Das Ende der Wikinger - Arnulf Krause - E-Book

Das Ende der Wikinger E-Book

Arnulf Krause

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Beschreibung

Männer, die sich die Augen schminken, Frauen, die unerwünschte Neugeborene im Meer aussetzen oder sich scheiden lassen - auf so manchen Händler und Reisenden muss das Leben im mittelalterlichen Skandinavien ziemlich befremdlich gewirkt haben. Erfahren Sie, wie die Wikinger herrschten, handelten, glaubten und liebten.

Das E-Book Das Ende der Wikinger wird angeboten von Campus Verlag und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Grönland,Island,Normannen,Rus,Skandinavien,Wikinge

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Seitenzahl: 64

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Arnulf Krause

Das Ende der Wikinger

Campus VerlagFrankfurt/New York

Über das Buch

Männer, die sich die Augen schminken, Frauen, die unerwünschte Neugeborene im Meer aussetzen oder sich scheiden lassen – auf so manchen Händler und Reisenden muss das Leben im mittelalterlichen Skandinavien ziemlich befremdlich gewirkt haben. Erfahren Sie, wie die Wikinger herrschten, handelten, glaubten und liebten.

Dieses E-Book ist Teil der digitalen Reihe »Campus Kaleidoskop«. Erfahren Sie mehr auf www.campus.de/kaleidoskop

Über den Autor

Arnulf Krause ist promovierter Germanist und Skandinavist, erfolgreicher Sachbuchautor und Experte für germanische Heldensagen und die Dichtung der Edda. Er lehrt als Honorarprofessor am Institut für Germanistik, vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Universität Bonn. Bei Campus erschienen von Arnulf Krause bisher »Die Geschichte der Germanen« (2002, 2005), »Die Welt der Kelten« (2004, 2007) und »Die Wikinger« (2006). Seit 2013 erscheinen seine Texte in der E-Book-Reihe »Campus Kaleidoskop«.

Inhalt

Die skandinavischen Könige und das Ende der Wikingerzeit

Haithabu: Handelsmetropole des Nordens

König Harald Blauzahn von Dänemark: Christ und Krieger

Thorshammer und Kreuz: Die Norweger zwischen Heidentum und Christentum

Wikinger in Norddeutschland

Die neue Invasion in England

Ein Däne auf Englands Thron

Das Nordseereich Knuts des Großen

Norwegens christliche Wikingerkönige

Die große Seeschlacht und das spurlose Verschwinden eines Königs

Runensteine, fromme Christen, Menschenopfer: Schweden im 11. Jahrhundert

Der letzte Wikinger: Harald der Harte

1066: Das Jahr der Entscheidung I

1066: Das Jahr der Entscheidung II

Das Ende der Wikingerzeit

Campus Kaleidoskop

Impressum

Die skandinavischen Könige und das Ende der Wikingerzeit

Haithabu: Handelsmetropole des Nordens

Während zahlreiche Drachenschiffe den Atlantik durchpflügten, um neues Land zu entdecken und Siedler dorthin zu bringen, blieb in deren bisheriger Heimat mitnichten alles beim Alten. Skandinavien selbst entwickelte sich zu einer bedeutenden Drehscheibe des Handels. Hier entstanden größere Marktorte, in denen sich ständig Kaufleute und Handwerker ansiedelten und wohin Reisende aus vieler Herren Länder kamen.

Zum wichtigsten dieser Orte wurde im 10. Jahrhundert Haithabu, wenige Kilometer südlich der heutigen Stadt Schleswig. Schon 804 sprechen fränkische Quellen von dieser damals noch kleinen Siedlung, die vier Jahre später durch die erwähnte »Zwangsumsiedlung« der Händler aus dem zerstörten Reric eine beachtliche Aufwertung erfuhr. Die geografische Bedeutung Haithabus erschließt sich durch seine verkehrsgünstige Lage zwischen Norden und Süden sowie zwischen Ost- und Nordsee. Zum einen kreuzte in der Nähe der uralte Heerweg von Dänemark ins heutige Deutschland die Umgebung der Siedlung; zum anderen erstreckte sie sich am so genannten Haddebyer Noor, einer kleinen flachen Bucht, die über die tief ins Land greifende Förde der Schlei mit der Ostsee verbunden war. Den besonderen Wert dieses Kreuzungspunktes machte jedoch die Tatsache aus, dass westlich in etwa 15 Kilometern Entfernung das Flüsschen Treene floss. Über sie und die Eider erreichten die Wikingerboote mit ihrem geringen Tiefgang bequem die Nordsee. Dabei war es ein Leichtes, den kurzen Landweg auf dieser Strecke mittels Karren und Lasttieren zu bewältigen. Für die Händler lag der Vorteil auf der Hand: Sie mussten nicht länger die Halbinsel Jütland umfahren, in deren Gewässern zuhauf Wikinger lauerten. Denn als Seeräuber schreckten die Skandinavier bekanntlich auch nicht vor Überfällen auf ihre Landsleute zurück.

Auf der Haithabu-Route bewegten sich die Kaufleute dagegen in größerer Sicherheit, weil die Häuptlinge und der dänische König am florierenden Handel der Siedlung interessiert waren. Deshalb wuchs und gedieh der Ort unter ihrem Schutz. Wer sich um das Jahr 950 mit seinem Schiff von der Ostsee her näherte, war nicht allein, sondern begleitet von zahlreichen anderen Booten, die den attraktiven Handelsplatz anfuhren oder verließen. Man passierte die bogenförmige Palisade im Haddebyer Noor, deren Pfosten man zum Schutz des Hafens in den Grund der Bucht gerammt hatte. Bevor das Schiff an einer der hölzernen Molen anlegte, erblickte seine Besatzung im Hintergrund Haithabus den erst kürzlich aufgeschütteten halbkreisförmigen Erdwall. Auf einer Länge von 1,3 Kilometern schützte er die Siedlung mit seiner imposanten Höhe von 10 Metern vor Angriffen von der Landseite.

Der Ort selbst erwies sich als Ansammlung von einigen 100 überwiegend rechteckigen Gebäuden, die wie in Skandinavien üblich aus Holz und lehmverschmiertem Flechtwerk bestanden. In der Nähe des Hafens verfügte Haithabu über ein Netz gerade angelegter Straßen, die man mit Holzbohlen gepflastert hatte. An sie grenzten die Schmalseiten der länglichen Grundstücke, die voneinander durch Gräben und Holzzäune getrennt waren. Darauf erhoben sich diverse Gebäude, die als Wohnhäuser, Werkstätten und Lagerhäuser dienten. Die Neuankömmlinge durchschritten also eine geradezu ordentlich angelegte Siedlung, in der bis zu 1500 Menschen lebten – was sie in den Augen der Nordeuropäer schon zu einer beeindruckenden Stadt machte.

In der Tat dürfte am Haddebyer Noor ein geschäftiges Treiben und Gewimmel geherrscht haben: Am Hafen wurden Waren entladen und in die Lagerschuppen gebracht; Kaufleute standen zusammen und feilschten eifrig um den Preis; in den Werkstätten wurde gehämmert, gesägt und die Töpferscheibe gedreht – von Schmieden aller Art, Zimmerleuten, Töpfern und zahlreichen anderen Handwerkern; Frauen stiegen über Holztreppen zu einem kanalisierten Bach, wo sie die Wäsche wuschen; daneben erholte man sich bei Speis und Trank von den Anstrengungen der Reise, lauschte den Musikanten oder hörte Geschichtenerzählern zu. Und was fand sich hier nicht alles an Waren: Felle und Häute, Waffen, Wein und Glas, Sklaven, Silber und Seide aus Byzanz und von den Arabern. Bei der Intensität eines solchen Warenverkehrs gehörten die Herrscher Haithabus zu den ersten in Skandinavien, die den Franken, Byzantinern und Arabern nacheiferten und eigene Münzen prägten – was ansonsten unter den Wikingern noch lange nicht üblich war.

Unter den Fremden, die man als Reisender um die Mitte des 10. Jahrhunderts in Haithabu treffen konnte, befand sich ein weiteres Mal ein Araber. Der Händler al-Tartuschi kam aus dem spanischen Emirat von Córdoba und hinterließ einen glaubwürdigen Bericht von seinen Eindrücken. Darin bezeichnet er Haithabu – von ihm Schleswig genannt – als eine große Siedlung am anderen Ende des Weltmeeres. In der Stadt selbst gebe es Brunnen mit frischem Wasser. Einige wenige Christen besäßen zwar eine eigene Kirche, aber ansonsten verehrten die Einwohner den Sirius – für den Mauren Ausdruck des Heidentums, weil er mit den Wikingergöttern wie Odin und Thor nichts anzufangen wusste. Jenem heidnischen Gott zu Ehren würden Ess- und Trinkgelage veranstaltet. Und wenn ein Mann ein Opfertier schlachte – Ochse, Widder, Ziegenbock oder Schwein – hänge er es vor seinem Haus an einem Pfahl auf. Wer immer vorübergehe, sehe, dass der Bewohner dem Gott ein Opfer gebracht habe. Al-Tartuschi behauptete zudem, in der Stadt gebe es nicht viele Güter und Reichtümer. Diese Bemerkung orientiert sich zweifelsohne an dem, was er aus den bevölkerungsreichen Städten seiner Heimat mit ihren prächtigen Palästen gewohnt war. Der Bedeutung Haithabus tat er damit allerdings Unrecht.

Darüber hinaus weiß der Gewährsmann von Sitten und Gebräuchen zu berichten, die für ihn schwer zu begreifen waren. So sei es »normal«, ein Neugeborenes im Meer auszusetzen, um sich der Mühe der Aufzucht zu entledigen – den Brauch der Kindesaussetzung kannten auch die Isländer. Frauen könnten nach ihrem Willen das Recht in Anspruch nehmen, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. Sowohl die Frauen wie die Männer schminkten sich die Augen, um schön zu sein – was das Bild der Wikinger um ein unerwartetes Detail bereichert. Besonders schwer tat sich der schöngeistige Maure mit der Artikulation der Nordleute. Über deren Lieder, die nicht selten in der Siedlung erklangen, schreibt er: »Der entsetzliche Gesang dieser Menschen ist unbeschreiblich – er ist schlimmer als das Bellen von Hunden.«