Das eiserne Haus - John Hart - E-Book
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Beschreibung

Der große Thriller des zweifachen Edgar-Preisträgers

Zwei kleine Kinder werden an einem eisigen Bach ausgesetzt. Zwei Jungen müssen kämpfen, um zu überleben. Zwei Männer führen ganz unterschiedliche Leben. Und doch sind beide unlösbar miteinander verbunden.
Als der zwölfjährige Julian im Waisenhaus seinen brutalen Peiniger umbringt, nimmt sein älterer Bruder Michael die Schuld auf sich und flieht nach New York – mitten ins Herz des organisierten Verbrechens. Zwei Jahrzehnte später kehrt Michael nach North Carolina zurück, mit skrupellosen Killern auf den Fersen; sein lange verloren geglaubter Bruder kämpft dagegen mit ganz eigenen Dämonen. Doch die beiden Brüder werden das Rätsel ihrer Vergangenheit nur gemeinsam lösen können.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:735


John Hart

Das eiserne Haus

Thriller

Deutsch von Rainer Schmidt

C. Bertelsmann

Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel

»Iron House« bei Thomas Dunne Books,

an Imprint of St. Martin’s Press, New York

1. Auflage

Copyright © 2011 by John Hart

Copyright © 2012 der deutschsprachigen Ausgabe

beim C. Bertelsmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Dieses Werk wurde im Auftrag von

St. Martin’s Press LLC durch die Literarische Agentur

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen, vermittelt.

Umschlaggestaltung: R·M·E Roland Eschlbeck und Rosemarie Kreuzer

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-07345-9

www.cbertelsmann.de

FürPete WolvertonundMatthew Shear

Bäume rauschten im Sturm, die Stämme hart und schwarz und rau wie Stein, die Äste niedergedrückt von der Last des Schnees. Es war dunkel draußen, Nacht. Zwischen den Bäumen rannte ein Junge, fiel hin, rannte weiter. Schnee schmolz an der Hitze seines Körpers, durchnässte seine Kleidung und gefror zu Eis. Seine Welt war schwarz und weiß, wo sie nicht rot war.

An seinen Händen und unter seinen Nägeln.

Festgefroren an der Klinge eines Messers, das kein Kind besitzen sollte.

Für einen Augenblick rissen die Wolken auf, dann war es völlig dunkel. Ein eiserner Stamm schlug dem Jungen die Nase blutig, als er gegen den Baum rannte und wieder fiel. Er raffte sich auf und kämpfte sich durch den Schnee, der ihm bis an die Knie reichte, bis an die Hüften. Äste griffen in sein Haar, zerrissen ihm die Haut. Licht spießte sich weit hinter ihm durch die Dunkelheit, und der Lärm der Verfolgung wogte heran wie Atem in der Kehle des Waldes.

Lang gezogenes Heulen im bitteren Wind …

Hunde hinter dem Höhenkamm …

EINS

Michael erwachte und griff nach der Pistole, aber sie lag nicht mehr auf dem Nachttisch. Seine Finger glitten über das blanke Holz, und er setzte sich auf, augenblicklich wach. Seine Haut war feucht von Schweiß und der Erinnerung an Eis. Nichts regte sich in der Wohnung, alles war still, bis auf das Rauschen der Großstadt. Die Frau neben ihm raschelte im warmen Wust der Laken, tastete mit der Hand nach der harten Rundung seiner Schulter. »Alles okay, Schatz?«

Mattes Licht sickerte durch die Vorhänge vor dem offenen Fenster. Er blieb abgewandt liegen, damit sie den Jungen nicht sehen konnte, der noch in seinen Augen schimmerte. Die Male seines Schmerzes waren so tief verborgen, dass sie sie noch nicht gefunden hatte. »Schlecht geträumt, Baby.« Seine Finger berührten die Erhebung ihrer Hüfte. »Schlaf weiter.«

»Sicher?« Ihre Stimme klang gedämpft aus dem Kopfkissen.

»Ja.«

»Ich liebe dich«, sagte sie und war wieder eingeschlafen.

Michael sah, wie sie wegdriftete, und schwenkte die Füße auf den Boden. Er berührte die alten Frostnarben, die toten Stellen an seinen Handflächen und an drei Fingerspitzen, rieb die Hände und drehte sie ins Licht. Die Handflächen waren breit, die Finger lang und schmal zulaufend.

Pianistenfinger, sagte Elena oft.

Dick und narbig, meinte er dann kopfschüttelnd.

Die Hände eines Künstlers …

Sie sagte gern solche Dinge; Worte einer Optimistin, einer Träumerin. Michael krümmte und streckte die Finger und hörte den Klang ihrer Worte in seinem Kopf, die Melodie ihres Akzents, und in diesem Augenblick schämte er sich. Vieles war durch den Gebrauch seiner Hände zustande gekommen, aber Schöpferhände waren sie nie gewesen. Er stand auf und ließ die Schultern kreisen, während New York sich um ihn verfestigte: Elenas Wohnung, der Geruch von kürzlich gefallenem Regen auf dem heißen Pflaster. Er zog Jeans an und schaute zum offenen Fenster. Die Nacht lag auf der Stadt wie eine dunkle Hand, deren Haut noch keine grauen Adern hatte. Er schaute auf Elenas Gesicht hinunter, das in der Dunkelheit fahl war, weich und faltig vom Schlaf. Sie lag reglos in dem Bett, das sie miteinander teilten, und ihre Schulter war warm, als er sie leicht berührte. Die Stadt draußen war so dunkel und still, wie sie nur jemals wurde – die ruhige Pause am Grunde eines Atemzugs. Er strich Elena das Haar aus dem Gesicht, sah an ihrer Schläfe den Faden ihres Lebens, gleichmäßig und kräftig. Er wollte diesen Puls berühren, sich seiner Kraft und Ausdauer versichern. Ein alter Mann starb, und wenn er tot war, würden sie zu Michael kommen, und sie würden zu ihr kommen, um Michael wehzutun. Elena wusste nichts davon, weder von den Dingen, zu denen er fähig war, noch von der Gefahr, die er zu ihrer Tür gebracht hatte. Aber Michael würde in die Hölle gehen, um sie zu beschützen.

In die Hölle gehen.

Und brennend zurückkommen.

Das war die Wahrheit. Das war real.

Er betrachtete ihr Gesicht im matten Licht, die glatte Haut, die vollen, geöffneten Lippen, das schwarze Haar, das in Wellen auf ihre Schulter fiel, an der sie sich brachen wie die Meeresbrandung. Sie bewegte sich im Schlaf, und einen Moment lang spürte Michael, wie sich Trostlosigkeit regte, die vertraute Gewissheit, dass es schlimmer werden würde, bevor es besser werden könnte. Seit seiner Kindheit war die Gewalt ihm gefolgt wie eine Witterung, die jetzt auch ihr anhaftete. Einen Augenblick lang dachte er wieder, er sollte Elena verlassen, sollte seine Probleme nehmen und damit verschwinden. Er hatte es natürlich schon versucht, nicht einmal, sondern hundertmal. Aber mit jedem gescheiterten Versuch war die Gewissheit nur noch stärker geworden.

Er konnte nicht ohne sie leben.

Er konnte es schaffen.

Michael fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und fragte sich wieder, wie es dazu gekommen war. Wie hatte alles so schnell schiefgehen können?

Er trat ans Fenster und schob den Vorhang gerade so weit zur Seite, dass er in den Durchgang zwischen den Häusern hinunterschauen konnte. Der Wagen war noch da, schwarz und flach dort hinten im Schatten. Fernes Laternenlicht warf Sterne auf die Windschutzscheibe, sodass er nicht hineinsehen konnte, aber er kannte mindestens einen der Männer, die im Wagen saßen. Seine Anwesenheit war eine Bedrohung und machte Michael unsagbar wütend. Er hatte ein Abkommen mit dem Alten geschlossen, und er erwartete, dass die Vereinbarung eingehalten wurde. Worte bedeuteten Michael immer noch etwas.

Versprechungen.

Verhaltensregeln.

Nach einem letzten Blick auf Elena zog er zwei schallgedämpfte Fünfundvierziger aus dem Versteck, in dem er sie aufbewahrte. Sie fühlten sich in seinen Händen kühl und vertraut an. Er überprüfte die Magazine, und sein Gesicht verzog sich finster, als er sich von der Frau abwandte, die er liebte. Er sollte darüber hinaus sein, sollte frei sein. Wieder dachte er an den Mann in dem schwarzen Wagen.

Vor acht Tagen waren sie Brüder gewesen.

Michael war an der Tür und schon fast draußen, als Elena seinen Namen rief. Er blieb stehen, legte die Pistolen ab und kam leise zurück ins Schlafzimmer. Sie hatte sich auf den Rücken gedreht und einen Arm halb erhoben. »Michael …«

Der Name war wie ein Lächeln auf ihren Lippen, und er fragte sich, ob sie träumte. Sie bewegte sich wieder, und der Geruch des warmen Bettes stieg ins Zimmer. Der Duft ihrer Haut und sauberer Haare. Der Geruch von Zuhause und Zukunft, die Verheißung eines anderen Lebens. Michael zögerte und nahm dann ihre Hand, als sie ihn bat: »Komm wieder ins Bett.«

Er schaute hinüber zur Küche, wo er die Pistolen neben einen Eimer mit gelber Farbe gelegt hatte. Elenas Stimme war ein Flüstern, und er wusste, wenn er ginge, würde sie wieder in den Schlaf zurückgleiten und sich nicht erinnern. Er könnte sich hinausschleichen und das tun, was er gut konnte. Die Männer umzubringen würde die Sache wahrscheinlich eskalieren lassen, und sicher würden andere ihren Platz einnehmen. Aber vielleicht würde die Botschaft ihren Zweck erfüllen.

Vielleicht auch nicht.

Sein Blick wanderte von Elena zum Fenster. Die Nacht da draußen war immer noch schwarz, ihre Haut straff gespannt. Der Wagen war immer noch da, wie er es in der Nacht zuvor gewesen war und in der Nacht davor. Sie würden nichts tun, bevor der Alte gestorben war, aber sie wollten ihn kirre machen. Sie wollten ihn unter Druck setzen, und Michael wollte diesen Druck mit jeder Faser erwidern. Er atmete langsam ein und dachte an den Mann, der er sein wollte. Elena war hier neben ihm, und in der Welt, die sie für sich errichten wollten, hatte Gewalt keinen Platz. Doch er war vor allem Realist, und als sich ihre Finger um seine krümmten, dachte er nicht nur an Hoffnung, sondern auch an Vergeltung und Abschreckung. Ein altes Gedicht kam ihm in den Sinn.

Zwei Wege trennten sich im fahlen Wald …

Michael stand an einer Weggabelung, und alles war eine Frage der Entscheidung. Geh wieder ins Bett, oder nimm die Pistolen. Elena oder die Gasse. Die Zukunft oder die Vergangenheit.

Elena drückte noch einmal seine Hand. »Lieb mich, Baby«, sagte sie, und dafür entschied er sich.

Für das Leben, nicht für den Tod.

Für den weniger begangenen Weg.

Der New Yorker Morgen dämmerte glühend heiß. Die Pistolen waren versteckt, und Elena schlief noch. Michael saß vor dem Fenster, hatte die Füße auf den Sims gelegt und schaute hinunter in die leere Gasse. Sie waren gegen fünf Uhr verschwunden, hatten aus der Gasse auf die Straße zurückgesetzt und einmal kurz gehupt, bevor sie aus der Blickachse gerieten. Wenn sie vorgehabt hatten, ihn zu wecken oder zu ängstigen, waren sie kläglich gescheitert. Er war seit drei Uhr auf und fühlte sich großartig. Michael betrachtete seine Fingerspitzen. Sie hatten gelbe Farbflecken.

»Worüber lächelst du, mein Prachtmann?« Ihre Stimme überraschte ihn, und er drehte sich um. Elena setzte sich träge im Bett auf und strich sich das lange schwarze Haar aus dem Gesicht. Das Laken rutschte auf ihre Hüften hinunter. Michael stellte die Füße auf den Boden; es machte ihn verlegen, in einem solchen Augenblick unverhohlener Freude ertappt zu werden.

»Hab nur an was gedacht«, sagte er.

»An mich?«

»Natürlich.«

»Lügner.«

Sie lächelte, ihre Haut immer noch faltig. Ihr Rücken bog sich, als sie sich reckte und die kleinen Hände zu weißen Fäusten ballte. »Möchtest du Kaffee?«, fragte Michael.

Sie ließ sich auf das Kissen zurücksinken, grunzte zufrieden und sagte: »Du bist ein prachtvolles Geschöpf.«

»Gib mir eine Minute Zeit.« In der Küche goss Michael warme Milch in einen Becher und füllte dann mit Kaffee auf. Halb und halb, wie er es gern mochte. Café au lait. Sehr französisch. Als er zurückkam, hatte sie eins seiner Hemden angezogen und die Ärmel locker über die schmalen Arme hochgekrempelt. Er reichte ihr den Kaffee. »Schöne Träume gehabt?«

Sie nickte, und ein Funkeln trat in ihren Blick. »Einer kam mir besonders real vor.«

»Ach ja?«

Sie sank ins Bett zurück und gab wieder dieses zufriedene Grunzen von sich. »Eines Tages werde ich tatsächlich vor dir aufwachen.«

Michael setzte sich auf die Bettkante und legte die Hand auf den Rist ihres Fußes. »Na klar, Baby.« Elena war Langschläferin, und Michael schaffte selten mehr als fünf Stunden in einer Nacht. Dass sie vor ihm aufstand, war praktisch ausgeschlossen. Er sah zu, wie sie an ihrem Kaffee nippte, und nahm sich vor, auch Kleinigkeiten an ihr zur Kenntnis zu nehmen: den klaren Lack, den sie für ihre Nägel bevorzugte, die Länge ihrer Beine, die winzige Narbe an ihrer Wange, die der einzige Makel an ihrer Haut war. Sie hatte schwarze Augenbrauen, und ihre Augen waren braun, konnten aber in einem bestimmten Licht aussehen wie Honig. Sie war geschmeidig und stark, eine schöne Frau in jeder Hinsicht, aber das war es nicht, was Michael an ihr am meisten bewunderte. Elena hatte Freude an ganz unbedeutenden Dingen: daran, wie es sich anfühlte, zwischen kühle Laken zu gleiten oder etwas zu kosten, das man noch nie gegessen hatte, an dem Augenblick der Erwartung, die sich immer einstellte, wenn sie die Tür öffnete, um hinauszugehen. Sie vertraute darauf, dass jeder Augenblick besser werden würde als der vorige. Sie glaubte, dass die Menschen gut waren, und das machte sie zu einem Farbtupfer in einer eintönig weißen Welt.

Sie nahm noch einen Schluck Kaffee, und Michael sah genau, in welchem Augenblick sie die Farbe an seinen Händen bemerkte. Eine kleine Falte erschien zwischen ihren Brauen. Die Tasse löste sich von ihren Lippen. »Hast du es schon angestrichen?«

Es sollte wütend klingen, aber das gelang ihr nicht, und als er die Frage mit einem Achselzucken beantwortete, konnte er nicht verhindern, dass das Lächeln jeden Bereich seines Gesichts berührte. Sie hatte sich vorgestellt, wie sie zusammen anstrichen – Lachen, verschüttete Farbe –, doch Michael hatte sich nicht bremsen können. »Zu aufgeregt«, sagte er und dachte an die frische Farbe an den Wänden des winzigen Zimmers am Ende des Flurs. Sie nannten es das zweite Schlafzimmer, aber es war nicht viel größer als ein begehbarer Kleiderschrank. Ein hohes, schmales Fenster aus geriffeltem Glas. In der Nachmittagssonne würde das Gelb leuchten wie Gold.

Sie stellte den Kaffee zur Seite und lehnte sich an die kahle Wand hinter ihr. Das Bettlaken bildete ein Zelt über ihren Knien. »Komm wieder ins Bett«, sagte sie. »Ich mach dir Frühstück.«

»Zu spät.« Michael stand auf und ging wieder in die Küche. Er hatte Blumen in eine kleine Vase gestellt. Das Obst war schon klein geschnitten, der Saft im Glas. Er legte frisches Gebäck dazu und trug das Tablett hinein.

»Frühstück im Bett?«

Michael zögerte, beinahe überwältigt. »Herzlichen Glückwunsch zum Muttertag«, brachte er schließlich heraus.

»Heute ist doch kein …« Sie brach ab, und dann verstand sie.

Gestern hatte sie ihm gesagt, sie sei schwanger.

In der elften Woche.

Sie blieben fast den ganzen Vormittag im Bett – lesend, redend –, dann begleitete er Elena rechtzeitig zum Mittagsansturm zur Arbeit. Sie trug ein schmales schwarzes Kleid, das ihre sonnenbraune Haut und die dunklen Augen betonte. Mit Absätzen war sie knapp einen Meter siebzig groß und bewegte sich wie eine Tänzerin – so elegant, dass Michael neben ihr eckig und grob aussah, deplatziert in Jeans, schweren Stiefeln und einem abgetragenen T-Shirt. Aber so kannte Elena ihn: derb und arm, ein Student mit abgebrochenem Studium, der immer noch darauf hoffte, einen Weg zurück zur Universität zu finden.

Das war die Lüge, mit der alles angefangen hatte.

Zum ersten Mal waren sie sich vor sieben Monaten an einer Straßenecke in der Nähe der New York University begegnet. Michael war beruflich unterwegs gewesen, unauffällig gekleidet und mit einem großen Kaliber im Halfter; hübsche Frauen hatten ihn nicht zu interessieren, doch als der Wind ihr Tuch wegriss, fing er es instinktiv aus der Luft und gab es ihr mit einer schwungvollen Geste, die ihn selbst überraschte. Noch immer hatte er keine Ahnung, woher diese plötzliche Leichtigkeit gekommen war, aber Elena hatte in diesem Moment gelacht, und als er sie fragte, hatte sie ihm ihren Namen genannt.

Carmen Elena del Portal.

Nenn mich Elena.

Das hatte sie mit Belustigung auf den Lippen und Feuer im Blick gesagt. Er erinnerte sich an trockene Finger und einen offen taxierenden Blick, an einen Akzent mit spanischem Anklang. Sie hatte eine widerspenstige Haarsträhne hinter das rechte Ohr geschoben und mit verwegenem Lächeln darauf gewartet, dass er ihr seinen Namen nannte. Beinahe wäre er weitergegangen, tat es aber dann doch nicht. Das lag an der Wärme in ihr, an dem absoluten Mangel an Angst oder Zweifel. Und so hatte Michael ihr an einem Dienstagmittag um Viertel nach zwei in einem Verstoß gegen alles, was er je gelernt hatte, seinen Namen genannt.

Seinen richtigen Namen.

Das Tuch war aus Seide und sehr leicht, wenn man bedachte, mit welcher Wucht es auf zwei Menschenleben gelandet war. Es führte zu Kaffee und dann zu mehr, bis das Gefühl in seiner ganzen Wildheit kam und ihn unvorbereitet traf. Jetzt war er hier und liebte eine Frau, die ihn zu kennen glaubte, aber nicht kannte. Michael versuchte sich zu ändern, doch das Töten war einfach. Und das Aufhören war schwer.

Auf halbem Weg zur Arbeit nahm sie seine Hand. »Junge oder Mädchen?«

»Was?« Das war eine Frage, wie normale Leute sie stellten, und er war perplex. Er blieb stehen, sodass Passanten ihnen ausweichen mussten. Sie legte den Kopf schräg.

»Hoffst du, dass es ein Junge ist? Oder hättest du lieber ein Mädchen?«

Ihre Augen leuchteten mit einer Zufriedenheit, von der er bisher nur in Büchern gelesen hatte, und als er sie in diesem Moment ansah, war es wie an jenem ersten Tag, nur noch intensiver: In der Luft lag diese blaue Elektrizität, die gleiche Helligkeit und Zielstrebigkeit. Als Michael sprach, kamen die Worte aus tiefstem Herzen. »Willst du mich heiraten?«

Sie lachte. »Einfach so?«

»Ja.«

Sie legte Michael die flache Hand an die Wange, und ihr Lachen verflog. »Nein, Michael. Ich will dich nicht heiraten.«

»Warum nicht?«

»Weil du mich aus den falschen Gründen fragst. Und weil wir Zeit haben.« Sie küsste ihn. »Massenhaft Zeit.«

In diesem Punkt irrte sie sich.

Elena arbeitete als Oberkellnerin in einem teuren Restaurant namens Chez Pascal. Sie war schön, sprach drei Sprachen, und auf ihre Bitte hatte der Eigentümer Michael vor acht Tagen als Spüler eingestellt. Michael hatte ihr erzählt, er habe seinen anderen Job verloren und müsse die Zeit ausfüllen, bis er einen neuen gefunden hätte oder bis das Studentendarlehen endlich bewilligt würde. Doch es gab keinen anderen Job und kein Studentendarlehen, nur zwei weitere Lügen in einem Meer von tausend. Aber Michael musste dort sein, denn auch wenn niemand wagen würde, ihn anzurühren, solange der Alte atmete, stand Elena nicht unter diesem Schutz. Sie würden sie rein zum Vergnügen umbringen.

Als sie noch zwei Straßen weit vom Restaurant entfernt waren, fragte Michael: »Hast du es deiner Familie gesagt?«

»Dass ich schwanger bin?«

»Ja.«

»Nein.« Emotionen färbten ihre Stimme – Trauer und etwas anderes, Dunkles. Michael wusste, dass Elena Verwandte in Spanien hatte, doch sie sprach selten von ihnen. Sie hatte keine Fotos, keine Briefe. Einmal hatte jemand angerufen, aber Elena hatte aufgelegt, als Michael ihr das Telefon reichte, und am nächsten Tag hatte sie ihre Nummer geändert. Michael drängte nie auf Antworten, weder zu ihrer Familie noch zu ihrer Vergangenheit. Eine Weile gingen sie schweigend weiter. An der nächsten Ecke nahm sie seine Hand. »Küss mich«, sagte sie, und Michael tat es. Danach sagte Elena: »Du bist meine Familie.«

Vor dem Eingang zum Restaurant spendete eine blaue Markise einen schmalen Schatten. Michael war ihr um einen Schritt voraus, deshalb sah er den Schaden an der Tür gerade noch rechtzeitig, um Elena wegzusteuern, bevor sie ihn auch sah. Aber selbst mit dem Rücken zur Tür blieb ihm das Bild vor Augen: weiße Splitter, die aus dem mahagonifarben gebeizten Holz ragten. In Kopfhöhe gruppiert und dicht nebeneinander, vier Einschusslöcher in einem Kreis von vielleicht sieben Zentimetern Durchmesser. Michael konnte sich denken, wie es zustande gekommen war. Ein schwarzer Wagen am Randstein, eine Pistole mit Schalldämpfer. Von Elenas Wohnung hierher brauchte man mit dem Auto weniger als sechs Minuten; also war es wahrscheinlich kurz nach fünf an diesem Morgen passiert. Leere Straßen. Kein Mensch weit und breit. Ein kleines Kaliber, schätzte Michael, leicht und präzise. Eine .22er, vielleicht eine .25er. Er lehnte sich an die Tür und fühlte die Splitter durch das Hemd, und hinter seinen Augen war kalte Wut. Er nahm Elenas Hand. »Wenn ich dich bäte, aus New York wegzuziehen, würdest du es tun?«

»Ich habe meinen Job hier. Unser Leben …«

»Wenn ich weggehen müsste«, fuhr er fort, »würdest du mitkommen?«

»Wir sind hier zu Hause. Ich möchte unser Kind hier großziehen …« Sie brach ab und schien zu verstehen. »Viele Leute ziehen Babys in der Großstadt auf …«

Sie wusste von seinem Misstrauen gegen die Stadt, und er schaute weg, weil die Last der Lügen zu schwer wurde. Er konnte hierbleiben und das Risiko des Krieges eingehen, der kommen würde, oder er konnte ihr die Wahrheit sagen und Elena verlieren. »Hör zu«, sagte er. »Ich werde heute später kommen. Richte es Paul bitte aus.« Paul war der Eigentümer. Er parkte immer in der Durchfahrt zwischen den Häusern und hatte die Tür wahrscheinlich noch gar nicht gesehen.

»Kommst du nicht mit rein?«

»Ich kann im Moment nicht.«

»Ich hab dir diesen Job besorgt, Michael.« Ein seltenes Fünkchen Ärger flackerte auf.

Michael hielt ihr die flache Hand entgegen. »Kann ich deine Schlüssel haben?«

Widerstrebend gab sie ihm den Schlüsselbund, den sie von Paul bekommen hatte. Er öffnete die Restauranttür und hielt sie für sie auf. »Wo willst du hin?«, fragte sie.

Ihr Gesicht war aufwärtsgewandt und immer noch wütend. Michael hätte gern ihre Wange berührt und gesagt, er würde töten oder sterben, um sie zu beschützen. Er würde die Stadt niederbrennen. »Ich komme wieder«, sagte er. »Bleib du bitte im Restaurant.«

»Du tust sehr geheimnisvoll.«

»Ich muss etwas erledigen«, sagte er. »Für das Kind.«

»Wirklich?«

Er legte die Hand auf ihren flachen Bauch und stellte sich vor, auf wie viele gewaltsame Arten dieser Tag zu Ende gehen könnte. »Wirklich«, sagte er.

Und das war die Wahrheit.

ZWEI

Der Tag wird kommen. Michael wusste nicht, seit wann die Worte da waren, aber sie gingen ihm beim Gehen durch den Kopf, ein Refrain im Takt seiner Schritte auf dem Asphalt. Er hatte versucht, es richtig zu machen, respektvoll. Er hatte versucht, nett zu sein.

Aber der Tag wird kommen.

Michael winkte ein Taxi heran und nannte dem Fahrer eine Adresse in Alphabet City. Als sie dort angekommen waren, schob er einen Fünfziger durch die Trennscheibe und bat den Mann zu warten.

Michaels Dreizimmerwohnung hatte Gitter vor den Fenstern und eine stahlverstärkte Eingangstür; sie lag im zweiten Stock, und es gab keinen Fahrstuhl. Elena war noch nie hier gewesen, und das sollte auch so bleiben. In dem Wandschrank im zweiten Schlafzimmer lagerten Gewehre und Pistolen, kugelsichere Westen und Bargeldbündel. Auf einem langen Regal befanden sich Messer, Wurfpfeile und sauber aufgerollte glänzende Drahtschlingen. Lauter Dinge, die schwer zu erklären wären.

Michael schaltete die Alarmanlage aus und durchquerte das große Wohnzimmer. Hohe Fenster ließen das Mittagslicht herein, aber er ignorierte die Dinge, die es berührte: die Bücherwand, die wertvollen Möbel, die Originalkunstwerke. Er ging durch den kurzen Flur, vorbei an dem Zimmer mit seiner Ausrüstung und weiter in das nächste Schlafzimmer. Das Bett war groß und frisch bezogen, aber spartanisch, und auf der Kommode stand das einzige Foto, das er besaß. Hinter Glas, verblichen und rissig, zeigte es zwei Jungen auf einem verschneiten, von Schlammflecken übersäten Feld. Michael war nicht sicher, ob er die Wohnung je wiedersehen würde; er zog das Foto aus dem Rahmen und ging damit zum Wandschrank. Das Foto war sein einziger Besitz, an dem ihm wirklich etwas lag.

Vor dem Wandschrank zog sich Michael aus, warf seine Kleider auf den Boden und ließ sie liegen. Von einem langen Zedernholzbord wählte er ein paar handgenähte englische Schuhe aus und einen der zwanzig Maßanzüge, die in einer Reihe an der Stange hingen. Der Anzug stammte ebenfalls aus England, genau wie die Hemden. Er zog ein cremefarbenes an, und die Krawatte, die er sich umband, war dunkel genug, um dem Anlass zu entsprechen. Der Alte wusste einen guten Anzug zu schätzen. Für ihn war es eine Frage des Respekts, und für Michael ebenfalls. Er schob das Foto in die Innentasche des Jacketts, kehrte zu seinem Taxi zurück und nannte dem Fahrer eine neue Adresse. Sie fuhren nach Norden und dann nach Osten, wo der East River die Upper Fifties berührte. Wenn man reich war und ungestört sein wollte, war Sutton Place eine gute Wohngegend. Prominente und Politiker wohnten hier, und niemand kümmerte sich um lange Limousinen mit verspiegelten Scheiben. Dem Alten gehörte das ganze Gebäude, in dem er sterben wollte. Das FBI wusste zweifellos, wer in dem fünfgeschossigen Town House mit Blick auf den Fluss wohnte, aber keiner der Nachbarn hatte eine Ahnung, und das war der Sinn der Sache. Nach einem Leben im Scheinwerferlicht der Presse und vor Gericht, nach drei Haftstrafen und siebenundvierzig Jahren Strafverfolgung und öffentlicher Verachtung wollte der Alte in Frieden sterben.

Michael konnte es ihm nicht verdenken.

Er ließ das Taxi am Haus vorbeifahren und einen ganzen Block weiter nördlich anhalten, an dem stillgelegten Hubschrauberlandeplatz an der 60th Street. Jetzt war hier ein Hundespielplatz, und als Michael aus dem Taxi stieg, sah er gut gekleidete Frauen, die miteinander plauderten, während ihre kleinen Hunde umhertollten. Eine der Frauen sah ihn und sagte etwas zu ihren Freundinnen, und alle drei drehten sich um, als Michael das Taxi bezahlte. Michael nickte und ging zweimal am Haus vorbei, einmal in Richtung Süden und dann noch einmal zurück nach Norden. Durch einen Portikus kam man zu einem privaten Parkplatz hinter dem Gebäude. Michael blieb mit aufwärtsgewandten Handflächen vor dem Eingang stehen, ließ seinen Blick zwischen den Überwachungskameras in den Ecken und über der Tür hin und her wandern. Hinter einem Fenster im zweiten Stock bewegte sich jemand. Auch im Erdgeschoss wehte ein Vorhang.

Schließlich klopfte Michael. Nach einer langen Minute schwang die Haustür auf, und er sah vier Männer. Zwei waren Fußsoldaten; er hatte sich nie die Mühe gemacht, sich ihre Namen zu merken. Sie waren Mitte zwanzig und trugen dunkle Hosen und Hemden, die unter den Jacketts wie Seide glänzten. Der eine kaute auf einem Kaugummi, und beide hatten die Finger ins Jackett geschoben, als müssten sie Michael darauf hinweisen, dass sie bewaffnet waren. Die Gesichter unter dem gelbglänzenden Haar waren schmal und ängstlich. Sie hatten Geschichten über Michael gehört, über das, was er getan hatte. Er war ein Kämpfer und ein Killer, ein Fürst der Straße, der allseits so sehr gefürchtet wurde, dass er kaum noch zu töten brauchte. Seine bloße Anwesenheit genügte. Sein Name. Die Drohung mit seinem Namen.

Der dritte Mann war ein Fremder, jung, ruhig und schlank, aber den vierten kannte Michael gut.

»Hallo, Jimmy.«

Jimmy war einen Fingerbreit größer als Michael, wog jedoch fünfzehn Kilo weniger. Er hatte schmale Schultern und war mager, fast ausgemergelt, aber elegant wie immer, trug zu einer flaschengrünen Hose ein Sakko aus gebürstetem Samt. Achtundvierzig Jahre alt, mit beginnender Glatze und eitel genug, sich daran zu stören. Dank langer Bekanntschaft wusste Michael, dass Arme und Brust von mehr als einem Dutzend Narben bedeckt waren. Messerstiche. Bisswunden. Einschusslöcher. Vor achtzehn Jahren hatte er Michael Dinge gezeigt, bei denen ein Erwachsener in Ohnmacht gefallen wäre. Michael war damals fünfzehn gewesen, hart, aber nicht grausam, und bei Jimmy ging es nur um Grausamkeit. Es ging darum, Botschaften und Angst zu vermitteln. Er war ein eingefleischter, brutaler Sadist und noch heute der gefährlichste Mann, den Michael je gekannt hatte.

»Darf ich reinkommen?«, fragte Michael.

»Ich überlege noch.«

»Dann überleg schneller.«

Jimmy war ein komplizierter Mann, bestand zu gleichen Teilen aus Appetit, Ego und Selbsterhaltungstrieb. Er respektierte Michael, aber er mochte ihn nicht. Jimmy war ein Schlachter, Michael ein Chirurg. Der Unterschied führte zu Problemen. Das war eine Egosache. Eine Frage von Grundsätzen.

Sie starrten einander an, und die Sekunden zogen sich in die Länge. Schließlich sagte Jimmy: »Von mir aus.«

Er trat einen Schritt zurück, und Michael betrat den halbdunklen Eingangsflur. Der Flur sah wuchtig aus mit seinem schwarz-weißen Marmorboden und den roten Teppichläufern auf den beiden Treppen, die rechts und links im Bogen zu einer vier Meter höher gelegenen Galerie hinaufführten. Rechts von Michael lag ein Billardzimmer, durch das er den offiziellen Salon und das kleine Arbeitszimmer dahinter sehen konnte. Er spürte, dass sich weiter hinten im Haus etwas regte, er sah Essen auf einem langen Tisch, sah weitere Männer und weitere Waffen und wusste, dass sie sich Zeit ließen und in aller Stille darauf warteten, dass der Alte starb.

»Ich würde ihn gern sehen, Jimmy.«

»Er kann dich nicht retten.«

»Darum hat niemand gebeten.«

Jimmy schüttelte den Kopf. »Ich bin enttäuscht von dir, Michael. All die Jahre, all das, was du bekommen hast. Chancen. Fähigkeiten. Respekt. Du warst nichts, als wir dich gefunden haben.«

»Du hast kein Recht, es so zu sehen, Jimmy.«

»Ich habe jedes Recht der Welt.«

Er war wütend und machte kaum ein Hehl daraus. Michael legte den Kopf schräg, um die Männer hinter ihm zu sehen, und schaute dann wieder Jimmy an. »Die Chancen hat der Alte mir gegeben, nicht du, und den Respekt habe ich mir selbst erworben. Ein paar meiner Fähigkeiten hast du vielleicht angelegt, aber mehr war es nicht: eine Anlage. Seitdem bin ich meinen Weg allein gegangen.«

»Aber ich habe mitgeholfen, dich auszusuchen.«

»Aus guten Gründen.«

»Bist du wirklich so arrogant?«

»Und du?«

Das Schweigen hielt an, bis Jimmy blinzelte. »Ich will ihn sehen«, sagte Michael.

»Glaubst du immer noch, du hast das Recht dazu?«

»Geh zur Seite, Jimmy.«

Jimmy zuckte die Achseln und lächelte halb. Dann machte er Platz und ließ Michael vollends eintreten. Im Licht des Kronleuchters erkannte Michael, wie drahtig Jimmy wirkte, wie straff. Seine dunklen Augen saugten das Licht auf, und eine Leere lag darin, ein Ausdruck von Vakuum hinter Glas, den Michael schon so oft gesehen hatte. Ein Ausdruck, den diese Augen bekamen, bevor jemand starb.

»Der Alte hat mich entlassen, Jimmy. Er hat Anweisung gegeben, mich in Ruhe zu lassen. Ich würde sagen, ich habe trotzdem das Recht, ihn zu sehen.«

Jimmy blinzelte wieder, und der Ausdruck in seinen Augen verblasste. »Sag das Stevan.«

Stevan war sechsunddreißig und hatte an der Columbia und in Harvard studiert – nicht weil ihm etwas an der Bildung lag, sondern weil er Achtbarkeit in einer Stadt begehrte, in der man seinen Namen nur allzu gut kannte. Er war der einzige Sohn des Alten, und er und Michael waren einmal Freunde gewesen – Brüder –, aber diese Brücke war zu Rauch und Asche verbrannt. Acht Tage waren vergangen, seit Michael aus diesem Leben ausgestiegen war. Eine Woche und ein Tag. Und eine ganze Welt von Veränderungen.

»Wie geht es meinem Bruder?« Michael kaschierte seine Wut mit Sarkasmus. Stevan fuhr einen schwarzen Audi, und Michael wusste, dass er eine .25er im Handschuhfach liegen hatte.

»Wie geht’s Stevan?«, äffte Jimmy die Frage nach und ließ die Worte über die Zunge rollen, als wollte er sie kosten. »Sein Bruder ist ein Verräter, und sein Vater liegt im Sterben. Was glaubst du, wie es ihm geht?«

»Ich glaube, er macht Fehler.«

»Das lasse ich nicht zu.«

»Wo war er heute Morgen um fünf?«

Jimmy ließ die Schultern kreisen und verzog die Mundwinkel nach unten. »Stevan hat angeboten, dir zu verzeihen, Michael – wie oft jetzt? Dreimal? Viermal? Du brauchst nur zu bereuen. Komm zurück zu uns.«

»Die Dinge haben sich geändert. Ich will nicht mehr.«

»Dann lässt du ihm keine Wahl.«

Michael sah die Einschusslöcher in der Tür des Chez Pascal vor sich. Zweimal zwei Schüsse, schnell hintereinander. In Kopfhöhe. »Nichts Persönliches, ja?«

»So ist es.«

»Und der Wunsch seines Vaters? Des Mannes, der das hier aus dem Nichts aufgebaut hat? Der dich aus dem Nichts aufgebaut hat? Was ist mit ihm?«

»Der Sohn ist nicht der Vater.«

Einen Moment lang funkelte Ironie in Jimmys Blick. Der Alte hatte Michael mit fünfzehn zu Jimmys Schüler gemacht, und in dieser Eigenschaft war er ein Spiegel für Jimmys Eitelkeit geworden, etwas, worauf Jimmy deuten und sagen konnte: »Seht euch dieses Werkzeug an, das ich geschaffen habe.« Die Geschäfte des Alten waren aufgeblüht, als die beiden auf der Straße unterwegs waren, denn so effizient Jimmy auch allein schon gewesen war, es war doch nichts im Vergleich zu dem, was sie zusammen geleistet hatten. Sie hatten sich mordend vom einen Flussufer zum anderen bewegt, von Norden nach Süden und hinüber nach Jersey. Russische Mafia. Serben. Italiener. Egal. Wenn jemand den Alten verärgerte, legten sie ihn um. Aber nach all den Jahren war Michael für Jimmy immer noch nur das und nichts anderes: eine Waffe.

Entbehrlich.

Michaels Blick ging von Jimmy zu dem Mann, den er noch nie gesehen hatte. Er stand schräg rechts hinter Jimmy, einen Schritt weit von ihm entfernt, ein schlanker Mann in einer Leinenhose und einem Golfhemd, das eng genug war, um schlanke, harte Muskelstränge abzubilden. »Wer ist er?«, fragte Michael.

»Dein Ersatz.«

Michael verspürte einen Stich, aber es war weder Verlustschmerz noch Kränkung, sondern nur ein weiterer Faden, der gerissen war. Er musterte den Mann und bemerkte Kleinigkeiten, die ihm bisher entgangen waren. Feine weiße Narben an beiden Unterarmen, ein Finger, an dem der Nagel fehlte. Der Mann war eins achtzig groß und von unbestimmt slawischer Erscheinung mit weit auseinanderliegenden Augen und breiten Wangenknochen. Michael zuckte die Achseln und beachtete ihn nicht weiter. »Ich würde mich nie gegen Leute wenden, die mir vertrauen«, sagte er zu Jimmy.

»Nicht? Wie lange bist du mit dieser Frau zusammen? Drei Monate? Ein Jahr?«

»Wieso ist das wichtig? Es ist privat.«

»Es ist wichtig, weil du uns erst vor acht Tagen von ihr erzählt hast. Du hast sie geheimgehalten, und wer Geheimnisse vor uns hat, ist nur einen Schritt davon entfernt, unsere Geheimnisse zu verraten. Das sind zwei Seiten derselben Medaille. Geheimnisse. Mangelndes Vertrauen. Prioritäten.«

»Ich habe gesagt, ich würde mich niemals gegen euch wenden.«

»Aber du hast deine Wahl getroffen.«

»Der Alte auch. Als er mich gehen ließ.«

»Vielleicht wird der Alte weich.«

Das kam von Michaels Nachfolger – eine scharfe Stimme mit einem leichten Akzent –, und Michael war fassungslos über so viel Respektlosigkeit hier im Haus des Alten. Er starrte dem Mann in die slawischen Augen, dann sah er Jimmy durchdringend an und wartete darauf, dass der seinen Blick erwiderte. »Du hast einen Mann schon für weniger erschossen«, stellte er fest.

Jimmy zupfte am Nagel seines kleinen Fingers. »Vielleicht bin ich seiner Meinung.«

»Ich will ihn sehen.« Michaels Stimme knirschte. Jeder hier verdankte dem Alten sein Leben. Das, was er hatte. Wer er war. Achtest du den Alten, wird der Alte dich achten. So wurde es gehalten, nach alter Schule, wie es sich gehörte.

In gewisser Hinsicht war auch Jimmy dieser Ansicht. »Niemand steigt aus, Michael. Das war schon immer so. Der Alte hatte unrecht, als er dir etwas anderes gesagt hat.«

»Er ist der Boss.«

»Noch.«

Darüber dachte Michael zwei Herzschläge lang nach. »Du hast letzte Nacht im Wagen gesessen. Mit Stevan.«

»Eine schöne Nacht für eine Spazierfahrt …«

»Du Schwein.«

Jimmy sah die Wut und wippte auf den Fußballen. Die Frage, wer es mit wem würde aufnehmen können, stand schon lange zwischen ihnen. Michael sah das Funkeln, das in Jimmys Augen erwachte, das schmale, kalte Lächeln. Jimmy wollte es, er brannte darauf, und jetzt wusste Michael, dass es keinen leichten Ausweg geben würde, keinen eleganten Abschied von einem Leben, das er nicht mehr führen wollte. Für zu viele Leute war dies eine persönliche Angelegenheit.

Finger schlossen sich um Waffen im Halfter, und der Augenblick dehnte sich, doch bevor er zerriss, gab es Bewegung auf der Treppe. Eine Krankenschwester erschien auf der Galerie. Sie war um die vierzig und sah aus wie eine kleinere Version von Jimmy, aber irgendwie weiblich. Jimmy drehte sich um, hob den Kopf, und sie sagte: »Er will wissen, wer da ist.«

»Ich komme sofort«, sagte Jimmy und sah Michael mit eisiger Miene an. »Du bleibst hier.« Er winkte dem jungen Slawen. »Behalte ihn im Auge.«

»Wo ist Stevan?«, wollte Michael wissen.

Jimmys Lächeln war wie ein Schlitz in seinem Gesicht. Die Frage ignorierte er. Leichtfüßig lief er die Treppe hinauf, und als er zurückkam, sagte er: »Er will dich sehen.« Michael wollte auf die Treppe zugehen, aber Jimmy trat ihm in den Weg. »Noch nicht.« Er machte eine kreiselnde Bewegung mit dem gesenkten Zeigefinger, als rührte er damit in einer Tasse Tee. Michael hob die Arme und ließ sich von dem Slawen abtasten. Der Slawe befühlte Michaels Beine bis in den Schritt hinauf und seine Arme bis herunter zu den Handgelenken. Er strich über den Stoff an Michaels Rücken und Brust und befingerte die Kragen von Jackett und Hemd.

»Das alles ist unnötig«, sagte Michael.

Jimmys Blick wanderte von unten nach oben und verweilte auf Michaels Gesicht. »Ich kenne dich nicht mehr.«

»Vielleicht kanntest du mich noch nie.«

Eine Hand tippte auf sein Handgelenk. »Genug. Geh. Hinauf.«

Im ersten Stock sah Michael eine Pflegestation mit grün leuchtenden Monitoren. Kabel schlängelten sich die Treppe hinunter und unter den Tisch mit den Apparaten. Die Schwester saß davor, hatte die Füße flach auf den Boden gestellt und blickte starr auf die Monitore. In einem kleinen Zimmer hinter ihr saß ein Priester mit eisengrauem Haar in einem bequemen Sessel. Er hatte die Augen halb geschlossen und die Finger auf dem Schoß verschränkt. Er trug glänzende Schuhe und einen schwarzen Anzug mit weißem Kragen. Als die Schwester aufblickte, fragte Michael: »Ist es so knapp?«

Sie warf Jimmy einen Blick zu, und der gab nickend sein Einverständnis. »Wir haben ihn zweimal wiederbeleben müssen«, sagte sie.

»Was?« Michaels Zorn flammte auf. Der Alte wollte sterben. Ihn wiederzubeleben war grausam. »Warum? Weshalb muten Sie ihm das zu?«

Sie warf einen Blick zu Jimmy. »Sein Sohn –«

»Sein Sohn hat das nicht zu bestimmen! Er hat seinen Wunsch klar zum Ausdruck gebracht. Er ist bereit.«

Die Schwester hob entsetzt die Hände. »Ich kann nur –«

Michael fiel ihr ins Wort. »Wie schlimm sind die Schmerzen?«

»Das Morphium hilft kaum noch.«

»Können Sie ihm mehr geben?«

»Mehr würde ihn umbringen.«

»Ist er klar im Kopf?«

»Mal ja, mal nein.«

Michael starrte den Priester an, und der starrte angstvoll zurück. »Wie lange hat er noch?«

»Stunden. Wochen. Father William ist seit fünf Tagen hier.«

»Ich will ihn sehen.« Ohne auf eine Antwort zu warten, stieg Michael die nächste Treppe hinauf und blieb vor der breiten Flügeltür stehen. Jimmy lehnte sich mit der Schulter an den Rahmen und schnippte sich ein Stäubchen vom Jackett. »Es ist nicht recht, Jimmy«, sagte Michael. »Er will sterben.«

»Das ist Stevans Entscheidung. Lass es dabei.«

»Und wenn ich nicht kann?«

Jimmy zuckte die Achseln.

»Ich bin nicht euer Feind«, sagte Michael. »Ich will nur raus.«

Jimmy betrachtete seinen anderen Ärmel. »Es gibt nur einen Weg hinaus, und das weißt du. Wenn der Alte stirbt, stirbst du auch. Entweder das, oder du überzeugst uns, dass wir dir wieder vertrauen können.«

»Das sind schon zwei Wege.«

Jimmy schüttelte den Kopf. »Der eine führt hinaus, der andere wieder herein. Zwei verschiedene Paar Schuhe.«

»Euch überzeugen? Wie denn?«

Jimmy blinzelte wie eine Eidechse. »Bring die Frau um.«

»Elena ist schwanger.«

»Hör zu.« Jimmy beugte sich vor. »Ich weiß, dass du dieses deplatzierte Verantwortungsgefühl hast, aber der Alte wird nicht mehr viel länger leben.« Mit weiter Geste umfasste er das Haus und die Männer unten, dann senkte er die Stimme. »Stevan kann das alles nicht zusammenhalten. Er ist schwach, sentimental. Er hat nicht das, was wir haben.« Er schwieg einen Moment. »Du kannst meine Nummer zwei sein. Ich gebe dir einen Prozentsatz. Und freie Hand auf der Straße.«

Michael schüttelte den Kopf, doch Jimmy hörte nicht auf.

»Könnte sein, dass Leute mich herausfordern, wenn ich allein bin. Aber niemand würde riskieren, sich mit uns beiden anzulegen –«

»Ich will nicht.«

»Wir alle wissen, was der Alte für dich empfindet. Die Straße würde es akzeptieren. Die Männer. Wir könnten zusammenarbeiten.«

»Sie ist schwanger, Jimmy.«

Jimmy senkte die Lider. »Das ist nicht mein Problem.«

»Ich will nur aussteigen.«

»Es gibt kein Aussteigen.«

»Ich will dich nicht umbringen.«

Jimmy legte eine Hand auf den Türknauf. »Glaubst du, das kannst du?«

Er stieß die Tür weit auf und grinste.

Und Michael ging hinein zu dem Alten.

DREI

Michael trat ein, und Jimmy ließ ihn allein mit dem sterbenden Mann, der ihm fast das Leben gerettet hatte. Ein Perserteppich reichte bis zu den Fenstern auf der anderen Seite, und die Kassettendecke war sicher fünf Meter hoch. Kein Licht brannte, alle Vorhänge bis auf einen waren geschlossen. Fahles Licht fiel geisterhaft herein und berührte einen Stuhl, das Bett und den abgemagerten Mann darin. Der Raum war lang und schmal, das Halbdunkel ließ ihn hohl erscheinen. Michael hatte zahllose Stunden hier verbracht – lange Monate, während der Alte zusehends verfiel –, aber seit seinem letzten Besuch waren acht Tage vergangen, und die Veränderung lag über allem wie ein Leichentuch. Die Luft war stickig und zu warm, es roch nach Krebs und Schmerzen, nach einem sterbenden alten Mann.

Michael durchquerte das Zimmer. Alles sah unverändert aus, bis auf das knapp zwei Meter hohe Kreuz, das an der Wand hing. Es war aus glattem dunklem Holz und sah sehr alt aus. Michael hatte es noch nie gesehen, aber er schob den Gedanken daran beiseite, als er an dem schmalen Bett stehen blieb und auf den einzigen Mann hinunterschaute, den er je geliebt hatte. Durch Nadeln, die in seine Haut gebohrt waren, liefen Flüssigkeiten in die Adern des Alten. Den Hausmantel, den er trug, hatte Michael ihm acht Jahre zuvor geschenkt, und der Alte sah darin so leicht und kraftlos aus wie ein verhungertes Kind. Sein Kopf war ein Totenschädel; der Knochen stach zu deutlich durch die Haut, die Adern schimmerten wie Schnüre in Wachs. Seine Augen waren von blau-schwarzer Haut umgeben. Seine Lippen waren von den Zähnen zurückgezogen, und Michael fragte sich, ob der stets gegenwärtige Schmerz tückisch genug war, um den Alten sogar im Schlaf zu finden.

Ein paar lange Sekunden stand Michael trauernd da, dann nahm er die Hand des Mannes, setzte sich auf den Stuhl und betrachtete das Kreuz an der Wand. Der Alte hatte keinen Funken Religiosität im Körper, aber sein Sohn gab sich gläubig. Seinen Sünden zum Trotz – und es waren viele – ging Stevan jede Woche zur Messe, ein Mann voller Konflikte, verstrickt in Selbsttäuschungen. Er fürchtete Gott, war aber zu schwach, um auf die Dinge zu verzichten, die er durch Gewalt erwerben konnte, auf das Geld und die Macht, die Freude an blassgesichtigen Models und Society-Witwen, die seinen Namen und sein gutes Aussehen unwiderstehlich fanden. Stevan liebte es, berüchtigt zu sein, aber die mangelnde Reue seines Vaters quälte ihn, und Michael hatte den Verdacht, dass der Alte aus diesem Grund zweimal wiederbelebt worden war. Stevan befürchtete, sein Vater werde in die Hölle fahren, wenn er unbußfertig bliebe. Michael staunte über ein solches Ausmaß von Heuchelei. Handlungen hatten Konsequenzen, Entscheidungen hatten ihren Preis. Der Alte wusste genau, wer er war, und Michael wusste es auch.

Er nahm ein gerahmtes Foto vom Nachttisch. Es war vor anderthalb Jahrzehnten aufgenommen worden und zeigte ihn mit dem Alten. Michael war sechzehn, breitschultrig, aber dünn in einem Anzug, der das nicht verbergen konnte. Lachend lehnte er an der Motorhaube eines Autos, und der Alte hatte ihm den Arm um die Schultern gelegt und lachte ebenfalls. Der Wagen, an dem sie lehnten, war ein Geburtstagsgeschenk gewesen: eine ’67er Corvette, ein Klassiker.

Michael stellte das Foto dahin, wo der Alte es sehen konnte, stand auf und ging zu der Bücherwand an der Nordseite. Die Regale erstreckten sich über die ganze Länge der Wand und enthielten eine Sammlung, die der Alte seit über dreißig Jahren pflegte. Die Liebe zu den Klassikern hatten sie gemeinsam, und viele der Bücher waren Erstausgaben – unter anderem mehrere von Hemingway, Faulkner und Fitzgerald. Michael nahm Der alte Mann und das Meer heraus und setzte sich wieder.

Durch das Fenster sah er den Fluss und dahinter Queens. Dort war der Alte geboren worden, von einer Prostituierten, deren Interessen nicht über ein paar Scheine und die nächste Flasche hinausgingen, die man dafür kaufen konnte. Jahrelang war er in einer Kellerwohnung eingesperrt gewesen, manchmal tagelang allein, ungewaschen und halb verhungert, bis er mit sieben zur Waise geworden war. Er hatte Michael einmal erzählt, er habe nie eine Kindheit gekannt, die härter war als seine, bis sie einander begegnet seien. Diese Tatsache mache sie zu Verwandten, hatte er gesagt. Niemand sonst könne die Einsamkeit verstehen, die sie verspürt hätten, die Angst. Das gebe ihnen Klarheit, sagte er, und mache sie stark. Und Stevan hatte Michael dafür gehasst: für dieses Band zwischen ihm und seinem Vater.

Aber Michael hatte es geschätzt – nicht nur, weil er ansonsten so allein auf der Welt war, sondern weil diese Ähnlichkeiten tatsächlich etwas bedeuteten. Nicht einmal Stevan konnte das Ausmaß der Entbehrungen begreifen, von denen die Jugend seines Vaters geprägt war. Er wusste nicht, dass die Narben an den Füßen des Alten von Ratten in seinem Kinderbett stammten und dass ihm die fehlenden Fingerglieder in den Tagen vor dem Tod seiner Mutter abgefroren waren. Über diese Dinge sprach der Alte nur mit Michael, denn nur Michael konnte es verstehen. Er war der Einzige, der die ganze Geschichte kannte, der Einzige, der wusste, dass der Alte dieses Zimmer wegen der Aussicht gewählt hatte, damit sein letzter Blick auf Erden auf den Ort gerichtet sein würde, dem er sich auf grausame Weise, Tag für Tag, entrissen hatte. Michael sah darin etwas unbestreitbar Elegantes. Das Mietshaus, das den Mann beinahe umgebracht hatte, lag nur einen Atemzug vom Fluss entfernt. Und ein ganzes Menschenleben.

Die Sonne stieg höher, und das Licht rutschte vom Gesicht des Alten herunter. Seine Augen lagen so tief in den Höhlen, dass Michael der Moment entging, in dem sie sich öffneten. Gerade waren sie noch verborgen gewesen, und jetzt waren sie einfach da, verkniffen, tief liegend, rot durchzogen. »Stevan?«

»Ich bin’s, Michael.«

Die gebrechliche Brust hob und senkte sich in kurzem, verzweifeltem Keuchen, und Michael sah, dass der Schmerz tief innen zubiss. Haut sammelte sich in den Augenwinkeln des Alten, und seine Brauen schoben sich über der Nase zusammen. »Michael …« Sein Mund arbeitete. Etwas glitzerte im Sonnenlicht, das seinen Hals noch erreichte, und Michael begriff, dass er weinte. »Bitte …«

Michael wandte das Gesicht ab von dem, was da von ihm erbeten wurde. Seit Monaten flehte der Alte jetzt darum, sterben zu dürfen, so heftig waren die Schmerzen. Aber Stevan hatte es ihm verweigert. Stevan. Sein Sohn. Also hatte der Alte gelitten, und Michael hatte zugesehen, wie die Krankheit ihn hinraffte. Wochen dehnten sich zu Monaten, und der Alte hatte gebettelt.

Gott, wie hatte er gebettelt.

Dann, vor acht Tagen, hatte Michael ihm von Elena erzählt. Er hatte erklärt, dass es in seinem Leben jetzt mehr gebe als den Job, dass er aussteigen wolle, aussteigen in ein normales Leben. Der Alte hatte zugehört, seine schmerzerfüllten Augen hatten ihn durchdringend angeschaut, und er hatte so heftig genickt, wie ein kranker Mann es nur konnte. Er habe begriffen, hatte er gesagt, wie kostbar das Leben sein sollte. Kostbar. Finger hatten sich in Michaels Arm gekrallt. Kurz! Und diese Worte hatten noch in der Luft über seinen Lippen gehangen, als er Michael gesagt hatte, dass er ihn liebe.

Wie einen Sohn.

Seine Finger hatten sich gekrümmt, und er hatte Michael näher zu sich gezogen.

Hast du verstanden?

Ein Hustenanfall überkam ihn. Als er wieder sprechen konnte, gab er Michael frei zu leben, wie er leben wollte. Und dann bat er ihn, ihm dafür das Leben zu nehmen. In dieser Bitte lag keine Ironie, nur Schmerz, und jetzt sprach er sie noch einmal aus.

»Das kann ich nicht.«

Michael senkte den Kopf, denn die Worte waren unzulänglich. Er hatte so oft getötet, dass es nichts Leichteres für ihn geben dürfte. Ein sanfter Druck. Ein paar Sekunden. Aber er dachte an den Tag, an dem der Alte ihn gefunden hatte, mit ein paar Dutzend Messerstichen im Körper, um sein Leben kämpfend unter einer Brücke in Spanish Harlem. Er habe von diesem wilden Jungen gehört, sagte er, der bei den Obdachlosen lebe, und er habe ihn selbst sehen wollen. Er habe wissen wollen, ob die Geschichten stimmten.

Ein Geräusch kam über die Lippen des Alten, aber keine Worte, die über den Schmerz hinausgingen. Michael war hergekommen, um Stevan zu versichern, dass er keine Bedrohung darstelle. Sollte das nicht gelingen, hatte er gehofft, den Alten noch kräftig genug vorzufinden, um dafür zu sorgen, dass seine Befehle auch über den Tod hinaus befolgt wurden. Doch als er jetzt die Höllenqualen in den gepeinigten Augen sah, war Scham das Einzige, was er empfand. Er hatte vor allem an sich selbst gedacht, doch der Alte hatte mehr als das verdient. Michael nahm die Hand des Alten und betrachtete das Foto, auf dem sie an der Motorhaube lehnten. Der Arm des Alten lag um Michaels Schultern, und er hatte den Kopf zurückgelegt.

Sie lachten.

Es war das einzige existierende Foto, auf dem sie zusammen zu sehen waren. Der Alte war unerbittlich gewesen. Zu gefährlich, noch mehr zu haben, hatte er gesagt. Zu riskant. Und siebzehn Jahre lang hatte dieses Foto niemals sein Zimmer verlassen. Ein Augenblick der Zeit war darauf eingefangen – pures Glück –, und Stevan war verhasst gewesen, was es über die Herzensneigungen seines Vaters aussagte. Aber der Alte hatte sich nicht dafür entschuldigt. Handlungen und Konsequenzen, Entscheidungen und ihr Preis.

Michael schaute auf das Gesicht des Alten hinunter. Er sah, wie es gewesen war und wie es jetzt war: das Leben, das er gehabt hatte und das er aufgeben wollte. Qualen verwüsteten die Züge, doch hinter den Schmerzen und der Angst sah Michael die Seele des Alten, und sie war unverändert.

»Hab keine Angst«, flüsterte der Alte.

Michael konnte ihn kaum hören. »Bist du sicher?«

Der Alte nickte stumm, und Michaels Finger schlossen sich fester um seine Hand. »Sie werden kommen«, sagte Michael. »Stevan. Jimmy. Sie werden versuchen, mich umzubringen.«

Der Alte musste wissen, welche Auswirkungen es haben würde, was er hier erbat. Wenn Stevan käme, würde Michael ihn töten. Die Erkenntnis dieser Wahrheit erfüllte die Augen des Alten, aber erst, als er sagte: »Mach dir ein gutes Leben«, war Michael überzeugt, dass er es wirklich verstanden hatte. In seinen Augen lag große Trauer, und sie hatte nichts mit seinem eigenen Tod zu tun. Der Alte mochte leben oder tot sein – Stevan würde kommen.

Und Michael würde ihn umbringen.

»Ich wusste …« Seine Stimme versagte, und Michael beugte sich tiefer zu ihm hinunter. »Ich wusste es, als ich dich freiließ …«

Michael zwang sich, die Verzweiflung aus seinem Gesicht zu verbannen. Er hatte so viele getötet und so wenige geliebt. »Darf ich das haben?« Er nahm das Foto, das neben dem Bett stand, in die Hand. Der Alte antwortete nicht, nur seine Finger bewegten sich auf der Decke. Michael zog das Foto aus dem Rahmen und steckte es zu dem anderen in die Innentasche. »Elena ist schwanger«, sagte er, doch es war nicht klar, ob der Alte ihn gehört hatte. Seine Augen schwammen in Tränen, und er nickte, als wollte er Michael vorantreiben. Michael küsste ihn auf die Stirn, dann legte er ihm eine Hand auf die Brust und die andere auf Mund und Nase. »Verzeih mir«, sagte er, und als er dem Alten die Luft abdrückte, schauten sie einander unverwandt in die Augen. Michael machte ein besänftigendes Geräusch, aber der Alte wehrte sich nicht, nicht einmal am Ende. Sein Herz begann zu stottern, klopfte dann ein letztes Mal, und Michael spürte durch seine Hände eine Flutwelle des Friedens, die so gewaltig war, dass es Einbildung sein musste. Er richtete sich auf, als auf den Monitoren Nulllinien erschienen und eine Etage tiefer die Alarme schrillten. Er schloss die Augen des Toten und hörte laute Stimmen und Schritte auf der Treppe.

Der Alte war nicht mehr da.

Und sie kamen.

Michael trat ans Bücherregal und schaute auf die schwarze Lücke, in der bis vor wenigen Augenblicken das Exemplar von Hemingways klassischem Roman gestanden hatte. In dem Hohlraum dahinter fand er die beiden Neun-Millimeter-Pistolen, die er drei Monate zuvor dort versteckt hatte. Beide hatten fünfzehn Patronen im Magazin und eine in der Kammer.

Vorstellungsvermögen.

Voraussicht.

Sein Nachfolger besaß beides nicht.

Er kam durch die rechte Türhälfte, die Waffe unten, ein halbes Lächeln auf den Lippen. Michael gab ihm drei Schritte und genug Zeit, um zu sehen, was passieren würde.

Dann schoss er ihm ins Herz.

Inzwischen waren zwei weitere Männer im Zimmer, beide bewaffnet. Michael erkannte die Gorillas vom Eingang. Einer schrie: Ho, ho, aber beide rissen ihre Waffen hoch, und er sah die Mündungen. Michael machte einen Schritt vorwärts und erschoss beide innerhalb einer Sekunde. Sie brachen zusammen, und er hörte Schreie auf der Treppe. Drei Mann, vielleicht mehr. Angst in den Stimmen. Ohne ein Wort durchquerte Michael das Zimmer und blieb anderthalb Schritte neben dem linken, noch geschlossenen Türflügel stehen. Angst war ein Krebsgeschwür für den, der nicht daran gewöhnt war, deshalb arbeitete die Zeit für ihn, doch nur einen Moment lang. Er lauschte nach Schritten auf Teppichboden, und als er durch den Spalt unter der Tür den Schatten von Schuhen sah, jagte er zwei Kugeln mitten durch das Holz.

Ein Körper fiel zu Boden, und Michael sprang um die Tür herum auf den Treppenabsatz. Er sah drei Männer – zwei, die in vollem Lauf die Treppe hinunterflüchteten, und einen dritten, der eine Pistole auf ihn richtete. Aber man braucht mehr als nur einen Finger am Abzug, um einen Mann zu erschießen. Wenn jemand zurückschießt, braucht man eine Coolness, die ein Rockstar nur imitieren kann. Michael besaß diese Coolness, und Jimmy auch.

Niemand sonst im Haus besaß sie auch nur annähernd.

Zwei Kugeln flogen in großem Abstand an Michaels Schulter vorbei. Er schoss dem Schützen einmal in die Stirn und war an ihm vorbei, ehe der Mann am Boden lag. Die anderen Männer blieben stehen; der eine feuerte wie wild, der andere riss die leeren Hände hoch. Michael erschoss den ersten und richtete beide Pistolen auf den zweiten. Der Mann war Ende sechzig, ein Straßengangster aus alten Zeiten, der nur aus sentimentalen Gründen noch gehalten wurde. Er war inzwischen ein Laufbursche, der Botengänge erledigte und das Essen kochte. Seine Hände schwebten entschlossen über dem Kopf, sein Blick war resigniert. Michael blieb eine Stufe über ihm stehen und hielt ihm eine Pistole so dicht an die Wange, dass der Mann die Hitze des Laufs spüren konnte. »Wo ist Jimmy?«

»Weg. Abgehauen.«

»Wann?«

»Vor einer Sekunde.«

Michael warf einen Blick zur offenen Haustür. Draußen lag schemenhaft die Stadt.

Er drückte dem Mann das heiße Metall an die Wange. »Wenn du lügst, lasse ich dich sehr langsam sterben.«

»Ich lüge nicht.«

»Was ist mit der Schwester? Und mit dem Priester?«

»Auch weg.«

»Stehen sie auf der Gehaltsliste?«

Der Mann nickte. Sie würden also den Mund halten. Wieder schaute Michael zur offenen Tür. »Du hast die Autoschlüssel?«

Der Mann zog einen Schlüsselbund aus der Hosentasche. »Der Navigator«, sagte er. »Steht hinten.«

»Noch jemand im Haus?«

Er schüttelte den Kopf. Der Geruch von verbranntem Pulver war überall. Ein grauer Dunstschleier hing unter dem Kronleuchter. Michael betrachtete das Gesicht des Mannes und erinnerte sich, dass er ein paarmal mit ihm gesprochen hatte. Sein Name war Donovan. Er hatte Enkelkinder.

»Sag Stevan, ich bin raus.« Donovan nickte, aber Michael wusste schon in diesem Moment, dass es gelogen war. Der Alte war von Michaels Hand gestorben. Blut lief an den Wänden und über die Stufen herunter. Er war nicht raus. Nicht nach dem hier. Er wedelte mit der Pistole. »Verschwinde.«

Donovan floh, und Michael ging wieder nach oben. Er blieb am Bett stehen und schaute auf die Hülse des Mannes hinunter, den er umgebracht hatte. Er war ein harter Mann gewesen, aber voller Güte gegen diejenigen, die er liebte. Michael erinnerte sich an ein Gespräch, das sie am Morgen seines vierzehnten Geburtstags geführt hatten. Ein Jahr war seit dem Tag unter der Brücke vergangen, und der Alte hatte wissen wollen, warum.

Warum ich auf der Straße war?

Ja. Der Alte verzog die Mundwinkel und legte den Kopf schräg. Ein gescheiter Junge. Gut aussehend. Du hättest zu den Behörden gehen können, zu irgendjemandem. Warum den harten Weg nehmen? Warum die Straße?

Ich hatte meine Gründe.

Mehr willst du nicht sagen?

Humor funkelte in den Augen des Alten, eine Art Stolz.

Nein, Sir.

Ganz gleich, wovor du wegläufst, Michael, es kann dir jetzt nichts mehr anhaben. Das weißt du, oder? Nicht hier. Nicht bei mir.

Das weiß ich.

Und du willst es mir trotzdem nicht sagen?

Auch dafür habe ich meine Gründe.

Er hatte dem Jungen das Haar zerzaust und gelacht. Ein Mann sollte immer seine Gründe haben.

Und in all der Zeit hatte Michael ihm nie erzählt, warum er sich für den harten Weg entschieden hatte. Denn der Alte hatte recht gehabt. Ein Mann sollte immer seine Gründe haben.

Und seine Geheimnisse.

Michael rückte die Arme des Alten zurecht und strich die Bettdecke über der Brust glatt. Er küsste die eine noch warme Wange und dann die andere. Als er sich aufrichtete, brannten heiße Tränen in seinen Augen. Er nahm den Hemingway-Roman vom Nachttisch, blieb eine ganze Weile am Bett stehen und schaute hinunter. »Du warst gut zu mir«, sagte er, und als er ging, nahm er das Buch mit.

Auch dafür hatte er seine Gründe.

VIER

Es gab Leute auf der Welt, die besser töten konnten als Michael. Ein Gewehrschuss über tausend Meter entsprach nicht seinen Fähigkeiten, und er verstand auch nichts von Sprengstoffen und Giften und jeder Art von Massenmord. Er war zu dem Beruf gekommen, weil er um sein eigenes Leben zu kämpfen hatte, und das tat man aus der Nähe, und es war persönlich, es ging um Essen und Unterkunft und darum, das Blut in seinen Adern zu behalten. So etwas lernte man schnell auf der Straße, und schon als Kind wusste Michael, dass man besser bösartig als weich war, besser schnell als langsam. Er lernte zu stehlen, zu lavieren und zu verletzen, und sein Talent war der absolute Mangel an geistiger Schwäche. Jimmy hatte dieses Talent einfach genommen und vergrößert. Eine natürliche Fähigkeit zur Gewalt hatte er verfeinert und Michael eine Ökonomie der Bewegung gelehrt, die ihn noch heute befriedigte.

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