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Der historische Abenteuerroman von Eva Laurenson nimmt den Leser mit auf eine Schatzsuche queer durch die West- und Ostsee des 15. Jahrhunderts. Mit der richtigen Mischung aus Spannung, Humor, Dramatik und einem Schuss Erotik macht Eva Laurenson Lust auf mehr/Meer Abenteuer. Eine Geschichte, an der auch Robert Louis Stevenson seine Freude gehabt hätte. Ein Piratenleben ist auch nicht das Gelbe vom Ei und ein Schatz nicht immer das, was glänzt Hamburg im Jahr 1401: Der Waisenjunge Nikolas, aufgewachsen mit den schillernden Abenteuergeschichten über Klaus Störtebeker, entflieht der nüchternen Welt der Domschule und heuert auf einem Piratenschiff an. Doch schon bald muss Nikolas feststellen, dass die gesamte Mannschaft ein Haufen bunt zusammengewürfelter Vagabunden ist, die kaum Ahnung von der Seefahrt haben. Die folgenden Jahre und die Suche nach dem legendären Störtebeker-Schatz perfektionieren ihre seeräuberischen Fähigkeiten. Nikolas erlernt die Feinheiten der Navigation, und erlebt hautnah, wie hart und erbarmungslos das Piratenleben sein kann … ein Dasein, das nichts mit seinen romantischen Kinderfantasien gemein hat. Der Wind des Lebens führt Nikolas an viele verschiedene Orte und beschert ihm neue Bekanntschaften und Erfahrungen. Wird er am Ende seine Bestimmung finden?
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Veröffentlichungsjahr: 2022
EVA LAURENSON
Das Erbe des Seefahrers
Autorin
Eva Laurenson wurde am 10. Juni 1982 in Berlin, Deutschland, geboren. Nach dem Studium der Agrarwissenschaften an der Humboldt Universität zu Berlin studierte und arbeitete sie im Fachgebiet der Tierzucht in den Niederlanden und Schottland. Nach ihrer Promotion zog sie 2013 nach Australien, wo sie neben der wissenschaftlichen Arbeit auch Drehbücher und Theaterstücke schreibt und Regie führt.
www.evalaurenson.weebly.com
Eva Laurenson
Das Erbe des
Seefahrers
Historischer Abenteuerroman
Ein Glossar mit norddeutschen und seetechnischen Begriffen befindet sich am Ende des Buches.
1. Auflage
Genehmigte E-Book-Ausgabe November 2022
Copyright © 2020
Eva Laurenson, cub & calf publishing
Distributor: Tolino Media
Spilstr. 2, 14195 Berlin
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestalltung und Satz: Eva Laurenson
Lektorat und Korrektorat: Wolma Krefting,
https://www.bueropia.de/
ISBN 9783754695036
Für meinen Vater,
der seine Liebe zu Segelbooten und Abenteuergeschichten mit mir teilte.
I
ch hab ihn persönlich getroffen und weiß, dass er ein feiner Kerl ist“, warf Konrad Netzeband in die sich dahinschleppende Diskussion ein, denn auch wenn es ein Thema war, bei dem alle mitredeten, waren die Bewohner der kleinen Hütte am Dreckwall müde von ihrem Tagwerk.
„Also is es wahr, was die alte Käthe erzählt hat, dass sie einen Sack voll Hafer und einen Krug Milch vor ihrer Tür gefunden hat? Und dass der Witzler in der Nacht den Störtebeker gesehen hat, wie der voll beladen mit noch zwei andern durch die Gassen geschlichen ist?“, fragte Konrads kleiner Sohn Nikolas wissbegierig.
Mit pfeifendem Atem brachte Hannes Lüders, der mit Frau und Tochter ebenfalls in der Hütte lebte, seinen Unmut hervor. „Das glaub ich nich. Piraten denken doch nur … an sich, die sind wie Räuber. Nur eben aufm Meer. Denen is dat auch egal, ob du wat hast oder nich … Dann nehm’se dir eben die Kleider vom Leib.“
Lotte, seine Frau, reichte ihm eine Schale mit dampfendem Tee, den sie aus frischen Kräutern aufgebrüht hatte. Ihre einzige Tochter hatte sich schon hinter das löcherige Laken zurückgezogen, das ihrer Familie etwas Privatsphäre in der Hütte gab.
Konrad beobachtete verstohlen, wie Lotte ihrem Hannes sanft über den Rücken strich und eine Decke um seine schmalen Schultern legte.
„Papa, meinste nich, dass das der Störtebeker war, den die alte Käthe gesehen hat?“ Nikolas wippte auf dem Strohsack, der ihre Bettstelle war, aufgeregt hin und her, um die Aufmerksamkeit seines Vaters zu erlangen.
„Das würd ich ihm schon zutrauen. Auch wenn’s recht gewagt war. Der Herr Bartholomäus hat mir heut gesagt, dass die Kaufleute sich das nich mehr gefallen lassen wollen und beim Rat angefragt haben, ob da nich mal was gegen gemacht werden kann.“
„Aber die helfen doch den Leuten, warum wolln se die dann vertreiben?“
Das Eintreten des letzten Bewohners der Hütte unterbrach das Gespräch zwischen Vater und Sohn. Ein Luftzug ließ den kleinen Kerzenstummel auf dem schiefen Tisch unter dem Fenster beinahe verlöschen. Der Mann, ein Schiffsbauer, der erst letzten Monat nach Hamburg gekommen war, legte einen Stapel voll Holz neben die Feuerstelle. Er sprach nie viel und auch diesmal gab er nur ein Kopfnicken als Gruß, schürte noch einmal die Glut und zog sich dann in seine Ecke zurück.
„Papa, erzähl noch ’ne Geschichte. Die, wo du den großen Fisch gefangen hast und fast ins Wasser gefallen wärst!“
Nikolas wollte noch nicht schlafen, doch sein Vater war müde und sein Rücken schmerzte. Währenddessen richtete sich Hannes Lüders schwer atmend auf und schlurfte, gestützt von seiner Frau, hinter das Laken zu ihrer Schlafstelle. Das Stroh raschelte und ein Hustenanfall hinter dem Laken ließ auch Nikolas ganz ruhig werden. Dann war nur noch Lüders pfeifender Atem zu hören.
„Komm, Schlafenszeit. Die Geschichte muss ich dir außerdem schon tausendmal erzählt haben.“ Konrad zog die Wolldecke hoch und streckte seinen Rücken gerade. Nikolas blies die Kerze aus und krabbelte zu ihm unter das zerschlissene Tuch. Konrad Netzeband drückte seinen kleinen Sohn fest an sich, seinen Sohn, der die gleichen blonden Haare und blauen Augen hatte wie seine Mutter.
Schweren Herzens dachte er daran zurück, wie sie sich damals Kinder gewünscht hatten, einen ganzen Haufen in ihrer Verliebtheit. Damals, als sie noch hinter dem Deich wohnten, ein paar Schafe hatten und vom Krabbenfang lebten. Doch die jahrelange schwere Arbeit auf dem Krabbenkutter hatte Konrads Körper ausgezehrt. Sie waren in die Stadt gezogen, in der Hoffnung, hier einfachere Arbeit zu finden, doch das Schicksal hatte etwas anderes für die kleine Familie Netzeband vorgesehen.
Nach Jahren der Kinderlosigkeit hatten sie einen Sohn bekommen, doch Margarete Netzeband blieb nur wenig Zeit auf Erden, um sich an dem späten Glück zu erfreuen. Die Geburt war zu anstrengend gewesen, und nur einige Tage später musste Konrad seine geliebte Frau zu Grabe tragen. Und dann wollte auch noch die Kirche den Jungen in ein Waisenhaus bringen. Der Domherr von Sankt Marien versprach ihm eine gute Ausbildung zukommen zu lassen, doch Konrad wehrte das entschieden ab. Er würde sein einziges Kind nicht in eine Pfaffenschule fortschicken, sondern ihn alles, was er wusste, selbst lehren. Diesen Entschluss hatte er eines Abends getroffen, als er im Wilden Eber gesessen und versucht hatte, seinen Schmerz über den Tod seiner Frau im Bier zu ertränken. Ein Seemann namens Klaus Störtebeker, der nun zu den gefürchtetsten Piraten der Westsee gehörte, hatte ihm ins Gewissen geredet.
Es waren harte Jahre geworden, hart die Arbeit und hart die Mühe, einen Säugling ohne Mutter oder Amme großzuziehen. Doch Nikolas war stark, und so hatten sie die letzten sieben Jahre in dieser Hütte verbracht, ohne auch nur einen einzigen Tag voneinander getrennt gewesen zu sein. Der Junge hatte seine Sehnsucht nach dem Meer zwar nicht mit der Muttermilch aufgesogen, aber mit jeder Geschichte, die Konrad ihm erzählte; und mit jeder Kogge, die den Hamburger Hafen schwer beladen und mit geblähten Segeln verließ, wurde das Fernweh stärker.
Die wohlige Wärme, die von dem kleinen lebendigen Körper neben ihm abstrahlte, ließ Konrad endlich in einen tiefen, traumlosen Schlaf sinken.
Nikolas jedoch glitt mit wachem Geist in eine Wunschwelt, in der er mit vorgehaltenem Säbel den gierigen Pfeffersäcken ihre Waren abnahm und unter großem Jubel sein Schiff nach Hamburg steuerte, wo ihn sein Vater mit stolz geschwellter Brust auf die Schultern hob und ihn auf eine Schale würzige Schweinefüße in die Deichstraße führte.
Der nächste Morgen war noch klammer und feuchter, als es die Nacht gewesen war. Tau hatte den Staub der Straßen gebunden und kleine Tropfen glänzten an den Grashalmen, die sich, nach Wärme und Licht lechzend, zwischen Häusern und Straßen hervorwagten. Doch es versprach ein schöner Frühlingstag zu werden, und schon schickte die Sonne ihre ersten belebenden Strahlen über die Felder und Wiesen vor den Toren Hamburgs, wo der Tau langsam in Nebelschwaden aufzusteigen begann.
„Nun komm schon. Glotzen kannst du später noch genug!“ Konrad war auf dem Weg zur Arbeit und hatte nur wenig übrig für dieses Wetter, das seine Gelenke schmerzen ließ. Nur schwer konnte sich Nikolas von dem Ausblick durch das Millerntor losreißen, denn er glaubte, Gestalten heimlich durch den Nebel davonschleichen zu sehen. Waren es vielleicht Piraten? Wie gerne wäre er den Schatten gefolgt, doch seine Beine folgten gegen seinen Wunsch den Schritten seines Vaters.
Sie gingen über den Hopfenmarkt, der noch still und jungfräulich dalag, und an St. Nikolai vorbei. Vom Hopfenmarkt bogen sie schließlich in die Deichstraße ein, wo das Lagerhaus des Herrn Bartholomäus lag. Herr Bartholomäus war ein überall angesehener und wohlhabender Patrizier. Als Mitglied des Rates hatte er die Aufgabe übernommen, den Handel, der über das Nikolaifleet geführt wurde, zu kontrollieren und am Laufen zu halten. Dazu gehörte es auch, die Befahrbarkeit der Fleete für die Schuten zu garantieren. Vor sieben Jahren hatte Herr Bartholomäus Konrad eingestellt, der ihm seither als Fleetenkieker gute Dienste leistete. Konrad war nicht nur für das Nikolaifleet zuständig, sondern auch für das Alsterfleet bis hinauf zur kleinen Alster und für die ganzen kleinen Verbindungswege dazwischen.
Die Fleete waren für den Transport von Handelswaren zwischen Hafen und Lagerhäusern von äußerster Wichtigkeit und ihr Wasser wurde auch zum Waschen und Kochen in der Stadt genutzt. Da sich in ihnen jedoch auch jeglicher Unrat aus der Stadt sammelte, der einfach hineingeworfen oder mit dem Regen über die Straßen und Gassen hineingeschwemmt wurde, war es ein Glück, dass sich durch die Tide der Elbe das Wasser täglich austauschte.
Jedoch wurde nicht alles von der ablaufenden Ebbe mit fortgerissen, und bei Niedrigwasser lagerten sich Schlick und allerlei stinkender Abfall ab. All dies verstopfte und verpestete die Fleete und die umgebende Luft.
Es war nun die Aufgabe des Fleetenkiekers, die Fleete frei zu halten, um eine ausreichende Wassertiefe für den Schiffsverkehr zu gewährleisten.
Konrad musste jeden Tag aufs Neue hinab in das Wasser und in den Schlamm steigen. Bewaffnet mit einem langen Stab, an dessen Ende ein Schieber befestigt war, mit Eimer, Seil und Winde hatte er dafür Sorge zu tragen, dass die Fleete benutzbar blieben. Dies war nicht weniger mühsam und kräftezehrend, als auf einem Krabbenkutter zu arbeiten, aber er hatte keine andere Wahl, wenn er sich und seinem Sohn das Überleben sichern wollte. Ein offizielles Schreiben der Stadt gestattete ihm den Zugang zu den Höfen der Händler, Brauer, Gerber und im Prinzip zu jedem Haus, das direkt an einem Fleet gebaut war. Die Bezahlung war mehr als dürftig und sein Ansehen in der Stadt lag nur wenig über dem eines Bettlers, erlaubte es ihm jedoch, als freier Mann in der Stadt zu wohnen.
Konrad traf Herrn Bartholomäus tief in Gedanken versunken und mit einer Sorgenfalte auf der Stirn an. Er wartete ehrerbietig in der Tür des Kontors, bis der Händler das Wort an ihn richtete.
„Ah Konrad, da seid Ihr ja. Kommt näher, kommt näher!“ Von jetzt auf gleich waren alle Anzeichen von Sorgen im Gesicht des alten Händlers hinter einem Ausdruck der Gutmütigkeit verschwunden.
„Wie geht es Euch heute Morgen?“
„Ich will mich nich beklagen, Herr Bartholomäus.“
Konrad trat näher, jedoch ohne sich aus seiner leicht gebückten Haltung aufzurichten, denn die war seit Jahren weniger seiner Ehrerbietung als seinen steifen Gliedern zuzuschreiben.
„Papa, ich glaub, ich hab Piraten gesehen!“
„Ah, da ist er ja, der kleine Wirbelwind. Und du sagst, du hast Piraten gesehen? Hier in der Stadt?“ Freundlich beugte sich Herr Bartholomäus zu Nikolas herunter, der soeben in das Lager gestürmt war und sich nun schüchtern an den Beinen seines Vaters festhielt.
„Moin, Herr Bartholomäus“, begrüßte Nikolas den alten Händler und schüttelte höfflich die ihm dargebotene Hand.
„Na, wenn du sie gesehen hast, dann wollen wir mal hoffen, dass die Stadtbüttel sie auch sehen und diese Tagediebe festsetzen“, fuhr Herr Bartholomäus fort. „Leider scheinen jedoch unsere Herren Stadträte und der Rest der Hanse blind für die Gefahr zu sein und bezahlen diese vermaledeiten Likedeeler auch noch für ihre Überfälle. Dabei ist es nur eine Frage der Zeit, bis die sich nicht mehr nur auf dänische Handelsschiffe stürzen, sondern auch noch das ganze Westmeer verpesten!“
Nikolas hatte schon angesetzt, ihm zu widersprechen und mit leidenschaftlichen Worten seiner Kinderseele Luft über diese Verleumdungen zu machen, doch Konrad, der spürte, was sich da in seinem Sohn zusammenbraute, legte mit eisernem Griff eine Hand auf die Schulter des Jungen. Nikolas wusste, ohne dass die beiden auch nur ein Wort gewechselt hätten, dass er den Mund zu halten hatte, und das tat er auch, aber dafür stürzte er wütend aus dem Lager und ließ sich die nächsten Stunden nicht mehr blicken.
Herrn Bartholomäus’ Aufmerksamkeit hatte sich derweil auf einen kräftigen Burschen gerichtet, der in herausgeputzten Kleidern dastand und der sich, obwohl er darin höchst respektabel aussah, dennoch nicht so recht wohl zu fühlen schien und an seinem Halstuch zupfte. Nach einem kurzen Gespräch umarmten sich die beiden Männer unbeholfen, und als der Jüngere an Konrad vorbei nach draußen stakste, erkannt er die frappierende Ähnlichkeit zwischen den beiden.
„Mein Sohn macht sich heute auf den Weg nach Brügge, um dort den letzten Schliff zu erhalten. Ich hab ihm hier alles gezeigt, was ich konnte, doch der Lausebengel hat Flausen im Kopf, die ihm ein Ortswechsel hoffentlich austreiben wird. Nanu, da hat sich wohl noch jemand aus dem Staub gemacht?“ Erst jetzt bemerkte Herr Bartholomäus, dass Nikolas nicht mehr da war, hielt sich jedoch nicht weiter damit auf. Der Junge blieb selten an einer Stelle, sei es, dass er irgendwo in einen Speicher kletterte, Steine in den Fluss schmiss oder bei Frau Toni wieder ein kleines Backwerk erbettelte, das etwas schwarz um die Kanten war.
„Nun zu uns. Die Stürme der letzten Woche haben einiges Geäst und ganze Zweige in die Alster gefegt, die zu Problemen führen.“ Sie gingen durch das wohlsortierte Lager zu einer Holztür im hinteren Bereich, die Herr Bartholomäus aufstieß. Beide Männer blickten direkt auf das Nikolaifleet, dessen Wasser noch einige Fuß unterhalb der Tür träge dahinströmte.
„Seht Ihr da oben, wo das Fleet den Knick macht? Da hat sich ein Ast quergelegt. Der muss unbedingt weg, sonst wird’s hier bald zum Himmel stinken.“
„Wird gemacht. Das kann ich wohl dort von der Brücke aus erledigen“, erwiderte Konrad und war erleichtert, dass er nicht schon so früh am Morgen durch das knietiefe Nass waten musste.
Nikolas war immer noch verschwunden, als Konrad seinen ersten Auftrag in Angriff nahm. Doch er machte sich keine Sorgen um den Jungen, denn schon seit Nikolas laufen konnte, war er bei allen Gewerbetreibenden entlang der Fleete und besonders bei den Frauen so bekannt und beliebt, dass sich Konrad kaum um ihn zu kümmern brauchte, wenn er seiner Arbeit nachging. So wuchs Nikolas inmitten von Fässern voll Bier, Säcken mit Gewürzen und Ballen feinster Stoffe aus aller Herren Länder auf, beobachtete Handwerker und Händler bei ihrer Arbeit und bekam von den Bäckers- und Krämerfrauen kleine Leckereien zugesteckt, die verzückt seufzten, wenn er sie lächelnd mit seinen strahlend blauen Augen anschaute. Am liebsten ließ er sich jedoch von seinem Vater Geschichten über das Meer erzählen, wenn sie Hand in Hand an den Fleeten vorbeischlenderten und nach Unrat Ausschau hielten. Eines Tages würde Konrad seinen Sohn mit an die Küste nehmen und ihm die unendliche Weite des Meeres zeigen, von dem der Junge nicht müde wurde zu träumen.
Konrad entdeckte in dem Schlamm, der sich hinter dem Ast aufgetürmt hatte, eine glänzende, perfekt gerundete blaue Glasscherbe, die er herausfischte und in seine Tasche steckte, um sie später Nikolas zu geben. Zu dessen sechstem Geburtstag hatte er ihm eine kleine Holzkiste geschenkt, die dieser wie einen Schatz hütete. Denn ein Schatz war sie für ihn, ein Piratenschatz. Immer wieder kam es vor, dass sich zwischen gammelnden Hühnerknochen und verrottendem Holz kleine glänzende Dinge in dem mit Unflat versetzten Schlamm fanden.
Für gewöhnlich beobachtete Nikolas vom sicheren Ufer aus seinen Vater, wenn dieser mühsam im Schlick stocherte und jeden rostigen Nagel und jeden metallenen Knopf für ihn einsammelte. Sie hatten auch schon mal ein paar Hohlpfennige gefunden, die jetzt zusammen mit den Glasscherben, Nägeln und Knöpfen in der kleinen Holzkiste für den Notfall aufgehoben wurden.
Heute jedoch blieb Nikolas lange verschwunden. Konrad hatte sich schon bis zur kleinen Alster vorgearbeitet. Die Flut kam bereits langsam zurück, doch die Wasserräder im Alsterfleet, die durch den Zufluss der Alster angetrieben wurden, klapperten noch schnell und ohne Unterlass. Nur eine der Getreidemühlen stand still. Ein Ast hatte sich im Mühlrad verklemmt und nun schlug das Wasser strudelnd und schäumend gegen die hölzernen Schaufeln, ohne sie anzutreiben.
„Da bist du ja wieder“, sagte Konrad, als Nikolas an seiner Seite auftauchte. „Ich muss noch den Ast da rausziehen und dann machen wir Mittag. Die Flut kommt eh zurück.“
„Gut“, erwiderte Nikolas einsilbig.
Konrad legte Schieber und Eimer beiseite, befestigte das eine Ende des Seils an einem Uferpoller und legte sich das andere Ende in großen Schlingen um die Schulter. Dann stieg er vorsichtig die Böschung hinab und bahnte sich seinen Weg im unruhigen Wasser auf das verklemmte Mühlrad zu. Rutschige Steine auf dem Grund machten ihm zu schaffen und er war schon beinahe völlig durchnässt, als er plötzlich das Gleichgewicht verlor. Er geriet unter Wasser. Seine Gedanken kreisten, und instinktiv hielt er den Atem an. Er bemühte sich Halt zu finden, doch die Strömung zog ihn mit sich und drückte ihn mit Wucht gegen das Mühlrad, das er doch zu befreien vorgehabt hatte. Verzweifelt versuchte Konrad an die Wasseroberfläche zu gelangen, doch seine Kraft verließ ihn schneller als die Luft seine Lungen.
Erst als Konrad nach einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr auftauchte, fing Nikolas an, flehentlich um Hilfe zu schreien. Ein Gerber, der rechtzeitig aus seiner Hütte getreten war, konnte ihn gerade noch davon abhalten, ins Wasser zu springen. Schließlich rannte er auf den Mühlsteg und entdeckte seinen Vater unter Wasser. Er legte sich auf den Bauch und streckte seine Hand aus, doch konnte er nicht einmal mit den Fingerspitzen die Wasseroberfläche erreichen. Mit jedem Herzschlag in seiner kleinen Brust spürte er, dass sein Vater von ihm wich. Er war so nah und doch unerreichbar. Tränen brannten in Nikolas Augen und seine Kehle brachte keinen Ton mehr heraus. Wäre er doch bloß bei seinem Vater geblieben, sie hätten das die kleine Alster sicherlich früher erreicht, als das Wasser noch tiefer stand. Eine Traube von Schaulustigen hatte sich am Ufer zusammengefunden, doch Hilfe für den Ertrinkenden kam nicht.
Konrad verließen die Kräfte. In seinen Ohren hörte er ein Tosen, das ihn an einen mächtigen Sturm auf dem Meer erinnerte. Und dann sah er durch das Wasser hindurch das verschwommene Gesicht seines Sohnes. Die Frühlingssonne schien zwischen den Wolken herab und umflutete das Kindergesicht. Das Getöse erstarb, das Licht wurde heller und das Gesicht wandelte sich. Seine Frau lächelte ihn an und reichte ihm ihre Hand.
Es verging eine Stunde, ehe sie es schafften, den Körper des Fleetenkiekers aus dem Wasser zu ziehen. Nikolas war schreiend und weinend von einem befreundeten Händler weggeführt worden. Er hatte nicht gesehen, wie sie seinen Vater an Land holten, hatte nicht in das leblose Gesicht geschaut, verstand noch nicht, dass sein Leben von nun an nicht mehr so sein würde wie bisher.
Die Nachricht vom Tod des Fleetenkiekers hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Nikolas saß in der kleinen Gesindeküche des Händlers und löffelte eine dünne Suppe, als sich die Tür öffnete und die Kerzen aufflackerten. Herr Bartholomäus, der sich für Nikolas verantwortlich fühlte, hatte sogleich einen Boten an die St. Nikolai-Schule geschickt, und so führte der Händler einen jungen Mann in einer Kutte herein, den Nikolas noch nie zuvor gesehen hatte.
D
er Unbekannte war ein junger Kleriker namens Matthias, der Nikolas als Lektor der St. Nikolai-Schule vorgestellt wurde. Wie im Traum folgte Nikolas dem Mann durch die Straßen. Das Hämmern der Schmiede klirrte gedämpft in Nikolas Ohren, als käme der Klang durch eine Schicht Wasser. Das Feilschen der Händler klang fremdländisch und das Rauschen der Fleete war verstummt. Anstatt hinter St. Johannis bei den Gerbern vorbei zum Dreckwall zu gehen, führte Matthias ihn Richtung Hopfenmarkt, doch Nikolas war zu sehr damit beschäftigt zu überlegen, wie er seinen Vater bestatten sollte und womit er die Miete für seine Bettstätte in der kleinen Hütte aufbringen könnte. Matthias redete freundlich mit ihm, doch die Worte flogen an Nikolas vorbei. Hätte er zugehört, so hätte er erfahren, dass er durch Gottes Gnade und natürlich dank der Güte des Canonicus Scholasticus nun als Scholaris sub jugo leben und lernen würde. Er widersprach nicht, als man ihm ein Lager in einem Schlafsaal zuwies und legte sich mit tauben Gliedern nieder, ohne auch nur das karge Abendmahl und das Eintreffen der anderen Schlafsaalbewohner abzuwarten.
Stunden später erwachte Nikolas in einem ihm unbekannten Zimmer und Panik breitete sich in ihm aus. Er rief nach seinem Vater, doch die Stimmen, die ihm aus der Dunkelheit antworteten, waren ihm ebenso fremd wie die nächtlichen Schatten. Eine Kerze wurde angezündet und ein junger Mann in einer einfachen braunen Kutte kam zu ihm herüber.
„Beruhige dich, Junge. Du bist im Schlafsaal der Schule zu Nikolai. Dein Vater kann nicht kommen. Schlaf jetzt“, flüsterte er und Nikolas erkannte in ihm den Lektor von Stunden zuvor.
Ein wenig beruhigt hörte er auf zu weinen, und als der junge Ordensmann wieder gegangen war, sah sich Nikolas im Dunkeln um. Er lag nicht auf einem Strohsack auf dem Boden, sondern in einer hölzernen Schlafkiste, und außer seiner standen noch zwanzig weitere solcher Schlafstätten nebeneinander in dem Zimmer. Im Mondlicht erkannte er, dass in jeder eine Gestalt lag.
Nikolas erinnerte sich, dass ihn Matthias in die St. Nikolai-Schule gebracht hatte, an der er doch erst an diesem Morgen mit seinem Vater vorbeigekommen war. Doch er erinnerte sich auch daran, dass sein Vater in der Alster ertrunken war, und ein dumpfes Gefühl sagte ihm, dass dies jetzt sein neues Zuhause werden würde. Doch er musste erst noch seinen Vater beerdigen und seine wenigen Habseligkeiten aus der Hütte holen, besonders seine Schatzkiste. Bei diesem Gedanken schnürte sich Nikolas Brust zu. Wer würde nun mit ihm auf Schatzsuche gehen und Geschichten vom Meer erzählen? Eine ganze Weile saß er auf dem Rand seiner Bettkiste und unterdrückte seine Schluchzer. Schließlich rollte er sich zurück auf den Strohsack und schlang seine Arme um sich. Was konnte er zu dieser nachtschlafenden Zeit schon unternehmen? Man hatte seinen Vater sicherlich in einem der nahegelegenen Klöster untergebracht, bis die Beerdigung arrangiert war. Morgen früh würde er als erstes zurück zu St. Johannis gehen und dort nachfragen. Dieser Plan gab Nikolas endlich etwas Sicherheit und ohne es zu merken, schlief er wieder erschöpft ein.
Er hatte nur wenige Stunden geschlafen, als Matthias erneut erschien und ihn weckte. Ihm wurde eine braune Kutte gereicht, die er über sein Hemd zog, und zusammen mit den anderen Jungen und Männern gingen sie hinaus in die Nacht.
„Wo geh’n wa hin?“, fragte Nikolas den schlaksigen Jungen neben ihm. Doch er bekam nur ein Kopfschütteln als Antwort. „Ich heiß Nikolas, und du?“, versuchte Nikolas es erneut, doch diesmal wurde er unsanft am Ohr gepackt und beiseite gezogen. Er hatte nicht gemerkt, wie sich eine dünne Gestalt genähert hatte und nun starrte er erschrocken in ein bleiches Gesicht. Wächserne Haut spannte sich straff über den hageren Schädel, was ihn im Kerzenschein wie einen Totenkopf wirken ließ.
„Es ist den Scholaren bis nach der Frühmette nicht gestattet, zu sprechen“, zischte ihn der wandelnde Tote an, bevor er seinen Weg zur Kirche fortsetzte. Nikolas spürte, wie wütender Widerspruch in ihm aufstieg, er war kein Scholar, niemand hatte gefragt, ob er einer sein wollte. Doch ebenso schnell, wie der Zorn gekommen war, verlosch er wieder und er beeilte sich in der Dunkelheit, zur Gruppe aufzuschließen.
In der Kirche musterte Nikolas die anderen Jungen aus seinem Schlafsaal. Sie waren alle um die fünfzehn Jahre alt, hoch aufgeschossen, mit Armen, Beinen und Nasen, die noch unproportioniert schienen und einige mit fiesen Eiterpickeln im Gesicht. Weiter vorne saßen die älteren Scholares majores, die für kirchliche Aufgaben ausgebildet wurden. Viele von ihnen hatte Nikolas auf Umzügen durch die Stadt gesehen, wo sie in spaßigen Verkleidungen Aufmerksamkeit auf sich zogen, um Spenden zu sammeln und dem Volk das Wort der Bibel näherbrachten. Er hatte die Prozessionen immer gemocht und die Schüler um die anschließenden Schmausereien beneidet. Würde ihn die unendliche Schwere der Trauer und Einsamkeit nicht so stark vereinnahmen, hätte er sich darauf gefreut, dass auch er nun an den Umzügen teilnehmen würde.
Nach einer Stunde Messe mit eintönigen Psalmen war seine Trauer einer bleiernen Müdigkeit gewichen, doch Nikolas war stolz, dass er nicht eingenickt war, wie so viele der anderen Schüler.
Einige Stunden Schlaf bekamen sie, bevor sie erneut zur Messe geweckt wurden. Nikolas wollte eigentlich seinen Plan von letzter Nacht in die Tat umsetzen und nun schleunigst nach St. Johannis gehen, um nach seinem Vater zu sehen, doch diesmal wartete der bleiche Mann, der Nikolas zuvor einen Heidenschrecken eingejagt hatte, am Tor auf ihn.
„Nikolas, komm hierher“, winkte er ihn aus der Gruppe der Scholaren zu sich. Anstatt der braunen Kutte, die Nikolas und die anderen Jungen einschließlich Matthias trugen, war dieser in eine tiefschwarze Kutte mit weißem Halstuch gewandet. „Wie ich sehe, hast du dich bereits der Gruppe zum Kirchgang angeschlossen. Dies ist sehr löblich.“
„Hab ja sonst nix zu tun“, versuchte Nikolas sein Unbehagen und eigentliches Vorhaben hinter einer flapsigen Antwort zu verstecken.
Streng musterte der dünne Mann den kleinen Jungen, der allem Anschein nach keinen Respekt zeigte. „Zum Ersten wirst auch du mich mit Magister Deubel anreden, wenn du das Wort an mich richtest, denn ich bin hier der Canonicus Scholasticus und nur aus Nachsicht und Güte habe ich dich hier in meiner Schule aufgenommen. Des Weiteren ist der Messgang von höchster Vordringlichkeit für die Scholares sub jugo, falls es doch einmal vorkommen sollte, dass du etwas anderes zu tun hast.“
„Ich denk, da ich deinen Namen jetzt ja kenne, is es wohl nur richtig, dich auch damit anzureden. Und der Messgang is so früh, da hab ich sonst auch nix zu tun“, überlegte Nikolas laut und fügte schnell noch ein „Magister Deubel“ hinzu.
„Deine Sprache, hilf Himmel, da werde ich noch einiges mit dir zu tun haben“, fuhr der Canonicus Scholasticus verdrossen fort. Missmutig schaute er von oben herab auf die bloßen Füße des Jungen. „Es hätte so vieles in den richtigen Bahnen verlaufen können, hätte dein Vater nicht darauf bestanden, dich selbst zu erziehen. Selbst wenn deine Mutter noch leben würde, könnte man nicht viel mehr erwarten als einen verzogenen Straßenjungen. Was sollte einem rheumatischen Fischer und einem Bauerntrampel auch sonst entspringen?“
„Meine Mudder war kein Bauerntrampel!“, schrie Nikolas und trommelte mit seinen kleinen Fäusten gegen die weite Kutte, die den mageren Körper des Magisters umhüllte, sodass er vor den Hieben kaum etwas spürte.
Es fühlte sich gut an, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, doch schon packte Magister Deubel den jähzornigen Jungen mit festem Griff an den Handgelenken und zerrte ihn zum Schulgebäude, wo er ihn in eine kleine Kammer sperrte.
„Andere Jungen in deinem Alter haben bereits ein Jahr bei einem Meister gelernt oder sind in eine Schule geschickt worden. Ich kann nur hoffen, dass sich schnell ein Kloster meldet und dich aufnimmt, denn hier sehe ich keine Zukunft für dich“, donnerte er, bevor er die Tür von außen verriegelte.
„Lass mich raus! Ich muss zu Sankt Johannis, meinen Vater beerdigen!“ schrie Nikolas, doch niemand antwortete ihm.
Er verbrachte Stunden ohne Wasser und Brot in der Kammer. Wenn er sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte er durch ein kleines Fenster auf einen Hof schauen, an dessen gegenüberliegenden Seite ein knorriger Birnbaum stand. Es fing schon an zu dämmern, als Matthias die Tür endlich wieder öffnete. Nikolas meinte, der Tag müsse nun so gut wie vorüber sein und wenn er sich beeilte, dann könnte er noch vor Sonnenuntergang beim Kloster vorsprechen, doch dem war nicht so.
Der Lektor führte ihn einen dunklen Korridor entlang, der nur an dessen Ende von einer heruntergebrannten Kerze erleuchtet wurde. Zu beiden Seiten gingen Türen ab. Matthias öffnete die letzte Tür und helles Licht von etlichen Öllampen blendete Nikolas. In dem Zimmer saßen die Jungen aus seinem Schlafsaal, die, wie er, als Scholares sub jugo galten, sowie ein paar der älteren Zöglinge. Zu seiner Bestürzung saß am Pult vor der Klasse Magister Deubel mit unbewegter Miene, denn er war der oberste Lehrende an der Schule.
„Wie ich sehe, hast du dich wieder beruhigt.“ Nikolas wurde von dem jungen Geistlichen weiter in die Klasse geschoben, bevor dieser die Tür hinter ihm wieder schloss. Nikolas schwieg verbissen. Am liebsten wäre er einfach davongelaufen, doch so starrte er nur auf die Steinfliesen vor sich.
„Solange es keinen Platz in einem Kloster für dich gibt, wirst du am Unterricht teilnehmen. Ich gehe davon aus, dass du weder lesen noch schreiben kannst, daher werden wir mit Grundübungen beginnen.“ Der Canonicus Scholasticus nahm eine Schiefertafel und begann damit, Zeichen darauf zu malen. „Dieses ist der Buchstabe A und der erste Buchstabe des lateinischen Alphabets. Im Griechischen ist der erste Buchstabe Alpha, was auch Anfang bedeutet. Der zweite Buchstabe ist das B.“ So ging der Schulmeister das gesamte lateinische und das griechische Alphabet durch, bis er wieder von vorne anfing und diesmal Nikolas aufforderte, ihm den Namen des Buchstabens zu sagen, den er soeben auf den Schiefer geschrieben hatte. Immer noch schwieg Nikolas beharrlich. Auch den zweiten und dritten Buchstaben weigerte er sich zu nennen, obwohl er sich an die Namen erinnerte. Heimliches Kichern durchbrach die Stille, während der Canonicus Scholasticus auf eine Antwort wartete. Er drehte sich um und stieß wie ein Habicht gezielt auf den Störenfried zu.
„Warum kicherst du?“, fuhr er den erschrockenen Scholaren an. Als dieser nicht antwortete, riss er das Pergament vom Pult, an dem der Schüler gerade eine Abschrift von der Offenbarung des Johannes anfertigte. „Die Buchstaben sind ja alle unterschiedlich groß“, empörte sich der Magister. „Die linke Hand auf den Tisch!“
Fünf Rohrstockschläge musste der Junge über sich ergehen lassen, während ihm die anderen mit gesenkten Köpfen nur versteckte Blicke zuwarfen. Danach bedeutete Magister Deubel Nikolas, an dem freien Pult neben dem Störenfried Platz zu nehmen.
„Wenn du deine Lektüren zufriedenstellend ausführst, dann darfst du morgen unter Aufsicht zum Grab deines Vaters gehen“, sagte der Magister nach einem eindringlichen Blick auf seinen neuesten Schüler.
Misstrauisch schaute Nikolas von seinem Pult auf. Magister Deubel gab ihm Feder, Tinte und Pergament und hieß ihn für den Rest des Tages die lateinischen und griechischen Buchstaben von einer Vorlage abzuschreiben, was Nikolas fiebrig, doch gewissenhaft erledigte.
Am nächsten Morgen nach der Frühmette begleitete ihn Matthias tatsächlich zum Friedhof, doch die Totengräber waren bereits dabei das Grab wieder zu zuschütten. Man hatte seinen Vater in einem unmarkierten Armengrab im Schatten des Teufelsturm bestattet. Stumm trat er auf einen der Totengräber zu und nach kurzem Zögern übergab dieser ihm seine Schaufel. Auch Matthias ließ ihn gewähren und so gab er seinem Vater das letzte Geleit, bis der Erdhaufen wieder seinen ursprünglichen Platz über dem Toten eingenommen hatte.
Auf dem Rückweg fühlte sich Nikolas ernüchtert und alt. Was würde er nun für den Rest seines Lebens machen? Diese Frage wurde ihm schnell beantwortet, als ihm sogleich geheißen wurde seine Lektüren bei Magister Deubel wieder aufzunehmen. So vergingen die ersten Wochen in Nikolas’ neuem Leben und weil er sich oft weigerte, zu antworten, besonders dann, wenn er das Gefühl hatte, ungerecht behandelt zu werden, so blieb auch ihm der Rohrstock nicht erspart. Lob bekam er vom Magister Deubel nicht, obwohl er schon bald die Kunst des Lesens und Schreibens erlernt hatte und mit Leichtigkeit und Schwung die Buchstaben aufs Papier brachte, sodass es eine Freude war, die alten Texte erneut durch seine Feder zu lesen. Dadurch wurde Nikolas schnell in weitere Klassen geschickt, in denen er nun auch Altgriechisch lernte und in die Grundlagen der Philosophie und Theologie eingeführt wurde. Diese wurden von Doktor Schlegel unterrichtet.
Doktor Schlegel hatte bereits in Tours und Toulouse gelehrt. Nikolas mochte ihn am meisten, denn obwohl Schlegel ebenfalls hauptsächlich die Scholares majores unterwies, so waren seine Lektionen in Astrologie und Geografie am faszinierendsten für den Jungen.
Die beiden Magister wurden von dem Lektor Matthias unterstützt, der erst vor Kurzem sein Lizenziat abgelegt hatte, was ihn dazu befähigte, sich seinerseits auf den Abschluss als Magister vorzubereiten.
Der Schulalltag und der strenge Tagesablauf mit regelmäßigen Kirchgängen ließen Nikolas kaum Zeit seinen Gedanken und seiner Trauer nachzuhängen. Man hatte ihn außerdem in den Kirchenchor geschickt, wo er nun jeden Sonntag und an hohen Feiertagen im Mariendom singen musste.
Nach ein paar Monaten hatte sich Nikolas schließlich an das Leben als Scholar gewöhnt und sich dem ungewohnten Rhythmus und den gestellten Aufgaben angepasst. Eine Nachricht, dass man ihn in einem Kloster aufnehmen würde, traf nie ein. Er fühlte sich weniger müde und hatte auch mit den anderen Scholaren Freundschaft geschlossen. Wenn ihn eine Aufgabe langweilte oder er sie mal wieder schneller als die anderen Schüler erledigt hatte, dann verlor er sich in seinen Träumen. Es hatte mehrere Monate gedauert, bis er sich selbst erlaubt hatte wieder seinen fantastischen Ideen nachzuhängen. Immer noch war seine liebste Vorstellung, zur See zu fahren und in jedem Hafen mit Jubel empfangen zu werden. Doch sein Vater würde nicht mehr da sein und ihn voller Stolz in seine Arme schließen.
Der Sommer wurde heiß, und die jüngeren Scholaren schlichen sich öfter an den Nachmittagen hinaus und lieferten sich Wasserschlachten mit den anderen Kindern aus der Stadt. Wurden sie dabei erwischt oder kamen sie gar zu spät zum nächsten Unterricht oder zur Messe, schickte man sie hungrig zu Bett und ließ sie in ihren freien Stunden Psalmen kopieren. Die schlimmste Bestrafung jedoch war, in Einzelarrest gesteckt zu werden und ohne Kontakt ihre Aufgaben abarbeiten zu müssen. Doch auch diese Tage gingen vorüber, und besonders Nikolas hielten auch die gemeinsten Maßregelungen nicht mehr davon ab, wann immer möglich durch die Stadt zu streifen, wie er es früher getan hatte.
Wenn er zur Strafe oder zum stillen Kontemplieren in den Hof geschickt wurde, dann kletterte er in den Birnbaum. Von dort aus konnte er die Masten der Schiffe an ihren Ankerplätzen sehen, im Herbst saftige Birnen naschen und dann mit einem Satz über die Mauer springen. Meist lief er hinunter zum Hafen und sah den Schiffen zu, wie sie langsam mit dem Strom der Elbe davonglitten, irgendwohin, wo es wunderbare Abenteuer zu erleben gab.
So gingen die Jahre dahin. Nikolas gehörte nun zu den besten in seiner Klasse, übertraf sogar die älteren Scholaren an Wissen und sprach fließend Latein und Griechisch. Doch noch immer geriet er regelmäßig in Konflikt mit Magister Deubel und hatte sogar schon die eine oder andere Nacht unter freiem Himmel verbracht. Doch bisher war er immer wieder zurückgekommen. Nur Doktor Schlegel hatte das Interesse und die Anlagen des Jungen richtig erkannt und fachte dessen Wissensdrang immer mehr an, indem er ihm neue Lektüren zum Lesen gab. Obwohl von Magister Deubel nicht gestattet, steckte er Nikolas ab und zu das ein oder andere Buch aus seiner privaten Sammlung zu. Begeistert verschlang Nikolas die Werke von Aristoteles und Eratosthenes bis hin zu Ptolemäus und verbrachte ganze Sommer damit, am Ufer der Elbe entlangzustreifen und die Beobachtungen der alten Griechen nachzuvollziehen. Doch je mehr er lernte, desto größer wurde auch seine Sehnsucht danach, selbst in die Welt hinauszugehen, den Zwängen und Pflichten der Schule zu entfliehen. Wehmütig blickte er den Koggen nach, die sich auf die Reise nach Brügge, London oder Reval machten und noch immer träumte er von dem freien Leben eines Piraten.
Eines Winters, Nikolas war nun schon fast sechs Jahre an der St. Nikolai-Schule, tagten die Hansestädte, um dem Treiben der Piraten auch auf der Westsee Einhalt zu gebieten. Herrn Bartholomäus hätte dies sicher gefreut, doch der alte Händler war bereits zwei Jahre zuvor verstorben, und sein Sohn, heimgekehrt aus Brügge, hatte das Kontor übernommen. Wenige Monate später beobachtete Nikolas, wie im Hamburger Hafen die größte Flotte, die er bisher gesehen hatte, auslief, um vier Wochen danach, unterstützt von der Lübeckischen und Bremischen Kriegsflotte, in der Westerems den ersten Kampf gegen Störtebekers Vitalienbrüder aufzunehmen.
Nikolas hörte später, das Geschehen habe nur eine Stunde gedauert, zwei Schiffe seien erobert und von rund zweihundert Piraten seien achtzig getötet worden. Nur eine kleine Schar habe gefangen genommen werden können, der Rest hätte sich an die Küste gerettet.
Nicht nur Nikolas, sondern auch alle anderen Bewohner der Stadt, die Störtebeker wohlgesinnt waren, bangten um das Heil ihres Volkshelden. Die wenigen Nachrichten, die durchsickerten, waren so widersprüchlich, dass nur mit Sicherheit gesagt werden konnte, dass er nicht zu den Gefangengenommenen gehörte. Die kommenden Wochen und Monate lauschte Nikolas auf jedes kleinste Gerücht, das ihm Anlass zum Hoffen gab. Er stellte sich vor, wie er den verkleideten Störtebeker in der Stadt treffen und als Einziger erkennen würde. Er würde ihn verstecken, bis er eine neue Mannschaft aufgetrieben hatte und dann würde er mit ihm in See stechen und endlich frei sein.
Doch obwohl er viele Male vermummten Gestalten nachgeschlichen war, musste er jedes Mal enttäuscht feststellen, dass es meist nur Tagelöhner waren, die unerkannt von ihren Frauen das nächste Brauhaus aufsuchen wollten.
Einmal musste er dafür sogar Prügel von einem Mädchen einstecken. Er war wieder einmal einem Mann bis vor eine kleine versteckte Schenke gefolgt und hatte sich zwischen Bierfässern und Körben voller Äpfel geduckt, als ihn plötzlich ein Tritt traf, begleitet von Geschrei: „Ein Dieb!“ Er sprang auf und sah sich einem Mädchen gegenüber, die zu einem rechten Haken ausholte, dem er gerade noch ausweichen konnte. Doch beim Weglaufen traf ihn ein Apfel so hart am Kopf, dass er vornüber gegen die nächste Hauswand krachte und benommen auf den Boden sackte.
Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, die er dalag und in den Himmel starrte, bis ein großer breitschultriger Mann sich über ihn beugte.
„Was hast du denn nun schon wieder gemacht, Mathi? Musstest du ihn denn gleich niederstrecken?“
„Er wollte unser Obst klauen, da hab ich ihm nur gegeben, was er wollte. Ich konnte ja nicht wissen, dass es ihn von einem gammligen Apfel gleich hinhaut.“
„Geht es dir gut, min Jung“, fragte der Mann. Nikolas rappelte sich hoch und schaute in das freundliche Gesicht des Mannes und dann in das kampflustige des Mädchens, das einen weiteren Apfel in der Hand jonglierte.
Er wollte auf keinen Fall erklären müssen, was er hinter den Kisten zu suchen hatte. So nahm er die Beine in die Hand, zog den Kopf zwischen die Schultern und rannte, so schnell er konnte, davon.
Nach diesem Zwischenfall schlich er niemandem mehr in irgendwelche Gassen nach, sondern beschränkte sich darauf, den Tratschereien auf den Märkten und den Unterhaltungen im Hafen zuzuhören.
T
rotz des Sieges der Hanse und eines Friedensabkommens mit den ostfriesischen Stammesfürsten gingen die Kaperfahrten der Vitalienbrüder weiter. Einer von ihnen war Klaus Störtebeker, der, ausgestattet mit einem Kaperbrief des Grafen Albrecht von Holland, seine Beutezüge in der Westsee wieder aufnahm.
Erleichtert über das Wohlergehen seines Helden und die Freude über neue Abenteuer verbrachte Nikolas mehr Zeit den je am Hafen mit seinen Träumereien und vernachlässigte darüber immer häufiger seine Lektüren.
Auch der Hansebund hatte erfahren, dass sich Störtebeker und Konsorten wieder auf See befanden. So sandten sie ein Jahr nach der ersten Schlacht erneut eine schlagkräftige Flotte aus, um die Seeräuberbanden ein für alle Mal zu zerschlagen. Der Kampf dauerte diesmal einen ganzen Tag und viele Männer auf beiden Seiten fanden den Tod. Doch dreiundsiebzig Vitalienbrüder mitsamt ihrem Anführer wurden in Gewahrsam genommen. Die Anhänger Klaus Störtebekers munkelten, dass man ihn nur deshalb lebendig gefangen hatte, weil ihm ein Fischernetz übergeworfen worden war und er sich deshalb nicht mehr bis zum Letzten hatte verteidigen können. Ansonsten hätte er selbstverständlich den ehrenvollen Piratentod im Gefecht gewählt.
Die Gefangenen wurden in die Kellerverliese des Hamburger Rathauses gesperrt. Nikolas ging jeden Tag dort vorbei und hoffte, einen Blick auf die ersten echten Piraten in seinem Leben werfen zu können. In seiner Fantasie sah er sich nachts den Schlüssel für die Zellen, den er vorher den Wachen gestohlen hatte, durch ein Fenstergitter reichen und an der Seite von Störtebeker das größte Schiff im Hafen kapern.
Doch die Wachen passten so gut auf, dass er noch nicht einmal das Gitter des Fensters sah, hinter dem sich die Delinquenten befanden.
Der Richterspruch überraschte niemanden, und doch war ein Raunen der Empörung in den Straßen und Gassen Hamburgs zu hören. Schuldig in allen Anklagepunkten lautete das Urteil, und die Bestrafung konnte deshalb nur sein: Tod durch Enthauptung. Der 20. Oktober 1401 sollte nicht nur Störtebekers irdischem Dasein ein Ende setzen, sondern auch Nikolas’ Leben in eine vollkommen andere Richtung lenken, als sie Magister Deubel für ihn vorgesehen hatte.
Es war ein grauer, verhangener Morgen, doch eine Unruhe lag versteckt unter den Nebelschwaden, wie sie die Stadt wohl noch nie erfüllt hatte. Nikolas saß angespannt an einem Tisch und bekam einen Brief von Magister Deubel diktiert, in dem darum gebeten wurde, einen der Scholaren an der Domschule zu Köln aufzunehmen. Er schaute oft aus dem Fenster und hörte das Schlurfen und Trappeln hunderter Füße unten auf der Straße, die alle nur einem Ziel entgegenstrebten - der kleinen Elbwiese und dem Grasbrook, der zum Schauplatz der Hinrichtung bestimmt worden war. Schließlich wurde es still in den Gassen, und nur ab und zu hörte Nikolas die schnellen Schritte eines Nachzüglers. Er wurde immer nervöser. Es konnte, es durfte einfach nicht sein, dass der Mann, der ihn die letzten Jahre so viel beschäftigt hatte und seinem Leben einen Sinn außerhalb der Schulmauern gegeben hatte, heute seinen Kopf verlieren sollte.
Der Brief war fertig und beinahe hätte Nikolas mit „Klaus Störtebeker“ unterschrieben. Nun sollte Nikolas eigentlich in den Unterricht zu Doktor Schlegel gehen, doch selbst die Vorlesung über Astrologie hielt ihn heute nicht auf der Schulbank. Er schlich sich die Treppe hinunter und öffnete vorsichtig das Tor zum Hof, um das Quietschen der Türangeln zu vermeiden. Dann huschte er zum Birnbaum, der nun voller goldener Früchte hing, doch selbst diese interessierten ihn heute nicht. Leise wie eine Katze sprang er hinunter in die kleine Gasse hinter der Schulmauer und äugte vorsichtig um die Ecke zum Hopfenmarkt, doch es war niemand da. Im Schatten der Nikolaikirche rannte er flink über den Platz und nahm die nächste Brücke am Neuen Krahn hinüber zum Schaltor und hinaus aus der Stadt.
Die Stadt lag wie ausgestorben da, doch auf dem Grasbrook, da drängelten sie sich. Mühsam schob sich Nikolas durch die Menge, bis er nicht mehr weiterkam. Wenn er sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte er den Scharfrichter und den Abdecker sehen. Einen Tag zuvor war ein großes Viereck eingezäunt worden, das als Richtstätte dienen sollte und von niemandem betreten werden durfte. Am anderen Ende konnte Nikolas die Verurteilten erkennen, doch welcher von ihnen Störtebeker war, wusste er nicht zu sagen. Die Anklage und der Richterspruch waren schon verlesen und dem Anführer zwei Wünsche gewährt worden. Der erste war bereits erfüllt und deshalb standen die Verurteilten in ihren schönsten Gewändern, wie sie sonst nur die hohen Herren der Stadt trugen, vor dem Richtblock. Die Nennung des zweiten Wunsches ließ die Luft vor Spannung und Wispern vibrieren. Klaus Störtebeker war zugebilligt worden, dass all jene seiner Waffenbrüder begnadigt werden sollten, an denen er nach seiner Enthauptung noch vorbeischreiten konnte.
Für einen kurzen Augenblick konnte Nikolas zum ersten und letzten Mal in seinem Leben einen Blick auf den größten Piraten, den er kannte, werfen. Störtebeker war ein großer rothaariger Mann, dessen Nase scheinbar mehrfach gebrochen war, was ihn umso verwegener aussehen ließ. Er wurde aus der Reihe seiner Kumpane zum Richtplatz geführt, und als er sich schließlich hinkniete, um sich seinem Schicksal zu ergeben, da war er auch schon wieder aus Nikolas’ Blickfeld verschwunden. Der Scharfrichter holte mit seinem Schwert aus und ein Schauer und ein Kreischen liefen durch die Reihen der Zuschauer, als der dumpfe Klang von Metall auf Holz zu hören war. Eine gespannte Stille folgte, in der die versammelte Menge darauf wartete, dass der Geköpfte sich erhebe und seinen nun wirklich allerletzten Gang antreten würde.
Die Wolkendecke riss auf und die Sonne blendete Nikolas, ein großer Mann schob sich in sein Blickfeld, und gerade als er sich weiter nach vorne drängeln wollte, wurde er am Ohr gepackt und aus der Menschenschar gezogen. Er erhaschte noch einen letzten Blick auf einen fein angezogenen Mann, der sich langsam in dem Viereck der Richtstätte bewegte, doch er konnte nicht sehen, ob der Mann seinen Kopf noch hatte oder nicht.
„Habe ich es mir doch gedacht, dass ich dich hier finde“, schrie ihn Magister Deubel außer sich vor Wut an, als er ihn durch die Straßen zurück zur Schule schleifte. „Aber dir werde ich schon die Piratengeschichten austreiben. Ein für alle Mal. Du wirst nie wieder zum Hafen gehen und stundenlang Schiffe anglotzen. Dafür habe ich mich nicht jahrelang mit dir herumgeplagt. Wenn die Antwort aus Köln eintrifft, wirst du dich unverzüglich auf den Weg machen!“
„Aber es war Klaus Störtebeker …“ Nikolas konnte den Satz nicht zu Ende sprechen, denn in dem Moment traf ihn eine schallende Ohrfeige. Gleich darauf wurde er übers Knie gelegt und erhielt eine Tracht Prügel, wie er sie noch nie bekommen hatte.
Das Sitzen war eine Qual, als er den Rest des Abends mit schmerzendem Hintern und blauen Flecken vor einem Stapel Bücher hockte. Magister Deubel saß ihm gegenüber und starrte ihn mit finsterem Blick an.
Die Zeilen, die er las und kopierte, drangen nicht bis in sein Gehirn vor, denn dort herrschte ein Durcheinander an Gedanken, das alles andere verdrängte. War Klaus Störtebeker aufgestanden und an seinen Kumpanen vorbeigegangen? Waren sie freigekommen? Würde es je wieder Piraten geben, die ihre Beute mit den Armen teilten und Abenteuer erlebten? Schließlich kam ihm der Brief an die Domschule in Köln wieder in den Sinn und erst da wurde ihm bewusst, dass er der Scholar war, der dorthin geschickt werden sollte. Obwohl die Domschule eine der bedeutendsten der Welt war und alle Schüler sich darum rissen, dort aufgenommen zu werden, stieg in Nikolas nur verzweifelte Abneigung auf. Er würde auf gar keinen Fall nach Köln gehen und den Rest seines Lebens mit Büchern verbringen. Er wollte raus, raus aufs Meer und hinaus in die Welt. Er wollte die Abenteuer erleben, von denen er bislang nur geträumt hatte. Er würde das Leben des Störtebeker fortführen und der größte Pirat auf Erden werden. Er würde weglaufen und auf einem Schiff anheuern.
„Für heute ist es genug.“ Die Stimme des Magisters riss ihn aus seinen Gedanken. „Wenn alles gut geht, wirst du in zwei Wochen nach Köln abreisen.“
Nikolas blieb kurz wie angewurzelt stehen, bevor er sich zum Gehen wandte. Da war es wieder, dieses Gefühl des Widerwillens, und er fasste den Entschluss, dass er sich heute Nacht noch, wenn alle schliefen, aufmachen würde, um Abenteuer zu suchen.
Nikolas musste nicht allzu lange warten, bis die gleichmäßigen Atemzüge seiner Mitschüler im Schlafsaal ihm verrieten, dass nun der Augenblick gekommen war, von dem er seit Jahren geträumt hatte und der ihm plötzlich so viel Angst einjagte. Doch bei dem Gedanken an ein Leben hinter Kirchenmauern erhob sich sein Körper beinahe von allein. Barfuß und fröstelnd stand er im Schlafsaal und überlegte, was er mitnehmen könnte. Doch da war nichts, was ihm gehörte oder ihm auch nur ansatzweise nützen könnte. Seine Piratenkiste, die er zusammen mit seinem Vater gefüllt hatte, hatte er nie wiedergesehen. Sie war wahrscheinlich von Lotte Lüders zu all dem anderen Unrat über den Dreckwall geworfen worden. Wenn sie klug gewesen war und hineingeschaut hatte, wären ihr vielleicht nicht die Hohlpfennige entgangen, von denen sie sich einen halben Laib Brot hätte kaufen können. So zog sich Nikolas nur seine braune Kutte über, schnürte seine Schuhe und versuchte, an nichts mehr zu denken, während er ein letztes Mal in den Birnbaum kletterte und in dem Nebel, der sich wieder über die Stadt gelegt hatte, verschwand.
Seine Füße trugen ihn zielstrebig zum Hafen. Erst als er das Schlagen des Wassers gegen die Kaimauer hören konnte, kam ihm der Gedanke, dass womöglich niemand am Hafen zu dieser nachtschlafenden Zeit wach war und auslaufen würde. Er musste sich für die nächsten Stunden irgendwo verstecken, um nicht von den Stadtbütteln aufgegriffen zu werden.
Während er vor sich hingrübelte, bog er um eine Ecke und sah den Schein von Laternen durch den Nebel tanzen. Er duckte sich hinter einen Holzstapel und schlich vorsichtig näher. Schließlich konnte er Männer erkennen, die eine kleine Schute beluden. So wie die Kerle sich umsahen und leise flüsternd miteinander sprachen, konnte das, was Nikolas da sah, kein offizielles Beladen eines Schiffes sein. Er schlich noch weiter heran, um zwei Männer belauschen zu können, die untätig an einer Hauswand lehnten.
„Ich glaube ja nicht, dass unser Kapitän wirklich Ahnung von der Seefahrt hat, auch wenn sein Vater einer der wichtigsten Händler der Stadt war. Meiner Meinung nach ist er nur ein großer Schwätzer“, sagte der eine, der Nikolas am nächsten war.
„Ihm gehört das Schiff. Also lassen wir ihn Kapitän sein“, antwortete der andere.
„Für jetzt. Die Zeit wird schon zeigen, was wir von ihm zu halten haben. Und dann wissen wir, was zu tun ist.“
Plötzlich trat ein dritter Mann mit einem Pergament in der Hand hinzu und ging so dicht an Nikolas vorbei, dass er dessen Stiefel hätte berühren können.
„Ist das alles aus dem Lager, Derek?“
„Jawohl, Kapitän“, erwiderte der erste Mann.
„Gut, gut, dann macht, dass ihr an Bord kommt und lasst uns den Pfeffersäcken zeigen, dass sie Störtebeker zwar den Kopf vom Rumpfe trennen können, aber sein Geist in uns weiterlebt.“
Die beiden Kerle drehten sich um und verschwanden auf der Schute.
Nikolas konnte sein Glück kaum fassen, und ohne weiter nachzudenken, gab er sein Versteck auf und ging auf den Kapitän zu, der immer noch am Ufer stand und sein Pergament studierte. Der Kapitän sah auf, als er die Schritte hörte.
„Wer da?“, fragte er in den Nebel und hielt seine Laterne höher.
„Hier bin ich“, antwortete Nikolas, als er merkte, dass der Kapitän in eine völlig falsche Richtung blickte.
„Oh. Was? Du bist ja nur ein kleines Bürschlein. Was machst du zu dieser Stunde hier draußen?“
„Ich bin auf der Suche nach dem, was ihr vorhabt.“
„So! Und was haben wir vor und was hast du damit zu tun, du kleiner Naseweis?“
„Ihr wollt das Erbe des Störtebeker antreten und dieses Schiff kapern.“ Nikolas deutete auf das einzige Schiff im Hafen, auf dem ein kleines Licht brannte.
„Zunächst mal ist das mein Schiff, also kann von Kapern gar keine Rede sein, und das andere ist eine bloße Verleumdung, dafür sollte ich dir eine Tracht Prügel verpassen.“ Diese Worte reizten Nikolas und er machte noch ein paar Schritte auf den Mann zu, sodass er in den Laternenschein trat und seine blauen Flecken auf den Wangenknochen sichtbar wurden.
„Die Tracht Prügel habe ich schon bekommen und Ihr verleugnet Euch selbst. Ich habe Euer Gespräch gehört und möchte bei Euch anheuern.“
„Du bei mir anheuern? Und aus welchem Grund sollte ich dich nehmen?“
„Ich kann lesen und schreiben, und ich beherrsche Latein und Griechisch“, antwortete Nikolas.
„Und was soll mir das bringen, wenn wir, wie du sagst, auf Kaperfahrt gehen?“
Darauf wusste Nikolas keine Antwort. Er hatte noch nie einen Fuß auf ein Schiff gesetzt oder körperliche Arbeit verrichtet, sondern ausschließlich theoretisches Wissen angesammelt. Doch aufgeben und zurück in den verhassten Schlafsaal zu trotten war auch keine Option.
„Selbst wenn das Schiff Euch gehört, so wird sich das Gericht sicherlich dafür interessieren, was Ihr damit vorhabt, dass es um Mitternacht beladen werden muss. Ein Stadtbüttel wird sich schnell finden lassen, auch um Mitternacht.“ Damit drehte sich Nikolas um und holte tief Luft, als ob er gleich laut um Hilfe schreien wollte.
„Also gut, also gut, einen Schiffsjungen kann ich noch gebrauchen. Mach, dass du an Bord kommst, wir legen jetzt ab“, unterbrach der Kapitän Nikolas’ Vorhaben.
Mit klopfendem Herzen bestieg Nikolas die voll beladene und schwankende Schute, die sie zu der Kogge auf dem Fluss bringen sollte. Die beiden Männer, die er belauscht hatte, schauten ihn misstrauisch unter ihren Kapuzen hervor an, doch niemand sagte etwas zu ihm.
Erst als sie an Bord kletterten, machte der Kapitän bekannt, dass er der neue Schiffsjunge sei. „Alles klar zum Auslaufen. Im Morgengrauen wollen wir die Elbmündung erreicht haben.“
Ungeordnet machte sich das halbe Dutzend Männer auf Befehl ihres Kapitäns an die Arbeit. Bei ihrem Auslaufmanöver hätten sie beinahe ein weiteres Schiff gerammt, das ruhig und zuvor zwei Schiffslängen entfernt dagelegen hatte. Das wäre ein Tohuwabohu geworden und hätte nicht nur die Stadtbüttel, sondern sicherlich auch halb Hamburg auf den Plan gerufen. Doch so starrte Nikolas mit weit aufgerissenen Augen nur das Ungetüm von Schiff an, das beim Näherkommen immer größer zu werden schien, und versuchte schließlich mit bloßen Händen, die Kollision zu verhindern. Doch weder brechendes Holz noch das geringste Knirschen war zu hören. Endlich lenkte der Steuermann sie langsam in die Mitte des Flusses und ließ sie ohne Segel mit der Strömung davontreiben.
Nikolas stellte sich hinten ans Heck und beobachtete die dunklen, in Nebel gehüllten Umrisse der Häuser, wie sie langsam und still vorbeizogen, bis sie wie eine schwache Erinnerung in der Nacht verschwanden.
In der Dunkelheit waren nur das sanfte Rauschen des Windes und das leise Schlagen der Wellen gegen die Schiffswand zu hören.
Eigentlich hatte Nikolas wach bleiben wollen, doch die Müdigkeit übermannte ihn schließlich. Steif und frierend wachte er zusammengekauert auf dem Achterkastell der Kogge auf. Die Sonne hatte sich einen Weg durch die Wolken gebahnt und spiegelte sich im Wasser. Weit hinten konnte er die Küste sehen, und kleinere Sandbänke ragten hier und da aus dem flacheren Wasser. Doch vor ihnen erstreckte sich nichts als die spiegelnde Oberfläche der sich leicht kräuselnden See. Sein Herz hüpfte vor Freude und in seinem Bauch kribbelte es vor Aufregung. Endlich war er an dem Ort, von dem er immer geträumt hatte.
