Das dritte Siegel - Klaus Kohlpaintner - E-Book

Das dritte Siegel E-Book

Klaus Kohlpaintner

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Beschreibung

Zwei Freunde, ein Abenteuer. Thomas Wegener ist besessen von der Idee, einen Achttausender zu besteigen und überredet seinen Freund zu diesem waghalsigen Unternehmen in dem festen Glauben, dass man sich mit Geld jeden Weg erkaufen kann. Doch was als einmalige Lebenserfahrung beginnt endet in einem Fiasko. Beim Gipfelsturm kommt sein Freund ums Leben, Thomas selbst überlebt nur knapp - und trägt das Verderben mit sich. Geplagt von Erinnerungen, die nicht die seinen sind und verfolgt von einem rätselhaften Fremden, stößt er auf ein Komplott, das zurückreicht bis ins dritte Jahrhundert, in ein Land an den Ufern der Donau, das unter der Macht des römischen Imperiums steht. Als Thomas endlich die Figuren und Drahtzieher dieses seltsamen Spiels aufspüren kann, gerät er vollends zwischen die Fronten und muss erkennen, dass er betrogen und benutzt wurde und dass tödlicher, als der Berg die Geister sind, die auf ihm wohnen.

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Seitenzahl: 450

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Erstes Buch: Gipfelsturm

Samstag, 15. Juli 2006

Montag, 17.Juli 2006

Mittwoch, 02. August 2006

Freitag, 04. August 2006

Donnerstag, 17. August 2006

Mittwoch, 23. August 2006

Freitag, 25. August 2006

Samstag, 26. August 2006

Dienstag, 29. August 2006

Freitag 01. September 2006

Freitag 01. September 2006

Samstag 02. September 2006

Samstag, 02. September 2006

Sonntag, 03. September 2006

Zweites Buch: Bluthandel

A.D. 261, Mitte August

A.D. 262 Ende Oktober

A.D. 265 Nonen des April

A.D. 265 Ende April

A.D. 265, Ende April

A.D. 265, Kalenden des Mai - Beltane

A.D. 266, Mitte September

A.D. 266 Ende September

A.D. 267 Ende August

A.D. 267 Ende November

A.D. 268 Anfang Mai

A.D. 269, Ende Februar

A.D. 269 Mitte November

Drittes Buch: Todeszone11

Freitag, 08. September 2006

Donnerstag, 21. September 2006

Donnerstag, 21. September 2006

Donnerstag 22. September 2006

Donnerstag, 22. September 2006

ERSTES BUCH

GIPFELSTURM

Die höchsten

Gipfel zu ersteigen

ist hehres Ziel

und blinder Wahn zugleich.

Denn wisse,

jenseits dieser Grenze

liegt lauernder

Dämonen Reich

Wo Freundes Schwur

und Güte

nichts mehr gelten,

wo nichts mehr

leben kann allein,

dort kann dich

alter Fluch ereilen

und deines Lebens Schicksal sein

Samstag, 15. Juli 2006

Pakistan, Gasherbrum II, 8018 m über Normal-Null

Jeder verfluchte Atemzug eine unglaubliche Anstrengung und eine höllische Qual. Jeder Schritt kostet mehr Kraft als ein Mensch in seinem Leben aufbringen kann. Jeder Zentimeter verbissen hart erkämpft in einem Meer aus Schnee und Eis.

Der Berg war nicht bereit sich so einfach besiegen zu lassen. Nein, bei Gott, das war er nicht. Und wenn es tausendmal die Jahreszeit war, in der eine Besteigung problemlos möglich war, er hatte es sich eben anders überlegt und er machte das den beiden Männern gerade überdeutlich klar. Schnee, Eis und Sturm waren sein Schild, schneidende, tödliche Kälte war sein Schwert. Und er war so unglaublich viel größer, älter und mächtiger als diese winzigen, verrückten Kreaturen, die sich ihm entgegenstellten.

Die beiden Männer quälten sich, aneinander gekettet auf Gedeih und Verderb, durch den kniehohen Schnee. Endlos lange Stunden unterwegs bereits, herauf vom vierten Hochlager und getrieben von einem Wahnsinn, den sie sich selbst nicht eingestanden und der sie verzehrte wie ein hell loderndes Feuer. Was nur konnte ein halbwegs normal denkender Mensch in dieser eisig kalten Wildnis zu finden hoffen, wohin nur konnte er unterwegs sein? Hinaufzusteigen, nur um – vielleicht – wieder hinunter zu gehen?

Der Erste der Beiden stapfte noch immer halbwegs sicher und zielgerichtet voran. Sein Partner jedoch fing hinter ihm plötzlich an zu torkeln und sackte schließlich kraftlos in den Schnee. Als hätte ein Schiff den Anker geworfen, straffte sich das Seil und brachte den Ersten mit einem unbarmherzigen Ruck zum Stehen. Langsam wandte er sich um, keuchend nach Atem ringend in der sauerstoffarmen Luft und sah müde und unsicher umher. Er schien anfangs gar nicht zu begreifen, was ihn zurückhielt und starrte lange Sekunden auf das vereiste Seil, das mit dem blauen Leichtmetallkarabiner an seinem Geschirr eingehängt war. Dann plötzlich verstand er und kämpfte sich die wenigen Schritte zurück zu seinem Kameraden, der halb zusammengesunken und verloren am Boden kauerte. Er fiel neben ihm auf die Knie, nahm dessen, in der dicken Kapuze versteckten Kopf in die Hände und drehte ihn zu sich hoch. Die Augen des Gefallenen schimmerten weit hinter der dunklen Schneebrille glanzlos und leer und Nase und Wangen begannen bereits sich zu verfärben. Ein paar hundert Höhenmeter tiefer und mit etwas mehr Sauerstoff im Gehirn hätte der Andere realisiert, dass sein Freund auf dem besten Weg war, zu erfrieren.

»Hey Hans, was ist los?« stieß er rau und abgehackt hervor. Verflucht, wie konnte etwas so Einfaches wie Sprechen nur so unglaublich anstrengend sein?

Hans scherte sich mit einer fahrigen Bewegung die Brille aus dem Gesicht, sah den Anderen lange mit einem verlorenen Blick an und versuchte verzweifelt seine letzten Kräfte für eine Antwort zusammenzukratzen.

»Umkehren... bitte! ...kann nicht mehr!«

Obwohl diese wenigen Worte durch das Brausen des Windes kaum verständlich waren, konnten sie eindringlicher nicht sein. Der Mann war – gezeichnet von der Höhenkrankheit – vollkommen ausgepowert und am Ende seiner Kräfte. Doch der Andere schüttelte sofort und überraschend energisch den Kopf.

»Nein! Gib jetzt bloß nicht auf, hörst du! Es sind doch nur noch ein paar Meter. Nur noch ein kleines Stück. Los, komm schon...« Beschwörend redete er auf seinen Freund ein und versuchte ihn mit einem Klaps auf die Schulter zu ermuntern. Der jedoch sah die Sache wesentlich klarer und war schon lange nicht mehr in der Lage, sich etwas vorzumachen.

»Vergiss... es... Tom!« keuchte er nur.

Thomas Wegener – der Andere – sah seinen Freund lange unverständig an und langsam begann er zu begreifen, dass Hans es, wie auch immer, nicht bis zum Gipfel schaffen würde. Und das bedeutete, dass auch er nicht dort oben stehen würde, nicht seinen Traum ausleben konnte. Aus! Ende! So kurz vor dem Ziel. So ein verdammter Mist. Sie würden es nicht schaffen.

Sie beide nicht. Er vielleicht...

Tom griff nach unten und begann an dem blauen Karabiner, der ihn an Hans kettete, herumzunesteln.

»Was... machst du da?« Die Stimme seines Freundes war immer noch keuchend und leise und doch voller Bestürzung und Furcht.

»Keine Panik, Hans! Du rastest hier kurz und ich gehe das letzte Stück zum Gipfel alleine. In ein paar Minuten bin ich wieder zurück.«

»Nein... bitte...«

Tom sah in die Augen des zu Tode erschöpften Mannes. Doch das, was er sah, war kein Freund und kein Mensch, der seine Hilfe brauchte, sondern nur eine Last, von der er sich befreien musste.

»Ich kann jetzt nicht umkehren«, beschwor er ihn. »Nicht jetzt! Nicht so kurz vor dem Ziel! Ich habe zu viel da hineingesteckt. Ich muss da rauf!« Er zerrte jetzt immer ungestümer an dem Karabiner und versuchte die Verbindung mit seinen klammen Fingern zu lösen.

Hans legte seine Hand auf die des Freundes und sein Griff war überraschend kräftig. Ihre Blicke trafen sich und Hans nahm all seine Kraft zusammen für die nächsten Worte, genau wissend, dass sie seine letzten sein konnten.

»Wenn du mich... jetzt... hier lässt,... sterbe ich!« Und er wusste nur zu gut, dass das stimmte. Er konnte es spüren.

Nicht jedoch Tom.

»Red doch keinen solchen Quatsch. Bleib hier und warte einfach, bis ich wieder da bin.«

Er war jetzt hörbar wütend und riss den Karabiner mit einem Fluch los. Ohne sich noch einmal umzusehen, wuchtete er sich auf und stapfte verbissen weiter nach oben. Und während Hans ihm fassungslos nachblickte und spürte, wie die Kälte ihn langsam aufzufressen begann, schlug der Whiteout schnell und unbarmherzig zu.

Von einer Sekunde auf die andere änderte sich das Licht und wurde sanft und gnadenlos weich. Himmel und Erde verschmolzen in einem grauen Strahlen und aller Kontrast und alle erkennbaren Schattierungen verloren sich in einer endlosen Gleichförmigkeit. Nichts war mehr zu erkennen und die Welt schien sich nach allen Richtungen bis in alle Ewigkeit zu erstrecken. Oben, unten, links, rechts, alles war mit einem mal gleich und nicht mehr unterscheidbar, fast so, als hätte Gott die Welt auf Anfang gesetzt und gelöscht. Der letzte Anhalt war nur Toms rot gewandete Gestalt, die sich bergan bewegte. Doch schließlich war auch dieser kleine Trost in der allumfassenden Trostlosigkeit verschwunden und Hans war verloren und allein.

Nach einer endlosen Quälerei über diese letzten, mickrigen siebzehn Höhenmeter stand er endlich oben auf dem Gipfel – und es war ihm scheißegal. Sein Schädel hämmerte und er hätte kotzen können, hätte er nur noch ein klein wenig Kraft dafür übrig gehabt.

Jetzt kauerte er hier, auf allen Vieren, auf diesem eiskalten, schneebedeckten und öden Drecksberg und fragte sich plötzlich, was er hier machte. Verzweifelt sog er Luft in seine Lungen, die so dünn war, dass er mit jedem Atemzug ein Stück weit starb. Seine Finger, die ganzen Hände, seine Zehen und Füße, nichts anderes mehr als tote, gefühllose Stümpfe, die er nicht mehr spüren konnte. Und er wusste, trotz der Benommenheit, die sich in seinem unterversorgten Gehirn breit machte, sehr wohl, was das bedeutete: Das bisschen Leben in ihm reichte nicht mehr für den ganzen Tom und so gab sein Körper zuerst seine Extremitäten verloren, in dem hilflosen Versuch, den Rest zu retten.

Plötzlich musste Tom lachen – was sehr stark nach dem rauen Hecheln eines Hundes klang – als ihm klar wurde, dass er zum Gelingen dieser Strategie ein- oder zweitausend Höhenmeter tiefer sein sollte. Er hatte seine ganze Kraft und Energie für diesen wirren Traum verbraten, der eben nicht im Erreichen des Gipfels seinen krönenden Abschluss finden sollte, sondern darin, dass er zuhause, bei einem kalten Bier, damit angeben konnte. Und erst jetzt wurde ihm klar, dass dazu auch der Rückweg gehörte. In unmäßiger Geltungssucht und Selbstüberschätzung hatte er sich ins Aus bugsiert – die dummen Hunde beißen sich selbst.

Der Wind fegte immer stärker über den Berg hinweg und quälte ihn hier, so vollkommen ungeschützt, maßlos und unbarmherzig. Wolkentreiben und aufkommendes Schneegestöber nahmen ihm die Sicht. Er blickte nach vorne und erkannte, dass er gar nichts erkennen konnte.

Was nur war so furchtbar schief gelaufen bei diesem großen, schönen Abenteuer, dass es so bitter enden sollte? Was nur hatte er falsch gemacht, dass er jetzt hier kauerte, in die Enge getrieben wie ein dummes Tier?

Wirre Gedanken und wirre Bilder am Ende eines ansonsten recht passablen Lebens. Er sah sich selbst mit Hans in der Passauer Fußgängerzone bei einem Cappuccino sitzen und seinen Freund, strotzend vor Begeisterung, auf diesen Höllentrip einschwören. Sah die Sonne herunterbrennen an diesem schönen Sommertag vor fast einem Jahr. Sah die Hitze förmlich, vor der sie sich damals unter einem der großen, breiten Sonnenschirme versteckt hatten und konnte sie jetzt, da er sich so sehr nach Wärme sehnte, doch nicht spüren.

Er sah die wenig begeisterten Gesichter ihrer Familien und Angehörigen, als sie mit ihrem Plan rausgerückt waren. Sah ihre Mienen, die ihm stumm zuriefen: Na wieder mal ein typischer Tom-Wegener-Plan. Sah sich selbst die Schulter zucken, gegen jede Vernunft und gegen jeden gut gemeinten Einwand, nur um seinen Dickschädel durchzusetzen.

Er sah sich beim Abflug in München, voller Stolz und Tatendrang. Sah sich bei ihrer Ankunft in Islamabad nach über fünfundzwanzig Stunden Reisezeit schon deutlich nüchterner. Sah sich müde sein Gepäck schleppen und fragte sich, warum er nicht da schon wieder umgekehrt war.

Und dann sah er hinunter auf seine Hände, die in den dicken, dunkelblauen Daunenhandschuhen steckten und die trotz ihrer sündhaft teuren Verpackung von der Kälte aufgezehrt wurden.

Als er schließlich den Kopf hob und seinen Blick wieder hinausrichtete in die grauen, undurchdringlichen Sturmfetzen, fing er auch noch an zu phantasieren.

Na wunderbar, dachte er bitter. Nicht nur, dass ich hier oben verrecke wie ein Stück Vieh und dafür ein Vermögen ausgegeben habe. Nein, jetzt fang ich auch noch an zu spinnen.

Trotz der Überzeugung, dass ihm sein Gehirn einen Streich spielte, starrte er in die von Schneefahnen durchzogene graue Leere vor ihm, wo zwei gelbe Punkte aufgetaucht waren, wie zwei glimmende Kerzenflammen. Doch als sich die Lichter langsam auf ihn zu bewegten, war er sich plötzlich nicht mehr sicher, ob er sich das nur einbildete – und ob es ihm nicht lieber sein sollte, wirklich durchzudrehen.

»Oh... mein Gott!« stammelte er.

Und ein unmenschliches Kichern trieb ihm eine eisige Kälte ins Herz, wie es der Sturm nie vermocht hätte.

Montag, 17.Juli 2006

Pakistan, Gasherbrum II, viertes Hochlager, 7350 m über Normal-Null

»Nein, Bernd, sie sind bis jetzt nicht wieder aufgetaucht.«

Sven Kammerland war nach außen hin die Ruhe selbst, obwohl er innerlich kochte. Er war jetzt seit mehr als sieben Jahren für White-Mountain als Bergführer im Himalaja und Karakorum unterwegs und er hatte noch nie einen Kunden verloren – und jetzt gleich zwei. Natürlich hatte niemand wirklich mit diesem plötzlichen Wetterumschwung gerechnet und natürlich war dieses Mistwetter total untypisch für diese Jahreszeit. Aber das alles waren eigentlich keine ernsten Probleme. Er hatte hier das Sagen und solange sich alle an seine Anweisungen hielten, konnten sie noch weit Schlimmeres meistern.

Und seine Anweisungen waren klar gewesen: Niemand macht sich auf zum Gipfelsturm solange er nicht grünes Licht gibt. Alle hatten das verstanden. Sogar der Franzose, dieser Querkopf. Nur Thomas und Hans hatten sich alleine und ohne jemandem was davon zu sagen auf den Weg gemacht. Diese zwei Idioten waren einfach auf eigene Faust aufgebrochen und hatten ihn so in eine verdammt heikle Lage gebracht.

Das Wetter wurde immer schlechter und er konnte es einfach nicht riskieren, diesen lebensmüden Trotteln noch ein Menschenleben hinterher zu werfen. Andererseits waren die Beiden rettungslos verloren, wenn er jetzt aufbrach und den Rest der Gruppe hinunterführte.

»Was sagt der Wetterbericht, Bernd?« Eine Frage, die er seinem Partner im Basislager die letzten Stunden sicher schon zwanzig Mal gestellt hatte. Kratzig kam auch prompt die Antwort über Funk.

»Wie gesagt, es wird schlechter! Lange bleibt euch nicht mehr für einen sicheren Abstieg.« Bernd fasste sich kurz, da Sven ohnehin wusste, was er zu tun hatte. Und doch konnte er sich noch zu keiner Entscheidung durchringen – obwohl es eigentlich gar nichts mehr zu entscheiden gab.

Er ließ das Funkgerät sinken und starrte zu Samir, einem der beiden pakistanischen Träger im Team, der vor ihm saß und auf dem Kocher Tee bereitete. Sven kannte Samir schon lange und hätte ihm in dieser Höhe jederzeit sein Leben anvertraut. Einige Sekunden herrschte Schweigen zwischen den beiden Männern, dann hob der ältere Pakistani den Kopf und sah den jungen Bergführer lange und ruhig aus seinen fast schwarzen Augen an. Sein Gesicht war braun und wettergegerbt und eingerahmt von einem wilden, schwarzen Bart und einem ebenso schwarzen Haarschopf, auf dem eine fleckige, afghanische Chitraliklebte. Ohne dass Sven eine Frage stellen musste, wusste Samir genau, worum es ging.

»Sie sind alleine gegangen. Nun muss der Berg entscheiden, was mit ihnen geschieht.« Damit war alles gesagt und der Träger beschäftigte sich wieder eingehend mit Kocher und Tee.

Sven nickte. Er wusste, dass Samir Recht hatte. Was mit den Beiden dort oben geschah, lag nicht mehr in seinem Einflussbereich. Er hatte die Verantwortung für seine übrigen Kunden.

»Bernd, wir steigen ab!«

»Verstanden.«

Er schaltete das Funkgerät ab und verstaute es gewissenhaft in seiner Tasche. Hier war nicht der Ort für lange Diskussionen und endlose Überlegungen. Hier waren Entscheidungen und klare Anweisungen gefragt. Sven stand auf und schälte sich aus dem Zelt. Der Nebel lag noch deutlich hoch über ihnen und es fiel nur wenig Schnee. In einer Stunde jedoch konnte es schon ganz anders aussehen.

»Okay, Herrschaften…« rief er laut ins Lager und sofort erschienen Köpfe in den Zelteingängen. »…wir packen zusammen und machen uns an den Abstieg!«

Keiner der Anderen stellte eine Frage oder widersprach gar. Jedem einzelnen leuchtete die Notwendigkeit dieser Entscheidung ein und jeder wusste, was das bedeutete: Die beiden Ausreißer waren hiermit tot!

Innerhalb dreißig Minuten war die Gruppe abmarschfertig, was nur zeigte, dass jeder bereits damit gerechnet hatte. In aller Ruhe wurde die Abstiegsreihenfolge festgelegt und die Schlange setzte sich in Bewegung.

Michel Valon, der Franzose, der mit Samir das Schlusslicht bildete, warf noch einen letzten, sehnsüchtigen Blick hinauf zum Gipfel, der ihnen versagt geblieben war und der sich jetzt in dicken Schneewolken verbarg – und stutzte.

»Halt, Leute, seht... dort...«, rief er in gebrochenem Englisch und deutete nach oben. Alle hielten an und blickten den Schneehang hinauf – und auf die rote Gestalt, die unsicher auf sie zutorkelte.

Tom saß röchelnd zwischen Sven, Michel und Samir im Zelt und dämmerte zwischen wahnsinnigen Kopfschmerzen und einer furchtbaren Übelkeit. Michel massierte seine eiskalten Hände, während Sven versuchte, ihn abwechselnd mit Wasser und Sauerstoff zu versorgen. Der junge Bergführer hatte die anderen fünf der Gruppe mit dem zweiten Träger schon vor Stunden auf den Weg geschickt.

»Wir müssen so schnell wie möglich runter«, sagte Sven zu Samir gewandt, der nur kurz nickte, ohne aufzuschauen. Er ordnete mit geübten Händen den Inhalt seines Rucksacks neu, um noch eine weitere Sauerstoffflasche für Tom mitnehmen zu können.

Sven nahm Tom die Sauerstoffmaske aus dem Gesicht und sah ihm in die Augen. Zwei rotgeränderte, tiefe Teiche, hinter denen Toms Verstand begraben lag.

»Thomas, wo ist Hans?« Sven versuchte noch einmal das Geheimnis über den Verbleib des zweiten Ausreißers zu ergründen. Doch wie auch schon die Male vorher erhielt er nur eine Antwort: »Alter Mann... alter Mann... alter Mann...«, krächzte Tom immer wieder leise.

Sven schüttelte resigniert den Kopf.

»Also los, brechen wir auf«, verkündete er schließlich und packte mit Michels Hilfe Tom wieder in seine Expeditionsklamotten. Nachdem sie alle ihre Rücksäcke geschultert hatten, machten sie sich – Tom zwischen Sven und dem Franzosen, Samir voraus – an den Abstieg, hinein in die Abenddämmerung. Sie waren sich bewusst, dass ihnen ein mehr als dreißigstündiger Gewaltmarsch bevorstand, da sie Tom so schnell wie möglich vom Berg hinunterschaffen mussten – und ganz nebenbei sich selbst in Sicherheit bringen sollten, da der Berg in diesem Jahr nicht wirklich auf Besucher eingestimmt war.

Er verfluchte seinen Boss Bernd Magnus, der am anderen Ende der Funkverbindung und unten im Basislager saß. Dessen Philosophie, fast jeden auf einen Achttausender zu schaffen, wenn er nur genügend Kleingeld hatte, war ihnen jetzt auf den Kopf gefallen.

Expeditionsbergsteigen war eine gefährliche Freizeitbeschäftigung, ohne Frage, doch der Tod von Hans Klein war nur auf die Dummheit und Selbstüberschätzung aller Beteiligten zurückzuführen – und er konnte sich selbst dabei nicht ausnehmen. Sven wusste, dass er erst wieder aufatmen konnte, wenn er die ganze Bande in Skardu abgeliefert hatte. Doch vorerst gab er sich damit zufrieden, dass sie einen Schritt vor den anderen setzten und mit jedem Höhenmeter ein kleines Stück mehr Sicherheit gewannen. Jetzt hieß es umsichtig und mit Bedacht vorzugehen, denn der Berg, das wusste Sven nur zu genau, verzeiht keine Fehler. Und heute noch weniger als sonst, dachte er mit einem leisen Anflug von Verbitterung.

Und während sie sich langsam an den Abstieg machten, hatte er für einen kurzen Augenblick das ungute Gefühl, als würde sich ein Blick aus glühend gelben Augen aus der Nebelwand hinter ihnen in seinen Rücken bohren. Und Sven Kammerland versuchte unwillkürlich schneller zu gehen.

Die Seele gefangen und begraben in einem gequälten und leidenden Körper. Stunden und Tage am Ende aller Kräfte. Einsam, allein und verlassen.

Männer neben ihm, die ihn halten und stützen und ihm doch keine Ruhe gönnen. Weiter, weiter, immer weiter. Wohin? Warum?

Dunkelheit um sie herum, nur schwach erhellt durch fahle Lampen. Kein Zusammensinken, kein Niederlegen, kein gnädiges Sterben. Stattdessen ein Leben voller Schmerz und ohne Ziel. Was geschieht mit mir? Wo bin ich? Wohin? Wohin?

Immer weiter durch ein Meer voller Qualen und durch endlose Nebel. Stimmen und Berührungen. Wer ist das?

Kurze, lichte Momente, in denen er Gesichter sieht, die ihm bekannt erscheinen. Die Luft schmeckt so anders. Süß und voller Kraft. Eine Stärke darin, die er mehr ersehnt, als alles sonst. Doch nur kurz, viel zu kurz. Nach diesem kurzen Geschmack von Leben umfängt ihn wieder diese leere und ausgelaugte Welt. Und wieder weiter, weiter.

Lasst mich, bitte. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr!

Keine Antwort, keine Gnade, kein Erbarmen. Weiter, immer weiter.

Doch da lauert noch etwas hinter seinem ausgedünnten Leben. Etwas – jemand – ist bei ihm, zieht mit ihm durch diese verfluchte Welt. Hält ihn fest und droht ihn zu ersticken. Er schaudert und fürchtet sich. Und doch weiß er, dass ohne den Anderen seine Kraft schon längst erschöpft wäre; er schon längst dort oben liegen würde, steif gefroren und begraben unter dem endlos fallenden Schnee. Tot und vergessen, wie… wie… wie Hans. Hans Klein! Hans, sein Freund. Hans, der ihn immer bewundert hat. Hans, der immer zu ihm aufgeschaut hat. Hans, den er verraten und verkauft hat für einen vagen Traum, ein falsches Glück.

Die Erkenntnis und die Erinnerung stürzen sich auf ihn wie hungrige Raubtiere und schlagen ihm die Fänge ins Herz. Mörder! Ruchloser Mörder! Blut an deinen Händen, das Blut des Freundes! Feiger, hinterhältiger Mörder!

Krämpfe schütteln seinen verdorrten und erschöpften Körper. Krämpfe, gegen die auch die sauerstoffreiche Luft aus den Flaschen nichts ausrichten kann, da es nicht der Leib ist, der sich verkrampft, sondern die Seele. Und so sicher seine Begleiter sind, dass sein Tod nahe ist, so sicher weiß er, dass ihn noch kein gnädiges Sterben erwartet; noch nicht! Er weiß es. Er kann sich wieder daran erinnern. Er kann sich daran erinnern, dass er Hans – seinen sterbenden Freund – in der eisigen Kälte zurückgelassen hat. Er kann sich daran erinnern, dass er den Gipfel alleine bestiegen hat. Und er kann sich daran erinnern, was dort oben geschehen ist.

Und plötzlich, hinter all diesen Erinnerungen, dämmert eine Panik herauf, als er erkennt, was er mit sich trägt.

Nein! Halt! Haltet an! Nicht weiter, bitte!

Doch kein verständliches Wort kommt über seine ausgetrockneten und rissigen Lippen. Er hat keine Möglichkeit, seinen Geist über die Grenzen seines elenden Körpers zu schicken.

Die Seele gefangen und begraben in einem gequälten und leidenden Körper.

Und schließlich wird er ruhiger, wird eingelullt durch das Gift des Anderen, der ihm versichert, dass sie einander brauchen, aufeinander angewiesen sind. Langsam, ganz langsam versinken seine Gedanken wieder in jenem grauen, undurchdringlichen Nebel, erfriert sein Widerstand in jener seelenlosen Kälte. Und wieder treibt er in den jämmerlichen Resten seines Bewusstseins, während sein waidwunder, ausgemergelter Körper von seinen Begleitern hinunter gezerrt wird.

Weiter, weiter, über Schnee und Eisfelder; weiter, vorbei an hochaufragenden, sturmgepeitschten Gipfeln; weiter, immer weiter durch dunkle, eisige Nächte und graue Tage; weiter, immer weiter, hinunter in karge Täler; weiter schließlich, bis Skardu mit seinen graubraunen, kärglichen Steinhäusern.

Weiter und hinein in eine Maschine, die über der holprigen Landebahn Skardus in den wolkenverhangenen Himmel steigt. Und durch seine fiebrigen Gedanken hindurch kann er die Sorgen seiner Begleiter spüren. Sorgen über seinen anhaltend schlechten Zustand und seinen zunehmenden körperlichen Verfall, dem auch durch den raschen Abstieg kein Einhalt zu gebieten war.

Er hängt fest in diesen Stunden und Tagen zwischen einem unruhigen, albtraumhaften Schlaf und einem schmerz- und leiderfüllten Wachsein. Und immer wieder spürt er die Anwesenheit des Anderen, der sich an seinem Leben festgesaugt hat, wie ein Egel und ihn nicht vergessen und nicht sterben lässt.

Weiter, immer weiter über die Wolken, über die Welt, zurück in eine Heimat, in der er der Mörder seines Freundes sein wird. Und während er den Blick aus unbarmherzigen, gelbglühenden Augen auf sich spürt, flüstert er leise und unverständlich: »Alter Mann… Alter Mann…«

Mittwoch, 02. August 2006

Deutschland, Passau

Als wenn eine Tür zugeschlagen würde, so abrupt war der Übergang aus seinen Träumen in die wache Welt. In der einen Sekunde waren seine Augen geschlossen und doch schon in der nächsten Sekunde waren sie weit aufgerissen. Entgeistert und verwirrt lag er still da und starrte an die Decke. Wie auch schon die Male vorher war dieser Moment des Erwachens verstörend unwirklich. Er atmete tief durch und horchte in sich hinein. Es war, als würde er in einem Haus mit zwei Räumen wohnen, die durch keine Tür, keinen Durchschlupf, miteinander verbunden waren. Mal war er in dem einen Raum, mal in dem anderen. Und nie wusste er, was in dem Zimmer vorher geschehen war.

Tom Wegener versuchte langsam seine Gedanken zu ordnen und einen klaren Kopf zu bekommen. Immer noch hatte er seinen Blick an die eintönig weiße Decke geheftet – weiß wie Schnee – ohne sie wirklich zu sehen. Langsam, ganz langsam nur, bohrten sich die leisen Geräusche seiner elektronischen Wächter in sein Bewusstsein und machten ihm klar, wo er sich befand.

Vor zwei Tagen erst war er hier aufgewacht nach seinem gescheiterten Bergabenteuer und war sich das erste Mal wieder seiner selbst bewusst geworden. Es hatte eine ganze Zeit gebraucht, bis er realisiert hatte, dass er warm und geborgen und gut versorgt auf der Inneren Intensivstation im Klinikum Passau lag.

Es war gut. Auch wenn er an tausend Geräten hing, von deren Funktion und Sinn er bei den allermeisten keinen Schimmer hatte.

Es war gut. Auch wenn er unter ständiger Kontrolle und ohne die geringste Intimsphäre aufgebahrt lag, wie ein Fisch in der Kühltheke.

Es war gut. Auch wenn er nicht aufstehen konnte und sogar in aller Offenheit und unter tätiger Mithilfe der Schwestern seine Geschäfte verrichten musste.

Das alles war erträglich. Unerträglich hingegen war das, was sich in seinem Schädel abspielte und was ihn mehr und mehr ängstigte. Er dachte angestrengt nach, wusste er doch, dass er geträumt hatte und doch konnte er sich an nichts erinnern. Er ahnte, dass in seinen Träumen verborgen lag, was mit Hans geschehen und was ihm auf dem Gipfel zugestoßen war. Er war sich sicher und konnte doch nicht das kleinste Stück Erinnerung greifen. Alles fest verschlossen und unerreichbar, drüben, im anderen Zimmer.

Es war zum verrückt werden.

Tom presste die Augen zusammen, hielt die Luft an und ballte die Fäuste, bis sich die Nägel tief in seine Handflächen gruben. Einer seiner Wächter heulte empört auf und rief eine der Schwestern auf den Plan. Mit geübtem Blick erkannte sie, dass ihrem Patienten keine Gefahr drohte. Mit ruhiger Präzision brachte sie den Wächter zum Verstummen und wandte sich dann Tom zu.

»Ist alles in Ordnung bei Ihnen, Herr Wegener?« Ihre Stimme war beruhigend sanft. Tom nickte und versuchte zur Ruhe zu kommen. Die Schwester öffnete eine seiner Hände und blickte stirnrunzelnd auf die rotblauen Kerben, die seine Nägel hinterlassen hatten.

Ihr fragender Blick nötigte ihm eine Erklärung ab.

»Ich habe wohl geträumt und dabei…« Sie nickte verstehend und so, als ob sie genau wüsste, was geschehen war.

Tom hielt die Klappe und die Schwester ließ ihn allein.

Er schloss wieder die Augen und atmete tief ein.

…für einen kurzen Augenblick meinte er den wohltuenden Duft von Kräutern, die in der Feuerschale neben seinem Krankenlager verbrannt wurden, in der Nase zu haben…

Tom erschrak, riss die Augen auf und sah sich langsam um. Er lag inmitten seiner kaltblinkenden und chromblitzenden Wächter in weißen und sterilen Laken in einem weißen und sterilen Raum. Keine Feuerschale und kein kräuterduftender Hauch. Alles hell und klar – und doch schauderte er. Wessen Erinnerungen waren das? Die seinen jedenfalls nicht. Doch schon mit dem Öffnen seiner Augen waren die Bilder und Eindrücke – so wirklich und intensiv zuerst – bereits am Verblassen.

Was war nur mit ihm los?

Natürlich war er krank und geschwächt, soviel wusste er selbst. Doch er hatte nie zu Phantastereien geneigt. Er war doch ein Kerl, der in Saft und Kraft und mitten im Leben stand. Er war der Hengst auf seiner Weide, der Bulle in seinem Stall. Sein Leben war doch bisher perfekt verlaufen. Alles, was er sich bisher vorgenommen hatte, hatte er auch erreicht – und er musste sich dazu noch nicht mal besonders anstrengen. Er ließ sich ein Stück weit in seine Kissen sinken und dachte über sich und sein Leben nach.

Einziger Sohn eines Anwalts und dessen Frau; hervorragendes Abitur am Maristengymnasium Fürstenzell; gutes Betriebswirtschafts-studium; einige Jahre erfolgreich in einer Steuerkanzlei; seit einigen Jahren selbstständiger Unternehmensberater; erfolgreich, immer Freunde, immer oben auf. Alle hatten immer zu ihm aufgesehen, alle – vor allem Hans. Tom spürte einen Stich in der Magengrube.

Vor allem Hans!

Schon damals am Gymnasium war Hans ständig an seiner Seite gewesen und er hatte es genossen. Hans war in allen Fächern mindestens genau so gut wie er gewesen, nur hatte er es nie verstanden, das gleiche Kapital daraus zu schlagen. Und er musste sich tief in seinem Innern eingestehen, dass er auch immer ein wenig auf seinen Freund herabgeblickt hatte. Auch wenn er das nie wirklich zugegeben hätte, so war es doch die Wahrheit. Hans war der Hintergrund, vor dem er so richtig wirken konnte, das Schwarz, das sein Weiß noch strahlender machte. Und wenn er sich schon gerade so schön selbst geißelte, konnte er sich auch noch eingestehen, dass es eigentlich nur einen Grund gegeben hatte, Hans zu diesem Bergwahnsinn zu überreden: Nur er, Hans, hätte seine, Toms, Leistungen bei dieser Tour gebührend herausgestellt, ohne für sich in Anspruch zu nehmen, ebenfalls bewundert zu werden. Und plötzlich wurde Tom klar, dass er seinen Freund ein Leben lang nur benutzt hatte – und dass dieser sich hatte benutzen lassen, machte das Ganze nicht weniger schmerzhaft.

Ohne ihnen Einhalt gebieten zu können, breiteten sich diese Gedanken in Toms Bewusstsein aus und nahmen von ihm Besitz und seine Augen füllten sich mit Tränen. Doch schließlich, nach langen, schweren Minuten, dämmerte er langsam wieder in den Schlaf und hinüber in das andere Zimmer.

…Lucia! Ihr schwarzes Haar glänzte in der Sonne und ließ ihr schönes Gesicht noch mehr erstrahlen…

Er öffnete die Augen ganz und sah sie verwirrt an. Martina saß auf einem Stuhl an seinem Bett, ihren braunen Kurzhaarschnitt unter der milchigweißen Duschhaube versteckt, die einem beim Besuch auf der Intensivstation aufgenötigt wurde.

Dazu trug sie den unvergleichlich aufreizend grünen Kittel, der mindestens zwei Nummern zu groß war. Wie hatte er seine Freundin in diesem Aufzug nur mit Lucia verwechseln können – und wer zum Teufel war Lucia. Kalte Finger strichen über seinen Rücken und ließen ihn frösteln.

Martina blickte auf und bemerkte, dass er wach war. Sie versuchte sich an einem Lächeln, das so gar nicht gelingen wollte.

»Hallo Tom«, sagte sie sichtlich müde und abgespannt.

»Hey Kleines«, erwiderte er und versuchte in ihrem Gesicht zu lesen, was ihm noch nie gelungen war. Unter ihrem grünen Krankenhauskittel blitzte eine schwarze Bluse hervor. Er sah ihr in die Augen und sie hielt seinem Blick stand.

»Heute war Hans’ Beerdigung«, teilte sie ihm tonlos mit.

Sein Magen krampfte sich zusammen und nahm ihm fast die Luft zum Atmen.

»Seine… Beerdigung?« Diese Frage war ohne Hilfe seines Hirns über seine Lippen gestolpert.

Martinas Blick war mitleidig und traurig.

»Aber… «, stotterte er weiter und der Knoten in seinem Magen zog sich immer fester. »…ich meine… seine Leiche…«. Er merkte, wie er zitterte. Seine Freundin wandte sich ab und sah mit tränenblinden Augen aus dem Fenster. Doch ihre Stimme war überraschend fest und sicher.

»Die Leute dieses Expeditionsunternehmens haben eine Bestätigung geschrieben, in der sie versichern, dass niemand in dieser Höhe mehr als zwei bis drei Tage überleben kann und eine Bergung nicht möglich sei. Katrin hat Hans mit dieser Bestätigung für tot erklären lassen.«

Sie wischte sich mit einer energischen Bewegung die Tränen aus dem Gesicht, die ihr über die Wangen liefen und sah ihn wieder an.

»Und heute war eben nun Hans’ Beerdigung. Eine Gedenkfeier ohne Sarg und großes Brimborium. Aber Katrin war es wichtig, um irgendwie einen Abschluss zu finden.«

Tom schluckte – oder versuchte es zumindest. Sein Mund war ausgetrocknet und er fühlte sich mit einem Mal furchtbar hilflos und schlecht. Er wollte um seinen Freund trauern und konnte doch nur an sein eigenes Schicksal denken.

»Ich hätte dabei sein sollen…« erklärte er hölzern und ohne rechte Überzeugung, sondern mehr aus dem Gefühl heraus, das sagen zu müssen. Martinas Blick versteinerte, als sie erwiderte: »Du bist der Letzte, der hätte dabei sein sollen, Tom.«

Das traf ihn wie ein Keulenschlag.

»Was…? Wieso…? Was meinst du damit?« Als wenn er das selbst nicht am allerbesten wusste. Und Martina wusste, dass er es wusste. Sie beugte sich zu ihm und nahm seine Hand.

»Thomas, ich liebe dich! Ich liebe dich wirklich!« Es klang aufrichtig und ehrlich. »Aber es ist nun mal so, dass du mit Schuld am Tod von Hans trägst. Ich weiß, dass das nie in deiner Absicht lag«, versicherte sie ihm, als er auffahren wollte. »Und doch ist es so. Du hast ihn zu diesem Wahnsinn überredet und du wusstest, dass er mitfahren würde. Du wolltest da hinauf und hast jeden Rat und jede Einwendung ausgeschlagen – selbst von eurem Bergführer vor Ort. Hans hat zu dir aufgesehen, er hat dir vertraut und du hast ihn da hinaufgeführt.«

Ihre Worte fielen auf ihn nieder wie schwere Steine. Blut an deinen Händen, das Blut des Freundes. Er wusste es! Er wusste genau, dass es so war! Auch wenn er sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern konnte, was genau dort oben geschehen war. Er wusste, dass Martina Recht hatte. Aber dass sie das wusste, ließ ihn sich jämmerlich und erbärmlich fühlen.

»Denkst du wirklich, Katrin hätte dich da ertragen können?« So hart und brutal ihre Worte waren, so sanft war ihre Stimme. Martina war schon immer so gewesen. Geradlinig, aufrichtig und ehrlich. Sie hatte sich von ihm noch nie etwas vormachen lassen und hatte auch ihm nie etwas vorgemacht. So war sie zu seinem Anker in der Welt geworden, der ihm bei seinen Höhenflügen die nötige Bodenhaftung verschaffte.

»Sicher hätte Hans nicht mitfahren müssen. Aber er hat es nun mal getan. Und er hat es vor allem deshalb getan, weil du ihn darum gebeten hast, Tom. Und damit hattest du eine gewisse Verantwortung für ihn. Ihr seid deinem Traum gefolgt und Hans ist dabei gestorben.« Sie nahm seine Hand zwischen die ihren, hob sie hoch und küsste seine Finger.

Leise, ganz leise wandte sich Tom ab und fing an zu weinen. Es war so, genau so. Er hatte Mist gebaut und Hans hatte dafür bezahlen müssen. »Verdammt, was soll ich jetzt tun«, schluchzte er.

»Erst mal wieder gesund werden«, sagte sie. »Hör mir zu, Tom. Es ist nun mal so, wie es ist. Und du kannst es auch nicht ungeschehen machen. Aber du musst dir deiner Verantwortung bewusst sein. Und irgendwann musst du mal mit Katrin reden. Nicht heute und nicht morgen, aber irgendwann.«

Er war verzweifelt. »Aber wie…?«

»Irgendwann und irgendwie. Die Zeit wird schon kommen. «

»Und du?«

»Was ist mit mir?«

»Was wirst du tun?« Er glaubte die Antwort zu kennen.

»Was meinst du?«

»Du hast mir das alles gesagt und du hast recht damit. Wie kannst du da weiter bei mir bleiben?«

Sie hielt seinem Blick stand, nur der Griff ihrer Hände wurde stärker, schmerzhafter.

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich liebe. Ich bin traurig, dass alles so gekommen ist, wie es ist. Aber ich stehe zu dir. Und gemeinsam werden wir das schon schaffen.«

Er nickte nur und war dankbar, dass sie ihm nicht das gesagt hatte, was er insgeheim erwartet hatte. Stumm saß sie an seinem Bett und stumm lag er da, während draußen der Tag grauer wurde. Und noch lange nachdem er wieder eingeschlafen war, saß Martina da und sah ihn traurig an. Schließlich jedoch stand sie auf und ging.

Es war weit nach Mitternacht, als er wieder langsam aufwachte. Im Zimmer war es dunkel und nur durch die geöffnete Tür fiel Licht herein. Tom schloss die Augen wieder und versuchte erneut zu schlafen. Vielleicht gelang es ihm ja, ein paar Bruchstücke aus seinen Träumen in die Wirklichkeit hinüber zu retten. So lag er da, schläfrig benommen und mit geschlossenen Augen und horchte auf die Geräusche, die ihn umgaben. Das leise Piepen und Ticken seiner Wächter; Fragmente einer Unterhaltung aus dem Nebenraum;

…das Knistern des halb heruntergebrannten Feuers und das Murmeln seiner Kameraden. Einer ließ den Schleifstein über die Klinge seines Schwerts gleiten und brachte es dadurch leise zum Singen. Ein Geräusch, das ihm die letzten Jahre tief vertraut geworden war. Sie alle waren so weit von zu Hause und wandelten schon viel zu lange unter einem fremden Himmel. Doch noch hatten sie Schlachten zu schlagen, bevor sie sich auf die lange und beschwerliche Heimreise machen konnten. Das Imperium war groß und sie nur ein winziger Teil davon. Einer begann eine Weise zu summen und andere fielen ein, schließlich auch er…

Tom schrak auf. Er hatte ein Lied gesummt. Ein Lied, das er nicht kannte. Und schon wieder begannen die Bilder, die gerade noch so wirklich vor seinen Augen gestanden hatten, sich aufzulösen.

Was war das gewesen? Was hatte er geglaubt zu sehen? Soldaten? Soldaten mit Schwertern? Soldaten an einem Lagerfeuer? Tom biss sich auf die Lippen.

Heiliger Bimbam, was war nur mit ihm los? Seine eigenen Erinnerungen waren ihm verloren gegangen, heraus gebrannt aus seinem Gehirn, wie ein Loch aus einem Stück Papier. Dafür tauchten Erlebnisse eines Fremden in seinem Kopf auf und gaukelten ihm vor, die seinen zu sein. Er wollte hier raus, endlich wieder nach Hause in seine vier Wände und in seinem Bett schlafen. Sicher würde es ihm dann bald wieder besser gehen. In diesem Gruselkabinett musste man doch durchdrehen. Er war nur etwas überspannt und immer noch fertig von seinem Abenteuer. Das würde schon wieder werden, das würde sich schon wieder legen, da war er ganz sicher.

Und so lullte er sich ein und beruhigte seinen aufgebrachten Verstand, sah weg und drehte sich um, wie ein verschrecktes Kaninchen, das glaubt, dem Wolf zu entkommen, wenn es ihn nur nicht ansieht. Doch der Wolf war da. Und er war sich seiner Beute sicher. Und Tom verpasste – wie das Kaninchen – die letzte Chance zur Flucht und blieb sitzen vor dem Wolf, der genau wusste, dass er nur noch zuschnappen musste.

Freitag, 04. August 2006

Deutschland, München, Restaurant Vue Maximilian

Kurienkardinal Montero saß bequem zurückgelehnt in seinem Sessel an einem der weiß gedeckten Tische und nahm genüsslich einen Schluck aus seinem Glas. Er war nicht wirklich ein Weinkenner, dafür aber genoss er den Wein in vollen Zügen. Nach seiner Überzeugung konnte es für den Genuss aller Dinge nur abträglich sein, wenn man zuviel darüber wusste. Dann nämlich übernahm das Gehirn die Kontrolle und versaute einem schließlich den ganzen Spaß. Ihm genügte es vollauf zu wissen, dass er einen Rotwein trank. Woher der stammte, wie er gekeltert, veredelt, oder sonst was wurde, den ganzen Quatsch über Blume, Bouquet und so weiter, all das war ihm herzlich egal. Wenn der Wein durch seine Kehle rann, musste sich ein Gefühl einstellen, als wenn man nach langer Wanderschaft angekommen war – und dieses Gefühl hatte er mittlerweile bei sehr vielen, auch sehr billigen Weinen.

Er setzte das Glas ab und sah zu seinem Sekretär, der, wie so oft, unruhig neben ihm auf dem Stuhl hin- und herrutschte.

»Also, was beunruhigt Sie denn, mein lieber Ernesto?«

Der Kardinal war in einer gönnerhaften Laune und zur Nachsicht aufgelegt, wie immer in Erwartung eines guten Essens und ausreichend zu trinken.

Ernst Pannermeyer war nun seit über drei Jahren als Sekretär und Adlatus in den Diensten von Montero und war es somit gewohnt, mit Ernesto betitelt zu werden. Sein Chef fand dies anscheinend ihrem klerikalen Stand angemessener, als einen so profanen Namen, wie Ernst. Auch hatte Pannermeyer es in den letzten Jahren gelernt, dass der Kardinal sich nie Sorgen zu machen schien, selbst wenn das durchaus angebracht war, was schließlich dazu führte, dass der arme Ernesto sich ständig Sorgen für zwei machte.

»Wir wissen gar nichts über diesen Mann, euere Eminenz«, flüsterte der Sekretär. »Ich habe alle Informationen zusammengetragen, die ich nur irgendwie bekommen konnte. Aber nichts! Nichts, außer den überall erhältlichen Veröffentlichungen. Gar nichts!« Er lehnte sich noch etwas zu Montero und flüsterte noch leiser: »Es ist fast so, als würde jemand bewusst Informationen blockieren.«

Der Kardinal blickte leicht mitleidig auf seinen Begleiter. Er wusste, dass der junge Priester seinen Job hervorragend machte und ihm damit auch ein bequemes Leben ermöglichte. Doch er konnte es einfach nicht verstehen, dass der Junge hinter jeder Ecke eine Verschwörung vermutete; oder Meuchelmörder; oder meuchelmordende Verschwörer. Er dankte Gott, dem Allmächtigen, dass er selbst mit einer so stoischen Ruhe gesegnet war, die ihn die ständige Besorgnis seines Sekretärs ertragen ließ.

»Ernesto! Der Mann ist seit Jahren ein Freund und Förderer der katholischen Kirche. Was halten Sie davon, wenn wir uns einfach mal selbst ein Bild machen?«, fragte er.

»Aber, ich meine, so gar nichts… «, Ernst Pannermeyer schien noch ein kleines Stück nervöser zu werden, wenn das überhaupt möglich war. »Nicht einmal über die… origio obscura!«

»Die dunklen Quellen?« Monteros Stimme klang jetzt deutlich ungnädiger. Er wusste sehr wohl um diesen Begriff, mit dem innerhalb der Kurie zum Teil sehr grenzwertige Erkenntniswege bezeichnet wurden. Er hasste dieses Geheimdienstgebaren – wohl wissend, dass es ihm schon oft zum Vorteil gereicht hatte. Eigentlich hasste er es nur, davon zu wissen, wollte er doch das Bild vom edlen Diener Gottes, das er von sich selbst hatte, nicht mit solchen Dingen belasten. Warum also konnte dieser Kerl nicht einfach die Informationen, die sie vielleicht brauchten, wo auch immer zusammenkratzen und sie ihm einfach geben. Warum musste er ihm den Abend damit verderben, dass er ihm mit diesen vermaledeiten dunklen Quellen kam. Montero wollte davon nichts wissen. Das war wie mit dem Wein.

Schalte dein Gehirn nicht ein, wenn es sich vermeiden lässt. Der Bauch ist der bessere Denker.

»Ja, ich dachte…«

»Die dunklen Quellen?« Monteros Gelassenheit war dahin.

»Ja.« Pannermayer blickte sein Gegenüber immer noch nervös und fahrig mit zusammengekniffenen Lippen an.

»Davon will ich nichts hören, Ernesto!«, entschied der Kardinal bestimmt

Pannermayer nickte nur resigniert, war er doch von der Wichtigkeit seiner Arbeit so sehr überzeugt.

»Euere Eminenz. Ich bitte tausendmal um Vergebung für meine Unpünktlichkeit!«

Ein hochgewachsener, schlanker Mann in einem edlen, anthrazitfarbenen Anzug war an ihren Tisch getreten, verbeugte sich zum Gruß und deutete einen Kuss auf den Ring des Kardinals an, den Montero ihm reflexartig entgegengestreckt hatte.

»Mein Name ist Heinrich Kuator«, stellte sich der Neuankömmling dem Kardinal vor und würdigte Pannermayer keines Blickes. Montero, ein wenig überrumpelt, nickte dem Gast zu und lud ihn damit ein, Platz zu nehmen. Geschmeidig wie ein Raubtier setzte sich Kuator. Das Alter des Mannes war schwer zu schätzen, vielleicht Mitte Fünfzig, vielleicht auch etwas älter. Er war sehr gepflegt und strahlte eine natürliche Würde und Autorität aus. Sein halblanges, grau meliertes Haar war nach hinten gekämmt, sein Gesicht kantig und natürlich braun. Das auffälligste waren jedoch seine Augen. In einem dunklen Grau schimmerten sie unter den wulstigen Brauen hervor und man hatte das Gefühl, als könnte dieser Blick Wände durchdringen.

»Ich freue mich sehr, dass Sie sich die Zeit nehmen konnten, um sich heute mit mir zu treffen«, sagte Kuator

Montero winkte ab. »Ich bitte Sie! Ich möchte mich für diese freundliche Einladung bedanken.« Er legte seinem Sekretär die Hand auf die Schulter. »Dies ist Prälat Pannermayer, mein persönlicher Sekretär und meine rechte Hand.«

Das erste Mal sah Kuator auf den kleinen Mann in der schwarzen Soutane – und fast wäre es Ernst Pannermayer lieber gewesen, er hätte ihn nicht angesehen, so bohrend war der Blick seines Gegenübers.

»Prälat!« Kuator nickte kurz. »Der fleißige, junge Mann, der mir in den letzten Tagen so erbittert nachgespürt hat«, sagte er zum Kardinal, ohne jedoch Pannermayer auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Montero lächelte; nicht nur, um dem Vorwurf die Spitze zu nehmen, sondern auch, weil er sich diebisch freute, dass der junge Priester gerade elegant über seinen eigenen Ehrgeiz gestolpert war.

»Vergeben Sie ihm, mein Freund«, erwiderte er. »Mein guter Ernesto ist ein Gefangener seiner Aufgaben und Pflichten. Ich selbst bevorzuge ja das persönliche Gespräch, in der Überzeugung, dass man dabei mehr erfahren kann, als aus allen anderen Quellen.«

Er blickte dabei Kuator so unschuldig und doch so fest an, dass dieser gar nicht anders konnte, als seinen Blick mit gleichem Nachdruck zu erwidern. Pannermayer starrte von einem zum andern und spürte förmlich, wie die beiden Männer stumm miteinander rangen.

Dann trat der Ober an den Tisch und beendete damit den Kampf der Beiden – fürs Erste. Er erkundigte sich nach den Wünschen Kuators – der nur ein Glas Wasser bestellte – und fragte, ob er das Essen auftragen dürfe. Pannermayer war beeindruckt – wieder einmal. Immer wieder war er verwundert über den Kardinal. Er wusste, dass er ein zurückhaltender und genussfreudiger Mensch war. Er wusste auch, dass er sich lieber auf seinen Bauch als auf seinen Kopf verließ. Aber immer wieder vergaß er, dass Montero deshalb nicht dumm oder einfältig war, sondern gesegnet mit hervorragenden Instinkten, die ihn oftmals wesentlich schneller und direkter zum Ziel brachten, als Pannermayers verbissene Kopfarbeit.

Das Essen lief ruhig und entspannt ab, ganz nach dem Geschmack des Kardinals. Gutes Essen und schwere Reden verderben einander, pflegte er zu sagen. Es kamen nur Belangloses und Nettigkeiten zur Sprache und so landete man schließlich bei einem guten Glas Cognac, das der Kardinal beinahe auf Ex trank, welches Kuator jedoch unangetastet vor sich stehen ließ.

»Wie genau kann ich Ihnen nun helfen, Herr Kuator?«, fragte Montero schließlich.

Kuator ließ sich für die Antwort einige Sekunden Zeit, fast, als müsse er sich überlegen, wie er am besten beginnen sollte.

»Ich möchte Sie um ein Empfehlungsschreiben für die vatikanischen Geheimarchive bitten!« Diese Antwort war direkt und ohne Umschweife. Montero nickte mit gesenktem Blick, während Pannermayer schon wieder auf seinem Platz hin und herrutschte, als hätte er Hummeln im Hintern.

»Ich bin nur ein Mitarbeiter der Kleruskongregation. Ich habe keinerlei Verbindung zur Bibliothek oder den Archiven. Was sollte Ihnen da eine Empfehlung von mir nützen, mein lieber Freund?« Hinter Monteros betont gelassener und jovialer Art lauerte ein alter Fuchs.

Kuator lächelte. »Euere Eminenz, bitte stellen Sie Ihr Licht doch nicht unter den Scheffel. Sie sind nun mal ein Kardinal der Kurie. Sie sind sehr beliebt und kennen die richtigen Leute. Ich bezweifle nicht, dass mir ein Schreiben aus Ihrer Hand sogar Zutritt zu den Privatgemächern des Heiligen Vaters ermöglichen würde.«

Montero schmunzelte geschmeichelt, wusste er doch, dass sein Gastgeber nicht ganz Unrecht hatte – war das ganze Manöver auch nur darauf abgestellt, ihn weich zu kochen.

»Wonach suchen Sie denn? An viele Schriftstücke können Sie problemlos herankommen, ohne meine Hilfe beanspruchen zu müssen. Sie senden lediglich ein Schreiben an den Präfekten, in dem Sie Ihr Interesse beschreiben und…. «

Kuator legte die Hand auf den Arm des Kardinals und nagelte ihn mit seinem durchdringenden Blick fest. »Die wirklich interessanten Werke bekomme ich aber so nicht zu sehen, Eminenz, das wissen wir beide.« Er lehnte sich wieder zurück. »Zudem weiß ich selbst nicht genau, wonach ich suche. Oder besser gesagt, wo ich das, was ich suche, finden werde.«

»Und was genau ist es, wonach Sie suchen?« lauernd schielte der Kardinal zu Kuator hinüber, der, den Kopf gesenkt, auf sein noch immer volles Cognacglas blickte. »Es handelt sich um eine sehr persönliche Angelegenheit, meine Ahnen betreffend…«

Wieder nickte Montero. »Gut. Gut. Sie wollen also, dass ich dieses zugegebenermaßen hervorragende Mahl und diesen angenehmen Abend teuer bezahle. Gut.« Er versuchte ein klein wenig eingeschnappt zu klingen, was ihm nicht so recht gelingen wollte.

Kuator schien nachzudenken. »Aber ich bitte Sie, Eminenz. Es wäre mir eine Freude Ihnen an anderer Stelle behilflich zu sein. Wie Sie vielleicht wissen, war ich auch in der Vergangenheit ein sehr großzügiger Unterstützer der katholischen Kirche.«

»Ich weiß, mein Freund, ich weiß. Aber ich fürchte, Ihr Ansinnen sprengt ein wenig den Rahmen des mir Möglichen.«

»Euere Eminenz. Bitte, denken Sie in Ruhe darüber nach. Gibt es einen Weg für Sie, mich bei meinen Nachforschungen zu unterstützen, bin ich Ihnen zutiefst dankbar. Gibt es keinen Weg, auch gut. Das wird sicher nichts an meiner Einstellung zu unserer Mutter Kirche ändern und keineswegs das Vergnügen schmälern, Sie kennen gelernt zu haben.«

Montero lächelte. »Ich werde sehen, ob mir etwas einfällt.«

Verschwörerisch lehnte er sich zu Kuator hinüber. »Und meistens fällt mir etwas ein.«

Beide Männer lachten verhalten und unaufrichtig. Schließlich erhob sich Kuator, nicht ohne den beiden Priestern nochmals zu versichern, dass sie mit dem größten Vergnügen seine Gäste seien und verabschiedete sich. Nachdem der Kardinal auch noch den Cognac, den ihr Gastgeber unverständlicherweise verschmäht hatte, zufrieden in sich hinein geschüttet hatte, wandte er sich seinem Sekretär zu.

»Nun sehen Sie, mein lieber Ernesto, jetzt wissen wir doch schon erheblich mehr von Heinrich Kuator.«

»Und was genau wäre das?« Der junge Prälat war etwas angesäuert, da er im Verlauf dieses Abends nicht die Rolle gespielt hatte, die ihm seiner Meinung nach gebührt hätte.

»Dass er ein sehr mächtiger und damit ein sehr gefährlicher Mann ist!«

»Stinkreich ist er, ja. Und er denkt, dass er mit seinem Geld alles und jeden kaufen kann. Aber ob er deshalb gleich mächtig sein muss?« Selbst Ernst Pannermayer, dem Prälaten mit der Verschwörungsphobie, waren die Schlussfolgerungen Monteros nun ein klein wenig zu voreilig. Der alte und bauernschlaue Kardinal war sich seiner Sache jedoch sehr sicher. Er schwenkte das Cognacglas leicht in seiner Hand und stürzte schließlich auch den letzten Tropfen in seine unersättliche Kehle.

»Wahre Macht, mein Bester, ist die, welche man nicht als Macht erkennt!«

Wahre Macht ist die, welche man nicht als Macht erkennt.

Diesen Satz hätte Heinrich Kuator sofort und ohne nachzudenken unterschrieben. Nachdem er die Rechnung im Restaurant beglichen hatte, nicht ohne ein großzügiges Trinkgeld zu geben, schritt er aufrecht und ohne Eile durch das Foyer des Hotels, hinaus zu der wartenden Mercedes-Limousine, die schwarzglänzend vor dem Eingang stand. Der Chauffeur öffnete ihm die Tür und ließ ihn wortlos einsteigen.

Der Abend war zu seiner Zufriedenheit verlaufen, war genau so gelaufen, wie er sollte. So war es schon immer gewesen und so würde es immer sein. Der Kardinal war ein bemerkenswerter Mann, das musste er anerkennen. Sein Sekretär, der Prälat, war nur plump und unbeholfen. Montero dagegen…

Kuator schmunzelte. Montero dachte, er wäre gerissen. Und wahrscheinlich hatte er nicht einmal unrecht damit. Aber gerissen, dachte Kuator, gerissen bin ich auch. Es würde ein bisschen dauern, aber schließlich würde Montero die Empfehlung ausschreiben. Nicht mehr lange und er wusste, was er wissen musste.

Während Heinrich Kuator seinen Gedanken nachhing, steuerte der Fahrer das schwere Fahrzeug an der Rückseite des Nationaltheaters vorbei, fädelte in den Altstadtring ein und war nach einigen Minuten auf der Ludwigsstraße stadtauswärts unterwegs.

Der Kardinal hatte mit seinen Instinkten wieder einmal voll ins Schwarze getroffen. Heinrich Kuator war ein sehr mächtiger Mann und auf seine Art auch sehr gefährlich. Natürlich war er auch reich. Doch entsprang seine Macht nicht diesem Reichtum allein. Kuator saß, wie man so schön sagt, auf altem Geld. Vermögen, erworben über viele Generationen, ohne es zur Schau zu stellen und damit zu prahlen. Dieser Reichtum war ohne Zweifel eine Stütze für seinen Einfluss, hätte alleine jedoch nichts bewirken können.

Seine wirkliche Stärke bestand darin, dass er nie in Erscheinung trat.

Er hatte Verbindungen – auch diese gewachsen über Generationen – in alle Machtzentren der Welt. Doch er stand nicht in der ersten Reihe; auch nicht in der Zweiten und Dritten. Sein Hebel war der Einfluss auf die grauen Eminenzen im Hintergrund, auf die Leute, die hinter den vermeintlichen Herrschern und Führern standen. Er war ein Kulissenschieber in der hintersten Reihe, den keiner zu Gesicht bekam und wahrnahm. Erst wenn die Bühne so gebaut war, wie er es wollte, hob sich der Vorhang und die Stars betraten das Podium und zogen den Applaus auf sich, ernteten Ruhm und Ehre für ein Stück, das er ihnen auf den Leib geschrieben hatte.

Nur fünf Menschen wussten, wer und was Heinrich Kuator wirklich war. Und diese fünf Menschen waren ihm verbunden und ergeben, weit über den Tod hinaus. Keiner dieser fünf kannte die anderen, wenngleich sie um deren Existenz wussten. Jeder dieser Fünf hatte wieder fünf Untergebene und diese wieder und so weiter. So thronte Heinrich Kuator auf der Spitze einer Pyramide, die ihn weit über Andere erhob; lauerte im Zentrum eines Netzes, dessen Fäden bis in die verborgensten Winkel gesponnen waren.

Diese Macht zu besitzen war sein Geburtsrecht. Sie war ihm bereits mit in die Wiege gelegt worden und nie hätte er daran gezweifelt, dass sie ihm rechtmäßig zustand, so wie sie seinen Ahnen zugestanden war und seinen Nachkommen zustehen würde. Er war mächtig, er war reich und Heinrich Kuator war sehr stolz. Und genau dieser Stolz machte ihn blind für die Gefahr, die seinem Reich von ganz ungeahnter Seite drohte.

Langsam rollte die schwarze Limousine auf den großen Parkplatz gegenüber dem McDonalds an der Ingolstädter Straße. Rund um das Lokal und auch auf dem Parkplatz waren junge Leute in Gruppen unterwegs, standen an ihren Fahrzeugen, aus denen die unterschiedlichsten Musikfetzen dröhnten und gegeneinander anzutreten schienen. Heinrich Kuator legte dem Fahrer die Hand auf die Schulter, als dieser sich gerade anschickte auszusteigen.

»Danke, mein Freund, lassen Sie es gut sein.«

Der Mann nickte nur und Kuator stieg aus. Als der Mercedes wegfuhr, sah ihm der große Mann noch einige Augenblicke nach, den Blick abwesend und weit in die Ferne gerichtet. Dann ließ er seine Sinne aufmerksam über den weiten Platz schweifen. Erst als er sich sicher war, dass er nicht beobachtet wurde, ging er langsam zu einem geparkten Audi A4, der staubig und ungepflegt, wie er war, so gar nicht zu dem elegant gekleideten Mann passen wollte. Kuator stieg ein und fuhr los.

Als er auf der Autobahn Richtung Osten unterwegs war, lehnte er sich ein wenig zurück und ließ seine Gedanken wieder schweifen. Vor ihm lag ein Weg von etwa zwei Stunden Fahrzeit und er hatte für den Augenblick Muße, den Stand der Dinge zu überdenken. Er schaltete den CD-Player an und leise füllte eine Bach-Kantate den Wagen.

Der Weg so weit bis hierher; so viele Jahrhunderte der Suche; so viele Generationen der Geduld. Und er würde es endlich zum Abschluss bringen, endlich das Ziel erreichen. Erst dann würde seine Macht grenzenlos sein, allumfassend und uneingeschränkt. Im Stillen dankte er all den Weisen, die vor ihm waren und mit der Kraft ihrer Leben das Fundament geschaffen hatten für diesen Tag, an dem er den Preis in Händen halten würde.

Die Nacht glitt draußen vor den Fenstern vorbei, schattenhaft und unwirklich, aufgerissen und zerteilt nur von den Scheinwerfern seines Wagens. Als der Audi schließlich vor dem hell erleuchteten Landsitz von Heinrich Kuator hielt, war es bereits weit nach Mitternacht.

Kuators Haus war, genau wie sein Wagen, eher unauffällig und wenig prunkvoll. Der zweigeschossige, rechteckige Bau mit seinen Steinmauern, dem Walmdach mit den Biberschwanzziegeln und den zwei wuchtigen Kaminen, wirkte fast wie aus dem Granitfels des Bayerischen Waldes gewachsen. Es sah alt aus und war es auch. Doch in seinem Innern war es immer wieder ergänzt und erneuert worden, so dass schließlich in einer Jahrhunderte alten Hülle ein hochmodernes Innenleben steckte, das keine Wünsche missen ließ.