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Liebe auf Italienisch Als die 16-jährige Lou für den Sommer aus London nach Italien reist, hofft sie, ihrem Gefühlschaos, ihrer anstrengenden Mutter und der Frage, was sie aus ihrem Leben machen soll, für eine Weile zu entkommen. In der idyllischen Kleinstadt Portobianco hat sie ihre halbe Kindheit verbracht und ein vielversprechender Sommerjob in einem schicken Hotel wartet auf sie. Doch kaum angekommen, fliegen zwischen ihr und Levi, dem mürrischen Sohn der Hotelbesitzer, bereits die Fetzen. Als Lou auch noch den charmanten Rettungsschwimmer Mateo kennenlernt, ist das Gefühlschaos perfekt… Das Dolce Vita Dilemma: Eine Young Adult-Romance mit ganz viel Amore - Ein Urlaub in Italien: Stimmungsvolle Summer Romance für Young Adult-Leser*innen ab 14 Jahren. - Gefühlschaos pur: Lou flieht vor ihren Problemen in einen malerischen italienischen Küstenort und muss sich dort zwischen zwei attraktiven Männern entscheiden. - Ganz viel Amore: Zwischen Lou und Levi funkt es trotz aller Unterschiede gewaltig. - Traumhaftes Setting: In dem malerischen italienischen Städtchen Portobianco laden Sonne, Meer und Dolce Vita zum Genießen und Entspannen ein. - Urlaub für Zuhause: Das Young Adult-Buch ist die perfekte Sommerlektüre für Fans von Jenny Han und "Emily in Paris".
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Als die 16-jährige Lou für den Sommer aus London nach Italien reist, hofft sie, ihrem Gefühlschaos und der Frage, was sie aus ihrem Leben machen soll, für eine Weile zu entkommen. In der idyllischen Kleinstadt Portobianco hat sie ihre halbe Kindheit verbracht und ein vielversprechender Sommerjob in einem schicken Hotel wartet auf sie. Doch kaum angekommen, fliegen zwischen ihr und Levi, dem mürrischen Sohn der Hotelbesitzer, bereits die Fetzen. Als Lou auch noch den charmanten Rettungsschwimmer Mateo kennenlernt, ist das Gefühlschaos perfekt …
Stefanie Santer
Für Bruno. Aus unendlich vielen Gründen.
Und für den zweiten Stern von rechts.
Playing it safe is the riskiest choice we can ever make.
– S. Ban Breathnach
Ich stehe am Rand einer klebrigen Tanzfläche eines Londoner Clubs, und obwohl seit einer Woche Ferien sind, bin ich gestresst.
»Du weißt aber schon, dass man von Kaffee nicht seine Jungfräulichkeit verliert, oder?« Rosanne sieht mich über den Rand ihres riesigen Cocktailglases hinweg an.
»Witzig.« Ich verdrehe die Augen, muss aber tatsächlich grinsen. »Es geht nicht um den Kaffee, den er mir gebracht hat. Es geht darum, dass ich Rune den ganzen Sommer über jeden Tag sehen werde.«
»Und du magst ihn!«, flötet Rosanne, nimmt einen großen Schluck, stellt das Glas schwungvoll auf dem Bartresen neben sich ab und kneift kurz die Augen zu. Aber als ihr bewusst wird, dass ich immer noch nichts erwidert habe, reißt sie sie wieder auf und starrt mich entsetzt an. »O mein Gott! Du magst ihn wirklich! Luca Brown, das Mädchen, das auf niemanden steht, steht auf jemanden!«
Luca nennen mich eigentlich bloß meine Eltern. Meine Freunde sagen Lou zu mir. Außer wenn sie dramatisch sein wollen, dann nennen sie mich ebenfalls Luca. Und ich ahne, dass Rosanne gleich irgendetwas Dramatisches tun wird. Denn sie sieht sich bereits verräterisch im vollen Club nach unseren Freundinnen um. Als sie tief Luft holt, presse ich rasch meine Hand auf ihre Lippen, um sie daran zu hindern, peinliches Zeug durch die Menge zu rufen. Im Gegensatz zu mir ist sie nämlich eindeutig betrunken genug, um nicht nur damit zu drohen, sondern es auch wirklich zu tun.
»Jetzt gib’s schon zu!«, murmelt sie gegen meine Finger, die ich mir anschließend am Jeansrock abwischen muss, weil sie voller Lipgloss sind. »Luca!« Sie mustert mich streng. Als würde ich das größte Geheimnis aller Zeiten hüten.
Ich seufze ergeben. Die Musik umhüllt uns wie eine Wolke, und weil spätestens der nächste Drink dafür sorgen wird, dass Rosanne den Großteil von heute Nacht morgen längst vergessen hat, nicke ich. Minimal. Aber ich nicke.
Rosanne kreischt. »Das wird der Sommer deines Lebens, Lou! Du und Rune, eingesperrt in das langweiligste Spießerprogramm aller Zeiten, das ich ab sofort nur deshalb nicht mehr langweilig finde, weil du mir spätestens ab nächster Woche davon erzählen wirst, wie er dich in irgendeinem Aufzug geküsst hat! Oder noch besser: in einem Archiv voller Regalwände, gegen die er dich drückt! Du weißt schon, so mit beiden Händen, links und rechts!«
Ich kann zusehen, wie hinter ihren verheißungsvoll wackelnden Augenbrauen ein Kopfkino startet, in dem Rune und ich die Hauptrollen einer kitschigen Rom Com spielen.
»Stopp! Nein«, rudere ich schnell zurück. »Ich meine, ich bin mir ja nicht mal sicher, ob ich Rune wirklich gut-gut finde. Außerdem findet ihn jeder toll. Und selbst wenn –« Ich zucke mit den Schultern. »Es ändert nichts an meiner Keine-Dates-mindestens-bis-zum-College-Regel.«
Rune Alcott mag vielleicht die Art von Typ sein, mit dem man als Sechzehnjährige ausgehen will. Aber die Sache ist die: Ich bin keine typische Sechzehnjährige. Oder sagen wir es so: Ich habe zu viele typische Sechzehnjährige beobachtet. Und damit meine ich jede Einzelne meiner Freundinnen. Alle von ihnen haben mir schon mindestens ein Mal eine so verheulte Sprachnachricht geschickt, dass ich förmlich hören konnte, wie dabei der Schnodder aufs Handydisplay getropft ist. Wochenende für Wochenende habe ich ihre traurigen betrunkenen Hintern nach dem Feiern in ein Taxi gesetzt, damit sie nicht auf absurde Ideen kommen. Aber von diesen absurden Ideen habe ich dennoch unzählige miterleben müssen.
Rosanne zum Beispiel trägt gerade eine Kette mit Herzanhänger um den Hals, auf dem der Name eines Typen eingraviert ist, den sie seit sage und schreibe zwei Wochen datet. Wer das jetzt süß findet, dem muss ich mitteilen, dass sie sich die Kette selbst gekauft hat. Und das auch nicht erst gestern, was immer noch reichlich früh gewesen wäre, sondern bereits nach dem ersten Date. Ich habe sie natürlich darauf hingewiesen, dass das ziemlich überstürzt ist, aber sie hat mir auf die Nachricht im WhatsApp-Chat nur das Zwinker-Emoji mit rausgestreckter Zunge und den Screenshot eines Songtextes geschickt. Irgendetwas mit Let a girl dream und We can live off of magic and maybes.
Wovon sie jedenfalls nicht leben kann, ist ihr Taschengeld, wenn sie es für Tiffany-Kettchen ausgibt, die unverwendbar werden, sollte aus – ich blinzle, um den Namen im schummrigen Licht des Clubs entziffern zu können – Andrew und ihr doch nichts Festes werden.
Unsere Freundin Vera setzt mehr auf Taten, wenn es um ihre Liebesbeweise geht. Sie bringt eine kopflose Aktion nach der anderen, um die Jungs, die sie mag, auf sich aufmerksam zu machen. Einmal hat sie alles über Aktien auswendig gelernt, um irgendeinem dahergelaufenen Kerl zu beweisen, dass sie dieselben Interessen haben. Sie hat allen Ernstes auf dem Schulhof, mitten in einem Gespräch mit mir, plötzlich das Thema gewechselt und laut gesagt, dass es wohl der größte Anfängerfehler sei, eine Aktie zu kaufen, wenn der Kurs steigt. Ich habe sie irritiert angeblinzelt, bis ich verstanden habe, dass sie gerade keinen Schlaganfall hat, sondern hinter mir ein Typ in einem Ralph-Lauren-Poloshirt vorbeigegangen ist.
Ein anderes Mal hat sie sich bei dem Versuch, über eine Wakeboard-Rampe zu springen, den kleinen Finger gebrochen. Sie hatte echt Glück, dass nicht mehr passiert ist, weil – nur um das klarzustellen – Vera davor noch nie auf einem Brett gestanden hat, das an ihre Füße geschnallt wird, um dann mit dreißig Stundenkilometern übers Wasser zu rasen. Der Typ, den sie damit auf sich aufmerksam machen wollte, ist Wakeboard-Champion und als Nachwuchstalent bei Red Bull unter Vertrag. Ich habe ihr davor schon gesagt, dass sie ihn mit ihren »Nicht-Kenntnissen« kaum beeindrucken wird, aber trotzdem war am Ende ich diejenige, die ihr im Erste-Hilfe-Zelt die Hand gehalten hat (die heile, nicht die mit dem gebrochenen Finger, der verdammt unnatürlich nach oben abstand). Der Typ, für den wir das alles veranstaltet haben, hat sich währenddessen mit einem der Mädels unterhalten, die an der Bar ausgeholfen haben, und Vera und ich hatten freie Sicht auf das Flirt-Spektakel. Amen.
Ich könnte wahrscheinlich hundert weitere Beispiele aufzählen. Was sie alle gemeinsam haben, ist, dass meine Freundinnen nicht mehr sie selbst sind, sobald sie sich verlieben. Weil sie sich ständig über jemand anderen Gedanken machen.
Und ich? Ich will nur eins: mich von diesem unnötigen Drama fernhalten. Meilenweit.
Rosanne tippt mich nervös an.
»Was?« Ich sehe hoch und geradewegs in Rune Alcotts Augen. O nein. Er kommt direkt auf uns zu. Oder vielleicht muss er einfach in diese Richtung? Ich ducke mich und packe Rosannes Hand, aber sie lässt sich nicht zur Seite ziehen.
»Netter Versuch, aber er hat dich bereits gesehen«, sagt sie, breit grinsend, lehnt sich an den Tresen und lässt mich nicht aus dem Blick, weshalb sie zwei Anläufe braucht, um nach ihrem Glas zu greifen, und sich anschließend den Strohhalm fast in die Nase statt in den Mund schiebt.
Obwohl ich nichts außer Wasser getrunken habe, kommt es mir plötzlich so vor, als wäre ich betrunken. Unzurechnungsfähig. Und die Fassade der Gleichgültigkeit, die ich normalerweise um mein Herz errichte, wenn es auch nur den Versuch unternimmt, für irgendjemanden schneller zu schlagen, funktioniert nicht mehr richtig, weil mir fast schon schwindelig ist, so schnell rast mein Puls.
Ich dränge mich an Rosanne, so dicht, dass ihr Schlürfen ein paar Sekunden lang alles ist, was ich höre. Dann das Klirren der Eiswürfel, die immer noch nicht geschmolzen sind, obwohl es hier drin verdammt heiß ist. Am liebsten würde ich jetzt nach draußen flüchten, um meinen Verstand von der kühlen Nachtluft retten zu lassen. Aber weil Rosanne recht hat – er hat mich eindeutig gesehen –, bleibe ich wie angewurzelt stehen, während Rune Alcott die letzten Meter auf uns zukommt. Mit diesem Lächeln im Gesicht, das mich komische Dinge fühlen lässt.
Er ist Kapitän der Lacrosse-Mannschaft, und genauso sieht er auch aus. Wie ein Golden Boy. Nur dass man von ihm keine Gerüchte hört. Falls er in der Jungsgarderobe mit irgendwelchen Geschichten angibt, dringen sie nicht nach außen. Seine Freunde reden gut über ihn, und ich wüsste nicht von einer Person an der Schule, die ihn nicht mag.
Zusätzlich sind die Alcotts natürlich auch noch steinreich. Aber die Sorte reich, die nicht darauf abzielt, wie eine Abzweigung des Familienstammbaums der Royals behandelt zu werden. Runes Eltern haben mehrere Charitys, und seine zwei älteren Geschwister sind als Ärzte ohne Grenzen unterwegs. Einmal musste seine Schwester mit lebensbedrohlicher Malaria per Helikopter aus einem Urwald gerettet werden, aber mittlerweile ist Leandra, so heißt sie, wieder unterwegs und impft Kinder in entlegenen Berggebieten in den Anden.
Tja. Das ist Runes Familie. Zu gut, um wahr zu sein.
Und in den Augen meiner Freundinnen bin ich für diesen Sommer die Glückliche, die mit ihm im selben Karriere-Orientierungsprogramm unserer Schule gelandet ist. Wir besuchen dabei alle paar Tage ein neues Unternehmen und bekommen dort ein paar Einblicke.
Eigentlich hätte ich ein Praktikum in einem Atelier meines Vaters in Paris machen sollen. Er ist als Kunsthändler viel unterwegs und lebt gerade für ein paar Monate in Frankreich. So hat er damals auch meine Mom in London kennengelernt. Hin und wieder schaue ich auf Instagram oder seiner Homepage, wo er sich herumtreibt. Meistens dann, wenn ich einen Anruf von ihm erwarte, damit ich ein Gesprächsthema habe und es die paar Minuten am Telefon nicht allzu sehr auffällt, wie wenig wir miteinander zu tun haben. Allein deshalb hatte ich mich auf Paris gefreut. Um Zeit mit ihm zu verbringen. Aber er hat mir in letzter Minute abgesagt, und als ich deshalb stinkwütend war, hat er mir vorgeschlagen, dass ich stattdessen in Portobianco, seinem Kuh-Heimatdorf in Italien, im Hotel einer alten Freundin von ihm jobben kann. Ich habe abgelehnt, ohne Danke zu sagen. Und weil ich so kurzfristig keinen anderen Job für die Ferien gefunden habe, musste ich eins der Programme meiner Schule nehmen.
Das ist sie, die Geschichte dahinter, wie ich in meiner ganz persönlichen Forced-Proximity-Hölle mit Rune gelandet bin, der mir gestern in der Mittagspause meinen verdammten Lieblingskaffee gebracht hat und mich jetzt mit seinen perfekten Grübchen auf eine Art ansieht, dass ich komplett vergesse, wie normale Menschen sich verhalten, und wortlos zurückblinzle.
»Hi, Lou!« Rune lehnt sich zu mir herunter. Seine Wange berührt für einen Moment meine. Nur links. Aber für den Fall, dass sein Kopf gleich auch noch auf meiner rechten Seite einen Kuss andeutet, halte ich still, als wäre ich zu Stein erstarrt, um zu vermeiden, dass unsere Lippen wie in irgendeinem schlechten Film unabsichtlich aufeinanderlanden.
Die Lichter des Clubs blinken ampelrot. Dann wechselt die Farbe auf Grün, und als Rune sich wieder aufrichtet, kribbelt die Stelle, wo seine Hand mein Schulterblatt berührt hat. Vielleicht hat mich aber auch eine Mücke gestochen, rede ich mir ein, während ich sein Parfum einatme, das zwischen all den verschwitzten, tanzenden Menschen nach frischer Luft riecht und ausreicht, um mich so zu benebeln, dass ich mich kurz räuspern muss, bevor ich endlich mit einem gekrächzten »Hi« antworte.
Ich brauche gar nicht zu Rosanne zu sehen, um zu wissen, dass sie kurz davor ist, vor Begeisterung auf den Fersen zu wippen.
»Cool, dass du da bist«, sagt Rune und bedeutet einem Freund von ihm, der zu uns aufgeholt hat, dass er ruhig schon mal zur Bar vorgehen soll.
Weil ich nicht weiß, was ich sagen soll, presse ich die Lippen aufeinander und hoffe, dass es wie ein normales Lächeln aussieht.
Rune mustert mich. Sein Lächeln ist alles andere als normal, weil es dazu führt, dass sich wieder diese Grübchen neben seinen Mundwinkeln formen.
Bitte hör auf zu lächeln, flehe ich ihn telepathisch an.
»Dann …«, er runzelt ein kleines bisschen die Stirn, wahrscheinlich, weil ich immer noch nichts Brauchbares zu ihm gesagt habe, »… sehen wir uns Montag bei Destex?«
Das ist die nächste Firma, in der wir nach diesem Wochenende theoretisch Erfahrung, praktisch aber wahrscheinlich bloß die Lunchwünsche der Manager sammeln werden, um sie ihnen vom Deli nebenan zu holen.
Ich weiß nicht, wieso, aber ich schüttle den Kopf.
»Nein?«, fragt Rune überrascht. Diesmal runzelt er die Stirn nicht nur ein bisschen, sondern so richtig. »Sind wir woanders eingeteilt?«, fragt er und blickt kurz zu Rosanne, die sich näher zu uns gestellt hat und mich ebenfalls abwartend mustert.
»Nein, nein«, versichere ich ihm hastig. »Destex stimmt schon.« Ich wünschte, mein Kopf würde mir endlich guten Text liefern. »Aber ich habe mich von dem Programm abgemeldet«, behaupte ich plötzlich wie aus dem Nichts und beschwöre Rosanne mit einem knappen Todesblick, mich nicht auffliegen zu lassen.
Rune benetzt seine Lippen. »Was, echt?«
Rosanne zieht eine skeptische Schnute. Wenn ihre Gedanken hörbar wären, würde sie rufen: »Krasse Nummer, Luca Brown! Wie kommst du da jetzt wieder raus?«
»Ja, ich … Mein Vater hat mir noch eine Alternative zu der Sache mit dem Atelier besorgt, und ich kann die nächsten Wochen in einem Hotel in Italien jobben«, sage ich mit einem Achselzucken, als wäre völlig klar, dass dieses Angebot zu gut war, um es auszuschlagen. Nur habe ich nicht damit gerechnet, wie sich dieser Satz ausgesprochen anfühlen wird. Nämlich wie ein Klumpen Matcha-Pulver, der sich nicht in der Hafermilch aufgelöst hat und sich beim Trinken klebrig-bitter auf der Zunge ausbreitet. Warum um alles in der Welt habe ich das gerade eben behauptet?
»Wow.« Rune lacht kurz auf und lächelt dann. Es sieht sogar wie ein ehrliches Lächeln aus. Als ob er sich auch noch tatsächlich für mich freuen würde. »Schade, dass ich dann ab jetzt allein durch diesen Witz von Programm muss. Falls doch noch irgendwas Spannendes passieren sollte«, er schnippt und deutet mit dem Zeigefinger auf mich, »sage ich dir Bescheid. Und, äh, Italien klingt cool.«
»Mhm«, macht Rosanne, und »Mhm« mache auch ich. Nur dass ich dann noch ein kleinlautes »Supercool« hinterherschiebe und mich plötzlich nicht mehr unangenehm nervös, sondern unangenehm mies fühle.
Was, wenn Rune anders ist als andere Typen? Was, wenn er mir nicht das Herz brechen würde? Und wie kann ich mich für den Rest der Sommerferien in Luft auflösen? Denn eines ist klar: Nach dieser Nummer kann ich Montagmorgen auf keinen Fall bei Destex aufkreuzen.
Ein paar verzweifelte Herzschläge lang sehe ich mich schon auf Photoshop Bilder von mir in Italien zusammenschneiden, während ich mich die restlichen Wochen der Sommerferien in meinem Zimmer verbarrikadiere.
Aber die einzige Lösung ist, dass ich meinen Vater anrufe und ihn frage, ob es diesen Job, den ich nicht haben wollte, noch gibt, weil ich ihn plötzlich dringend als Alibi brauche.
Rosanne geht ungläubig auf dem Bordstein auf und ab. »Du kannst nicht immer allem, was potenziell schieflaufen könnte, aus dem Weg gehen, Luca. Manchmal bereut man nämlich nicht das, was man getan hat, sondern die Dinge, die man nicht getan hat. Schon mal drüber nachgedacht?«
»Du bist betrunken«, antworte ich, weil ich nicht weiß, wie mir Rosannes Kalenderspruch-Weisheiten jetzt weiterhelfen sollen.
»Und du brauchst gar keinen Ferienjob, um dich zu orientieren«, schießt sie zurück. »Ist doch ganz klar, was du nächstes Schuljahr als Schwerpunkt nehmen sollst.«
»Ach ja?«
»Fine Arts. Was sonst?« Sie zuckt mit den Achseln. »Da ist doch Schauspiel dabei, und bei der Show, die du gerade abgezogen hast … Hut ab, Luca!«
Okay, ihr müsst wissen, dass das nicht ich bin. Und mit das meine ich irrationale Entscheidungen. Spontane Entscheidungen. Impulsive Entscheidungen. Ganz im Gegenteil. Ich bin Abwägen, Durchdenken, Eine-Nacht-drüber-Schlafen. Eigentlich. Aber von der Luca, die alles im Griff hat, wird nicht mehr viel übrig sein, wenn ich den Rest des Sommers mit Rune verbringe. Weil ich ja nach fünf Minuten in seiner Gegenwart schon durchdrehe. Und deshalb brauche ich gar keine Nacht über meine nächste Entscheidung schlafen, sondern rufe meinen Vater an. Um zwei Uhr morgens.
Rosanne steht neben mir und ist immer noch dabei, mich für verrückt zu erklären. »Luca, du hast sie nicht mehr alle.« Sie greift sich an den Kopf. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Ihre Arme fallen ratlos nach unten. »Du stehst auf Rune.« Sie zeigt auf mich. »Rune steht auf dich.« Sie macht eine ausladende Bewegung zum Club, von wo aus uns ein Türsteher grimmig anguckt. »Du haust ab.« Rosannes Hände schnellen zurück in meine Richtung. »Haust du jetzt ernsthaft ab? Sag mir, dass du nicht abhaust. Warum bist du so ein verdammt feiges Huhn?« Sie boxt mir gegen den Arm, und ich sage dem Türsteher mit einem verklemmten Grinsen und einem Daumen-Hoch, dass er nicht einschreiten muss. Er sah allerdings auch vor meiner Entwarnung nicht sonderlich beeindruckt aus. Wahrscheinlich sind wir nicht das Spannendste, was er heute Nacht erlebt hat.
Als mein Vater nach dem gefühlt hundertsten Läuten endlich rangeht, drehe ich mich weg, um Rosanne abzuwehren, und bedeute ihr hastig, mich in Ruhe zu lassen.
»Du kannst deinen Dad doch nicht mitten in der Nacht –«, setzt sie trotzdem an. Aber da kennt sie ihn schlecht. Denn das »Ciao, Luca«, mit dem mein Vater mich begrüßt, klingt kein bisschen besorgt.
»Hi, Pa! Äh, hör mal, der Job in Italien? Ich will ihn doch«, sage ich, ohne mich lange mit Small Talk aufzuhalten.
Am anderen Ende der Leitung ist es kurz still. Dann räuspert sich mein Vater. »Okay, ich frage in ein … paar Stunden nach, ob es die freie Stelle noch gibt.« Mit Sicherheit ist ihm jetzt erst bewusst geworden, zu welcher Uhrzeit ich ihn anrufe. Aber was, wenn ich zu spät bin oder mich das Hotel nicht mehr will? Was mache ich dann? Ich muss nach Italien und … Das Haus! Warum ist mir das nicht früher eingefallen?
»Wenn der Job schon vergeben ist, kann ich ja vielleicht einfach in unser altes Haus?« Mein Vater hat es von seiner Großmutter geerbt, und ich habe dort alle meine Sommer verbracht, bis ich sechs wurde und meine Eltern sich getrennt haben. Als würde sich der Staub von meinen Erinnerungen lösen, fällt mir wieder ein, wie wohl ich mich dort gefühlt habe. Die Vorstellung, ein paar Wochen dort zu wohnen, fühlt sich plötzlich merkwürdig gut an. Ich sehe mich bereits in einem weißen Frotteebademantel und mit Handtuchturban auf dem kleinen Balkon im ersten Stock sitzen. Wie ich mich auf dem Klappstuhl zurücklehne, die Füße auf dem runden Frühstückstisch überkreuze und in einem Buch blättere, während mir die Sonne ins Gesicht scheint.
»Das Haus? Luca, das habe ich schon vor Jahren verkauft«, durchbricht mein Vater meine perfekte Vorstellung, und ich kralle die Finger automatisch fester um mein Handy. Warum hat er mir das nie erzählt? Er hätte mir doch zumindest Bescheid sagen können!
Das Telefonat läuft immer noch. Ich erwidere nichts, weil ich selbst nicht genau weiß, warum es mich plötzlich so traurig macht, dass es das Haus nicht mehr gibt. Aber wahrscheinlich ist es der Stress, der gerade in mir ausbricht, weil ich nicht den geringsten Schimmer habe, wo ich die nächsten Wochen verbringen soll.
»Die Sache mit dem Hotel dürfte kein Problem sein«, verspricht mein Vater. Dann verabschieden wir uns, und ich lege auf, um mir ein Taxi zu rufen.
»Mich bringen keine zehn Pferde zurück in diesen Club«, rechtfertige ich mich vor Rosanne.
Zu Hause angekommen, verbringe ich den Rest der Nacht in schlafloser Panik, weil ich davon ausgehe, dass ich Rune am Montag erklären muss, dass Italien von der Landkarte verschwunden ist und ich deshalb in London geblieben bin.
Aber mein Vater hält zum ersten Mal seit Ewigkeiten sein Wort, und drei Tage später steht Rosanne nicht mehr mit offenem Mund neben mir, sondern schickt ein Meme mit folgendem Text in den Gruppenchat:
When you accidentally took a plane to Italy instead of the bus to work.
Ich antworte mit einem lachenden Smiley und herze die Nachrichten von Harriet und Vera, die etwas weniger sarkastisch waren und mir stattdessen eine gute Reise gewünscht haben.
Danach schreibe ich noch meiner Mom, dass ich gut gelandet bin. Weil sie mich nach Paris hätte gehen lassen, konnte sie nicht wirklich etwas gegen Italien einwenden, und als sie mir sogar den Flug nach Rom gezahlt hat, hat sich meine überstürzte Planänderung plötzlich wie Schicksal angefühlt.
Kurz denke ich, dass mein Koffer verschwunden ist, aber dann stellt ihn mir jemand vor die Nase, der ihn mit seinem verwechselt hat, und ich bin erleichtert, dass mein erster Tag in Italien nicht mit demselben Chaos beginnt, das ich in London zurückgelassen habe.
Als ich drei Stunden südlich von Rom aus dem Zug steige, fällt mir allerdings auf, dass ich hier noch nie gewesen bin. Früher sind wir vom Flughafen aus mit einem Mietwagen gefahren. Und ich habe angenommen, dass alle Bahnhöfe … Nun ja, für gewöhnlich befinden sich Bahnhöfe mitten in der Stadt. Aber als sich die Menschen, die mit mir ausgestiegen sind, auf einen Bus und die wartenden Autos auf dem Parkplatz verteilen, lichtet sich das Bahnhofsgelände, das mitten im Nirgendwo zu liegen scheint.
Die steinerne Bank neben mir sieht aus, als gäbe es sie schon seit Römerzeiten. Rund um das winzige Bahnhofshäuschen erstrecken sich Hügel mit Olivenhainen, hinter denen der wegfahrende Zug verschwindet.
Ich zerre an meinem Koffer und gehe ein paar Schritte, kann die Frau, die mich abholen sollte, aber nicht entdecken. Damit wir uns nicht verpassen, bleibe ich sicherheitshalber direkt vor dem Haupteingang stehen. Was außerdem den Vorteil hat, dass ich unter dem Vordach von der brütenden Hitze verschont bleibe. Es ist später Nachmittag, aber die Sonne knallt, und ich bin heilfroh, dass ich heute Morgen das Wetter gecheckt und direkt kurze Jeans angezogen habe.
Gegenüber von mir steht ein schwarzer Pick-up. Ein Typ in meinem Alter, vielleicht auch ein bisschen älter, lehnt dagegen, blickt auf sein Handy und ignoriert dabei alles um sich herum. Er sieht aus wie das komplette Gegenteil von Rune Alcott.
Jedes Detail an Rune erinnert an Sonnenschein. Seine blonden Haare, sein strahlendes Lächeln, die Art, wie seine Augen aufblitzen, wenn er jemanden entdeckt, den er kennt.
Bei diesem Typen hier hingegen kommt es einem fast so vor, als wäre die Sonne rein dazu da, den Schatten, den er wirft, noch größer wirken zu lassen. Dunkle Haare, dunkle Shorts, dunkles Oberteil, dunkle Tattoos. Einzig seine Sneaker und die Tennissocken sind weiß. Oder eher mal weiß gewesen.
Als er aufsieht, füge ich der Dunkel-Liste noch einen weiteren Punkt hinzu: seine Augen, die mich eine Sekunde mustern, bevor er den Blick weiter über den Bahnhofsplatz wandern lässt.
Keine Ahnung, auf wen dieser Kerl wartet, aber er scheint sich nicht sonderlich auf die Person zu freuen.
Der Mensch kann eine Billion Gerüche unterscheiden. Doch in den seltensten Fällen kann er sie auch benennen. Ein paar davon, klar. Aber am häufigsten unterteilen wir sie einfach nur in gut und schlecht.
Ich nicht. Ich könnte sagen, wie mein Kissen riecht, nachdem ich eine Nacht darauf geschlafen habe. Nämlich nach geplatzten Träumen. Nach Kälte, weil ich kaum darauf gelegen habe. Nach Fäusten, die es gepackt haben, und nach einem Seufzen, weil ich es mir irgendwann aufs Gesicht gedrückt habe, um endlich Dunkelheit um mich herum zu haben.
Noch ein Beispiel gefällig? Der Bahnhof, den sich Portobianco mit Marvento teilt und der deshalb mitten im Nirgendwo zwischen beiden Orten liegt, riecht nach Abgasen und heißem Asphalt. Wenn die Sonne den ganzen Tag auf die halb zugeteerten Schlaglöcher prallt, ist das ein bisschen so, als hätte man Tinte mit Erde vermischt und aufgekocht.
Die ankommenden Touristen erkenne ich, ohne aufzusehen, an den Sunblocker-Duftwolken. Sonnencreme, die gleichzeitig glitzert, riecht am schlimmsten.
Aber Mamma hat mir schon vor Ewigkeiten klargemacht, dass ich meine Meinung über Touristen im Zaum halten muss. Immerhin haben wir ein Hotel unten am Strand, und sie fand es alles andere als gut, dass ich vor ein paar Jahren angefangen habe, die Leute, die bei uns ein und aus gehen, nicht mehr zu begrüßen. Daraufhin hat sie mich in ihr Büro zitiert und mir den Kopf zurechtgerückt. Ich hasse den Geruch von Touristen trotzdem weiterhin. Weil er bedeutet, dass Tausende von Leuten vor meiner Nase den Sommer ihres Lebens verbringen und danach wieder gehen, während ich in diesem windigen Küstenort festsitze wie ein versenkter Anker am Meeresgrund. Der Vergleich ist fast schon lächerlich, wenn man bedenkt, dass der Zweck eines Ankers darin besteht, ein Schiff sicher an einem Ort zu halten, selbst wenn ein Sturm aufzieht. Denn um das zu schaffen, reicht es nicht aus, einfach nur irgendeinen Anker zu haben. Der Anker muss auch solide und zuverlässig sein und zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.
Ich bin nichts davon. Nicht solide. Nicht zuverlässig. Und schon gar nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Zumindest wenn man meiner Mutter glaubt. Deshalb hat sie mir heute Morgen als Erinnerung ein Post-it an die Zimmertür geklebt. Luca abholen stand darauf. Sie und Pa waren schon vor dem Frühstück weg.
Vermutlich sollte ich dankbar sein, dass dieser Luca-Typ den Sommer über im Hotel aushelfen wird. Aber die Wahrheit lautet, dass ich das alles nicht ganz fassen kann. Weil ich doch da bin. Und ich alles mache. Meine Mutter, der das Hotel gehört, ist allerdings der Meinung, dass ich früher oder später irgendetwas vermasseln werde, und hielt es für nötig, ein Back-up einzustellen.
»Wisst ihr, wer dieser Luca ist?«, habe ich meine Geschwister beim Frühstück gefragt. Nonna war auch da.
Sie ist nicht wirklich unsere Großmutter. Die Eltern meiner Eltern sind gestorben, lange bevor ich überhaupt geboren wurde. Aber wir nennen die alte Frau von nebenan trotzdem Nonna, weil sie uns dazu zwingt. Mich und die Drillinge, die keine sind.
Rocco und Dante, die Zwillinge, sind fünf. Tiago ist sechs. Ich nenne sie deshalb die Drillinge, weil sie alle vom selben Schlag sind. Eigentlich müsste meine Mutter sich eher um sie Sorgen machen. Stattdessen denkt sie, dass ihr achtzehnjähriger Sohn das Problem ist. Und ja, es nervt, dass dieser Luca jetzt schon mehr Pluspunkte hat, als ich in ihren Augen je bekommen könnte.
»Ma sagte, Luca ist jemand, den wir brauchen«, hat Rocco mit zerkautem Brioche im Mund gemurmelt, und Dante hat ebenfalls den Mund aufgemacht, um mir seinen Essensbrei zu zeigen, bis Nonna ihm einen Klaps auf den Hinterkopf verpasste.
»Alles klar.« Ich habe nicht weiter nachgefragt, weil ich davon ausging, dass meine Geschwister auch nicht mehr wussten.
»Levante?« Nonna sah mich mit einem Gesichtsausdruck an, der mir verriet, dass sie mir eine Frage gestellt hatte. Ich hob den Kopf, sie schüttelte ihn. »Wer ist Luca?«
»Keine Ahnung«, antwortete ich, woraufhin Rocco mit der flachen Hand auf den Tisch klopfte.
»Jemand, den wir brauchen«, wiederholte er mit einem eindringlichen Unterton.
Ich wuschelte ihm durch die Haare und stand auf, bevor er mich ablecken oder irgendetwas anderes Ekliges tun konnte. Aber ich war nicht schnell genug. Dante warf den weißen Teil des Prosciutto, den er nicht mag und immer ganz an den Rand seines Tellers schiebt, nach mir. Das glibberige Fett landete auf meinem Arm, und als ich es wegmachte, fiel mein Blick unweigerlich auf meine Narbe, die sich über meinen kompletten Unterarm zieht. Ich habe mir ein Tattoo darüber stechen lassen. Wenn man nicht weiß, was sich unter der schwarzen Farbe verbirgt, fällt die Narbe fast nicht auf. Anderen zumindest nicht. Mich wird sie für immer an die Nacht vor zwei Jahren erinnern.
Ich blicke hoch. Der Parkplatz vor dem Bahnhof ist leer. Bis auf das Mädchen, dessen überheblicher Gesichtsausdruck mir direkt verrät, welche Art von Touristin sie ist.
Ein Schnauben unterdrückend, ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche. Dieser Luca ist zu spät, und ich weiß jetzt schon, dass ich den Typen hassen werde.
Ich wähle die Nummer des Hotels. Es klingelt eine Weile. Dann ist die Leitung tot. Komisch, aber ich schiebe es auf den schlechten Empfang und probiere es noch mal. Wieder klingelt es, bis ich nicht mehr damit rechne, dass noch jemand abhebt, weshalb mein »Hallo?!« so verzweifelt rüberkommt, als hätte ich mich in der Wildnis verlaufen und würde gerade zum ersten Mal seit Tagen aus der Ferne Stimmen hören.
Das »Ja, bitte?« am anderen Ende der Leitung stammt allerdings nicht von einem Retter in der Not, sondern von … einem Kind? Ich halte kurz mein Handy vom Ohr weg, um zu prüfen, ob ich die richtige Nummer gewählt habe. Aber im Grunde weiß ich, dass ich mich nicht verdrückt habe, weil ich das Hotel direkt in meinen Kontakten eingespeichert habe, nachdem ich mit der Besitzerin telefoniert hatte, die vorab ein paar Details von mir wissen wollte. Die Stimme am Telefon ist also definitiv nicht ihre. Außer sie ist zufällig Benjamin Button.