Das Ende - Dustin Klühr - E-Book

Das Ende E-Book

Dustin Klühr

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Beschreibung

Dieses Buch wird Sie durch ein Jahr voller Action, Spannung, Liebe und Geborgenheit führen.

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Seitenzahl: 172

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Ähnliche


Inhalt

Fall 1 - Auf der Fährte des Mörders

Fall 2 - Ein Dieb aus der vornehmen Welt

Fall 3 - Ein verwegener Geselle

Fall 4 - Der geheimnisvolle Wandschrank

Fall 5 - Von Verbrechen zu Verbrechen

Fall 6 - Zwei Flüchtlinge

Fall 7 - Durch Strychnin

Fall 1 Auf der Fährte des Mörders

Kein Beruf bietet mehr Gelegenheit, das Menschenherz mit all seinen verborgenen Tiefen und Leidenschaften gründlich kennenzulernen, als der des Kriminalbeamten. Seine Lebensaufgabe ist, bei allen Verbrechen, die geschehen, dem Urheber und dessen inneren Beweggründen nachzuspüren. Da fällt dann vor dem scharf beobachtenden Blick manche heuchlerische Maske, die der Mensch trägt, und mancher, der vor der Welt als Ehrenmann galt, steht plötzlich als ein schwerer Missetäter, ein fürchterlicher Verbrecher da.

Wir werden es im Folgenden unternehmen, aus dem uns zur Hand gekommenen Tagebuch, das ein Kriminalkommissar über die von ihm geleiteten Untersuchungen zu führen pflegte, einige interessante Fälle herauszuheben. Wir beginnen mit einem Ereignis, das seiner Zeit in der Gegend, wo es sich zutrug, alle Gemüter mit Schrecken erfüllte. Der Beamte schrieb darüber das Folgende:

Die Einwohner des Dorfes N. waren in größter Aufregung. Auf dem Gut des Herrn von Seebeck war der Verwalter desselben Namens Lamprecht erschlagen worden! Es lag unzweifelhaft ein Mord vor, und Herr von Seebeck kam selbst zur Stadt, um dem Staatsanwalt, mit dem er befreundet war, von dem Verbrechen Anzeige zu machen.

Die Untersuchung und Feststellung des Tatbestandes sowie die ersten Nachforschungen nach dem Verbrecher wurden durch den Schulzen des Dorfes und einen Wachtmeister der Gendarmen vorgenommen, schienen aber in einer sehr oberflächlichen Weise ausgeführt zu sein; sie blieben ohne jeden Erfolg.

Der Verwalter war in einem Steinbruch tot gefunden worden. Die Tat konnte nicht dort selbst geschehen sein, sondern eine Blutspur verriet deutlich, dass der Mörder sein Opfer in der Nähe des Steinbruchs getötet, die Leiche dann bis zu dem Steinbruch geschleift und in denselben hinab geworfen hatte. Der Mord war, mit einem viereckigen und scharfkantigen Instrument, mit einem Hammer vollbracht, wie die Untersuchung des Toten und die Verletzung des Schädels auf welchen der Schlag geführt war, deutlich herausgestellt hatte. Der Ermordete hatte nur den einen Schlag erhalten, welcher sofort tödlich gewesen war. Uhr und Börse des Erschlagenen fehlten, es schien demnach ein Raubmord vorzuliegen und nach dieser Richtung allein waren die Nachforschungen eingestellt worden.

Ich erhielt auf die Veranlassung des Staatsanwaltes von meinem Vorgesetzten den Auftrag, mich nach dem Gut des Herrn von Seebeck zu begeben und dort eingehende Nachforschungen anzustellen. Es wurde mir in dieser Angelegenheit vollständige Befugnis erteilt und ich reiste mit der Voraussetzung ab, dass ich jedenfalls einige Zeit vielleicht sogar wochenlang an dem Ort des Verbrechens verweilen werde. Ich wusste über die ganze Angelegenheit nicht mehr, als was das sehr oberflächliche Protokoll des Wachtmeisters der Gendarmen und das allerdings eingehende und tüchtige Urteil des Gerichtsarztes, der den Toten untersucht hatte, enthielt.

Der Staatsanwalt hatte mir ein Empfehlungsschreiben an seinen Freund, den Herrn von Seebeck, mitgegeben, von welchem ich mit der zuvorkommenden Freundlichkeit empfangen und dringend gebeten wurde, auf dem Gut selbst zu bleiben, obschon es meine Absicht gewesen war, in der dürftigen Dorfschenke ein Zimmer zu nehmen.

»Mein Haus steht Ihnen so lange zur Verfügung, als es Ihnen in demselben gefällt«, sprach Seebeck. »Und ich glaube es wird Ihrer Aufgabe auch besser entsprechen, wenn Sie hier bleiben. Ich weiß nicht, welches Ihre Absichten sind; sollte Ihnen daran liegen, dass Ihre amtliche Stellung hier vor der Hand unbekannt bleibt, so werde ich mir ein Vergnügen daraus machen, Sie als meinen Freund einzuführen.«

Herr von Seebeck hatte in seinem Entgegenkommen so fiel Gewinnendes, dass ich sein Ersuchen und Anerbieten nicht ablehnen mochte, zumal beides für meine Aufgabe nur nützlich sein und mir dieselbe erleichtern konnte.

Der Gutsbesitzer war eine große dürre aber kräftig gebaute Gestalt. In seiner Haltung und in seinen Bewegungen lag etwas Schlaffes. Dies schien mehr eine Angewöhnung zu sein. Sein Gesicht war nicht sehr einnehmend. Seine Augen hatten etwas Starres, ihr Blick war zuweilen stechend. Das Gesicht war von einem hellblonden Bart eingerahmt, das Haar von gleicher Farbe hing glatt über beide Ohren herab. Seebeck mochte ungefähr sechsunddreißig Jahre zählen.

»Durch das ruchlose Verbrechen habe ich einen treuen Diener verloren«, sprach er. »Lamprecht war länger als zehn Jahre bei mir und ich habe eigentlich nie Ursache gehabt, über ihn zu klagen. Er hatte reiche Erfahrungen, dabei war er gewissenhaft und unermüdlich. Ich werde nie wieder einen solchen Verwalter bekommen!«

Er schien über den Verlust tatsächlich sehr betrübt zu sein.

»Haben Sie irgendeine Spur des Täters entdeckt?«, fragte ich. »Oder haben Sie gegen irgendjemand Verdacht?«

»Eigentlich beides nicht«, erwiderte Seebeck. »Es haben sich mir wohl Vermutungen aufgedrängt, allein es sind eben nur Vermutungen.«

»Wollen Sie mir dieselben mitteilen?«, warf ich ein.

Er schien zu zögern.

»Herr Kommissar«, sprach er, »ich bin nicht imstande, meinen Verdacht zu beweisen und möchte niemand zu nahe treten. Lamprecht hatte kaum einen Feind; aus Rache scheint die Tat deshalb wohl nicht geschehen zu sein. Nach meiner Überzeugung sind die wenigen Taler, welche er bei sich trug und seine Uhr die Ursache seines Todes gewesen - es treibt sich viel Gesindel in dieser Gegend umher, dem eine solche Tat zuzutrauen ist. Ich hoffe, die Uhr wird zu der Entdeckung des Mörders führen.«

Ich mochte nicht weiter forschen, da ich zunächst den Ort, an welchem das Verbrechen vollbracht war, in Augenschein nehmen wollte.

Der Steinbruch befand sich in einem kleinen Gehölz; beide gehörten zu dem Gut und waren ziemlich abgelegen von demselben. Ein Weg führte nicht durch das Gehölz und Fremde konnten nur selten dorthin kommen, weil sie dort nichts zu suchen hatten.

Ich suchte noch an demselben Tag den Schulzen des Dorfes auf, gab mich als Kommissar der Kriminalpolizei zu erkennen und ließ mir von ihm erzählen, was er über die Tat wusste. Es war wenig Neues. Der Ermordete war bereits einen ganzen Tag vermisst worden und schon über vierundzwanzig Stunden tot, ehe er gefunden war.

»Wie war der Charakter des Toten?«, fragte ich den Schulzen.

»Einfach und schlicht«, lautete die Antwort. »Manche seiner Kollegen sahen ihn wohl über die Schulter an und nannten ihn beschränkt, sein Kopf reichte für die Stellung, welche er bekleidete, aus«.

»War er beliebt?«, forschte ich weiter.

»Allgemein. Seine Kollegen sahen ihn, wie gesagt wohl über die Achsel an, allein in Wirklichkeit hatten sie ihn doch gern. Er gehörte zu den wenigen Menschen, die keinen Feind haben.«

»Der Ermordete war unverheiratet?«, fragte ich.

Der Schulze lächelte.

»Gewiss«, versicherte er. »Ich glaube, er hat nie daran gedacht, zu heiraten, er wurde sogar ärgerlich, wenn seine Freunde ihn damit neckten. Selbst den hübschesten Mädchen ging er aus dem Weg. Wenn er des Abends oder sonntags ruhig in seinem Zimmer oder in seinem kleinen Garten sitzen und seine Pfeife rauchen konnte, war er vollständig zufrieden und ich glaube, er hat nie mehr vom Leben verlangt.«

In Betreff des Mörders hatte der Schulze dieselbe Ansicht wie der Herr von Seebeck. Auch er sprach von Gesindel, welches sich in der Gegend umhertrieb und sein Verdacht erstreckte sich sogar auf eine Zigeunerfamilie, welche einige Wochen zuvor durch das Dorf gezogen war.

Dies war alles, was ich von dem Schulzen erfahren konnte. Die Schwierigkeit meiner Aufgabe fuhr mir durch den Kopf hin und fast schlaflos brachte ich die erste Nacht in dem Haus des Herrn von Seebeck zu. Noch hatte ich nicht den geringsten Anhaltspunkt gewonnen, acht Tage waren seit der Tat bereits verflossen und die ersten Spuren derselben durch die ungeschickte Untersuchung verwischt.

Ich saß am folgenden Morgen noch auf meinem Zimmer, als der Gutsbesitzer bei mir eintrat und mich einlud, mit ihm auf die Jagd zu fahren. Ich lehnte es dankend ab.

»Sie müssen Ihre Aufgabe nicht allzu ernst auffassen«, sprach er. »Auch ich wünsche ja, dass der Mörder entdeckt wird, allein meinen alten braven Verwalter bekomme ich doch dadurch nicht wieder. Glauben Sie mir, ich habe mir während der acht Tage unablässig den Kopf zerbrochen, um eine sichere Spur des Mörders zu entdecken. Ich weiß wohl, dass Ihr Blick ein schärferer ist, dennoch befürchte ich, dass auch Sie nicht mehr erforschen werden. Der Mörder ist aller Wahrscheinlichkeit nach viele Meilen von hier entfernt.«

Er sprach sehr liebenswürdig und zuvor kommend, dennoch wiederholte ich meine Ablehnung.

»Dann zwingen Sie mich, auf das Vergnügen ebenfalls zu verzichten«, fuhr der Gutsherr fort. »Sie gelten hier als mein Freund und es würde auffallen, wenn ich sogleich am zweiten Tag ohne denselben zur Jagd fahren wollte.«

»Herr von Seebeck«, fiel ich ein, »ich bin auf Ihr freundliches Anerbieten eingegangen, weil ich voraussetzte, Sie würden sich durch dasselbe in keiner Weise beschränken lassen.«

»Und was werden die Leute sagen?«

»Teilen Sie ihnen mit, ich sei ein Sonderling, der am liebsten seine eigenen Wege gehe«, gab ich zur Antwort. »Sie erweisen mir sogar einen Dienst dadurch, denn ich werde in tatsächlich oft meine eigenen Wege gehen müssen, auf denen mich zu begleiten Ihnen wenig Vergnügen machen würde.«

»Das käme darauf an!«, rief Herr von Seebeck. »Ich stelle mir die Tätigkeit eines Kriminalkommissars

außerordentlich schwierig, aber auch höchst interessant vor.«

»Diese Tätigkeit ist zum Teil sehr langweilig, da sie oft eine große Geduld erfordert«, wandte ich ein.

»An Geduld fehlt’s mir nicht«, fuhr der Gutsherr fort, »darin würde ich es sicherlich mit Ihnen aufnehmen.«

»Herr von Seebeck«, entgegnete ich, »fassen Sie meine Ablehnung nicht als Ungefälligkeit auf. Ich muss im Anfang bei meinen Nachforschungen allein sein, um ganz unbefangen zu bleiben. Ich muss im Stillen Menschen und Gegenstände beobachten, oft führt ein ganz geringer Umstand auf die richtige Spur. Unwillkürlich würde jeder, wenn Sie bei mir wären, befangen sein, weil Sie der Herr des Ermordeten waren.«

»Ich glaube Sie gehen zu weit«, gab der Gutsherr zur Antwort. »Es weiß ja ein jeder, welches Interesse ich habe, dass der Mörder entdeckt wird – doch wie Sie wollen! Es war eine Laune oder Neugierde von mir. Einen Punkt wünschte ich gerne zu erledigen. Ich weiß nicht, wer die geringen Habseligkeiten des Toten erben wird, ich schulde dem Toten noch das Gehalt für fast ein halbes Jahr. Darf ich Ihnen dasselbe übergeben?«

Er wollte das Geld auf den Tisch legen.

Ich musste auch dies ablehnen, da meine Aufgabe nichts damit zu schaffen hatte.

Herr von Seebeck verließ mich, wie es schien, in einer etwas missmutigen Stimmung. Meine Ablehnung schien ihn verletzt zu haben, und doch konnte ich nicht anders handeln. Gleich darauf sah ich ihn das Haus verlassen und fort fahren.

Auch ich verließ das Gut. Ohne bestimmten Plan begab ich mich in das Dorf. Unter dem Schein eines harmlosen Städters, dem vieles auf dem Land neu erscheint, knüpfte ich mit mehreren Dorfbewohnern ein Gespräch an, welches ich mit geringer Mühe auf die Erinnerung des Verwalters lenkte. Ich forschte die Leute aus, ohne dass sie meine Absicht errieten, allein meine Bemühungen waren erfolglos, denn ich erfuhr nichts Neues. Noch immer war ich völlig im Unklaren, wessen Interesse durch Lamprechts Tod gefördert sein konnte.

Ich begab mich noch einmal zur Stätte des Verbrechens, um wieder die Umgebung derselben genau zu durch forschen. Der Hammer, mit welchem der Mord geschah, war noch nicht aufgefunden worden. Wenn es mir gelang, denselben zu finden, so hatte ich wenigstens einen festen Anhaltspunkt, an welchen ich meine weiteren Untersuchungen knüpfen konnte. Ich durchsuchte den Steinbruch, das Gehölz, mit der größten Vorsicht – vergebens!

Missmutig verließ ich den Ort und schritt auf einen größeren Wald zu, der nur durch einen Anger davon getrennt war. Ich suchte dort keine Spur, der Schatten unter den prächtigen Bäumen zog mich an. Langsam schritt ich unter den hohen Bäumen dahin. Es ging sich so weich auf dem üppigen Boden, die Luft weitete meine Brust, die Stille ringsum tat mir wohl.

Plötzlich trat mir ein Jäger entgegen; ich erkannte denselben noch nicht, als er mir bereits zurief: »Ah, Herr Kommissar, wie kommen Sie hierher?«

Jetzt erkannte ich ihn, es war der Förster Martin, den ich vor mehreren Jahren kennengelernt hatte.

»Sie können leicht erraten, was mich in diese Gegend geführt hat«, erwiderte ich, ihm zum Gruß die Hand schüttelnd.

»Die Ermordung Lamprechts?«, fuhr der Förster fort. »Ich dachte es mir! Das ist eine seltsame Geschichte, die ich noch nicht zu begreifen vermag.«

»Was wissen Sie darüber?«, warf ich ein.

»Nichts; wenigstens nichts, was Ihnen nicht schon bekannt sein wird. Mich hat dieses Verbrechen sehr aufgeregt, denn seit Jahren ist hier kein ähnliches geschehen, selbst Diebstähle sind hier sehr selten, weil die ganze Gegend eine sehr gesegnete ist und jeder hier Arbeit und guten Lohn findet.«

»Ich habe gehört, dass sich hier viel fremdes Gesindel umhertreibt«, bemerkte ich.

»Haha! Das hat Ihnen gewiss der Schulze gesagt«, rief der Förster lachend. »Herr Kommissar, das ist eine Torheit. Ich bin den ganzen Tag über auf den Beinen und nicht allein hier im Wald - ich müsste es wissen und ich weiß nur, dass sehr wenige Fremde hierher kommen, weil diese Gegend von der großen Landstraße zu weit entfernt ist. Ich behaupte sogar, es gibt keine Gegend im ganzen Land, in welcher so wenig Gesindel zu finden ist. Höchstens durchzieht ein armer Handwerksbursche das Dorf, um sich einige Groschen und ein paar Stück Brot zu erbetteln. Der Schulze ist ein beschränkter Kopf und es ist das Leichteste, den Mord fremdem Gesindel zuzuschieben.«

»Mir hat der Herr von Seebeck dasselbe gesagt«, bemerkte ich.

»Dann spricht er dem Schulzen nach oder der Schulze ihm – es ist eine Torheit. Seitdem vor mehreren Wochen eine Zigeunerfamilie hier durchzog, reden die Leute von fremdem Gesindel. Diese Familie ist vielleicht schon zwanzig und mehr Meilen von hier entfernt und außerdem schienen es ganz harmlose Leute zu sein.«

»Sie glauben also nicht, dass Lamprecht durch einen Fremden ermordet wurde?«, fragte ich.

»Nein«, entgegnete der Förster bestimmt.

»Haben Sie irgendeine andere Vermutung?«

»Auch das nicht. Aber wie sollte ein Fremder dazukommen, den Verwalter zu ermorden, dessen alte silberne Uhr keine drei Taler wert war und in dessen Tasche sich sicherlich kein Taler Geld befunden hat? Wer eine so schwere Tat auf sein Gewissen nimmt, verübt sie sicherlich nur, wenn es sich mehr der Mühe lohnt. Ich komme oft in das Gehölz und den Steinbruch, weil viele wilde Kaninchen in ihm hausen, allein ich habe dort nie einen Fremden gesehen. Ich will Sie nicht zu meiner Ansicht überreden, dennoch ist es meine Überzeugung, dass der, welcher Lamprecht erschlagen hat, hier in dieser Gegend zu suchen ist.«

»Herr Förster, Sie hegen bereits einen bestimmten Verdacht?«, warf ich ein.

»Nein«, gab Martin offen zur Antwort, »sonst würde ich es Ihnen sagen, denn ein solches Verbrechen muss gesühnt werden.«

»Sie kannten Lamprecht näher?«, fragte ich, an Försters Aufrichtigkeit nicht zweifelnd.

»Seit Jahren. Es war eine treue und ehrliche Seele, einfach, aber nicht so beschränkt, wie manche glaubten. Ich begegnete ihm oft hier im Wald und gegen mich war er immer gleich freundlich, ich hätte alles von ihm erreichen können. Er hatte seit einigen Jahren ein Verhältnis mit der Tochter des Waldhüters, der hier im Wald wohnt. Er hielt dasselbe sehr geheim – ich war, glaube ich, der einzige Mensch, der darum wusste, und dass ich darüber schwieg, stimmte ihn dankbar gegen mich. Jetzt, nun er tot ist, kann ich darüber sprechen, denn ein Unrecht hat er durch dieses Verhältnis ja nicht begangen.«

»Mir hat der Schulze erzählt, dass er jedem Mädchen ausgewichen sei«, warf ich ein.

»Er war ein närrischer Kauz und der Schulze hat nicht ganz unrecht. Ich selbst glaube, dass er außer der Tochter des Waldhüters nie ein Mädchen geliebt hat und diese ist nicht einmal hübsch.«

Ein Gedanke tauchte in mir auf. »Wo wohnt der Waldhüter?«, fragte ich. Der Förster schien meine Gedanken zu erraten.

»Herr Kommissar«, sprach er, »ich werde Ihnen den Weg dahin zeigen. Eines möchte ich Ihnen sogleich ans Herz legen. Sowohl der Waldhüter als auch dessen Tochter haben mit dem Verbrechen nichts zu schaffen gehabt. Der Waldhüter, Franke ist sein Name, scheint ein finsterer Mann zu sein, in seinem Herzen ist er es nicht, er ist nur unglücklich. Es ist ihm schlimm ergangen. Er war früher Lehrer und in der Hitze hat er einem Jungen in der Schule einen unglücklichen Schlag versetzt. Der Junge ist gestorben, und wie die Ärzte behauptet haben, infolge des Schlages, obschon hundert Jungen zehnmal heftigere Schläge empfingen. Franke hat deshalb einige Jahre im Gefängnis gesessen. Als er wieder freikam, ist ihm, um sein einziges Kind zu ernähren, nichts weiter übrig geblieben, als die Stelle als Waldhüter anzunehmen. Es wollte ja niemand etwas von ihm wissen, weil es hieß, er habe einen Totschlag begangen. Das zehrt noch heute an seinem Inneren. Ich kenne ihn seit Jahren und bürge dafür, dass er keines Unrechtes fähig ist, am wenigsten solch eines Verbrechens.«

Ich glaubte dem Förster. Trotzdem ließ ich mich durch ihn zu der Wohnung des Waldhüters geleiten. Wir trafen nur die Tochter, die etwa dreißig Jahre alt sein mochte.

»Anna«, sprach der Förster, »Du kannst diesem Herrn offen vertrauen, er weiß, dass du Lamprecht gern hattest.« Dann ließ er uns allein.

Das Mädchen war nicht hübsch, allein aus ihren kummervollen Zügen sprach ein gutes und weiches Gemüt.

Sie war anfangs schüchtern, doch es gelang mir bald, ihr Vertrauen zu gewinnen. Der Tod Lamprechts hatte sie tief erschüttert. Ich teilte ihr mit, dass ich gekommen sei, um den Mörder Lamprechts zu entdecken und bat sie, mir alles offen mitzuteilen.

»Er war so gut«, sprach sie weinend. »Seit Jahren kam er jede Woche einige Male, wenn auch stets nur auf kurze Zeit. Ich wusste, dass er es aufrichtig mit mir meinte. Außer dem Förster wusste niemand um unser Verhältnis, er würde sein Versprechen, mich zu heiraten, gehalten haben. Dann wollten wir eine kleine Wirtschaft pachten oder kaufen.«

»Besaß er die Mittel dazu?«, fragte ich.

»Ja. Er hielt es sehr geheim, das er sich einige Tausend Taler erspart hatte, nur mir hatte er es im Vertrauen mitgeteilt, jetzt kann ich ja darüber sprechen.«

»Wo hatte er das Geld?«, forschte ich weiter.

»In der Stadt bei einem ihm befreundeten Kaufmann.«

»Ist derselbe noch im Besitz des Geldes?«

Anna schwieg verlegen. Ich hatte einen Punkt berührt, über den sie nicht gern Auskunft zu geben schien. Um so mehr drang ich in sie.

»Nein«, entgegnete sie endlich. »Lamprecht hat mich gebeten, zu niemand darüber zu sprechen, ich habe es auch nicht getan, allein jetzt kann es ja doch kein Geheimnis bleiben. Vor einigen Monaten hat er das Geld bei dem Kaufmann erhoben und es dem Herrn von Seebeck gegeben, der es ihm besser zu verzinsen versprach.«

»Dem Herrn von Seebeck?«, wiederholte ich überrascht. Mir fiel ein, dass derselbe von den geringen Habseligkeiten des Toten gesprochen hatte! Wozu hatte mir derselbe das noch nicht bezahlten Gehalt für ein halbes Jahr geben wollen, wenn er eine bedeutend größere Summe von Lamprecht noch in Händen hatte? – Verschiedene Gedanken schossen durch meinen Kopf. »Der Herr von Seebeck ist ja reich, wie ist der denn dazu gekommen, von Lamprecht Geld zu leihen?«

»Das weiß ich nicht«, entgegnete Anna. »Reich ist er jedenfalls und ich beneide ihn, so oft ich ihn in seinem Wagen spazieren oder zur Jagd fahren sehe.«

»Wissen Sie bestimmt, dass der Herr von Seebeck Lamprecht das Geld nicht zurückgegeben hat?«

»Das weiß ich bestimmt. Lamprecht hatte vor mir kein Geheimnis, er hätte es mir gesagt, denn an demselben Tag, an welchem er ermordet worden ist, war er bei mir und wir rechneten zusammen aus, wie viel er nun jährlich von seinem Herrn bekommen werde.«

»Hat er keinen Schein darüber erhalten?«

»Das weiß ich nicht, ich glaube wohl nicht, weil er mit mir davon gesprochen haben würde. Wozu brauchte er auch einen Schein, da sein eigener Herr ihn doch nicht betrügen konnte?«

Ich bat Anna, über unser Gespräch gegen jeden zu schweigen; sie versprach es. In mir war ein Verdacht aufgetaucht, den ich vergebens zu verscheuchen suchte. Langsam kehrte ich zu dem Gut heim. Herr von Seebeck war bereits vor mir eingetroffen und empfing mich in der freundlichsten Weise.

»Haben Sie irgendeine Spur entdeckt?«, fragte er.

»Keine«, log ich unbefangen. »Der Mörder ist wahrscheinlich schon viele Meilen weit entfernt, während ich mich bemühe, hier seine Spur aufzufinden. Sie haben hier sogleich einen Beweis, dass die Tätigkeit eines Kriminalkommissars nicht immer so interessant ist, wie Sie glauben.«

»Sie haben recht«, entgegnete der Gutsherr. »Es war auch nur eine flüchtige Laune von mir, in der Einförmigkeit des Landlebens kommt man auf die tollsten Einfälle. Ich habe auch nicht bereut, zur Jagd gefahren zu sein, denn dieselbe hat mir viel Vergnügen gemacht. Sie werden Ihre Abneigung dagegen überwinden, wenn Sie einige Male daran teilgenommen haben.«