Das Echo der Lüge - Sophie Miller - E-Book

Das Echo der Lüge E-Book

Sophie Miller

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8,99 €

Beschreibung

Aufwühlend, packend und voller dramatischer Spannung

Als ihr Mann spurlos verschwindet, ist Antonia die Einzige, die nicht an seinen Tod glaubt. Doch wie gut kannte sie Pascal, mit dem sie nur drei Jahre verheiratet war und der in Frankfurt als Investmentbanker Millionen gemacht hat? Je mehr Nachforschungen sie anstellt, desto mehr Fragen bleiben unbeantwortet. Und sie lassen einen Verdacht aufkeimen, der Antonia in ihren Grundfesten erschüttert …

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Seitenzahl: 386

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SOPHIE

MILLER

Das Echo

der Lüge

ROMAN

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in der Verlagsgruppe Random House GmbH , Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Redaktion | Angelika Lieke

Satz | Leingärtner, Nabburg

Covergestaltung: t.mutzenbach design

ePub-ISBN: 978-3-641-07291-9V002

www.diana-verlag.de

Für Doris und George

1

Kurz vor der Dämmerung tauchten wir hinunter, eine Stunde östlich von Rio de Janeiro. Pascal schwamm voraus, manchmal drehte er sich um, als wollte er sagen, er allein habe diese Unterwasserpracht geschaffen und erwarte mein Lob dafür. Wir tauchten in den Meereskanal, Pascal machte Licht, wir folgten dem Strahl seiner Lampe. Ich hörte das Geräusch meines Atems, sah meinen Mann mit kräftigen Beinen schlagen, schließlich erreichten wir das Reich der Tiger, wie die Einheimischen die Höhle nennen. Die Tigermuräne, Jäger bei Nacht, zeigte im künstlichen Licht keine Scheu und fraß weiter. »Die Zähne der Tigermuräne sind aus Glas«, hatte Pascal erklärt – jetzt kam mir das Tier mit seinen langen, durchscheinenden Zähnen, den schwarzen Augen, den Schecken auf dem schlangenhaften Körper unheimlich vor. Pascal leuchtete die Muräne an. Sie schlang einen Knoten in den eigenen Leib und zog den Kopf eines noch lebenden Beutefisches in diese Schlinge, hielt ihn fest und riss mit dem Maul Fleischstücke heraus. Dann öffnete sie ihren Leibesknoten und ließ die Überreste zu Boden sinken.

»Leben bedeutet fressen«, sagte Pascal später beim Abendessen. Versonnen fügte er hinzu: »Es gibt viele Arten zu fressen.«

Am nächsten Morgen fuhr er allein zum Tauchen und nahm die Kamera mit. Als er mittags nicht zum Essen auftauchte, beunruhigte mich das nicht; in der Tiefe des Meeres fühlte Pascal sich wohl wie an ganz wenigen Orten. Später versuchte ich es auf dem Handy. Erst am späten Nachmittag verständigte ich jemanden vom Hotel. Die Suche dauerte die ganze Nacht und den kommenden Morgen, ohne Erfolg. Man entdeckte nur seine Taucherausrüstung. Minuten nachdem man es mir mitgeteilt hatte, wollte ich mich unbedingt an Pascals letzte Worte erinnern. Sie fielen mir nicht ein, nur dieser eine Satz: Es gibt viele Arten zu fressen.

Drei Monate waren seitdem vergangen. Ich drehte mich auf die Seite. Draußen war noch Tag. Das Licht drang nur spärlich in diese Ferienwohnung, die keiner wollte, weil sie am tiefsten Punkt der Schlucht lag. Zum Glück, denn Saanen war so gut wie ausgebucht. So tief die Schlucht auch war, sie lag auf tausend Metern und hieß Rüttischlucht. Pascal hatte mir oft versprochen, mich in seine Heimat mitzunehmen; nun war ich allein gekommen. Das Surreale nahm mir den Atem – allein, als was: als verheiratete Frau, als Witwe?

»Saanen ist nicht Gstaad«, hatte Pascal erklärt. »Nur die Snobs, die sich beweisen müssen, dass sie es sich leisten können, ziehen nach Gstaad, die anderen besuchen Saanen.«

Nun war ich ohne Pascal hier, weil ich ihn liebte. Verzweifelt und fast hoffnungslos klammerte ich mich an diese Liebe, sie ließ mich glauben, dass er noch lebte. Ich hatte Zettel in der Ferienwohnung ausgelegt. Notizen in meiner kräftigen, unweiblichen Schrift, auf denen ich aus Erinnerung Worte gebildet und rasch erkannt hatte, dass ich keine Ereignisse aufschrieb, nur meine Gedanken dazu, keine Tatsachen, nur Annahmen. Meine Sicht der Dinge genügte nicht, den Geschehnissen auf den Grund zu gehen, darum konnte ich nicht sagen: Pascal ist tot, finde dich ab und schlag das nächste Kapitel auf. Zu viele Zettel trugen rote Fragezeichen, weil ihre Fragen unergründlich waren, und das ängstigte mich. In Rio, wo ich Pascal verloren hatte, kannte ich noch keine Angst. In Rio hatte ich zu viel damit zu tun gehabt, die Geschehnisse zu bewältigen. Später erst war die Angst aufgetaucht – dass etwas nicht stimmte. Deshalb war ich hier – in Pascals Heimat musste ich rekonstruieren, was geschehen war, in seinem Land.

Pascal hatte erzählt, das Giferhorn bilde die Grenze zweier Länder. Saanen, diesseits des Gipfels, lag im Kanton Bern, jenseits war der Kanton Wallis. Nicht die einzige Grenze; im Westen stand der Berg Vanel, dahinter sprachen die Menschen Französisch. Ein Berg, zwei Sprachen auf wenigen Kilometern. Pascal und ich hatten Deutsch und Englisch gesprochen, in meiner Heimat, Kanada, dort war er der Fremde gewesen, dort hatten wir uns kennengelernt.

Ich bin ein Kind deutscher Eltern. Mein Vater, von Beruf Mechaniker, war nach Kanada ausgewandert, als die Kanadier von Yards und Inches, Pounds und Gallons auf das metrische System umstellten. Alle Waagen Kanadas mussten neu geeicht werden, mein Vater hatte eine Reparaturwerkstatt für Waagen eröffnet und war dabei wohlhabend geworden. Er lernte eine junge Hamburgerin kennen, die wie er drüben ihr Glück machen wollte. Sie heirateten und konnten sich bald ein Haus am Stadtrand von Toronto leisten, dort war ich geboren worden. Meine Mutter hatte darunter gelitten, von ihrer Sprache abgeschnitten zu sein. Daheim wurde Deutsch gesprochen, ein gewähltes Deutsch, wie ich es nirgends sonst je hörte. In einer Lage wie meiner, Witwe mit Mitte dreißig, flüchtet man normalerweise zu seinen Eltern. Meine Eltern waren tot, das Haus meiner Kindheit gab es nicht mehr.

Ich stand auf, zog die festen Schuhe an, löschte das Licht und verließ die Wohnung. Der Weg zog sich in Serpentinen nach Saanen hoch. Wo es zu steil wurde, hatte man Pflöcke in den Boden getrieben und Stufen gebaut, ich hielt mich am Geländer fest. Mit jeder Biegung wurde das Land weiter, weicher. Die Alpen, hatte ich angenommen, seien schroff und majestätisch; umso mehr erstaunten mich die spätsommerliche Heiterkeit auf den Almen, die lichtdurchfluteten Wälder, Dörfer und Weiler, die sich in die Falten der Natur schmiegten, beschützt von schneebedeckten Riesen. Ich genoss, wie sich das Bild mit jedem Schritt veränderte. Lief ich daheim durch die Natur, änderte sich kaum etwas, gerade Straßen, ein tiefer Horizont. Auf meinem Weg nach Saanen wollte der Himmel erst erobert werden. In der Sohle war er ein Versprechen gewesen, danach begrenzte ihn der Nadelwald. Näherte man sich der Gemeinde, zeigten die Drei- und Viertausender im Hintergrund, dass man noch ein gewaltiges Stück hätte höhersteigen müssen, ehe man dem Himmel nahe kam.

Ich lief die Straße in den Ort hinein, vor das Gebäude der Gemeindeverwaltung. Ich hatte einen Termin mit dem Vizestadtpräsidenten, was ich mir mit Stellvertreter des Bürgermeisters übersetzte. Ich wurde vorgelassen und in ein Büro geführt, in dem mich der Vizestadtpräsident erwartete, zugleich der Bruder meines Mannes.

Das Gesicht, die Haltung, selbst die Hände erinnerten so stark an Pascal, dass mir der Atem stockte. Sein Bruder schüttelte mir die Hand. Ich folgte der Einladung, mich zu setzen, nicht beim Schreibtisch; er führte mich zur Sitzgarnitur. Außer der Begrüßung hatte ich noch kein Wort hervorgebracht, sah ihn ängstlich, freudig, ungläubig an.

»Ich bin Pascals Bruder, Roman Zuermatt«, sagte er, als ob das nicht offensichtlich wäre. Er besaß Pascals freche Nase, auch seine wilden Augenbrauen. Hatten mich Pascals braune Augen immer an einen Freibeuter erinnert, der das Leben als stürmisches Gewässer nahm, passte der Blick des Bruders genau in dieses Büro; seine Augen wirkten nüchtern, ihnen fehlte Neugier und jegliche Freude.

»Ich spreche Ihnen mein Beileid aus, Frau Zuermatt«, sagte er.

»Dafür ist es zu früh.«

»Sind Sie nicht deshalb zu mir gekommen, um die Frage des Testaments zu klären?«

»Mich kümmert Pascals Testament so lange nicht, solange es Hoffnung gibt, dass er lebt.«

»Lebt?« Der Bruder nahm eine Akte und legte sie vor mich auf den Couchtisch. »Das sind die Unterlagen der Stadtverwaltung von Rio de Janeiro sowie die Bestätigung des brasilianischen Gerichts.« Während er las, legte er den Kopf zur Seite. »Man wird meinen Bruder für tot erklären, die Frist wurde auf sechs Monate anberaumt.« Er suchte nach dem Datum des Dokuments. »Das bedeutet, in knapp drei Monaten.«

Die nüchternen Fakten schockierten mich immer noch, mittlerweile wusste ich, wie ich dem begegnen konnte.

»Das ist die gängige Praxis, wenn die Leiche eines Vermissten nicht gefunden wird«, sagte ich. »Bei Unfällen im Meer darf das Gericht den Zeitraum bis zu einem Jahr verlängern, wenn auch nur die leiseste Hoffnung besteht, dass sich der Verschollene aus eigener Kraft retten konnte.« Meine Kehle wurde eng. »Die Hoffnung habe ich immer noch.«

Roman Zuermatt schüttelte den Kopf. »Im Fall meines Bruders gibt es genügend Hinweise, dass er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ertrunken ist.« Er schlug die Mappe zu. »Aufgrund des Gerichtsbeschlusses kann sein Nachlass erst eröffnet werden, wenn die Frist verstrichen ist. Sie haben sich zu früh herbemüht.«

Ich wandte mich ab. Die Kälte dieses Mannes machte mich sprachlos. Glaubte er wirklich, ich sei wegen Pascals Testament gekommen? Ich sehnte Pascal herbei, seine Berührung; wohin war mein Mann verschwunden? Keine Antwort konnte so schlimm sein wie die Endgültigkeit – Abschied von Pascal für immer! Alles in mir sträubte sich, das zu glauben. Die Wochen der Suche, fortgesetzte Expeditionen in die Höhle der Muränen, Suche im Umland, ob jemand aufgetaucht, angespült worden sei, schwer verletzt womöglich, im Koma, mit Gedächtnisverlust, ein Namenloser. Suche in allen Krankenhäusern, Suchmeldung im Fernsehen. Bis in die Yellow Press hatte Pascal es geschafft – Schweizer Geschäftsmann verschollen –, dieses Wort hatte mich aufgerichtet, weiter glauben, weiter handeln lassen. Er war nicht tot, nur verschollen.

Ich holte tief Luft. »Ich möchte meine Familie kennenlernen.«

»Ihre Familie?« Sein sarkastischer Unterton war nicht zu überhören. Was bildete die Kanadierin sich ein, musste er denken, bloß weil sie einen Namen in ihrem Pass hatte, von dessen Wurzeln, von den Generationen, die ihn getragen hatten, sie nichts wusste.

»Ich habe Pascal als Letzte gesehen. Ich bin sicher, die Familie will erfahren …«

»Meine Mutter ist noch nicht so weit.« Er stockte, fand vielleicht den persönlichen Ton unangebracht; nicht der Vizepräsident hatte geantwortet, sondern der Sohn.

»Die Familie hat wenig zur Suche beigetragen«, sagte ich.

»Sie wurden unterstützt.«

»Von einem Berner Anwalt, und nur am Telefon.«

»Doktor Burckhardt hielt uns auf dem Laufenden.«

»Jemand von der Familie hätte kommen können.«

»Wenn es sterbliche Überreste zu überführen gegeben hätte, wären wir gekommen«, sagte Zuermatt und machte noch einmal klar, wie weit außerhalb dieser Familie ich stand.

Ich wollte erwidern, dass ich viel mehr Hilfe gebraucht hätte, doch wäre es die Wahrheit? Die Behörden vor Ort hatten alles getan, mich zu unterstützen. Dass ich am Ende allein am Strand saß und um Pascal trauerte, konnte ich niemandem vorwerfen. Manchmal hatte ich das Gefühl, ihm in dieser Zeit näher gewesen zu sein als je zuvor. Die Sehnsucht war ein Kokon, in den ich mich eingesponnen hatte, eine Welt, in der es nur Pascal und mich gab, die Welt der Wünsche, der verklärten Erinnerungen, genährt von dem Funken Hoffnung, dass Pascal da war und irgendwo auf mich wartete.

Roman Zuermatt stand auf. Seine Augen blickten etwas freundlicher, er räusperte sich und sagte: »Ich will mit Mutter sprechen.« Er gab mir die Hand. »Ich werde mein Möglichstes tun.«

2

Das Elend war wieder da. In der Enge der Ferienwohnung, der Schlucht, wo schon die Nacht hereinbrach, während oben noch die blaue Stunde herrschte, saß ich auf dem soliden Holzbett, Schweizer Bauart. Wo bist du, Pascal? Ist meine Hoffnung nur Trotz gewesen? War es nicht wahrscheinlicher, dass er derselben Muräne zum Opfer gefallen war, der wir beim Fressen zugesehen hatten? Wohin führte mein verbissener Glaube an das Unmögliche? Ich lief in dem beengten Viereck auf und ab. Seit Pascals Verschwinden war mein kurz geschnittenes dunkles Haar so weit nachgewachsen, dass ich die Büschel packen konnte.

Die Unterwasserhöhle war bis in den letzten Winkel abgesucht worden. Sie hatten Pascal nicht gefunden, nur sein Atemgerät und die Flaschen, zwischen zwei Felsblöcken verkeilt. Die Taucher hatten Fotos davon gemacht. Pascal musste eingeklemmt gewesen sein, lautete die Analyse, musste, um sich zu befreien, die Flaschen abgenommen haben und ohne Atemhilfe weitergeschwommen sein, musste sich unter Wasser verirrt, den Ausgang der Höhle nicht gefunden haben und ertrunken sein. Vielleicht war er auch durch den unterlassenen Druckausgleich ums Leben gekommen, nach oben geschwommen und kollabiert. Dann hätte er allerdings angeschwemmt worden sein müssen. Ich starrte aus dem Fenster ins Schwarze.

Umringt von Zetteln, durch die ich meinem Kummer mit Sachlichkeit begegnen, meine Gefühle durch Fragen begrenzen wollte, konnte ich das Elend nicht länger fernhalten, warf mich aufs Bett, weinte und hoffte einzuschlafen.

Der Schlaf kam nicht, aber die Verklärung, wie schön alles gewesen war. Ich setzte mich auf, öffnete den Laptop und ließ die Schnappschüsse unserer gemeinsamen Zeit erscheinen. Ich dachte an meine Mutter, die zu solchen Anlässen ihren Schuhkarton mit den Familienfotos hervorgeholt hatte. Heutzutage konnte man die guten und die schlechten Zeiten nicht mehr anfassen, ein Bildschirm musste genügen, auf dem die Fotos nie vergilbten.

Pascal war ein Fremdkörper auf der Comicmesse gewesen, zu reich, zu teuer gekleidet unter all den vorwiegend jungen Lesern. Ich lächelte in die Dunkelheit. Da ich als freie Übersetzerin nicht genug verdiente, hatte ich mich damals mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten müssen. Die Messe war international, die Auswahl gigantisch. Ich war froh, als Aushilfe bei Cocult, dem kanadischen Comic-Verlag, meinem einsamen Schreibtisch zu entkommen. Pascal hatte irgendwie verloren gewirkt, als er am Cocult-Stand auftauchte. In seinem feinen Anzug hatte ich ihn für einen Einkäufer von Lizenzen gehalten oder jemanden, der einen Verlag erwerben will. Dabei war er nur auf die Messe gekommen, weil er Comics liebte.

»Reiner Zufall«, hatte er mir später erzählt. Nach einer Konferenz in Toronto hatte er sich anders als die anderen Geschäftsleute vergnügen wollen und war nach dem Meeting losgezogen, um auf andere Gedanken zu kommen.

»Kann ich helfen?«, hatte ich gefragt.

»Das müssen Sie sogar.« Eine Geste zu den Regalen, junge Titel, junge Farben, Comicgesichter, von jungen Künstlern gezeichnet. Dazwischen der seriöse Mann im Dreiteiler mit teurer Uhr und Siegelring, sein Hemdkragen stand offen, die Krawatte war verrutscht, ein langer Tag lag hinter ihm.

»Was interessiert Sie?« Es war nicht meine Aufgabe zu beraten – ich hatte nur Bereitschaftsdienst, wenn die Verlagsmitglieder Termine hatten.

»Wenn ich das wüsste.« Er wandte den Blick von den Bildern zu mir. Es war nicht Sympathie, nicht zu Beginn, eher dieser Männerblick, Geschäftsmann auf der Suche nach Entspannung. Ich war müde gewesen, den ganzen Tag stehen, verbindlich sein; mein Schlauchkleid, das morgens meine Figur umschmeichelt hatte, beulte an manchen Stellen. Um die Frisur brauchte ich mir keine Gedanken zu machen, ich trug mein Haar igelkurz. Ich schätzte Pascal auf Ende vierzig, er sah aus wie einer, der versprach, im Alter noch verlockender zu werden. Groß, breite Schultern, leichter Bauchansatz. Sein Englisch war perfekt, die Aussprache knorrig, ich vermutete einen Skandinavier, später, als er ein Handygespräch annahm, einen Deutschen, doch das traf es nicht.

»Woher kommen Sie?«, fragte ich.

Er ließ mich zweimal raten, dann verriet er es mir. Damals hörte ich den Namen zum ersten Mal – Saanen. Da mir das nichts sagte, setzte er hinzu: »Switzerland of course!«

»Of course, Switzerland.« Ich ließ ihn noch eine Weile in dem Glauben, dass ich kein Deutsch sprach. Es machte Spaß, Leute in ihrer Muttersprache Dinge ausplaudern zu hören, weil sie glaubten, der andere verstünde nichts.

Bald darauf führte Pascal ein weiteres Telefonat. »Was soll ich dort?«, sagte er auf Deutsch. »Da sitzt nur ein Haufen Langweiler beisammen. Außerdem habe ich hier was Hübsches aufgetan.« Er warf mir einen Blick zu. »Mal sehen, wie sich das entwickelt.«

Ich betrachtete seine Hand, kein Ring, und doch sah er verheiratet aus. Kleines Abenteuer im Ausland, dachte ich, netter Abend, schnelle Sache – was sonst konnte er von mir wollen? Ich wollte nichts von ihm, aber er gefiel mir.

»Ich heiße Pascal.«

»Tony.« Wir schüttelten uns nicht die Hand.

»Toni? Sie scherzen! So heißen bei uns kleine Mädchen, die zum Volksfest auf den Wagen mit den geschmückten Kühen sitzen.«

»Ich mag Kühe. Und außerdem: Bei uns schreibt man Tony mit ›y‹.«

»Antonia ist aber kein typisch kanadischer Name.«

Ich sagte ihm auf Englisch, dass ich deutsch erzogen worden sei.

»Dann verstehen Sie mich also?«, rief er in klingendem Schweizerdeutsch.

»Natürlich.«

Von da an gab es bezüglich der Sprache keine Missverständnisse mehr. Er wollte sich mit mir verabreden, aber meine Arbeitszeit am Stand endete erst um sieben, und danach war ich für die Verlagsparty eingeteilt, zur Kundenbetreuung.

»Was schlagen Sie vor?« Für ihn gab es keinen Zweifel, dass ich ihn wiedersehen wollte.

»Kommen Sie morgen wieder«, antwortete ich gleichgültiger, als ich war.

»Morgen verhandle ich von früh bis spät, dann nehme ich die Nachtmaschine nach Hause.« Er hakte mich unter. »Müssen Sie wirklich zu der dummen Party?« Ich wollte es ihm nicht so einfach machen und sagte Ja. »Wenn Sie zu dieser Party müssen, muss ich eben auch zu dieser Party.« Danach hatten wir uns getrennt.

Ich habe nie herausgefunden, wie er sich Zutritt verschafft hatte. Jedenfalls war Pascal auf der Party aufgetaucht, im gleichen Anzug, frisches Hemd, mit bester Laune.

»Ich lege mich für Sie ins Zeug«, hatte er gesagt und Rotwein bestellt.

»Warum eigentlich?«

»Im Ausland eine Frau zu treffen, die Tony heißt und mich versteht, das ist schon was Besonderes.« Er lachte mit vielen Falten.

Die Atmosphäre war locker, bald wurde getanzt. Er wollte mich auffordern, ich war nicht in Stimmung und trank mehr Wein, als ich gewohnt war. Zwischendurch plauderte ich mit Stammkunden von Cocult; schließlich wurde es so spät, dass ich meine berufliche Pflicht für erledigt hielt. Pascal schlug vor, woanders hinzugehen. Im Freien spürte ich den Alkohol unvermittelt, ich taumelte, er bot mir seinen Arm. Nun, da wir allein waren, wurden wir nicht vertrauter, eher das Gegenteil. Wortkarg liefen wir durch die fast menschenleeren Straßen. In seiner Hotelbar sei bis zum Morgengrauen was los, sagte er und auf meinen skeptischen Blick: »Machen Sie sich bloß keine falschen Hoffnungen – ich bin viel zu müde.«

In der Lobby des Hotels tummelte sich eine lustige Gesellschaft, Mitglieder eines PEN-Kongresses, der in Toronto tagte. Schriftsteller und Philosophen amüsierten sich im besten Hotel am Platz. Pascal bestand darauf, endlich mit mir zu tanzen, und nahm mich um die Taille. Ich konnte es nicht genießen, das Gedränge war zu groß. Ich floh aus seinem Arm, wollte zur Bar und rannte einen kanadischen Dichter um. Pascal half uns beiden auf, die Leute lachten. Ich fühlte mich ausgelacht und war im Begriff, mir einen Drink zu bestellen, als Pascal dem Barkeeper zuwinkte, mir nichts mehr zu geben. Nur eine flüchtige Geste, doch ich werde sie nie vergessen. Das war der Wink eines mächtigen Mannes, einer der nimmt, befiehlt, taxiert und verkauft, der ungern teilt, aber gern verschenkt. Ich starrte ihn an. »Wer bist du?«, fragte ich, betrunkener, als mir bewusst war.

»Der, der dich jetzt ins Hotel bringt.«

»Wir sind schon im Hotel.«

»Aber in meinem, Tony.«

»Ich muss gar nicht ins Hotel.« Ich stieß mich vom Tresen ab.

»Stimmt, das ist deine Stadt.« Er führte mich durch das Gewimmel zum Ausgang, zum Taxi, er überließ mich nicht mir selbst, sondern begleitete mich. Unterwegs ließ ich das Fenster herunter und rief in die Nacht, dass ich kein kleines Kind sei, das man zur Mami bringen müsse.

»Lebst du noch bei deinen Eltern?«, fragte er ungläubig.

»Meine Eltern sind tot.«

»Da hast du Glück gehabt.«

Als wir meine Adresse erreichten, brachte mich Pascal zur Tür, aber nicht weiter. So endete unsere erste Nacht.

Da hast du Glück gehabt – erst später verstand ich diesen Satz. Pascal und seine Familie hatten ein merkwürdiges Verhältnis zueinander; in unseren gemeinsamen Jahren war es mir nicht gelungen, das Wesentliche seiner Beziehung zur Familie zu begreifen.

»Wann fahren wir endlich zu deinen Leuten?«, hatte ich gefragt. Pascal versprach es, er wollte mir auch die Schweiz zeigen. Immer war etwas dazwischengekommen, ein unaufschiebbares Meeting, der Geburtstag eines Freundes, ein Kongress. Dass er mich seiner Familie nicht vorstellte, hatte mich damals kaum gestört. Er brauchte mich nicht mit nach Hause zu nehmen, um zu zeigen, dass er mich liebte. Er zeigte mir alles andere, die ganze Welt.

Pascals Familie kennenlernen zu wollen, zu einem Zeitpunkt, da ihn jeder außer mir für tot hielt, erkannte ich nun als verrückte Idee. Warum er mir die Familie vorenthalten hatte, konnte ich mir nach wie vor nicht erklären. War ihr Verhältnis zerrüttet, gestört gewesen, aber wodurch? Trotz meiner Anspannung legte ich mich wieder ins Bett. Es war immer noch zu früh zum Schlafengehen, doch um etwas zu unternehmen, hätte ich noch einmal aus der Schlucht hochsteigen müssen. Ich griff nach einem Buch, las und merkte, dass ich nicht mitkriegte, was ich las. Mein Handy vibrierte, eine Nachricht von Pascals Bruder: morgen, am späten Vormittag, im Hause der Zuermatts. Es folgte eine kurze Wegbeschreibung. Kein Gruß, kein freundliches Wort. Ich zog die Decke unters Kinn und versuchte noch einmal, Pascal lebendig werden zu lassen.

3

Er war nicht abgeflogen. Pascal hatte seinen Rückflug verschoben und rief mich am nächsten Tag an. Ich hatte einen harten Tag gehabt, der Rotwein verursachte mir Säure, die Drinks hatten mein Sehvermögen beeinträchtigt. Ich blinzelte die Messebesucher an und trank schrecklich viel Kaffee.

»Bist du ein Schluckspecht?«, fragte Pascal am Telefon.

Ich kannte das Wort nicht, er erklärte es und sagte, nach dem letzten Abend habe er Respekt vor mir. Bei der Menge, die ich konsumiert hätte, wäre er im Krankenhaus gelandet.

»Habe ich mich schlecht benommen?« Ich musste mich gegen ein Regal lehnen, war kaum bei mir. Die Szene im Hotel fiel mir ein, mit der Zunge fuhr ich über die trockenen Lippen. »Wieso sind Sie überhaupt noch da?«

»Deinetwegen, Tony. Darf ich dich daran erinnern, dass wir Bruderschaft getrunken haben? Ich will dich wiedersehen«, sagte er herzlich. »Sonst säße ich schon über dem Atlantik.«

»Wohin ging dein Flug?«

»Frankfurt.«

»Wann fliegst du?«

»Morgen früh.«

»Was versprichst du dir davon, dass wir uns wiedersehen?« Ich schloss die Augen, riss sie aber schnell wieder auf, weil sich alles drehte.

»Die Antwort lautet: Ein Abend mit dir ist besser als kein Abend mit dir.«

Nachdem wir den Treffpunkt vereinbart hatten, legte er auf. Ich hatte ihn immer noch nicht gefragt, ob er verheiratet war.

Wir trafen uns in einem teuren Lokal und aßen fernöstlich. Mir war merkwürdig zumute; unser erstes Date war zugleich ein Abschiedsdinner. Ich trank Tee, auch zum Anstoßen; irgendwann zahlte Pascal, danach wussten wir beide nicht, wie es weitergehen sollte. Nach seinem Beruf hatte ich ihn schon gefragt. Er besaß eine Firma, die nichts herstellte, sondern mit Werten jonglierte, die er von hier nach da verschob und Gewinn damit machte. Im Übrigen hatte er sich den Anschein gegeben, als wolle er mich mit seiner Arbeit nicht langweilen. Nur einmal sprach er von der Magie des Weltmarkts, der weniger durch reale Entwicklungen als durch die Psychologie der Vorstellung kommender Entwicklungen funktionierte.

Wir gingen durch Torontos City, er nahm meine Hand. »Willst du nicht endlich wissen, ob ich verheiratet bin?« Ich sah ihn an, er nickte. »Ich bin verheiratet. Ich werde sie verlassen.«

»Wie lange seid ihr zusammen?«

»Vierzehn Jahre.« Er sagte mir ihren Namen, Jessica, auch, dass sie in Frankfurt noch zusammenlebten und dass sie beruflich etwas Ähnliches mache wie er. Das Wesentliche, den Grund der Trennung, verschwieg er. Ich respektierte das. Und doch, ein verheirateter Mann allein in einer fremden Stadt, wir waren unterwegs in sein Hotel – worauf lief das hinaus? Ich fühlte mich wohl in seiner Nähe, ich wollte ihn. Ob ich ihm glaubte, war mir nicht so wichtig.

Als wir den Hotelfahrstuhl verließen, hatten wir uns zum ersten Mal geküsst. Er sagte, er wolle mir ein Bad zeigen, das man nur zu zweit genießen könne. Hotels dieser Kategorie verfügten über Luxusbäder, das war nichts Besonderes. Ich erwartete einen Jacuzzi, doch Pascal führte mich auf die Terrasse und präsentierte mir eine alte Steingutwanne auf gedrehten Füßen. Sie war riesig, sie stand im Freien, wir hatten März.

Ich schaute auf die Skyline Torontos, Pascal ließ Wasser ein. Wir schlüpften aus den Kleidern, ohne jede Peinlichkeit. Ich hatte erwartet, dass er seine Hose ordentlich zusammenlegen würde; als er es tat, lächelte ich.

Er hatte einen netten Bauch, starke Arme, die Beine eines Sportlers und schöne Füße. Er war erregt und schmunzelte über meinen Blick. Zärtlich streichelte er mich und hob mich mit Schwung in die Wanne. Das dampfende Wasser, die kalte Nacht, die Spitze des CN Tower blinkte in einem langsamen Intervall, als würde der höchste Fernsehturm der Welt vor sich hin dösen. Wir ließen uns Zeit, redeten kaum, die Wärme machte uns müde. Irgendwann setzte ich mich auf Pascal, sah seinen Kopf verschwinden. Prustend kam er hoch, das schwarze Haar vom Wasser angelegt. Er hatte einen mächtigen Schädel, die Sehnen seines Halses waren angespannt. Wir liebten uns lange, fast bedächtig, mittendrin hob mich Pascal mit einem Griff aus der Wanne und trug mich triefend, mit platschenden Schritten, ins Schlafzimmer. Als ich mich versehentlich auf die TV-Fernbedienung legte, wurde der Bildschirm hell. Wir rutschten auf der Seite des Bettes zusammen, die am wenigsten nass war, und guckten fern, bis wir einschliefen.

Pascal hatte den Weckdienst geordert, doch meine innere Uhr war ebenso verlässlich. Es dämmerte, ich stand auf, bestellte telefonisch Kaffee und nahm das Tablett entgegen, bevor Pascal sich das erste Mal geregt hatte. Ein stilles Frühstück, wir beide fertig angezogen, beide traurig, wir sagten, dass wir telefonieren würden. An diesem Morgen wusste ich nicht, ob ich mich darauf freuen sollte. An diesem Morgen ließ ich mein Leben Revue passieren. Da es niemanden gab, dem ich mich ganz hingeben wollte, kam mir mein Single-Dasein natürlich vor. Wenn ich Arbeit hatte, lebte ich mit meinen Texten, übersetzte aus dem Deutschen ins Amerikanische. Die Lektorin, die mir die Aufträge zuschanzte, war zugleich meine beste Freundin. Ich hatte die dreißig überschritten, zwei festere Beziehungen lagen hinter mir. Stuart hatte mich verlassen, um wenige Wochen später die Frau zu heiraten, mit der er mittlerweile drei Kinder hatte. Dass John und ich nicht zusammenbleiben würden, war uns irgendwann so deutlich geworden, dass wir zwanglos von einer Liebesbeziehung zur Freundschaft übergegangen waren. Seit er in Ottawa lebte, hatten wir uns aus den Augen verloren. Auch wenn ich nur zur Miete wohnte, verwendete ich viel Sorgfalt auf mein One-Bedroom-Apartment. Das Bad war meine eigene Kreation, ich hatte unterschiedliche Fliesen in der Art eines Mosaiks zusammengesetzt. Obwohl die Wohnung weder Balkon noch Aussicht besaß, liebte ich die kleine Welt, in der ich arbeitete, lebte, mich behaglich fühlte, und die nach dem Tod meiner Eltern mein einziger Zufluchtsort geworden war. Ich war mir bewusst, dass dieses Leben das Richtige für mich war. Nun war ein reicher Mann aufgetaucht, der von seiner Villa in Frankfurt erzählte und geschäftlich um die Welt jettete. Unsere beiden Leben passten nicht zueinander, trotzdem war ich merkwürdig niedergeschlagen, als wir nach unserer gemeinsamen Nacht den Lift bestiegen, in die Lobby fuhren und uns in der Kälte trennten. Sein Angebot, mich zu Hause abzusetzen, schlug ich aus.

Vor Pascal war ich mit einem Mann niemals nach nur einer flüchtigen Begegnung ins Bett gegangen. Ihn zu lieben war mir natürlich erschienen, alles musste so geschehen, wie es schließlich gekommen war. Alles – bis auf sein Verschwinden.

Die Nachtgeräusche in der Schlucht waren besonders. Ein Kreischen aus der Stille, dann lange nichts, darauf die Antwort wie ein Röhren. Der Fluss rauschte in der Nähe; ich hatte das Fenster offen, wegen der Kälte waren Mücken nicht zu befürchten.

Ich wollte meinen Laptop an den Strom anschließen, fand aber am Adapter nicht den rechten Stecker für die Schweizer Buchse. Der Laptop war meine einzige Verbindung zur Außenwelt, denn obwohl die Ferienwohnung karg war, besaß sie Anschluss ans Netz. Ich legte mich nieder und schlief problemlos ein.

Der Morgen darauf brachte die ängstliche Vorstellung dessen, was mich bei Pascals Familie erwarten würde. Ich frühstückte, löste das Schuhproblem, indem ich die eleganten Schuhe in eine Tüte packte und in den Bergschuhen loszog. Beim zweiten Mal kam mir der Anstieg nicht so erschöpfend vor. In Saanen nahm ich den Bus, den Pascals Bruder mir genannt hatte, unterwegs wechselte ich die Schuhe.

Das Haus der Zuermatts lag außerhalb Saanens in Richtung Gstaad. Ich musste bis in den Kurort fahren und von dort ein Stück zurückgehen, so bekam ich das berühmte Dorf zu sehen. Es war Saanen ähnlich, nur zeigte der Tourismus deutlicher seine Fratze. Ich ertappte mich dabei, nach einer Berühmtheit Ausschau zu halten, schüttelte über mich den Kopf und verließ Gstaad über die Transitstraße.

Ein Chalet hatte ich erwartet, wie sie in der Gegend üblich waren, breit hingesetzte Häuser mit Holzfassade und Schnitzwerk. Doch als ich Roman Zuermatts Angaben folgte, kam ich zu einem Steinhaus mit Mittelerker, der in ein Türmchen mündete. Die Läden vieler Fenster waren geschlossen. Obwohl das Haus nicht verwahrlost aussah, machte es einen traurigen Eindruck. Alles, selbst der Garten, wirkte steinern, es war, als ob die vermoosten Steine die Blumen nicht umfassen, sondern erdrücken würden. Kein Name am Eingangstor, keiner an der Tür, ich drückte auf die Klingel. Schritte näherten sich, Roman Zuermatt öffnete, was mich nicht überraschte, aber störte. Spontan und unvoreingenommen hatte ich mir die Begegnung mit Pascals Mutter gewünscht und begriff schon beim Eintreten, dies war eine offizielle Audienz.

»Hier entlang bitte.« Er brachte mich in ein Zimmer, das nicht der Salon sein konnte, zu klein, zu bescheiden, eine Art Vorzimmer zum Wohnraum. Er bat mich zu warten. Ich wusste nicht, wohin mit meiner Schuhtüte, und stellte sie in die Ecke. Zeit verging, bald hatte ich jedes Möbelstück betrachtet, mich an das laute Ticken der Wanduhr gewöhnt, die Aussicht aus beiden Fenstern bewundert. Ich war im Begriff, mich bemerkbar zu machen, als die Tür aufging.

»Niemand hat mir gesagt, dass Sie schon da sind!« Lisbeth Zuermatt gab mir die Hand.

Ich war überzeugt, dass sie von meinem Kommen längst unterrichtet war, wahrscheinlich sogar von meiner Ankunft in Saanen. Ich antwortete, in ihrem schönen Haus sei mir die Zeit nicht lang geworden.

»Wir müssen leider mit dem Austragzimmer vorliebnehmen«, sagte sie. »Hinten haben wir einen Wasserrohrbruch.«

In Saanen war mir aufgefallen, dass alte Schweizerinnen oft schlank, ja hager wirkten. Lisbeth Zuermatt jedoch war schwer, auf ihrem Busen prangte eine auffällige Kette, geschliffener Lapislazuli. Sie trug das graue Haar gescheitelt, mit Spangen hinters Ohr gesteckt, und hatte ein meergrünes Kleid an. Sie unternahm nichts, mir den Anfang leichter zu machen, wartete nicht ab, ob ich lieber im Sessel oder auf der Bank Platz nehmen wollte, und beanspruchte die Lederbank für sich.

»Setzen Sie sich doch.« Ihr Gesicht strahlte Wachsamkeit aus. Ich erkannte Pascals Nase an ihr, auch das Kinn.

Es schien mir unsinnig, weiter die Form zu wahren. Sie war seine Mutter, sie hatte ihn geliebt, ich liebte Pascal, wir waren beide traurig, dass er sich von uns entfernt hatte. »Pascal hat viel von Ihnen erzählt«, sagte ich und spürte sofort, es war die falsche Einleitung.

»Ich habe Sie mir kleiner vorgestellt«, sagte Frau Zuermatt. »Pascal hatte eine Vorliebe für kleine Frauen, blonde meistens.«

Sie legte es darauf an, mich als eine von vielen Freundinnen ihres Sohnes hinzustellen. Dabei musste sie wissen, dass er sich damals von Jessica endgültig getrennt hatte, um mit mir zusammen zu sein. Ich hatte mich nicht in seine Ehe gedrängt, trug keine Schuld, ich war von ihm gebeten worden, mein Leben mit ihm zu teilen. Die Sache mit Jessica sei abgeschlossen, hatte er erklärt, ihnen sei es sogar gelungen, sich wie alte Freunde zu trennen. In meiner kleinen Wohnung in Toronto war Pascal auf die Knie gesunken und hatte mich gebeten, seine Frau zu werden. Als ich vor Staunen nicht gleich antwortete, hatte er gesagt, ihm sei der Altersunterschied bewusst, er werde alles tun, sich in Schuss zu halten. Darauf mussten wir lachen, ich hatte ihn gebeten aufzustehen. Der Brillantring, den er formlos aus dem Etui nahm, wurde nie mein Lieblingsring. Erst ein Jahr später schenkte Pascal mir einen schlichten, fein gearbeiteten Goldring, den ich seitdem nicht wieder abgenommen habe. Nachdem ich meine Scheu vor dem großen, dem entscheidenden Lebensschritt verloren hatte, war mir die Heirat mit Pascal einfach und richtig erschienen. Alles war an seiner Seite einfach gewesen; jetzt, ohne ihn, hörte das Einfache auf, die Dinge wurden falsch und kompliziert. Aug in Aug mit seiner Mutter kam ich mir plötzlich wie eine Ehebrecherin vor. Für seine Familie musste ich wie ein Eindringling wirken, das wurde mir so deutlich wie das penetrante Ticken der Uhr. Wie stand seine Mutter zu Pascals Scheidung? Wo war Jessica heute, was hatte sie in den drei Jahren gemacht, die Pascal und ich zusammen gewesen waren? Hatte sie ihn gehasst, mich gehasst, hatte Pascals Familie ihr den Rücken gestärkt? Pascal hatte mir immer nur ausweichende Antworten gegeben. Würde man mir hier mehr erzählen?

Lisbeth Zuermatt musterte meine Frisur. Ich hatte den Kurzhaarschnitt seit jener Nacht in Rio nicht erneuert. Pascal liebte diese etwas zu jugendliche Frisur. Ich hatte meinen Mann verloren, die Jugend war vorbei.

»Nun, Antonia«, sagte Frau Zuermatt.

»Meine Freunde sagen Tony zu mir.«

»Ich bin sicher, dass sie das tun.« Die Herablassung lag nicht in ihrem Ton, nur in der Wortwahl. »Warum erzählen Sie nicht ein wenig von sich?«

Ich hätte ihr Angebot gern für Interesse gehalten, doch es war ihre Art, mich auf Distanz zu halten. Indem ich von meinen deutschen Eltern erzählte, unserem Leben in Kanada, der Krankheit meines Vaters, den Schwierigkeiten, in die seine Firma geschlittert war, indem ich das preisgab, öffnete ich mich, während Frau Zuermatt ihr Haus, ihre Geschichte, ihr Gefühl vor mir verschlossen hielt.

Ich hatte früher nie darüber nachgedacht, was nach Pascals Tod sein würde. Er war Ende vierzig gewesen – wer denkt da an Tod und Testament? Ich hatte nie von ihm versorgt werden wollen und meinen Lebensunterhalt immer selbst bestritten. Seit dem Tag, als wir uns kennenlernten, war Pascal großzügig gewesen, ohne mir das Gefühl zu geben, ich sei abhängig von ihm. Sein Reichtum hatte kaum Bedeutung für mich gehabt, jetzt aber, im Vorzimmer seines Elternhauses, bekam es Wichtigkeit. Ich saß seiner Mutter gegenüber und spürte, darum würde es gehen, vor allem darum, ob ich vorhatte, Ansprüche zu stellen.

»Pascal ist tot«, sagte Lisbeth Zuermatt, nachdem ich nichts mehr zu erzählen wusste. »Wir müssen uns damit abfinden und weiterleben. Alles andere können wir erst erörtern, wenn er offiziell für tot erklärt wurde.«

Es war ein Schlag ins Gesicht. Ich war gekommen, um Rat und Nähe bei der Mutter meines Mannes zu suchen. Sie führte mir vor Augen, dass ich nicht auf derselben Stufe der Trauer stand wie sie. Sie gewährte mir dieses eine Gespräch, danach würde ich mit Pascals Familie nichts mehr zu tun haben. So wie sie bisher aus der Ferne mit mir kommuniziert hatten, über ihren Anwalt, so wollte Lisbeth es belassen. Ich war überzeugt, auch für später, wenn ich ein Recht haben würde, Ansprüche zu stellen, war bereits alles mit dem Anwalt geklärt worden.

»Ich glaube nicht, dass Pascal tot ist«, sagte ich. Meine Stimme war rau, das Ticken der Uhr schien mir fast unerträglich.

»Wie kommen Sie darauf?« Sie hob das Kinn, ihr Blick blieb nüchtern. »Drei Monate sind wir ohne Nachricht von ihm, drei lange Monate.«

»Seine Leiche wurde nicht gefunden.«

»Das ist häufig bei Unfällen im Meer.«

»Es gibt andere Tatsachen, die mir merkwürdig vorkommen.«

»Was für Tatsachen?« Sie schien mit einem Mal aufmerksamer.

»Am letzten Tag, als er zum Tauchen aufbrach, nahm er seine Kamera mit, eine teure Unterwasserkamera. Die Polizeitaucher haben die Höhle gründlich abgesucht, später auch das Team, das ich beauftragt habe. Keiner von ihnen hat die Kamera gefunden.«

»In einer Höhle unter Wasser?« Sie schüttelte den Kopf. »Das kommt mir nicht sehr unwahrscheinlich vor.«

»Wo sein Atemgerät gefunden wurde, ist der Boden steinig«, fuhr ich fort. »Die Kamera hätte entdeckt werden müssen. Wieso wurden außerdem nur die Druckluftflaschen gefunden und keine anderen Ausrüstungsgegenstände?«

»Es gibt dafür bestimmt eine vernünftige Erklärung.« Mit einer ungeduldigen Bewegung berührte sie ihre Kette.

»Pascal kannte die Höhle gut. Es ist mir unbegreiflich, warum er zwischen die Felsen getaucht sein soll. Jeder Anfänger weiß, dass man sich vor engen Schächten fernhält. Dazu kommt, dass die Höhle nicht tief liegt. Ein geübter Schwimmer hätte die Oberfläche auch ohne Atemgerät erreichen können.«

Mit einem rasselnden Geräusch ließ sie die Kette los. »Wir wissen nicht, was dort unten geschehen ist. Vielleicht ein Krampf, vielleicht ein Kreislaufkollaps – niemand weiß das.«

»Wieso hatte er dann Zeit, die Flaschen abzuwerfen und fortzuschwimmen? Denn das muss er getan haben, sonst hätte man seinen Körper gefunden.«

»Ich kenne mich mit diesen Dingen nicht aus«, sagte sie unerwartet schroff. »Das Ganze regt mich zu sehr auf. Verstehen Sie, ich will davon nichts mehr hören. Pascal ist fort, und wir müssen es hinnehmen. Wir müssen!« Bei diesen Worten kam sie hoch, ihr Atem ging heftig.

Ich dachte an Roman Zuermatts Worte, der seiner Mutter die Aufregung hatte ersparen wollen. Zugleich war ich froh, sie aus der Reserve gelockt zu haben. »Wünschen Sie sich nicht auch, dass Pascal lebt?« Ich stand ebenfalls auf.

»Sie sind ein energischer Mensch, Antonia, ich kann mir vorstellen, dass Pascal gerade das an Ihnen fasziniert hat.« Ihr Blick wurde weicher, einen Augenblick sah es aus, als würde sie meine Hand berühren. »Aber wenn Sie ehrlich in sich hineinhorchen, glauben Sie dann nicht auch, dass sein Tod die wahrscheinlichste aller Möglichkeiten ist?«

Ich spürte hektische Flecken auf meinen Wangen. »Nein, das glaube ich nicht. Ich habe mit anderen Tauchern gesprochen. Sie bestätigen meine Zweifel. Ein Strömungsexperte aus der Gegend hat mir Karten gezeigt. Pascal könnte hinausgetrieben worden sein, aufs offene Meer, ein Schiff könnte ihn geborgen haben, er könnte …«

»Bei all dem Wenn und Aber bleibt eine entscheidende Frage offen.« Lisbeth fasste mich an der Schulter. »Wenn er überlebt hat, wieso hat er sich dann nicht gemeldet? Weder bei Ihnen, noch bei mir?«

Ich wollte erklären, was ich mir zurechtgelegt hatte, was auf meinen Zetteln stand: Fälle von Gedächtnisverlust infolge eines Unfalls waren bekannt, Schädigung des Gehirns durch Sauerstoffentzug. Es gab viele mögliche Antworten auf die Frage, weshalb Pascal mir bis heute kein Lebenszeichen gegeben hatte. Ich spürte ihre Hand auf meiner Schulter, den Druck und zugleich die Beruhigung. Ich antwortete nicht.

»Solche Schläge hält das Leben für uns bereit.« Sie nickte, als ob sie mein Dilemma spürte. »Auch ich habe meinen Mann in jungen Jahren verloren. Ich bin darüber hinweggekommen.« Ihre Augen waren ernst und voll Gefühl. »Ich hoffe nur, es gab nichts Unausgesprochenes zwischen Pascal und Ihnen, bevor er verunglückte.«

»Nein«, antwortete ich. »Rio war für uns eine unsagbar schöne Zeit.«

»Nehmen Sie ihn so mit, wie Sie ihn in Erinnerung haben.« Sie trat zurück. »Mehr können Sie nicht tun.«

In diesem Augenblick gab ich ihr recht. Zum ersten Mal in drei Monaten ließ ich in mir die Möglichkeit zu, dass ich einem Phantom auf der Spur war, einem erhofften Geheimnis, das nicht existierte, außer in meiner Fantasie. Die Wirklichkeit in dem kargen Zimmer, Pascals Mutter, die sich überraschend verständnisvoll zeigte, ließen meine Hoffnungen und Tagträume ins Wanken geraten. Für alle anderen war Pascals Tod Gewissheit – wieso klammerte ich mich an das Unmögliche? Warum kehrte ich nicht in mein Leben zurück, mein früheres Leben, wandte mich ab von Pascal, den ich jetzt erst wirklich verlor? Während ich mit dieser Erkenntnis rang, spürte ich, unser Gespräch war zu Ende. Ich begriff zugleich, warum Pascal die Verbindung zwischen seiner Familie und mir stets verhindert hatte, diese Verbindung war nicht erwünscht gewesen. Vielleicht hatte er sich wegen der Scheidung von Jessica mit seiner Mutter überworfen, oder es gab einen anderen Grund. Heute spielte es keine Rolle mehr. Nach seinem Tod bestand für die Zuermatts erst recht kein Anlass, das Versäumte nachzuholen.

Ein paar Sätze noch, dann dankte ich seiner Mutter und ging, fremd, wie ich gekommen war, mit meiner lächerlichen Schuhtüte in der Hand. In meinem aufgewühlten Zustand lief ich die wenigen Kilometer nach Saanen zu Fuß und merkte erst beim Abstieg in die Schlucht, dass es besser war, in die festen Wanderschuhe zu schlüpfen.

4

Der Schrank war halb geleert, der Koffer halb voll. Ich wusste noch nicht, wie ich dem Vermieter meinen überstürzten Aufbruch erklären, ob ich von der Miete etwas zurückbekommen würde. Eine Woche hatte ich in der Schweiz bleiben wollen, nun hielt mich nichts mehr. Zum ersten Mal fühlte ich nicht mehr den Schmerz, alleingelassen zu sein, sondern erkannte die Tatsache an, dass es so war. Die irrige Hoffnung, falls ich mich nur genügend anstrengen würde, wäre Pascals Tod aufzuheben, kam mir in den Minuten, als ich mein Quartier räumte, so verrückt vor, dass ich mehrmals den Kopf schüttelte. Meinen Zetteln schenkte ich keinen Blick, raffte sie zusammen und warf sie in den Koffer. Es war billiger, einen neuen Flug zu buchen, als den bestehenden zu ändern. Allerdings gab es keine Verbindung mehr, die ich heute noch erreichen würde, weder von Genf noch von Basel aus.

Wozu die Hektik, dachte ich, wieso willst du aus der schönen Gegend fluchtartig aufbrechen, warum nicht noch eine Nacht, einen Abend in Saanen verbringen? Aber nicht an diesem finsteren, unattraktiven Ort. Ich verspürte plötzlich Lust, etwas Ungewöhnliches zu tun. Ein bisschen Luxus wollte ich mir gönnen, statt die düstere Pflicht zu erfüllen, die mich hergebracht hatte. Einen Abend lang wollte ich es genießen, als Flachland-Kanadierin in den Alpen zu sein. Ich buchte im Hotel Solsana ein Zimmer, packte meine restlichen Sachen ein, verhandelte mit dem Vermieter, der mir netterweise nur zwei Nächte berechnete, und bat ihn, mir ein Taxi zu bestellen. Der Wagen kam, ich sah den Mann vor seinem düsteren Haus zurückbleiben, während das Taxi die Straße hochfuhr, Schleife um Schleife ins Sonnenlicht, bis wir Saanen erreichten und vor dem Solsana hielten. Es lag erhöht über der Ortschaft, war ein ehrwürdiges Gebäude, im Inneren leider ernüchternd modern. Ich nahm ein Zimmer für eine Nacht und begutachtete im Prospekt, was das Hotel zu bieten hatte. Ich lieh mir an der Rezeption einen Badeanzug, schlüpfte in einen weißen Frotteemantel und ging ins Hallenbad. Danach wirst du hungrig sein, dachte ich, wirst dich über Rösti und Ochsenschwanz und die anderen Köstlichkeiten hermachen, von denen Pascal dir vorgeschwärmt hat.

Das Wasser war für meinen Geschmack zu warm. Als Einzige zog ich meine Bahnen; die anderen Gäste waren wahrscheinlich draußen, unternahmen Wanderungen und Bergtouren. Hätte mein Schweizbesuch nicht unter diesem unglücklichen Stern gestanden, wäre ich zu gern auf Erkundungstour gegangen. Aber so stand fest, dass ich am nächsten Tag abreisen würde. Eine Erschütterung zeigte an, dass jemand ins Becken gesprungen war. Nach der nächsten Wende sah ich einen Mann, er schwamm auf der Außenbahn im Schmetterlingsstil.

Eine Viertelstunde später stieg ich aus dem Becken und wollte unter die Dusche.

»Gerade erst angekommen?« Der Mann hielt sich am Beckenrand fest und nahm die Schwimmbrille ab. »Ich habe Sie noch nie hier gesehen.« Schwungvoll kam er aus dem Wasser.

»Ich bin auf der Durchreise.« Ich strubbelte mein Haar.

»Hier reist man nicht durch«, antwortete er. »Wer nach Saanen kommt, will nirgendwo anders hin.« Er mochte kaum älter sein als ich, sportlich, kleiner als Pascal. Dieser Mann hatte einen geschmeidigen Körper, helles Haar, das bereits schütter wurde.

»Stimmt, das Saanenland ist wunderbar.« Ich wollte weiter.

»Sie stammen nicht aus der Schweiz.« Er folgte mir zu den Duschen.

Ich drehte mich um. Beim Schwimmen ging es normalerweise schweigsam zu. Man kam und schwamm, es war ungewöhnlich, dass jemand hier ein Gespräch suchte.

»Sie haben recht, ich bin nicht von hier.« Ich ging weiter.

»Österreich?« Obwohl die Bereiche für Männer und Frauen sich trennten, blieb er an meiner Seite.

»Warum wollen Sie das wissen?«

»Ihre Sprache klingt ungewöhnlich. Ich kann Ihren Akzent nicht einordnen.«

Ich musste an meine Mutter denken, die mir ihre Sprache gleichsam vererbt hatte, den Schatz der deutschen Sprache, gesprochen in einem fremden Land. Wie konnte der Fremde in der Badehose das nach wenigen Sätzen erkannt haben?

»Ich stamme aus Kanada, meine Eltern waren Einwanderer.«

Er wischte Wassertropfen von der Stirn. »Darauf wäre ich nicht gekommen.«

»Sind Sie öfter hier?«

»Jedes Jahr.«

»Von wo kommen Sie?«

»Frankfurt.«

»Frankfurt? Dort habe ich …« Keine vorschnelle Vertraulichkeit, dachte ich. Wozu sollte ich ihm auf die Nase binden, dass Pascal dort eine Villa besaß?

»Kennen Sie Frankfurt?«

»Flüchtig.«

Wir standen vor dem Frauenbereich; ich wollte nun weiter.

»Klettern Sie?«, fragte er, als suche er nach einem Thema, mich aufzuhalten.

Mit dem Zeh verwischte ich die Pfütze, die unter mir entstand. »Klettern, wieso?«

»Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass hier einige ansehnliche Berge stehen.« Er grinste.

»Das machen Sie also in Saanen – Sie klettern auf Berge?«

»Es gibt nichts Schöneres.«

Bevor er weitersprechen konnte, nickte ich ihm zu, verschwand um die Ecke, drehte das heiße Wasser auf und hielt das Gesicht in den Strahl.

Meine Haut spannte vom Chlorwasser; auf dem Zimmer cremte ich mich ein, legte mich aufs Bett und wartete, dass ich müde wurde. Ich war seltsam aufgedreht, musste an den Deutschen denken, den ich wahrscheinlich nicht wiedersehen würde. Morgen ging ein Flug von Genf nach Toronto. Er war zwar ausgebucht, aber man hatte mir Hoffnung gemacht, dass die Warteliste nicht lang sei.

Ich zog mich an und erkundigte mich an der Rezeption nach einem Restaurant. Als ich das Hotel verließ, tauchte die untergehende Sonne das Panorama in einen leuchtenden Brand. Es war, als stünden die Gipfel in Flammen. Ich setzte mich auf eine Bank im Hotelpark, schaute und staunte, bis alles vorbei und das Licht grau und violett geworden war.

Das gesuchte Restaurant hieß Alpenrösli. Ich fürchtete kitschige Folklore, doch es war moderner als sein Name und sehr gut besucht. Der Kellner fragte, ob ich reserviert hätte, und sah sich besorgt um, wo er mich platzieren könnte.

»Ich müsste Sie irgendwo dazusetzen.«

Mein Blick glitt über Familien, Ehepaare, eine Stammtischrunde in der Ecke. »Danke, nein, dann werde ich lieber …« Ich war enttäuscht, überlegte, wie ich den Abend retten sollte, und ärgerte mich, nicht vorbestellt zu haben. Hinter mir ging die Tür auf.

Es war der Deutsche. Ich blieb unentschlossen stehen, als er den Kellner nach einem Tisch fragte. Ihm erging es genauso wie mir.

»Sieht ziemlich voll aus«, sagte er. Unsere Blicke begegneten einander.

»Verfolgen Sie mich?«

»Saanen ist nicht groß.« Er lächelte. »Das Alpenrösli ist ein Geheimtipp.« Er trug einen Leinenanzug, ein Pflaster auf seiner Wange zeigte, er hatte sich beim Rasieren geschnitten. Sein Haar war so frisiert, dass es fülliger wirkte.

»Leider haben wir heute …« Noch einmal hob der Kellner bedauernd die Schultern.

»Ich bleibe nicht, vielen Dank.« Ich verließ das Lokal. Gleich darauf hörte ich Schritte.