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Ein Familiengeheimnis im atmosphärischen London um 1800 Der Sunday-Times-Bestseller endlich auf Deutsch - für Fans von modern erzählten historischen Romanen, von Büchern mit einem »magical twist« und von Retellings! Pandora ›Dora‹ Blake lebt bei ihrem Onkel Hezekiah, der das einst glanzvolle Antiquitätengeschäft ihrer verstorbenen Eltern führt. Sie träumt von einer Zukunft als Goldschmiedin, um der Enge ihrer Welt und ihrem lieblosen Onkel zu entkommen. Als Dora entdeckt, dass Hezekiah eine geheimnisvolle griechische Vase im Keller des Geschäfts versteckt, wird sie neugierig. Sie versucht, mehr über diese Vase herauszufinden und bittet den jungen Buchbinder und Hobby-Archäologen Edward um Hilfe. Doch ihre gemeinsamen Nachforschungen lassen Dora alles, was sie über ihre Familie weiß, hinterfragen. Und die Geheimnisse, die Dora und Edward enthüllen, bringen die beiden zunehmend in Gefahr ...
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Seitenzahl: 500
Veröffentlichungsjahr: 2023
London, 1799. Die zwanzigjährige Pandora ›Dora‹ Blake lebt bei ihrem Onkel Hezekiah, der das einst glanzvolle Antiquitätengeschäft ihrer verstorbenen Eltern führt. Sie träumt von einer Zukunft als Goldschmiedin, um der Enge ihrer Welt und ihrem lieblosen Onkel zu entkommen. Als Dora eine geheimnisvolle griechische Vase im Keller des Geschäfts entdeckt, wird sie neugierig. Gemeinsam mit dem jungen Buchbinder Edward versucht sie, mehr über diese Vase herauszufinden. Doch ihre Nachforschungen lassen Dora alles, was sie über ihre Familie weiß, hinterfragen. Und die Geheimnisse, die sie und Edward enthüllen, bringen die beiden näher zusammen, aber auch in Gefahr …
Susan Stokes-Chapman
Romen
Für J
Doch wer sich einmal auf den Weg gemacht hat,
wird dunkle Himmel, schwarze Stürme
und wütende Winde finden.
Sorgen, Ängste und Kummer,
die sich an der Küste tummeln,
Wracks von Unglückseligen,
die durch ihre Torheit verloren gingen.
Samuel Garth Widmung für Richard, Earl of Burlington, in seiner Übersetzung von Ovids Ars amatoria (1709)
Dezember 1798
Das Gewicht hatte er nicht einkalkuliert. Die Kälte, den Wasserauftrieb, all das hatte der Mann bedacht. Auch die Dunkelheit. Die Tauchlampe war stark genug, außerdem verfügte er über einen guten Orientierungssinn. Aber das Gewicht … das machte die Sache schwierig.
Die Tauchlampe war mit einer dicken Schnur an sein Handgelenk gebunden, sodass er beide Hände frei hatte – nur dass die Schnur seinen Arm aufscheuerte und das Salzwasser an diesen Stellen brannte. Die Seile, die unter seine Achselhöhlen geschlungen waren – eines für die Bergung und eines, um ihn wieder hochzuholen –, wogen schwer, aber sie halfen ihm auch dabei, seinen Körper beim Abtauchen auszubalancieren.
Die Senkgewichte ließen sich aushalten, das Problem war der aus Leder und schweren Metallteilen gefertigte Tauchanzug. Der Helm war weit und eine Art überdimensionale Glocke, aber sein Oberkörper wurde zusammengedrückt, als trüge er ein enges Korsett. An Deck hatte sich der Tauchanzug zwar ziemlich schwer angefühlt, aber erst unter der Wasseroberfläche spürte der Taucher, wie eisern der Griff des Anzugs ausfiel. Dazu kamen noch der Wasserdruck und die eiskalte Strömung. Er würde mehr Geld verlangen, sobald dieser Auftrag hier erledigt war.
Immerhin war das Glück bisher auf seiner Seite. Der Himmel war sternenklar, und der Vollmond spendete ausreichend Licht. Damals während des Sturms hatte er seine Umgebung genau beobachtet – das Segelschiff war zwischen zwei kleinen Inseln untergegangen. Beide Inseln waren durch eine Landenge miteinander verbunden und mit Steinen übersät, die wie Ruinen aussahen. Im Mondlicht schimmerten sie weißlich, wiesen ihm den Weg wie ein Leuchtfeuer. Trotz der heftigen Dezemberböen ragte der Bug des kleinen Segelschiffes noch immer aus den Wellen heraus. Nein, das Wrack war nicht schwer zu finden gewesen.
Zum Glück war das Schiff nicht in tieferen Gewässern gesunken. Er hatte das Tauchgerät zuvor noch nie benutzt und würde sich nicht tiefer als nötig vorwagen. Nicht tiefer als zwanzig Fuß unter der Oberfläche. Hier bestand keine Gefahr, sagte er sich. Und er wusste genau, wo er suchen musste. Der Gegenstand, den er bergen wollte, war sicher im Laderaum verstaut worden. Aber im Sturm war das Schiff auseinandergebrochen. Der Taucher hoffte, dass sich die Kiste nicht zu weit auf den Meeresgrund verirrt hatte und niemand vor ihm hier gewesen war.
Das eiskalte Wasser schmerzte an seinen Beinen und Armen. Eingeschlossen in den schweren Anzug sank der Taucher weiter hinab, atmete mühsam und schmeckte das Metall. Die Luftrohre, die vom Anzug bis an die Oberfläche führten, waren lang, und er stellte sich vor, wie das aussehen musste – als ob er an einem Galgen hinge. Der Taucher hielt sich die Lampe vor den Körper, blickte durch das Augenglas seines Helms und war erleichtert, als er endlich den Schatten des Schiffsbauchs ausmachen konnte. Plötzlich meinte er, ein Geräusch unter sich zu hören, etwas Leises und Klagendes. Er legte den Kopf schief, spürte, wie es in seinen Ohren ploppte, und sank weiter.
Dann erreichte der Mann den Meeresgrund. Er spürte Steine, neigte den Kopf und versuchte, auf den Boden zu sehen. Sehr vorsichtig. Keine plötzlichen Bewegungen, hatte man ihn gewarnt, sonst konnte Wasser in den Tauchanzug sickern. Langsam, immer langsam. Und dann sah er etwas aus dem Augenwinkel. Er stieß sich kräftig ab, zurück in die Strömung, dann ließ er sich wieder sinken, berührte den Meeresboden und hob die Laterne auf Augenhöhe. In etwa zwanzig Fuß von den Überresten des Schiffes entfernt konnte der Taucher gerade noch die dunklen Umrisse einer Kiste erkennen. Das Blut rauschte laut in seinen Ohren. Das war es, da war er sich sicher. Er arbeitete sich mühsam vorwärts, kämpfte gegen das Wasser an. Als etwas Weiches seine Schienbeine streifte, schrak er zusammen. Aber es war nur Seetang, der um seine Waden tanzte.
Die Kiste schwankte leicht auf einem großen Felsen hin und her. Der Taucher arbeitete sich näher heran und hob seine Lampe. Das X, das er vor Auslaufen des Schiffes aus Palermo auf die Seite gepinselt hatte, war deutlich zu erkennen, selbst in dieser schier undurchdringlichen Dunkelheit. Einen Moment lang wunderte er sich, wie einfach alles abgelaufen war, aber dann flackerte die Tauchlampe plötzlich beängstigend, und ihm wurde klar, dass er sich beeilen musste.
Der Taucher löste die Schnur von seinem Handgelenk und klemmte die Lampe zwischen zwei Wrackteile, damit sie nicht von der Strömung fortgerissen wurde. Anschließend löste er eines der Seile von seinen Armen und begann, die Kiste damit zu sichern. Er musste vorsichtig sein, durfte sich keinen Fehler erlauben. Dabei entpuppte sich der Felsen als ein Segen, er erleichterte es dem Taucher, die Kiste festzuzurren. Während er arbeitete, schwirrten kleine Fische um ihn herum. An einem Punkt hielt der Mann inne und versuchte, in die Dunkelheit zu lauschen. War das Gesang, was er hört? Das musste die Wasserkrankheit sein. Es konnte tödlich enden, zu lange unter Wasser zu bleiben.
Aber so lange war er doch noch nicht unter Wasser!
Der Taucher arbeitete jetzt schnell, so schnell, wie es ihm in dem schweren Anzug möglich war. Er wickelte das Seil viermal um die Kiste, und obwohl seine Finger steif vor Kälte waren, knüpfte er die Knoten so fest, dass das Seil später losgeschnitten werden musste. Als er mit seiner Arbeit zufrieden war, zog er kräftig an dem Seil – einmal, zweimal – und gab damit das verabredete Signal an die Oberfläche. Kurz darauf beobachtete er triumphierend, wie die Kiste in einer Wolke aus wogendem Sand aufstieg. Er hörte das dumpfe Ächzen des Holzes, das träge Rauschen des Wassers und – so leise, dass er glaubte, es sich einzubilden – das leise, eindringliche, fast flüsternde Seufzen einer Frau.
Januar 1799
Es ist der Geist sein eigner Raum, er kann
In sich selbst einen Himmel aus der Hölle
Und aus dem Himmel eine Hölle schaffen.
John Milton Das verlorene Paradies
Schon seit dem Morgengrauen saß Dora Blake über ihren Schreibtisch gebeugt. Der Hocker war zu hoch, aber sie hatte sich an die unangenehme Höhe gewöhnt. Ab und zu legte sie die Zange beiseite, nahm ihre Brille ab und kniff sich in den Nasenrücken. Dann knetete sie die Knoten in ihrem Nacken, streckte den Rücken, bis sie das angenehme Knacken der Wirbelsäule spürte.
Das Zimmer im Dachgeschoss war nach Norden ausgerichtet und ließ nur wenig Tageslicht ein. Aus purer Verzweiflung hatte Dora Schreibtisch und Hocker unter das kleine Fenster geschoben, denn ihre Arbeit war so kompliziert, dass ihre einzige Kerze nicht ausreichte. Sie rutschte unbehaglich auf dem harten Sitz hin und her, setzte ihre Brille wieder auf und machte sich erneut ans Werk, während sie versuchte, die eisige Luft so gut wie möglich zu ignorieren. Trotz der Neujahrskälte war das Fenster weit geöffnet. Jeden Moment erwartete sie, dass Hermes mit einem neuen Schatz zurückkehren würde, etwas, das ihre jüngste Schöpfung krönen konnte. Voller Erwartung hatte sie seine Käfigtür geöffnet und die Reste ihres stibitzten Frühstücks unter der Sitzstange verstreut, um die hoffentlich erfolgreiche Jagd des Vormittags zu belohnen.
Sie saugte die Unterlippe ein und setzte die Zange am Daumen an.
Die Nachbildung von Filigranschmuck war ein ehrgeiziges Unterfangen, aber Dora war eine Optimistin. Manche mochten diesen Optimismus als bloßen Eigensinn bezeichnen, aber sie hielt ihren Ehrgeiz für gerechtfertigt. Sie wusste sie hatte Talent. Sie war fest davon überzeugt, dass sie eines Tages die ihr gebührende Anerkennung erfahre, dass man ihre Entwürfe in der ganzen Stadt tragen würde. Vielleicht, überlegte Dora, und ihre Mundwinkel zuckten, als sie einen besonders winzigen Draht an seinen Platz bog, sogar in ganz Europa. Doch dann schüttelte sie den Kopf, zwang ihre hochfliegenden Träume ins Hier und Jetzt und versuchte, sich zu konzentrieren. Am Ende ließ sie sich noch zu sehr ablenken, und die stundenlange Arbeit wurde im letzten Schritt zunichte gemacht.
Sie knapste ein weiteres Stück Draht von der Rolle ab, die an einem Nagel an der Wand hing.
Die Schönheit der Filigranarbeit bestand darin, dass sie feine Spitze imitierte. Bei Rundell & Bridge hatte Dora Parüren in der Auslage gesehen und die komplizierten Kreationen bewundert: eine Halskette, Ohrringe, ein Armband, eine Brosche und ein passendes Diadem. Ein solches Set wäre die Arbeit von Monaten. Kurz hatte Dora erwogen, das passende Paar Ohrringe nach ihrer Skizze anzufertigen, musste sich dann aber zähneknirschend eingestehen, dass sie ihre Zeit sinnvoller einsetzen konnte. Diese Halskette war schließlich nur ein Beispiel, ein Vehikel, um ihr Können zu demonstrieren.
»Geschafft!«, rief sie und schnitt den restlichen Draht mit einer feinen Schere ab. Der Verschluss hatte sich als äußerst knifflig erwiesen und plagte sie schon den ganzen Morgen, aber jetzt war er fertig, und das war den frühen Start in der morgendlichen Dunkelheit, den ächzenden Rücken und das taube Gefühl in ihrem Hintern wert. Sie legte die Schere beiseite, pustete in die Hände und rieb sie kräftig aneinander, als ein schwarz-weiß gefiederter Vogel mit einem verstohlenen Krächzen von den Dächern herabsauste.
Dora lehnte sich zurück und lächelte. »Guten Morgen, mein Schatz.«
Die Elster segelte durchs Fenster und landete sanft auf dem Bett. Am Hals des Vogels hing der kleine Lederbeutel, den sie für ihn genäht hatte, schwer nach unten.
Er hatte also etwas gefunden.
»Dann komm«, sagte Dora und verschloss das Fenster fest gegen die winterliche Kälte. »Zeig mir, was du erwischt hast.«
Hermes zwitscherte und senkte den Kopf. Der Riemen des Beutels lockerte sich, und der Vogel trippelte zurück und schüttelte dabei seinen Schnabel, sodass der Beutel herunterrutschte. Dora griff danach und kippte den Inhalt gespannt auf die abgenutzte Bettdecke.
Eine Tonscherbe, eine Metallperle, eine Stahlnadel. Das konnte sie alles für irgendetwas gebrauchen – Hermes enttäuschte sie nie. Aber ein anderer Gegenstand auf dem Bett lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie hob ihn auf und hielt ihn ins Licht.
»Ach nai«, hauchte Dora. »Ja, Hermes, das ist perfekt.«
Zwischen den Fingern hatte sie ein flaches, ovales Glasstück eingeklemmt, so groß wie ein kleines Ei. Gegen das Grau der Stadtsilhouette leuchtete es in einem blassen, beinahe milchigen Blau. In der Filigranarbeit waren Amethyste der bevorzugte Stein: Der satte violette Farbton leuchtete im Kontrast zu Gold und ließ es um so intensiver gelb schimmern. Aber Dora mochte den Aquamarin am liebsten. Er erinnerte sie an den mediterranen Himmel, an die Wärme ihrer Kindheit. Dieses glatte Stück Glas würde sich hervorragend machen. Sie schloss die Hand um den Glasstein, fühlte die weiche Oberfläche kühl an ihrer Handfläche. Dann wandte sie sich an die Elster, die mit einem Auge zwinkerte und auf ihre Faust hüpfte.
»Dafür hast du dir ein schönes Frühstück verdient, nicht wahr?«
Dora setzte den Vogel in seinen Käfig. Sein Schnabel kratzte am hölzernen Boden, während er nach den Krümeln der Brotkruste scharrte, die sie ihm vorhin hingelegt hatte. Sanft streichelte sie seine seidenen Federn, bewunderte ihren schillernden Glanz.
»Ja, mein Schatz«, meinte sie und summte dazu. »Du musst müde sein. So ist’s gut.«
Hermes war so in sein Fressen vertieft, dass er sie ignorierte, und Dora kehrte an ihren Schreibtisch zurück. Sie blickte auf die Halskette hinab und betrachtete ihr Werk.
Sie war, das musste sie zugeben, nicht gänzlich zufrieden. Ihr Entwurf, der auf dem Papier so schön aussah, machte in der Umsetzung nicht viel her. Was Ranken aus aufgerolltem Gold sein sollten, war lediglich stumpfer grauer Draht, den sie zu Miniaturschleifen gezwirbelt hatte. Was schimmernde Saatperlen darstellen sollte, bestand stattdessen aus grob bearbeiteten Porzellanscherben.
Aber Dora hatte auch nicht erwartet, dass die Kette an ihre Zeichnung heranreichen würde. Sie verfügte weder über die richtigen Werkzeuge und Materialien noch eine ordentliche Ausbildung. Nichtsdestoweniger war es ein Anfang, ein Beweis dafür, dass ihre Arbeit schön war, denn ungeachtet der notdürftig zusammengestückelten Materialien verfügten die Formen, die sie geschaffen hatte, über eine gewisse Eleganz. Nein, Dora war nicht zufrieden, aber ihre Arbeit gefiel ihr. Sie hoffte, dass es ausreichen würde. Mit dem schönen blauen Glasstein würde sie bestimmt …
Ein Poltern, dann das Klingeln einer Glocke.
»Dora!«
Die Stimme, die drei Stockwerke tiefer ertönte, klang hart, scharf und ungeduldig. Hermes tschilpte gereizt in seinem Käfig.
»Dora«, bellte die Stimme noch einmal. »Komm runter und kümmere dich um den Laden. Ich habe dringende Geschäfte am Hafen zu erledigen.«
Darauf folgte das dumpfe Geräusch einer sich schließenden Tür und einer weiteren in der Ferne. Dann: Stille.
Dora seufzte, bedeckte die Halskette mit einem Stück Leinen und legte ihre Brille daneben. Den Glasstein würde sie später einsetzen müssen, wenn ihr Onkel sich ins Bett zurückgezogen hatte. Mit Bedauern lehnte Dora ihn gegen den Kerzenständer, wo er kurz hin und her wackelte, ehe er ruhig liegen blieb.
Blake’s Emporium for Exotic Antiquities hob sich deutlich von dem Kaffeehaus und dem Kurzwarenladen ab. Es befand sich zwischen den beiden Geschäften, und das riesige bogenförmige Schaufenster drängte sich den Passanten geradezu auf; nicht selten sah sich einer wegen dessen schierer Größe gezwungen, stehen zu bleiben. Aber viele dieser Passanten blieben genau dort stehen, nämlich auf der Straße, und auch nur wenige verweilten heutzutage noch, wenn sie feststellten, dass in der Auslage hinter dem Fenster mit seinem abblätternden Rahmen nichts Exotischeres als ein Schrank aus dem letzten Jahrhundert wartete und ein Landschaftsgemälde, das an Gainsborough erinnerte. Einst ein florierendes Etablissement, beherbergte es heute nur noch Fälschungen und verstaubte Kuriositäten, die keinen wirklichen Anreiz für Kundschaft boten, geschweige denn für einen anspruchsvollen Sammler. Warum ihr Onkel es für nötig befand, Dora nach unten zu rufen, war ihr schleierhaft. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde sie den ganzen Vormittag im Laden verbringen, ohne einen einzigen Kunden zu Gesicht zu bekommen.
Zu Zeiten ihres Vaters war das Geschäft sehr gut gelaufen. Sie war zwar noch ein Kind gewesen in diesen goldenen Jahren, aber sie erinnerte sich noch an die Kundschaft, die zu Blake’s gekommen war. Viscounts strömten in die Ludgate Street, um ihre Stadthäuser am Berkeley Square mit Reminiszenzen an ihre Grand Tour auszustatten. Ein erfolgreicher Geschäftsmann gab einen Tafelaufsatz für seinen Laden in Auftrag, oder ein privater Sammler berappte viel Geld dafür, dass Doras Eltern zu Ausgrabungen in Übersee reisten. Aber heute?
Dora schloss hinter sich die Tür, die den Wohnbereich vom Verkaufsraum trennte. Die Glocke bimmelte einen fröhlichen Gruß, als die Tür wieder ins Schloss fiel, aber sie vermochte nicht, Dora aufzuheitern. Wenn Lottie Norris kein wachsames Auge auf sie hatte, dann war es die verflixte von Hezekiah eingebaute Klingel, die ihr Kommen und Gehen verriet.
Dora wickelte sich ihren Schal eng um die Schultern, als sie den Verkaufsraum betrat. Allerlei Möbel stapelten sich neben schweren, staubigen Anrichten voller hässlichem, wahllos aneinandergereihtem Krimskrams und Regalen, bis zum Rand vollgestopft mit Büchern, die nicht älter als zehn Jahre waren. Doch trotz der Unordnung blieb immer ein breiter Pfad frei, der sich zwischen den Waren hindurchschlängelte, denn am anderen Ende des Ladens befanden sich die großen Türen, die in den darunterliegenden Keller führten.
Das Allerheiligstes von Hezekiah Blake.
Der Keller war einst das Reich ihrer Eltern gewesen – ihre Schreibstube, der Ort, an dem sie Ausgrabungen planten und kaputtes Inventar restaurierten. Aber als Hezekiah aus seiner winzigen Behausung in Soho auszog, um die Wohnung zu übernehmen, gestaltete er sie komplett um und löschte alle Spuren ihrer Mutter und ihres Vaters aus, bis nur noch Doras flüchtige Erinnerungen an ihre Eltern übrig geblieben waren. In Blake’s Emporium war nichts mehr so, wie es einmal gewesen war – das Geschäft war geschrumpft und mit ihm sein Ruf.
Dora blätterte eine neue Seite des Kassenbuchs auf (gestern hatte es nur zwei Einträge gegeben) und kritzelte das Datum an den oberen Rand.
Aber hin und wieder verkauften sie tatsächlich etwas. Im Laufe des Monats tropfte das Geld langsam, aber stetig herein, wie das Wasser von ihrem undichten Dach. Aber jeder Verkauf basierte auf Lügen, auf Effekthascherei. Hezekiah dichtete seinen Waren alle möglichen Märchen an. In einer hölzernen Truhe hatte angeblich ein Sklavenhändler im Jahr 1504 zwei Kinder aus Amerika transportiert (sie wurde erst in der Woche zuvor von einem Zimmermann aus Deptford angefertigt); ein Paar verzierter Kerzenständer gehörte angeblich einst Thomas Culpeper (das Ding wurde von einem Schmied in Cheapside hergestellt). Einmal hatte Hezekiah einem Luden ein mit grünem Samt bezogenes Sofa verkauft, von dem er behauptete, es habe während des Dreißigjährigen Krieges einem französischen Grafen gehört und sei gerettet worden, als dessen »prachtvollstes Château«abbrannte (in Wirklichkeit war der Graf eine verzweifelte Witwe, die es für drei Guineas an Hezekiah verkauft hatte, um die Schulden ihres Mannes zu begleichen). Er stattete sogar die oberen Räume eines Etablissements, das ausschließlich von Männern frequentiert wurde, mit sechs japanischen Paravents aus der Heian-Periode aus (die er unten im Keller selbst bemalt hatte). Würden seine Kunden die Echtheit dieser Gegenstände infrage stellen, hätte Hezekiah schon längst den kalten, harten Boden des Old Bailey unter seinen Knien zu spüren bekommen. Aber die Kunden stellten keine Fragen. Es mangelte ihnen eindeutig an Niveau, an der Wertschätzung für Kunst und Antiquitäten.
Fälschungen, so hatte Dora im Laufe der Jahre herausgefunden, waren auf dem Antiquitätenmarkt nichts Ungewöhnliches. In der Tat gaben viele Leute mit etwas Kleingeld Kopien von Gegenständen in Auftrag, die sie im Britischen Museum gesehen oder im Ausland bewundert hatten. Aber Hezekiah … Hezekiah ging nicht offen damit um, dass er seinen Kunden Fälschungen unterjubelte, und genau darin lag die Gefahr. Dora wusste, welche Strafe auf einen solchen Betrug stand – eine hohe Geldstrafe, eine Runde am Pranger, Monate im Gefängnis. Bei dem Gedanken drehte sich ihr der Magen um. Natürlich hätte sie Hezekiah anzeigen können, aber sie war auf ihren Onkel angewiesen – er, der Laden, das war alles, was sie hatte. Bis sie auf eigenen Beinen stehen würde, musste sie bleiben, musste zusehen, wie das Geschäft Jahr für Jahr zurückging, wie der Name Blake verblasste und in Vergessenheit geriet.
Nicht alle Waren waren Fälschungen, musste Dora sich eingestehen. Die Schmuckstücke, die Hezekiah im Laufe der Jahre angesammelt hatte (und von denen sie ab und zu heimlich Nachschub holte), sorgten für ein kleines, aber beständiges Einkommen: Glasknöpfe, Tonpfeifen, winzige Schmetterlinge aus mundgeblasenem Glas, Spielzeugsoldaten, Porzellantassen, bemalte Miniaturen … Dora warf noch einmal einen Blick in das Kassenbuch. Ja, hin und wieder verkauften sie etwas. Aber das Geld, das reinkam, reichte gerade aus, um Lotties Lohn zu bezahlen und sie alle zu ernähren. Indes woher Hezekiah das Geld für seine kleinen Eitelkeiten nahm , wusste Dora nicht. Sie wollte es auch gar nicht wissen. Es reichte schon, dass er das Andenken, das ihr Vater ihr hinterlassen hatte, in den Schmutz gezogen hatte. Es reichte, dass das Haus verfiel und kaum noch etwas übrig war, um notwendige Reparaturen durchzuführen. Wenn das Haus ihr gehörte … Dora schlug sich den melancholischen Gedanken aus dem Kopf. Mit der Fingerspitze fuhr sie über den Tresen, und als sie den Finger betrachtete, war er ganz schwarz. Sie kräuselte die Lippen – putzte Lottie denn nie?
Wie aufs Stichwort bimmelte es wieder, und Dora drehte sich um, gerade als Lottie das Gesicht durch den Türspalt steckte.
»Du bist ja schon auf, Dora. Willst du ein Frühstück? Oder hast du dir selber schon etwas gemacht?«
Dora betrachtete Hezekiahs Haushälterin verächtlich: Lottie war eine stämmige Frau mit weichem Mund, kleinen Augen und strohblondem Haar. Äußerlich mochte sie perfekt in die Rolle passen, aber von einer ordentlichen Haushälterin war Lottie Norris so weit entfernt wie Doras Onkel davon, ein Athlet zu sein. Nein, in Doras Augen war Lottie faul, rechthaberisch und – wie Teer auf dem Flügel eines Seevogels – schädlich, schwer zu entfernen und hinterlistig.
»Ich habe keinen Hunger.«
Tatsächlich hatteDora allerdings großen Hunger. Das Brot hatte sie vor über drei Stunden gegessen, doch sie wusste, wenn sie um mehr bat, würde Lottie Hezekiah gegenüber erwähnen, dass sie aus der Speisekammer gestohlen hatte, und Dora hatte keine Lust auf seine heuchlerischen Vorhaltungen.
Die Haushälterin betrat den Laden und sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»Keinen Hunger? Du hast doch gestern Abend kaum etwas gegessen.«
Dora ignorierte die Bemerkung und hob stattdessen den Finger, um ihr den Schmutz zu zeigen. »Solltest du nicht putzen?«
Lottie runzelte die Stirn. »Hier drinnen?«
»Wo denn sonst?«
Die Haushälterin schwang einen stämmigen Arm wie einen Fächer durch die Luft. »Das ist ein Geschäft für Antiquitäten, oder? Die sollen staubig sein. Darin besteht der Charme«, spöttelte sie.
Dora wandte das Gesicht ab und schürzte die Lippen über Lotties Tonfall. Schon immer hatte sie Dora so behandelt, als wäre sie selbst nichts weiter als eine Dienstmagd und nicht etwa die Tochter zweier angesehener Antiquare und die Nichte des derzeitigen Inhabers. Hinter dem Tresen strich Dora das Kassenbuch glatt, spitzte den Bleistift und schluckte die bitteren Worte herunter, die ihr auf der Zunge lagen. Lottie Norris war den Atem nicht wert, den es kosten würde, sie zu schelten, und es würde auch nichts nützen.
»Bist du sicher, dass du nichts essen willst?«
»Ganz sicher«, antwortete Dora knapp.
»Wie du willst.«
Die Tür fiel langsam zu, und Dora senkte den Bleistift.
»Lottie?« Die Tür blieb stehen. »Was hat mein Onkel denn so Wichtiges am Hafen zu erledigen, dass ich den Laden hüten muss?«
Die Haushälterin zögerte, rümpfte ihre Stupsnase. »Woher soll ich das wissen?«, sagte sie, aber als die Tür hinter ihr zuschlug und die infernalische Glocke bimmelte, war sich Dora ziemlich sicher, dass Lottie es sehr wohl wusste.
In der Creed Lane wimmelte es wie in einem Ameisenhaufen. Der Verkehr schien aus der Ludgate Street herübergeschwappt zu sein und flutete die Seitenstraßen mit der Wildheit eines Flusses bei Hochwasser. Die für die Stadt so typischen Gerüche wirkten aus nächster Nähe noch stechender – Ruß und verrottetes Gemüse, alter Fisch. Er hielt sich ein Taschentuch fest vor Mund und Nase. Als er endlich den ruhigeren Puddle Dock Hill erreichte, beschleunigte Hezekiah Blake seine Schritte und eilte so schnell weiter, wie es sein korpulenter Körper vermochte.
Der Brief – zerknittert vom vielen Lesen – war vor über zwei Wochen angekommen, und obwohl er die Zeit, die eine solche Reise dauerte, einkalkuliert hatte, hätte er erwartet, dass die Coombes schon viel früher eintreffen würden. Hezekiahs Geduld war inzwischen zum Zerreißen gespannt.
Er wurde wieder langsamer, nahm das Taschentuch vom Gesicht und versuchte, zu Atem zu kommen. Sein Hang zum Müßiggang war an seiner gedrungenen Statur abzulesen, obwohl er diesen Umstand mit seinen zweiundfünfzig Jahren als völlig normal ansah. Einem Mann, der so lange im Geschäft war wie er, musste man doch zugestehen, dass er die Früchte seiner Arbeit genoss. Hezekiah zupfte an seiner Perücke, betastete die Krempe seines neuesten Hutes, strich mit einer Hand über die Musselinweste, die sich eng über seinen runden Bauch spannte. In der Tat bedauerte er, dass er sich nicht mehr gönnen konnte – den Luxus, der ihm eigentlich zustand! Aber bald, so dachte er mit einem Lächeln, bald würde er ihm nach Herzenslust frönen können. Er hatte die letzten zwölf Jahre lang gewartet und gelitten. Sehr bald würde sein Warten ein Ende haben.
Als er sich dem Puddle Dock näherte, nahm Hezekiah noch einmal das Taschentuch zur Hand. Diesen bestimmten Kai benutzte er für alle seine fragwürdigen Geschäfte, und hier stach der Gestank des Schmutzes besonders in die Nase. Da hier in erster Linie der Unrat aus den Straßen von ganz London gelagert wurde, war es unwahrscheinlich, dass die Lieferungen überwacht wurden. Er war dankbar, dass dieses Geschäft im tiefsten Winter stattfand, denn in den Sommermonaten stiegen die Dämpfe der Exkremente auf und setzten sich in allem fest: in den Nasenhaaren und Wimpern, der Kleidung, die er am Leib trug. Dass der wertvolle Gegenstand mit diesem Gestank beschmutzt wurde, war das Letzte, was er wollte. Nein, dachte er, das wäre eine Katastrophe.
Der Kai war geradezu winzig und schmal, eingeschlossen zwischen zwei hohen Kontoren mit vernagelten Fenstern. Hezekiah musste sich an die schmutzigen Wände pressen, um an dem geschäftigen Treiben der Hafenarbeiter vorbeizukommen. Vergeblich versuchte er, die nächtlichen Sammler zu ignorieren, die ihre Karren mit Exkrementen entleerten, und das unappetitliche Schmatzen der bis zum Rand gefüllten Eimer, wenn der Inhalt auf das Kopfsteinpflaster klatschte. Er rutschte mit der Ferse auf etwas Glitschigem aus (Hezekiah weigerte sich, darüber nachzudenken, was es sein könnte) und prallte gegen den Rücken eines Chinesen. Der hielt einen Eimer in der Hand, dessen Inhalt beim Aufprall überzuschwappen drohte. Hezekiah streckte eine Hand aus, um sich an der Wand abzustützen, und starrte den Mann indigniert an, aber es kam keine Entschuldigung, kein Anzeichen dafür, dass der andere seine Anwesenheit überhaupt zur Kenntnis genommen hatte. Schließlich ging der Chinese weiter, noch bevor Hezekiah ihn zur Rede stellen konnte. Mit tränenden Augen atmete er tief durch sein Tuch ein und ging unsicheren Schrittes die schräge Rampe zum Flussufer hinunter.
Der Vorarbeiter, der den Unrat der vergangenen Nacht auf die flussabwärts fahrenden Lastkähne verteilt hatte, stand mit dem Rücken zu Hezekiah, der nun gegen den Lärm anbrüllen musste, um gehört zu werden.
»Mr Tibb, wenn Sie so freundlich wären! Mr Tibb!«
Jonas Tibb drehte halb den Kopf, um zu sehen, wer nach ihm rief, blickte dann zu den Lastkähnen zurück und sagte mit einer Geste in Richtung Fluss etwas, das Hezekiah nicht hören konnte. Dann drehte sich der Vorarbeiter um und stieg die Stufen des Docks hinauf, auf die abschüssige Rampe, wo Hezekiah ungeduldig wartete.
»Sie schon wieder, Mr Blake?« Tibb strich sich mit den schmutzigen Daumen über den Hosenbund und blickte zum Fluss hinüber. Trotz der Kälte war es trocken geblieben. Der Himmel war hell und das Wasser so ruhig wie ein Ententeich, die Oberfläche glatt wie Glas. »Ich habe Ihnen gestern gesagt, dass es keine Neuigkeiten gibt. Daran hat sich nichts geändert, seit die Sonne unter- und wieder aufgegangen ist.«
Hezekiah ließ unwillkürlich die Schultern hängen. Er spürte das Aufbäumen des Ärgers in seinem Bauch, den harten Schlag der erneuten Enttäuschung.
Als Tibb sein Gesicht sah, seufzte er, nahm seine Wollmütze ab und rieb sich die Glatze. »Sir, Sie sagten bereits, dass Ihre Männer nicht den schnelleren Weg über die Straße nehmen werden. Bis Samson sind es fast fünfhundert Meilen, und im Winter muss man immer mit ein oder zwei Tagen Verspätung rechnen. Warum tauchen Sie immer wieder hier auf, obwohl ich Ihnen doch gesagt habe, dass ich Sie benachrichtigen werde?«
Normalerweise würde Hezekiah eine solche Unterhaltung nicht dulden. Er war schließlich ein angesehener Geschäftsmann und würde diesem Kerl normalerweise keine Beachtung schenken, aber Jonas Tibb hatte kein einziges Mal die Art und Weise infrage gestellt, wie Hezekiah seine Geschäfte zu betreiben gedachte, und auf die Diskretion des Vorarbeiters war bislang immer Verlass gewesen.
»Zur Hölle, Tibb. Sie haben keine Ahnung, wie wichtig diese Lieferung ist, und ich habe teures Geld dafür bezahlt.« Geld, dachte er jetzt mit Unbehagen, das er nicht hatte.
Tibb setzte zu einem Schulterzucken an, überlegte es sich dann aber offenbar anders. Seine wässrigen grauen Augen verzogen sich zu einem halben Lächeln. »Ich bin sicher, dass die Coombes Sie nicht im Stich lassen werden. Das haben sie doch noch nie, oder?«
Hezekiahs Miene hellte sich auf. »Nein, das haben sie in der Tat noch nie.«
Tibb nickte knapp und setzte seine Mütze wieder auf, während Hezekiah aus Verärgerung über sich selbst grunzte, weil er einem Untergebenen gegenüber Schwäche gezeigt hatte.
»Nun denn«, sagte er. »Ich freue mich darauf, zu gegebener Zeit von Ihnen zu hören. Ich erwarte eine Nachricht, sobald Sie sein Boot kommen sehen, haben Sie verstanden?«
»Aye, Sir.«
»Sehr gut.«
Und so machte sich Hezekiah – wieder bewaffnet mit Taschentuch – auf den unerfreulichen Rückweg, den Puddle Dock Hill hinauf, durch die enge Kloake der Creed Lane und in die überfüllte Ludgate Street.
Trotz der Worte des Vorarbeiters war er aufgewühlt und gereizt. Wo waren sie? Wo war seine Lieferung, seine heiß ersehnte Beute? Vielleicht war etwas passiert, ein Hinterhalt, oder die Coombes hatten sich damit aus dem Staub gemacht, oder – und hier entfuhr Hezekiah ein Lachen, das sogar die Milchmagd verschreckte, die er gerade passierte – ihr Schiff war gesunken! Nein, diese Vorstellung war zu schrecklich, daran durfte er nicht einmal denken. Schnell, überlegte er, schnell! Er musste sich irgendwie ablenken.
Hezekiahs Aufmerksamkeit war nun auf die Schaufenster gerichtet, seine Augen flitzten wie Billardkugeln hin und her. Eine neue Schnupftabakdose? Nein, er hatte schon zwei. Eine neue Perücke? Er berührte die feine Locke an seinem Ohr, das seidene Gefühl des sorgfältig ausgewählten menschlichen Haars. Vielleicht auch nicht, diese war schon teuer genug gewesen. Eine Krawattennadel vielleicht? Doch dann fiel sein Blick auf etwas anderes, und er lächelte, spürte die vertraute Welle des Verlangens, die Genugtuung zu wissen, dass ein Gegenstand genau für ihn bestimmt war. Er betrat den Laden, und der Handel war nach wenigen Augenblicken abgeschlossen.
Wieder auf der Straße klopfte er sich sachte auf die Brust, die Handfläche fühlte das kleine Päckchen, das bequem in die Innentasche seines Mantels passte. Mit einem breiten Lächeln rückte Hezekiah seinen Hut zurecht und ging weiter.
Das Abendessen war jedes Mal eine qualvolle Prozedur.
Im Gegensatz zum Rest des Hauses war das kleine Esszimmer mit der dunklen, kastanienbraunen Tapete und dem Kaminfeuer eigentlich gemütlich und warm, und in anderer Gesellschaft wäre es ein recht heimeliger Ort gewesen. Aber Dora und Hezekiah waren noch nie für angenehme Unterhaltungen zu haben gewesen, besonders nicht in den letzten Wochen. Das Weihnachtsfest verging ohne jede Heiterkeit, denn Hezekiah verfügte über einen schwarzen, verletzenden Humor, der grundsätzlich schwer zu ertragen war. Dieser Humor schlug allem Anschein nach auch im neuen Jahr mit unverminderter Härte zu, und Dora bemühte sich bisher nach Kräften, der scharfen Zunge und der Gereiztheit ihres Onkels auszuweichen.
Dora krallte die Finger um ihre Serviette. Viel lieber würde sie den Abend in ihrem feuchten und zugigen Schlafzimmer verbringen und den Glasstein an der Halskette befestigen, nur mit Hermes als Gesellschaft. In der Tat hatte sie mit ihm weitaus lohnendere Gespräche als mit sonst jemandem, und er war nur ein Vogel.
Nachdenklich beobachtete Dora ihren Onkel. Hezekiah war abwesend, noch mehr als sonst, denn er aß nur langsam und hielt den Blick auf die große Weltkarte gerichtet, die hinter ihr an der Wand hing. Fahrig berührte er die Narbe, die sich als feine weiße Linie quer über seine Wange zog. Er hustete und rutschte unruhig hin und her, tippte mit dem Daumen klackend an sein Weinglas, und das Geräusch wurde mit jedem Mal enervierender. Ab und zu strich er mit der anderen Hand über die glänzende Taschenuhr, die an seiner Weste hing und deren Kette im Kerzenlicht schimmerte.
Nach dem sechsten Griff zur Uhr musterte Dora sie eingehend und versuchte sich zu erinnern, ob sie sie schon einmal gesehen hatte. Hatte sie ihrem Vater gehört? Aber nein, daran würde sie sich erinnern. Sie war also neu, beschloss Dora, schwieg aber. Als sie das letzte Mal bei einer Neuanschaffung gefragt hatte, wie Hezekiah sich das leisten konnte, war er tiefrot angelaufen und hatte so fuchsteufelswild mit ihr geschimpft, dass ihr bis zum nächsten Morgen die Ohren geklingelt hatten. Als ihr Onkel wieder hustete und dabei ein großes, kugelförmiges Stück Hammelfleisch auf seiner Gabel gefährlich zu wackeln begann, hielt Dora es nicht länger aus.
»Onkel, bist du krank?«
Hezekiah erschrak und sah sie zum ersten Mal an diesem Tag direkt an. Seine Augen verrieten für einen Moment eine Nervosität, die sie noch nie an ihm gesehen hatte, aber er verbarg sie schnell.
»Was für eine Frage!« Er führte die Gabel zum Mund und schmatzte wie eine Kuh. Dora sah angewidert zu, wie das zerkochte Fleisch auf seiner Zunge kreiste. Ein Klecks Bratensoße landete auf seinem Kinn. »Ich habe über die Zukunft des Ladens nachgedacht. Ich meine …«
Dora setzte sich aufrecht auf ihren Platz. Würde er endlich mit ihr über die Führung des Ladens sprechen? Denn sie hatte ein paar Ideen, so viele wunderbare Ideen! Als Erstes würde sie all den Ballast loswerden und mit guten, echten Antiquitäten ersetzen, die sie sich dank der alten Kontakte ihres Vaters beschaffen würde. Dann würde sie genug Geld verdienen, um Männer für Ausgrabungen in Übersee anzuheuern und Künstler und Graveure zu beschäftigen, die ihre Funde katalogisierten. Sie würde wieder in das Verzeichnis von Christie’s aufgenommen werden, einen Rückzugsort für Gelehrte und private Sammler bieten, ein kleines Museum, eine Miniaturbibliothek beherbergen. Was die eher frivolen Aspekte des Geschäfts betraf, so würde sie die Launen der Aristokratie mit thematischen Soireen befriedigen. Den Laden in seinem alten Glanz wiederherstellen. Einen Neuanfang wagen.
»Ja?«, fragte sie.
Hezekiah schluckte sein Essen hinunter und nahm einen großen Schluck Wein. »Jetzt, da ein neues Jahr begonnen hat, ist es vielleicht an der Zeit zu verkaufen. Ich bin des Handels überdrüssig. Es gibt doch anderswo viel mehr Freude, viel bessere Gelegenheiten, mein Geld zu investieren.«
Seine Stimme klang abweisend, fast kalt, und Dora starrte ihren Onkel über den Tisch hinweg an. »Du willst Vaters Laden verkaufen?«
Er sah sie ohne jede Gefühlsregung an. »Das ist nicht mehr sein Laden. Er ging auf mich über, als er starb. Steht auf dem Schild Elijah oder Hezekiah?«
»Du kannst ihn nicht verkaufen«, flüsterte sie. »Das kannst du einfach nicht tun.«
Er wedelte abwehrend mit der Hand, als ob er eine Fliege verscheuchen würde. »Die Zeiten ändern sich. Antiquitäten sind nicht mehr à la mode. Das Geld aus dem Verkauf würde ausreichen, um eine schönere Liegenschaft in einem angeseheneren Teil der Stadt zu kaufen. Das wäre eine angenehme Veränderung für mich.« Er wischte sich mit einer Serviette über den Mundwinkel. »Das Gebäude würde einen guten Preis erzielen, ebenso wie das Inventar, da bin ich mir sicher.«
Dora fühlte sich wie betäubt. Den Laden verkaufen? Ihr Elternhaus? Sie atmete bebend ein. »Es ist sehr bedauerlich, Onkel, dass du so etwas in Erwägung ziehst.«
»Komm schon, Dora. Der Laden ist nicht mehr das, was er einmal war …«
»Und wessen Schuld ist das?«
Hezekiahs Nasenflügel bebten. »Ich meine, du solltest dich über einen Tapetenwechsel freuen, über eine, nun ja, befreiende Umgebung. Ist es nicht das, was du dir wünschst?«
»Du weißt, was ich mir wünsche.«
»Ach ja«, spottete er. »Deine kleinen Skizzen. Du solltest dir lieber jemanden suchen, der dir solche Stücke kauft, als zu versuchen, sie selbst anzufertigen.«
Dora senkte ihr Besteck. »Und wo, lieber Onkel, sollte ich sie tragen?«
»Nun ja …« Hezekiah zögerte und lachte ein Lachen, das Dora nicht ganz deuten konnte. »Wer weiß, wohin uns das Schicksal lenken wird? Du willst doch wohl nicht den Rest deines Lebens hier verbringen, oder?«
Sie schob ihren Teller beiseite, denn der Appetit – der bei Lotties mittelmäßigen Kochkünsten nie besonders groß ausfiel – war ihr nun völlig vergangen. »Ich ziehe es vor, über praktische Dinge nachzudenken statt über Phantasien.«
»Und ist das Entwerfen von Schmuck ein praktisches Unterfangen oder eine Laune?« Dora wandte den Blick ab. »Das dachte ich mir«, sagte er, und sein Hohn war jetzt noch deutlicher zu spüren. »Kein Goldschmied wird eine Frau einstellen – das weißt du, ich habe es dir oft genug gesagt, aber du hörst nicht zu. Du verschwendest die Skizzenbücher, die ich dir kaufe. Ist dir klar, wie viel gutes Papier kostet?«
In diesem Moment kam Lottie herein, um die Teller abzuräumen. Zum Glück, denn Dora war den Tränen nahe. Als die Haushälterin den Teller ihres Herrn über die Tischplatte schob, senkte Dora den Kopf. Sie wollte verdammt sein, wenn die beiden sie weinen sahen.
»Ich will für keinen Goldschmied arbeiten.«
»Was redest du?«
Dora wusste, dass sie zu leise gesprochen hatte. Also wappnete sie sich, hob den Kopf, um ihren Onkel direkt über den Tisch hinweg anzusehen. »Ich will für keinen Goldschmied arbeiten«, wiederholte sie. »Ich möchte mein eigenes Geschäft eröffnen, um unabhängig zu arbeiten.«
Hezekiah starrte sie einen Moment lang an, und Lottie tat es ihm gleich, den leeren Teller in der Hand; ein Tropfen Soße drohte auf den Boden zu tropfen.
»Du willst sagen, dass du selbst Schmuck herstellen möchtest?«
Nun schwang in der Stimme ihres Onkels Belustigung mit, und Dora errötete.
»Ich möchte eine angesehene Künstlerin werden, damit ein Juwelier die Entwürfe für mich anfertigt. Mutters Freund Mr Clements vielleicht.«
Einen Moment lang herrschte Schweigen. Dora erwartete nicht, dass Hezekiah ihr Ansinnen unterstützen würde – das wäre zu viel des Guten –, aber dann, als sich der Spott über die Lippen ihres Onkels in grausamem, wildem Gelächter entlud, zu dem sich das kichernde Schnauben von Lottie Norris gesellte, zog sich ihre Brust vor Wut zusammen.
»Ach du meine Güte«, rief Hezekiah mit einem Seufzen und wischte sich mit dem dicken Daumen über die Augenwinkel. »Das ist das Amüsanteste, was ich seit Wochen gehört habe. Hast du das gehört, Lottie, was für eine Tollheit sich das Kind zusammengesponnen hat?«
Dora zerknüllte die Serviette, die sie in der Faust hielt, mit aller Kraft. »Ich kann dir versichern«, sagte sie mit fester Stimme, »mir ist es damit absolut ernst.«
»Und darin liegt ja der Witz«, krähte Hezekiah. »Ein äußerst praktisches Unterfangen in der Tat! Du hast weder die Ausbildung noch das Kapital, um so etwas zu verwirklichen. Niemand, der bei klarem Verstand ist, würde ein eigensinniges Waisenmädchen wie dich ernst nehmen. Man würde dich mit schallendem Gelächter aus dem Gewerbe hinauswerfen, bevor du überhaupt angefangen hast.« Er lehnte sich in seinem Sitz zurück, und sein Gesicht nahm einen ernüchterten Ausdruck an. »Du hast das künstlerische Talent deiner Mutter, das gebe ich zu. Aber genau wie deine Mutter überschätzt du es. Sie war davon überzeugt, dass sie und dein Vater, mein lieber Bruder, Gott hab ihn selig, ein Vermögen mit Antiquitäten verdienen könnten, dass sie in der ganzen Welt für ihre, äh, einzigartigen Funde bekannt sein würden. Aber sieh nur, wohin ihr Ehrgeiz sie gebracht hat …«
Dora schwieg. An die Vernachlässigung durch ihren Onkel, die besonders in den ersten Jahren schmerzhaft gewesen war, hatte sie sich gewöhnt. Auch mit seinen Wutausbrüchen kam sie zurecht. Aber diese grausame Verachtung … die war neu und einfach zu viel für Dora. Sie nahm einen tiefen, beinahe schmerzvollen Atemzug und schob ihren Stuhl zurück, doch Hezekiah hob eine Hand, um ihr Einhalt zu gebieten.
»Setz dich. Wir sind noch nicht fertig.«
Aber ich bin es. Die Worte hefteten sich an ihre Zunge, wollten sich nicht lösen, während sie tat wie geheißen. Sie starrte finster auf ihren Teller und rezitierte innerlich das griechische Alphabet, um sich zu beruhigen:
Alpha, beta, gamma, delta …
»Lottie«, hörte Dora Hezekiah sagen, »servierst du bitte den Tee?«
Die Haushälterin setzte ein affektiertes Lächeln auf und knickste. Als sich die Tür hinter Lottie geschlossen hatte, spürte Dora, wie Hezekiah sich zu ihr umdrehte und ein freudloses Lachen ausstieß.
»Ich bewundere dein Bestreben, so überzogen und unrealistisch es auch sein mag. Zeichne so viel du magst, wenn es denn sein muss. Das wird dich die nächsten paar Monate beschäftigen. Ich werde dir sogar weiterhin das Papier zur Verfügung stellen.«
Irgendetwas in seiner Stimme ließ Dora aufhorchen, und sie runzelte die Stirn. »Was möchtest du mir damit sagen, Onkel?«
Hezekiah fuhr sich gemächlich über die Narbe. »Du bist im Laufe der letzten Jahre zu einem hübschen Weibsbild herangewachsen. Die Ähnlichkeit mit deiner Mutter …« Ein Holzscheit im Kamin knackte. »Du bist jetzt einundzwanzig«, fuhr er fort und stützte sein ganzes Gewicht auf die Ellbogen. »Eine Frau. Du bist langsam zu alt, um noch unter meinem Dach zu leben.«
Dora schwieg einen Moment, während sie die Bedeutung seiner Erklärung begriff. Sie schluckte schwer. »Du willst mich loswerden.«
Er breitete die Hände aus. »Willst du mich nicht auch loswerden?«
Sie zögerte und traute sich nicht, die Frage zu beantworten. »Aber wohin soll ich denn?«, fragte sie stattdessen. Hezekiah zuckte jedoch nur mit den Schultern. Lächelte.
Etwas Hartes setzte sich in ihrem Magen fest und drehte sich. Dora verstand nicht, was dieses Lächeln bedeutete, aber sie kannte ihren Onkel gut genug, um zu wissen, dass es nichts Gutes sein konnte.
Hinter ihr schwang die Tür auf, und Lottie stellte das Tablett mit dem Tee auf der Anrichte ab, dass das feine Knochenporzellan klirrte.
»Bitte sehr«, sagte sie betont freundlich. »Ich habe auch die Bonbons mitgebracht, die du bestellt hast, frisch von heute Morgen.« Sie präsentierte eine sechseckige Schachtel.
»Warum bietest du nicht auch Dora eines an, Lottie?«
Die Haushälterin stutzte, verengte die Augen, aber sie tat, worum Hezekiah sie gebeten hatte, und Dora starrte auf die Schachtel und die darin befindlichen Leckereien. Ihr Blick wanderte misstrauisch zu ihrem Onkel, der sie beobachtete, die Hände unter dem Kinn verschränkt.
»Was ist das?« Ihr Ton war misstrauisch, sie konnte es nicht ändern.
»Bonbons, genau wie Lottie sagte. Eine köstliche Delikatesse.«
Lottie hielt Dora die Schachtel unter die Nase, die den Geruch von Zucker wahrnahm. Sie zögerte.
»Na los«, drängte Hezekiah. »Nimm doch eines.«
Behutsam wählte Dora ein Bonbon aus und biss hinein. Die Zähne versanken in der gallertartigen Kugel, und einen kurzen Moment lang konnte Dora den feinen und unerwarteten Geschmack genießen, der auf ihrer Zunge explodierte – Vanille, Zimt, ein Hauch von Orange und Nuss, anders als alles, was sie je in ihrem Leben gekostet hatte. Aber dann bemerkte sie, wie Hezekiah sie von der anderen Seite des Tisches aus beobachtete. Er sah Dora auf eine Weise an, wie er es noch nie zuvor getan hatte.
Wie eine Katze, die einen ahnungslosen Vogel beobachtet. Hungrig, berechnend.
Von einem Fensterplatz in einer kleinen Nische aus beobachtete Edward Lawrence, wie der Januar sein grausames Spiel trieb. Es war eiskalt an diesem Morgen, der Wind hatte sich in Rage gebracht und peitschte beißende, eisige Böen über die Terrasse von Somerset House. Draußen bogen sich die Platanen, die den gepflegten Weg säumten, leere Vogelnester hingen an den kahlen Ästen. Der Brunnen war gefroren, die Gehwege glitzerten gefährlich glatt, und auf der Themse schaukelten zahlreiche Bargen.
Wie lange er gewartet hatte, konnte Edward nicht sagen. Am Ende des langen Korridors – über den großen Türen, hinter denen über sein Schicksal entschieden wurde – hing eine Uhr, die mal wieder aufgezogen werden musste. Edwards Schultern schmerzten vom beengten Sitzen, die Bank vor dem Fenster war unangenehm hart. Seit er hier war, knabberte er immer wieder an einem Fingernagel, die Fresken an der Decke hatte er schon zweimal gezählt. Und das Credo der Gesellschaft – non exstinguitur – hatte er im Geiste schon zahllose Male rezitiert. Es soll nicht vergessen werden.
Auf seinem Schoß lag eine Kopie der Studie, die er dem Ausschuss vorgelegt hatte. Der Einband war einfach gehalten, das Papier war das billigste, das zu bekommen gewesen war, aber in seinem Werk steckte viel Herzblut. Eine große Leistung für seine sechsundzwanzig Jahre und vielleicht sogar seine Eintrittskarte in die Society of Antiquaries. Eine Studie über das Hirtendenkmal von Shugborough Hall. Alles hing vom Votum des Komitees ab, mindestens fünf Stimmen waren erforderlich.
Als sich die Türen schließlich öffneten, stand Edward langsam auf und drückte die Studiefest an seine Brust. Cornelius Ashmole, sein ältester (und einziger) Freund, kam auf ihn zu, das Parkett knarrte unter seinen Schritten. Edward riskierte ein hoffnungsvolles Lächeln, aber an Cornelius’ Gesicht konnte er ablesen, dass er keine gute Nachricht brachte. Cornelius schüttelte leicht entschuldigend den Kopf.
»Nur zwei Stimmen.«
Entkräftet sank Edward auf die Fensterbank zurück. »Mein dritter Versuch, Cornelius. Ich habe mein Bestes gegeben …«
»Du kennst die Methoden von Gough. Ich habe dich gewarnt. Du hättest weniger kryptisch schreiben müssen, deine Gelehrtheit nicht so sehr rauskehren.«
»Bei so wenigen gesicherten Fakten bleiben manchmal nur Vermutungen, Cornelius!« Edward hielt dem Freund sein Werk vors Gesicht. »Ich dachte, meine Untersuchungen wären profund. All die Details. Meine Zeichnungen …«
»Es fiel das Wort ›Amateur‹«, antwortete Cornelius mit einer Grimasse. »Sie sind verwöhnt von Leuten wie Stukeley. Falls es dich tröstet: Sie meinten, du hättest Talent. Deine Beschreibungen haben sie sehr gelobt.«
»Wie gnädig.«
Der hochgewachsene Cornelius beugte sich zu seinem Kameraden hinab. »Die meisten«, sagte er dann sanft, »werden erst in höherem Alter in die Gesellschaft aufgenommen. Manche erst, wenn sie schon mit einem Fuß im Grab stehen.«
Edward warf seinem Freund einen Blick zu. »Meinst du, ich fühle mich jetzt besser?« Dann fügte er hinzu: »Aber du bist erst dreißig!«
»Ich durfte die Grand Tour erleben und ganz Europa bereisen. Ich habe den Sommer damit verbracht, italienische Gräber zu entweihen, und nach meiner Rückkehr konnte ich meine gesamte Zeit auf die Forschung verwenden. Außerdem sitzt mein Vater im Vorstand.« Als er Edwards niedergeschlagenen Gesichtsausdruck sah, legte Cornelius dem jüngeren Mann tröstend eine Hand auf die Schulter. »Ich will dir meine glückliche Lage nicht unter die Nase reiben, aber es ist nun mal so, dass solche Dinge manchmal entscheidend sind. Halte dir vor Augen, wie viel besser es sich anfühlen wird, wenn du ein Stipendium aus eigener Kraftbekommst. Ohne Beziehungen, nur aufgrund deiner Leistung.«
Aber Edward schüttelte nur den Kopf. »Das sagt sich so einfach, wenn man Geld hat.«
»Jetzt wirst du aber melodramatisch.«
»Sagt der Mann, der reich geboren ist.«
Darauf wusste Cornelius keine Antwort. Einen Moment lang standen beide still voreinander da und lauschten dem Wind, der draußen peitschte. Dann stieß Cornelius seinen Freund an.
»Erinnerst du dich noch daran, wie ich als Junge damit geprahlt habe, dass ich ohne Pause bis zum Folly und zurück schwimmen kann?«
Edward lächelte. »Du hast gerade mal die Hälfte geschafft, bevor du beinahe ertrunken wärst.«
»Und du hast im Boot neben mir gerudert und mir gesagt, ich solle weitermachen und nicht aufgeben, obwohl wir beide wussten, dass ich ein verdammter Narr war.«
So war es schon immer mit ihnen gewesen. Einer stand hinter dem anderen, aber beide waren so verschieden wie Wein und Wasser: der reiche Cornelius und der mittellose Edward. Der Gebildete und der Unwissende, der sich alles erarbeiten musste. Der forsche Cornelius und der schüchterne Edward. Was für ein Gespann. Damals wie heute. Beide mussten sie lachen, obwohl Edwards Lachen deutlich gedämpfter ausfiel. Dann schwiegen sie wieder.
»Es tut mir leid, Edward. Wirklich. Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll.«
»Es gibt nichts zusagen.«
»Außer dass du nicht aufgeben darfst. Aber derlei Plattitüden werden dich kaum trösten.«
»Da hast du wohl recht.«
Eine kurze Pause.
»Du musst durchhalten. Ich unterstütze dich, wo ich nur kann, egal, was es kostet, was immer du brauchst. Du weißt, dass ich mein Wort halte.«
»Auch wenn ich ein verdammter Narr bin, es überhaupt nur zu versuchen?«
»Auch dann.«
Edward erwiderte nichts. Cornelius’ Worte klangen bitter nach. Wie viel Geld hatte Cornelius schon beigesteuert, um ihm zu helfen? Wie viel Zeit hatte man ihm bereits gewährt? Beschämt stand Edward auf und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
»Ich muss jetzt gehen.«
Cornelius richtete sich auf. »Die Arbeit kann warten, weißt du.«
»Das kann sie nicht. Ich habe nur …« Edward seufzte und schüttelte den Kopf, fühlte eine heiße Welle der Demütigung in sich. »Ich muss gehen.«
Der junge Mann wendete sich ab, eilte den Flur hinunter und dann in den Vorraum, Cornelius dicht hinter ihm. Auf der großen Treppe gab Cornelius die Verfolgung auf, und Edward spürte die mitleidigen Blicke seines Freundes wie Pfeile im Rücken. Edward beschleunigte sein Tempo, eilte durch die Haupttüren des Somerset House hinaus in den kalten Wind und suchte Zuflucht im Gewimmel der Straßen von London.
Im heftigen Wind konnte Edward die Blätter mit seinen Studien kaum halten.Kurz überlegte er, ob er sein Werk in den nächsten Rinnstein werfen sollte, aber dann siegte seine Liebe zur Wissenschaft, und er wickelte die Schrift in seinen Mantel. Mit gesenktem Kopf, das Kinn hinter den Falten seines Schals, stapfte er weiter zur Strand, Londons Hauptverkehrsachse. Er dachte an nichts und konzentrierte sich nur darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Als Edward den weiten Bogen des Temple Bar durchschritt, war er froh, den Trubel der überfüllten Strand hinter sich zu lassen.
Von den schlechten Nachrichten, aber auch vom Kampf gegen den Wind ermüdet, suchte Edward ein Kaffeehaus in der Fleet Street auf. Nicht, weil er sich nach Kaffeeduft sehnte (ein Bier wäre ihm lieber gewesen), sondern um sich aufzuwärmen. Seine Zehen fühlten sich an wie Eiszapfen, und er war geradezu überrascht, dass sie ihm noch nicht erfroren waren.
Edward wickelte den Schal ab, suchte sich eine gemütliche Ecke in der Nähe des Feuers und bestellte sich eine Tasse Kaffee. Seine Schrifthielt er immer noch unter dem Mantel versteckt. Kurz darauf nahm Edward einen vorsichtigen Schluck Kaffee, aber er war zu heiß, und so hielt der junge Mann lediglich die Tasse in den Händen und begnügte sich gedankenverloren mit dem anheimelnden Geruch aromatischer Gewürze.
All die vergeudete Zeit. Wieder einmal.
Edward hatte nicht erwartet, dass gleich sein erster Versuch erfolgreich sein würde – eine Arbeit, in der er seine Gedanken über die Forschungsliteratur zusammenfasste, die er gelesen hatte (von Cornelius und von dessen Vater geliehen). Über die frühen Studien von Monmouth und Lambarde, Stow und Camden, über die späteren Werke von Wanley, Stukeley und Gough.
Edwards Lateinkenntnisse hatten zu jener Zeit gerade so ausgereicht, aber seine Begeisterung für die Wissenschaft war offenkundig, nur mit seiner Bildung haperte es. Zu wenig Wissen, zu wenig eigene Ideen. Also widmete sich Edward weiteren Studien und beschloss, seine Bemühungen auf die Bildnisse in den Londoner Kirchen zu konzentrieren, gab es doch so viele von diesen verdammten Dingern. Von diesem zweiten Versuch hatte er sich zu viel versprochen. Doch als die Antwort zurückkam, dass seine Arbeit zwar glänzend geschrieben war, aber keine neuen Erkenntnisse brachte, hatte Edward einen anderen Weg gewählt.
Im Jungenalter hatten Edward und Cornelius oft die Landschaft von Staffordshire rund um Sandbourne erkundet, den Landsitz der Ashmoles. Das benachbarte Anwesen Shugborough Hall – nur ein paar Meilen entfernt – war für die Kinder ein faszinierender Ort. Edward erinnerte sich oft daran, wie sie eines Tages das Areal betreten hatten und im Dickicht ein rätselhaftes Monument entdeckten. Es war spektakulär, ein imposanter Bogen mit zwei Köpfen, die wie strenge Wächter aus dem Stein ragten. Darin eingelassen war ein Relief mit vier Figuren, die sich um eine Krypta scharten. Es handelte sich um die Kopie eines Poussin-Gemäldes, wie Edward später erfuhr, allerdings ergänzt um einen zusätzlichen Sarkophag und eine Inschrift, die sich auf Arkadien bezog. Doch was Edward schon als Kind so sehr fasziniert hatte, waren die acht Buchstaben, die in die leere Steinfläche unter dem Relief zwischen die Lettern D und M eingemeißelt worden waren:
O U O S V A V V
Auf römischen Grabmälern stand DM üblicherweise für dis manibus, was so viel wie »den Totengöttern geweiht« bedeutet. Aber dies war keine römische Grabstätte, es musste sich um eine Art Chiffre handeln. Ein perfektes Studienexemplar und auch ideal, um Zutritt zu der wissenschaftlichen Gesellschaft zu erlangen, von der er seit Jahren träumte? Mit einem Empfehlungsschreiben von Cornelius und einer stattlichen Summe ausgestattet, erhielt Edward die Erlaubnis, in dem Anwesen zu wohnen und das Grundstück nach Belieben zu betreten.
Er zog alle möglichen Theorien in Erwägung: War die Chiffre ein verschlüsselter Liebesbrief an eine verstorbene Ehefrau, ein Akronym eines lateinischen Satzes oder einfach nur eine Steinmetzarbeit, die nach Errichtung des Denkmals eingemeißelt worden war und die Initialen des Grundstückeigentümers – eines Mr George Adams –, seiner Ehefrau und ihre Beziehung zueinander symbolisierte (wobei Mr Adams sich beharrlich weigerte, diese Annahme zu kommentieren)? Edward überlegte sogar, ob sich die Buchstaben auf die Koordinaten eines vergrabenen Schatzes beziehen könnten, wobei er sich auf die Seefahrervergangenheit eines Ahnherrn von Shugborough stützte.
Der junge Forscher brauchte ganze vier Monate, um seine Erkenntnisse zu vervollständigen, und zwei weitere Monate, um sie zusammenzustellen. Niemand hatte sich bisher die Mühe gemacht, der Sache nachzugehen, und das schon seit über zehn Jahren, und es gab kaum nennenswerte Aufzeichnungen darüber. Und obwohl Edwards Zeichnungen eher unbeholfen wirkten – wie Cornelius gnadenlos bemerkte –, übertraf seine übrige Arbeit jede Studie des Denkmals, die ihr vorausgegangen war. Allein deshalb war sich Edward seines Erfolges sicher gewesen. Aber es hatte nicht ausgereicht, all seine Arbeit war umsonst gewesen.
»Junger Mann, so schlimm kann es doch nicht sein.«
Edward blickte auf, um zu sehen, wer ihn angesprochen und seine Träumerei damit jäh unterbrochen hatte. In einem Sessel ihm gegenüber saß ein alter Herr in verblichenem Kammgarn, sein weißes Haar und sein Bart waren entgegen der Mode lang. Ohne es zu wollen, stieß Edward ein bitteres Lachen aus und hob kopfschüttelnd seine Kaffeetasse an. Er nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. Der Kaffee war kalt. Wie lange saß er hier schon?
Der Fremde hob die Hand und winkte eine Bedienung herbei. »Noch eine Kanne Kaffee, bitte«, sagte er, und dann an Edward gewandt: »Wollen Sie mir nicht Gesellschaft leisten?«
»Ich fürchte, ich bin im Moment keine gute Gesellschaft«, antwortete Edward.
»Unsinn, ich bestehe darauf.«
Edward zögerte kurz, dann lenkte er ein. Er wollte nicht unhöflich sein, aber er war enttäuscht und verbittert. Der Gentleman wollte sicher nur freundlich sein.
»Vielen Dank, Sir.«
Der Kaffee wurde an den Tisch gebracht, und der alte Mann schenkte ein. »Also dann, warum sind Sie so niedergeschlagen?«, fragte er mit tiefer und kräftiger Stimme.
Wie alt mochte er wohl sein? Siebzig? Achtzig? Edward sah ihn an, hin und her gerissen. Sollte er sich einem völlig Fremden anvertrauen? Aber letztlich spielte das kaum noch eine Rolle.
»Meine dritte und endgültig letzte Bewerbung bei der Society of Antiquaries ist heute abgelehnt worden«, erklärte Edward. Er öffnete seinen Mantel und knallte seine Studieauf den Tisch. »Hier. Mein neuester Misserfolg.«
Die Augen des alten Mannes – ein auffallender Blauton, wie Edward fest stellte – waren auf Edwards Werk gerichtet. »In der Tat? Das mag ein Rückschlag sein, aber doch wohl nicht gleich das Ende der Welt, oder? Warum ist Ihre dritte Bewerbung denn endgültig?«
»Weil ich keinen vierten Anlauf mehr machen kann.«
»Was hält Sie denn davon ab?«
»Geldmangel, Sir. Und die Zeit.«
»Ich verstehe.«
Es folgte eine Gesprächspause. Edward spürte, dass er seinem Gegenüber eine Erklärung geben sollte.
»Ich bin Buchbinder. Ein Beruf, der mich nicht gerade erfüllt.« Edward schüttelte den Kopf, konnte das Selbstmitleid aus seiner Stimme heraushören, aber nun hatte er einmal angefangen. »Ich bin auf dem Land aufgewachsen, in einem Herrenhaus, und habe meine Kindheit damit verbracht, in der Erde zu wühlen und allerlei Tand zu sammeln. Mein bester Freund und ich haben stundenlang in den Wäldern gegraben und so getan, als wären wir große Entdecker, so wie Kolumbus und Raleigh.«
Der Fremde nickte verständnisvoll. »Und später?«
»Meinen Kameraden hat man nach Oxford geschickt, mich nach London in eine Buchbinderei.«
Edward nahm einen Schluck von seinem Kaffee. Der ältere Herr betrachtete ihn schweigend. Nach einem Moment sagte Edward: »Mein Freund rät mir, es weiter zu versuchen.«
»An Ihrer Stelle würde ich auf ihn hören.«
»Ich brauche sein Mitleid nicht«, murmelte Edward verbittert. So dankbar er Cornelius auch war, er konnte seine Abhängigkeit von ihm nicht länger ertragen. Edward fühlte sich nicht wie ein Mann, sondern wie ein kleiner Junge.
Der alte Mann legte den Kopf schief, schien über Edwards Worte nachzudenken. »Wenn er Sie gerne unterstützt, warum sollten Sie seine Hilfe verschmähen? Viele würden den Göttern auf Knien für einen solchen Wohltäter danken.«
»Ich weiß, es ist nur …«
»Es trifft Sie in Ihrem Stolz.«
»Sie sagen es.«
Dann schwiegen beide. Es trifft Sie in Ihrem Stolz. In gewissem Maße erleichterte Edward diese Feststellung, aber wirklich besser fühlte er sich dadurch nicht. Was für ein Narr er war, sich wie ein bockiges Kind zu verhalten! Er musste sich bei Cornelius entschuldigen. Ein solches Betragen ziemte sich kaum für einen Gentleman, geschweige denn für ein Mitglied der Gesellschaft. Edward hoffte, dass Cornelius ihm verzieh.
Der alte Herr beobachtete ihn, als könnte er seine Gedanken verfolgen.
Edward errötete und zwang sich zu einem schüchternen Lächeln. »Sir, Sie sehen mich beschämt. Verzeihen Sie mir mein Benehmen. Ich hatte mir so große Hoffnungen gemacht.«
»Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen?«
»Aber sicher.«
Der Mann beugte sich vor, als wollte er ein streng gehütetes Geheimnis preisgeben. »In der Ludgate Street gibt es einen Laden. Er gehörte einem unerschrockenen Ehepaar namens Blake. Sie waren von Beruf Antiquitätenhändler, verdienten ihren Lebensunterhalt aber vor allem mit Ausgrabungen in Südosteuropa, insbesondere in Griechenland. Ich weiß, dass sich die Vorliebe für Antiquitäten heute eher auf britische Exponate bezieht, aber mit der Antike lässt sich Geld verdienen, diese Faszination ist ungebrochen. Die Besitzer sind leider schon lange tot, seit zwölf oder dreizehn Jahren, und das Geschäft … Nun, es ist nicht mehr das, was es einmal war. Der Bruder von Elijah Blake, Hezekiah« – als er den Namen nannte, verzog der alte Mann das Gesicht – »hat den Laden ruiniert. Vielleicht aber sollten Sie mal mit der Tochter der Blakes sprechen.«
»Der Tochter?«
»Pandora Blake. Sie war erst acht Jahre alt, als ihre Eltern starben. Pandora hat sie auf jede Ausgrabung begleitet. Ihr Onkel – ursprünglich ein Kartograph – hat sich nach dem Tod der Eltern um das Kind gekümmert, jetzt arbeitet sie im Geschäft. Wenn Pandora nach ihren Eltern kommt, dann muss sie ein ganz besonderer Mensch sein.«
»Sie kannten das Mädchen also gut?«
Edwards Gegenüber zögerte. »Nun, ich befasse mich seit Langem mit der Branche.«
»Sie sind also ein Sammler?«
Edwards Gesprächspartner schwieg. Ein Gast betrat das Café und brachte die kalte Luft von der Fleet Street mit. Edward wusste nicht, was er sagen sollte. Der alte Mann griff nach seiner Tasse, die einen feuchten Ring auf dem Tisch hinterließ.
»Wie sind die Blakes gestorben?«, fragte Edward schließlich.
Der Mann nahm einen Schluck von seinem Kaffee. »Eine Tragödie. Bei Ausgrabungen in einer griechischen Ruine ist das Mauerwerk eingestürzt. Die beiden wurden lebendig begraben.«
»Und Pandora?«
»Sie konnte Gott sei Dank gerettet werden.« Edward schüttelte den Kopf. »Wie schrecklich!«
»In der Tat.«
In diesem Moment läuteten die Glocken der Temple Church die volle Stunde. Edward kramte in seiner Manteltasche und beförderte eine Münze zum Vorschein.
»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Sir. Sie waren so freundlich zu mir.«
Der ältere Herr winkte ab. »Keine Ursache«, sagte er bescheiden, als ob wirklich nichts dabei gewesen wäre. »Es war mir ein Vergnügen.«
Als Edward aufstand, blickte der alte Mann zu ihm auf, die blauen Augen funkelten ihn klar und durchdringend an. Edward hielt ihm die Hand hin.
»Vielleicht sehen wir uns einmal wieder, Mr Lawrence?«
»Ja«, sagte Edward, als sein Gegenüber ihm die Hand schüttelte. Die Haut des alten Mannes fühlte sich an wie Pergament, aber sein Griff war erstaunlich fest. »Ja, vielleicht sehen wir uns wieder.«
Erst später am Abend, als er seine Stiefel und Strümpfe am Feuer wärmte, fiel Edward ein, dass er vergessen hatte, den alten Mann nach seinem Namen zu fragen. Aber was noch wichtiger war: Seinen eigenen Namen hatte er zu keinem Zeitpunkt erwähnt.
Wieder hatte Hezekiah ihr die Verantwortung für den Laden übertragen, denn die Ankunft eines verwahrlosten Boten mit einem Brief in der Hand hatte ihn in helle Aufregung versetzt. Binnen eines Wimpernschlags war ihr Onkel von seinem halb aufgegessenen Frühstück aufgesprungen und wie von Sinnen aus dem Zimmer geprescht. Dora hatte einen Blick auf die Uhr geworfen – zwanzig Minuten nach acht – und sich gefragt, was wohl so früh am Morgen so wichtig sein konnte, einen Laufburschen zu schicken, der so penetrant nach etwas stank, das sie lieber nicht benennen wollte.
Nun saß Dora im Laden auf einem Hocker (der nicht weniger unbequem war als der in ihrer Kammer) und ließ gelangweilt die Beine baumeln. Obwohl sie wusste, dass es genug zu tun gab – da Lottie sich weigerte, könnte sie genauso gut selbst Staub wischen –, konnte sich Dora nicht aufraffen – ihr Geist war so ruhig wie eine stürmische See. Unter dem Tresen lagen ihr Skizzenbuch und ihr Pompadour bereit, damit sie sich so schnell wie möglich aus dem Staub machen konnte, wenn Hezekiah zurückkehrte.
Heute war der Tag, an dem sich alles ändern würde.
Der Entwurf der Filigranarbeit war fertig. Alles, was jetzt noch fehlte, war ein »Ja«, die Anerkennung, dass ihre Arbeit es wert war, zu Schmuckstücken verarbeitet zu werden, die von Teilen der oberen Gesellschaft getragen wurden. Nur ein Stück musste den Anfang machen – nur ein einziges
