Verlag: MIRA Taschenbuch Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Das Erbe von Schloss Silberwald E-Book

Luca Winter  

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E-Book-Beschreibung Das Erbe von Schloss Silberwald - Luca Winter

Schatten der Zeit Als Sophie in einer Winternacht Ferdinand von Sternberg das Leben rettet, hat er eine verzweifelte Bitte: Sie soll seinen Sohn Leonhard überreden, nach Schloss Silberwald zurückzukehren und sich mit ihm auszusöhnen. Doch Leo ist so sexy wie stur. Um ihr Versprechen zu halten, riskiert Sophie alles, sogar ihr Herz … Schimmer der Sehnsucht Seit Lucy von Schloss Silberwald geflohen ist, ersetzen die Schweizer Berge ihr das Paradies, das sie einst verloren hat. Bis Max auftaucht. Mit ihm lebt nicht nur die Tragödie ihrer Jugend wieder auf, sondern auch das Prickeln ihrer Liebe. Doch wie damals scheint ein tiefer Abgrund sie zu trennen … Das Licht der Berge Nie wird Sarah vergessen, wie sehr sich Ferdinand von Sternberg die Rückkehr seines jüngsten Sohnes wünschte. Jetzt erfährt sie zufällig, wo Luis all die Jahre gelebt hat: in der Abgeschiedenheit der Bayerischen Alpen. Dass Luis sie in seine einsame Hütte lässt, ist schon ein Wunder, aber öffnet er ihr auch sein Herz?

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E-Book-Leseprobe Das Erbe von Schloss Silberwald - Luca Winter

MIRA® TASCHENBUCH

Copyright © 2018 by MIRA Taschenbuch in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

Covergestaltung: büropecher, Köln Coverabbildung: Nikaa / Trevillion Images Lektorat: Daniela Peter E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN E-Book 9783955767983

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Schatten der Zeit

1. KAPITEL

„Love me like you do, lala-love me like you do – touch me like you do, tata-touch me like you do!“

Es war spät geworden, fast zwei Uhr nachts.

Samstagnacht.

Oder besser gesagt: früher Sonntagmorgen. Der erste Advent. Dicke flauschige Schneeflocken fielen auf die Windschutzscheibe. Der Scheibenwischer leistete Schwerstarbeit, während Sophie ihren klapprigen Fiat Punto durch das nächtlich verschneite Salzburger Land nach Hause lenkte. Und sich wach hielt, indem sie laut Ellie Gouldings Superhit mitsang, der im Radio lief. „What are you waiting for …?!“

Es wäre geradezu romantisch gewesen – wenn jemand bei ihr gewesen wäre, der ihre schrägen Gesangskünste mit einem süßen Lächeln kommentiert hätte. Doch leider war sie allein.

Sie war mit Jenny unterwegs gewesen, einer Kommilitonin.

Medizinerparty in Salzburg.

Nun, genau genommen Angehende-Mediziner-Party – noch war sie im Vorstudium.

In diesem Moment bereute sie es, dass sie nicht wie Jenny eine Wohnung direkt in Salzburg gemietet hatte, sondern hinaus aufs Land gezogen war – zehn Kilometer vor den Toren der Stadt, wo sie in einem idyllischen Bauernhof lebte. In einer ziemlich hippiemäßigen WG mit ihrer kleinen Schwester und einem weiteren Geschwisterpaar, zwei Veganerinnen aus Oberbayern, mit dem sie und Sarah sich die Miete für den Hof teilten. Tagsüber war es dort sehr charmant, Hunde, Katzen und sogar ein paar Hühner eingeschlossen, die jeden Morgen für frische Eier sorgten. Doch das Nachtleben von Salzburg war eindeutig zu bevorzugen. Und die Kombination von Straßenglätte und bleierner Müdigkeit war nun mal nicht gerade das Rezept, das sie sich selbst als angehende Ärztin für einsame Dezembernächte verschreiben würde.

„Und hier kommt der nächste Hit für Verliebte“, kündigte der Moderator an, der durch die nächtliche Sendung führte.

Doch Sophies Aufmerksamkeit wurde urplötzlich von etwas anderem abgelenkt.

Bremsspuren. Warnblinker … Es musste hier kurz vorher einen Unfall gegeben haben. Zögernd fuhr sie daran vorbei. Was sie sah, erschreckte sie zutiefst: Einen Wagen, der offenbar von der um diese Zeit komplett verwaisten Landstraße abgekommen war und mit leuchtendem Licht und Warnblinker im tiefen Schnee vor einer umgeknickten Tanne stand, die er gerammt haben musste.

Es war nicht irgendein Wagen – nein, normalerweise sah man solche Autos nur in romantischen Filmen oder Automuseen. War es ein Bentley oder Rolls Royce Cabrio? Genau konnte sie es nicht erkennen. Doch was sie sah, bescherte ihr Herzklopfen: Die Fahrertür stand halb offen, und dahinter, im beleuchteten Inneren des Autos – erblickte sie einen Mann hinter dem Lenkrad!

Einen älteren Mann, der anscheinend bewusstlos war.

Sein Kopf lag auf seiner Brust, und er schien sich nicht zu regen.

„Oh nein, bitte nicht …!“, stöhnte sie und lenkte ihren Wagen an den Straßenrand.

Wieso musste so etwas ausgerechnet immer ihr passieren? Noch dazu jetzt – mitten in der Nacht? Sie war stehend k. o. und wollte nur noch schlafen, denn morgen musste sie eigentlich für ein Examen büffeln. Aber wie es nun aussah, blieb ihr nichts anderes übrig, als zu beweisen, dass auch eine Medizinstudentin im Vorstudium bereits in der Lage war, Erste Hilfe zu leisten. Machte man sich mit unterlassener Hilfeleistung nicht sogar strafbar?

Erschwerte Bedingungen hin oder her.

Denn eines stand fest: Ob in den nächsten ein oder zwei Stunden hier ein Auto vorbeikäme, war mehr als fragwürdig. Und sollte der Fahrer wirklich verunglückt sein und nicht nur betrunken, wäre er bis dahin möglicherweise erfroren.

Mit einem Ruck öffnete sie die Fahrertür und stieg aus.

„Huch!“

Es war eiskalt, deutlich unter null Grad. Sie trug noch immer nichts weiter als das elegante schwarze Kleid, das sie für die Party ausgewählt hatte, und eine dünne Lederjacke. Gott sei Dank hatte sie sich für Stiefel entschieden und nicht für die High Heels, die sie einen Moment lang im Auge gehabt hatte. Allein der Gedanke daran, jetzt quasi barfuß durch gut und gerne dreißig Zentimeter tiefen Schnee zu staksen, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Und auch ihre schlanken Einmeterfünfundsechzig boten nur wenig schützendes Fettpolster – hätte sie doch nur auf ihre Mutter gehört und immer brav aufgegessen statt sich auf eine Salatdiät zu setzen, dachte Sophie in diesem Augenblick.

Ihre gefühlte Körpertemperatur sackte noch weiter in den Keller, kaum hatte sie den Luxusschlitten erreicht und durch die geöffnete Tür den Verunglückten erblickt.

Wie es aussah, schien er tatsächlich bewusstlos zu sein.

„Hallo?“, rief sie laut. „Sind Sie in Ordnung?“

Keine Reaktion.

Wie in Zeitlupe näherte sie sich dem Mann. Er musste um die Ende sechzig sein, volles silbernes Haar, Schurwollmantel und Anzug. Dazu eine teure Schweizer Uhr. Vorsichtig hob sie seinen Kopf an.

Auf den ersten Blick erinnerte er sie an Mario Adorf.

Aber an wen oder was er sie erinnerte, stand hier nicht zur Debatte, rief sie sich zur Ordnung, während sie panisch rekapitulierte, was sie über Erste Hilfe wusste. Atmete er? Sie führte ihr Ohr zu seinem Mund.

Doch nichts!

Jetzt wurde ihr doch heiß.

Mit vor Kälte und Nervosität zitternden Fingern prüfte sie den Puls an seiner Halsschlagader. Und atmete für eine Sekunde auf: Gott sei Dank – sein Herz schlug!

Aber das konnte sich schon in Kürze ändern, wenn sie nicht sofort etwas unternahm. Kurz entschlossen versuchte sie es mit Mund-zu-Mund-Beatmung.

Ehrlich gesagt: Sie hätte nicht in ihren kühnsten Träumen gedacht, dass die hinter ihr liegende Partynacht, die durchaus vielversprechend begonnen hatte, mit dieser Art von „Kuss“ enden sollte. In gleichmäßigen Zügen presste sie ihren Atem in seinen Mund. Der Mann roch nach Whisky – wie es aussah, hatte er getrunken.

Kaum jedoch hatte sie angesetzt, kam er mit einem Ruck zu sich.

Und begann, wild mit den Armen zu rudern, sie von sich zu stoßen.

„Mein Herz …“, stieß er aus, während sich ihre Augen für einen Moment trafen. „Ich glaube, ich habe einen Infarkt.“

Sophie war so nervös, dass ihr das Handy aus der Hand rutschte, kaum hatte sie es aus ihrer Jackentasche gefischt, und in den Schnee fiel. Es dauerte endlose Sekunden, die ihr wie Minuten, wenn nicht wie Stunden vorkamen, bis sie es endlich in der Dunkelheit gefunden hatte. Gott sei Dank hatte sie Empfang, sodass sie den Notruf erreichen und einen Krankenwagen anfordern konnte. Wie es aussah, zählte jede Minute – und doch konnte sie nichts tun. Außer zu warten. Zumindest hatte sie ihn mit ihrer Beatmung zurück ins Leben geholt, er war wieder bei Bewusstsein. Doch er atmete schwer, während er seine Hand auf seinen Brustkorb drückte.

„Es fühlt sich an, als würde ein verdammtes Nashorn auf meiner Brust sitzen“, stöhnte der alte Mann.

„Der Notarzt wird gleich da sein“, versprach sie ihm, während sie mit einem Tuch den Schweiß von seiner Stirn tupfte.

„Das will ich hoffen“, erwiderte er mühsam. „Denn eine Minute später als gleich wird vielleicht zu spät sein …“

Sophie hatte das Gefühl, selbst gleich einen Herzinfarkt zu erleiden – der Wettlauf mit der Zeit hatte begonnen.

Dem Himmel sei Dank brauchte die Ambulanz nicht länger als eine knappe, aber quälende Viertelstunde, bis sie den Unfallort erreicht hatte. Wie sie es in dieser Zeit durch den anhaltenden Schneefall geschafft hatten, war Sophie ein Rätsel – aber sie waren da, und das war alles, was zählte.

Bereits am Telefon hatte sie die Details durchgegeben, damit der Notarzt keine wertvollen Sekunden verlor. Fünf Minuten später war der Patient versorgt und der Krankenwagen bereit zur Abfahrt. Wie es aussah, war alles glimpflich verlaufen.

„Gut gemacht“, lobte sie der Einsatzarzt, bevor der Krankenwagen mit Blaulicht in Richtung Universitätsklinik davonfuhr.

„Ich erkundige mich morgen, wie es ihm geht …“, rief sie ihm hinterher, doch das Einsatzteam war schon unterwegs.

Zurück blieb der Bentley im Schnee.

Und sie, Sophie – mit ihrem Fiat, in dem sie, nun so wach wie selten zuvor in ihrem Leben oder nach drei bis vier Dosen Red Bull, die letzten Kilometer bis nach Hause zurücklegen würde. Um danach, so viel stand jetzt schon fest, die ganze Nacht wach zu liegen und über das nachzudenken, was passiert war.

Der morgige Tag wäre definitiv im Eimer.

Das Büffeln konnte sie vergessen.

Toll! Einfach toll! dachte sie bei sich. Und doch war sie froh, dass alles anscheinend zu einem guten Ende gekommen war – und dass sie sich bei ihrem ersten inoffiziellen Einsatz als Notfallärztin halbwegs tapfer geschlagen hatte.

„Guten Morgen! Oder soll ich besser sagen: Guten Mittag?“

Es war Lara, der eine Teil des Veganerpärchens, die sie aus ihren Träumen holte. Spät, sehr spät, hatte Sophie doch noch in den Schlaf gefunden.

„Ahhh!“ Nur noch eine Minute länger wollte sie sich in den warmen Laken rekeln, bevor sie wieder hinaus in den kalten Winter stapfte. „Wie spät ist es?“

„Fast zwölf“, erklärte Lara. „Ich dachte, du wolltest heute lernen.“

„Ich glaube, daraus wird nichts. Ich muss ins Krankenhaus.“

„Ins Krankenhaus?“ Ihre Mitbewohnerin runzelte die Augenbrauen.

„Ja“, bestätigte sie. „Ich hatte gestern Nacht noch eine Begegnung der dritten Art, auf der Landstraße.“

„Du meinst – Außerirdische?“

Lara riss die Augen weit auf.

„Nein, ganz so schlimm war es nicht“, erwiderte Sophie. „Aber mir ist trotzdem das Blut in den Adern gefroren, glaub mir.“

Kurz darauf schälte sie sich aus den Laken und setzte ihre Füße auf den warmen alten Dielenboden ihres Zimmers. Das Holz knarzte, sobald man darüber lief – ein Geräusch, das Sophie ganz besonders an kalten Wintertagen wie diesem mit Wohlbehagen erfüllte. Ihr Zimmer war einfach möbliert, mit einem Mix aus Flohmarkt-Fundstücken und Ikea sowie weiß getünchten Wänden und hölzernen Sprossenfenstern, aber es war gemütlich. Es hatte Charme – so wie der ganze Bauernhof. Die Türen und Fensterrahmen waren im Hippie-Stil hellblau gestrichen, und überall blätterte die Farbe ab. Nachdem sie geduscht und mit Lara einen Kaffee getrunken hatte – in der mit Hilfe eines Kachelofens auf sommerliche Temperaturen aufgeheizten Wohnküche aus Großmutters Zeiten –, stapfte sie hinaus in den Schnee, wo ihr fahrbarer Untersatz wartete.

Eine gute Stunde später erreichte sie die Universitätsklinik in Salzburg. Sie brauchte nicht lange, um ihren Patienten zu finden.

Als sie der Mitarbeiterin an der Rezeption den Unfall der vergangenen Nacht schilderte, wusste diese sofort Bescheid.

„Ferdinand von Sternberg“, sagte sie nur. „Zimmer 111.“

… von Sternberg? Nun, im Grunde überraschte es Sophie nicht. Der Bentley, die Art und Weise, wie er gekleidet war – es wäre fast eine Enttäuschung gewesen, wäre er nicht auch noch einem österreichischen Adelsgeschlecht entsprungen, schmunzelte sie leise in sich hinein.

„Geht es ihm gut?“, wollte sie wissen.

Die Schwester an der Rezeption nickte nur, begleitet von einem schwer lesbaren Gesichtsausdruck und einem nicht weniger unverständlichen Murmeln.

Kurz darauf klopfte Sophie leise an die Tür des Zimmers 111.

Keine Reaktion.

Nun, was soll’s? dachte sie. Zumindest kurz wollte sie sich nach seinem Zustand erkundigen – und danach würde sie sofort wieder verschwinden.

Vorsichtig öffnete sie die Tür.

Und blickte in den Raum. Ein Einzelzimmer.

Sie atmete auf, als sie den alten Mann im Bett entdeckte. Er las die Frankfurter Allgemeine – und blickte im selben Moment von seiner Lektüre auf, als er sie bemerkte.

„Ja?“, fragte er und sah sie über den Rand seiner Lesebrille hinweg fragend an.

Sophie atmete auf. Ihm schien es gut zu gehen. Sie hatte alles richtig gemacht gestern Nacht – Gott sei Dank!

„Ich …“, setzte sie an.

„Kennen wir uns?“, fragte er, bevor sie auch nur ein weiteres Wort sagen konnte.

„Ich … habe Sie gefunden – gestern Nacht“, erklärte Sophie.

Ferdinand von Sternberg stieß einen tiefen Seufzer aus.

„Ach, Sie waren das …“, erwiderte er mürrisch.

Sophie runzelte fragend die Stirn.

Ein kleines Dankeschön wäre vielleicht angebrachter gewesen? Nun, vielleicht erwartete sie auch einfach zu viel von der Welt und von den Menschen, die sie bevölkerten, dachte sie in diesem Moment, in dem sich ihre Blicke erneut trafen. Hatte er seine Lebensretterin tatsächlich schon vergessen? Wie es schien, war er nicht übertrieben begeistert. Weder darüber, sie wiederzusehen – noch darüber, sich noch unter den Lebenden zu befinden.

„Und?“, fragte er, während er sie gelangweilt musterte. „Was wollen Sie hier?“

Also … das … – sie hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit!

„Eigentlich wollte ich nur wissen, ob es Ihnen gut geht. Ich …“

„Was interessiert es Sie, ob es mir gut geht!“, fuhr er abrupt dazwischen. „Das hat noch nie jemanden interessiert.“

Sophie erstarrte im Türrahmen. Auf was hatte sie sich hier eingelassen? Warum war sie überhaupt hergekommen – was hatte sie dem Mann getan? Sie konnte sich keinen Reim darauf machen.

„Dann … nun, dann gehe ich wohl besser“, erklärte sie.

Doch kaum hatte sie ausgesprochen, hob er auch schon den Arm, um sie zurückzuwinken.

„Nun kommen Sie schon“, sagte er. „Ich wollte Sie nur etwas foppen. Können Sie keinen kleinen Scherz vertragen?“

Kleinen Scherz?

„Ich dachte eigentlich, Scherze wären witzig – und nicht gemein“, erwiderte sie, etwas Besseres fiel ihr auf die Schnelle nicht ein.

Augenblicklich schien sich ein überraschend weicher Ausdruck auf sein Gesicht zu legen. Ja: ein fast versöhnlicher Ausdruck.

„Gemein?“, erwiderte er. Ein Weilchen blickte er sie nur fragend an, so als fehlten ihm tatsächlich die Worte. „Nun, wahrscheinlich liegen Sie gar nicht mal so falsch: Ich bin gemein. Und deshalb geschieht mir all das hier nur zu Recht …“

„Das … wollte ich damit nicht sagen.“

„Aber ich“, sagte er. „Also, nun kommen Sie endlich rein, wenn Sie schon mal hier sind“, bat er sie mit einer Stimme, aus der urplötzlich jede Härte verschwunden schien. „Sie haben also mein Leben gerettet, soso …“

„Gerettet ist vielleicht etwas übertrieben“, stellte sie richtig.

„Da hat mir der Notarzt aber etwas anderes erzählt“, widersprach Ferdinand von Sternberg. „Also, was machen Sie so? Sind Sie auch Ärztin?“, wollte er wissen. Zum ersten Mal erschien ein kleines freundliches Lächeln auf seinem Gesicht.

„Ärztin? Nein – ich … studiere noch“, erklärte sie. „Aber Medizin ist richtig. Also werde ich eines Tages Ärztin sein. Sofern alles nach Plan läuft, versteht sich …“

Augenblicklich hellte sein Blick sich weiter auf. So als hätte ihre Antwort ihn auf irgendeine Art und Weise inspiriert.

„Hier in Salzburg?“, fragte er sie.

„Ja, wieso?“

Auf einmal wirkte er richtiggehend interessiert an ihr. Er blickte sie an, als hätte sie ihm offenbart, dass sie in Wahrheit Jennifer Aniston hieß und in Hollywood Filme drehte.

„Würden Sie mir einen großen Gefallen tun?“

„Einen großen Gefallen?“

„Was ich sagen möchte, ist: Dürfte ich Sie vielleicht als Dankeschön zum Abendessen einladen?“

Zum … Abendessen …?

Jetzt wurde ihr doch langsam mulmig.

„Um Himmels willen! Nicht was Sie denken!“, las er ihre Gedanken. „Mir ist durchaus bewusst, dass ich ein alter Knacker bin. Viel zu alt für eine hübsche junge Dame wie Sie. Aber Sie scheinen ein gutes Herz zu haben. Im Gegensatz zu mir“, erklärte er, während sich eine gewisse Traurigkeit in seinen Blick schlich. „Und damit meine ich nicht nur meine Gesundheit …“

Sophie sah ihn fragend an.

„Ich möchte Ihnen einen Job anbieten“, rückte er schließlich mit seinem Ansinnen heraus.

„Einen Job?“

Sie runzelte die Stirn. Als was? Als Krankenpflegerin?

„Nun, lassen Sie mich die Sache erklären: Letzte Nacht hatte ich einen Herzinfarkt. Und ich habe Ihn nur dank Ihres beherzten Eingreifens überlebt.“

„Der Notarzt …“

„Nein, meine Liebe – ohne Sie wäre der Notarzt nicht mehr rechtzeitig eingetroffen, und die Mund – zu – Mund-Beatmung hat mich aus der Ohnmacht geholt“, unterbrach er sie. „Von daher schulde ich Ihnen etwas. Sie mussen wissen, es war mein zweiter Infarkt innerhalb eines Jahres. Ich glaube … nun, ich glaube … mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Und ich muss dringend noch ein paar Angelegenheiten in Ordnung bringen – Familienangelegenheiten, wenn Sie verstehen.“

„Und wie … kann ich Ihnen dabei helfen?“

„Sie studieren Medizin, hier in Salzburg, richtig?“

Sie nickte, ohne auch nur im Geringsten zu verstehen, worauf er hinauswollte.

„Dann können Sie mir helfen, ich bin mir sicher. Und ich verspreche Ihnen, es wird nicht zu Ihrem Schaden sein. Ich werde Sie großzügig dafür entlohnen. Äußerst großzügig. Also: Nehmen Sie meine Einladung zu einem Abendessen auf Schloss Silberwald an?“

Schloss Silberwald?

Wer in aller Welt ist dieser Mensch? fragte Sophie sich, während sie versuchte, ihren Mund langsam wieder zuzubekommen.

Exakt eine Woche später, an einem sternenklaren Sonntagabend, dem zweiten Advent, fuhr Sophie durch eine von Schnee und Eis überzogene österreichische Märchenlandschaft hinaus in Richtung Mattsee. Es lag nicht weit außerhalb der Stadt und war als das Venedig des Salzburger Seenlandes bekannt.

Ein romantisch verschneites Venedig zu dieser Jahreszeit.

Schloss Silberwald.

Hatte Ferdinand von Sternberg sie auf den Arm genommen? Das war es, was sie logischerweise zuerst angenommen hatte. Denn natürlich war ihr nicht entgangen, dass er ein ausgemachter Exzentriker war. Doch dann hatte sie ihn gegoogelt.

Ja, er war ein Exzentriker.

Und wenn er dem Ruf, der ihm vorauseilte, auch nur halbwegs gerecht wurde, darüber hinaus ein ziemlicher Partylöwe und Frauenheld.

Doch davon mal abgesehen, war er auch noch etwas völlig anderes: Schlossbesitzer, Multimillionär und einer der bedeutendsten Kunstsammler und Mäzene in ganz Österreich! Seine Sammlung galt als eine der bedeutendsten Privatsammlungen in ganz Europa.

Und allein der Gedanke daran, gleich sein Anwesen am Mattsee persönlich besichtigen zu dürfen, bescherte ihr eine Gänsehaut. Nicht, dass sie sich viel aus Adel und altem Geld machte – nein, das war es nicht.

Es war etwas anderes.

Das Gefühl, dass an diesem Ort etwas auf sie wartete, das schon eine ganze Weile auf sie gewartet hatte – eine Art Geheimnis, das eng mit ihrer Zukunft verbunden war.

„Herzlich willkommen, meine Liebe“, begrüßte er sie, kaum hatte sie die lange, edel beleuchtete Kiesauffahrt genommen und war vor dem von imposanten, griechisch anmutenden Säulen gesäumten Eingangsbereich aus ihrem in dieser feinen Umgebung mehr als peinlichen Gefährt gestiegen.

Doch ihren Gastgeber schien ihr alter Fiat nicht im Geringsten zu stören. Er hatte nur Augen für sie.

„Schön, dass Sie es einrichten konnten!“

Sophie schluckte, als sie das prächtig illuminierte Seeschloss erblickte – es lag direkt am Mattsee und schien tatsächlich einem Märchen entsprungen zu sein.

„Ich hoffe, Sie haben Hunger“, erklärte Ferdinand von Sternberg und führte sie galant ins Haus. Nun, Haus war deutlich untertrieben – denn es war weit mehr als das.

Es war ein Traum.

Für jemanden wie ihn jedoch war es sein Haus.

Sein Zuhause.

Und doch: unvorstellbar für jeden Normalsterblichen.

Genau hier, an diesem märchenhaften Ort, speisten sie wenig später, im warmen Licht des flackernden Kamins, an einer langen Tafel, bedient von einem Butler und einer Hausdame, die ihnen jeden Wunsch von den Augen ablasen. Und Sophie glaubte, noch nie etwas Köstlicheres gegessen zu haben als den perfekt geschmorten Wildschweinbraten mit den Semmelknödeln und dem Blaukraut.

„Und, was denken Sie?“, fragte ihr Gastgeber sie, nachdem auch das Dessert – ein köstliches Waldbeeren-Soufflé – abgeräumt worden war.

Sophie fühlte sich schon viel besser als noch bei ihrer Ankunft, als sie vor Ehrfurcht fast erstarrt war.

„Ich denke, Sie sind gar nicht so furchterregend wie Ihr Ruf“, beantwortete sie seine Frage, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken.

Nun war er es, der erstarrte.

„Ich meinte eigentlich das Essen“, erwiderte er kurz und knapp.

Einen Moment lang sahen sie sich einfach nur an – bis er plötzlich ein lautes Lachen ausstieß, das erste an diesem Abend. Sophie stimmte erleichtert ein. Und auch der Butler konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen, wie sie mit einem Seitenblick feststellte.

„Kommen Sie“, forderte Ferdinand von Sternberg sie auf und erhob sich. „Ich möchte Ihnen etwas zeigen.“

Wenig später wanderten sie durch das Schloss. Sophie bekam vor Staunen den Mund nicht mehr zu. Überall an den Wänden hingen Gemälde bekannter Maler aus den verschiedensten Epochen. Picasso, Renoir, Modigliani – es war schlichtweg unfassbar! Doch es war ein kleines Bild neben einer Flügeltür, die in den nächsten Saal führte, das ihr am besten gefiel. Ein Familienporträt.

Und was es ausstrahlte, waren Glück, Liebe und Harmonie.

„Sie haben einen guten Geschmack, junge Dame“, erklärte ihr Museumsführer. „Das ist auch eines meiner Lieblingsbilder – es stammt von einem Rembrandt-Schüler. Wenn auch nicht besonders wertvoll, mehr als hunderttausend bekommen Sie dafür auf keiner Auktion.“

Hunderttausend? Nicht besonders wertvoll?

Sophie schmunzelte leise in sich hinein. Bevor sie der nächste Satz ihres Gastgebers so unvorbereitet traf wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel.

„Wissen Sie was?“, sinnierte er. „Ich schenke es Ihnen. Sozusagen als Honorar.“

Kaum hatte er ausgesprochen, lachte Sophie laut auf. Doch er – er lachte nicht mit. Sondern blickte sie prüfend an.

„Das ist kein Scherz – ich meine es ernst.“

„Sie …?“, stammelte Sophie. „… wollen was?“

„Nun, wenn Sie mir im Gegenzug dafür den Gefallen tun, von dem ich sprach.“

Einen Gefallen?

Offensichtlich sprach er von dem Job, den er ihr anbieten wollte.

„Und … was wäre das …?“

Ferdinand von Sternberg stieß einen schweren Seufzer aus, bevor er antwortete. „Sie haben es ja schon festgestellt, ich bin ein alter Kauz“, begann er. „Ein alter Kauz, dessen Tage möglicherweise gezählt sind – noch einen Infarkt überlebe ich nicht.“

Er legte seine Hand auf ihre Schulter und blickte sie eindringlich an.

„Und ich habe einen letzten großen Wunsch“, fuhr er mit seiner Erklärung fort. „Ich möchte Weihnachten zusammen mit meinen Kindern feiern – hier auf Schloss Silberwald. Möglicherweise das allerletzte Mal …“

„Das klingt … ergreifend …“, erwiderte Sophie, die nicht wirklich wusste, was sie dazu sagen sollte. Was hatte sie mit all dem zu tun?

„Das Problem ist nur, dass ich meine drei Kinder schon lange nicht mehr gesehen habe.“

„Seit wann?“, fragte sie.

„Nun, genau genommen seit dem Tod ihrer Mutter. Zumindest zwei von ihnen.“

„Oh, es tut mir leid, dass Ihre Frau gestorben ist“, erklärte Sophie.

„Ja, mir auch“, erwiderte er. „Aber es lässt sich nicht ungeschehen machen.“

„Ist es kürzlich passiert?“

„Vor zehn Jahren.“

Zehn Jahre? Er hatte seine Kinder zehn Jahre nicht gesehen?

Offenbar war ihm ihr schockierter Blick nicht entgangen.

„Die Wahrheit ist: Ich bin anscheinend eben doch so furchterregend wie mein Ruf“, teilte er ihr unverblümt mit. „Nun, zumindest war ich es für den größten Teil meines Lebens. Und aus diesem Grund sprechen meine Söhne und auch meine Tochter nicht mehr mit mir. Sie lehnen jeden Kontakt ab. Kein Telefongespräch, keine E-Mails, keine Briefe – nichts. Selbst wenn ich bei ihnen zu Hause an die Tür klopfen würde, würden sie mir nicht öffnen.“

„So schlimm …?“

„Ich befürchte schon …“ Es folgte ein weiterer erschöpfter Seufzer. „Und sie sind in alle Himmelsrichtungen verstreut – ich weiß ja nicht mal, wo sie wohnen. Nun, abgesehen von einem.“

Nun war es Sophie, die mitleidig seufzte.

„Aber wie kann ich Ihnen bei diesem Problem helfen?“, wollte sie wissen.

Er sah sie eindringlich an.

„Indem Sie für mich den Kontakt herstellen? Sozusagen als anonyme Zwischenhändlerin?“

Als anonyme Zwischenhändlerin? Hatte sie richtig gehört?

„Ihnen wird niemand die Tür vor der Nase zuschlagen“, fuhr er fort. „Im Gegensatz zu mir. Und auf diese Weise können wir es vielleicht schaffen, ein Treffen zu arrangieren.“

Sophie schüttelte den Kopf.

„Das würde ich liebend gern tun, Herr von Sternberg. Aber wie? Ich bin Medizinstudentin, keine Privatdetektivin oder so etwas in der Art …“

„Und genau das macht Sie zu meiner perfekten Wahl, meine Liebe“, erklärte ihr Gegenüber.

Perfekte Wahl? Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Sie verstand einfach nicht, wovon er sprach.

„Mein ältester Sohn lebt hier in Salzburg“, fuhr der Schlossherr jetzt fort. „Er betreibt eine Kinderarztpraxis. Doch darüber hinaus ist er auch Gastprofessor – an der medizinischen Fakultät, an der Sie studieren. Vielleicht haben Sie schon mal eine Vorlesung von ihm besucht. Wenn nicht, möchte ich, dass Sie es tun. So kommen Sie an ihn heran. Seine Name ist Leonhard von Sternberg. Doktor …“

„… Clive Owen!“, schoss es Sophie augenblicklich durch den Kopf.

„Wie bitte?“, fragte ihr Gastgeber verwirrt nach.

Versehentlich hatte sie ihren Gedanken laut ausgesprochen.

Doktor Clive Owen.

Den Spitznamen, den die Studentinnen an der medizinischen Fakultät dem jungen Doktor von Sternberg verpasst hatten – weil er dem Hollywoodstar so ähnlich sah. Kurz gesagt: Er war unfassbar sexy. Und genauso eckig und kantig, als könne ihm jeder den Buckel runterrutschen. Jetzt wusste sie auch, wieso ihr der Name Sternberg so vertraut vorgekommen war.

„Ach, gar nichts …“, winkte sie schnell ab.

„Und? Was sagen Sie? Können Sie sich ihm irgendwie unauffällig nähern?“, fragte Clive Owens Erzeuger. „So, dass er keinen Verdacht schöpft?“

„Nun … ich kann es versuchen“, willigte Sophie schließlich ein – und ihr Herzschlag beschleunigte sich augenblicklich bei dem Gedanken an ein solches Abenteuer.

„Dann haben wir einen Deal?“, erwiderte Ferdinand von Sternberg.

Er reichte ihr die Hand.

Einen Moment zögerte Sophie noch – aber dann schlug sie ein.

„Die ganze Sache steht und fällt damit, dass Sie geschickt vorgehen“, erklärte er. „Vor allem eines sollten Sie unbedingt vermeiden.“

Sophie blickte ihn fragend an.

„Und was wäre das?“

„Die Erwähnung meines Namens“, setzte er sie in Kenntnis, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

2. KAPITEL

„Doktor von Sternberg?“

„Ja?“

„Könnten Sie sich noch Zeit für eine Patientin nehmen? Ein Notfall – Verdacht auf gebrochenen Arm.“

Die Praxis hatte eigentlich gerade zugemacht. Er hatte seinen Mantel bereits angezogen und war auf dem Weg zur Universität.

„Nun, eigentlich habe ich eine Vorlesung. Aber … nun, gut … wer ist es?“, erwiderte er leicht genervt.

Nachdem er den Mantel wieder abgelegt hatte, betrat er das Behandlungszimmer seiner Praxis.

Auf der Patientenliege saß ein kleines Mädchen mit lockigem brünetten Haar. Es mochte etwa fünf Jahre alt sein. Ihr Gesicht war tränenüberströmt – und ihr rechter Arm war mit blauen Flecken und etwas Blut überzogen. Eine Frau in seinem Alter, wahrscheinlich ihre Mutter, stand daneben und trat nervös von einem Bein auf das andere.

„Gott sei Dank, Doktor!“, begrüßte die Frau ihn. Sie wirkte völlig aufgelöst, um nicht zu sagen panisch. Aber das war nun mal sein täglich Brot als Kinderarzt – und er konnte es den Eltern nicht wirklich verdenken. Hätte er selbst Kinder, wäre er nicht weniger besorgt um sie. Aber leider hatte er keine. Nur seine kleinen Patienten.

„Ich denke, meine Tochter hat sich den Arm gebrochen“, erklärte die Frau. „Sie ist von der Schaukel gefallen – ich hab nur einen Moment lang nicht aufgepasst, und schon ist es passiert …“

Mit wenigen Schritten war er bei ihr und der Kleinen angelangt.

„Machen Sie sich keine Sorgen, wir kriegen Ihre Tochter wieder ganz gesund“, versuchte er, die Mutter zu beruhigen. Um dann das Mädchen anzulächeln. „Und? Was genau ist passiert?“

„Ich hab in den Himmel geschaut, und auf einmal bin ich geflogen!“, schluchzte sie.

Kinder …, seufzte er innerlich.

Sie waren das Einzige, was ihn aufmunterte.

Das Einzige, was ihn daran erinnerte, wie schön diese Welt sein konnte.

„Aber das klingt doch wunderbar!“, erklärte er. „Du hast geträumt und dann …“

„… kam die harte Landung …“, unterbrach ihn die Mutter des Mädchens. Was zu einem weiteren Weinanfall führte.

„Nun, jetzt schauen wir uns mal deinen Arm an“, schlug er vor. „Kannst du ihn bewegen?“

Das kleine Mädchen schüttelte den Kopf.

„Ein klitzekleines bisschen? Sagen wir: einen Zentimeter?“

Zuerst blickte die Kleine auf ihn – und dann auf ihren Arm.

„Du … meinst … so?“, fragte sie, während sie den Arm langsam ausstreckte. Er hatte es sich schon gedacht. Alles halb so schlimm. Nun, jedenfalls wenn sich seine erste Diagnose bestätigte. Vorsichtig, um ihr keine zusätzlichen unnötigen Schmerzen zuzufügen, tastete er ihren Arm ab.

„Und – wie heißt du?“, fragte er sie.

„Alicia.“

„Alicia?“ Er runzelte ungläubig die Stirn. „Hm, das wundert mich.“

Nun war es das kleine Mädchen, das sich nur noch für ihn zu interessieren schien.

„Warum?“, wollte sie wissen.

„Nun, ehrlich gesagt dachte ich, du heißt Leonie – das bedeutet Löwin. Weil auf dieser Liege noch nie ein Mädchen saß, das so tapfer war wie du. Und das so wenig geweint hat, obwohl ihr Arm so unglaublich wehtat.“

Sie blickte ihn mit großen Augen an.

„Wirklich?“

„Wirklich.“

„Und … wie heißt du?“, fragte sie.

„Leonhard“, erwiderte er.

„Wow – also bist du ein Löwe?“

„Nun, das dachte ich bis jetzt eigentlich. Aber ehrlich gesagt bin ich nur halb so mutig und tapfer wie du, Alicia. Du machst das wirklich großartig“, erklärte er, während er die Schürfwunden an ihrem Arm desinfizierte und ihn bandagierte. Kein Bruch, Gott sei Dank. Wie es aussah, war es nichts weiter als eine leichte Stauchung, verbunden mit ein bisschen Blut und Tränen.

„Und … machst du mich wieder ganz gesund?“

„Ja, das mache ich.“

„Warum?“

Seine kleinen Patienten konnten Fragen stellen!

Er blickte ihr in die Augen, als wären sie die letzten zwei Überlebenden eines Geheimbundes und ihr seit Jahrhunderten streng gehütetes Geheimnis dürfe eigentlich nie das Licht der Welt erblicken.

„Weil du das hübscheste, süßeste und mutigste Mädchen bist, das mir je begegnet ist …“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Aber …“ Er legte den Finger auf seinen Mund. „Pst …“

„Wirklich?“

„Wirklich.“

„Und du machst mich wieder ganz, ganz gesund, versprochen?“

„Indianerehrenwort“, erwiderte er und legte seine Hand auf sein Herz. „Es ist nur eine Stauchung, in ein paar Tagen ist alles wieder in bester Ordnung“, sagte er, an die Mutter der Kleinen gewandt.

Die sichtlich aufatmete.

„Ich bin Ihnen so dankbar!“, sagte sie.

„Danken Sie nicht mir, danken Sie Gott – oder dem Universum oder wie auch immer man es nennen will“, erklärte er. „Und wir zwei sehen uns in einer Woche zur Nachuntersuchung …“, erklärte er dem kleinen Mädchen. „Okey dokey?“

„Okey dokey“, erwiderte sie kichernd, und es schien ihr schon viel besser zu gehen.

Zwei Minuten später war er aus der Praxis – wenn er sich beeilte, konnte er es gerade noch zu seiner Abendvorlesung schaffen.

Er hasste es, zu spät zu kommen.

In letzter Sekunde erreichte er die heiligen Hallen der medizinischen Fakultät und hetzte in Richtung des Vorlesungssaals.

Draußen war es bereits dunkel, und der Schnee reflektierte das helle Licht, das aus den erleuchteten Fenstern fiel. Leider fehlte Leonhard die Zeit, die Schönheit dieses Augenblicks angemessen zu würdigen. Als Teil der Professorenschaft war er schließlich ein Vorbild für seine Studenten. Er war nicht nur dazu da, medizinische Fachkenntnisse zu vermitteln, sondern darüber hinaus auch Werte, auf die es in unserer Gesellschaft ankam.

Und Pünktlichkeit gehörte auf jeden Fall dazu.

Es war ihm gerade noch gelungen, sich keiner Verspätung schuldig zu machen, stellte er mit einem Blick auf die Schweizer Automatikuhr an seinem Handgelenk fest, als er schwungvoll die Tür zum Vorlesungssaal aufstieß. Auch heute fiel es ihm wieder auf: Er hatte fast nur Frauen als Zuhörer. Was ihn wunderte, denn Fakt war: Die Studentinnen fürchteten ihn. Sobald er den Raum betrat, wurden sie augenblicklich mucksmäuschenstill. Wenn sie ihm auf dem Flur begegneten, senkten sie den Kopf. Warfen ihm verängstigte Blicke zu.

War er wirklich so schlimm? War er dabei, sich in seinen eigenen Vater zu verwandeln? Nur ohne dessen Playboy-Gen? Nun, sein persönlicher Standpunkt war: Er war hart – aber gerecht.

„Wenn Sie sich einen Beruf wünschen, in dem Sie Fehler machen dürfen, werden Sie keine Mediziner.“ Das war es, was er grundsätzlich als Erstes in seinen Vorlesungen erwähnte.

Fehler konnte er nicht tolerieren.

Denn sie konnten Menschenleben kosten in diesem Beruf.

Aber machte ihn das zu einem schlechten Menschen? Zu einem harten, unnachgiebigen Menschen? So wie es sein Vater war, schon in jungen Jahren Chefarzt und später Erfinder unzähliger medizinischer Patente, die ihn zu einem reichen Mann gemacht hatten, bevor er zu einem ausschweifenden und zügellosen Lebensstil übergegangen war, Alkoholexzesse und Affären eingeschlossen? Er hatte Leonhards Mutter nicht einmal betrogen – nein, viele Male. Unzählige Male. Sogar noch, als ihr Krebs so weit fortgeschritten war, dass ihre Tage gezählt waren. Doch sie hatte ihn weiter geliebt. Über alles. Als wäre all das nicht seine Schuld. Wenn er so ein genialer Arzt war, wieso hatte er sie nicht retten können? Wenn er so ein toller Hecht war, wieso hatte er sie nicht lieben können – bis dass der Tod euch scheidet?

Wieso hatte er sie allein gelassen in ihrer schwersten Stunde?

Nach ihrem Tod, den Leonhard bis heute nicht verdaut hatte und an dem niemand anders als sein Vater die Schuld trug, hatte er jeden Kontakt abgebrochen.

Und genauso hatten es seine Geschwister gehandhabt: Lucia war in die Schweiz geflohen, um Abstand zu gewinnen. Räumlichen Abstand, denn sie war es, die ihr Vater für gewöhnlich als Erste kontaktierte. Um ihre Tochterliebe einzufordern, die angeblich bedingungslos war. Nun, damit war es definitiv vorbei – sie lebte seit fast einem Jahrzehnt in St. Moritz und hatte nicht vor, nach Österreich zurückzukehren. Leonhard telefonierte fast jede Woche mit ihr – aber ihr gemeinsamer Vater kam in diesen Gesprächen kaum noch vor. Und wenn, dann höchstens als bedrückende Randnotiz. Als ein Geist der Vergangenheit, der gelegentlich noch in ihren Köpfen herumspukte.

Und dann war da noch Luis – ihr kleiner Stern, wie sie ihn früher genannt hatten. Er war das Nesthäkchen. Ihn hatte der Tod seiner Mutter am härtesten getroffen. Eine Weile war er komplett abgestürzt, hatte die Kontrolle verloren und war auf die schiefe Bahn geraten: harte Drogen und Reha inklusive. Irgendwann schien er sich zwar halbwegs gefangen zu haben, doch er war nie wieder der Alte geworden – so optimistisch, enthusiastisch, voller Lebenslust, wie sie ihn alle gekannt hatten. Etwas in ihm schien für immer zerbrochen zu sein. Schließlich hatte er sich auf einen Selbstfindungstrip auf nach Indien gemacht. Erst das Hippie-Paradies Goa, danach Mumbay, die Millionenmetropole. Das war vor drei Jahren gewesen. Seitdem hatten weder Lucia noch er, Leonhard, je wieder etwas von ihrem kleinen Bruder gehört. Das riesige Indien schien ihn bei lebendigem Leibe verschluckt zu haben.

Nun, zumindest beteten sie, dass es bei lebendigem Leibe geschehen war.

Ob er noch lebte? Sie wussten es nicht.

Aber sie hofften es.

Es war nicht seine Schuld, was geschehen war.

Doch wenn man einem Träumer seine Träume nahm – und dabei vor allem den Traum, dass Menschen gut waren, dass die Welt gut war – zerstörte es alles. Denn anders als Menschen, die wie er, Leonhard, oder seine Schwester Lucia mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität standen, war Luis nun mal ihr kleiner Stern gewesen.

Und was taten Sterne?

Sie leuchteten.

Doch wenn das Leuchten eines Tages erlosch, verschwanden sie irgendwo im Dunkel des Universums – in einem unauffindbaren schwarzen Loch. Und genauso war es Luis ergangen, ihrem kleinen Bruder, ihrem leuchtenden Stern.

Leonhard wusste mittlerweile nicht mehr, wofür er seinen Vater mehr hasste: für das, was er seiner Mutter angetan hatte – oder für das, was seinetwegen mit Luis passiert war. Als ältestes der drei Kinder hatte Leonhard immer versucht, auf die beiden anderen mit aufzupassen. Doch das, was in ihrer Familie geschehen war, hatte zu schwer auf Luis’ Seele gewogen – und so war es Leonhard unmöglich gewesen, ihn zu halten, ihn vor dem Absturz zu bewahren.

„Professor von Sternberg? Welche Rolle spielt die Familiengeschichte bei schweren Krankheiten, die sich schon im Kindesalter abzeichnen?“ Es war die Stimme einer Studentin, die ihn aus seinen schwermütigen Gedanken holte – mitten in seiner Vorlesung.

„Eine oftmals fatale Rolle“, erwiderte er, halb an sich selbst und halb an die Studentin gewandt. Um dann seinen Vortrag fortzusetzen, geistesabwesend wie selten zuvor. Aber genau das passierte, wenn er seine Gedanken schweifen ließ und an seinen Vater dachte. Und daran, was der alte Exzentriker ihnen allen angetan hatte.

Was er seiner Familie angetan hatte.

Ihrer Familie.

Weshalb Leonhard es eindeutig vorzog, es nicht zu tun.

Nicht an ihn zu denken.

„Entschuldigung? Professor?“

Er hatte die Vorlesung vor ein paar Minuten beendet und war auf dem Weg nach Hause. Erschöpft, müde und ja: ein wenig mürrisch, um nicht zu sagen wütend – wütend auf die Schatten der Vergangenheit, die ihn auch heute noch, ein Jahrzehnt nach dem Tod seiner Mutter, noch immer verfolgten.

Die Stimme kam ihm bekannt vor. Gehörte sie zu derselben Studentin, die ihn schon vorhin unsanft aus seinen Gedanken geweckt hatte? Himmel noch mal, er konnte Streber nicht leiden, die sich gleich nach der Vorlesung an die Fersen ihrer Lehrkraft hefteten, nach Aufmerksamkeit hechelnd.

„Ja!“, antwortete er harsch, ohne sich umzudrehen.

Für einen Moment überlegte, ob er zu harsch reagierte. Ob er stehen bleiben sollte. Doch dann verwarf er die Idee wieder und behielt sein flottes Marschtempo bei. Die weiblichen Studentinnen hatten ohnehin Angst vor ihm – und dabei wollte er es belassen. Er wiederum hatte auch Angst vor ihnen, oder besser gesagt vor Frauen im Allgemeinen – seit seiner Scheidung vor zwei Jahren ging er ihnen lieber aus dem Weg.

Wieso also ein perfektes Arrangement aufs Spiel setzen?

Es ging ihm gut.

Nein: Es ging ihm mehr als gut. Es ging ihm perfekt – besser als je zuvor!

„Sie haben einen ganz schön schnellen Gang drauf“, vernahm er die Stimme hinter sich. Sie war offenbar schwerer abzuschütteln, als er angenommen hatte.

„Das ist gut fürs Herz“, erklärte er, erneut ohne sich zu ihr umzudrehen. „Menschen, die schnell gehen, leben länger als Menschen, die schlurfen. Ich wünsche Ihnen noch ein schönes Leben, so kurz es auch sein mag.“

Kaum hatte er ausgesprochen, liebte er sich schon für diese Antwort.

Denn sie war erstens medizinisch korrekt – und zweitens menschlich unsympathisch genug, um ihm Ruhe vor ihr zu verschaffen. Wenn das nicht saß, dann …

„… nur eine Minute! …“

Nun, im zweiten Punkt hatte er sich offenbar getäuscht.

Leonhard von Sternberg verlangsamte seinen Gang und drehte sich ungehalten um – um zu sehen, wer ihn so derart penetrant verfolgte. Eine Sekunde lang hielt er inne, als er die zierliche Brünette mit den leuchtend grünen Augen vor sich erblickte. Sie … nun, es war ja auch egal, riss er sich zusammen.

„Also gut, was wollen Sie?“, fragte er, noch immer ungehalten. Nur weil sie hübsch war, änderte das nichts an seinen Prinzipien. „Sind Sie Studentin, oder was?“

„Ja“, erwiderte sie, um dann sogleich den Kopf zu schütteln. „Das heißt, nein, nicht nur. Ich arbeite freiberuflich für … die Salzburger Zeitung“, erklärte sie. Täuschte er sich, oder war sie nervös? Ihre Stimme klang seltsam wackelig.

„Und?“

„Nun, wir möchten im Lokalteil eine kleine Reihe mit Artikeln über Persönlichkeiten aus unserer schönen Stadt starten.“

Persönlichkeiten? Was sollte das nun wieder?

„Und bei einer Online-Umfrage unter unseren Lesern wurden Sie zum beliebtesten Kinderarzt in Salzburg gewählt.“

Nun – das kam in der Tat überraschend! Leonhard hatte keine Ahnung gehabt, dass er so beliebt war. Zumal er nicht unbedingt viel dafür tat, dass die Menschen ihn mochten. Nur Kinder machten da eine Ausnahme – von daher konnten eigentlich nur sie es gewesen sein, die sich bei der Zeitungsumfrage für ihn eingesetzt hatten. Aber was sollte es – er beschloss, der Anfrage der jungen Journalistin Gehör zu schenken.

„Deshalb würde ich gerne ein kurzes Interview mit Ihnen führen.“

„Ein Interview? … gut, schießen Sie los!“

Doch sein Gegenüber schüttelte schnell den Kopf, kaum hatte er ausgesprochen.

„Wäre es vielleicht möglich, dass ich Sie in einem Café in der Nähe interviewe? Gleich hier um die Ecke der medizinischen Fakultät? Dort sind wir ungestörter, denn es ist doch etwas ausführlicher.“

„Sagten Sie nicht, es wäre nur ein kurzes Interview?“

„Ja, das … ist es auch …“ Jetzt kam sie richtiggehend ins Stottern. „Aber nur später … im Druck, wenn Sie verstehen. Wenn wir die interessantesten Antworten herausgefiltert haben. Aber wenn Sie jetzt vielleicht zehn Minuten Zeit hätten, wäre das einfach … wunderbar … wirklich …“

Zwei oder drei Sekunden lang blickte er die junge Frau einfach nur nachdenklich an. Wie es aussah, war sie noch nicht lange dabei. Ein Greenhorn. Aber sie wirkte sympathisch – aus irgendeinem unerklärlichen Grund fühlte er sich nicht unwohl in ihrer Nähe – und darüber hinaus wollte er nicht am Karriereende einer jungen Lokaljournalistin schuld sein, noch bevor diese Karriere überhaupt begonnen hatte.

„Jetzt gleich?“, fragte er.

„Gerne“, erwiderte sie. „Ich müsste nur noch einmal schnell für kleine Mädchen, und dann kann’s losgehen, einverstanden?“

Er nickte.

„Nicht weglaufen“, rief sie ihm zu, während sie sich auf den Weg in Richtung der Toiletten machte. Sie schien sich auszukennen hier. Sagte sie nicht, dass sie auch Studentin war – neben ihrer Tätigkeit für die Zeitung? Oder andersrum? Nun, es war ja auch egal.

Ein paar Minuten später betraten sie das Café in der vorweihnachtlich geschmückten Salzburger Altstadt unterhalb der prächtigen schneeweißen Hohensalzburg, dem berühmten Wahrzeichen der Stadt auf dem Festungsberg. Es lag nur etwa fünf Gehminuten von der medizinischen Fakultät entfernt und war deshalb bei Studenten sehr beliebt – Leonhard war selbst schon einige Male hier gewesen. Es war eines dieser altmodisch plüschigen Cafés, die nach Kaffee und Kuchen dufteten und nach längst vergangenen Zeiten. Auf den kleinen Tischchen brannten rote Kerzen. Jetzt fehlte nur noch ein Rosenverkäufer, und die Romantik wäre nicht mehr zu übertreffen, dachte er zynisch bei sich. Auf dem Weg durch die verschneiten, im Licht der Straßenlaternen liegenden kleinen Gassen hatten sie ein paar Worte gewechselt, Small Talk, mehr nicht. Es war so kalt, dass einem der Atem auf den Lippen gefror. Die letzten Läden waren gerade dabei zu schließen. Menschen stapften mit Tüten und Weihnachtseinkäufen durch den Schnee. Und am Residenzplatz warteten wie eh und je die berühmten Salzburger Pferdekutschen – die Fiaker – auf Paare, die Lust hatten auf eine kuschelige Fahrt durch den Schnee.

Was in diesem Moment weder auf Leonhard noch auf seine Begleitung zutraf.

Auch wenn ihm der Gedanke daran für einen Moment durchaus gefiel.

Noch immer wirkte die junge Frau ziemlich nervös.

Galant half er ihr aus dem Mantel, als sie das warme Innere des Kaffeehauses erreicht hatten. Er mochte nicht der freundlichste Mensch auf der gesamten Erde sein, aber in diesem Punkt war er altmodisch – er glaubte an gute Manieren.

Die ihm selbst allerdings bis auf ein paar dieser klassischen Taschenspielertricks oft abhandenkamen. Wie es aussah, hatte er tatsächlich einige Bad-Boy-Gene geerbt. Von wem wohl? dachte er – und schob den ungewollten Gedanken an seinen Vater schnell beiseite.

„Also, was wollen Sie wissen?“, fragte er sie, nachdem sie an einem kleinen runden Bistrotischchen Platz genommen hatten.

Doch bevor sie antworten konnte, trat eine freundliche Bedienung an den Tisch. „Grüß Gott. Was darf ich Ihnen bringen?“

Sie bestellten zwei Glas Rotwein, einen halbwegs anständigen Bordeaux – es war kurz nach acht, da durfte das sein.

„Wie heißen Sie überhaupt?“, fiel ihm nach dem ersten Schluck auf, dass sie sich überhaupt nicht vorgestellt hatte.

„Ich? … Ähm, Sophie …“, gab sie ihm die Studentenversion ihres Namens – den Vornamen.

„Und Sie sind hauptberuflich Journalistin? Oder Studentin? Oder …?“

„Nun, es … ist etwas kompliziert“, erwiderte sie, erneut verunsichert und mit leicht brüchiger Stimme, während ihr Blick abwechselnd zwischen ihm und dem verschneiten Bürgersteig hinter der Glasfront des Cafés hin und her glitt, als hätte sie dort draußen etwas verloren. Als würde sie dort etwas suchen.

Etwas oder jemanden.

3. KAPITEL

Der alte von Sternberg hatte das Café selbst vorgeschlagen. Weil er hoffte, dass sein Sohn in der Öffentlichkeit keine Szene machen würde.

Doch wo war er?

Langsam wurde Sophie wirklich unruhig.

Wie lange würde sie Doc Clive Owen noch hinhalten können?

Doch noch mehr Sorge machte ihr die bevorstehende Szene, die laut Ferdinand von Sternberg nicht stattfinden würde.

Aber hundertprozentig sicher war sie sich dessen nicht.

Das sagte ihr ihre weibliche Intuition.

Ihre Hände jedenfalls waren schweißnass vor Aufregung. Sie hoffte nur, dass ihr, nun … Opfer? … Interviewpartner …? es ihr nicht anmerkte.

„Also“, fragte er. „Fangen wir an?“ Langsam schien er tatsächlich aufzuwärmen. Gott sei Dank. Denn so gewann sie Zeit.

Mit jeder Minute, die sie hier verbracht hatten, schien seine anfängliche leichte Abwehrhaltung zu verschwinden – und einer mehr und mehr freundschaftlichen Art zu weichen. Obwohl Sophie nicht behaupten konnte, dass es ihr so besser gefiel, denn sobald er von ihren wahren Gründen, ihn hierher gelockt zu haben, erfuhr, wäre es definitiv aus mit der Freundschaft.

„Er wird nie erfahren, dass wir unter einer Decke stecken“, hatte sein Vater ihr versichert. „Sie machen nur das Interview – und ich platze wie zufällig in das Café. Das Einzige, was Sie dann noch tun müssen, ist, Contenance zu bewahren.“

Nun, in diesem Moment war Sophie sich nicht so sicher, ob ihr das gelingen würde.

„Eine Woche später, wenn er Sie ohnehin schon fast vergessen hat, rufen Sie ihn dann an und sagen, dass die Redaktion den Beitrag gestrichen hat – oder verschoben, auf einen noch unbekannten Termin. Die Sache wird langsam in Vergessenheit geraten, glauben Sie mir.“

Hoffentlich.

„Nun, was mich eigentlich am meisten interessiert, ist: Warum sind Sie überhaupt Arzt geworden – und warum Kinderarzt?“

Das sollte ihr etwas Zeit bringen, dachte sie – auf eine ausführliche Antwort gefasst.

Leonhard von Sternberg nahm einen Schluck aus seinem Glas.

„Mein Vater war Arzt“, erklärte er trocken. „Und ich mag Kinder einfach lieber als Erwachsene.“

„Aha …“

Etwas länger hätte er sich schon auslassen können.

„Aber … gab es da nicht … so eine innere Stimme …“, improvisierte sie, „… die Ihnen gesagt hat, Sie müssten … sollten …“

Doch er schüttelte nur den Kopf.

„Nun, … Ihr Vater muss sehr stolz auf Sie sein“, wechselte sie schnell das Thema. „Ich wette, Sie freuen sich schon auf Weihnachten.“

Sein Blick wechselte von leicht gelangweilt in leicht verwirrt.

„Wie kommen Sie darauf?“

„Nun, weil Weihnachten doch das Fest ist, bei dem sich die ganze Familie trifft … sicher sehen Sie Ihren Vater auch?“ Ja! Jetzt war sie auf der richtigen Spur!

Sie hatte das heiße Eisen mutig angepackt und es auf den Tisch geworfen – und sah sich für eine Sekunde vor ihrem geistigen Auge bereits als mutige Enthüllungsjournalistin.

Allerdings auch nicht für länger als für eine Sekunde.

„Ist das wichtig für den Artikel?“, holte ihr Gegenüber sie zurück auf den Boden der Tatsachen.

Sophie stieß innerlich einen tiefen Seufzer aus.

Er war wirklich ein härterer Brocken, als sie angenommen hatte.

„Für den … Artikel? Nein, das war nur privates Interesse …“, erwiderte sie. „Haben Sie selbst Kinder?“

„Leider nicht, aber ich wünsche mir welche.“

„Ja, ich auch.“

Kaum hatte die nächste unprofessionelle Bemerkung ihren Mund verlassen, spielte auch schon ein Lächeln um seinen Mund.

„Darf ich Sie auch etwas fragen?“, wollte er wissen.

„Ähm, ja?“

„Sind Sie schon lange Journalistin?“

Mist! Sie war aufgeflogen! Jetzt würde er sie nach allen Regeln der Kunst sezieren – wie er es während des Medizinstudiums gelernt hatte. Nur mit Worten statt mit dem Skalpell. Nun, zumindest hoffte sie, dass es bei Worten bleiben würde.

„Ich … ich …“, stotterte sie. „Also ehrlich gesagt bin ich nur freie Mitarbeiterin – ich schreibe gelegentlich Artikel, um mir mein Studium zu finanzieren.“

Ein Weilchen blickte er sie nur an. Sie konnte sein innerliches Kopfschütteln nicht sehen, aber sie konnte es fühlen. Doch aus irgendeinem nicht näher ersichtlichen Grund schien er ihr immer noch wohlgesonnen zu sein. Er musterte sie fast – belustigt?

„Das hab ich mir schon gedacht“, sagte er schließlich. „Aber Sie machen das sehr gut, wenn ich sagen darf.“

Sehr gut?

Hatte sie richtig gehört? Was hatte das jetzt wieder zu bedeuten?

Sophie wurde einfach nicht schlau aus ihm. Nicht, wenn er sie … so … ansah … So wie Clive Owen seine Filmpartnerinnen in seinen besten Momenten. Mit diesem eindringlichen Blick, der zu sagen schien: „Ich weiß sehr viel mehr über dich, als du annimmst.“

So wie es aussah, war er der geheimnisvolle Typ Mann – der Typ Mann, der sich nicht so leicht in die Karten blicken ließ.

Noch immer ruhte sein Blick auf ihr wie festgetackert.

Moment mal: Nahm er sie etwa auf den Arm?

„Nehmen Sie mich etwa auf den Arm?“, wiederholte sie wortgetreu, was sie gerade gedacht hatte.

Doch er blickte sie nur an – mit todernster Miene.

„Ja, das tue ich“, erklärte er.

Einen Moment lang legte sich eine fragende Stille zwischen sie – bis sie schließlich beide loslachten. Es war befreiend. Die quälende Spannung in ihr löste sich schlagartig. Fiel von ihr ab wie ein schwerer nasser Mantel, während sich ihre Blicke trafen.

Erst jetzt hatte sie Gelegenheit, es festzustellen:

Er hatte ein schönes Lächeln – ansteckend wie das eines kleinen Jungen.

Bildete sie es sich nur ein, oder trafen sich ihre Augen für ein oder zwei Sekunden zu lang?

Nun – Sophie blieb keine Zeit, auch nur einen Moment länger darüber nachzudenken. Denn das eben noch so ansteckende Lächeln in seinem Gesicht erlosch abrupt wie die Flamme einer Kerze, die ein eisiger Windzug ausgeblasen hatte. Leonhard von Sternberg schien direkt vor ihren Augen zur Salzsäule zu erstarren, während sich sein Blick verfinsterte.

Sein Blick, der auf etwas gerichtet war, das sich unmittelbar hinter ihrem Rücken befinden müsste.

Oder wie sie annahm, nicht auf etwas, sondern auf jemanden.

„Leo …“, vernahm sie die Stimme von Sternberg senior direkt hinter sich.

Sie hatte sich nicht getäuscht. Da also war er. Da also war sie – die Szene, die keine werden sollte, wie der alte Herr gehofft hatte.

Augenblicklich sprang ihr Gegenüber von seinem Platz auf und reichte ihr die Hand.

„Ich muss leider gehen“, erklärte er in übertriebener Hast. „Ein Notfall.“

„Aber das Interview …?“

„Ich denke, damit waren wir ohnehin durch …“

„Jetzt komm schon, Leo“, vernahm sie Ferdinand von Sternberg, der zu ihnen an den Tisch getreten war. „Zeit für einen Kaffee mit deinem alten Herrn wirst du doch wohl noch haben, oder? Mehr als fünf Minuten verlange ich ja gar nicht.“

„Es tut mir leid“, erwiderte der Junior. „Aber wie gesagt: Es handelt sich um einen Notfall, der leider nicht warten kann.“

„Was soll das für ein Notfall sein, Junge? Aus heiterem Himmel und ohne Anruf?“

„Alles, was passt“, erklärte Leonhard von Sternberg, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. „Solange es mich nur von diesem Ort wegbringt.“

„Nun komm schon, wir haben seit fast zehn Jahren nicht gesprochen. Glaubst du nicht, dass es Zeit ist für einen Neuanfang?“

„Ehrlich gesagt: Nein. Oder hast du dich etwa verändert? Bist du urplötzlich vom Saulus zum Paulus konvertiert?“

„Leo, ich versuche doch nur …“, versuchte der Alte zu erklären und ergriff den Arm seines Sohnes.

„Tut mir wirklich leid“, winkte der junge von Sternberg ab und riss sich fast gewaltsam los. „Aber ich muss hier raus …“ Hastig zog er einen Zehn-Euro-Schein aus seiner Hosentasche und pfefferte ihn nahezu auf die Tischplatte. Um daraufhin ihr, Sophie, einen entschuldigenden Abschiedsblick zuzuwerfen.

„Sorry, dass Sie sich das anhören mussten …“

„Nein, das ist kein Problem …“, erwiderte sie noch, doch ihr Interviewpartner war bereits auf dem Weg hinaus in die kalte Winternacht.

Sophie wollte gerade ansetzen, etwas zu ihrem Auftraggeber zu sagen, der zusammen mit ihr seinem Sohn durch die Fensterfront hinterhersah, aber Ferdinand von Sternberg hielt sie augenblicklich zurück. „Kein Wort“, zischte er. „Nur für den Fall, dass er sich umblickt. Er darf nicht erfahren, dass wir unter einer Decke stecken.“

„Und was nun?“, fragte sie so leise und unauffällig wie möglich.

„Laufen Sie ihm nach, schnell!“

„Jetzt?“

„Ja, natürlich jetzt!“, erwiderte er, fast ohne seine Lippen zu bewegen.

Eilig warf Sophie sich in ihren Mantel und hetzte hinaus. Sie sah Leonhard von Sternberg gerade noch um die nächste Ecke verschwinden – mit schnellem Gang und hochgestelltem Mantelkragen.

Es hatte wieder zu schneien begonnen.

„Professor von Sternberg?“, rief sie ihm hinterher, um ihn zum Warten zu bewegen. Doch anscheinend hatte er sie nicht gehört.

Oder er wollte sie nicht hören.

Das war die wahrscheinlichere Variante.

„Leonhard …!“, rief sie ihn schließlich beim Vornamen, mittlerweile bereits ein wenig atemlos, denn ihr Abstand vergrößerte sich gefährlich. Nun: Ehrlich gesagt war es ihr ganz lieb, denn genau genommen folgte sie hier nur blindlings einem Befehl – dem Befehl ihres Auftraggebers, der sie hinaus aufs Schlachtfeld geschickt hatte. Sie selbst jedoch hatte nicht die leiseste Idee, was sie zu einem aufgebrachten, um nicht zu sagen wahrscheinlich sogar wütenden Doktor Clive Owen sagen würde, sollte er wirklich auf ihre Worte hören und seinen Lauf durch die verschneiten Salzburger Gassen unverhofft stoppen.

Um ihrer Erklärung zu lauschen.

Was genau es war, das eine freie Mitarbeitern einer Lokalzeitung dazu verleitete, sich wie ein Bullterrier an dieser Story festzubeißen, als wäre sie die größte Salzburger Enthüllungsgeschichte seit Jahrzehnten und nicht nur ein kleines Porträt eines lokalen Kinderarztes und Hochschulprofessors.

Gott sei Dank sollte es dazu nicht kommen.

Schon bald darauf verlor sich seine Spur im Schnee.

Und in der Nacht.

Als Sophie etwa zehn Minuten später wieder in das kleine Café zurückkehrte, war auch Ferdinand von Sternberg verschwunden.

Ein paar Leute blickten sie mitleidig an, so als wäre sie an der ganzen Malaise schuld. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. Wie es aussah, war ihr Auftrag damit beendet. Und man konnte nicht unbedingt sagen erfolgreich beendet.

Nein, es war der größte Reinfall gewesen, den sie sich hatte vorstellen können. Der Worst Case war eingetreten – vielleicht nicht für sie, aber ganz sicher für Ferdinand von Sternberg. Er tat ihr leid in diesem Moment. Was auch immer er in der Vergangenheit angerichtet hatte, es musste wehtun, wenn das eigene Kind vor einem das Weite suchte. Ohne ein Wort, ohne einen Händedruck, ohne jedes Zeichen der Zuneigung.

Als Sophie an diesem Abend nach Hause kam, fühlte sie für einen Moment lang die Verlorenheit, die Ferdinand von Sternberg in sich spüren musste.

Er hatte drei Kinder – und er war doch allein.

Niemand schien ihn zu lieben.

Ja, er tat ihr leid.

Kurz entschlossen griff sie zum Telefonhörer.

„Ich hab mir schon gedacht, dass Sie es sind“, begrüßte ihr Auftraggeber sie. Seine Stimme klang müde.

Des Lebens müde?

Sophie wusste es nicht zu sagen.

„Er ist mir entwischt“, erklärte sie. „Es tut mir leid.“

„Nun“, erwiderte Ferdinand von Sternberg. „Damit wäre Ihr Auftrag dann wohl erledigt – Sie sind gefeuert.“

Gefeuert?

Moment mal!

„Aber es war nicht meine Schuld“, widersprach sie.

„Das ist mir durchaus klar.“

„Aber …“

„Sie haben doch mit eigenen Augen gesehen, wie ausweglos die Situation ist … oder etwa nicht …?“

„Nun, ich …“

„Es war ein letzter Versuch, meine Kinder noch einmal zu sehen. Und er ist gescheitert, so muss man es wohl sehen“, vernahm sie vom anderen Ende der Leitung. „Der Hass ist über die Jahre anscheinend eher gewachsen als verschwunden. Ich hatte gehofft, dass es weniger schlimm wäre.“

Sophie schüttelte langsam den Kopf. Nein, nein und nochmals nein. So schnell durfte er nicht aufgeben. So schnell würde sie nicht aufgeben.

„Wieso appellieren Sie nicht einfach an Leonhards Herz?“, fragte sie. „Und erzählen ihm ganz ehrlich von Ihrem Infarkt? Sagen ihm, dass es Ihnen leid tut …“

„Nun, ich glaube nicht, dass er mich überhaupt so weit kommen lassen würde. Sie haben es doch selbst mitbekommen – wie schnell er sich aus dem Staub gemacht hat, als wäre ich der Leibhaftige persönlich! Davon abgesehen …“

Für einen Moment schlich sich eine unbequeme Stille in die Leitung.

„… davon abgesehen …?“, hakte Sophie nach.

„Nun, davon abgesehen weiß ich nicht, ob ich in diesem Moment wirklich … die Kraft dazu aufbringen würde …“, erklärte ihr Gesprächspartner. „Ob ich stark genug wäre zu sagen, was gesagt werden muss, wenn Sie verstehen. Oder ob ich kneifen würde, wie … nun, wie ich es eigentlich immer getan habe, wenn es unangenehm wurde … kurz gesagt: Ich kann nicht garantieren, meinem Sohn das zu sagen, was ich ihm unbedingt sagen möchte.“

Eine Sekunde lang hielt Sophie inne.

Um dann eine Entscheidung zu treffen.

„Aber ich könnte es garantieren“, erwiderte sie schließlich. „Ich kann ihm sagen, was Sie ihm sagen möchten.“

Kaum hatte sie ausgesprochen, vernahm sie vom anderen Ende der Leitung einen schweren Seufzer.

„Sie sind hartnäckiger, als ich dachte“, hörte sie Ferdinand von Sternberg sagen. Und doch: Seine eben noch so müde Stimme klang augenblicklich optimistischer. Oder bildete sie es sich nur ein? Und wenn schon, sie hatten eine Schlacht verloren – aber den Krieg konnten sie noch immer gewinnen. So oder ähnlich sagte man doch, oder?

Wie auch immer: So wie es aussah, stand sie wieder ganz am Anfang. Nur dieses Mal mit weitaus ungünstigeren Vorzeichen, denn Plan A war grandios gescheitert. Zumindest wusste sie jetzt, wo sie Leonhard von Sternberg finden konnte – morgen früh stand eine weitere Vorlesung an. Sie musste beharrlich sein und ihn ein zweites Mal ansprechen, das war ihre einzige Chance.

Doch wie es mit zweiten Anläufen so ist: Die ungünstigen Vorzeichen schienen sie sogar bis in ihren Schlaf zu verfolgen. Denn als Sophie am nächsten Morgen erwachte, stellte sie mit einem erschrockenen Blick auf den Wecker fest, dass sie heftigst verschlafen hatte.

Es war fast elf.

Schnell sprang sie unter die Dusche und warf sich danach hastig in ihre Klamotten.

Es gelang ihr gerade noch, Leonhard an der Tür des Hörsaals abzufangen, in dem die Vorlesung soeben zu Ende gegangen war.

„Professor von Sternberg!“, rief sie, ein paar Schritte hinter ihm und völlig außer Atem. Sie hatte nicht mal Zeit gehabt, ihr Haar zu waschen. Es verbarg sich verwuselt und Gott sei Dank zum größten Teil unsichtbar für die Außenwelt unter einer weißen Wollmütze.

„Ja?“

Dieses Mal drehte er sich um.

Und erstarrte fast, kaum hatte er sie gesehen.

„Was machen Sie denn schon wieder hier?“

„Ich …“, wollte sie ansetzen, doch er unterbrach sie.

„Hören Sie“, erklärte er. „Der Vorfall von gestern Abend tut mir leid. Das hätten Sie eigentlich nicht mitansehen sollen. Ich entschuldige mich dafür.“

„Das … ist schon in Ordnung. Obwohl …“

Er blickte sie an, als hätte er sich verhört.

„Obwohl?“

„Obwohl … es für Ihren Vater … alles andere als in Ordnung ist.“

Der Gesichtsausdruck ihres Gegenübers versteinerte.

„Das ist eine Sache zwischen ihm und mir – eine Familienangelegenheit, die sonst niemanden etwas angeht“, erklärte er. „Auch Sie nicht.“

„Doch, das tut sie.“

Sophie biss sich auf die Lippen. Sie hatte keine Ahnung, welcher Teufel sie geritten hatte – aber nun war es zu spät: Sie hatte es ausgesprochen. Es gab kein Zurück. Sie hoffte, dass es stimmte, was das Sprichwort sagte: dass Angriff wirklich die beste Verteidigung war.

„Wie bitte?“

„Ich … ich … wollte damit nur sagen, dass Ihr Vater …“

„Ja? Ich höre?“

Leonhard von Sternbergs Gesichtsausdruck war von versteinert in entgeistert übergegangen.

„Ihr Vater hatte einen Unfall.“

„Was soll das heißen?“

Sophie wand sich. Aber was blieb ihr jetzt noch anderes übrig, als mit der Wahrheit rauszurücken?

„Es heißt, dass er einen schweren Herzinfarkt hatte – am Steuer seines Wagens. Ich habe ihn gefunden, mitten in der Nacht, und Erste Hilfe geleistet und den Krankenwagen verständigt.“

„Sie …“

„Und am nächsten Tag hat er mich gebeten, ihm dabei zu helfen, Kontakt zu Ihnen aufzunehmen.“

Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, erschien ein fassungsloses Lächeln auf dem Gesicht des jungen Arztes – begleitet von einem heftigen Kopfschütteln.

„Das bedeutet, Sie stecken mit ihm unter einer Decke?“

Sophie erwiderte nichts, während er weiter ungläubig den Kopf schüttelte.

„Und das Interview? Alles erfunden und erlogen, richtig? Nur um mich in dieses Café zu bekommen, damit er mich an einem öffentlichen Ort blamieren kann?“

„Halt, Sie verstehen das alles falsch!“, flehte sie ihn an, ihr weiter zuzuhören, denn er hatte sich bereits wieder in Bewegung gesetzt – in seinem üblichen Renntempo.

„Und was genau bitte verstehe ich falsch daran, Sie … Sie … Betrügerin?“, warf er ihr über die Schulter hinweg an den Kopf. „Denn das sind Sie ja ganz offensichtlich, oder irre ich mich etwa?“

„Lassen Sie mich doch ausreden, bitte!“ Sie rannte ihm hinterher. „Ihr Vater ist schwer krank, das war sein zweiter Infarkt. Er hat vielleicht nur noch ein paar Monate zu leben, und sein einziger Wunsch ist es, mit seinen Kindern noch einmal Weihnachten zu feiern. Vielleicht das allerletzte Mal. Deshalb hat er mich gebeten, Sie und ihn zusammenzubringen.“

Leonhard von Sternberg stoppte.

„Und Sie glauben wirklich, dass es so leicht ist?“

„Aber er möchte doch nur, dass Sie ihm vergeben!“

Sie sprach es aus, als wäre der alte von Sternberg ihr eigener Vater – und als müsse sie ihn geradezu beschützen vor der Ungerechtigkeit und Undankbarkeit der Welt.

Ihr Gegenüber schien das anders zu sehen.

„Sie haben doch keine Ahnung, wovon Sie reden.“

„Das ist mir klar!“, erklärte sie. „Aber wenn Sie ihn nur kurz zu Wort kommen ließen! Er möchte sich entschuldigen. Bei Ihnen allen!“

Der junge von Sternberg lachte auf.

„Nun, das wäre nicht die erste so genannte Entschuldigung