hang hoch, einer auf jeder Seite, und führten mich zum Wagen. Dort angekommen, klappten sie die Rückwand runter, und ich musste mich da hinsetzen. Sie holten Sandwiches hervor und warmen Tee in einem großen Einmachglas und bestanden darauf, dass ich mich bediente. So ist das nun mal hier unten im Süden. Wenn irgendwas Tragisches passiert, muss man erst mal etwas essen und Tee oder Kaffee trinken.

Aber es half. Als ich wieder bei Kräften war, wenn auch noch nicht in Hochform, bat ich sie, mich nach Sylvester zu bringen, damit ich mit dem Sheriff reden konnte. Außerdem wollte ich nach Grandpa suchen, obwohl ich wusste, dass die Kugel ihn schon vor dem Sturm erledigt hatte. Mir wurde übel, wenn ich mir vorstellte, wie seine Leiche irgendwo angespült wurde, aber Lula war entführt worden, und die Zeit drängte, also musste ich mich entscheiden, und die Lebenden gehen vor.

Sie fuhren mich in den Ort und setzten mich vor dem Büro des Sheriffs ab. Mir entging nicht, dass irgendwas vorgefallen war, denn hier war so viel los, als hätte jemand einen Haufen junger Hunde von der Leine gelassen. Überall rannten Leute herum, und in der Bank herrschte reges Treiben. Gegenüber vom Bankhaus hatte, wie ich sah, dieser Cowton Little, von dem mir Grandpa erzählt hatte, seine Kanzlei; auf der Fensterscheibe prangte in weißer Farbe sein Name und sein Gewerbe. Aber darum konnte ich mich jetzt nicht kümmern, auch wenn ich nach dem feuchten Vertrag in meiner Hosentasche tastete. Zu viele Dinge erregten meine Aufmerksamkeit, zum Beispiel der Wagen, der vor dem Bankgebäude hielt und aus dem hinten ein paar Stiefel rausragten, und wem auch immer diese Stiefel gehörten, der war mit einer dreckigen Plane zugedeckt worden. Die Straße war voller Flecken und stellenweise nass. Auf den Planken des Gehwegs vor der Bank hatten sich kleine Lachen gebildet, die wie Blut aussahen und allmählich schwarz wurden. Ein paar Schritte weiter lag ein totes Pferd. Neben dem Eingang zur Bank lehnte ein Brett an der Wand, an dem wiederum ein toter Kerl lehnte, und ein Mann auf der Straße hatte eine Kodak-Kamera aufgebaut, eine von den Modellen mit Akkordeonauge. Er schoss Bilder von der Leiche. Selbst auf die Entfernung konnte ich sehen, dass der Tote einige Schüsse hatte wegstecken müssen. Ein Teil seines Kopfes fehlte, auch wenn er seltsamerweise noch immer einen Hut mit schmaler Krempe aufhatte; er saß ihm leicht schief auf dem Kopf, und zwar auf der Seite, wo es ihm den halben Schädel weggerissen hatte und das Ohr gleich mit. Seine Kleidung war zerfetzt und ganz starr von getrocknetem Blut. Rechts und links von seinem Kopf waren Nägel in das Brett getrieben worden; dazwischen war ein Seil aufgespannt worden, das unter seinem Kinn hindurchlief, damit er nicht runterrutschte. Die Arme waren ihm auf der Brust verschränkt worden, und jemand hatte ihm eine Pistole in die Hand gedrückt, damit er aussah, als würde er gleich losballern. Dabei sah er einfach nur tot aus.

»Verdammt«, sagte Tom. »Hier war ja einiges los.«

Ich war neugierig, natürlich, aber ich hatte mit meinen eigenen Sorgen genug zu tun. Ich dankte Tom und Matilda und ging zum Büro des Sheriffs hinüber, während sie auf ihrem Wagen davonklapperten. Die Tür war weit offen. Hinter dem Schreibtisch stand ein Kerl, der nur wenig älter war als ich, und kippte den Inhalt der Schubladen auf die Tischplatte. An der Rückwand befand sich eine Gefängniszelle, in der ein untersetzter blonder Mann auf einer Pritsche saß, einen Lumpen um den Kopf gewickelt; der Lumpen war blutdurchtränkt. Eines seiner Beine war geschient, und sein Gesicht war so blau und schwarz wie bei einem gescheckten Hund.

Ich sagte zu dem Mann, der die Schubladen ausleerte: »Ich suche den Sheriff.«

»Lass bloß die Tür offen«, erwiderte er. »Ich will nicht, dass jemand glaubt, ich hätte sie verbarrikadiert.«

Ich hatte keine Ahnung, wovon er redete, und bat ihn auch nicht um eine Erklärung. Stattdessen trat ich an den Schreibtisch und fragte noch einmal nach dem Sheriff.

»Den findest du unter der Plane hinten auf dem Wagen, der auf der anderen Straßenseite steht.«

»Und wer sind Sie?«

»Der Deputy. Jedenfalls bis eben noch. Ich hau ab und nehm mit, was mir gehört, und noch ein paar Sachen vom Sheriff. Dem ist das egal. Familie hat er keine, und leiden konnte ihn auch niemand.«

Ich sah mir an, was er auf den Schreibtisch warf. Nichts als Krimskrams und irgendwelcher Trödel, mit Ausnahme von ein paar Sheriffsternen und einem Schlüsselring. »Wenn Sie der Deputy sind, möchte ich Ihnen ein Verbrechen melden. Sie müssen so schnell wie möglich ein Aufgebot zusammenstellen.«

Er hob den Kopf und sah mich an. »Tatsächlich? Tja, ich kündige, und in fünf oder zehn Minuten kommen hier ein paar Leute mit einem Strick durch die Tür, und die werden sich diese Schlüssel schnappen und den Kerl da hinten«– er wies mit einer Kopfbewegung auf den Blonden– »an dem Strick aufknüpfen, bis ihm die Zunge zum Hals raushängt und er sich die Hosen vollscheißt.«

»Das wissen Sie nicht!«, rief der Mann in der Zelle.

»Dass du dir die Hosen vollscheißt, dass dir die Zunge raushängen wird oder dass sie dich aufknüpfen?«, fragte der Deputy.

»Na, alles zusammen.«

»Ich hatte einen Vetter, der hat sich aufgehängt, weil ihm ein Mädchen den Laufpass gegeben und einen Tischler geheiratet hat. Der Strick hat ihn umgebracht, und der Rest kam ganz von selbst.«

»Es ist Ihre Aufgabe, mich zu beschützen.«

Der Deputy tippte einen der Sterne auf dem Tisch mit dem Finger an. »Dafür ist der Kerl mit dem Stern zuständig. Und das bin nicht mehr ich. Ich hab keine Lust, dass Leute wie du auf mich schießen oder dass sonst jemand auf mich schießt, nur weil ich dich beschütze. Nein, Sir. Damit bin ich durch. Ich glaube, ich schule auf Barbier um.«

»Aber was ist mit mir?«, fragte der Blonde und klang dabei wie ein Kind, das nicht aufgepasst hatte, als es an der Reihe war. »Sie können mich doch nicht einfach hier zurücklassen, bis die mich holen kommen.«

»Dein Leben wäre anders gelaufen, wenn du nicht beschlossen hättest, die Bank zu überfallen und den Sheriff zu erschießen. Hast du darüber mal nachgedacht?«

»Ich hab den Sheriff doch gar nicht erschossen«, sagte der Mann in der Zelle.