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Leningrad in Angst und Schrecken – Leutnant Rossel jagt einen rätselhaften Serienmörder Winter 1953: In der weißen Hölle eines sibirischen Gulags ist der ehemalige Leutnant Revol Rossel dem Tod näher als dem Leben, als er überraschend gerettet wird – ausgerechnet von dem Mann, den er mehr als jeden anderen hasst: Major Nikitin. Seinetwegen wird der virtuose Geiger Revol nie wieder eine Violine halten können. Zusammen mit der Fliegerin Tanja Vasilievna sollen Revol und der Major in Leningrad einen Killer stoppen, der den Leuten wie ein rachsüchtiger Geist aus einem slawischen Märchen erscheint. Er schneidet seinen Opfern die Zunge heraus und ersetzt sie durch eine Papierrolle mit italienischen Versen. Der Fall ist allerdings mit einem weitaus tödlicheren Rätsel verknüpft, das die Verschwörer in Stalins Kreml um jeden Preis lösen wollen: Im fernen Berlin führt eine verschlüsselte Nachricht zu jenem brillanten Nazi-Physiker, der den Bauplan für die Wasserstoffbombe kennt … Ben Creeds historische Thriller-Reihe »Die Leningrad-Trilogie« zeichnet ein authentisches Bild von Russland in der Endphase des Stalinismus und begeistert mit düsterer Spannung zum Mitfiebern. Seinen ersten Fall löst Leutnant Revol Rossel im Russland-Thriller »Der kalte Glanz der Newa«.
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Seitenzahl: 501
Veröffentlichungsjahr: 2022
Ben Creed
Thriller
Aus dem Englischen von Peter Hammans
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
In der Hölle eines sibirischen Gulags ist Revol Rossel im Winter 1953 dem Tod näher als dem Leben, als er überraschend gerettet wird – ausgerechnet von einem Mann, den er abgrundtief hasst: Major Nikitin. Revol soll in Leningrad einen Killer stoppen, der den Leuten wie ein rachsüchtiger Geist erscheint. Der Fall ist jedoch mit einem weiteren Rätsel verknüpft: Im fernen Berlin führt eine verschlüsselte Nachricht zu einem Physiker, der den Bauplan für die Wasserstoffbombe kennt.
Motti
Auftakt
Erster Akt
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
Zweiter Akt
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
Dritter Akt
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
Vierter Akt
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
Coda
Nachruf
59. Kapitel
60. Kapitel
61. Kapitel
»Jeder sieht, was du scheinst. Nur wenige fühlen, was du bist.«
Niccolò Machiavelli, Der Fürst (1532)
»So vergaßen die Menschen, dass alle Götter in der menschlichen Brust wohnen.«
William Blake, The Marriage of Heaven and Hell (1790–1793)
12. April 1945
So sieht also der Tod aus, dachte Oberst Franz Heldner.
Das Mädchen war ungefähr zwölf Jahre alt. Sie hatte Sommersprossen, strohblonde Haare und intelligente Augen mit scharfem Blick. Statt eines schwarzen Umhangs trug sie die Uniform des Bundes Deutscher Mädel, des weiblichen Zweigs der Hitlerjugend. Und statt einer Sense hielt sie einen Flechtkorb in der Hand, in dem sich ungefähr dreißig glänzende, jeweils etwa fünf Zentimeter lange Messingzylinder befanden. Jeder enthielt eine mit Zyanid gefüllte Glasampulle.
»Verzeihung, mein Herr. Hätten Sie gerne eine?«
Heldner machte eine abwehrende Handbewegung und blieb weiter im rückwärtigen Teil des Saals im Hintergrund. Er strich die Ärmel seiner Luftwaffenuniform glatt und hielt die Augen nach dem Baron offen.
In seiner Umgebung brannten einige Hundert Kerzen. Ein Dutzend drittrangige Nazis schlurfte aus dem Sprühregen in den Beethoven-Saal, den kleineren Konzertsaal, der nun, nachdem die Berliner Philharmonie ausgebombt war, für Veranstaltungen herangezogen wurde. Sie gaben sich Mühe, nicht allzu ausgehungert zu wirken, um zu demonstrieren, dass der Zusammenbruch Deutschlands sie nicht sonderlich beeindruckte. Am meisten Anstrengung kostete es sie, nicht an den jetzt unmittelbar bevorstehenden Tag zu denken, an dem die Rote Armee auf der Prachtstraße Unter den Linden paradieren und ihre Frauen und Töchter anstarren würde.
Die kalte, feuchte Luft erwärmte sich und verströmte den Duft französischen Parfüms, der letzten Spritzer, die die Damen der feinen Berliner Gesellschaft ihren Flacons noch entlocken konnten. Im schummrigen Kerzenlicht drängten sich ein paar Offiziere der Waffen-SS und der Wehrmacht um Albert Speer, Hitlers Reichsminister für Bewaffnung und Munition.
Irgendwo, das wusste Heldner, würde auch die Gestapo lauern.
Er warf einen Blick auf das verschmutzte Programmheft. Die Schlussarie von Wagners Oper Götterdämmerung – Brünnhildes letzter großer Auftritt, bevor sie den Scheiterhaufen ihres Geliebten besteigt – würde das Konzert eröffnen. Die Reihenfolge der Stücke war von Speer persönlich festgelegt worden. Heldner beobachtete, wie der Minister sich vor seinen servilen Höflingen in Szene setzte.
Eine schwermütige Oboe, die das Orchester auf Wagner einstimmte, ließ das Auditorium verstummen.
Noch immer war der Baron nicht zu sehen. Heldner nahm seinen Platz ein und wartete, von quälender Ungeduld geplagt, auf die Pause. Er kratzte an dem roten Hautfleck am Halsansatz.
Eine Minute später setzte sich ein Mann mit einem Schmiss, Schlupflidern und einem mürrischen Gesichtsausdruck neben ihn.
»Ah, Baron von Möllendorff, Sie haben es also doch noch geschafft. Ich fing schon an, mir Sorgen zu machen.«
»Ich werde Wagner vermissen«, sagte der Baron, ohne vorher zu grüßen. »Den Meister des Leitmotivs. Jener mystischen Schichten musikalischer Ausdruckskraft, die ihre Bedeutsamkeit wechselseitig verstärken und ihre Kraft gemeinsam noch vergrößern …«
Seine Stimme brach.
»Geht es Ihnen gut, Herr Baron?«, erkundigte sich Heldner.
»Verzeihen Sie, ich habe länger nichts zu mir genommen.«
»Das gilt leider für viele hier. Zum Geschäftlichen. Sie sollten sich beeilen. Bevor die Lancaster-Bomber kommen. Haben Sie es?«
Möllendorff nickte.
»Hier.« Er überreichte Heldner eine Aktentasche aus weichem Leder. »Ihre Leute waren äußerst hilfsbereit. Wir haben die Aufgabe erfüllt.«
Stille. Der Solist, gesegnet mit der Physis eines pathetischen Soprans und der mokanten Miene eines Kabarettisten, stapfte, von Applaus begleitet, auf die Bühne.
Götterdämmerung. Das Zwielicht der Götter. Das brennende Walhall.
»Verehrter Oberst Heldner, was für ein Vergnügen«, sagte eine Stimme hinter ihm.
Heldner wandte sich um und blickte einem gut gelaunten Reichsminister Speer direkt ins Gesicht.
»Ein Zusammentreffen großer Geister«, fuhr Speer fort. »Einer unserer besten Kernphysiker ins Gespräch vertieft mit Hitlers zuverlässigstem Adjutanten. Ich bin erfreut, dass Sie sich gefunden haben.«
Der Minister beugte sich vor.
»Viel Glück, meine Herren«, flüsterte er.
Der Dirigent hob den Stab. Die Götterdämmerung begann …
Nach dem Konzert, als Heldner dem Ausgang zustrebte, kreuzte erneut das BDM-Mädchen seinen Weg. Diesmal nahm sie einen der glänzenden Messingzylinder aus dem Korb und hielt ihn hoch, als handelte es sich um eine köstliche Süßigkeit von Fassbender & Rausch.
»Wir sind gebeten worden, sie allen anzubieten. Falls ein schneller und ehrenvoller Abgang geboten sein sollte, Herr Oberst«, erklärte sie.
»Weißt du, was Goethe einmal gesagt hat?«, fragte er sie. »Der Tod kommt ohnehin, ob du ihn nun fürchtest oder nicht.«
Oberst Heldner seufzte und stieß leise ein einziges Wort hervor. Seinen unverwechselbaren Schlachtruf: »Neubrandenburg.«
Er griff nach dem Metallzylinder.
Man konnte nie wissen …
Gold
Die Leiche hatte den Raum für sich. Ein Luxus in Leningrad, wo solche bourgeoisen Anmaßungen den Neid der Nachbarn erregten oder sogar Anschuldigungen einer konterrevolutionären Gesinnung nach sich ziehen konnten. Oder auch Gerüchte in Gang setzten, die zu nächtlicher Stunde einen Besuch der Staatsorgane zur Folge hatten. Dieser Genosse hat Glück gehabt, dachte Major Oleg Nikitin, sein Hirn klebt bereits an der Wand. Was zumindest hieß, dass dieses Opfer – ein gewisser Genosse Samosud –, anders als die eine Million Einwohner der Stadt, dem Zugriff des MGB, des Ministeriums für Staatssicherheit, entzogen war.
Selbst in einem solch engen, schmutzverkrusteten Raum voller verschwitzter Männer in Uniform blieb Major Nikitin nicht unbemerkt. Dafür sorgte allein schon sein fehlendes Auge, dessen leere Höhle von räudigem Narbengewebe umschlossen war.
Vier MGB-Leute, die lange Mäntel und große Mützen mit blauem Hutband trugen, schnüffelten in jeder verdreckten Ecke herum und suchten alle Oberflächen ab. Sie sahen sich die Türschlösser an, das Fenster, die nackte Glühbirne, den Gashahn, der nicht funktionierte, weil sowieso kein Gas durch die Leitungen kam, den Schmutzeimer, den Staub unter dem durchhängenden Bett und insbesondere den dunklen Fleck an der Wand, der trocken, aber neu war.
Zwei Beamte von der Miliz, normale Polizisten, standen dabei. Sie waren auf Geheiß ihres Vorgesetzten hier, hielten sich aber zurück, um nicht aufzufallen. Stumme Zeugen des Geschehens, die jedoch nichts gesehen hätten, wenn der MGB es von ihnen verlangte. Nikitin verstand ihre Verlegenheit, schließlich war er selbst einmal MGB-Offizier gewesen und hatte solche Leute eingeschüchtert.
Die Männer von der Staatssicherheit schlichen nervös um das Kernstück des Raumes herum, einen in sich zusammengesunkenen Körper, der auf einen hölzernen Stuhl geschnallt war. An der rechten Seite des Kopfes wies der Tote ein akkurates Loch auf. Gleich darunter ein zweites.
»Genosse Major Nikitin? Oleg, bist du das?«
Nikitin ignorierte den Mann, zog seine Mütze tiefer in die Stirn und bahnte sich den Weg zu einer weniger frequentierten Stelle an der Wand, von der aus er die Leiche aus einem anderen Blickwinkel heraus betrachten konnte. In der einsetzenden Dämmerung, noch dazu im Winter, waren die schwachen Straßenlaternen hier oben im vierten Stock des ansehnlichen, aber heruntergekommenen Gebäudes nicht sonderlich hilfreich. Und die flackernde Glühbirne ging ihm sowieso schon die ganze Zeit auf die Nerven.
Der Tote trug ein graues Hemd und eine dunkelblaue Steppjacke, beide offen, die den gedrungenen Körper lose umgaben. Die untere Hälfte des Körpers steckte in olivgrünen Armeehosen, ein Fuß in einem braunen Pantoffel, der andere war nicht zu sehen. Der Tote wirkte, als wäre er in guter Verfassung gewesen. Seine Brustmuskulatur war klar ausgebildet, Oberschenkel und Waden zeichneten sich deutlich ab.
»Oleg?«
Verdammter Mist.
Unerkannt zu bleiben war reines Wunschdenken gewesen. Wenn ihn nicht schon seine Uniform verriet, dann erledigte das Narbengewebe, das sein Gesicht überzog, den Rest. Es war schwierig, mit einem solchen Gesicht nicht aufzufallen. Und jetzt war, wie das Leben so spielte, einer der MGB-Männer auch noch ein Kollege, den er schon lange kannte.
»Bist du das? Was machst du denn hier?«
Nikitin beäugte den Mann finster. Es war Rumjanzew, ein MGB-Major. Ehrgeizig, aber nicht allzu helle. Vor wenigen Monaten noch, in einem anderen Leben, hatten sie ein durchaus freundschaftliches Verhältnis zueinander gepflegt.
»Schön, dich zu sehen, Wolodja.« Nikitin deutete auf die Leiche. »Sieht interessant aus. Was denkst du?«
Rumjanzew sah sich um und blaffte seine Leute an, die gerade eher herumstanden und offenbar mithören wollten, sie sollten gefälligst weitermachen und Beweise sichern. Dann wandte er sich wieder Nikitin zu.
»Ich bin etwas überrascht, Oleg«, gestand er mit gedämpfter Stimme, »dass du noch am Leben bist. Quicklebendig und in diesem Raum, in der Uniform des Militärgeheimdienstes. Und mir Fragen stellst. Ich habe alles Mögliche über dich gehört. Soll ich dich am besten gleich erschießen, um Zeit zu sparen, und meinen Bericht später einreichen?«
Nikitin bleckte die ungepflegten Zähne.
»Das kann ich dir nicht empfehlen, Wolodja. Verteidigungsminister General Pletnjow ist jetzt mein Vorgesetzter, und er ist ein Mann mit einem guten Gedächtnis. Wenn du möchtest, dass ein paar Panzer und eine Infanterie-Einheit in deinen Arsch einmarschieren, dann lass dich nicht aufhalten. Und es gibt übrigens auch noch andere Mitglieder des Politbüros, die daran interessiert sind, dass ich meinen Kopf auf den Schultern behalte.«
Rumjanzew rückte seine Mütze zurecht.
Kalte Luft drang durch das Loch, das einmal ein Fenster gewesen war. Wie schon letztes Jahr hatte der Winter früh eingesetzt. Leningrad lag bereits unter einer Schneedecke, die so einige Ecken des Sennaja-Marktes zudeckte, für die es von Vorteil war, wenn man vieles nicht so genau erkannte. Allerdings konnte der Schnee nur wenig dazu beitragen, das augenfälligste Merkmal des Marktes aufzuhübschen: die Hütten, die in unendlich viele kleinere Einheiten unterteilt waren, des Öfteren nur durch Vorhänge voneinander getrennt, mitunter auch lediglich durch eine Mischung aus schmutzigen Handtüchern und dreckiger Wäsche. Dieses Abteil hier war eine Klasse besser. Samosud, wer auch immer er gewesen sein mochte, hatte sich die Unterkunft mit niemandem teilen müssen, wiewohl es kaum etwas gab, womit man den Raum hätte ausstaffieren können, von dem Bett und der nutzlosen Kochplatte einmal abgesehen.
»General Pletnjow, soso. Der Held der Seelower Höhen. Du hast ja wirklich eindrucksvolle Freunde«, entgegnete Rumjanzew. »Ich bin jetzt mal neugierig. Wie bist du so schnell hierhergekommen? Waren sie das?« Er deutete mit dem Kopf in Richtung der Polizisten. »Hast du immer noch Informanten bei der Miliz? Die dich über einen mysteriösen Mord ins Bild setzen?«
Das Fenster musste erst kürzlich kaputtgegangen sein, dachte Nikitin. Niemand würde es bei Temperaturen, die in den Keller gingen, offen lassen. Selbst ein Stück Pappe oder Sperrholz, mit Erde verfüllt, wäre Ende Oktober und bei diesem Wind nützlich gewesen. Und die Glasscherben hatte auch niemand aufgefegt.
Glasscherben innen im Raum.
»Ist es bei ihm wie bei dem anderen?«, fragte Nikitin und zeigte auf den Leichnam.
Für den Bruchteil einer Sekunde packte Rumjanzew die Wut.
»Dem anderen?«
Ja, ich weiß, dass es noch einen anderen gibt …
»War mir ein Vergnügen, Major Rumjanzew«, sagte Nikitin und ging zur Tür.
»Halt«, bellte Rumjanzew.
Die beiden Polizisten rührten sich nicht, doch die MGB-Agenten griffen nach ihren Pistolen.
»Im Namen der sowjetischen revolutionären Justiz …«
»Ein Wort noch, Wolodja, und es wird dein letztes sein«, brüllte Nikitin, der wie aus dem Nichts plötzlich eine Pistole in der Hand hielt und damit auf Rumjanzew zielte. »Ihr Blaumützen mögt ja Gewalt über Leben und Tod eines jeden Sowjetbürgers haben, aber diese Gewalt endet bei den Beamten des militärischen Geheimdienstes. Ihnen habt ihr nichts zu sagen. Nicht einmal die Farbe meiner Pisse und der Geruch meiner Scheiße gehen euch etwas an. Und wenn du noch einmal nach der Nagant greifst, mache ich aus dir die zweite Leiche in diesem Raum und werde dem Genossen Beria persönlich eine Trauerkarte schicken.«
Rumjanzew blieb ruhig, hielt Nikitins Blick stand.
»Du bist so gut wie tot, Oleg«, entgegnete er. »Es heißt, Beria möchte dich an einem Fleischerhaken baumeln sehen, während deine Füße im Takt zu ›Dunkel ist die Nacht‹ wippen. Heute oder morgen wird er dich kriegen.«
Nikitin salutierte mit der Pistole, ging rückwärts aus dem Raum und dann die Treppe hinunter.
»Im Dunkel der Nacht, das weiß ich, schläfst du, mein Liebes«, sang er im Hinuntergehen. »Und wischst dir heimlich an der Wiege eine Träne aus den Augen …«
Der Text des Liedes Temnaja notsch, das die Leningrader als wesentlichen Bestandteil von Zwei Soldaten, Leonid Lukows Film aus den Kriegsjahren, verehrten, ließ ihn an seine Frau Kristina denken.
Nikitin wartete und beobachtete alles von der gegenüberliegenden Seite des Platzes aus, wobei er darauf achtete, seine Zigarette, einen polnischen Import, den er nicht besonders mochte, mit der Hand abzuschirmen. Die MGB-Leute gingen und diskutierten, während sie in ihren schwarzen Wagen stiegen, leidenschaftlich über das nächste Spiel zwischen Zenit und CSKA.
Kurze Zeit später tauchten die beiden Polizisten auf und mühten sich mit dem Leichnam auf einer Bahre ab. Die obere Hälfte des Körpers war mit einem Mantel abgedeckt, während zu beiden Seiten der Trage Arbeitsschuhe heraushingen und den Milizionären, als ginge es um Rache, Tritte in die Leiste versetzten. Die beiden Beamten schoben ihre Last auf die Ladefläche eines Lasters, eines ZIS-5 aus den Kriegsjahren, an dessen Karosserie man außen eine Holzkiste angebracht hatte.
Die Passanten – Hausfrauen beim Einkaufen, Arbeiter, die von der Schicht kamen – blieben stehen und betrachteten das Schauspiel. Das war ungewöhnlich. Sowjetbürger sollten eigentlich nicht mit Kriminalität in Berührung kommen, geschweige denn ein Interesse daran zeigen. Doch die Menge wuchs an, bis die Miliz sie zerstreute.
Der ZIS rollte davon, und Ordnung kehrte wieder ein. Nikitin gab einen lauten Pfiff von sich, woraufhin die beiden Polizisten zu ihm trabten.
Wortlos händigte ihm einer von ihnen den Inhalt seiner Manteltasche aus, ein ungefähr sechs Zentimeter langes, zusammengerolltes Stück Papier.
»Genau wie Sie gesagt haben, Genosse Major«, vermeldete der junge Polizist. Er hatte Angst und war sehr dienstbeflissen. »Es steckte hinten im Hals.«
Nikitin lächelte.
»Gut gemacht. Ist da noch jemand drin?«
»Nein, Genosse Major.«
»Sehr gut. Meine Empfehlung an Hauptmann Lipuchin«, sagte er. »Natürlich werden Sie jetzt gleich vergessen, was Sie gesehen haben, oder?«
Die beiden Männer wurden rot, nickten und machten sich davon.
Nikitin beobachtete das Treiben der Menschen auf dem Sennaja-Platz noch eine geraume Weile, bevor er seinen Platz im Hauseingang verließ und die knarzende Holztreppe zur Wohnung des Verstorbenen wieder emporstieg. Er musste sich beeilen.
Der Fleck an der Wand befand sich auf gleicher Höhe wie der Kopf des Toten. Er war an den Stuhl gefesselt gewesen, als man ihn erschoss. Unschwer fand Nikitin zwei Löcher inmitten des roten Flecks an der Wand. Rumjanzew und seine MGB-Schergen hatten die Kugeln entfernt, die aus kleinkalibrigen Pistolen stammten.
Er suchte jedoch nach etwas anderem, und fünf Minuten später, nachdem er unter den Schränken nachgesehen und Spinnen und Schaben verscheucht hatte, fand er es auch. Eine leicht verbogene Holzdiele unter dem Bett. Er hob sie an, und seine Finger umschlossen kaltes Metall.
Ein Goldmedaillon, identisch mit dem anderen. Mit derselben unverwechselbaren Prägung.
Das machte zusammen zwei. Zwei Männer, auf dieselbe Weise ermordet, beide mit einem Stück Papier im Hals. Beide im Besitz des gleichen Medaillons.
Seit einem Jahr durfte Major Oleg Nikitin nun beobachten, wie Freunde die Straßenseite wechselten, um ihm aus dem Weg zu gehen. Aus Verbündeten waren Feinde geworden. Aber auch seine neuen Herren im Militärgeheimdienst trauten ihm nicht, ja, verachteten ihn gar. Und aus ihm unbekannten Gründen waren sie ungeduldig.
Nikitin war von seiner Ausbildung und seinem Temperament her Verhörspezialist, kein Ermittler. Nun hatte er mehr Beweise, doch immer noch keine Vorstellung davon, wie sie zu interpretieren waren.
Mehrere Tausend Kilometer von Leningrad entfernt, in den Weiten des sibirischen Nordens, gab es jedoch einen Mann, der ihm helfen konnte.
Falls er noch am Leben war.
Denk nicht an so etwas wie Liebe, ein Zuhause, an den Körper einer Frau, und sei nicht so blöd, auf Gerechtigkeit zu hoffen … Nichts davon wird dir hier etwas nützen. Du musst etwas finden, das du hassen kannst.«
Dem alten Häftling, der Revol Rossel am ersten Tag in Igarka diesen weisen Rat gegeben hatte, war schon vor längerer Zeit die Kehle aufgeschlitzt worden.
Der blöde Kerl hat sich nicht mal an seinen eigenen Rat gehalten …
Rossel schon. Buchstabengetreu.
Etwas, das du hassen kannst.
Jetzt gerade, verdammte Scheiße, war es dieser Kieselstein, der sich vorne in seinem linken Stiefel irgendwie festgesetzt hatte.
Der frühere Leutnant der Volksmiliz und fünf andere Männer in Ketten mühten sich wie Arbeitspferde, eine riesige Trommel voller Schutt und Geröll durch den Schnee Sibiriens zu zerren, jeder Schritt eine Qual. Drei Gefangene vor der Trommel, die wie eine gigantische Garnspule aussah, zogen, während die drei dahinter schoben. Ihre Augen schmerzten, die gefrorenen Härchen in der Nase stachen sie wie Miniatureiszapfen, der Atem zersplitterte in eine Million Kristalle, sobald sie Luft ausstießen. Bei jedem Arbeitsgang mit dieser primitiven Dampfwalze ebneten sie, Meter für Meter, den Boden für die Schwellen und Gleise, die für die Bahnstrecke von Igarka nach Salechard verlegt wurden.
Die kompletten eintausenddreihundert Kilometer.
Das Leben in einem Arbeitslager unter der Zuständigkeit des GULag, der Hauptverwaltung Lager, legte die Schichten der menschlichen Existenz bloß. Ließ dich mit fast nichts zurück. Als würde ein böswilliger slawischer Gott mit Schmirgelpapier immer die gleiche winzige Stelle auf deinem Schädel bearbeiten, um herauszufinden, was dort zum Vorschein kam. Normalerweise war es der Hunger. Weil der Hunger allmählich alles verkörperte, was dich ausmachte.
»Lasst uns ein Gebet zusammen sprechen«, schlug Babajan vor, der vollbärtige Priester mit den messianischen, hellblauen Augen, der rechts neben Rossel an der Walze zog.
»Nicht schon wieder ein Gebet! Mach endlich mal Pause damit, du alter armenischer Schwachkopf«, schrie jemand.
Links neben ihm mühte sich – spindeldürr und bleich wie der Permafrost – Alexander Wustin. Ein Sänger, ein Bariton aus der Stalingrader Oper, ein durchaus angesehener, frühreifer Komponist, den man, wie so viele andere »Politische« in den Lagern, zum Volksfeind erklärt hatte.
Zehn lange Monate war Rossel nun schon im Lagersystem des Gulag verschwunden. Zwei Monate davon unterwegs in den hohen Norden, mit dem Zug, auf der Straße und per Schiff. Acht Monate in der Strafkolonie, die so neu war und so weit entfernt von allem lag, dass sie einfach nur Kilometer 105 hieß. So weit war es bis nach Igarka. In dieser Zeit hatte er mit Wustin mehr Gespräche über Musik geführt als je zuvor in seinem Leben mit irgendjemand anderem. Was die Russen anging, so sei Schostakowitsch zwar gut, Prokofjew aber viel besser, hatte Wustin verkündet. Rachmaninow sei manchmal kitschig, manchmal großartig, meistens gefällig. Strawinsky sei das wahre Genie, während Chatschaturjan ihn und auch alle anderen mal am Arsch lecken könne. Rossel war geneigt, ihm zuzustimmen.
»Bis Prokofjew die Nerven verlor und sich Sorgen darüber machte, was die Partei wohl von seiner Musik hielt«, hatte Wustin gesagt und dabei so gezittert, dass er seine selbst gedrehte Zigarette kaum an die Lippen führen konnte. »Danach war er Dermo, kompletter Mist, genau wie diese Dummköpfe, die den Russischen Verband der proletarischen Musiker gegründet hatten. Lauter schwülstige Kantaten für die Massen, Bombast, der nichts zu bedeuten hatte …«
Ihre Gespräche hatten Rossel geholfen, zurechnungsfähig zu bleiben. Wustin selbst hatte nicht so viel Glück gehabt. Als Junge hatte Wustin erleben müssen, wie seine Eltern beim Beschuss Stalingrads durch die Nazis bei lebendigem Leib verbrannten. Jetzt, je nachdem, wohin seine Stimmung gerade ausschlug, schweifte der Blick seiner mürben Augen überall umher und versuchte, anderen auszuweichen. Jedes laute Geräusch erschreckte Wustin. Er presste dann die Hände an die Ohren und begann, irgendwelche Opernarien zu singen, meistens Italiener, Verdi oder Puccini, um die Situation auf poetische Weise bewältigen zu können. Nur Rossels Stimme konnte ihn beruhigen, ihn dazu bringen, zuzuhören, die Welt wieder wahrzunehmen. Rossel konnte Wustin durch das Reden über Musik und ihre gemeinsamen musikalischen Träumereien vor dem Absturz in den Wahnsinn bewahren.
Unter ihren Füßen lag eine Schicht Sand über einer Schicht Schotter, darunter wieder Sand, der auf eine Schicht aus Holzstämmen und Reisig aufgetragen war. Und irgendwo in dieser Mischung waren auch Knochen untergemengt, manchmal sogar zwei Schichten. Entweder verlegtest du weiter Schienen, oder du wurdest Teil dieser Mischung. Wenn der Sommer kam, versank das Ganze mit einiger Gewissheit im zähen, alles verschlingenden Schlamm von Turuchansk.
Bei den Männern an den Zugseilen war es am schlimmsten. Aber auch bei den Männern, die die Walze schieben mussten, war es kaum besser. Sie war mit fast zwei Metern Durchmesser so riesig, dass die beiden Gruppen einander nicht sahen. Lediglich im Elend waren sie vereint, jeden Tag aufs Neue Brüder in blanker Verzweiflung. Nicht weit entfernt mühte sich eine weitere Gruppe mit dem Zerkleinern von Baumstämmen und dem Transport der stählernen Schienen. Dahinter eine weitere Gruppe. Und wieder eine.
Rossels Gruppe geriet ins Taumeln, als die Trommel auf dem eisenharten Boden wegrutschte und sie nach links zerrte. Seine Knie gaben nach. Mit dem linken großen Zeh stieß er sich an einem kleinen Stein.
Verdammter Mist …
»Zurück!«
Ein Wachsoldat, etwa fünfzig Meter entfernt, ein Bein abgestützt auf einem Baumstumpf, schrie sie an und wedelte mit dem Arm. »Da hin, ihr Bastarde! Folgt gefälligst der Trasse, verdammte Scheiße!«
Die Männer ächzten und bissen die Zähne zusammen, während sie die Trommel wieder auf Kurs brachten.
Doch nichts konnte Babajan vom Beten abhalten.
»Gospodi, Iisus Christos, syn Boschi, pomilui menja greschnogo … Jesus Christus, o Herr, Sohn Gottes, erbarme dich deines armen Sünders …«
»Dein Gott sollte diese Scheiße hier am besten sehr bald wiedergutmachen«, murrte ein Mann an der anderen Seite der Trommel. »Und solange mir ein Platz an seinem Lagerfeuer sicher ist, werde ich sündigen, was das Zeug hält.«
Babajan spuckte auf den Boden, wo der bräunliche Schaum gefror.
»Der Herr belohnt uns schon jetzt«, erwiderte der Armenier. »Erst gestern, als ich auf den Gleisen zurücklief, ist mir die Gottesmutter von Kasan erschienen. Die Heilige Jungfrau und zwei weitere. Schatten im Schnee, wie meine Mutter sie einmal an den Hängen des Ararat gesehen hat, der Ruhestätte der Arche Noah.«
Babajans Atem rasselte. Ein paar Schritte lang verstummte der alte Priester.
»Kleine Mädchen, kleine Jungen«, sagte der missmutige Häftling. »Babuschki, djeduschki, Kühe, Schweine, Hühner – macht alles keinen Unterschied. Ich stecke meinen Schwanz überall rein. Ich tue alles für einen Platz an diesem Feuer.«
Hoch im Norden, weit jenseits des Polarkreises, boten sich viele Möglichkeiten, Menschen zu brechen. Eine war die erste Begegnung mit wirklicher Kälte. Nicht nur wenn Schnee fiel und Frost herrschte, sondern gleich am ersten Tag, an dem es minus fünfundzwanzig oder sogar dreißig Grad kalt wurde. Es brachte den Häftlingen die Erkenntnis, dass es von nun an nur noch kälter und dunkler werden würde. Es traf sie alle gleichermaßen hart: die »Politischen«, verurteilt nach Artikel 58; die Wori, die Diebe, und ihre Erzrivalen, die Suki oder Schlampen; Hitlers verwaiste Kämpfer, die Schar deutscher Kriegsgefangener, die man nie nach Hause geschickt hatte.
Alle.
Fraß sich der Frost erst einmal in deine Knochen, gab es keine Hoffnung auf milderes Wetter mehr.
Der Zeitpunkt war in diesem Jahr bereits verstrichen. Schon in der ersten Novemberwoche hatte sich jeder im Lager etwas eingefangen. Die Knochen taten weh, der Atem pfiff, die Zähne klapperten und die Finger verrotteten.
Dann, irgendwann im Februar, machte sich die unerschütterliche Überzeugung breit, dass der Winter niemals enden würde. Unweigerlich kam der Tag, an dem jemand die Absperrung mit Stacheldraht durchbrach und die verbotene Zone betrat, was ihn zur Zielscheibe für die Wachen machte. Jenseits deines letzten Atemzugs, redeten sich manche Häftlinge ein, würde es einen wärmeren Ort geben.
»Zwei Gestalten folgten also der Heiligen Jungfrau«, erklärte Babajan. »Sie war so deutlich zu erkennen wie du oder ich, die anderen hingegen waren nur Schemen. Trotzdem habe ich sie erkannt. Es waren der letzte Zar persönlich, Nikolaus, und sein armes Kind, Zarewitsch Alexei. Gott hat diese beiden Märtyrer heim zu sich in sein Reich geholt. Seine Barmherzigkeit kennt keine Grenzen.«
Als der Wind den Schnee verwirbelte, war alles ein einziges Weiß. Rossel hielt den Blick nach vorne gerichtet auf den dreckigen Pfad, der sich durch die Taiga schlängelte. Hier herrschte das Nichts. Und sie befanden sich in seinem Zentrum.
In einem anderen, weit zurückliegenden Leben hatte er Violine am Leningrader Konservatorium studiert. Obwohl er seine Jugendjahre in einem staatlichen Waisenhaus verbracht hatte und der politischen Demütigung seiner Eltern zum Trotz, hatte er dennoch das Talent besessen, seinen Weg zu machen. Genug, um seine Professoren in Erstaunen zu versetzen und in den Prüfungen zu glänzen, genug, damit ihm eine außergewöhnliche Karriere prophezeit wurde.
Aber er war ein junger Mann mit losem Mundwerk gewesen, der gerne Witze machte und Geschichten erzählte.
Zu schnell dabei mit vorwitzigen Bemerkungen. Zu offenherzig.
Und in der Sowjetunion konnte Freimütigkeit ein tödlicher Fehler sein.
Er hatte dafür bezahlt.
Und nicht nur er.
Was hätte Mussorgski in diesem flirrenden, tosenden Schneegestöber gesehen?, fragte er sich. Wie hätte der große Komponist diese Leere orchestriert?
Igarka war ein Ort, an dem es schien, als sei der Begriff der Unendlichkeit fast mit Händen zu greifen. Erfahrbar. Hier gab es kein Erbarmen.
Eine weitere Stunde war vergangen. Eine weitere Stunde, die man damit zugebracht hatte, dem nicht enden wollenden Geklapper der eigenen Zähne zu lauschen. Doch Igarkas Stundenglas war eine Illusion. Sand lief hindurch, gewiss, aber es hörte nie auf. Und wie für die Sandkörner gab es kein Entrinnen.
Links und rechts dichter sibirischer Urwald, das war Rossel klar, obwohl sich dazwischen eine fünfzig oder sechzig Meter breite Brachfläche erstreckte, die von anderen Häftlingen gerodet worden war. Die Eisenbahnlinie sollte in westlicher Richtung verlaufen, wiewohl niemand in Kilometer 105 ernsthaft glaubte, dass sie jemals fertig werden würde. Große Abschnitte waren im Sommer im Morast versunken und im Winter zersprungen. Zweihundert Kilometer nördlich, schätzten sie, lag der äußerste nördliche Rand Russlands, die Küste der Karasee. Hinter ihnen lag der Jenissei, der in südlicher Richtung bis Krasnojarsk und weiter bis in die Mongolei verlief.
Aber für die Sträflinge von Kilometer 105 war das bedeutungslos. Sie wussten nur, dass die Gleise etwa fünfzig Meter hinter ihnen aufhörten, und wenn sie den Weg nicht ebneten, würde es nicht weitergehen. Sollten sie aufhören, ihre menschenbetriebene Dampfwalze in Gang zu halten, würden die vier Wachsoldaten, stets die Waffe im Anschlag, sie auf der Stelle erschießen.
Gospodi, Iisus Christos, syn Boschi …
Babajans tägliche Gebete würden kein Gehör finden, das lag für Rossel auf der Hand. Vielleicht spürte das auch der Armenier selbst. Denn in Igarka war der Teufel allmächtig und allgegenwärtig – in Gestalt der Wachen, eines Informanten, eines Wori, eines Diebs. Die Kälte in den eigenen Knochen und die Totlast der eigenen Hoffnungslosigkeit drückten deine Seele nieder, sobald du morgens die Augen aufmachtest.
Rossel stolperte.
Zum Teufel …
Manchmal war es auch nur ein Stein im Schuh.
Schon ein sanfter Anstieg bedeutete Ungemach. Wenn du die Walze ein paar Kilometer gezogen hattest, fühlte sich jeder weitere Zentimeter an, als würdest du im Kaukasus den Elbrus besteigen. Bei jeder Steigung ächzten Rossels Muskeln, bei jedem Gefälle lag ihr Leben in den Händen der Männer hinter der Walze, die sich gegen die feuchten Holzbalken stemmten, die wie ein Joch an der provisorischen Achse befestigt waren. Verstauchte man sich den Fuß, konnte man nicht mehr zum Lager zurücklaufen – und das bedeutete den Tod. Kein Häftling würde auch nur einen Tropfen seiner kostbaren Kraft dafür verschwenden, einen verletzten Schicksalsgenossen zu tragen.
Wenigstens hatte es zu schneien aufgehört.
An manchen Tagen war es besser, nicht zu reden. An anderen Tagen wiederum rettete dich ein Gespräch. Heute, beschloss Rossel, würde er gegenüber Babajans Gestammel Nachsicht zeigen.
»Was siehst du, wenn du weit über den Wald hinausblickst, Rossel?«, fragte Babajan. Sicherlich wollte der alte Priester seine Seele retten.
Rossel verzog das Gesicht, als die Walze nach links ausscherte.
»Ich sehe Leningrad. Die Straßenbahnen, die den Theaterplatz überqueren«, antwortete Rossel. »Die funkelnden Kronleuchter im Glasunow-Saal des Konservatoriums, als ich dort studiert habe.«
Die Walze gab einen schrillen Klagelaut von sich, als sie über kompaktes Eis und Schnee vorwärtsknirschte.
»Ich sehe die Anitschkow-Brücke und einen jungen Dummkopf, der mithilfe eines Megafons ein Gedicht von Majakowski deklamiert: ›Schau, welche Stille durch den Kosmos ödet … Nacht zollt dem Firmament die Sternenglorie … In solchen Stunden steht man auf und redet zur Welt, zum Universum, zur Historie …‹«
Der Junge hätte es besser wissen müssen.
»Ah, Majakowski«, sagte ein Mann weiter hinten in der Reihe mit einem tiefen Seufzer. »Er war ein richtiger Muschik, ein Bauer – und ein Liebender, ein Trinker, ein Verrückter. Es heißt, der Gedanke an Selbstmord hätte sich wie Krebs in ihn hineingefressen. Zuerst nur ein Flüstern. Die letzten Tage ein unaufhörlicher Schrei.«
Rossel kannte den Mann nicht, aber er sprach mit baltischem Akzent. Vielleicht stammte er aus Litauen. In den Lagern entlang der Strecke nach Jermakowo verrotteten eine Menge Balten.
Rossel verfluchte sich innerlich. Er hätte nicht verraten sollen, dass er einmal Student am Konservatorium war. Irgendetwas preiszugeben war ein Fehler. Selbst das kleinste Stückchen einer menschlichen Seele könnte im Lager für die Wori, die Diebe, ein gefundenes Fressen sein.
Sollten sie jemals herausfinden, dass er in Leningrad Polizeioffizier gewesen war …
Sie würden ihn in Stücke reißen.
»Was siehst du sonst noch, Revol?«, drängte ihn Babajan.
»Jetzt zieh einfach dieses beschissene Teil …«
In der folgenden Stunde quälten sie sich schweigend voran, richteten all ihre Kraft auf die Plackerei. Harte Arbeit ist der Weg zur Freiheit, verkündete ein ausgefranstes Banner, das man im Lager an die Seite der größten Baracke genagelt hatte. Wenn jemand beim Appell herausgerufen, von den Wachen geschlagen und in die Einzelzelle geworfen wurde, deutete der Lagerkommandant jedes Mal darauf.
Die Sonne, die heute ohnehin nur sehr zögerlich hervorgekommen war, verblasste schon wieder. Was hieß, dass es etwa drei Uhr nachmittags war. In etwa einer Stunde, vielleicht auch weniger, wurde es Zeit, den Rückmarsch ins Lager anzutreten.
»Wie viele Jahre?«, erkundigte sich Babajan.
»Was?«
Rossel hörte nur halb zu. Sie hatten nur wenige Minuten Pause pro Stunde – und manche Häftlinge hatten, gemessen in Kilogramm Kohle oder gefällten Baumstämmen, ein Soll zu erfüllen. Ihr Plansoll wurde in Metern bemessen. Selbst wenn man nur geringfügig dahinter zurückblieb, bedeutete das weniger Brot und eine kleinere Portion Suppe – lauwarmes Wasser mit Fischabfällen. Er hielt seinen Blick stur weiter auf den Waldrand gerichtet.
»Zu wie vielen Jahren hat man dich verurteilt?«, beharrte der Priester.
Rossel zuckte die Schultern.
Babajan zog die Stirn kraus. »Jeder hier zählt jeden Tag seiner Strafe. Jeder weiß ganz genau, wie viel er schon abgesessen hat und wie lange er noch muss.«
»Ich nicht. Ich muss so lange hierbleiben, wie man mich hierbehalten will.«
»Genosse Stalin?«
Das rang Rossel ein Lächeln ab. Er schüttelte den Kopf.
Der Priester grunzte. »Das höre ich die ganze Zeit. ›Wüsste Stalin doch bloß über dieses Lager Bescheid‹, sagen die Neuen, ›dann würde er dem ein Ende setzen. Wenn er es doch nur wüsste …‹«
Rossel seufzte und stemmte sich mit den Schultern gegen das Joch.
Du musst etwas finden, das du hassen kannst.
Schon vor seiner Ankunft in Igarka, lange bevor man ihn auf den endlosen Marsch in den entlegenen Außenposten dieser Ansammlung von Lagern geschickt hatte, lange auch bevor er und seine Mithäftlinge jedes erdenkliche Werkzeug schwingen mussten, weil man sie zwang, ihre Baracken selbst zu bauen, hatte er etwas gefunden, das er hassen konnte. Jemanden jedenfalls.
Major Oleg Nikitin.
Zuerst nur ein Flüstern …
Manchmal, das wusste Revol, konnte das, was auf Selbstmord zutraf, auch für Mord gelten.
In einiger Entfernung vor ihnen schlugen die Wachtürme mit ihren Scheinwerfern eine Lichtschneise in die Dunkelheit. Wie ein Phantom trieb die Häftlingskolonne darauf zu.
Rossel schlotterte und schlang den zerlumpten Schal enger um den Kopf. Die Kälte war jetzt dermaßen heftig, dass sie die Haut zu verbrennen schien. Ein rauer Wind peitschte Schneeflocken vor sich her, die ihm ins Gesicht stachen. Sein Magen knurrte. Alle dachten nur an eines: Brot. Außer Babajan, in dessen Kopf lediglich Platz für Gott und die Zarenfamilie war. Und dem jungen Wustin, dessen Geist wie immer ein einziges Gewirr aus Noten darstellte.
»Gospodi, Iisus Christos, syn …«, skandierte der Priester.
»Halt’s Maul, du dreckiges armenisches Stück Scheiße. Außer wenn dein Gott Bäcker ist«, schrie ein Gefangener hinter ihnen in der Marschkolonne.
»Gospodi, Iisus …«
Ein junger Wachsoldat hatte sich unbemerkt dem größten Häftlingspulk genähert. »Gott ist tot, du armenisches Schwein«, schimpfte er. »Christus liegt in der Gosse, aus deinem dreckigen Maul will ich kein weiteres Wort hören.«
Lass ihm seinen Willen, dachte Rossel. Auch er ist ein Eiferer, genauso wie du, Babajan, das sieht man ihm an. Ich erinnere mich gut an Leute wie ihn aus dem Verband der kämpfenden Gottlosen.
»Ich werde für dein Seelenheil beten, junger Mann, die Seiner Gnade harret …«
Das war nicht gut …
Der Soldat schloss unerwartet schnell zu Babajan auf und rammte dem Priester den Gewehrkolben gegen den Kopf. Babajan taumelte und sank einem Mithäftling in die Arme, der ihn fluchend wegstieß. Er hielt sich auf den Beinen, marschierte jedoch nicht weiter.
»Bleibt bloß nicht stehen«, grummelte ein anderer Häftling, »und helft diesem Drecksack. Ich brauche endlich was zu essen.«
»Der Kampf gegen die Religion ist der Kampf für den Sozialismus«, rief der Wachsoldat aus.
Eine Parole, die Rossel nur zu gut kannte. Sie hatte sich ihm während der endlosen Treffen des Verbandes der kämpfenden Gottlosen eingebrannt, die er als Jugendlicher besucht hatte. Er war entschlossen gewesen, seine Genossen in ihrem atheistischen Eifer noch zu überbieten, geradezu verzweifelt bemüht, Gottes strengen Blick und das Jüngste Gericht einfach hinfortzuwünschen. Nicht zuletzt wenn er an das Schicksal seiner Eltern dachte oder auch an das Urteil, das über ihn gefällt worden war.
Sie hörten, wie beim Gewehr des Soldaten der Verschluss zurückgezogen wurde. Der Punkt am Ende von Babajans nächstem Satz würde eine Kugel aus einer Tokarew SWT-40 sein.
»Verzeihung, Genosse. Darf ich Sie kurz stören?«
Rossel spürte, wie sich sein Bauch verkrampfte. Es war Wustins helle Stimme. Aufgewachsen bei seinem Großvater, einem reichen Landbesitzer – in den Augen des sowjetischen Staates jetzt also ein verhasster Kulak –, war die Naivität des jungen Mannes, selbst in Igarka, offenbar so groß, dass er keine Anstrengungen unternahm, seine Herkunft und seine Bildung zu verbergen.
»Was glaubst du, wer du bist, Genosse Störenfried? Der verdammte Zar höchstpersönlich?«
Der Wachsoldat schob seine Fratze dicht an Wustins Gesicht heran, hob den Lauf seiner Waffe und feuerte in die Luft.
Wustin kniff zweimal die Augen zusammen, hielt sich mit den Händen die Ohren zu und fing an zu singen. Etwas von Tschaikowski. Eine Arie aus Pique Dame.
Der Soldat zielte jetzt direkt auf Wustin.
»Hör sofort auf zu singen, Mudak, oder, so wahr ich hier …«
Aber Wustin konnte nicht aufhören.
»Da kommen sie, unsere Krieger, unsere kleinen Soldaten. Sind sie nicht ein schöner Anblick? Tretet zur Seite, Leute, tretet zur Seite …«
Der Soldat hielt die Mündung seines Gewehrs nun direkt an Wustins Kopf.
»Du willst nicht aufhören damit, also bringe ich dich jetzt dazu.«
»Niederträchtig ist der Feind, seid auf der Hut! … Ergreift die Flucht oder ergebt euch! Hurra! Hurra!«
Die Tokarew klemmte beim ersten Versuch, was den Wachsoldaten weiter in Wut versetzte. Er riss das Magazin heraus und zerrte am Verschluss.
Rossels Kehle war wie zugeschnürt. Er trat aus der Marschkolonne, die nur noch etwa fünfzig Meter vom Lagerzaun entfernt war. Die anderen Wachen kamen jetzt brüllend angerannt. Ein Scheinwerfer von einem der Wachtürme war nach dem ersten Schuss in ihre Richtung geschwenkt worden.
»Bitte warte, Kamerad!«
Rossels Stimme klang gedämpft und drang kaum durch den jaulenden Wind, den Schnee und die Dunkelheit. Er hob die Hände, wie um sich zu ergeben, und beschwor den Soldaten, Gnade walten zu lassen.
»Dem jungen Mann geht es nicht gut, er versteht das nicht. Ich komme manchmal an ihn ran, wenn …«
Die Kugel traf Wustin in die Stirn. Ohne einen Laut schlug er hin.
Die Zunge des Toten hing ihm seitlich aus dem Mund.
»Um Himmels willen«, murmelte Babajan, »er sieht aus wie die Schlange, die sich im Garten Eden eingenistet hatte.«
Ein Leutnant, der durch den Schnee herbeigelaufen und vor Anstrengung im Gesicht rot angelaufen war, schnauzte den Wachsoldaten an, der Wustin umgebracht hatte: »Idiot! Noch mehr Formulare, die ich in dreifacher Ausfertigung ausfüllen darf. Und ein Gefangener weniger an der Planierwalze. Du bist ja nicht mal in der Lage, das Scheißhaus zu bewachen, Dernow.«
Ein anderer Wachsoldat trat Babajan in die Rippen, als er sich neben den toten Wustin kniete, und befahl ihm, sich auf den Weg zum Lager zu machen. Der Armenier stöhnte und hielt sich die Seite, noch immer lief ihm Blut übers Gesicht.
»Du kannst ihn ja den restlichen Weg zum Lager tragen, du Schwachkopf. Und du«, der Soldat zeigte auf Rossel, »du hilfst ihm dabei. Und ihr übrigen Bastarde, zurück zum Lager, aber schnell!«
Laut fluchend rannte der Leutnant der Arbeitsbrigade hinterher.
Rossel blickte auf Wustin hinunter, der mit offenen Augen dalag und dessen Gesichtsausdruck heitere Gelassenheit verströmte. Die Stirn wies ein sauberes Einschussloch auf. Im grellen Licht der Scheinwerfer des Arbeitslagers konnte Rossel lediglich einen dunklen Glorienschein erkennen, der sich um den Kopf des jungen Komponisten herum ausbreitete.
Aufgebracht wegen des Rüffels, den er kassiert hatte, weniger wegen des eben von ihm begangenen Mordes, war Dernow ganz rot im Gesicht.
»Worauf wartet ihr noch?«, schrie er sie an.
Sie nahmen jeder einen Arm und schleppten Wustins Leiche in Richtung Lager.
»Ein Märtyrer«, hörte Rossel Babajan flüstern. »Der Junge sieht aus wie Alexei, der Zarewitsch. Und er besitzt die Aura eines hingeschlachteten Heiligen …«
Als Rossel und Babajan im Lager eintrafen, stand die Arbeitsbrigade bereits säuberlich in Reihen auf dem Appellplatz, die sich öffneten, als der Leichnam des Komponisten auf der verschneiten Erde abgelegt wurde. Die Wachen ließen sie gewähren. Im Lager war Kleidung von unschätzbarem Wert.
Schon bald brach Streit um Wustins Mantel aus.
»Was möchtest du haben, Rossel?«, fragte Denikin, ein Professor für Marx’ Werke aus Kursk, während er sich über Wustins Leiche beugte. »Die Strümpfe? Oder die Hose?«
Marx’ Manifest, rief sich Rossel ins Gedächtnis, besagte, dass der Kommunismus auf eine einzige Formel gebracht werden könne: die Abschaffung des Privateigentums. Dieser Lehrsatz musste dem Professor entgangen sein.
Als die Häftlinge sich um Wustins Mantel rissen, fiel ein Blatt Papier heraus. Und dann noch eines und ein weiteres. Die Blätter verstreuten sich über den Appellplatz und sammelten sich am inneren Lagerzaun, schienen im Lichtstrahl der Suchscheinwerfer hell auf und flatterten weiter, hinaus in das Dunkel der Nacht. Rossel lief einem Blatt hinterher und fing es ein. Nach einem kurzen Blick darauf rannte er zurück zu dem Haufen sich zankender Häftlinge, bahnte sich mit Fußtritten einen Weg und stürzte sich ins Getümmel, ignorierte die Stöße mit dem Ellbogen ins Gesicht und die Schläge gegen die Rippen. Einem vierschrötigen Ukrainer, der schon dachte, er hätte gewonnen, riss er den Mantel aus der Hand und griff in die Innentasche. Seine mit Lumpen umhüllten Hände brachten noch weitere Seiten zum Vorschein, die er sich in die Taschen stopfte. Rossel sah sich um, aber die Wachen waren einfach zu beschäftigt damit, dem Kampf um Wustins Kleidung zuzuschauen und sich darüber lustig zu machen.
Schon bald lag der Leichnam nackt da.
Er warf Denikin den Mantel zu. »Hier«, sagte er, »ich glaube, Marx hätte gewollt, dass du ihn bekommst.«
Anschließend trat er zur Seite und musste zusehen, wie weitere Blätter über den Zaun hinweggeweht wurden und in der Nacht verschwanden.
Wenigstens sie waren jetzt frei.
Babajan kam zu ihm und berührte ihn am Arm.
»Mit einem Mal scheinst du deinen Frieden gefunden zu haben, mein Freund«, stellte der Armenier fest. »Was stand denn auf Wustins Zetteln?«
Rossel drehte sich um und sah den alten Priester an.
»Eine Art Wunder, Babajan«, erwiderte er. »Und zwar ein größeres als alle in deinen heiligen Schriften.«
Eine Abteilung deutscher Kriegsgefangener war an die vorderste Spitze der Gleisbauarbeiten verlegt worden, um die Schwellen herbeizuschaffen und zu verlegen. Es war ein erbärmlicher Haufen – gebeugte, geschwächte, eingeschüchterte Gestalten, die im Lager keine Freunde hatten. Ihnen musste klar sein, dass die Außenwelt sie gering schätzte, dachte Rossel. Doch obwohl sie nicht mehr Hitlers Legionäre in schimmernder Wehr waren, schienen sie immer noch verwundert zu sein über ihren tiefen Fall.
Es war nicht das erste Mal, dass man Kriegsgefangene als Hilfskräfte zum Eisenbahnbau abordnete. Offenbar hatte man ihnen keine klaren Anweisungen gegeben, denn die Abstände zwischen den Schwellen maßen sie mithilfe von Stangen nach einem schwer bestimmbaren Muster. Die übrige Zeit blieben sie für sich.
Alle außer einem, der ein Dutzend Meter entfernt von seinen Kameraden an einem schiefen Baumstumpf lehnte.
Mit einer Kippe in der Hand näherte sich Rossel dem deutschen Kriegsgefangenen. Er hatte ein Auge auf die Wachen, doch sie beachteten ihn nicht weiter.
Der Mann beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Rossel begriff, dass die Deutschen, egal, in welchem Lager sie sich befanden, gezwungen waren, sich stets sofort ein Urteil über jeden Russen zu bilden. Eine intuitive Einschätzung, ob Gefahr drohte oder nicht.
»Walter«, sagte der Deutsche und reichte ihm die Hand.
Rossel ergriff sie.
»Rossel«, entgegnete er.
Walter zog die Stirn kraus. »Rossel? Sind Sie Deutscher?«
Rossel schüttelte den Kopf. »Russe. Aber ich stamme von Wolgadeutschen ab. Powolskije njemtsi. Eingewandert vor langer Zeit, im achtzehnten Jahrhundert, glaube ich.« Er machte eine weit ausholende Armbewegung, um zu verdeutlichen, wie viel Zeit seither verstrichen war. Walter schien zu verstehen. »Mein Vater«, fügte Rossel hinzu. »Papa. Kommunist. Bolschewik. Hat nicht viel erzählt über seine Vorfahren.«
Walter redete auf Deutsch weiter, ein Gebrabbel, das eine Bemerkung über den Kommunismus, die Einwanderung oder auch das Wetter hätte sein können. Der Kriegsgefangene nahm einen letzten, langen Zug von dem zusammengedrehten Bündel Machorka, der härtesten aller harten Tabaksorten, das Rossel ihm in die Hand gedrückt hatte, und gab ihm die Zippe zurück.
»Wunderbar, vielen Dank!«
Es waren ungefähr dreißig deutsche Kriegsgefangene, die schon mindestens sieben Jahre in der Sowjetunion zugebracht hatten und sich nun in einem Arbeitslager in der Arktis wiederfanden, das nicht einmal einen ordentlichen Namen hatte. Weder die Wachsoldaten noch die russischen Häftlinge gaben sich mit ihnen ab, sodass sie nicht mehr als ein paar Brocken Russisch konnten. Bei absolut linientreuen Lagerkommandanten konnte Fraternisierung leicht zu ein paar Jahren Haft mehr führen, die man am Ende aufgebrummt bekam.
Aber was interessierte ihn das schon, dachte Rossel, wo man ihm nicht einmal mitgeteilt hatte, wie viele Jahre er denn überhaupt in Haft zubringen musste?
Rossel war versucht, Walter zu fragen, ob er ihm nicht ein paar deftige deutsche Ausdrücke beibringen könne. Schon allein, um die Wachsoldaten zu verwirren. Walter machte allerdings einen eher kultivierten Eindruck.
»Magst du Musik, Walter? Beethoven, Brahms, Schumann?«
Walter nickte.
»Brahms, da …« Der Deutsche summte die letzten Takte von Brahms’ Wiegenlied. »›Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.‹ Meine Mutter hat mir das immer vorgesungen.«
»Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.« Rossel wiederholte den Text des Schlafliedes auf Russisch. Er lächelte. »An manchen Tagen in Igarka habe ich Gott schon angefleht, doch das exakte Gegenteil herbeizuführen … Ich war mal Musiker«, sagte Rossel und zeigte auf sich selbst.
»Musiker?« Walter nickte verständnisvoll. »Mozart, Beethoven, Wagner.« Er stellte eine Frage, die Rossel nicht verstand, aber das Wort »Instrument« meinte in beiden Sprachen dasselbe. Rossel tat so, als würde er Geige spielen. Danach hielt er seine linke Hand hoch und zog gleichzeitig mit der Rechten den Handschuh und die Lumpen herunter, sodass sichtbar wurde, wo ihm zwei Finger fehlten.
»Der NKWD hat das getan. Oder MGB, wie er heute heißt«, erklärte Rossel.
Walter ließ das auf sich wirken und zuckte zusammen.
»Physiker«, entgegnete er und klopfte sich auf die Brust. »Raketen.« Er gab das übliche Zischgeräusch von sich und deutete gen Himmel. Anschließend zeigte er auf einige der deutschen Häftlinge, die sein Schicksal als Kriegsgefangener teilten.
»Physiker, Chemiker, Physiker«, sagte er. »Kernphysiker«, fügte er hinzu und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf den größten Gefangenen: einen Mann von Ende fünfzig mit hängenden Schultern, glasigen Augen und einer langen Narbe auf der Wange. Kurz nach der Ankunft im Hauptlager Igarka war er von den Wachen bewusstlos geschlagen worden, und der Aufenthalt im Lager 105 weiter westlich hatte seiner Gesundheit alles andere als gutgetan. Er war jetzt kaum mehr als ein hilfloser Trottel. Doch er war ein Liebling der Diebe, die ihn beim nächtlichen Kartenspiel in ihrer Baracke zum willfährigen Spielball gemacht hatten, ihn zum Vergnügen mit Essensresten fütterten und ihn Zar Suka, König der Luder, nannten. Die Kriminellen mochten dieses Spiel, so erklärte es sich Rossel, weil sie spürten, wie tief der Mann gefallen war. Er hatte vornehme Gesichtszüge, aber die herabhängenden Schultern, die müden Augen und sein unterwürfiges Verhalten verliehen ihm das Gebaren eines demütigen Dieners. Seine Landsleute versuchten, ihn zu schützen, aber sie besaßen nicht die Entschlossenheit dazu, und es waren auch zu wenige, um die Wori abzuwehren.
»Keine Soldaten?«
Walter schüttelte den Kopf.
»Nein – ich meine, ja … Nur in den letzten Kriegstagen.«
Ein Signalton war zu hören. Rossel nickte Walter zu, der eine Verbeugung andeutete.
Zehn Jahre zuvor hatten die Deutschen fast ganz Europa unter ihre Kontrolle gebracht. Jetzt waren sie dankbar, wenn man sie an einer Zigarette ziehen ließ.
Es brauchte ein paar finstere Sterne, um einer Nacht wie dieser ins Auge zu sehen.
Solche Nächte kamen, wenn die Arbeitskommandos einen Häftling oder auch zwei tot zurückgelassen hatten. Nicht dass die anderen Häftlinge der Tod eines Kameraden groß gekümmert hätte. Doch bei einigen von ihnen trat, hatten sie erst genug schimmeliges Brot gekaut und übel riechende Suppe heruntergeschlungen, Wut angesichts der eigenen Ohnmacht an die Stelle innerer Leere.
Solche Nächte kamen, wenn die verrücktesten Wori aus verfeindeten Banden zur selben Zeit Schichtende hatten. Was einer Aufforderung zum Kartenspiel gleichkam. Beleidigungen wurden gewechselt, Herausforderungen angenommen. Hohe Einsätze gemacht. Gespielt wurde um die Kleidung anderer Männer, um Tabak – und um Menschenleben.
Solche Nächte kamen, wenn der Gestank von hundert Männern, die man in eine Baracke gepfercht hatte, sich mit dem bittersüßen, penetranten Geruch von Samogon mischte, einem Gebräu aus gestohlener Hefe, Zucker und Getreideresten oder auch Kartoffelschalen sowie verdünntem Industriealkohol. Zusammengemischt im Brutofen der Baracken, angereichert mit einem Schuss brutaler Gewalt von skrupellosen Gegnern, beschwor Samogon jedes Mal Chaos herauf.
Es gab zwei große Baracken. In der einen herrschten die Wori, die Diebe, die sich geschworen hatten, niemals mit der Obrigkeit zu kooperieren. In der anderen hatten die Suki das Sagen, die Schlampen – Kriminelle, die ihre Macht, und sei es auch aus einiger Distanz heraus, durch die Zusammenarbeit mit den Behörden zu festigen suchten.
Zwischen diesen beiden Fraktionen herrschte Krieg, eine sich endlos hinziehende, bösartige Fehde.
In beiden Baracken ging es ums Überleben für die Politischen – ängstliche Intellektuelle, die das falsche Buch geschrieben oder das falsche Stück auf die Bühne gebracht, oder Akademiker wie Denikin, die die falsche Theorie entwickelt hatten. Sie fristeten in den kältesten Winkeln der Baracken ihr Dasein und fragten sich jeden Tag, ob ihr Leben möglicherweise von der Augenzahl abhing, die beim Würfelspiel in der Mitte der Holzbauten erzielt wurde, wo mehr Licht einfiel und es wärmer war. Ein Politischer zu sein hieß, Beute zu sein. Um zu überleben, musste man wachsam bleiben. Die entlegenen Außenstellen des sowjetischen Justizapparats, Gulag-Satelliten wie Kilometer 105, waren die gesetzlosesten Orte auf Erden.
Aber das hieß keineswegs, dass es keine Regeln gab. In Igarka stellte sie ein Dieb namens Kuba auf, wie mögliche Rivalen schnell herausfanden.
Sobol war in schlechter Verfassung.
Schweißgebadet und von Magenkrämpfen geplagt auf seiner Pritsche unweit der Hüttenmitte liegend, hatte sich der klein gewachsene Dieb schon mehrmals selbst beschmutzt.
»Mensch, Sobol, hier drinnen bei dir stinkt’s ja wie aus dem Arschloch des Todes«, giftete ein mopsgesichtiger Mann mit Lenin-Tätowierung am Hals.
Sobol stöhnte. Die Flüche und Tritte der Häftlinge neben ihm auf der Pritsche, die nach jedem Würgen und jedem Bauchkrampf heftiger wurden, nahm er nicht wahr. Von Zeit zu Zeit schrie er Satzbrocken heraus, und einmal rief er sogar nach seiner Mutter, was ihm derben Spott aus der gesamten Baracke eintrug.
Weiter hinten in der Baracke legte Oblonski, der Tätowierer, seine Utensilien bereit. Eine Nadel, aus Metalldraht gefertigt, den man erhitzt hatte, bis er riss, sodass man ihn in einen leeren Füllfederhalter einsetzen konnte. Die Tinte wurde aus Asche oder dem Ruß verbrannter Autoreifen hergestellt, die man mit Urin mischte. Einige Tätowierer im Lager behaupteten, sie verwendeten Alkohol, um die Tinktur zu sterilisieren, aber in Kilometer 105 gab es nicht einen einzigen Tropfen Alkohol, der nicht sofort getrunken worden wäre.
»Vergiftet«, sagte Oblonski und deutete in Richtung Sobol. »Auf Befehl von Kuba. Sobol hat nicht aufgepasst.«
Rossel löste die Bänder, mit denen er sich seinen Arbeitskittel umgeschnürt hatte. »Poganka?«
Oblonski nickte.
»Im vergangenen Sommer«, erklärte der Tätowierer und schielte auf sein Werkzeug, »hat jemand eine ganze Ladung gesammelt und unserem Freund davon ein bisschen was ins Essen gemischt.«
Die Russen waren eine Nation von Jägern und Sammlern, die die Wälder durchstreiften. Der Grüne Knollenblätterpilz forderte jedes Jahr das Leben etlicher leichtsinniger Seelen. Und der Tod war qualvoll, das war bekannt.
»Er wollte Kuba den Thron streitig machen. Normalerweise setzt er in solchen Fällen Medwedew ein, den Bären, um die Sache zu regeln. Diesmal ist er etwas … feinsinniger vorgegangen.« Mit einer Kopfbewegung deutete er auf das kreischende, zugeschissene Wrack auf einer der Pritschen hinter ihm. »Wenn man es denn so nennen kann.«
Oblonski begutachtete das Voranschreiten seines Kunstwerks – den Umriss eines großen Seevogels auf Rossels Brust – und grunzte zufrieden. »Heute kommt der andere Flügel dran, jedenfalls der Großteil. Was du eben so aushältst. Wenn Ilja Repin auf Leinwand gemalt hätte, die sich so windet wie du, hätte er für sein Geschmiere noch viel länger gebraucht, sage ich meinen Kunden immer.«
Der Tätowierer machte sich ans Werk und arbeitete sich Millimeter für Millimeter voran, indem er Rossels Haut immer wieder mit schnellen Stichen punktierte. Rossel biss auf ein Stück alten Gummireifen und hielt still, so gut er konnte.
Die ersten Gebäude des Straflagers waren vor vier oder fünf Jahren aus dem Holz der endlosen Wälder des Nordens zusammengezimmert worden. Ursprünglich einfach nur als weiterer Außenposten eines Vorhabens gedacht, das Häftlinge zu Hunderten verschlang, war es mittlerweile fast zur Größe eines Hauptlagers angewachsen – einem Dreh- und Angelpunkt, von dem aus Arbeiter als Verschleißteile in die Wildnis nördlich des Polarkreises entsandt wurden, um diese zu kolonisieren.
Eine kleine Schaufel Streusand im Schnee, zu der sich andere Häufchen gesellt hatten, so stellte Rossel sich das Ganze vor.
Ein bulliger Georgier mit gebrochener Nase kreuzte unvermutet hinter Oblonski auf und zeigte auf den Vogel, der auf Rossels Brust entstand.
»Hey, du, Albatros«, sagte er. »Bereite dich schon mal darauf vor, dass Kuba morgen Abend eine von deinen Geschichten hören will. Am besten eine gute, denn in letzter Zeit hat er nicht unbedingt immer gute Laune.«
Im Traum konnte man entkommen. Einfach an den Sphinxen vorbeigehen, die in Leningrad die kunstvolle ägyptische Brücke über den linken Arm der Newa, die Fontanka, bewachten. Die Eremitage besuchen und sich aufs Neue in sein Lieblingsgemälde vergucken. Draußen vor der Kirow-Oper stehen, durch deren Wände hindurchgehen … und einfach nur zuhören.
Aber dann sauste der Morgen wie eine Guillotine hernieder. Und du wachtest wieder in Kilometer 105 auf.
Draußen hatte ein Unglücklicher aus der Mongolei die dankbare Aufgabe, um die Baracken herumzulaufen und zwei Töpfe gegeneinanderzuschlagen. Die Scheinwerfer an den Zäunen gingen an. Es war fünf Uhr.
Im Inneren der Baracken wurde der helle Schein der Leuchten, der durch den Schnee noch verstärkt wurde, durch eine dicke Eisschicht auf den Fensterscheiben gedämpft. Jede Faser seiner Muskeln tat Rossel weh, bedingt durch die Schinderei bei Tag und das ununterbrochene Zittern bei Nacht, als er zu den unförmigen Eiszapfen hochblickte, die von den Dachsparren hingen. Er hustete. Das Rasseln in seiner Brust war ein weiterer Grund, sich Sorgen zu machen. Wenn dir im Lager nicht ein Mithäftling auflauerte und dir die Kehle aufschlitzte, verbarg sich der Tod – Typhus, Tuberkulose – in dir selbst und wartete ab.
Manche Häftlinge standen sofort auf. Nur so wurde einem wärmer: wenn man sich bewegte, herumschnüffelte, ob sich nicht ein Fetzen Kleidung oder ein anderes knappes Gut fand, mit dem man Tauschhandel betreiben konnte. Oder wenn man an der Reihe war und hinausbringen musste, was Babajan in einem seiner seltenen Anflüge von Humor »Kelche des Teufels« genannt hatte – die großen Pisspötte.
Mit einiger Anstrengung gelang es Rossel, ins Sitzen zu kommen. Er hatte nur eine Decke, aber noch vor Einbruch des Winters war er so vorausschauend gewesen, zusätzlich Lumpenfetzen anzunähen. Ebenso Pappe oder Reifenstücke. Alles, was dazu dienen konnte, etwas Wärme einzufangen. In den Hauptlagern, insbesondere in den Durchgangslagern, handelten die Häftlinge mit allem, was nicht niet- und nagelfest war. In Kilometer 105 gab es nichts mehr, wogegen sich etwas eintauschen ließ. Jeder Fetzen war eine Kostbarkeit.
Nimm einem Mann die Decke, und du nimmst ihm das Leben.
Steif und unter Schmerzen zog sich Rossel die Decke vom Körper und tastete in dem Beutel, den er mit Kienspan und Sägemehl befüllt hatte, um ein Kopfkissen zu haben, nach seinem Becher und der provisorischen Gabel, bevor er von der Pritsche herunterrutschte. Oblonski schnarchte wie ein Bär.
Rossel schloss sich einer Gruppe von drei oder vier Häftlingen an, um mit ihr zusammen direkt zur Kantine zu gehen. Zu seiner Linken sah er Babajan, der sich gesenkten Hauptes gegenüber von den Baracken immer wieder bekreuzigte an der Stelle, wo man Wustins Leichnam hingeworfen und ihm die Kleider vom Leib gerissen hatte. Wie üblich war der Armenier in ein Gebet vertieft.
»Berichte denen, die den Herrn fürchten, von seiner unendlichen Liebe …«
Babajan hörte das Knirschen von Rossels Stiefeln im Schnee und blickte auf.
»Wustin war wie der heilige Isaak, der als Einsiedler in der Wüste lebte«, sagte er. »Unschuldig in seinem Glauben, wie wir es nennen.«
Er nahm seinen Singsang wieder auf.
»Der Herr ist mein Hirte, ich habe keine Furcht. Was kann der Mensch mir anhaben?«
Rossel ließ seinen Blick schweifen. Zum einen, weil es immer klug war, darauf zu achten, was sich hinter einem abspielte, nicht zuletzt aber auch, weil die Anzahl der Dinge, welche die Mächtigen den Schwachen antun konnten, hier draußen schier unendlich war.
»Möchtest du nicht zusammen mit mir für ihn beten, Rossel?«, fragte Babajan.
Rossel schüttelte den Kopf.
»Ich habe dir ja schon gesagt, dass ich mal Mitglied im Verband der kämpfenden Gottlosen war«, entgegnete er.
Babajan zog die Stirn in Falten. »Bei den Feinden Christi.«
Rossel nickte. »Das hat seine Spuren hinterlassen. Ich bin nicht gläubig.«
Der alte Priester wirkte verloren.
»Du irrst dich, mein Freund. Unser neuer Heiliger, unser tapferer Märtyrer, der heilige Wustin, sagte mir, dass er noch nie jemandem begegnet sei, der so sehr den Eindruck gemacht habe, eine große Sünde in sich zu tragen.«
»Eine große Sünde?«
Babajan lächelte.
»Deshalb mochte dich dieser junge Mann, Rossel. Alle Märtyrer sind bestrebt, das Kreuz unseres Herrn weiterzutragen. Er war eifersüchtig auf die Bürde, die auf deiner Seele lastet.«
Ein Klecks wässrige Buchweizengrütze besänftigte seinen knurrenden Magen nicht wesentlich. Rossel, der endlich einen Augenblick für sich haben wollte, schlang sie herunter und verstaute die Scheibe Schwarzbrot für später in seiner Jacke. Er ging um den Appellplatz herum und setzte sich auf einen Baumstamm hinter der Krankenstation am östlichen Ende des Lagers.
Dann holte er die rechteckigen Blätter hervor, die er aus Wustins Mantel gerettet hatte, und entfaltete sie mit steif gefrorenen Fingern. Sie waren schon leicht vergilbt, die Schreibmaschinenschrift etwas verblasst, dennoch konnte es keinen Zweifel geben, um welche Art Dokument es sich handelte.
Es liegt im Interesse der sowjetischen Justiz, die Gefahr jeglicher konterrevolutionärer Aktivitäten im nördlichen Verwaltungsbezirk der Straf- und Arbeitslager zu unterbinden. Abteilung XXVI des für die Region zuständigen Ministeriums für Staatssicherheit ordnet daher die Erschießung von ARTJOM KERSAKOW an. Die Strafe ist unverzüglich zu vollstrecken.
Jedes Dokument war mit Datum versehen, das früheste stammte aus dem Juli 1949, das jüngste war erst drei Wochen alt. Auf jedem waren die Namen in Großbuchstaben hervorgehoben. Die Unterschriften waren schwer zu entziffern, aber Rossel meinte, einen Major Kirillow zu erkennen. Ein Name, der ihm bisher weder in Kilometer 105 untergekommen war noch in einem der Durchgangslager, die er passiert hatte und die sicherlich dem MGB, dem Ministerium für Staatssicherheit, unterstanden.
Die Stellen, die man auf den Dokumenten frei gelassen hatte, waren alle per Hand ausgefüllt worden. Es war ein Appell der Toten.
Abramow. Akunin. Alexejew. Astilin. Bogdanow. Braginski. Wertuchin …
Rossel blätterte sie durch. Die Dokumente waren kurz gehalten, banal. Er versuchte, sich die Gesichter der Verurteilten vorzustellen, und fragte sich, ob sie diese Papiere, dieses bürokratische Impressum ihres Schicksals, jemals zu Gesicht bekommen hatten.
Worilow. Wrasenski. Dolgoruchow. Dmitrijew …
Er zählte die Blätter. Es waren vierundzwanzig.
Auf der Rückseite jedes Blattes fand sich, in akribisch genauer Handschrift, Notenlinie um Notenlinie.
Takt und Notenschlüssel, Konstellationen von Achtel- und Sechzehntelnoten. Eine unvergleichlich ambitionierte Komposition. Ein Versuch, den höchstens Komponisten vom Kaliber eines Strawinsky, Prokofjew oder Schostakowitsch gewagt hätten.
So präzise aufgezeichnet, dachte Rossel, dass gedruckte Noten im Vergleich dazu gerade amateurhaft wirkten. Allerdings hatten die Kälte, minderwertige Tinte oder auch das allzu poröse Papier dazu geführt, dass die Noten verblichen waren. Hielt man sie gegen das Licht des sibirischen Himmels, war jedoch alles noch lesbar.
Ein Blatt hatte in besonderem Maße standgehalten. Die Handschrift war deutlicher, die Noten sahen runder aus, ihrer selbst stärker gewiss. Rossel versuchte, die Melodie und die Harmonien im Kopf zusammenzusetzen, aber die Fuge verdichtete sich schnell zu solch undurchdringlicher Komplexität, dass er dem Entwurf nicht mehr folgen konnte.
Als einziges Stück hatte sie einen Titel.
Fuge 13: Gesang der verlorenen Seelen.
Die meisten der Fugen, die Wustin komponiert hatte, dürften die Technik selbst der virtuosesten Pianisten vor große Herausforderungen stellen, sogar in einem Land, das eine Fülle von ihnen zu bieten hatte. Fuge 13 war weniger anspruchsvoll, dafür lyrischer, tiefer empfunden.
Rossel faltete die Blätter zusammen und verstaute sie in seiner Jacke. Er saß noch ein paar Minuten still da, bis der Aufruhr des Morgenappells begann.
»Eine Ansage an diejenigen unter euch, die stürzen, sich unterhaken oder unerlaubt einen Schritt nach links oder rechts machen: Dies wird als Fluchtversuch betrachtet werden, und die Wachen werden ohne weitere Vorwarnung das Feuer eröffnen…«
Sollte Babajan recht haben und Wustin ein Heiliger sein, so hatte der Leichnam des gepeinigten jungen Mannes jedenfalls eine Hymne für die Ewigkeit hinterlassen.
Hauptmann Werblinski – blass, dünn, wichtigtuerisch, Nummer drei in der Hierarchie der Lagerkommandantur – kam zum Ende seiner morgendlichen Ansprache und reckte den Kopf nach oben.
Die annähernd zweihundert Gefangenen, aufgeteilt in vier Blöcke, entsprechend den Baracken, denen sie zugeteilt worden waren, standen still und ließen den Tag, der ihnen bevorstand, Revue passieren.
Die wirkliche Kälte, minus dreißig Grad und noch darunter, kam in Wellen. Die erste war über Nacht gekommen, das hatten sie alle gespürt, während sie auf ihren Pritschen lagen. Rossel betrachtete seine in Reihen angetretene Brigade. Die Schwachen würden sich bereits noch schwächer fühlen. Das Plansoll nicht zu schaffen, bedeutete schmalere Rationen. Und die eigene Aufgabe nicht zu bewältigen, zog Flüche, Tritte und die Verachtung der Mitgefangenen nach sich.
