Das Erbe von Juniper House - Sophia Herzinger - E-Book
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Das Erbe von Juniper House E-Book

Sophia Herzinger

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Beschreibung

Zwischen zwei Kriegen, zwischen zwei Ländern und zwischen Liebe und Pflicht England in den 1920er Jahren: Emma lebt auf Juniper House bei Tante und Onkel, einem reichen Fabrikanten. Obwohl sie aus ärmlichen Verhältnissen stammt, ist sie clever und arbeitet als Buchhalterin. Und dennoch scheint es kaum eine Perspektive für die junge Frau zu geben. Als sie den jungen Lord Hessby das erste Mal sieht, ist es um sie geschehen. Doch Emma ist nicht standesgemäß und die Liebe der beiden muss ein Geheimnis bleiben... Hamburg 2004: Sara hatte stets nur sporadisch Kontakt zu ihrer Großmutter Emma. Daher besucht sie Emma eigentlich nur aus Pflichtgefühl. Und weil sie plötzlich nicht mehr weiß, ob ihr Plan vom Leben und ihr Freund der Richtige sind. Doch obwohl Emma unwirsch ist, merkt Sara bald, dass kaum jemand sie besser verstehen kann als die fast Hundertjährige. Denn mit ihr taucht Sara in die Geschichte ihrer eigenen Familie ein. Geheimnisse, die seit Jahrzehnte schlummerten, kommen plötzlich ans Tageslicht und verändern Saras Leben für immer.

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Seitenzahl: 444

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Die Autorin

Sophia Herzinger wohnt in der Nähe von Hamburg, wenn sie nicht gerade im Großbritannien der 1920er Jahre unterwegs ist. Sie würde gerne den Charlston tanzen können, ist aber leider viel zu ungeschickt darin. Im Herzen ist sie dennoch ein echtes Flapper Girl. Vor ein paar Jahren hat sie das Schreiben zu ihrem Hauptberuf gemacht.

Das Buch

England in den 1920er Jahren: Emma lebt auf Juniper House bei Tante und Onkel, einem reichen Fabrikanten. Obwohl sie aus ärmlichen Verhältnissen stammt, ist sie clever und arbeitet als Buchhalterin. Und dennoch scheint es kaum eine Perspektive für die junge Frau zu geben. Als sie den jungen Lord Hessby das erste Mal sieht, ist es um sie geschehen. Doch Emma ist nicht standesgemäß und die Liebe der beiden muss ein Geheimnis bleiben...

Hamburg 2004: Sara hatte stets nur sporadisch Kontakt zu ihrer Großmutter Emma. Daher besucht sie Emma eigentlich nur aus Pflichtgefühl. Und weil sie plötzlich nicht mehr weiß, ob ihr Plan vom Leben und ihr Freund der Richtige sind. Doch obwohl Emma unwirsch ist, merkt Sara bald, dass kaum jemand sie besser verstehen kann als die fast Hundertjährige. Denn mit ihr taucht Sara in die Geschichte ihrer eigenen Familie ein. Geheimnisse, die seit Jahrzehnte schlummerten, kommen plötzlich ans Tageslicht und verändern Saras Leben für immer.

Sophia Herzinger

Forever by Ullsteinforever.ullstein.de

Originalausgabe bei ForeverForever ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinJuli 2018 (1)

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018Umschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®Autorenfoto: © privatE-Book powered by pepyrus.com

ISBN 978-3-95818-302-5

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Inhalt

Titelei

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

TEIL 1

1

Juni 1915, Oxfordshire

2

Mai 2004, Hamburg

3

Mai 2004, Hamburg

Mai 2004, Kiel

4

Juni 1915, Oxfordshire

5

6

Mai 2004, Kiel

7

Juni 1915, Yorkshire

8

Mai 2004, Hamburg

9

Weihnachten 1915, Oxfordshire

10

April 1916, Yorkshire

11

Juni 1917, Yorkshire

12

Mai 2004, Kiel

13

TEIL 2

14

Juni 2004, Hamburg

15

April 1921, Yorkshire

16

Mai 1923, Yorkshire

17

18

19

Juni 2004, Devil`s Dyke, Brighton

20

Juli 1925

21

Juni 1927, Upper Fenley, Oxfordshire

22

August 2004

23

24

25

15. August 2004, Kiel

26

27

Januar 1931, London

28

29

30

September 2004

Anhang

Leseprobe: Unvollendet

Empfehlungen

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

TEIL 1

In my conscience, I believe that my hearthas been so oft on fire that it is absolutely vitrified.

Robert Burns

TEIL 1

1

Juni 1915, Oxfordshire

Später sagte er immer, er hätte es bereits an dem Knarzen der Treppenstufen gehört, das in seinen Ohren wie das Wimmern eines Kindes klang. Und an den Schritten vor unserer Wohnungstür, die abrupt innehielten, um gleich darauf von einem energischen Klopfen abgelöst zu werden. An dem Zögern des Jungen, der ihm das Telegramm mit gesenktem Blick in die Hand drückte. Meine Schwester Isobel kämmte mir gerade im Wohnzimmer das lange Haar, das sie immer Drahtgeflecht nannte, weil es sich so schwer bändigen ließ und meistens aussah, als wäre ich in einen Sturm geraten. Meine Mutter lag auf dem Bett in der Nische: aufrecht mit dem Rücken gegen einen Berg Kissen gelehnt, blätterte sie in einer Zeitschrift, die auf der nun deutlich sichtbaren Wölbung ihres Bauchs lag und bei jedem Atemzug ein Stück zur Seite rutschte.

Mein Vater stand wie angewurzelt im schmalen Flur, selbst als der Botenjunge schon längst weg war. Sein Weggang hatte eine gespenstische Stille hinterlassen, die nicht einmal das Ticken der Küchenuhr durchbrechen konnte. Um Punkt sieben Uhr war sie stehen geblieben.

Isobel legte die Bürste beiseite und strich mir mit der flachen Hand über das Haar, etwas, das sie seit Jahren nicht mehr getan hatte. Es hatte etwas Tröstendes an sich, und als mein Vater sich zu uns umdrehte und ich den Schmerz in seinen Augen sah, wusste ich, dass wir alle Trost brauchen würden. Isobel zuckte ganz leicht zusammen, als Vater sich in den Türrahmen stellte, immer wieder den Kopf schüttelte, während seine grünen Augen sich mit Tränen füllten. Das Telegramm fiel geräuschlos zu Boden – wie ein Staubkorn.

»Arthur? Wer war das?« Meine Mutter legte die Zeitschrift neben sich, richtete ihren Oberkörper kerzengerade auf und runzelte die Stirn, weil sie keine Antwort bekam. »Arthur?«

Ich weiß noch, dass ich die Luft anhielt, weil mich der Anblick meines Vaters so erschreckte, wie er zitternd zu Boden ging, den Mund lautlos geöffnet, nach Worten ringend, die einfach nicht herauskommen wollten. Bis er einen Schrei ausstieß, spitz und durchdringend, der unser aller Herzen durchbohrte.

»Artie. Es ist Artie, oder?« Die Stimme meiner Mutter klang ruhig, als sie die Füße vorsichtig aus dem Bett schwang und sich, stöhnend den Bauch haltend, aufrichtete.

»Nicht, der Arzt hat gesagt –«, rief Isobel, doch meine Mutter brachte sie mit einem strengen Blick zum Schweigen. Trotz ihrer äußeren Ruhe wirkte sie so zerbrechlich wie nie zuvor in ihrem langen Nachthemd mit den weißen Rüschen am Kragen, die sie extra angenäht hatte, damit die Narbe am Hals verdeckt wurde, von der sie nie erzählt hatte, woher sie stammte. Das dunkelblonde Haar war zu einem Zopf geflochten und fiel ihr bis über die schmalen Schultern. Die Wangen waren blass und eingefallen, die Lippen spröde. Seit Beginn der Schwangerschaft übergab sie sich mehrmals am Tag und verlor stetig an Gewicht. Der Arzt hatte ihr Bettruhe verordnet und gesagt, sie würde das Baby vermutlich verlieren, wenn sie noch mehr abnahm. Seitdem hatte sie erneut fast zwei Pfund verloren.

Mein Vater wischte sich mit der Hand über Augen und Mund, holte tief Luft und erhob sich schwerfällig. Seine Nasenflügel blähten sich, der Schnurrbart zitterte, und ich hörte seine Zähne klappern, obwohl ein Feuer im Kamin brannte. Mit zwei Schritten war er bei meiner Mutter und drückte sie sanft aufs Bett zurück. Er legte vorsichtig seine Hand auf ihre Schultern, schluckte schwer und wandte sich von ihr ab, bevor er sprach. Seine Stimme klang wie das Knistern von Folie, einige Silben verschluckte er gänzlich.

»Ein Luftangriff der Deutschen …« Er ging zurück Richtung Flur, bückte sich nach dem Telegramm und hielt es zwischen zwei Fingerspitzen, so als wollte er es am liebsten gar nicht berühren. »Der Dachstuhl des Hauses fing Feuer, das Haus wurde zerstört. Sie sind beide tot.«

Ich weiß noch, dass ich nicht verstand, von wem er sprach. Wir kannten keine Deutschen, die ein Haus hatten. Als meine Schwester zitternd ihre Arme um meinen Körper legte und mich an sich zog, dämmerte mir allmählich, dass ich ihn falsch verstanden haben musste. Meine Kehle schnürte sich zu; ich begann zu zittern. Isobel drückte ihren Kopf gegen meinen, ihre Tränen tropften auf meinen Scheitel und in meinen Nacken. Artie, mein kluger, immer zu Späßen aufgelegter Bruder, war tot.

Ich kannte Zeppeline nur von Fotografien. In der Buchhandlung unseres Vaters lagen ein paar Postkarten aus, die diese – in meinen kindlichen Augen – seltsam geformten Flugschiffe zeigten. Während mein Bruder Artie meinen Vater mit Fragen über Geschwindigkeit und die Ausstattung löcherte, jagte mir deren Anblick Angst ein. Ich empfand sie als bedrohlich und konnte nicht verstehen, wie so ein Ding in die Luft steigen konnte, wieso Menschen freiwillig damit fliegen sollten. Mir wurde bereits schwindelig, wenn ich auf einen Hocker steigen musste. Ich wäre allerdings nie auf die Idee gekommen, dass man Zeppeline dazu benutzen könnte, Brandbomben auf Häuser abzuwerfen.

»Damit kann man Ozeane überqueren, Emma«, sagte Artie eines Tages mit leuchtenden Augen und wedelte mit der Postkarte vor dem Tresen herum, bevor mein Vater sie ihm vorsichtig abnahm und zurück auf den Stapel neben die Kasse stellte.

»Das kann man auch mit einem Schiff«, war meine Antwort, woraufhin Vater mir über das Haar strich und zustimmend brummte. »Aber stell dir nur vor, wie aufregend es sein muss, so hoch über dem Boden zu fliegen.« Artie, der mit seinen fünfzehn Jahren fast genauso groß wie unser Vater war, stellte sich auf die Zehenspitzen, um einen weiteren Blick auf den Stapel Postkarten zu werfen. Manchmal durften wir uns eine Karte aussuchen und an die Pinnwand in die Küche hängen. Es hingen schon welche aus Paris und London und zwei von einem Automobil dort. »Na, schön, nimm dir schon eine«, sagte Vater seufzend. Ich erinnere mich, dass Artie fast einen Luftsprung gemacht hatte, bevor er die Karte vom Stapel nahm und vorsichtig in seiner Westentasche verstaute. Später hing die Postkarte mit dem grässlichen Zeppelin über seinem Bett. Oft starrte er sie minutenlang nach dem Aufwachen an und verpasste dadurch beinahe das Frühstück. Mehrmals wurde ich von unserer Mutter in sein Zimmer geschickt, um ihn zu holen. Da saßen wir oft noch ein paar Minuten auf seinem Bett, und er schwärmte vom Fliegen oder erzählte mir, welche Abenteuer er später erleben wollte. Mal war es eine Safari in Afrika, dann die Erforschung eines Ureinwohnerstammes auf einer Pazifikinsel. Artie las unheimlich viele Bücher und hielt sich anschließend nicht mit seinem neuen Wissen zurück, was Isobel mitunter dazu verleitete, ihn einen »unausstehlichen Besserwisser« zu nennen.

»Man fährt in einem Zeppelin und fliegt nicht, wusstest du das?«, fragte er eines Morgens, als wir nebeneinander auf seinem Bett lagen und die Postkarte an der Wand anstarrten.

»Nein, es fliegt doch«, sagte ich und wandte schnell wieder meinen Blick von dem monströsen Ding ab. Es verursachte mir eine Gänsehaut. Je länger ich die Karte anstarrte, umso bedrohlicher kam es mir vor. »Ich finde Flugzeuge schöner. Aber damit fliegen möchte ich auch nicht«, meinte ich.

»Zeppeline sind so viel besser als Flugzeuge«, erwiderte Artie verträumt, verstrubbelte mir das Haar und stand endlich auf, damit wir zum Frühstück gehen konnten. Obwohl ich die Postkarte hasste – und später nach seinem Tod noch viel mehr –, liebte ich diese zwei, drei Extraminuten mit meinem Bruder, in denen er mir das Gefühl gab, ein Teil seiner Welt zu sein, in die er sonst kaum jemanden ließ. Wir hatten nicht viel gemein. Er war vier Jahre älter und verbrachte seine Freizeit am liebsten mit Lesen und dem Zeichnen von Automobilen. Manchmal spielten wir Verstecken zwischen den Regalen in der Buchhandlung, Isobel, Artie und ich, aber meistens war er für sich alleine. Unsere Mutter nannte ihn immer liebevoll ihren kleinen Einsiedler.

An dem Tag, an dem wir das Telegramm mit der Todesnachricht erhielten, rannte ich in sein Zimmer und riss die Postkarte von der Wand. Mit zittrigen Fingern zerriss ich sie in der Mitte, dann noch einmal und noch einmal, während heiße Tränen meine Wangen hinabrollten und auf den Kragen meines Kleides tropften. Am Ende war die Postkarte ein Meer aus grauen Schnipseln, einige wellig von meinen Tränen. Es hatte etwas Triumphales – wenn auch nur für einen sehr kurzen Moment –, die Überreste des Ungetüms mit der Hand auf den Boden zu fegen, wo sie wie Konfetti auf den Teppich rieselten. Doch dieses Aufflackern von Befriedigung verschwand mit einem Schlag, als mein Blick die kahle Stelle an der Wand streifte. Mir wurde bewusst, dass ich Arties wertvollsten Besitz zerstört hatte.

Das ist nicht nur eine Karte, Emma, es ist der Eintritt in eine andere Welt.Eine aufregende Welt.

Mit der flachen Hand strich ich über den rauen Putz an der Wand, malte mit dem Zeigefinger die Konturen der Karte nach und brach in Tränen aus. Mein Vater fand mich Minuten später auf dem Fußboden, wie ich verzweifelt versuchte, die winzigen Fetzen zu einem Ganzen zusammenzufügen. Ich wollte nicht einsehen, dass es zwecklos war, und schrie ihn an, dass er mir helfen müsse, weil Artie sonst böse auf mich sein würde. Ich schrie so laut, dass sich meine Stimme überschlug, verschluckte mich an meinem eigenen Speichel, hustete, während mir Tränen über das Gesicht liefen, und trat nach meinem Vater, als er mich aus dem Zimmer trug.

Am nächsten Morgen hing eine neue Postkarte über Arties Bett. Wir hatten sie alle unterschrieben. Isobel hatte ein Herz daraufgemalt und in ihrer schönsten Schrift den Satz »Wir vermissen dich« danebengeschrieben.

»Würde er sie immer noch mögen, die Karte?«, fragte ich meinen Vater, nachdem er das Zimmer meines Bruders betreten hatte, in dem ich seit einer halben Stunde gesessen und auf die Wand gestarrt hatte. Er strich sich mit dem Zeigefinger über den Schnurrbart, lehnte sich gegen den klobigen Eichenschrank und schwieg eine Weile, während er die Postkarte auf sich wirken ließ.

»Ich denke schon. Es war nicht der Zeppelin, der ihn getötet hat, sondern die Menschen darin, die eine Bombe auf das Haus von Tante Maisie warfen.«

Tante Maisie war die ältere und einzige Schwester unserer Mutter gewesen. Artie hatte sie besucht, weil sie sich bei einem Treppensturz ein Bein gebrochen hatte. Da meine Mutter das Bett nicht verlassen durfte, hatten meine Eltern beschlossen, Artie hinzuschicken, um Tante Maisie zu helfen.

Der Angriff erfolgte nachts. Die Bombe hatte den Dachstuhl in Brand gesetzt, und Artie war von einem Dachbalken erschlagen worden, als er Tante Maisie aus dem Bett hieven wollte, um sie in Sicherheit zu bringen. Sie war im Qualm erstickt. In der danebenliegenden Wohnung hatte der Nachbar nur drei seiner fünf Kinder retten können. Die Kleinsten starben in ihren Betten. Viele Kinder starben bei solchen Angriffen während des Großen Krieges, der seit einem Jahr tobte, viele weitere Opfer folgten.

2

Mai 2004, Hamburg

Immer, wenn sie in der Vergangenheit wühlte – in alten Fotoalben, Briefen und Urlaubserinnerungen –, überkam sie diese unbeschreibliche Sehnsucht nach etwas, das sie vermutlich gar nicht kannte. Nach einem Ort, an dem sie einfach so sein konnte, wie sie war, und dennoch geliebt wurde. Nach Menschen, denen sie nichts beweisen musste, vor allem nicht ihre Liebe, die sich nun einmal schwer beweisen ließ. Liebe war ein Gefühl, das man in sich trug, ohne es nach außen tragen zu können. Wieso verlangten manche Menschen überhaupt, dass man seine Gefühle wie auf eine Leinwand nach außen projizierte, nur damit andere sich besser fühlten, während man selbst leer zurückblieb? Die drei magischen Worte auszusprechen bewies gar nichts. Ein Ich – liebe – dich war entweder wahr oder falsch, vielleicht auch manchmal irgendwo dazwischen, aber oft war es nur eine leere Worthülse. Solange man sich nicht geliebt fühlte, nützten einem diese Worte gar nichts.

Mehr als einmal hatte Sara sich gefragt, ob man etwas herbeisehnen konnte, das man nie kennengelernt hatte, und jedes Mal fragte sie sich, wieso sie es nicht einfach gut sein lassen konnte. Ihre Hand zitterte leicht, als sie das Fotoalbum in die Hand nahm, das mit Saras Schulzeit beschriftet war, doch sie legte es gleich wieder in den braunen Pappkarton zurück. Vielleicht leidest du einfach nur an Weltschmerz, hatte ihre Mutter einmal gemeint, als Sara ihr erzählte, dass sie ganz oft so ein seltsames Gefühl befiel, das sich kaum in Worte fassen ließ. Als ob man gleichzeitig Hunger hatte und satt war, müde und doch wach war, die Gedanken durcheinanderwirbelten, obwohl im Kopf Stillstand herrschte.

Ihre Mutter hatte ihr oft gesagt, dass sie sie liebte. Immer dann, wenn Sara etwas geleistet hatte oder dem Willen ihrer Mutter gefolgt war. Nachdem sie zwanzig Umzugskartons in den dritten Stock geschleppt oder zwei Tage auf den Hund aufgepasst hatte. Der neue Job hingegen wurde nur nickend zur Kenntnis genommen, schließlich hatte sie sich damit ihrer eigenen Zukunft als Anwältin beraubt. Dass sie das Jurastudium abgebrochen und stattdessen Grafikdesign studiert hatte, hielt ihr ihre Mutter immer noch vor.

Der Mietvertrag für die schicke Wohnung mit riesigem Balkon und nagelneuer Einbauküche wurde sogar schlechtgeredet, weil die Wohnung viel zu weit entfernt war. »Ich werde auch nicht jünger, stell dir vor, ich breche mir das Bein, dann musst du quer durch die Stadt fahren, um hierherzukommen!«

Nein, sie litt nicht an Weltschmerz. Sie wusste nicht, wie sie ihre Sehnsucht genau in Worte fassen sollte, aber es betraf nicht die ganze Welt. Vielleicht vermisste sie einfach ein Zuhause. Als Kind war sie mit ihrer Mutter so oft umgezogen, dass sie nach dem dritten Umzug viele ihrer Sachen gar nicht mehr aus den Umzugskartons genommen hatte. Mit dreizehn bestand ihr Zimmer aus einem nagelneuen Bett, unter dem sechs Kartons mit Büchern und Krimskrams standen, einem Schreibtisch und einem Sitzsack. Die Wände waren weiß geblieben, weil das Geld für Farbe gefehlt hatte und überhaupt nicht feststand, ob und wie lange sie in der Wohnung blieben. Jeden Abend vor dem Schlafengehen hatte sie auf zwei Poster eines Schauspielers gestarrt, die sie mit Tesafilm über dem Bett befestigt hatte. Oft hatte sie ihre Freundinnen beneidet, die seit Ewigkeiten in ein und demselben Kinderzimmer schliefen. Ein halbes Jahr später hatte ihre Mutter geheiratet, und sie waren wieder umgezogen. Dieses Mal in ein großes Einfamilienhaus, in dem sie drei Jahre lang blieben. Die Wände hatte ihr Stiefvater – der zweite inzwischen – gelb gestrichen, obwohl Saras Mutter lachend gemeint hatte, das Kind bräuchte keine Farbe, es wäre bunt genug. Damit hatte sie auf Saras pinke Haare angespielt, die ihr ein »Wie soll man denn so ein Kind lieben?« entlockt hatten. Gefolgt von einem »Was soll ich denn den Nachbarn sagen? Dass mein Kind sich einer Gruppe von Clowns angeschlossen hat?«. Womit sie Saras Clique, die überwiegend aus Punks bestand, gemeint hatte.

Sara hatte in dem neuen Zimmer mit den gelben Wänden versucht Behaglichkeit hineinzubringen. Mit bunten Decken und zahlreichen Kerzen. Vieles hatte sie bei Freunden abgeguckt, in deren Zimmer sie sich immer wohler gefühlt hatte als in ihrem eigenen. Sie hatte Monate damit verbracht, ihrem neuen Zimmer ihren Stempel aufzudrücken, dennoch hatte sie sich immer wie ein Eindringling darin gefühlt.

»Was ist das?«

Sara schreckte aus ihren Gedanken, blinzelte ein paar Mal, um sich wieder in die Gegenwart zurückzuversetzen. Sie hatte ganz vergessen, dass Fabian früher von der Arbeit nach Hause kam, weil die Bankfiliale, in der er angestellt war, renoviert wurde.

»Das ist meine Kindheit in einem Karton. Fotoalben, Schulzeugnisse, Bilder aus dem Kindergarten. Meine Mutter hat ihn beim Aufräumen im Keller gefunden und gefragt, ob ich ihn mitnehmen will oder ob er mit dem anderen Krempel entsorgt werden soll.«

Auf Fabians Stirn zeigten sich Furchen, während er sein Hemd aus dem Hosenbund zog und glatt strich.

»Sie wollte deine Zeugnisse und Andenken aus dem Kindergarten wegwerfen? Liebreizend.« Er setzte sich neben sie und zog den Karton heran. »Ihr wart in Italien im Urlaub?«, fragte er mit Blick auf das grüne Fotoalbum, dessen Beschriftung Italien 1986 bereits verblasste. Sara nickte und nahm einen Miniatur-Pisa-Turm aus Plastik heraus. »Ich weiß noch, dass sich meine Mutter an dem Tag, an dem wir den Turm besichtigt haben, ständig übergeben hat. Ich habe erst vor ein paar Jahren erfahren, dass sie damals schwanger war.« Vorsichtig legte sie den Turm zurück in den Karton.

»Was ist passiert?«

»Sie hat es verloren. Ein paar Wochen später.« Sie erschrak über ihre Gleichgültigkeit in ihrer Stimme.

»Wäre vielleicht einfacher gewesen mit Geschwistern.«

»Ja, möglich. Ich habe mir immer eine Schwester und einen Bruder gewünscht, aber meine Mutter war irgendwie zu sehr mit Heiraten beschäftigt.« Sara presste die Lippen fest aufeinander, als wollte sie die folgenden Worte am liebsten nicht aussprechen. »Sie heiraten nächste Woche, Hubert und meine Mutter.« So fest sie konnte, kickte sie den Karton mit der Schuhspitze zur Seite.

Fabian nickte leicht. »Kommt nicht überraschend, oder? Sie hatte Ostern ja schon Andeutungen gemacht.«

Sara schnaubte. »Der Termin steht seit Monaten fest! Als ich sie fragte, wieso sie mir erst jetzt davon erzählt habe, meinte sie, sie war sich lange Zeit nicht sicher, ob sie mich dabeihaben wolle. Ist das zu fassen?«

Fabian zuckte mit den Schultern. »Na ja, du hast ihr beim Osterbrunch deutlich gemacht, dass du ihre Erziehungsmethoden scheiße fandst. Sie mag ja vieles falsch gemacht haben, aber so etwas will keine Mutter hören, schon gar nicht vor ihrer neuen Flamme.«

»Scheint ihn ja nicht abgeschreckt zu haben«, bemerkte sie trocken, stand auf und stieß noch einmal gegen den Karton, bevor sie Fabian wütend anfunkelte. »Du verstehst das nicht, deine Eltern sind seit dreißig Jahren glücklich verheiratet. Du hast immer in demselben Haus gewohnt, hattest ein Zuhause, feste Ansprechpartner, Geborgenheit. Meine Mutter hat sich von meinem Vater scheiden lassen, als ich fünf war. Ein Jahr später hat sie diesen Spinner Arnold geheiratet, der so öko war, dass wir alle auf Bastmatten schlafen sollten anstatt in Betten. Als ich dreizehn war, heiratete sie Ulrich, der einzige ihrer Männer, von meinem eigenen Vater abgesehen, den es interessiert hat, wie es mir ging. Drei Jahre später verließ sie ihn, und wir zogen von einer Wohnung in die nächste, immer auf der Suche nach dem Mann, der es endlich mal ernst meinen würde.« Sie schüttelte den Kopf, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen die schwere Kommode. »Mein Vater hat es angeblich zu ernst gemeint, ihrer Meinung nach. Angeblich hielt sie seine Eifersucht nicht aus. Arnold war ein Öko-Spinner, von dem sie sich gar nicht früh genug hätte trennen sollen. Aber Ulrich war mehr, als sie verdient hatte. Fürsorglich, nett, er hat ihr die Welt zu Füßen gelegt, aber das war ihr dann wieder zu viel.«

»Es bringt doch nichts, sich darüber aufzuregen. Ja, es ist scheiße gelaufen, und sie hat sich wirklich nicht wie eine vorbildliche Mutter benommen. Aber hast du mal versucht, sie zu verstehen, anstatt sie nur zu verfluchen?«

»Ist das dein Ernst? Was soll man denn daran verstehen? Sie kann keine Liebe empfinden, nicht für einen längeren Zeitraum jedenfalls und immer nur zu ihren Bedingungen. Vielleicht kann sie auch keine Liebe ertragen. Ich weiß es nicht.« Sie warf die Hände in die Luft.

»Da muss doch mehr dahinterstecken«, insistierte Fabian.

Saras Blick glitt ins Leere. »Die Suche nach Liebe. Wie willst du etwas finden, das du nicht erkennen kannst?« Sie holte tief Luft, bückte sich und schob den Karton mit beiden Händen hinter die Couch.

»Sie hat den perfekten Mann gesucht. Aber den gibt es nicht, also wird ihre Suche nie enden.« Sie ging ein paar Schritte im Raum umher, blickte an die Wand mit den Urlaubsbildern, die Fabian und sie in New York, Toronto und Lissabon zeigten, nahm eins davon in die Hand und wünschte sich an den Tag zurück, an dem die beiden Hand in Hand durch den Central Park spaziert waren, damals noch frisch verliebt. Drei Jahre war das her, doch in diesem Moment fühlte es sich viel länger an. »Bist du glücklich? Ich meine … mit mir?«, fragte sie, hängte das Bild zurück an seinen Platz und drehte sich zu Fabian um, der, die Hände in den Hosentaschen verstaut, einen Punkt an der Wand fixierte.

»Ja, denke schon. Und du?« Als er sie ansah, wirkten seine Augen dunkler als sonst, als läge ein Schatten darüber.

»Das klang jetzt nicht überzeugend«, sagte sie und spürte, wie sich Enttäuschung in ihr ausbreitete. Ihr Brustkorb brannte, zuerst nur ganz leicht, dann wurde es stärker und kroch die Speiseröhre hinauf. Sie schnappte nach Luft, ging zum halb geöffneten Fenster und atmete ein paar Mal tief durch.

»Was ist los?« Er trat hinter sie, doch sie winkte ab.

»Hab nur einen Krümel im Hals oder so.« Sie räusperte sich mehrmals, um die aufkommenden Tränen zu kaschieren. Er legte ihr die Hand auf die Schulter, doch sie ertrug seine Berührung nicht und trat zur Seite.

»Wir sind doch glücklich, oder nicht? Wir haben beide Jobs, die uns Spaß machen, wir streiten kaum, wir fahren zusammen in den Urlaub«, meinte er schließlich.

»Ist das Glück?«, fragte Sara, drückte mit den Fingern die Lamellen der Jalousien auseinander, um auf die Straße zu blicken. Eine Windbö fegte ein Stück zerknülltes Papier über den Kantstein, bis es unter ein parkendes Auto verschwand.

»Bist du denn nicht glücklich?« Er trat neben sie, suchte ihren Blick, doch sie wandte den Kopf zur Seite. Sie wollte nicht, dass er ihre Tränen sah. »Ich bin mir im Moment nicht sicher, wie sich Glücklichsein überhaupt anfühlt«, erwiderte sie matt.

Als er seufzte, spürte sie seinen Atem in ihrem Nacken. »Ich glaube, die Gespräche mit deiner Mutter bringen dich durcheinander. Du bist hinterher immer wie ausgewechselt.«

Sie hörte, wie er sich entfernte und seine Jacke von der Garderobe nahm. »Ich muss an die frische Luft.«

Sie nickte nur und zuckte zusammen, als die Wohnungstür ins Schloss fiel. Er hatte recht, die Gespräche mit ihrer Mutter wühlten sie auf. Und es schien von Mal zu Mal schlimmer zu werden. Als ob sie in eine Schwärze fiel, die sämtliche positiven Gefühle absorbiert, bis nur noch Zweifel und Fragen übrig blieben.

Sie hatte gerade die Geschirrspülmaschine ausgeräumt und war in Gedanken immer wieder das Treffen mit ihrer Mutter durchgegangen, als Fabian seinen Kopf zur Tür hereinsteckte. Das honigblonde Haar kräuselte sich hinter den Ohren, der Scheitel war schief, genau wie sein Grinsen. »Ich habe nachgedacht«, sagte er, zog sich einen der Küchenstühle heran und setzte sich an den Tisch.

»Das klingt aber dramatisch«, witzelte sie, obwohl ihr gar nicht nach Späßen zumute war. Am liebsten hätte sie sich mit einem Buch ins Bett gelegt und gelesen. Jane Austens Romane schafften es immer, sie für kurze Zeit von ihren Problemen abzulenken. Ein Abstecher nach Longbourn House und Netherfield wäre jetzt genau das Richtige. Aber sie ahnte, dass sie dazu keine Ruhe finden würde.

»Lass uns heiraten und nach Irland gehen. Ich habe dir doch von der internen Stellenausschreibung in Dublin erzählt. Die ist zwar erst einmal nur auf ein Jahr befristet, kann aber verlängert werden. Als freiberufliche Grafikdesignerin kannst du ja von überall aus arbeiten.«

Sara stieß mit der sauberen Kaffeetasse versehentlich gegen die Anrichte, drehte sich um und starrte ihn mit halb offenem Mund an.

»Wie kommst du denn jetzt darauf?« Sie hatten nur einmal, ganz am Anfang ihrer Beziehung, über eine Hochzeit gesprochen, als sie über die verschiedenen Steuerklassen diskutiert hatten. Beide waren sich einig gewesen, dass sie keinen Trauschein brauchten, um glücklich zu sein. Sara hatte deutlich gemacht, dass eine Heirat für sie nur infrage kam, wenn beide es wirklich wollten und der richtige Zeitpunkt da war. Sie hatte an einen romantischen Abend gedacht mit Champagner, roten Rosen, Kerzenschein und einem Kniefall. In manchen Sachen war sie hoffnungslos altmodisch und kitschig.

Fabian sah sieh kurz an und zuckte mit den Schultern. »Wie gesagt, ich habe vorhin viel nachgedacht.«

»Wenn das ein Antrag war, dann war der echt schlecht.«

Er stöhnte. »Es geht doch um die Sache an sich, nicht um das Drumherum. Aber wenn dir das so wichtig ist, dann kann ich auch auf die Knie gehen«, sagte er gereizt.

»Die Sache, ja?« Sie schluckte, ihr Hals brannte, Tränen stiegen ihr in die Augen. »Ehrlich, wenn du dich hier besoffen mit nacktem Arsch hinstellen würdest, wäre das nicht unromantischer!« Kopfschüttelnd lief sie an ihm vorbei ins Wohnzimmer, schnappte sich die Fernbedienung von der Stereoanlage und stellte das Radio an. Sie kochte vor Wut.

»Findest du nicht, dass wir den nächsten Schritt gehen sollten?«, rief er, ging ihr nach und schaltete die Musik aus, bevor er sich mit verschränkten Armen vor der Couch aufbaute und sie herausfordernd anblickte. »Vorhin ist mir klar geworden, dass wir uns auf der Stelle bewegen. Ich glaube, du hast Angst vor dem nächsten Schritt, weil deine Mutter so oft geheiratet hat und nie lange glücklich war. Und nun denkst du, dir blüht das gleiche Schicksal, und –«

»Du weißt nicht, was ich denke!«, schrie sie lauter als beabsichtigt, nahm ein Kissen und drückte es an ihre Brust. »Das hat nichts mit meiner Mutter zu tun! Du und ich, wir haben immer gesagt, wir brauchen keinen Trauschein. Und jetzt kommst du auf einmal an und wirfst einfach so die Worte heiraten und nach Irland auswandern in den Raum und wunderst dich, dass ich nicht vor Freude in die Luft springe.«

»Ich bin dreißig, Sara, und du achtundzwanzig. Ist dir bewusst, dass wir das einzig verbliebende Pärchen in unserer Clique sind, das weder verheiratet ist noch Kinder hat?«

Sie hob beide Augenbrauen. »Jetzt geht es um Kinder? Was soll das denn auf einmal? Vor zwei Stunden hast du behauptet, du wärst glücklich.«

»Ja, das dachte ich zumindest, aber dann habe ich nachgedacht, und mir ist klar geworden, dass wir in einer Art Zeitschleife festhängen. Nichts verändert sich, weder zum Positiven noch zum Negativen. Jeder um uns herum entwickelt sich weiter, nur wir nicht.«

Sie öffnete den Mund und schloss ihn sogleich wieder. Seit knapp drei Jahren lebten sie zusammen in dieser Wohnung. Der Alltag hatte sich seitdem kaum verändert. Sie standen beide um sieben Uhr auf, er ging um acht zur Arbeit, sie setzte sich an den Schreibtisch in der Wohnzimmerecke und arbeitete bis vier Uhr. Dienstags und donnerstags ging Sara ins Fitnessstudio, Mittwoch trafen Fabian und sie sich mit der Clique im Biergarten oder beim Italiener. An den Wochenenden machten sie Ausflüge in die nähere Umgebung, gemeinsame Fahrradtouren oder verbrachten den Sonntag auf der Couch und schauten Filme. Während ihre Freunde nach und nach Kinder bekamen, sich die Gesprächsthemen von Schwangerschaftssymptomen zu Kitaplätzen und Elternabenden weiterentwickelten, beschränkten sich Fabians und ihre Unterhaltungen auf profane Alltagssituationen. Sie presste die Lippen aufeinander und vergrub ihr Kinn in das Kissen, das sie nun mit beiden Armen umklammert hielt.

»Ich habe das Gefühl, das Leben zieht an mir vorbei«, sagte Fabian leise und setzte sich schließlich auf das Ledersofa. »An uns.«

Sie wusste, was er meinte. Vor ein paar Jahren, als sie ihn noch nicht gekannt und ihre beste Freundin ein Baby bekommen hatte, war es ihr ähnlich ergangen. Doch seitdem hatte sich viel verändert. Sie war in eine große Wohnung gezogen, hatte jemanden gefunden, mit dem sie ihr Leben verbringen wollte, und im Job lief es besser denn je. Es gab so viele Aufträge, dass sie etwas Geld beiseitelegen konnte.

»Vielleicht brauchen wir eine Pause«, meinte sie und wusste nicht einmal, was sie damit überhaupt sagen wollte. »Ich meine … um nachzudenken, uns zu sammeln, um … ach, ich weiß auch nicht.« Sie vergrub den Kopf in das Kissen und schluchzte laut auf, doch kurz darauf fing sie sich wieder, wischte sich über die Augen und holte tief Luft.

»Ich will mich nicht trennen«, sagte er mit fester Stimme, umfasste ihre Schultern und sah ihr in die Augen, bis sie müde lächelnd den Kopf abwandte.

»Das will ich auch nicht. Aber vielleicht müssen wir uns beide darüber klar werden, was wir wollen und vom anderen erwarten.«

»Ich will dich. Mit dir glücklich sein.« Er streichelte ihr über die Arme, bevor er sie losließ und sich vor die Kommode stellte, die Arme vor der Brust verschränkt.

»Meine Mutter hat mich gebeten, mich um meine Großmutter zu kümmern, während sie mit Hubert in den Flitterwochen ist. Sie wird im September 101.«

»Die in Kiel im Altenheim lebt?«

Sara nickte. »Sie ist geistig ziemlich fit, aber sie hat Schwierigkeiten beim Gehen. Ich habe sie zuletzt vor einem halben Jahr besucht, als sie sich die Hüfte gebrochen hat. Meine Mutter ist fast jedes Wochenende dort.«

Er legte die Stirn in Falten. »Das wusste ich gar nicht. Ich dachte, sie sei etwas tüttelig.«

Sara schüttelte den Kopf. »Nein, aber sie ist eine schwierige Person. Ich habe nie einen Draht zu ihr gefunden. Na ja, sie war in meinen Augen einfach schon immer uralt.«

»Hundert«, sagte er, einen leisen Pfiff ausstoßend.

»Sie war weit über 40, als sie meine Mutter bekommen hat. Vermutlich war der Generationsunterschied zu groß. Die zwei sind noch nie besonders gut miteinander ausgekommen. In dem Punkt kann ich meiner Mutter mal keinen Vorwurf machen. Meine Großmutter kann kaum Gefühle zeigen. Ihr Lachen hat keine Wärme und erreicht nie ihre Augen. Als hätte sie es irgendwann verlernt…« Sie erinnerte sich mit Schaudern an die Sonntage, die sie als Kind bei ihr verbracht hatte. An dieses bellende Lachen, wenn Saras Mutter etwas vermeintlich Komisches erzählt hatte, während alle drei auf der Terrasse Äpfel für einen Kuchen schälten. Die Ermahnungen, bloß nicht so viel wegzuschneiden, weil es damals während der Kriege wenig zu essen gegeben hatte. Saras Großmutter war als Emma Georgina Doyle in einem kleinen Ort in der Nähe von Oxford in England geboren worden. Sie hatte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg einen Deutschen geheiratet, was damals ein Skandal gewesen war. Seitdem lebte sie in Deutschland, aber einen leichten englischen Akzent hörte man immer noch heraus.

»Meine Großmutter hat ihr Haus behalten, in dem sie bis vor fünf Jahren noch gelebt hat. Es ist seit Jahren vermietet, aber die Einliegerwohnung ist frei. Ich überlege, ob ich eine Zeit lang dorthin ziehe. Arbeiten kann ich auch von dort aus, es gibt Internetzugang, und ich könnte etwas Zeit mit ihr verbringen.«

»Das wird ihr sicher gefallen«, sagte Fabian matt, stand auf und ging ein paar Schritte im Raum umher, bevor er sich vor das Bücherreal positionierte und sich durch das Haar strich, bis es so unordentlich aussah, als wäre er in einen Sturm geraten. Sie musste bei dem Anblick lächeln und war froh, als er nach einem kurzen Zögern das Lächeln erwiderte.

»Ich fahre nach der Hochzeit«, sagte sie mit fester Stimme. Er nickte. »Möchtest du, dass ich dich begleite? Zur Hochzeit?«

»Ja, ich denke, sonst stehe ich es nicht durch.« Sie erhob sich schwerfällig von der Couch, streckte sich und ging auf ihn zu. Einen Moment lang standen beide unschlüssig voreinander, keiner schien zu wissen, was er mit seinen Händen machen sollte. Sie biss sich auf die Lippe und schmunzelte, was er als Anlass nahm, sie in den Arm zu nehmen. Seine Umarmung fühlte sich gut an, sie genoss die Wärme und war sich erst jetzt bewusst, wie kalt es in der Wohnung war.

»Wir schaffen das«, flüsterte sie. »Wir brauchen nur ein bisschen Zeit und etwas Abstand, um uns zu finden.«

Er drückte sie fest an sich. »Wann haben wir uns verloren?«

»Ich weiß es nicht«, sagte sie leise. Heiße Tränen liefen über ihre Wangen und tropften auf seine Schulter.

»Ich verspreche dir, der nächste Antrag wird mit Rosen, Kniefall und einem Ring, versteckt in einem Kuchen in Herzform, sein, den du dann vermutlich verschluckst, und wo wir den Abend daraufhin in der Notaufnahme ausklingen lassen.«

Gegen ihren Willen musste sie lachen. »Sehr romantisch, ja.«

3

Mai 2004, Hamburg

Das Gesicht ihrer Mutter wirkte so übertrieben glücklich, dass Sara sich fragte, wie lange wohl diese Ehe halten würde. Die braunen Haare kunstvoll hochgesteckt, das Gesicht dezent geschminkt – lediglich etwas Mascara und Lipgloss –, stieß die frisch vermählte Braut ununterbrochen mit ihren Freundinnen, allesamt hysterisch gackernd, auf den neuen Mann an. Hubert Lang, dreiundsechzig, pensionierter Lehrer und leidenschaftlicher Golfspieler. Nora Lang, murmelte Sara, während sie ihr Sektglas zum Mund führte. Davor hieß sie Nora Jagert, Nora Ericksen und Nora Winter. Als Sara im letzten Jahr im Urlaub auf Zypern gewesen war, hatte sie beim Postkartenschreiben einige Minuten überlegen müssen, bevor ihr der Name ihrer Mutter eingefallen war. Eventuell war es der Hitze und den zwei Mojitos geschuldet, aber ab und zu kam sie ins Schleudern. Seit dem Jawort eine halbe Stunde zuvor versuchten Noras Lippen anscheinend einen Weltrekord im Dauerlächeln aufzustellen. Die Augen jedoch, bemerkte Sara, erreichte das Lächeln nicht.

»Hier bist du!«

Zwei starke Hände umfassten Saras Taille, bevor ihr Fabian einen Kuss auf die Wange gab. »Können wir bald abhauen?«, flüsterte er. Sara kicherte, trank ihren Sekt auf ex aus und drückte ihm das Glas in die Hand. »Ich fürchte, noch nicht.« Sie runzelte die Stirn und sah zu ihrer Mutter hinüber, die sich nun mit ihrem neuen Gatten vor das Fenster stellte und die Mundwinkel bis an die Ohren zog, während ihre Freundin, mit einer hochwertigen Spiegelreflexkamera in der Hand, immerzu »Sag Cheese, noch mal, Cheese. Cheeeeeese!« rief.

»Herrgott, die führen sich ja auf wie alberne Schulmädchen«, kommentierte Fabian die Szene.

»Cheeeeese! Los, einmal noch!«

Sara verdrehte die Augen. Die ganze Feier glich einer Farce. Es war die vierte Ehe ihrer Mutter, und keine der vorherigen Ehen hatte länger als fünf Jahre gehalten. »Was findet sie nur an ihm?«, fragte sie, als Fabian ihr ein neues Sektglas in die Hand drückte. Er umfasste sie von hinten und legte sein Kinn auf ihre Schulter, den Blick zum Fenster gerichtet, wo sich Nora und Hubert Lang nun innig küssten, während drei in rosa Tüllkleider gekleidete Frauen mit Kameras und Handys um sie herumliefen und Anweisungen wie »Kopf ein Stück höher« oder »Und jetzt mit geöffneten Augen« riefen.

»Vielleicht gibt er ihr genau das, was sie sich wünscht. Wahre Liebe ist manchmal nicht sofort zu erkennen.«

Sara schnaubte und zwang sich, den Blick von ihrer Mutter abzuwenden.

»Woran denkst du gerade?« Fabian lehnte sich gegen den Türrahmen, die Hände in den Hosentaschen. In den drei Jahren, in denen die beiden ein Paar waren, hatte sie ihn nie in einem Anzug gesehen. Selbst bei Taufen und Hochzeiten trug er seine geliebten schwarzen Jeans zu Hemd und Sakko. Nur für Saras Mutter, die auf einem Anzug bestanden hatte, machte er eine Ausnahme, aber es war ihm deutlich anzusehen, wie unwohl er sich fühlte. Eine Fliege hatte sie ihm nicht aufschwatzen können, und auch eine Krawatte hatte er verweigert.

»An meine Großmutter. Daran, dass sie ihren Mann so früh verloren hat. Er starb kurz nach der Geburt meiner Mutter. Soll die ganz große Liebe gewesen sein.«

»Muss es wohl. Damals einen Deutschen zu heiraten, so kurz nach dem Krieg …«

»Es ist doch seltsam, dass meine Mutter das genaue Gegenteil ihrer Mutter ist. Ich meine, Emma hat ein einziges Mal geheiratet und blieb nach dem Tod ihres Mannes alleine. All die Jahre.« Sie kniff die Augen zusammen, rechnete kurz. »Über fünfzig Jahre lang. Sie war Mitte vierzig, als ihr Mann starb, sie hätte doch wieder einen Mann finden können. Und dann guck dir meine Mutter an, die vom Heiraten nicht genug bekommen kann.«

»Vielleicht hatte sie ja eine Affäre, deine Großmutter.«

»Hm«, machte Sara und nippte von dem Sekt. »Vielleicht werde ich sie danach fragen.«

Mai 2004, Kiel

Das Pflegeheim, in dem ihre Großmutter untergebracht war, lag in der Nähe des Hafens, zu dem Sara zuvor einen Abstecher machte. Es war sonnig, beinahe schon sommerlich, bis auf die frische Brise, die vom Meer herüberzog und sie in ihrem ärmellosen Shirt frösteln ließ. Sie setzte sich auf eine mit Graffiti besprühte Bank und beobachtete, wie die Fähre nach Skandinavien ablegte. Eine Horde Kinder mit gelben Warnwesten, vermutlich Erstklässler, lief Hand in Hand mit ihrer Lehrerin über den Parkplatz. Ein Reisebus hupte, zwei der Kinder streckten dem Fahrer die Zunge heraus, bis die Lehrerin sie ermahnte, sich an die Seite zu stellen. Nachdem eine Reisegruppe älterer Herrschaften aus einem weiteren Bus gestiegen war, schwoll der Lärmpegel so stark an, dass das durchdringende Kreischen der Möwen erstickt wurde, die so dicht über Saras Kopf flogen, dass sie ihn mehrmals einziehen musste. Sie fragte sich, was ihre Mutter jetzt machte. Ob sie mit Hubert tiefsinnige Gespräche an der Cocktailbar führte? Er war ein ernster Mann, der sich viele Gedanken um das Weltgeschehen machte. Seit seiner Pensionierung engagierte er sich in der Obdachlosenhilfe. Sie konnte nicht genau sagen, ob sie den neuen Mann ihrer Mutter mochte. Er war freundlich, aber schwer zu durchschauen. Als ob er eine Mauer um sich herum aufgebaut hatte, um nichts über sich preiszugeben. Dann wiederum benahm er sich wie ein albernes Kind, wenn er mit ihrer Mutter über irgendwelche dummen Witze lachte. Er hatte zwei Seiten an sich, und beide passten nicht zusammen. Vielleicht fiel es ihr deshalb so schwer, zu sagen, ob sie ihn leiden konnte.

Ein Blick auf ihre Uhr verriet ihr, dass sie sich besser auf den Weg machen sollte. Sie hatte ihrer Großmutter vorsichtshalber telefonisch ihren Besuch angekündigt, für den Fall, dass die vielleicht andere Pläne hatte. Manchmal machte das Heim Ausflüge mit den Bewohnern. Ihre Großmutter spielte einmal in der Woche Skat mit der Tochter einer verstorbenen Bekannten. Auf Ausflüge ging sie selten mit, aber manchmal machte sie mit einer Pflegepraktikantin einen Spaziergang ins nahe gelegene Café.

Sara hatte sich für vierzehn Uhr angekündigt. Sie wusste, dass ihre Großmutter um Punkt zwei Uhr im Eingangsbereich auf sie warten würde, um sie in Empfang zu nehmen. Sie begrüßte ihre Gäste immer im Eingangsbereich im Erdgeschoss, nie in ihrem Zimmer. Das war einer dieser Spleens, über die sich Saras Mutter immer sehr aufregte. Kann kaum laufen, aber besteht darauf, mich an der Eingangstür zu begrüßen. Als wenn es verwerflich wäre, in ihrem Alter, die Besucher vom Bett oder von der Couch aus zu begrüßen. Herrgott, sie geht auf die Hundert zu!

Sara wusste, dass ihre Großmutter nur ins Pflegeheim gegangen war, weil sie niemandem eine Last sein wollte. Mit der schmerzenden Hüfte, die sie bei schlechtem Wetter manchmal ans Bett fesselte, hätte sie ihren Haushalt nicht mehr alleine gewuppt bekommen. Sie war schon immer zu stolz gewesen, Hilfe anzunehmen, und als sie nach einem Sturz fast einen halben Tag lang hilflos im Badezimmer gelegen hatte, hatte sie beschlossen, ihre Selbstständigkeit aufzugeben und in ein Heim zu gehen. Sich gehen lassen kam für sie allerdings nicht infrage. Sie richtete sich jeden Morgen so her, als ginge sie aus. Getönte Tagescreme, dezenter Lidschatten, ganz zarter Lippenstift in Rosé. Und sie würde ihre Gäste selbst noch im Eingangsbereich begrüßen, wenn sie vollständig auf einen Rollstuhl angewiesen wäre. Das konnte Sara sogar verstehen, und sie bewunderte ihre Großmutter heimlich für ihre Prinzipien.

In einer weißen Strickjacke und einem grünen Kleid, das ihr bis zu den Knöcheln reichte, saß Emma Schneider auf einem grauen Plastikstuhl vor der Heizung und rollte eine Zeitung auf ihrem Schoß zusammen. Die schneeweißen Haare waren zu einem Knoten im Nacken gebunden; Sara kannte sie gar nicht mit einer anderen Frisur, aber von alten Fotos wusste sie, dass sie als junge Frau ihre Haare meist schulterlang und offen getragen hatte. Um den Hals baumelte eine Lesebrille mit rotem Rahmen, befestigt an einer silbernen Kette, an der auch ein Medaillon hing. Sara wusste von ihrer Mutter, dass sie dort das einzige Bild von ihrem früh verstorbenen Bruder Artie aufbewahrte, gesehen hatte sie es allerdings noch nie.

Die blauen Augen leuchteten, die Wangen wirkten etwas eingefallen seit Saras letztem Besuch, aber für ihr hohes Alter hatte sie wenig Falten. An den Ohrläppchen baumelten goldene Ohrringe mit einem kleinen Schiff als Anhänger. Ein Geschenk ihres Mannes, der beim Hamburger Hafen beschäftigt gewesen war. Sie hatte ihren Großvater nie kennengelernt, da er ein Jahr nach Noras Geburt gestorben war.

»Wartest du schon lange?«, fragte Sara, nachdem sie sich zu der zerbrechlich wirkenden Frau gebückt und ihr einen Kuss auf die Wange gegeben hatte.

»Nur drei, vier Minuten. Es war ganz interessant. Die Polizei ist eben hier gewesen und hat einen Mann zurückgebracht, der ausgebüxt war.« Mit einem lauten Stöhnen erhob sich ihre Großmutter; die langgliedrigen weißen Finger krallten sich an der Sitzlehne fest, bis sie aufrecht stand. Mit ihren einsdreiundsiebzig war sie eine imposante Erscheinung. Sie war sehr schlank, und ohne ihren Gehwagen hätte sie sicherlich eine grazile Figur gemacht.

»Hast du etwas von deiner Mutter gehört?« Ihre Fingerknöchel traten weiß hervor, als sie die Griffe des Rollators fest umschloss. Feine, blaue Äderchen zogen sich über die blasse Haut.

»Sie macht eine Kreuzfahrt«, erklärte Sara, woraufhin sie einen scheelen Blick erntete.

»Ja, ich weiß. Aber mittlerweile kann man doch ganz einfach von einem Schiff mit der Außenwelt Kontakt aufnehmen, oder nicht? Mit den Handys und diesem Internet. Oder funktioniert das auf hoher See nicht? Dann bliebe allerdings immer noch die drahtlose Telegrafie, damit haben die Menschen vor hundert Jahren von einem Schiff aus kommuniziert.«

»Ich denke schon, dass die dort Internet haben. Aber sie hat sich nicht gemeldet.«

»Es ist manchmal erstaunlich, aber je älter man wird, umso länger dauert es, bis man eine einfache Frage beantwortet bekommt.« Sie setzte sich in Bewegung, zuerst etwas wackelig auf den Beinen, doch nach ein paar Schritten legte sich das wieder, und sie beschleunigte sogar ihre Schritte.

»Entschuldige, das war dumm von mir. Ich dachte, du hättest es vielleicht vergessen. Außerdem hat Mama sich noch nie aus ihren Flitterwochen gemeldet.«

»Das Einzige, was tadellos bei mir funktioniert, ist mein Gedächtnis, Sara. Langzeit und Kurzzeit, wobei mit dem Letzteren hier immer mehr Bewohner Schwierigkeiten haben. Wie war denn die Hochzeit?«

Sara nickte einer Altenpflegerin zu, die mit einer Bettpfanne auf einem Stapel Handtücher an ihnen vorbeilief. Ihre Großmutter hatte die Abwesenheit auf der Hochzeit mit ihrem hohen Alter begründet. Sara wusste, dass ihre Mutter insgeheim froh darüber war.

»Wie die anderen. Du hast nichts verpasst, Emma.«

Seit sie denken konnte, nannte sie ihre Großmutter beim Vornamen, weil diese weder die Kosenamen Oma, Omi oder das englische Granny mochte. Und Großmutter war selbst für Emma zu förmlich und steif. Es hatte Sara nie etwas ausgemacht, auch wenn Saras Freundinnen sie früher seltsam angeschaut hatten. Eine Nachbarin hatte sogar mal etwas von fehlendem Respekt dem Alter gegenüber erwähnt, doch Emma hatte sie gleich auf den Pott gesetzt und gesagt, ihre Enkelin nenne sie beim Vornamen und könne gleichzeitig gut erzogen sein, was man von der Nachbarstochter nicht behaupten konnte. Emma hatte noch nie ein Blatt vor den Mund genommen. So war es vermutlich kein Wunder, dass sie nie viele Freunde gehabt hatte.

»Wieso grinst du?«, fragte Emma, als Sara die Zimmertür am Ende des schmalen, nach Kohl und Essig riechenden Korridors aufzog.

»Ich musste nur gerade daran denken, wie du Frau Grunert die Meinung gesagt hast, als sie sich darüber echauffierte, dass ich dich beim Vornamen nenne.«

»Kannst du dir vorstellen, nach all den Jahren war ich für die immer noch die Ausländerin.« Sie verzog angewidert den Mund, schob sich mit ihrer Gehhilfe vorsichtig durch die Tür und verstaute den Rollator dahinter, bevor sie am Fenster auf einem der zwei Ledersessel Platz nahm. Sie bewohnte ein Einzelzimmer, das geräumig und hell war. Neben einem Bett, einem mit Holzrahmen, nicht diese furchtbaren Krankenhausbetten, war Platz für einen Schreibtisch und eine Sitzecke mit Couchtisch am Fenster. Der Blick ging in den Garten hinaus, ein parkähnliches Grundstück mit einem See. »Letztes Jahr haben dort Schwäne gebrütet. Du hättest mal die Leute sehen sollen, die an meinem Fenster vorbeirannten, weil sie dem Nest zu nahe gekommen sind«, erzählte Emma mit Blick auf den See, auf dem einige Enten schwammen. »Leg dich nie mit einem brütenden Schwan an. Wie geht es deinem Vater?«

Auch das war typisch für ihre Großmutter, unvermittelt das Gesprächsthema zu wechseln. Saras Vater lebte seit fast zehn Jahren in Köln, wo er eine große Werbeagentur leitete. Sie sahen sich selten, was auch an seiner neuen Frau lag, mit der sich Sara nicht verstanden hatte. Ingrid war Rechtsanwältin und eine furchtbare Besserwisserin. Sie fiel den Leuten ständig ins Wort und vertrat die Meinung, dass es nur eine richtige Meinung gab, nämlich ihre, und alle anderen falsch waren. Diskussionen mit ihr waren nervenaufreibend, und nicht selten hatte Sara abends das Weite gesucht, um ihre Ruhe zu haben.

»Er und Ingrid wollen im Herbst nach Tibet«, erzählte Sara.

Emma runzelte die Stirn. »Waren sie dort nicht vor ein paar Jahren?«

»Nein, das war Kambodscha.«

»Nun ja, mit deiner Mutter konnte er ja kaum reisen«, meinte Emma, zog ihre Strickjacke aus und legte sie über die Lehne des Sessels.

»Sie hat nun mal Flugangst«, erwiderte Sara und dachte an die vielen Streitigkeiten zurück, die ihre Eltern geführt hatten, weil ihr Vater gerne auf die Kanaren oder nach Zypern geflogen wäre und ihre Mutter auf einer Reise mit dem Auto, Zug oder Schiff bestand.

»Etwas, das wir gemein haben«, sagte Emma leise. Sie zeigte auf den Tisch, wo eine Schale mit Keksen stand. »Ingwerplätzchen. Greif zu, als Kind hast du die geliebt.«

Sara nahm sich ein Plätzchen und knabberte vorsichtig daran herum. Erst vor wenigen Tagen hatte sie sich ein Stück vom Zahn abgebrochen, als sie in ein Brötchen gebissen hatte. Als sie Emma davon erzählte, lachte diese laut auf. Ein kurzes raues Lachen, das an das Bellen eines Dackels erinnerte.

»Mir ist einmal ein ganzer Zahn abgebrochen, als ich einen Keks gegessen habe, der so alt war, dass man mit ihm eine Scheibe hätte einwerfen können.«

»Wieso hast du davon abgebissen? Hast du das nicht gemerkt?«

»Ich war fünf, und zum Glück war es nur ein Milchzahn. Mein Bruder hat mich angestiftet. Er dachte, ich traue mich nicht, von dem Keks zu probieren. Wir fanden ihn hinter dem Herd. Ich wollte ihm beweisen, dass ich kein ängstliches kleines Mädchen war.« Ihre Augen leuchteten bei dieser Erinnerung kurz auf.

»Dein Bruder Artie, der so jung starb?«, wagte Sara sich vor.

Emma nickte. Das Leuchten in ihren Augen erstarb so schnell, wie es gekommen war. Ihre Augen schienen eine ganze Nuance dunkler zu werden. »Er war erst fünfzehn. Und er hätte gar nicht in London sein sollen, aber unsere Tante … die Schwester meiner Mutter war gestürzt und brauchte Hilfe. Unser Vater konnte wegen der Arbeit nicht weg, und unsere Mutter erwartete ein Baby und durfte nicht aufstehen.«

»Er ist in London gestorben?« Sara hatte nie erfahren, wie Artie ums Leben gekommen war. Sie wusste nicht einmal, ob ihre Mutter die Hintergründe kannte.

»Bei einem Luftangriff. Das Haus fing Feuer. Er hatte wohl versucht, meine Tante zu retten, doch er schaffte es nicht, wurde von einem Dachbalken erschlagen. Sie starben beide.«

Sara rechnete kurz nach und runzelte die Stirn. »Luftangriff?«

»Ja, deutsche Zeppeline, die Brandbomben über britische Städte abwarfen. Es gab viele Luftangriffe während des Ersten Weltkriegs.«

»Das war mir gar nicht bewusst.«

»Das ist ja auch schon lange her«, seufzte Emma, nahm sich ebenfalls einen Keks und steckte ihn komplett in den Mund.

»Mama sagt, du hast ein Foto von ihm in dem Medaillon. Darf ich es mal sehen?«

Emma kaute hastig, griff nach der Kette und beugte sich ein Stück vor. »Aber natürlich.« Mit zittrigen Händen klappte sie den Deckel auf. Sara erkannte eine Schwarz-Weiß-Fotografie. Sie zeigte das Gesicht eines lächelnden Jungen um die dreizehn, mit sehr dunklen Haaren, Segelohren und Grübchen in den Wangen. »Er sieht so unbeschwert aus«, meinte sie zögerlich.

Emma nickte. »Er war ein Träumer.«

Auf einmal verspürte Sara eine tiefe Traurigkeit in sich. Als ob sie um etwas betrogen worden wäre, aber das war eigentlich albern. »Wirklich schade, dass er so früh starb. Es war sicherlich sehr schwer für dich.«

»Am schwersten war es für meine Mutter. Sie starb nur eine Woche danach. Die Wehen setzten ein, sie verblutete auf unserem Küchenboden.«

»Wie furchtbar«, sagte Sara mit belegter Stimme und fragte sich, wieso sie kaum etwas über das Leben ihrer Großmutter wusste. Aber welche ihrer Freundinnen wusste schon etwas über die Kindheit und Jugend ihrer Großeltern? Eigentlich niemand so richtig. Ob es nun daran lag, dass sich niemand mehr dafür interessierte, oder die alten Menschen einfach nicht mehr über die alten – meist schwierigen – Zeiten reden wollten, konnte sie allerdings nicht sagen. Vielleicht war es eine Mischung aus beidem.

»Das war es«, sagte Emma so leise, dass Sara sie kaum verstand. »Danach hat sich mein ganzes Leben mit einem Schlag verändert. Ich ertappe mich noch heutzutage oft bei der Frage, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn Artie nicht gestorben wäre.«

»Was ist nach dem Tod deiner Mutter passiert?«, fragte Sara vorsichtig.

Emma ließ den Blick durch das Zimmer schweifen, setzte sich gerade hin und holte tief Luft.

4

Juni 1915, Oxfordshire

Die Beerdigung von Artie lag keine vier Tage zurück, als Nachbarn und entfernte Bekannte mich und meine Schwester in unserem Wohnzimmer über die Wangen streichelten und bedeutungslose Floskeln von sich gaben. Die alte Mrs Thorne aus dem Erdgeschoss brach in Tränen aus, als sie mir über das Haar strich. Sie musste von ihrer Tochter zu einem Stuhl gebracht werden, wo ihr sofort jemand einen dampfenden Teebecher in die Hand drückte. In meinem Leben habe ich nie so viele Leute so viel Tee trinken sehen wie an dem Tag, an dem wir meine Mutter unter die Erde gebracht haben.