Beschreibung

»Max hat aber angefangen!«, »Hausaufgaben sind doof!« - Stoff für Zoff gibt es im Alltag mit Kindern zur Genüge: von den Pflichten im Haushalt über Fernseh- und Computerzeiten bis hin zu Schimpfwörtern, Wutanfällen oder endlosen Streitigkeiten zwischen Geschwistern. Rita Steininger, selbst Mutter zweier Söhne, zeigt anhand typischer Beispiele aus dem Familienalltag und mit Hilfe vieler konkreter Tipps, wie Eltern ein respektvolles Miteinander in der Familie ermöglichen. So können sie die Konflikte mit ihren Kindern ohne Schimpfen und Strafen souverän und gelassen meistern.

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Cover

Haupttitel

Inhalt

Über die Autorin

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Rita Steininger

Das Einmaleins des fairen Streitens

Wie Sie Konflikte mit Ihren Kindern konstruktiv lösen

Patmos Verlag

Inhalt

Einleitung: Konflikte mit Kindern im Schulalter

Stoff für Zoff: die klassischen Streitthemen

Respekt und Ermutigung: zwei Grundpfeiler der Erziehung

Zu diesem Buch

Teil 1 Grundlagen für den Umgang mit Konflikten

1. Richtig miteinander reden

Das »Du«, das »Man«, das »Wir« und das »Ich«

Aktiv zuhören, Gesprächskiller meiden

Vorsicht, Stolperfallen!

2. Die Rolle von Gefühlen

Hören mit vier Ohren: So entstehen Missverständnisse

Entmutigung – ein Nährboden für Konflikte

Gefühle verstehen und aushalten

3. Kinder brauchen Grenzen

Nein sagen – freundlich, aber bestimmt

Vorsicht, Machtkampf!

Störungen stoppen – auf eins, zwei, drei

Was tun, wenn ein Streit eskaliert ist?

4. Regeln aufstellen, Folgen zulassen

Welche Regeln sollen gelten?

Wie setzen Eltern Familienregeln durch?

Kinder lernen aus den Folgen

Schluss mit dem schlechten Gewissen!

5. Mediation – die hohe Kunst des Streitschlichtens

Die Rolle des Streitschlichters

Offene Fragen halten das Gespräch am Laufen

Gewaltfreie Kommunikation: die Sprache der Giraffe

6. Gemeinsam entscheiden im Familienrat

Bewährte Regeln für einen funktionierenden Familienrat

Für ein demokratisches und gleichberechtigtes Miteinander

Teil II Konfliktlösung im Familienalltag

1. »Hast du mein Matheheft gesehen?« – selbstständig werden

Der Bus wartet nicht

Pass auf deine Sachen selbst auf

Das lästige Zähneputzen

Verdruss mit dem Musikus

Keine Lust auf Kursstunden

2. »Immer ich!« – Verantwortung übernehmen

Lästige Haushaltspflichten

Wer versorgt das Haustier?

Chaos im Kinderzimmer

3. »Ihr seid so was von gemein!« – wüten, lamentieren, lügen, provozieren

»Lass mich, ich will das jetzt!«

Ärger bei den Mahlzeiten

»Die anderen kriegen alles, nur ich nicht!«

Schimpfwörter und Beleidigungen

Wutausbrüche und Aggressionen

Lügen, dass sich die Balken biegen

Miese Stimmung

4. »Paul hat angefangen!« – wenn Geschwister streiten

Die alltäglichen Rangeleien

Blöde Kuh kämpft gegen Dummkopf

Tauziehen um die Elternliebe

5. »Null Bock auf Schule!« – der Stress mit dem Lernen

Die Pflicht ruft vergebens

Das Drama mit den Noten

Schuleschwänzen

6. »Der Luka ist echt krass!« – schwierige Gefährten

Ob diese Freundschaft gut ist?

Jungenkämpfe, Mädchenkriege

Gewalt und Schülermobbing

7. »Jetzt lasst mich doch mal chillen!« – Stubenhockers Freizeitvergnügen

Es flimmert der Bildschirm

Computersüchtig?

Volle Dröhnung

8. »Ihr versteht mich einfach nicht!« – die Pubertät beginnt

»Mann, ihr seid echt peinlich!«

Badezimmerrituale

Problematische Kleiderwahl

Nie mehr ohne Handy

Wenn das Taschengeld nicht reicht

»Wo warst du so lange?«

Vernebelte Sinne

Anmerkungen

Literatur

Adressen

Adressen von Institutionen

Links

Dank

Für Elisabeth und Ludwig

Einleitung: Konflikte mit Kindern im Schulalter

»Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer.« Diese Kritik an der Jugend entstammt nicht etwa der jüngsten Tyrannen-Debatte – sondern geht zurück auf Sokrates (469–399 v. Chr.), den großen Philosophen der griechischen Antike. Das beweist: Konflikte gehören seit eh und je zum Erziehungsalltag und zu allen Zeiten hatten Eltern Probleme mit ihren Kindern. Familienkonflikten können wir nicht ausweichen – doch wir können lernen, mit ihnen umzugehen.

Stoff für Zoff: die klassischen Streitthemen

Wie sich das Zusammenleben in einer Familie abspielt, hängt zu einem großen Teil von der jeweiligen Entwicklungsphase des Kindes bzw. der Kinder ab. Anders ausgedrückt: Jedes Alter und jeder Entwicklungs­abschnitt birgt seine eigenen Konfliktthemen.

Dabei sind die Anlässe für Konflikte mit Kindern im Schulalter auf den ersten Blick durchaus vergleichbar mit denen im Kleinkind- und Vorschulalter (sieht man einmal vom Ausnahmezustand der sogenannten »Trotzphase« ab): Nach wie vor entzünden sich Eltern-Kind-Konflikte an klassischen Themen wie Aufräumen und Zähneputzen, Fernseh- und Computerzeiten, Tischmanieren und Schimpfwörtern oder den ewigen Streitigkeiten zwischen Geschwistern.

Doch im Lauf der Schulzeit kommen immer neue Themen hinzu: sei es der regelmäßige Besuch von Nachhilfe- und Übungsstunden, die Erledigung der Hausaufgaben, die Versorgung des Haustiers oder die steigenden Konsumansprüche der Kinder. Gar nicht erst zu reden von den Problemen, die mit der Phase der Pubertät einhergehen – ein Entwicklungsabschnitt, der bei Kindern heutzutage um einiges früher beginnt als noch vor wenigen Jahrzehnten und der in der Regel von heftigen Gefühlsausbrüchen und Stimmungsschwankungen, von Auflehnung gegen die Eltern und der Suche nach der eigenen Identität charakterisiert ist.

Respekt und Ermutigung: zwei Grundpfeiler der Erziehung

Im Lauf der Zeit haben sich die vorherrschenden Erziehungsstile immer wieder gewandelt. Lange Zeit galt in unserer Gesellschaft die autoritäre Erziehung als angemessener Umgang mit dem Nachwuchs. In den Sechzigerjahren wurde er abgelöst durch den sogenannten »permissiven Erziehungsstil« (besser bekannt als »antiautoritäre Erziehung«), der Kindern keine Grenzen setzte, sondern sie einfach gewähren ließ.

Beide Erziehungsstile haben ausgedient. Heute wünschen sich Eltern vor allem eine Erziehungsmethode, die ohne Schimpfen und Strafen auskommt, ganz zu schweigen von körperlicher Züchtigung. Was diese betrifft, so ist seit November 2000 die körperliche Bestrafung von Kindern durch ihre Eltern ohnehin per Gesetz verboten.

Tatsächlich gibt es ein Erziehungskonzept, das die Ansprüche und Erwartungen der Eltern heute erfüllen kann. Es geht auf den Begründer der Individualpsychologie, Alfred Adler (1870–1937), und dessen Schüler, den Psychologen, Pädagogen und Psychiater Rudolf Dreikurs (1897–1972), zurück – und ist damit keineswegs neu, sondern schon etliche Jahrzehnte alt.

Einer der Schlüsselbegriffe dieses Erziehungskonzepts lautet »Ermutigung«. Rudolf Dreikurs zufolge brauchen Kinder Ermutigung anstelle von Kritik und Zurechtweisung, damit sie Selbstvertrauen entwickeln und ihre Fähigkeiten entfalten können.

Ein weiterer zentraler Begriff des Adler-Dreikurs-Konzepts ist »Re­spekt«. Eltern sollten sich bei all ihren Vorgehens- und Verhaltensweisen fragen, ob sie sich dem Kind gegenüber respektvoll verhalten. Dazu gehört, seine Bedürfnisse zu beachten, es in seinen Fähigkeiten zu bestärken, es mit seiner Persönlichkeit anzunehmen, es weder zu überfordern noch zu unterfordern, es weder auf ein Podest zu stellen noch es zu erniedrigen.

Aber auch mit sich selbst sollten Eltern respektvoll umgehen, indem sie auf die Einhaltung von Grenzen und Regeln bestehen und auf ihre eigenen Bedürfnisse achten.

Das Adler-Dreikurs-Konzept hat sich über Jahrzehnte bewährt; deshalb haben es namhafte Psychologen und Pädagogen weltweit übernommen, weiterentwickelt und ergänzt. Zu ihnen gehören Dr. Don Dinkmeyer sr., Dr. Gary D. McKay und Dr. Don Dinkmeyer jr., die in den USA das Elterntraining »STEP« (Systematic Training für Effective Parenting) entwickelt haben, das Eltern zu mehr Erziehungskompetenz und damit zu mehr Gelassenheit im Alltag verhelfen soll;1 ebenso gehört dazu der Niederländer Theo Schoenaker, der das Encouraging-Elterntraining »Schoenaker Konzept®« begründet hat.2 Ihren Veröffentlichungen und weiteren Publikationen verdankt das vorliegende Buch viele wertvolle Anregungen.

Zu diesem Buch

Ziel dieses Buchs ist es, Eltern zu einem wertschätzenden Erziehungsstil zu ermutigen, bei dem sich Schimpfen und Strafen weitgehend erübrigen und mit dem sich Konflikte im Familienalltag fair und liebevoll lösen lassen.

Teil 1 des Buchs widmet sich dabei den theoretischen Grundlagen: Welcher Kommunikationsstil sollte innerhalb der Familie vorherrschen? Wie setzen Eltern ihren Kindern klare Grenzen, wie erreichen sie, dass der Nachwuchs kooperiert und sich an Regeln hält? Wie lassen sich Streitigkeiten zwischen Geschwistern schlichten?

Teil 2 befasst sich mit den alltäglichen Konflikten zwischen Eltern und Kindern, führt typische Beispiele an und zeigt mögliche Lösungswege auf. Dabei handelt es sich keineswegs um Patentlösungen, denn viele Wege führen zum Ziel, wie auch die Erfahrungsberichte von Eltern in einzelnen Praxiskapiteln zeigen (die Namen der Eltern und Kinder in den Erfahrungsberichten sind alle geändert). Nicht zuletzt sind diverse Expertentipps in die Kapitel eingeflossen, die weitere Möglichkeiten aufzeigen, bestehende Eltern-Kind-Konflikte konstruktiv zu lösen.

Allen Eltern, die sich für den Weg der Konfliktlösung auf der Basis einer ermutigenden, respektvollen Erziehung entschieden haben, wünsche ich dabei gutes Gelingen, viel Freude und ein erfülltes Familien­leben.

Rita Steininger

Teil 1 Grundlagen für den Umgang mit Konflikten

1. Richtig miteinander reden

Kommunikation ist der Schlüssel zu jeder guten Beziehung. Das gilt besonders für die Beziehungen innerhalb der Familie. Es lohnt sich daher, einmal einen prüfenden Blick auf das eigene Kommunikationsverhalten zu werfen: Drücke ich mich meinem Kind gegenüber klar und verständlich aus? Kann ich zuhören, wenn mein Kind mir etwas sagen will? Verhalte ich mich in Konfliktsituationen fair und respektvoll gegenüber meinem Kind? Gerade der letzte Punkt spielt eine entscheidende Rolle. Denn solange die Atmosphäre in der Familie friedlich und entspannt ist, fällt es uns als Eltern leicht, fair und gelassen zu bleiben. Bringt uns das Kind jedoch derart aus der Fassung, dass uns plötzlich alle Sicherungen durchbrennen, kann es schnell passieren, dass wir heftiger als beabsichtigt reagieren und das Kind damit einschüchtern oder verletzen.

In diesem Kapitel finden Sie wichtige Gesprächsregeln für den Familienalltag, die Ihnen helfen, die Kommunikation und damit die Beziehung zu Ihrem Kind gezielt zu verbessern. Beobachten Sie sich selbst auch im Hinblick auf mögliche Kommunikationsfehler und versuchen Sie, in entspannten Momenten gezielt daran zu arbeiten. Ein paar Übungen in diesem Kapitel können Ihnen dabei helfen.

Das »Du«, das »Man«, das »Wir« und das »Ich«

»Du benimmst dich unmöglich!« – »Du musst dir mehr Mühe geben!« Kommen Ihnen solche Sätze bekannt vor? Viele Erwachsene kennen sie nur zu gut aus ihrer eigenen Kindheit. Es gehörte früher nun einmal zur gängigen Erziehungsauffassung, dass man Kinder ermahnen, korrigieren und belehren müsse, um ihnen ordentliches Benehmen beizubringen. Und an der Absicht selbst gibt es ja auch nichts auszusetzen.

Dennoch sind Du-Botschaften wie die obigen Beispielsätze im Erziehungsalltag mit Vorsicht zu gebrauchen. Denn in Stress- und Konflikt­situationen können sie eine sehr ungute Wirkung entfalten.

Das »Du« erzeugt Abwehr

Stellen wir uns folgende Szene vor: Der Vater kommt von der Arbeit nach Hause und bemerkt auf dem Weg vom Gartentor zur Haustür ein Getuschel hinter der Hecke am Gartenzaun. Er beschließt nachzusehen und kann seinen achtjährigen Sprössling und dessen Spielkameraden gerade noch davon abhalten, einen aufgetürmten Haufen aus Papier und dürren Zweigen in ein Lagerfeuer zu verwandeln. »Du bist wohl total übergeschnappt!«, schreit der Vater entsetzt. »Hast du denn keinen Funken Verstand? Na warte, gleich kannst du was erleben!«

So gut man die Schreckreaktion des Vaters verstehen kann, nützen dürfte sie wenig. Mit seinem Geschimpfe wird der Vater den Junior kaum zur Vernunft bringen können. Und das liegt sicher nicht allein am wütenden Tonfall, sondern ebenso daran, dass die Sätze des Vaters alle als Du-Botschaften formuliert sind. Das heißt, es handelt sich durchweg um Äußerungen, die ausschließlich das Gegenüber betreffen.

Nun haben Du-Botschaften besonders in Stresssituationen die ungünstige Eigenschaft, dass sie, wie in unserer Beispielszene, oft Herab­setzungen und Drohungen enthalten. Manchmal schwingen in solchen Sätzen auch Vorwürfe mit, etwa auf die Art: »Du machst doch immer nur Unfug!« All das erzeugt beim Kind Abwehr, Entrüstung oder Angst, ganz sicher jedoch nicht die erhoffte Einsicht und Kooperation.

Anders verhält es sich mit Ich-Botschaften: Sie drücken Wünsche und Stimmungen aus, ohne den anderen zu verletzen. Entscheiden Sie selbst, welche Aussage wahrscheinlich eine bessere Wirkung erzielt: »Du bist wohl total übergeschnappt, hier ein Feuer zu machen!« Oder: »Ich dulde kein Spiel mit dem Feuer, das ist zu gefährlich!«

Das »Man« spielt Verstecken

Auch solche Sätze klingen vielen Erwachsenen noch aus ihrer Kindheit in den Ohren: »So was tut man nicht!« – »Kann man sich denn gar nicht auf dich verlassen?« Fragt sich nur, wer »man« ist.

Natürlich können Kinder im Schulalter die Person hinter einem »Man« meist identifizieren. Dennoch handelt es sich bei Man-Formulierungen um sprachliche Versteckspiele. Wer sie gebraucht, neigt dazu, sich in Verallgemeinerungen zu flüchten. Etwa auf die Art: »Ich sehe die Sache so, wie sie jeder andere sieht.« Das verleiht dem Standpunkt des Sprechers vermeintlich größeres Gewicht. Doch gerade deshalb stoßen Verallgemeinerungen beim Adressaten häufig auf Abwehr, vor allem, wenn sie mit Kritik gepaart sind.

Die Empfehlung lautet daher: Nennen Sie das »Man« beim Namen. Sagen Sie nicht: »So was tut man nicht!«, denn damit machen Sie Ihrem Nachwuchs den versteckten Vorwurf, dass er gegen eine Benimmregel verstößt, die jedes kleine Kind kennt. Sagen Sie stattdessen: »Ich mag das nicht!« Damit verdeutlichen Sie, wo für Sie die Grenze des Tolerablen liegt, die Ihr Kind nicht überschreiten sollte.

Bessere Alternativen gibt es auch für den Satz: »Kann man sich denn gar nicht auf dich verlassen?« Wie wäre es beispielsweise mit der Formulierung: »Ich möchte mich auf dich verlassen können.«

Genau wie bei Du-Botschaften empfiehlt es sich, Man-Sätze in Ich-Sätze umzuwandeln. Auf diese Weise bringen Sie Ihren persönlichen Wunsch oder Standpunkt zum Ausdruck, anstatt sich hinter einer vorgeblichen Kollektivmeinung zu verstecken, die es in Wahrheit nicht gibt.

Wollen wir oder will ich?

Auf etwas andere Art als bei Man-Formulierungen besitzt auch das Wörtchen »wir« eine verschleiernde Wirkung. Angenommen, die Mutter sagt zu Ihrer Tochter: »Nun beeil dich doch, wir wollen schließlich pünktlich aus dem Haus kommen.« In diesem Fall könnte es passieren, dass das Kind ungerührt zurückgibt: »Du vielleicht, ich nicht!«

Das »Wir« täuscht im geschilderten Beispiel eine Gemeinsamkeit vor, die in Wirklichkeit nicht existiert. Ersetzt die Mutter hingegen das Wort durch ein »Ich«, überlässt sie dem Kind die Entscheidung, sich ihrem Standpunkt anzuschließen oder nicht.

Ein Kind braucht dieses Zugeständnis, damit es sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickeln kann. Anstatt es mit einem »Wir« zu vereinnahmen, sollten ihm die Eltern Raum für eigene Entscheidungen überlassen. Damit beweisen sie dem Kind ihren Respekt und ihre Wertschätzung.

Was das »Ich« so wertvoll macht

Wie Sie sehen, haben Ich-Botschaften im Vergleich zu Formulierungen mit »Du«, »Man« oder »Wir« einen entscheidenden Vorteil: Der Sprecher, die Sprecherin bringt damit die eigenen Wünsche, Gefühle und Stimmungen zum Ausdruck, anstatt das Gegenüber anzugreifen, wie es bei Du-Botschaften häufig passiert.

Gerade in Problem- und Stresssituationen können Ich-Botschaften demnach helfen, Spannungen zu vermeiden und den Weg zu einer einvernehmlichen Lösung zu ebnen. Denn wenn die Eltern bei einem unliebsamen Vorfall darauf verzichten, das Kind mit Vorwürfen, Herabsetzungen oder Drohungen zu überhäufen, geben sie ihm die Chance, sich kooperativ zu verhalten. Es fühlt sich nicht in die Enge getrieben, muss sich nicht verteidigen und wird deshalb eher bereit sein, einen begangenen Fehler wiedergutzumachen.

Mit Ich-Botschaften schaffen Eltern nicht zuletzt eine Atmosphäre des Vertrauens. Denn sie bedeuten ihrem Kind damit: »Ich traue dir zu, dass du meine Bedürfnisse verstehst und respektierst.« Das ist ein schönes Zeichen von Anerkennung.

Ich-Botschaften sind nicht nur in Konfliktsituationen zu empfehlen. Auch ein Lob klingt manchmal besser in Form einer Ich-Botschaft. »Ich bin richtig stolz auf dich!« – drückt ein solcher Satz nicht viel mehr Zuneigung und Wertschätzung aus als »Du bist super!«?

Tipp: Lernen Sie, Ich-Botschaften zu verwenden

Wenn Sie wie viele Erwachsene jahrzehntelang Du-Botschaften verwendet haben, werden Sie feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, plötzlich auf Ich-Botschaften umzusteigen. Doch es lohnt sich, denn Sie können die Beziehung zu Ihrem Kind dadurch wesentlich verbessern. Allerdings genügt es nicht, einen Satz anstatt mit »Du« einfach mit »Ich« zu beginnen; dahinter könnte sich trotzdem eine verkappte Du-Botschaft verbergen. (»Ich finde dich unverschämt« sagt nahezu das Gleiche aus wie »Du bist unverschämt«.) Dennoch kann ein konsequentes »Ich« am Satzanfang zumindest den Einstieg beim Erlernen von Ich-Botschaften erleichtern.

Dabei hilft Ihnen auch die folgende Übung. Versuchen Sie, jeder Du-Botschaft eine Ich-Botschaft gegenüberzustellen, so wie bei den ersten zwei Beispielsätzen. Achten Sie darauf, dass in Ihren Ich-Sätzen keine negative Bewertung des Gesprächspartners zum Ausdruck kommt, und formulieren Sie stattdessen eigene Bedürfnisse und Wünsche.

»Du Faulpelz tust überhaupt nichts!« – »Ich brauche deine Hilfe!«

»Du isst wie ein Ferkel!« – »Ich möchte, dass du die Serviette benutzt!«

»Du bist vielleicht begriffsstutzig!« – …

»Du führst dich auf wie ein Wilder!« – …

»Du störst entsetzlich!« – …

»Du machst doch immer nur, was du willst!« – …

»Du bist dermaßen unverschämt!« – …

»Du bringst mich zur Verzweiflung!« – …

Aktiv zuhören, Gesprächskiller meiden

Es gibt in der Eltern-Kind-Kommunikation noch andere Verhaltensweisen, die wir von der Generation unserer Eltern und Großeltern erlernt haben. So neigen wir oft dazu, im Gespräch mit dem Kind das Wort zu führen. Schließlich haben wir unserem Nachwuchs an Wissen und Erfahrung einiges voraus und glauben daher, es besser zu wissen. Dabei passiert es allerdings leicht, dass wir das Gespräch mit dem Kind schon im Ansatz blockieren. Denn wenn wir das Wort an uns reißen, fühlt sich das Kind als Gesprächspartner nicht ernst genommen. Wir sollten daher einen Weg finden, unserem Kind zu zeigen, dass wir es verstehen und seine Gefühle respektieren. Das gelingt, indem wir aktiv zuhören.

Ein Beispiel: Der achtjährige Sohn kommt mit grimmigem Gesicht vom Fußballtraining und schimpft: »Mit diesen Idioten spiele ich nicht mehr.« Anstatt zu fragen, was vorgefallen ist, fühlen sich manche Eltern hier sofort veranlasst, ihren Sprössling zurechtzuweisen: »Na hör mal, wie redest du denn über deine Sportkameraden!« Typische Reaktionen sind auch diese: »Du hast doch nicht etwa die ganze Gruppe aufgemischt?« Oder: »Wenn du einen Streit angefangen hast, musst du dich entschuldigen.« Oder: »Hast du denn überhaupt keinen Teamgeist?« Oder: »Das war ja zu erwarten, dass du schon nach zwei Wochen die Lust am Fußballspielen verlierst.«

Wenn der Gesprächsfaden reißt

Moralisieren, verhören, kommandieren, kritisieren, Vorwürfe äußern – all das sind Reaktionen, mit denen Eltern ihr Kind – oft ohne es zu merken – zum Schweigen bringen, bevor ein Gespräch überhaupt erst angefangen hat. Es gibt noch mehr solcher »Killerreaktionen«, zum Beispiel dem Kind zu drohen (»Wenn du so weitermachst, mag bald niemand mehr mit dir spielen!«) oder es bloßzustellen (»Na ja, eine Sportskanone bist du ja nun wirklich nicht!«).

Ungünstig können sich sogar vermeintlich positive Äußerungen auswirken, etwa das Kind zu loben (»Du hast doch einen tollen Start im Verein hingelegt, mach weiter so!«), es zu trösten (»Du Armer, haben dich die anderen etwa wieder geärgert?«) oder es abzulenken (»Na komm, ich spendiere dir jetzt ein Eis, dann ist dein Ärger schnell vergessen!«).

Alle diese Reaktionen, selbst die gut gemeinten, haben in der gegebenen Situation letztlich eine negative Wirkung: Das Kind fühlt sich mit seinen Gefühlen weder verstanden noch ernst genommen.

»Nur Mut, ich höre zu!«

Wenn ein Kind Ärger oder Kummer mit sich herumträgt, hat es meist das Bedürfnis, seinem Herzen Luft zu machen – und tut sich in vielen Fällen dennoch schwer, seine Gefühle zu äußern. Hier kommt es auf das Einfühlungsvermögen der Eltern an. Anstatt selbst das Wort zu ergreifen, sollten sie vor allem dem Kind die Möglichkeit zum Reden geben.

Meist hilft ein sogenannter »Türöffner«, das Gespräch in Gang zu bringen. Dabei handelt es sich um eine kurze Äußerung, die das Thema selbst noch nicht anschneidet, sondern allein den Sinn hat, das Kind zum Sprechen zu ermutigen. Zum Beispiel ein Satz wie dieser: »Erzähl ruhig, ich höre dir zu.«

Wichtig ist, dass auch die körpersprachlichen Signale stimmen: Die Eltern sollten sich dem Kind zuwenden, Blickkontakt mit ihm aufnehmen und durch eine aufmerksame Miene und ein gelegentliches Kopf­nicken Aufnahmebereitschaft signalisieren.

Tipp: Gesprächssituationen nachspielen

Vielleicht haben Sie ja so etwas schon einmal erlebt: Ihr Kind hatte ganz offenkundig etwas auf dem Herzen, doch trotz Ihrer behutsamen Versuche, es zum Sprechen zu bringen, wollte es einfach nicht mit der Sprache herausrücken. Vergebens fragten Sie sich danach, woran das wohl lag.

In solchen Fällen lohnt sich folgender Versuch: Schildern Sie einer anderen Person (zum Beispiel Ihrem Partner bzw. Ihrer Partnerin) die Situation und spielen Sie die Szene dann gemeinsam nach. Ihr Gegenüber soll dabei die Rolle des Kindes übernehmen und (nach Ihren Angaben) möglichst genau dessen Position einnehmen: zum Beispiel mit gesenktem Kopf, verschränkten Armen und angezogenen Knien auf dem Sofa kauern. Sie wiederum stellen oder setzen sich genau so hin, wie Sie es in der Situation getan haben, und sprechen genau so zu Ihrem Gegenüber wie zuvor zu Ihrem Kind. Lassen Sie sich danach von der anderen Person rückmelden, wie sie die Situation erlebt hat. Fragen Sie vor allem nach, was Sie anders hätten machen können.

Manchmal klärt sich durch ein solches Experiment, was das Gespräch blockiert hat. Es könnte zum Beispiel an Ihrer Körperhaltung gelegen haben: Wenn Sie frontal vor dem sitzenden Kind stehen und von oben zu ihm hinuntersprechen, hat das eher eine einschüchternde als ermutigende Wirkung. Setzen Sie sich dagegen neben das Kind und sprechen es behutsam von der Seite her an, erleichtern Sie es ihm damit, sich zu öffnen.

Gekonntes Feedback

Ist der Gesprächseinstieg gelungen und fängt das Kind zu reden an, sollten die Eltern ihm zwischendurch rückmelden, wie sie seine Äußerungen verstanden haben. Sie sollten dabei möglichst nicht wörtlich wiederholen, was das Kind gesagt hat, sondern ihr Feedback in eigenen Worten wiedergeben. Wichtig ist vor allem, dass sie dabei auf die Gefühle des Kindes eingehen. Wenn der achtjährige Nachwuchsfußballer beispielsweise damit herausrückt, dass er mit seinen Teamkameraden in Streit geraten ist, könnte die Mutter oder der Vater antworten: »Da habt ihr euch also gegenseitig beschimpft. Und das macht dich jetzt traurig.« Damit beweisen die Eltern Einfühlungsvermögen und ermutigen das Kind zum Weitersprechen, weil es sich mit seinen Gefühlen verstanden weiß.

Das mag einfach klingen, ist es aber nicht. Denn viele Eltern sind es zu sehr gewohnt, ihrem Nachwuchs Ratschläge zu erteilen und fertige Lösungen anzubieten. Mit solchen Reaktionsweisen drängen sie das Kind jedoch in die Defensive und behindern seine Versuche, eine eigene Lösung zu finden. Deshalb ist es wichtig, dass die Eltern ihre Meinung zurückhalten, auf Kommentare und Belehrungen verzichten und das Kind ungehindert reden lassen. Damit beweisen sie Respekt und Wertschätzung, denn sie signalisieren ihrem Kind: »Ich traue dir zu, dass du selbst eine Lösung für dein Problem findest.« Mehr noch, sie geben ihm die Chance, im Lauf des Erzählens tatsächlich eigene Lösungswege zu entdecken.

Expertentipp: Aktives Zuhören mit Postkarten

Um das aktive Zuhören effektiv zu üben, empfiehlt die Pädagogin und Mediatorin Christa D. Schäfer3 folgende Übung:

Legen Sie ein paar Postkarten mit aussagekräftigen Bildern und/oder Sprüchen auf dem Tisch aus und bitten Sie einen Übungspartner, sich eine Karte auszusuchen, die ihn am meisten anspricht.

Fragen Sie Ihren Partner, warum er diese Karte ausgewählt hat, und führen Sie mit ihm darüber ein Gespräch. Dabei sollten Sie genau da­rauf achten, die Regeln des aktiven Zuhörens einzuhalten.

Lassen Sie sich von Ihrem Partner rückmelden, wie er Ihr Gesprächsverhalten erlebt hat. Falls es störende Verhaltensweisen gab, wiederholen Sie die Übung und versuchen Sie, Ihre Rolle des aktiven Zuhörers zu verbessern.

Zuhören, aber nicht um jeden Preis

Aktives Zuhören bedeutet wohlgemerkt nicht, das Kind durch geschicktes Nachhaken aus der Reserve zu locken, es womöglich gar auszuhorchen. Es sollte immer der Entscheidung des Kindes überlassen bleiben, was und wie viel es erzählen möchte.

Manchmal kommt es allerdings vor, dass sich das Kind trotz aller ­elterlichen Bemühungen gegen ein Gespräch sträubt. In solchen Fällen glauben die Eltern oft, sie hätten sich falsch verhalten, und haken nach – bis letzten Endes doch ein Verhör daraus wird. Dabei kann es durchaus sein, dass das Kind noch Zeit braucht und seine Gefühle vorerst für sich behalten will. Dieses Bedürfnis sollten die Eltern respektieren. Umgekehrt müssen die Eltern auch nicht von sich verlangen, jederzeit zum Gespräch zur Verfügung zu stehen. Wenn eine Unterredung gerade ungelegen kommt, ist es besser, auf einen passenderen Zeitpunkt zu verweisen: »Hör zu, mein Schatz, im Moment geht es leider nicht. Aber in einer Viertelstunde bin ich mit der Arbeit fertig. Dann habe ich genügend Zeit für dich!«

Vorsicht, Stolperfallen!

Dass in der Kommunikation ungewollt so manches schiefgehen kann, wissen wir alle aus Erfahrung. Oft tritt eine Störung oder Missstimmung auf, die keineswegs beabsichtigt war. Doch wenn man weiß, wo die Stolpersteine liegen, kann man sie in vielen Fällen erfolgreich meiden.

Hier ein kurzer Überblick über die häufigsten Fehler in der Eltern-Kind-Kommunikation.

Missverständliche Botschaften

Manchmal passiert es im Gespräch, dass eine Äußerung beim Nachwuchs falsch ankommt. Das kann daran liegen, dass die Botschaft nicht stimmig ist. Das heißt, die Wortwahl und die nonverbalen Signale – Tonfall, Mimik, Gestik und Körperhaltung – stimmen nicht überein. Angenommen, Ihre Erstklässlerin plagt sich mit den Hausaufgaben und Sie sagen nach einem prüfenden Blick auf ihre Schreibübung stirnrunzelnd: »Tolle Schrift!« Sie haben es ironisch gemeint, doch Ihr Kind nimmt die Bemerkung wörtlich – und ist hell empört, als Sie von ihm verlangen, die Übung zu wiederholen. Ironie ist im Erziehungsalltag generell mit Vorsicht zu gebrauchen. Denn wenn die nonverbalen Signale im Gegensatz zum Inhalt des Gesagten stehen, kann das vor allem für jüngere Kinder missverständlich sein. Größere Kinder wiederum sind sehr wohl in der Lage, eine ironische Bemerkung als solche zu erkennen, fassen diese aber – manchmal nicht zu Unrecht – leicht als Kampfansage auf.

Reizwörter am Satzanfang

Bei den Du-Botschaften kam es schon zur Sprache: In Konfliktsituationen sollte man es vermeiden, einen Satz mit »Du« zu beginnen. Das gilt insbesondere für den Satzanfang »Du musst …«. Wer einen Satz so einleitet, provoziert Widerstand. Denn die angesprochene Person kann das leicht als Belehrung auffassen und dürfte in diesem Fall verärgert reagieren, etwa in dem Sinn: »Als ob ich das nicht selber wüsste!«

Ebenso ungünstig ist es, einen Satz mit »Aber« einzuleiten. Gerade Kinder haben die Gewohnheit, auf eine Äußerung von Mama oder Papa geradezu reflexartig mit »Aber …« zu antworten, und alle Eltern wissen aus Erfahrung, wie sehr einen diese Art des Widerspruchs auf die Palme bringen kann. Umso mehr sollten wir darauf achten, dass wir selbst das »Aber« am Satzanfang so sparsam wie möglich gebrauchen.

Eine weitere ungünstige Satzeinleitung ist das Wort »Warum?«. Kinder wittern hinter einer Warum-Frage leicht einen Vorwurf oder ein beginnendes Verhör und reagieren dementsprechend mit Abwehr, um sich davor zu schützen.

Vorwürfe und Verallgemeinerungen

Bei Meinungsverschiedenheiten zwischen Eltern und Kindern werden häufig Vorwürfe laut – die nicht selten mit verallgemeinernden Begriffen wie »immer«, »ständig«, »andauernd«, »schon wieder«, »jedes Mal«, »nur« oder »nie« gespickt sind. Solche Formulierungen haben den Effekt, dass sie unliebsame Einzelvorfälle zu »Wiederholungstaten« aufbauschen. Deshalb sorgen Verallgemeinerungen häufig für Unmut und erzeugen beim Gegenüber Widerstand.

Bei Sätzen wie diesen ist daher Vorsicht geboten: »Du machst doch nie, was ich dir sage!« – »Du bist immer so bockig!« – »Jetzt stör mich nicht dauernd!« – »Nun sei doch nicht schon wieder beleidigt!«

Ein Wort zu wenig

Vielleicht geht es Ihnen ja wie vielen Eltern: Sie achten vorwiegend da­rauf, die störenden Verhaltensweisen Ihres Kindes zu korrigieren, während Sie die positiven als selbstverständlich auffassen. Dann könnte es allerdings sein, dass Sie des Öfteren versäumen, Ihrem Kind ein verdientes Lob auszusprechen. Dabei weiß jeder, wie beflügelnd ein anerkennendes Wort sein kann – und wie frustrierend es ist, wenn das erhoffte Lob ausbleibt.