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Spannend, verstörend, nichts für schwache Nerven. Die Temperaturen sind zum Abend hin merklich gefallen. Die Kälte stört sie nicht, sie ist entsprechend gekleidet. Alles an ihr ist dunkel: ihr Mantel, der Umhang, den sie darüber trägt, ebenso die Hose und die wetterfesten Schuhe, selbst der Griff des Messers, den die Gestalt so fest umklammert hält, als wären ihre Finger erstarrt, während sie sich dem Mann nähert, den sie seit Tagen beobachtet. Die Erinnerung ist und bleibt eine Wunde, die niemals heilen wird, denkt sie und sticht zu. Mord im Kölner Nobelviertel, lautet tags darauf die Schlagzeile. Wieder ein Arzt ermordet aufgefunden, in seiner Villa in Köln-Hahnwald. Ein hoch angesehener Kardiologe. Ihm wurde das Herz aus dem Leib geschnitten. Das Entfernen eines Organs ist ein ebenso schreckliches wie auch vertrautes Markenzeichen des Täters. Während die Kölner Ermittler Tobias Haffner und seine junge Assistentin Sophia Geschke fieberhaft versuchen, eine Verbindung zwischen den Mordopfern zu finden, geschieht ein weiterer Mord. Für die junge Kommissarin beginnt damit ihr erster Fall, der an Wahnsinn kaum zu überbieten ist. In die Direktion Kriminalität ist Sophia erst vor Kurzem gewechselt. Ganz bewusst und zielstrebig hat sie auf eine Aufnahme ins Morddezernat hingearbeitet: die Abteilung für besonders grausame Gewalttaten. Aufregende Tage stehen ihr und dem erfahrenen Kommissar bevor, den sie auf Anhieb sehr mag, der das jedoch nicht zu bemerken scheint. Gemeinsam fahnden sie nach einem Täter, der scheinbar wahllos Ärzte tötet – und kommen einer menschlichen Tragödie auf die Spur.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Das Buch
Das dunkle Wesen
Die Temperaturen sind zum Abend hin merklich gefallen. Die Kälte stört sie nicht, sie ist entsprechend gekleidet. Alles an ihr ist dunkel: ihr Mantel, der Umhang, den sie darüber trägt, ebenso die Hose und die wetterfesten Schuhe, selbst der Griff des Messers, den die Gestalt so fest umklammert hält, als wären ihre Finger erstarrt, während sie sich dem Mann nähert, den sie seit Tagen beobachtet. Die Erinnerung ist und bleibt eine Wunde, die niemals heilen wird, denkt sie und sticht zu.
Mord im Kölner Nobelviertel, lautet tags darauf die Schlagzeile. Wieder ein Arzt ermordet aufgefunden,in seiner Villa in Köln-Hahnwald. Ein hoch angesehener Kardiologe. Ihm wurde das Herz aus dem Leib geschnitten. Das Entfernen eines Organs ist ein ebenso schreckliches wie auch vertrautes Markenzeichen des Täters.
Während die Kölner Ermittler Tobias Haffner und seine junge Assistentin Sophia Geschke fieberhaft versuchen, eine Verbindung zwischen den Mordopfern zu finden, geschieht ein weiterer Mord. Für die junge Kommissarin beginnt damit ihr erster Fall, der an Wahnsinn kaum zu überbieten ist.
In die Direktion Kriminalität ist Sophia erst vor Kurzem gewechselt. Ganz bewusst und zielstrebig hat sie auf eine Aufnahme ins Morddezernat hingearbeitet: die Abteilung für besonders grausame Gewalttaten. Aufregende Tage stehen ihr und dem erfahrenen Kommissar bevor, den sie auf Anhieb sehr mag, der das jedoch nicht zu bemerken scheint. Gemeinsam fahnden sie nach einem Täter, der scheinbar wahllos Ärzte tötet – und kommen einer menschlichen Tragödie auf die Spur.
Die Autorin
Astrid Kleinsorge war sowohl in der Lehre als auch in der Forschung tätig. Inzwischen genießt sie ihren Ruhestand, und wenn sie nicht gerade schreibt, ist sie viel in der Natur. Beim Lesen und Schreiben schlägt ihr Herz für Kriminal- und Spannungsliteratur. Intelligente Handlungsabfolgen zu entwickeln, Spannung aufzubauen und zu halten ist der Autorin ein Anliegen. In ihrem Buch erzählt sie von der fieberhaften Fahndung nach einem Serienmörder, von menschlichen Abgründen, aber auch von der aufkeimenden Liebe zwischen dem ungleichen Ermittlerduo. Und wären da nicht die Morde, hätte sogar der Tod in diesem Roman etwas Angenehmes – die ewige Ruhe.
Astrid Kleinsorge
DAS DUNKLE
WESEN
Roman
Impressum
Copyright © 2025 by Astrid Kleinsorge
Vertreten durch: Dr. Wilhelm Breuer, Goltsteinstrasse 64, 50968 Köln
Mail: [email protected]
Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.
Jegliche Vervielfältigung oder Verwertung bedarf der schriftlichen Genehmigung der Autorin.
Cover: Katrin Evers
Lektorat und Korrektur: D.D. (Dieter Dahmen)
und Volker Maria Neumann
(krimi-lektorat.de)
Für Marvin
* 05.01.1993 - †13.11.2007
Ich bin in das Dunkle getreten, das alles auslöscht.
Ich habe gehandelt und erinnere mich nicht an mein Handeln.
Wenn das Fremde in mir zurückweicht
ich aus dem Dunkel ins Licht trete
komme ich von nirgendwoher
und bin aus dem Nichts
denn ich war im Nichts.
Und wenn ich Dunkelheit denke
von der nur eine Spur übrigbleibt
die nirgendwo hinführt
bin ich wach und starre vor mich hin
bis sich meine Aufmerksamkeit wieder verdunkelt
in eine Dunkelheit, die näher und näher kommt
mich zu verschlucken
bis nichts mehr von mir zurückbleibt
nur noch das Fremde.
Inhaltsverzeichnis
Title Page
Prolog
Sie holte tief Luft
Er lag im Wohnzimmer
Als Kuhnert den Spielzeugladen verließ
Es folgten die ersten
Nun war der Moment gekommen
Tobias Haffner
Mit sechzehn
Das Zifferblatt seiner Armbanduhr
Gegen zwanzig Uhr dreißig
Inzwischen war es früher Morgen
Nach der Teambesprechung
»Kuhnerts Ehefrau
In der Nacht
Keine neunzig Minuten
In seinem Kopf
Der Duft ihrer Haut
Sophia
In geduckter Haltung
Haffner war früh dran
Es klingelte
»Endlich
20:21 Uhr
Freitagabend
Für einen Moment
Es schneite leicht
Samstagvormittag
Haffner klingelte
Sieben Minuten vor Meetingbeginn
Der kommende Tag
Obwohl er sehr müde war
Er nahm den Geruch von
Ein sargschwarzer Himmel
Es schneite noch immer
Ihr Handy
Als er gegen Abend
Nur ungern
Er wähnte sich unbeobachtet
Es war bereits nach elf
In einer dunklen Nische
Der Mond
Mittwoch:
In aller Herrgottsfrühe
Gegen Abend
Die Tage danach
Eine Tür wurde
Elias leerte hastig
Unweit vom Ort
Zum Warten verdammt
Über seinen toten
Ker, die Göttin
Einen Moment lang
Balders Augen
Der Unmut
Der Mann im Van
Später Nachmittag
Sophia saß im Morgenmantel
Als Haffner sein Büro betrat
Der Schneefall
Freitagabend
Nach einer Auszeit
Sophia saß in der Küche
Es war kaum Verkehr
Sophia war hellwach
Sophia sprang auf
Die nächsten Tage
Kurz vor acht
Sophias Mutter
Haffner saß im Wagen
Sophia stieg aus der Dusche
Im Schlafzimmer
»Denkst du an den Rückruf?«
Fahles Morgenlicht
Es war bereits dunkel
Am folgenden Samstag
Er öffnete die Haustür
Sein Nacken war gestreckt
Haffner
Das morgendliche Meeting
Sein Diensthandy klingelte
Die Nacht über
Zu Hause eingetroffen
Anordnungen von Kronenberg
Er öffnete die Tür
Einsamer noch als Kafka
Epilog
Danksagung
Der Anruf kam kurz nach 22:00 Uhr. Eduard Stein saß gemütlich mit einem Glas Cognac vor dem Fernseher, als sich sein Handy meldete. Seine Frau war im Sessel eingenickt und bekam nicht einmal mit, dass ihr Mann aufstandund in die Diele ging, wo er den Anruf entgegennahm. »Ich mache mich gleich auf den Weg«, beendete er das Gespräch. Im Wohnzimmer murmelte seine Frau, ohne die Augen zu öffnen: »Musst du noch mal los?«
»Ich fürchte es«, antwortete Stein knapp und schlüpfte in seine Schuhe und seinen Mantel. Dann beeilte er sich, ins Präsidium zu kommen, in dem er seit gut dreißig Jahren als Kommissar tätig war. In all der Zeit war er kaum je zu so später Stunde und mit dieser Dringlichkeit ins Kommissariat zitiert worden. Dabei hatte sein Chef am Telefon nur Andeutungen gemacht. Ihn lediglich über die Festnahme eines Mannes nach einem Verkehrsunfall informiert. Nichts weiter.
Folglich rätselte er, wieso der Fall bei der Kripo gelandet war und was seine Anwesenheit um diese Uhrzeit erforderlich machen konnte.
Die Temperatur war in den letzten Stunden leicht gestiegen. Seit dem frühen Sonntagmorgen hatte es nicht mehr geschneit. Als Stein das Haus verließ, empfing ihn diesiger Nieselregen, der auf dem noch kalten Asphalt gefror. Mikroskopisch kleine Tröpfchen, so fein, dass sie mit bloßem Auge kaum zu erkennen waren, überzogen die Karosserie seines Dienstwagens mit einem hauchdünnen Schleier. Der Kommissar ließ den Motor an und wartete ein paar Sekunden, ehe er losfuhr, bis die Scheibenwischer die Sicht einigermaßen geklärt hatten. Die Fahrbahn war nass und glatt und reflektierte das Licht der Straßenlaternen. Vor allem aber war es der neblige Regen, der permanent die Scheibe nässte und ihn zwang, langsam zu fahren, das Gesicht dicht an der Windschutzscheibe. Sein feuchter Atem schlug sich auf dem Glas nieder. Sie war von innen beschlagen, und die Scheinwerfer der entgegenkommenden Pkw blendeten ihn. Zum Glück kannte er die Strecke in- und auswendig.
An einer Abzweigung nahm er die Straße, die auf die Severinsbrücke führte. Die verschwommenen Umrisse der seilverspannten Konstruktion tauchten ab und zu aus dem sich lichtenden und wieder verdichtenden Sprühregen auf. Der Verkehr bewegte sich zäh. Am Straßenrand lag noch Restschnee, längst zu einem grauen Brei zermahlen. Vorsichtig fuhr er weiter. Er hatte dabei das Gefühl, dass alles stark verlangsamt ablief, wie in einem Traum. Im Bereich der rechtsrheinischen Abfahrt von der Brücke blinkte ihm ein diffuses Licht entgegen. Plötzlich tauchte eine Gestalt vor ihm auf,konturlos, nebulös. Er fuhr im Schritttempo darauf zu. Beim Näherkommen erkannte Stein, dass es sich um einen Polizisten handelte, der dort stand, um den Verkehr auf die äußerste freie Spur zu leiten. Als er an ihm vorbeifuhr, entpuppte sich das diffuse Blinken als das Blaulicht eines Streifenwagens. Ein roter Sportwagen war von der Fahrbahn abgekommen und in das Gleisbett der Stadtbahn geraten.
Kurz darauf erreichte Stein den Kalker Stadtbezirk. Die Scheibenwischer liefen mit den kürzesten Intervallen. Der kalte Nieselregen hatte sich zusehends in Schneegeriesel verwandelt. Tausende feiner Flöckchen tanzten in dem gelblichen Licht, das die Straßenlampen in die neblige Dunkelheit warfen. Undeutlich wahrnehmbare Schattengestalten huschten durch die Straße. Die Verkehrsschilder, von den Frontscheinwerfern seines Audi A6 angestrahlt, schimmerten wie Erscheinungen. Er bog in den Walter-Pauli-Ring ein, und schon war er am Ziel. Den Mantel am Kragen gepackt und über den Kopf gezogen, schritt er auf das Gebäude zu. Während er mit dem Aufzug nach oben fuhr, richtete er die farbige Fliege, die er an einem elastischen Stoffband um den Hals trug.
Im Kommissariat herrschte die übliche Betriebsamkeit. Die Kollegen vom Kriminaldauerdienst waren »rund um die Uhr« im Einsatz. Kaum war Stein durch die Tür, kam ihm auch schon sein Vorgesetzter entgegen. Böhnke wirkte angespannt. Während Stein seinen Mantel ablegte, informierte er ihn über die Identität des Festgenommenen und den Grund der Festnahme.
»Er macht einen verwirrten Eindruck. Angeblich erinnert er sich an nichts«, schloss Böhnke.
»Und was erwartet ihr von mir?«, fragte Stein,der so konsequent altmodisch angezogen war, seine Brille an einer Kette um den Hals trug, dass es Absicht sein musste. Selbst sein Aftershave stammte aus einer anderen Zeit.
»Du sollst die Vernehmung führen. Du bist unser bester Verhörspezialist. Das hast du mehrfach bewiesen. Deine fundierten Kenntnisse in Psychologie befähigen dich, in den Menschen hineinzuschauen. Du liest die Körpersprache und nonverbalen Signale eines Verdächtigen wie eine Anzeigetafel. Uns interessiert vor allem, wie es zu dem Unfall kam. Wir müssen unbedingt wissen, inwieweit der Mann darin involviert war.«
»Du glaubst, dass er simuliert?«, folgerte Stein.
»Ich fürchte, ja. Und da kommst du ins Spiel. Wir haben nicht genug in der Hand, um den Mann wegzusperren. Wir brauchen unbedingt einen Grund, ihn festzuhalten – vorzugsweise ein Geständnis.«
»Aber, Verzeihung ... du hast mir am Telefon gesagt, dass es sich um einen Verkehrsunfall handelt, bei dem ein Mensch zu Tode kam. Dafür können wir ...«
»Ja, ein Junge, gerade mal vierzehn Jahre alt«, unterbrach ihn Böhnke. »Laut den Eltern hat er erst vor Kurzem eine Organspende erhalten.«
»Verstehe. Aber dafür können wir den Mann nicht vor Gericht bringen. Was wird ihm denn zur Last gelegt?«
Böhnke antwortete nicht gleich. »Nun ja, ... es besteht ein gewisser Verdacht«, sagte er zögerlich und drückte Stein drei Aktenordner in die Hand. »Es geht nicht allein um diesen Unfall. In den vergangenen Wochen sind zwei weitere Jungen ums Leben gekommen. Du wirst verstehen, warum wir den Mann verdächtigen, wenn du ihn vor dir hast. Schau dir seine Kleidung an.«
Nach dem Gespräch trat Böhnke im Observationsraum hinter den Einwegspiegel, von wo aus er die Vernehmung verfolgen konnte. Über die Mithöranlage hörte er alles, was gesprochen wurde.
Als Stein den Verhörraum betrat, fiel sein Blick direkt auf den Mann, der auf einem der Stühle vor dem grauen Resopaltisch saß. Er trug einen dunklen Trenchcoat, und seine Schultern hingen herab. Eine Aura der Traurigkeit umgab ihn. Er schien nicht einmal bemerkt zu haben, dass jemand hereingekommen war. Völlig abwesend wirkte er, nach innen gewandt, fast apathisch. Unwillkürlich musste Stein an diese batteriebetriebenen Puppen denken, die ihre Augen öffnen und schließen konnten, metallisch Mama sagten, aber sobald die Batterien leer waren, verstummten sie. Genauso still saß der Mann da.
Der Kommissar zog hinter sich die Tür zu. »Guten Abend«, sagte er und ging auf den uniformierten Kollegen zu, der weiter hinten im Raum saß. Er tat so, als wolle er ihn per Handschlag begrüßen. Ein Vorwand, um den Delinquenten im Vorbeigehen von oben bis unten betrachten zu können; vor allem aber, um zu verstehen, was Böhnke gemeint hatte. »Schau dir seine Kleidung an«, hatte er gesagt. Zum Schein wechselte Stein ein paar belanglose Worte mit dem Uniformierten, während er den Delinquenten eingehend musterte.
Die Kleidung des Mannes war nass, die Hose, die Schuhe, sogar das Hemd, das unter dem Trenchcoat hervorlugte, und ziemlich zerknittert, als hätte er die Sachen schon seit Wochen getragen. Und dann sah er sie. Rote Flecken auf dem linken Ärmel. Ein paar größere im Brustbereich. Einige verschmolzen mit der dunklen Farbe des Mantels, aber man konnte die Ränder erahnen.
Auf dem Weg zum Verhörraum hatte Stein sich ausgemalt, wie er den Mann in die Mangel nehmen und die Wahrheit aus ihm herauspressen würde. Doch jetzt, da er mit ihm in einem Raum war, überkam ihn ein seltsames Unbehagen, wie er es seit vielen Jahren nicht mehr empfunden hatte. Irgendetwas war anders an diesem Mann, der so geistesabwesend, so vollkommen reglos dasaß.
Das ist ein Mann, der schreckliche Geheimnisse mit sich herumschleppt, ging es Stein durch den Kopf. Ich merke es an der Art, wie er da sitzt, so in sich versunken, wie er vor sich hinstarrt. Irgendetwas quält ihn. »Vielleicht ja einfach nur die Tatsache, dass er für den Tod eines Menschen verantwortlich ist«, würde Böhnke sagen. Da steckt mehr dahinter. Manchmal genügt ein winziger Stein, der ins Rollen kommt – und plötzlich löst sich eine Lawine, dachte Stein und warf einen raschen Seitenblick auf die große Spiegelfläche, hinter der er seinen Vorgesetzten wusste. Dann umrundete er den Tisch und setzte sich dem Delinquenten gegenüber.
Dieser schaute kurz hoch, als gäben die Batterien noch ein wenig Reststrom ab. Dann sah er wieder auf seine auf dem Resopaltisch ruhenden Hände undschwebte zurück in den Nebel seiner eigenen Welt, von der sich sein Gegenüber keine Vorstellung machen konnte.
Stein spürte förmlich, wie Böhnkes Anspannung im Beobachtungsraum jenseits der großen verspiegelten Glasscheibe wuchs. Trotz seiner langjährigen Berufserfahrung konnte er eine gewisse Nervosität nicht unterdrücken. Böhnke würde auch sein Verhalten genau beobachten. Stein glaubte, den prüfenden Blick seines Vorgesetzten zu spüren, während sein eigener Blick fast unangenehm bohrend auf dem Mann ruhte, der ihm gegenüber saß. Es war an ihm, das Gespräch in Gang zu bringen, wusste er und suchte nach Worten. Nicht, dass er nicht wüsste, was er fragen sollte. Ganz im Gegenteil, Dutzende von Fragen gingen Stein durch den Kopf. Aber er wusste, wie wichtig es war, mit den richtigen zu beginnen. Er musste seine Fragen so gestalten, dass sein Gegenüber sich nicht gleich bedrängt fühlte, und sie nach und nach erweitern, bis die Wahrheit ans Licht kam.
Doch zunächst sollte man sich bekannt machen. »Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt: Ich bin Eduard Stein, Kriminaloberkommissar«, begann er tastend.
Der andere nickte geistesabwesend. Er schien tatsächlich in einem desorientierten Zustand zu sein – oder er war ein Simulant.
»Wissen Sie, warum Sie hier sind?«, fragte Stein.
Der Mann blickte auf, blieb aber stumm,sah ihn nur matt an.Zum ersten Mal schien er sein Gegenüber wahrzunehmen. Doch dann verlor sich sein Blick wieder im Nichts. Der Uniformierte im Hintergrund sog Luft ein und atmete geräuschvoll aus.Das kann dauern, mochte er gedacht haben.
Stein versuchte einen neuen Ansatz. »Was ist mit Ihrem Trenchcoat?«, wollte er wissen. Die Frage sollte den Mann aus seiner Lethargie herausholen, hin zur Realität seiner blutbefleckten Kleidung.
Er schwieg beharrlich. Ein langes, zähes Schweigen. Der Gesichtsausdruck des Mannes besagte, dass sich ihm der Sinn der Frage nicht erschloss. Der Kommissar konnte sich nicht vorstellen, dass ihm die Blutflecken entgangen waren. Vielmehr vermutete er, dass er die Ursache für das Blut an seiner Kleidung verdrängt hatte oder zumindest verzweifelt versuchte, sie vor sich selbst zu verbergen. Stein wollte ihn nicht direkt danach fragen, von wem das Blut stammte, er musste nach und nach dorthin gelangen.
»Es gab heute Abend einen Unfall, und es wäre wichtig zu wissen, wie es dazu kam«, erklärte er.
Sein Gedächtnis schien den Mann erneut im Stich zu lassen. Stein gab ihm Zeit zum Nachdenken. Er wartete darauf, dass die Erinnerung sich wieder einstellte. Aufmerksam beobachtete er die Reaktion des Mannes. Er versuchte, in seinem Gesicht zu lesen, verräterische Signale zu erkennen und so einen Einblick in seine Gedanken zu gewinnen. Mikroexpressionen lassen sich willentlich nur schwer unterdrücken. Flüchtige Gesichtsausdrücke, die nur Sekundenbruchteile dauern, können als Hinweise dienen, um Lügner zu entlarven. Aus der Verhaltenspsychologie wusste Stein, dass er auf die Augenbewegungen achten musste. Eine Pupillenbewegung nach links oben bedeutete, dass die Person auf den Teil der Großhirnrinde zugriff, in dem innere Bilder produziert werden, die vorher noch nicht da waren. Ein klares Anzeichen dafür, dass die Person log. Eine Pupillenbewegung nach rechts oben hingegen besagte, dass die Person ihr Gedächtnis nach visuell erinnerten Bildern absuchte, also vermutlich nach der Wahrheit. Der Mann jedoch zeigte keinerlei Augenbewegung. Seine Augen waren so starr wie die eines Toten. Stein war sich nicht hundertprozentig sicher, glaubte aber nicht, dass der Mann simulierte. Seiner Ansicht nach gab es da tatsächlich ein Hindernis, eine innere Blockade, die dem Mann den Zugang zu Teilen seines Bewusstseins verwehrte.
So kommen wir nicht weiter, dachte Stein, während er sich streckte und mit einer Hand seinen verspannten Nacken massierte. Die Hoffnung auf ein Geständnis schwand. Er spürte förmlich, wie Böhnke, der das Geschehen vom Nebenraum aus durch den Beobachtungsspiegel verfolgte, der Geduldsfaden riss. Er brauchte eine Idee. Eine andere Strategie musste her.
»Hat Ihre Anwesenheit hier vielleicht etwas mit dem Jungen zu tun, der bei dem Unfall ums Leben kam?«
Die Frage schien den Mann aufzurütteln. Das ließ sich einen flüchtigen Augenblick lang auf seinem Gesicht erkennen. Zum ersten Mal zeigte er einen Anflug von Emotion. Gedanken bahnten sich mühsam ihren Weg in sein Bewusstsein. Seine Lippen bewegten sich, er dachte die Worte, aber er sprach sie nicht aus. Dann nahm sein Gesicht erneut den Ausdruck absoluter Teilnahmslosigkeit an. Wieder starrte er ins Leere.
Stein ließ seine geradezu sprichwörtliche Geduld walten. »Sie selbst haben bei dem Unfall keine körperlichen Verletzungen davongetragen. Nicht einen Kratzer!« Er beugte sich zu dem Mann vor. »Dann erklären Sie mir doch bitte, von wem das Blut auf Ihrer Kleidung stammt.«
Sein Gegenüber schien die Spritzer zum ersten Mal wahrzunehmen, und doch beschlich Stein das Gefühl, dass er bereits von ihrer Existenz wusste. Denn weder war der Mann sonderlich überrascht, noch schien er darüber nachsinnen zu müssen, wie die Blutspritzer dorthin gelangten.
»Und wenn das nun Ihr Sohn wäre, der tödlich verunglückte Junge?«, wagte Stein sich vor.»Würden Sie dann das Maul aufkriegen?«
Mit einem Mal überzog eine Kälte das Gesicht des Mannes. Seine Verwirrung schien sich zu lichten. Stein konnte eine Wesensveränderung in der Miene seines Gegenübers ausmachen.
Ein Schauer überlief ihn, als ihm der Mann in die Augen blickte, mit einem bedrohlichen Ausdruck.
Sie holte tief Luft
Sie war gerade erst angekommen und hatte sich in letzter Sekunde noch hinter dem Stamm einer mächtigen Rotbuche verbergen können, von wo aus sie das Grundstück überblicken konnte, das kalt, verlassen und winterlich vor ihr lag. Keine Menschenseele war zu sehen. Außer Kuhnert, der so plötzlich und unerwartet mit seinem Wagen in die Einfahrt eingebogen war und nun auf dem Anwesen parkte. Im Stillen verfluchte sie sich dafür, so unvorsichtig gewesen zu sein. Anstatt sich so weit wie möglich im Verborgenen zu halten, im Schatten der Bäume, war sie achtlos durch den Schnee gestapftwie bei einem Spaziergang.
Was macht er hier, außer der Zeit, fragte sie sich? Sie schaute auf die Uhr, es war gerade mal halb sechs. Normalerweise traf er nie vor achtzehn Uhr zu Hause ein.
Unvermittelt warf Kuhnert einen Blick in ihre Richtung, als er aus dem Auto stieg. So fest, dass es wehtat, presste sie ihren Körper an den Stamm, als genügte die schiere Willenskraft, um mit ihm zu verschmelzen. Mit einem Auge sah sie, wie Kuhnert auf das Haus zuging und darin verschwand. Das Licht im Flur ging an. Sie wagte sich wieder etwas weiter vor. Durch das Wohnzimmerfenster konnte man bis in die angrenzende Küche sehen, wo seine Frau das Abendessen zubereitete. Die Kinder liefen ihm entgegen. Er beugte sich zu ihnen hinunter und umarmte sie. Dann begrüßte er seine Frau.
Einmal hatte sie durch dieses praktische Fenster beobachtet, wie Kuhnert sich frühmorgens erneut an den Frühstückstisch setzte, nachdem seine Familie das Haus verlassen hatte; wie er sich noch eine Tasse Kaffee einschenkte und sie dann in kleinen, langsamen Schlucken austrank. Die Zeitung lag neben ihm, aber er hatte nicht hineingeschaut. Nur die Wand angestarrt. Minutenlang. Vermutlich hatte er schlecht geschlafen.
Nun ging auch im Wohnzimmer das Licht an. Kuhnert trat ein, verschwand für einen Moment aus ihrem Blickfeld. Kurz darauf erschien er wieder im Fenster, eingerahmt von dem Rechteck aus Licht. Aha, er hatte sich wieder einmal einen Cognac eingeschenkt. Er setzte sich auf die Couch, hielt ein dickbauchiges Ballonglas in der Hand, trank mit diesen kleinen, nachdenklichen Schlucken, wie sie es schon einmal beobachtet hatte. Worüber dachte er immerzu nach, abseits der Familie? Die Kinder waren in der Küche geblieben. Sie halfen der Mutter, den Tisch zu decken. Er schien oft ganz in Gedanken versunken zu sein. Sollte Kuhnert wider Erwarten ein Gewissen haben? Reflektierte er über seine Taten? War er sich seiner Schuld bewusst, tief in seinem Inneren? Schuld kann sehr belastend sein. Oder tat er nur so? War es ein Spiel? Spielte er ihr etwas vor, weil er wusste, dass sie ihn beobachtete?
Der Psychiater hatte ihr erklärt, sie leide an Realitätsverlust: die Folge eines erlittenen Traumas.
Sie atmete tief durch. Sie war ziemlich durchgefroren. Die Handschuhe waren ihr heruntergefallen. Sie hatte sie kurz ausgezogen, um in ihrer Tasche nach den Tabletten zu kramen. Sie wollte sie gerade wieder überstreifen, als Kuhnert unerwartet früh eintraf. Immer wieder blies sie sich warmen Atem in die Hände. Obwohl sie sich erst wenige Minuten auf dem Grundstück aufhielt, fühlte sie sich emotional schon sehr angespannt, und sie wusste auch, warum: weil die Autoscheinwerfer von Kuhnerts SUV sie beinahe erfasst hatten. Zum Glück war sie dunkel gekleidet.Sie war einfach nur irgendjemand. Eine namenlose Gestalt. Im Laufschritt hatte sie hinter der imposanten Rotbuche Schutz gesucht. Es war ein perfektes Versteck. Hier konnten sich ihre Nerven beruhigen.
Der Wind, der von Nordosten blies, war winterlich kalt. Der einzige Vorteil dieser Jahreszeit war, dass es früh dunkel wurde und sie spätestens ab fünf Uhr sehr bequem in die hell erleuchteten Zimmer blicken konnte. Auf Überwachungskameras musste sie nicht achten. Am ersten Tag hatte sie sich suchend umgesehen, aber keine entdeckt, und in der Dunkelheit hatte sie das Gefühl, eins zu werden mit dem kalten Stamm der Buche, hinter dem sie sich verbarg. Ihr Atem und ihr Herzschlag gingen jetzt ruhig und gleichmäßig. Sie spürte zwar tief in sich die Wut brodeln, hatte sie aber unter Kontrolle.
Sie griff zum Fernglas, um Kuhnert näher heranzuholen.
Ihre Handschuhe durfte sie nicht vergessen. Die musste sie im Hinterkopf behalten. Sie lagen irgendwo da hinten im Schnee. Bevor sie aufbrach, würde sie danach suchen. Laut Wetterbericht war mit Neuschnee zu rechnen. Der würde ihre Spuren verdecken.
Die Einstellungen musste sie nicht korrigieren. Das Fernglas war noch vom Vortag auf diese Entfernung eingestellt. Sie nahm das Wohnzimmerfenster ins Visier. Ein kleiner, schwarzer Fleck tanzte auf der Innenseite der Scheibe. Eine Stubenfliege flog immer wieder gegen das geschlossene Fenster und versuchte verzweifelt, nach draußen zu gelangen, was seltsam war zu dieser Jahreszeit. Im Herbst starben sie am sogenannten Fliegenschimmel, einer Pilzart. Der Frost tat dann sein Übriges. Die wenigen Überlebenden überdauerten den Winter in Kellern oder auf Dachböden. Diese hier musste sich verirrt haben. Es war nicht auszumachen, wonach sie sich so sehr sehnte, dass sie bereit war, ihr Leben dafür zu opfern. Der von einer blickdichten Ligusterhecke umgebene Garten lag unter einer weißen Schneedecke. Nicht gerade der ideale Lebensraum für eine kleine Fliege. Im Zimmer war es wenigstens warm. Trotzdem kämpfte sie sich am Wohnzimmerfenster ab und versuchte immer wieder, nach draußen zu gelangen. Doch ihre Kraft schwand, die leichten Schläge gegen die Scheibe wurden immer unregelmäßiger, der Kampf schien zu enden. Ihr ganzes Leben war das Vorspiel zu ihrem Tod.
Die Gestalt beobachtete die Szene und ließ ihr Hirn arbeiten. Sie dachte an den seidenen Faden, an dem ihr Leben hing. Schon oft hatte sie Suizidgedanken. Doch sie zwang sich, durchzuhalten. Es war ihr Faden. Sie hatte ihn selbst geknüpft. Gesponnen aus Wut und blankem Hass. Er war alles, was sie noch hatte, alles, was ihr geblieben war. Wenn er zerriss, hörte sie auf zu existieren. Aber wenn er hielt und sie die Mission beendete, würde sie sich an ihm hochziehen können, sinnierte sie, während die Fliege sich weiterhin an der Scheibe abkämpfte. Sie war zäher als erwartet. Auch Kuhnerts Blick wurde von ihrem Summen angezogen. Würde das Insekt von seinem Blut angelockt werden, fragte sie sich, wenn es so weit wäre? Bald würde sie es wissen. Sehr bald. Fast schon konnte sie ihn riechen, den Geruch seines Blutes, der ihr aus der nahen Zukunft entgegenwehte. Ihr Herz schlug schneller. Sie griff in die Tasche und betastete zärtlich das Messer. Es fühlte sich kalt an in ihrer Hand. Wenn sie das Schwein so leiden ließe, wie sie selbst litt, das würde sie reinigen, ihr Leid mindern, glaubte sie.
Sie hob den Kopf in den Wind, witterte wie ein Tier. Sie fand, dass die Luft nach Schnee roch.
Er lag im Wohnzimmer
auf der Couch und starrte in die Dunkelheit. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, das Licht anzuschalten, als er von seinem täglichen Gang zum Friedhof heimgekehrt war. Bis auf den schwachen Schimmer, der von draußen hereinfiel, war es fast stockdunkel.
Er dachte an den Abend, an dem sein Sohn für immer verschwand. An den Ort, wo die Zeit stehen geblieben war. Wo sein Leben stehen geblieben war.
Die Zeit mit dem Jungen hatte sich in sein Gedächtnis eingeprägt. Jede Einzelheit konnte er heraufbeschwören: Sein Lächeln, den Glanz in seinen kastanienbraunen Augen, sein Wesen; jeden Moment, den er mit ihm verbracht hatte.
Als er am Tag der Beisetzung die vielen Schüler sah, die gekommen waren, um von Elias Abschied zu nehmen, war ihm, als wäre der Junge mitten unter ihnen und er nur gekommen, um all die Gesichter zu sehen, die so unberührt wirkten wie einst das eine.
Ein Bild versuchte sich, in ihm zu entwickeln. Er schloss die Augen und wandte den Blick nach innen.
Er erinnerte sich an die Lichtung in dem Wäldchen, die er niemals wiederfand. Die untergehende Sonne, die im Blattwerk golden schimmerte, die Nuancen im weichen Gras, den aufkommenden Nebel, der alles verschleierte, was kantig war und scharf. Hier hatten sie gemeinsam im Gras gelegen und in den glutroten Himmel geschaut. Es war wie ein Traum. Der Junge hatte ihn zu dieser Lichtung geführt, auf der eine alte Eiche stand. Hochgewachsen, ein massiver Stamm, die Äste voller gelappter Blätter. Später hatte er tagelang nach dieser Lichtung gesucht und sie nie wiedergefunden. Im Nachhinein war er sich nicht einmal mehr sicher, ob es den Ort wirklich gab. Aber in diesem Augenblick war er dort, und die Lichtung war ebenso real wie er selbst. Langsam rollte er in Gedanken einen Grashalm zwischen den Fingern und beobachtete, wie die rotierende Spitze das schwindende Licht der Abendsonne reflektierte. Ein sanfter Wind wehte, er spürte das weiche Gras unter sich.
»Gefällt es dir hier?«, fragte der Junge.
»Ja.«
»Die Eiche ist über zweihundertfünfzig Jahre alt. Im Frühling und im Sommer, manchmal auch an warmen Herbsttagen, komme ich hierher. Meistens nach der Schule, um auf andere Gedanken zu kommen.«
»Es ist wunderschön hier. Und so still.«
»Ich finde, jeder Mensch braucht einen Ort, der für ihn eine Bedeutung hat. Wo er Ruhe findet. Frieden.«
In Wahrheit hatte sein Sohn nie so zu ihm gesprochen. Am Ende hatte Elias sich nur noch in pubertäres Schweigen gehüllt und jede versuchte Annäherung mit körperlicher Distanzierung beantwortet. Dennoch war es schön gewesen, in seiner Nähe zu sein, und schön gewesen, ihn anzusehen.
»Bei Sonnenuntergang war ich noch nie hier«, sagte der Junge.
Er blickte zu dem Baumwipfel hinauf, sah die schwach glänzenden, tief gebuchteten Blätter, die im Sonnenlicht golden schimmerten und leicht bewegte Schatten warfen. Mit diesem Bild vor Augen döste David Balder ein.
Als er aus dem kurzen Schlaf erwachte, streckte er den Arm nach dem Jungen aus, den er an seiner Seite wähnte, und fasste ins Nichts. Er hasste diesen flüchtigen Moment zwischen Schlafen und Wachen, den Augenblick, in dem die Realität ihn aus dem wohligen Nebel des Vergessens riss und gnadenlos zuschlug. Er schluckte den Kloß hinunter, der sich jeden Tag aufs Neue in seiner Kehle bildete, wenn er ins Nichts griff und sich der schrecklichen Leere bewusstwurde, die der Tod des Jungen in ihm hinterlassen hatte.
Bevor der Schmerz überhandnehmen konnte, erhob er sich von der Couch und trat ans Fenster, wo er schweigend rauchte. Der Abend war schon weit fortgeschritten. Das Zimmer lag in einem dunklen, grauen Schein.
Die Weihnachtsfeiertage über hatten ihm die Nachbarn Driving home for Christmas durch die Wand gedrückt with a thousand memories. Zum Jahreswechsel war unten auf der Straße Feuerwerk gezündet worden, Lichtblitze hatten den Raum illuminiert, das Mobiliar, den Weihnachtsmann. Der war vom Beistelltisch gefallen, die Silberfolie aufgeplatzt, der Schädel des mit wenig Zucker gesüßten Zartbitterleibs eingedrückt wie der von Elias.
Die Bilder, die der Unfallakte in einem gesonderten Umschlag beilagen, hätte Balder sich nicht ansehen dürfen. Bei dem Gedanken daran durchfuhr ihn eine Emotion, die so stark war wie die Erinnerung an die Nacht, die sein Leben für immer verändert hatte.
Der tote Christus ruhte im Schoß seiner Mutter, der Jungfrau Maria. Zu seinen Füßen kniete leinwandbleich Maria Magdalena. Der greise Josef von Arimathäa zog das Leichentuch zurecht. Am Firmament schwebten trauernde Engel. Im Hintergrund ragte groß und schwarz das Kreuz auf. Die mit Kohlestift skizzierten Häupter der Wehklagenden – Motiv: »Die Beweinung Christi« – umgab ein mit frischer Ölfarbe aufgetragenes Leuchten von Goldpigment, als ihn die Nachricht ereilte.
Mit virtuosem Pinselstrich hatte Balder in jener Nacht die Aureole um das Haupt des Johannes vervollkommnet, der in melancholischer Pose auf Jesus blickte, dessen lebloser Körper gleichsam auf Vollendung wartete. Dann war er mit seinem Stuhl zum Telefon gerollt, das nicht aufhören wollte, zu klingeln. Er mochte keine Anrufe, die sein künstlerisches Schaffen störten. Vier hatte er bereits ignoriert an diesem Abend. Der einzige Mensch, der ihm etwas bedeutete, rief zu so später Stunde nicht an. Nach der Schule gelegentlich, um Bescheid zu geben, wann er zu kommen gedachte, ja. Aber nicht in der Nacht. In der Nacht war kein Anruf von seinem Sohn zu erwarten. Schließlich hatte er den Hörer abgenommen und seinen Namen genannt. Dann waren Worte an sein Ohr gedrungen, die ihn zutiefst verstörten.
Noch immer echote die Stimme des Anrufers in seinem Kopf. Mit Schrecken dachte er an die Nacht zurück, während er aus dem Fenster schaute. Einen Moment lang spielte er mit dem Gedanken, den glühenden Glimmstängel in der Innenfläche seiner Hand auszudrücken. Verbranntes Fleisch. Brennender Schmerz. Verzweifelt suchte er nach einer Empfindung, irgendeiner, die ihn den quälenden schwarzen Kummer für eine Weile vergessen ließ. Er war so einsam, so allein mit seinen Gedanken. Draußen fielen vereinzelte Schneeflocken aus einem schwarzen Himmel. Er spürte, dass die Zeit gekommen war, sich der Realität zu stellen. Noch ein letzter Zug, dann drückte er die aufgerauchte Zigarette aus. Er zerquetschte sie förmlich im Aschenbecher, der auf dem Fensterbrett stand. Dann kleidete er sich für draußen an, schlüpfte in seine Schuhe und hüllte sich in seinen schwarzen Trenchcoat. Er war fest entschlossen, den Ort aufzusuchen, an dem Elias für immer aus seinem Leben verschwand, den Bahnübergang, wo sich der Unfall ereignet hatte.
Im Moment des tiefsten Schmerzes, als er von dem Unglück erfuhr, war nur fragmentarisch zu ihm durchgedrungen, wovon der Mann am Telefon gesprochen hatte. Die Bedeutung der Worte hatte er erfasst, die Tragik, nicht aber die Details. Die, hatte Balder gehofft, der Unfallakte entnehmen zu können, den Polizeiberichten, dem Sachverständigengutachten. Letzteres war eine Sammlung von merkwürdigen Wortgebilden und Mutmaßungen, die sich als Gewissheit ausgaben. Von »Blickzuwendungsdauer« war die Rede, von »präattentiver Wahrnehmungsphase«, von »Perzentile« und »Schwelldauer«. Von Dellen und Kratzspuren an der Front der Straßenbahn, von der Elias – aus der Spurenlage, wie aus Kaffeesatz gelesen – mit nach vorn geneigtem Oberkörper, daher im Laufen, erfasst worden sei, auf dem mit Rohbetonplatten befestigten Gleisübergang. Jede noch so beiläufige Formulierung hatte Balder mit Bedeutung aufgeladen. Mit fast schmerzhafter Konzentration hatte er die Akte studiert und versucht, zwischen den Zeilen zu lesen, als fänden sich dort Anhaltspunkte für seinen Verdacht, der sich auf nichts gründete. Was wirklich geschehen war – es war dunkel, es gab keine Zeugen,niemand konnte ausschließen, dass auf den Jungen eingewirkt wurde – war der Akte nicht zu entnehmen. Die absurde Idee kam ihm, die wollten etwas vertuschen.Dass sich in den Berichten der Polizei nichts fand, was seinen Verdacht hätte erhärten können, war ihm ein Indiz. Alle waren von einem Unfall ausgegangen, einem tragischen Unglück. Keiner hatte das hinterfragt.
Wut hatte sich in seine Trauer gemischt.
Es war bereits nach Mitternacht, als er an dem Bahnübergang ankam. Er knipste die Taschenlampe an und setzte einen Fuß ins Gleisbett. Die Temperatur lag knapp unter dem Gefrierpunkt. Der Mittelstreifen, auf dem die Schienen verliefen, war nahezu schneefrei. Nur die Randbereiche der Fahrbahn, die Vorgärten und Gehwege waren von einer dünnen weißen Schicht überhaucht. Der Lichtstrahl der Stablampe war schwach, er hatte verabsäumt, die Batterien zu wechseln, und die Straßenlaternen spendeten nur trübes Licht.
Wie in Trance folgte er der Schleifspur, die weit hinter dem Übergang im Blut endete, und scannte den Boden mit seinen Blicken. Lange hielten sich die Spuren massivster Verletzungen an den Basalten.
Das Szenario hatte etwas Beklemmendes. Polizisten des Unfallteams fotografierten gestern Abend einen neonfarbenen Sportschuh an einem Gleisüberweg auf der Aachener Straße in Höhe Haus 598. Er gehörte dem 14-jährigen Elias, der unweit der mütterlichen Wohnung von einer Stadtbahn der Linie 7 frontal erfasst und mitgeschleift wurde, stand damals in der Zeitung.
Unweit der Stelle, wo die Bahn zum Stehen kam, entdeckte Balder fünf abgebrochene Frontzähne im Schotterbett, verkeilt zwischen den Steinen, und etwas weiter einen halb verwesten Finger, abgerissen am Grundgelenk. Er klaubte ihn und die Zähne auf und küsste sie, als wären es Juwelen.
Im Gleisbett justierte er den Lichtkegel seiner Taschenlampe, die allmählich an Leuchtkraft verlor, um die Ritzen zwischen den Steinen besser ausleuchten zu können. Hin und wieder las er etwas auf, das in dem schwachen Handlampenlicht silbern schimmerte, daumennagelgroß war, oder von der Form her eine gewisse Ähnlichkeit mit Elias' Talisman hatte – dem Amulett, das nie gefunden wurde. Bis die Batterien endgültig den Geist aufgaben und Gleis und Schotter vor seinen müden, nachtschweren Augen zu einer einheitlichen grauen Masse verschmolzen, suchte er das Gleisbett ab.
Drei faustgroße Steine, an denen getrocknetes Blut haftete, und Haar, das blond war, und die anderen makabren Schätze nahm er mit und gab die fleischlosen Dinge in eine silberne Schale.
Angefleht hatte er die Leute aus der Gerichtsmedizin, sie mögen ihm überlassen, was Elias am Leib getragen hatte. Wie ein Dieb, ein Lumpenhund, hatte er die Kleidung aus der Abfalltonne fischen müssen.
Zerfetzt, blutbefleckt, wie die Kleidung war – er hatte sie in einem Plastikbeutel aufbewahrt – breitete er sie neben seinem Bett in Nachahmung eines Schlafenden auf dem Boden aus: die Trainingshose, den Kapuzenpulli, der beim Auslegen ein papierenes Geräusch machte. Hernach sank er im Schein zweier Kerzen auf die Knie und versuchte, das zerknitterte Schriftstück zu entziffern, das an dem baumwollenen Pullover klebte, am eingetrockneten Blut. Dabei atmete er den Duft seines Sohnes ein, der dem Textil anhaftete. Nur langsam sickerten die Worte und deren Bedeutung in ihn ein; es waren Teile von Elias zurückgeblieben, Körperteile. Organe waren entnommen worden. Man hatte verabsäumt, ihm dies mitzuteilen. Die Namen der Empfänger waren mit Blut befleckt, daher schwer lesbar. Er versuchte, sich ein Bild von ihnen zu machen, ihnen Gesichter zuzuordnen. Versunken in eine Art Stupor streichelte er dabei den abgetrennten Finger, der aus dem rechten Ärmel des Kapuzenpullis hervorlugte, und wartete, in dem vom geisterhaft flackernden Kerzenlicht matt durchdämmerten Zimmer hockend, auf den Beginn des werdenden Tages.
Und war die Nacht dem Empfinden nach sargschwarz gewesen, hatte die lange Spanne des ausgehungerten Morgens etwas unnatürlich Friedfertiges. Die zerfetzte Kleidung, das Imitat des ruhenden Sohnes, dessen Anwesenheit er fast körperlich zu spüren glaubte, war etwas, in das er seine Gedanken hineinbetten konnte.
In einer schattendunklen Ecke seines Apartments, den Rücken an die Wand gelehnt, halluzinierte Balder. Voller Erinnerungen, geistiger Nachgeschmäcke. Sie waren sein Paradies, aus dem ihn niemand vertreiben konnte. Seine letzten Reserven an Oxycodon hatte er dazu hergenommen und alle Zeit, dem Jungen Raum zu geben in seinem Inneren.
So verharrte Balder, bis sein Tabletten-Vorrat zur Neige ging. Das Opioid liebkoste nicht mehr sein Gehirn. Die Erinnerungen verblassten und die Entzugserscheinungen wurden schneller als erwartet unangenehm. Er griff zum Alkohol, und das, was sein Leben war, ging weiter.
mit einem Stofftier unter dem Arm – er hatte einen Teddy für seine kleine Tochter gekauft, ihr Geburtstag jährte sich nun schon zum dritten Mal – sah er eine tote Katze im Rinnstein liegen, aus der blutiges Gedärm quoll. Das Tier war offenbar überfahren worden. Ein Gedanke blitzte ungebeten auf. Das Echo eines dramatischen Ereignisses.
Angewidert wandte er den Blick ab und machte sich auf den Weg zu seinem Wagen. Annähernd vier Minuten Fußweg. In der Nähe des Spielwarenladens hatte er keinen Parkplatz gefunden. Der Gedanke verfolgte ihn, breitete sich in ihm aus, nahm überhand. Er entriegelte die Türen seines silbergrauen SUV mit der Funkfernbedienung, legte den Teddy auf den Beifahrersitz und setzte sich hinters Steuer.Als er den Motor starten wollte, verschwamm alles vor seinen Augen. Etwas wollte an die Oberfläche. Ihm wurde schwindelig. Kalter Schweiß brach ihm aus.Von jetzt auf gleich wurde alles eng und beklemmend. Sein Herz raste. Der Atem ging stoßweise.Erinnerungsbilder stürmten auf ihn ein, Gerüche gesellten sich dazu. Gerüche aus dem Operationssaal. Er roch das Blut, den Brandgeruch, wenn ein Körper aufgesägt wird, und spürte Übelkeit in sich aufsteigen.
Das war ein Eingriff mit katastrophalem Ausgang in der vergangenen Nacht. Die Frau hatte einen Motorradunfall gehabt. Sie wurde mit einer Hirnblutung eingeliefert. Es ging bei der Patientin um ein Leber-Herz-Paket. Der Empfänger brauchte beide Organe gleichzeitig. Das kam nicht häufig vor, und dass jemand beides spendete, war selten. In der Frühbesprechung hieß es noch: »Heute wird Medizingeschichte geschrieben«.
Dr. Manfred Kuhnert war Kardiologe und einer der leitenden Ärzte. Hirntoten Patienten Organe zu entnehmen, um anderen Menschen das Leben zu retten, war seine Aufgabe.
Gegen ein Uhr nachts begann dann die eigentliche Explantation. Verschiedene Teams arbeiteten parallel an Herz und Leber. Für jedes Organ war ein mehrköpfiges Entnahmeteam im Einsatz. Da waren so viele Menschen. Mehr als ein Dutzend Ärzte, viele aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen angereist. Und das OP-Team der Klinik. Ständig klingelte das Telefon, denn parallel zur Entnahme musste koordiniert und durchgegeben werden, wie es steht. Und dann kam es zu Komplikationen. Es gab Schwierigkeiten bei der parallelen Präparation der Organe. An dieser Stelle hätte man sagen müssen, wir können dieses Paket nicht als Paket explantieren. Wir verzichten auf die Sensation, und einer bekommt das Herz, ein anderer die Leber. Aber man wollte ja unbedingt Medizingeschichte schreiben. So kam es zu dieser Blutung im Leberbett. Mit jedem Herzschlag strömte das Blut aus dem Körper, der vom Hals abwärts bis knapp über die Scham völlig geöffnet war. Und das Blut lief links und rechts vom OP-Tisch herunter. Literweise. Der Frau wurden ja noch Transfusionen verabreicht, um sie irgendwie stabil zu halten. Der ganze OP schwamm. Die OP-Pfleger hatten Gummistiefel an. Und dieser ausgeweidete Körper. Diese Stresssituation mit dem ständigen Telefongeklingel, die vielen Menschen, die dabei waren. Und der Geruch! Wenn ein Körper aufgesägt wird, dieser Brandgeruch, die Knochenspäne, die besonders riechen, und darüber dieses Blut. Und dann gab es Streit im OP, weil diese Blutung nicht zu stoppen war und die Patientin reanimationspflichtig wurde. Ein angeschocktes Herz, das defibrilliert wurde, kann nicht transplantiert werden, und die Leber dann auch nicht.
»Kann abgestellt werden«, sagte einer der Chirurgen, woraufhin das pumpende Geräusch der Beatmungsmaschine verstummte. Keine Zacken mehr auf dem Monitor, kein Piepsen, kein letztes Zucken. Die Frau begann zu verblassen. Die Organe waren verloren. Die Stimmung war so aufgeladen, dass es fast zu einer Schlägerei gekommen wäre. Ein anderes Team hatte dann noch beide Nieren explantiert, und die Augenkliniker die Hornhaut.
Hätte einer der Angehörigen das gesehen und würde darüber sprechen oder es publik machen, es gäbe kaum noch Einwilligungen zur Organspende, die von uns Ärzten als ganz normaler, pietätvoller Eingriff dargestellt wird, dachte Kuhnert und startete den Motor. Der Schwindel hatte spürbar nachgelassen. Er atmete tief ein. Im Wagen roch es nach Rasierwasser, Duschgel und Shampoo. Nach der missglückten OP hatte er ausgiebig geduscht und bis in den späten Nachmittag im Bereitschaftsraum geschlafen. Dann hatte er abermals geduscht und sich rasiert. Den Teddy hatte er kurz vor Ladenschluss gekauft. Bevor er losfuhr – es war kurz vor neunzehn Uhr – schaltete er die Scheinwerfer ein. Feine Flocken tanzten im Licht. Es schneite leicht.
Vor derroten Ampel an der Kreuzung Godorfer Hauptstraße/Kiesgrubenweg stoppte er und warf einen Blick auf den Teddy, der auf dem Beifahrersitz lag. Der Anblick erinnerte ihn an den Geburtstag seiner Tochter, und er fühlte, wie die grausigen Bilder vollends in sein Unterbewusstsein zurückwichen.Im Chaos der Gefühle hatte er verabsäumt, das Stofftier in den Kofferraum zu legen und dort zu belassen. Der Geburtstag war erst in der kommenden Woche und das Geschenk sollte eine Überraschung sein. Noch bevor die Ampel auf Grün sprang, stieg er aus und deponierte den Teddy im Kofferraum. Er würde ihn mit ins Haus nehmen, wenn seine Frau mit den Kindern für ein paar Tage zu Besuch bei ihren Eltern wäre.
Als er wenige Minuten später sein Anwesen erreichte –sie besaßen einGrundstück mit altem Baumbestand in Hahnwald, einem der exklusivsten und teuersten Villenviertel Deutschlands –, stieg ein Mann aus einem schwarzen Van mit getönten Scheiben, der am Straßenrand geparkt war. Seine Augen verbarg er hinter einer Sonnenbrille, obwohl es längst dunkel war. Kuhnert hielt an und ließ die Seitenscheibe herunter. Der Mann kam auf ihn zu und überreichte ihm eine Mappe mit Unterlagen.Er musste sich nicht weit herunterbücken, er war relativ klein gewachsen, höchstens einen Meter sechzig groß. Kurz darauf setzte Kuhnert seinen Weg fort und bog in die Einfahrt ein. Das Scheinwerferlicht seines SUV glitt über die Ligusterhecke, die das weitläufige Anwesen umgab, streifte die Büsche und Sträucher, illuminierte die Schaukel der Kinder, erfasste den Stamm der fast hundertjährigen Rotbuche,deren Blattwerk die Villa bis hinein in den Herbst beschattete, nicht aber die dunkel gekleidete Gestalt, die sich hinter dem Stamm verbarg. Sie stand dort seit über einer Stunde in Erwartung seiner Ankunft.
ganz schlechten, nahezu völlig schlaflosen Nächte. Wenn Balder tief in sich hineinhorchte, klangen ihm die Worte des Gerichtsmediziners noch im Ohr, untermalt von dem beißenden Geruch und der eisigen Kälte, die von dem Raum und dem toten Leib seines Sohnes ausging:
»Die Leiche des 14-Jährigen ist frisch. Die Leichenstarre ist in den Kiefergelenken, den oberen und unteren Gliedmaßen vollständig ausgeprägt. Die Totenflecke sind wegdrückbar und von hell-kirschroter Farbe. Im vorderen Bereich des Kopfes befindet sich ein offenes Schädel-Hirn-Trauma. Die Kopfschwarte ist in diesem Bereich großflächig vom Schädelknochen abgelöst. Hirnmasse ist ausgetreten.«
Er begann, ziellos umherzuirren. Sein Gesicht war ganz grau vom Schlafmangel. Die Gehweglaternen übergossen ihn mit schmutzig gelbem Licht. Er fühlte sich sonderbar, wie außerhalb seines Körpers. »Was mache ich eigentlich hier, wie bin ich hier gelandet?«, sprach er zu sich selbst, als wäre er an einem fremden Ort aus einem seltsamen Traum erwacht. Es war nicht die erste Erinnerungslücke, die ihm auffiel. Erst kürzlich hatte er vor einer Villa gestanden, einem Anwesen, dessen Grenze durch eine blickdichte Hecke und ein eisernes Tor markiert war, ohne zu wissen, wie er dorthin gekommen war und was er dort wollte. Nur die Krähen in den Bäumen waren Zeugen des gespenstischen Bildes, das Balder abgab: Ein Schattenwesen, das durch die Straßen schlich, heimlich, getrieben, von allen unbemerkt.
Eines Abends – er war sich nur vage bewusst, wo er war, er konnte sich nicht erinnern, diesen Weg eingeschlagen zu haben – riss ihn ein Spektakel aus seiner Apathie, veranstaltet von einer Bande halbwüchsiger Jungen, alle in ihrer Beschäftigung versunken. Das fahle Außenlicht eines nahegelegenen Firmenkomplexes erhellte schwach ihre Gesichter. Sie staunten, wie problemlos zerbarst, was sie zum Zeitvertreib auf die Bahngleise legten. Kleine Hindernisse: Münzen, Steine, Glasscherben. Ein Kinderspiel für die schweren Stahlräderder vorbeidonnernden Züge. Balder sah, wie sie lachten, sich anspornten, ihnen mulmig wurde, als sie immer solidere Barrikaden bauten, mit dem Geräteschrott, der hier überall herumlag. Hinein in die Szenerie stolzierte eine junge Frau, die die Jugend zurechtwies.
Balder fixierte sie. Sie brachte einen Hauch von etwas Gewesenem, lange nicht Verspürtem in sein einsames, verzweifeltes Dasein: die Gelöstheit, die ausgeht von einem mal mehr, mal weniger durchbluteten Steifen; im feuchtwarmen Drin, im kalten Draußen, und wenn draußen, dann doch immer nah genug der schamhaarigen Pforte zum Mutterland.
Es war herrlich, in Gedanken in ihr zu sein; mit jedermanns hässlichem Gott zwischen den Beinen, der, weil er Samen hat, zeugen kann.
Sie lag, den Rücken ihm zugewandt, auf der Seite, als er aus ihr herausglitt. In seiner Fantasie hatten sie sich ein Zimmer in einem nahegelegenen Hotel genommen. Das schwache, von einem Lampenschirm gedämpfte, gelbe Licht einer Stehlampe umspielte ihren festen, knabenhaften Körper und ließ ihr Haar blond erscheinen. Sie war jung, viel zu jung für ihn. Für die Kürze eines Wimpernschlags senkte er die Lider: »Elias, bist du da?«, stieß er leise flüsternd hervor, und sie drehte sich zu ihm hin und löschte die Augentäuschung. Sein Blick glitt noch ein letztes Mal über nackte Erhebungen – kleine, weiße Brüste, die nicht bedeckt waren – bevor die Illusion verblasste und Balder in die traurige Realität zurückkehrte – desillusioniert und mit dem Gefühl der Leere.
Er blieb noch eine Weile am Bahndamm stehen. Die Stimmung, die mit dem Wind von einem nahen Spielplatz herüberwehte, war simpel: Das Vor- und Zurückwippen einer rostigen Schaukel, auf der er glaubte, ein Kind rufen zu hören »Du musst mich anstoßen, Papa! Los! Komm schon! Mach schon! Schubs mich!«, und gedämpfte Laute halbwüchsiger Jungen, die keine Lust mehr hatten, Dinge auf die Schienen zu legen und sich auf den Heimweg begaben.
Er versinnbildlichte die Eindrücke, hörte auf zu denken und empfand nur noch.
Wie die Tage waren die Nächte ein langer Balanceakt.
Er drückte zwei Diazepam aus der Blisterpackung, bevor er zu Bett ging. Sie wirkten nicht. Die Sinne von Träumen umhüllt, lag er wach. Nur hin und wieder fiel er in einen Sekundenschlaf. Um sechs Uhr früh, als die ersten Lichter im Nachbargebäude angingen – die Morgendämmerung war nicht einmal eine Ahnung am Horizont – erwachte er aus dem Schwebezustand. Benommen richtete er sich im Bett auf und massierte die Schläfen mit den Fingerspitzen. Dann ging er ins Bad. Wusch sich. Kleidete sich an, nur um sich danach wieder hinzulegen.
Die nächsten Tage durchlebte er in dem Gefühl, zu schlafen. In den Nächten hingegen lag er wach. Wieso schlief er nicht ein? Er hatte die Tabletten genommen, jeden Abend, da war er sich sicher. Mit einem Glas lauwarmem Wasser hatte er sie die Kehle hinuntergespült. Daran konnte es also nicht liegen. Oder? Was, wenn er den Gedanken, sie zu nehmen, nur im Kopf gehabt, aber nicht in die Tat umgesetzt hatte? Oder die Dosierung zu niedrig war? Was hatte der Arzt noch mal gesagt? Sollte die Dosis erhöht oder verringert werden? Und wieso taten ihm zuweilen die Beine weh, als wäre er stundenlang herumgeirrt oder hätte irgendwo gestanden? Je länger er darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass in der letzten Zeit nichts mehr so war wie sonst. Die gesamte letzte Woche war im Grunde ein einziges schwarzes Loch, als wäre er wie ausgeschaltet gewesen. Bis auf den gestrigen Vormittag, von dem ihm zumindest einzelne Fragmente im Gedächtnis geblieben waren.
Am kommenden Morgen – er war auf der Couch eingeschlafen, die Nacht hatte Dunkelheit gebracht – besann er sich auf das Dokument, das an der zerfetzten Kleidung seines Sohnes haftete, und beschloss, die Empfänger der Organe in Augenschein zu nehmen, deren Namen er nur mit Mühe hatte entziffern können.
Er wusste nicht, woher der Gedanke kam. Er musste in einer seinem Bewusstsein unzugänglichen Nische gemach aus der Verpuppung geschlüpft sein, oder er war im Verborgenen herangereift und hatte sich nur vor seinem Denken versteckt gehalten, um ihn von nun an zu beschleichen. So bedeutend zu werden, so groß, dass er kaum noch in den Schädel passte.
Die Eiche stand träge im trüben Licht der schwindenden Sonne und warf mild bewegte Schatten auf Elias’ Grab, als Balder von der Mühsal sprach, den Jungen ausfindig gemacht zu haben, der das Herz erhalten hatte. Die Stadt. Die Straße. Das Haus, in dem er wohnte. Der Sohn auf dem Foto am Kreuz lächelte. Lächelte breit und ewig.
Balder wirkte zum Schein ganz normal. Er hatte sogar wieder zu malen begonnen (mit Fleischfarbe den Leib Christi, mit Schwarz in 25 Nuancen die Gewänder der Trauernden) und Gespräche zu führen mit den Hausbewohnern, ohne einen Anflug von Trauer. Seine Oxycodon-Vorräte waren aufgefüllt. Jeden Tag überprüfte er den Inhalt der Packungen, zählte die Blister und überschlug grob, wie lange er damit auskommen würde. Nur mit verengten Pupillen schaffte er es, den Pinsel zu führen.
Sobald die Dunkelheit hereinbrach, machte er sich auf den Weg in die Stadt, zu dem Haus, in dem der Junge wohnte.Viele Stunden verbrachte er auf dem Anwesen, verborgen im Schatten der Bäume, mit Blick in das Zimmer des Jungen, das zu dieser späten Stunde hell erleuchtet war. Etwas in seinem Inneren zwang ihn, sich dort aufzuhalten. Manchmal verbrachte er einen ganzen Tag in der Nähe des Jungen und studierte seine Gewohnheiten, immer darauf bedacht, unbemerkt zu bleiben.
Kurz nachdem er das Ölgemälde »Die Beweinung Christi« vollendet hatte, wurde ein neuer Auftrag an ihn herangetragen, ein Motiv aus dem alten Ägypten. Für die Darstellung der Isis wählte er den »Klagevogel«, ein geflügeltes anthropomorphes Tierwesen, das seine Schwingen schützend über Osiris ausbreitete. Nach dem Osiris-Mythos wurde der Gott von Seth zerstückelt und seine Einzelteile über das ganze Land verteilt. Arthribis zum Beispiel beanspruchte das Privileg, sein Herz zu beherbergen. Daraufhin machte sich die trauernde und verzweifelte Isis auf die Suche nach den Überresten ihres Bruders und Gemahls Osiris, um diese mithilfe von Magie wieder zusammenzufügen. In der ersten Version des Gemäldes glich ihre Physiognomie der seines Sohnes. In der Darstellung des Klagevogels jedoch hatte sie kein erkennbares Gesicht mehr. Ihr Antlitz war verdunkelt vom Schatten des Todes.
in dem sie handeln musste, begriff sie – auch wenn das Ganze nicht so geplant war, sie eigentlich den Tagesablauf des Kardiologen genauer auskundschaften wollte, bevor sie zur Tat schritt. Das Schicksal hatte ihr in die Hände gespielt. Im Inneren der Villa regte sich nichts. Kuhnerts Ehefrau hatte vor einigen Tagen am späten Nachmittag mit den Kindern und einem Rollkoffer das Haus verlassen. Auch Kuhnert selbst hatte sich seitdem nicht wieder blicken lassen. Vermutlich hatte er in der Klinik oder bei Bekannten übernachtet. Sie tastete nach dem Messer, dem Tuch, dem Fläschchen aus Braunglas in ihrer Manteltasche. Sie hatte alles dabei. Sie war bereit.
Aus einiger Entfernung sah sie Kuhnert aus seinem Auto steigen. Er nahm einen Teddybären aus dem Kofferraum und ging damit auf den Eingang zu.
Ich werde ihm keine Gelegenheit geben, um Verzeihung zu bitten. Die Zeit für Worte ist vorbei. Kein Zögern mehr. Kein Zweifeln. Es ist Zeit, zu handeln. Was einmal begonnen wurde, muss vollendet werden, dachte die Gestalt und näherte sich langsam dem etwa einen Meter fünfundsiebzig großen Mann, der ihr den Rücken zukehrte. Es war erschreckend leicht, sich an ihn heranzuschleichen – der frisch gefallene Schnee dämpfte ihre Schritte – und schon war sie nur noch wenige Meter von ihm entfernt.
Die Art, wie er ging, aufrecht, selbstbewusst, zielstrebig, sein gepflegtes Äußeres, das perfekt rasierte Gesicht, die kurz geschnittenen, viel zu schwarzen, wie gefärbt wirkenden Haare, all das ekelte sie an. Er stand nun, noch immer den Rücken ihr zugewandt, vor der Haustür, in seinen auf Hochglanz polierten Schuhen, und klopfte seine Taschen ab. Den Teddy hatte er kurz abgelegt. Es sah ganz so aus, als hätte er Schwierigkeiten, den Haustürschlüssel zu finden.
Zu verzeihen, was unverzeihlich ist, ist was für Übermenschen. Auch wenn die Schuldigen Reue zeigen sollten, so ändert dies nichts. Was sie getan haben, kann nicht wiedergutgemacht werden. Und die Erinnerung ist und bleibt eine Wunde, die niemals heilen wird, dachte sie.
Als er die Tür öffnete, trat sie von hinten an ihn heran und drückte ihm ein Tuch ins Gesicht, das sie zuvor mit Chloroform getränkt hatte. Er zuckte zusammen und wandte den Kopf zu ihr hin. Ein paar Sekunden lang blickte er ihr fassungslos in die Augen. Sein Blick drückte Unverständnis aus. Dann versuchte er, sich zur Wehr zu setzen. Sie drückte fester zu und hielt ihn mit dem anderen Arm umklammert, bis seine Beine unter ihm nachgaben. Er sackte zusammen und fiel ihr rücklings in die Arme. Du hast die Trauer in meinen Augen gesehen, nun sollst du meinen Kummer spüren, dachte sie und schleifte ihn unsanft ins Haus.Nur ein Stück Fleisch war es, was sie hinter sich herzog. Ein willenloses Stück Fleisch,versuchte sie, sich einzureden.
Drinnen legte sie den schlaffen Körper am Boden ab, nahm den Teddy an sich und schloss die Tür.
Niemand hatte sie beobachtet.
Mehrmals hatte sie sich vergewissert.
Und sollte sie wider Erwarten doch jemand gesehen haben, konnte er keine detaillierte Beschreibung von ihr abgeben. Sie war einfach nur irgendjemand. Ein Schattenwesen. Der Umhang, den sie über ihrem Mantel trug, war so dunkel wie der Rest ihrer Kleidung, und die Kapuze verdeckte teilweise ihr Gesicht.
Im Haus brannte kein Licht. Nur der Mond schien blass herein.
Sie kniete sich neben dem Mann nieder und schloss die Augen. Hinterder papierdünnen Haut ihrer Lider versank sie in ein dunkles, graues Nichts, in dem es keine Zeit mehr gab, keine Geräusche, keine Bewegungen. Nichts als Stille.Die plötzliche Tonlosigkeit ihrer Gedanken verwunderte sie.
In diesem vollkommenen Schweigen war das Herz ein Hammer, dessen dumpfes Pochen ihr in regelmäßigen Abständen durch den Kopf hallte. Und das Blut, das durch ihre Adern strömte, war ein heißes Rinnsal aus Wut.
Gleichzeitig gewahrte sie den Heilungsprozess, der in ihrem Inneren stattfand. Die scharfen Wundkanten wurden um die schmerzlich pulsierende Vergangenheit herum weicher.
Schon vor Monaten hätte sie dem Ganzen ein Ende setzen können. Aber sie wollte leben, weil ihre Todessehnsucht, ihr Wunsch zu sterben, so groß war. Dieses Gefühl wollte sie so lange wie möglich auskosten – mit jeder Faser ihres Körpers.
Als sie bemerkte, wie der Kardiologe langsam aus der Narkose erwachte – sein Atem, flach und leise, kaum hörbar, wurde lauter –, nahm sie das braune Glasfläschchen aus der Manteltasche, träufelte abermals Chloroform auf das Tuch und presste es ihm auf Mund und Nase. Als seine Atmung ruhiger wurde, zog sie ihm den Mantel und das Sakko aus. Dann schleppte sie Kuhnert ins Badezimmer, legte ihn neben der Wanne ab und betätigte den Lichtschalter.
Emotionslos blickte sie auf ihn herab. Er lag auf dem Bauch, der Kopf seitlich verdreht, der Nacken ungeschützt. Sie rüttelte an seiner Schulter. Nichts. Keine Regung. Das Chloroform wirkte noch.
So viel hat er auf dem Gewissen und ist doch so unschuldig, dachte sie und zückte dasMesser. Die raue Oberfläche des Schafts aus schwarz anodisiertem Aluminium kitzelte sie an der Lebenslinie. Sie umfasste den Griff fester.
Kann man böse sein, wenn man keine Schuld empfindet, überlegte sie, bevor sie die schmale Klinge mit voller Wucht in sein Genick krachen ließ.
Oder ist Schuldgefühl die Voraussetzung für das Böse?
Sie spürte augenblicklich, wie sich Ruhe in ihrem Körper ausbreitete, und genoss die Empfindung eine Weile. Dann nahm sie eine dieser kleinen weißen Pillen aus dem Tablettendöschen, das sie mit sich führte, ging damit zum Waschbecken und schluckte sie mit ein paar Schlucken Leitungswasser. In ihren Magen musste sie gelangen, sich auflösen, ihre Inhaltsstoffe ins Blut abgeben, sich mit jedem Herzschlag im Körper verteilen bis hinauf ins Hirn. Beängstigend war die Leere, die dann in ihrem Kopf entstand. Sie hielt kurz inne, wartete, bis sie ihre Gefühle nur noch dumpf wahrnahm.
Anschließend sah sie sich in der Wohnung des Kardiologen um. In der Küche fand sie, was sie gesucht hatte, und ging damit zurück ins Badezimmer. Mit einem Ruck zog sie das Springmesser aus Kuhnerts Nacken und legte es auf den Wannenrand. Es war scharf wie ein Skalpell. Die Klinge war rot von dem Blut, das daran haftete. Im Internet hatte sie recherchiert, wo sie zustechen musste, um eine Muskellähmung herbeizuführen. Das hatte sie vielfach an Tieren geübt.
Es wird mir noch gute Dienste leisten, dachte sie, packte Kuhnert unter den Achseln und hievte ihn in die Wanne. Hernach knöpfte sie sein Hemd auf, zog ihm das T-Shirt, das er darunter trug, hoch bis zum Hals, und exponierte seine Brust. Das untere Ende des Shirts stopfte sie Kuhnert wie einen Knebel in den Mund. Anschließendentkleidete sie sich, zog alles aus bis auf die Haut, und betrachtete ihren sehnigen Körper in dem großen Wandspiegel links der Dusche. Ihre Kleidung umhüllte sie mit einem blauen Plastikbeutel. Kein Tropfen Blut sollte sie verunreinigen.
Kuhnert kam langsam wieder zu Bewusstsein. Sie beugte sich über ihn und bohrte ihm einen Finger in die Brust, wo sein Herz saß. Bevor sie anfing, gab sie ihm noch eine ungefähre Vorstellung davon, was ihn erwartete. »Aber keine Sorge«, endete sie. »Dir wird nichts entgehen. Ich werde dafür sorgen, dass du bis zur letzten Sekunde am Leben bleibst.« Ihre Stimme klang vollkommen emotionslos.
Die Pille entfaltete ihre volle Wirkung. Sie hatte sie geschluckt, um völlige Gleichgültigkeit herbeizuführen. Ihre Augen waren wie tot. Sie erhöhte den Druck auf Kuhnerts Brust und ließ ihm Zeit, die Erkenntnis zu produzieren, warum sie tat, was sie tat, und worauf das hier hinauslaufen würde. Dann griff sie nach dem Messer und sah, wie er vor Entsetzen die Augen aufriss, als ihm klar wurde, was sie da in der Hand hielt. Er begriff, dass er sterben würde und es nichts gab, was daran noch etwas ändern konnte. Schließlich machte sie sich ans Werk. Es war Zeit für den letzten Akt. Adrenalin pulsierte in ihren Adern. Sie setzte die Klinge an, knapp unter dem Halsansatz. Ein feiner Blutfaden rann über Kuhnerts Brust. Er stöhnte auf. Sie durchtrennte die Haut, das Subkutan- und Fettgewebe, die darunterliegende Muskulatur, folgte dabei dem Verlauf des Brustbeins. Schnitt weiter durch die Bauchdecke Richtung Nabel. Dann geschah etwas, womit sie nicht gerechnet hatte. Vom Hals abwärts hätte Kuhnert gelähmt sein müssen, und doch richtete er sich plötzlich auf, die Sinne vom Chlorform benebelt, und schleppte sich bis hinaus in den Flur. Dort bekam sie ihn zu fassen und presste ihm den Chloroform getränkten Lappen aufs Gesicht. Dann zerrte sie ihn zurück ins Bad und hievte ihn in die Wanne. Erstaunlich ruhig, unempathisch, teilnahmslos ging sie wieder ans Werk, als wäre nichts geschehen. Mit den Händen spreizte sie den Zentimeter langen Einschnitt auseinander. Darunter kam das knöcherne Sternumzum Vorschein, von dem die Rippen wie Äste von einem Stamm abgingen. Ihre Bewegungen wirkten mechanisch, wie fremdgesteuert. Sie erledigte alles mit stiller Abscheu, während sie tat, was getan werden musste.
Sie war das Geschöpf anderer. Man hatte sie zu dem gemacht, was sie jetzt war. Hatte das Fremde in ihr entfesselt, das irgendwann Besitz von ihr ergriffen hatte.Tief unten auf dem Grund ihrer Seele hatte etwas Monströses geschlummert, das nun jäh erwacht und ausgebrochen war.
Als alles vollbracht war, blieb sie noch eine Weile neben der Wanne stehen und betrachtete ihr Werk. Ließ den Anblick auf sich wirken. Es war, als ob die Gerechtigkeit, die sie hatte walten lassen, nicht nur ihre Wut verdampfen ließ, sondern auch der Heilungsprozess in ihrem Inneren weiter voranschritt.
Schließlich duschte sie ausgiebig. Sie brauchte etliche Minuten, um die schmutzige Aura ihres Opfers abzuwaschen. Sie nahm besonders viel Seife und schrubbte, bis ihre Haut brannte. Anschließend stieg sie aus der Dusche, trocknete sich ab und kleidete sich in aller Ruhe an. Zu guter Letzt überprüfte sie ihr Aussehen im Spiegel. Sie erkannte die Gestalt nicht wieder, die sie aus dem Glas anstarrte. Sie war ihr fremd, das Gesicht vom Wahn gezeichnet. Es würde nie wieder so sein wie früher, das wusste sie sehr wohl, aber es spielte keine Rolle. Nicht für sie. Nicht mehr. Mit dem Plastikbeutel, mit dem sie eingangs ihre Kleidung umhüllt hatte, verließ sie das Haus. Sie entsorgte ihn mitsamt dem blutigen Inhalt, der sich nun darin befand, in der Mülltonne draußen im Hof.
Bis zu einer halben Minute nach der Geburt bleiben Ferkel ganz still liegen. Man könnte sie für tot halten. Und Totgeburten werden von der Muttersau verschlungen. Sie verschwinden im Schlund des Vergessens, überlegte sie und zählte im Kopf bis dreißig, während sie sich der Grundstücksgrenze näherte. Langsam wich
