Das Eulentor - Andreas Gruber - E-Book
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Das Eulentor E-Book

Andreas Gruber

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Beschreibung

Ein düster-phantastischer Mystery-Thriller zum Gruseln. Im November 1911 segeln Alexander Berger, der Kartograph Hansen und eine Handvoll Norweger ans Ende der Welt. Inmitten zerklüfteter Gletscher und arktischer Temperaturen sterben die Teilnehmer an Erfrierungen, stürzen in Gletscherspalten oder verschwinden unter mysteriösen Umständen im Blizzard. Kurz vor Abbruch der Expedition entdecken die Überlebenden einen mysteriösen Schacht, der senkrecht und scheinbar endlos tief in die Erde führt. Sie wollen das Rätsel des Bauwerks lösen, das jedem physikalischen Gesetz widerspricht. Der gefährliche Abstieg in die Dunkelheit beginnt, wo Tod und Wahnsinn lauern …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 275




Andreas Gruber

Das Eulentor

Roman

Für Jürgen – danke für alles!

In der Sprache der Wikinger wird die norwegische Inselgruppe Spitzbergen Svalbard genannt, was so viel wie »Kalte Küste« bedeutet. Spitzbergen liegt an der Grenze zu Ostgrönland, wo es die Packeisgrenze zum Franz-Josephs-Land bildet. Auf der Insel befindet man sich inmitten der Arktis, mit Eisplateaus, zerklüfteten Gletschern und Temperaturen von bis zu minus vierzig Grad im Winter. In den Sommermonaten macht die Mitternachtssonne keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht. Das Ewige Eis verursacht Schneeblindheit, während die Winde mit hundert Kilometern in der Stunde durch die Fjorde peitschen und die Stürme unaufhörlich in den Bergen heulen. Nicht umsonst bezeichnete man die Insel früher als – das Ende der Welt.

Spitzbergen, 1911 DIE EXPEDITION

Erstes Kapitel

Dieser verdammte Sturm setzte mir jetzt schon zu, obwohl wir uns noch weit von der Insel entfernt befanden. Ich stand an der Reling, nur mit einer Ölhose, einem dicken Pullover und festem Schuhwerk bekleidet, und versuchte der Gischt zu trotzen, die am Bug der Skagerrak emporschoss. Vor mir lag das Nordmeer, das wir in Richtung Spitzbergen durchpflügten, seit wir am Abend zuvor in Tromsø ausgelaufen waren. Nach jeder Welle stürzte der zweimastige Schoner dermaßen in ein Tal, dass es mir den Magen hob. Wie winzige Nadeln stach die Kälte auf den Wangen. Obwohl die Zigarre aus dem Privatvorrat des Kapitäns in der feuchten Brise längst erloschen war, kaute ich auf dem Tabak, der nach nichts mehr schmeckte, und spuckte hie und da ins Wasser. Unter Deck wäre es behaglicher gewesen – keine Frage –, aber ich hielt mit klammen Fingern in der Kälte aus. Ich wollte, nein, vielmehr musste ich einen Vorgeschmack darauf bekommen, was uns bevorstand.

Mit dem Klappmesser ritzte ich das heutige Datum in die Holzbohle der Reling: 8. November 1911. Darunter meinen Namen: Alexander Berger. Auf den Doktortitel verzichtete ich, der erleichterte mir das Leben hier draußen nicht. Für die nächsten drei Monate würde ich weder meine Eltern noch meine Wiener Wohnung, die Arztpraxis meines Vaters oder die Patienten sehen – auch nicht Kathi Bloom, die junge Bühnenschauspielerin, die ich kurz vor unserer Abreise am Wiener Burgtheater kennengelernt hatte. Vor allem ihretwegen war ich schweren Herzens aufgebrochen. Aber ich hatte mich damit getröstet, dass die vor uns liegende Reise aufregender war als alles andere, was je ein Schriftsteller und angehender Arzt erlebt hatte. Mit siebenundzwanzig Jahren war es höchste Zeit, meine Bestimmung zu finden, wollte ich nicht den Rest meines Lebens Gedichte schreiben oder in der Praxis meines Vaters ordinieren. Und diese Bestimmung hieß – an den Rand der Arktis zu reisen.

Seit ich mich erinnern konnte, hatte mir mein Großvater Geschichten über die Nordpolfahrten der friesischen Seeleute erzählt, über den Engländer Constantine John Phipps, der vor knapp hundertfünfzig Jahren versucht hatte, den Packeisgürtel zu durchstoßen, oder die Reisen des Kapitän Parry, der vor etwa achtzig Jahren von Spitzbergen aus versucht hatte, mit Rentierschlitten den Nordpol zu erreichen. Wenn das Brennholz im Kamin knisterte, der erste Schnee auf dem Fenstersims liegen blieb und der Kaffee auf dem Herd duftete, saß ich in Großvaters Nähe und lauschte seinen Geschichten über Abenteuer, die so alt waren wie die Menschheit selbst. Seitdem faszinierte mich die Arktis wie kein zweiter Ort auf dieser Welt, und ich wollte verdammt sein, wenn wir nicht unseren Beitrag zur Erforschung des Ewigen Eises leisten konnten.

Wir, das waren zunächst Jan Hansen, ein breitschultriger, hochgewachsener Norddeutscher, den ich während eines Vortrags über Island im Gebäude des Wiener Zollhafens kennengelernt hatte. Er stand am Seiteneingang der Aula, wo er sich eine Zigarre ansteckte, und falls es tatsächlich so etwas wie einen überspringenden Funken zwischen Gleichgesinnten gab, dann war uns das passiert. Hansen hatte jahrelang als Hafenarbeiter in Malmö, Rostock und Riga gedient, auf russischen Walfängern angeheuert und war vor zwei Jahren als Matrose bei Shackletons gescheiterter Nimrod-Expedition dabei gewesen. Er kannte den Nord- und Südpol wie kein anderer und war dem Tod bereits näher gewesen als viele, die bei uns anheuern wollten. Für unser Vorhaben hätte ich mir keinen kundigeren Begleiter als diesen erfahrenen Abenteurer und gelernten Kartographen wünschen können. Mit ihm hatte ich die Arktis-Expedition geplant und gemeinsam mit den entschlossensten Männern, die wir in Tromsø finden konnten, die nötigen Vorbereitungen getroffen. Christianson, der stattliche, strohblonde Schwede mit den weichen Gesichtszügen und zugleich der jüngste unter uns, hatte als Einziger Frau und Kinder, die in Stockholm auf seine Rückkehr warteten. Zwar hatte Hansen von ihm abgeraten, doch eben wegen dieser Tatsache wurde Christianson für mich zur ersten Wahl, da ich mir durch sein Verantwortungsbewusstsein ein familiäres Klima unter den Teilnehmern erhoffte. Der Schwede zeichnete für die Ausrüstung unserer fünfköpfigen Gruppe verantwortlich. Die anderen beiden Männer waren Norweger. Der alte, ruppige Vanger fungierte als Proviantmeister und Koch, und der hitzköpfige Harpun war Jäger und zugleich der Hundeführer unseres Schlittengespanns. Eigentlich hieß er nicht Harpun, doch alle sprachen ihn mit diesem Spitznamen an – wohl deshalb, weil er sich selbst so nannte.

Hansen und ich hatten uns lange den Kopf über diese Reise zerbrochen. Unser Plan sah vor, dass wir täglich zwanzig Kilometer auf dem Festland zurücklegen sollten. In diesem Tempo konnten wir die Hauptinsel Spitzbergens in knapp drei Monaten umrunden, was einem Marsch von 1.700 Kilometern entsprach. Dabei wollten wir unsere Berechnungen auf Nordenskiölds Aufzeichnungen aus dem Jahr 1873 sowie eine grobe Skizze Fridtjof Nansens aus dem Jahr 1896 stützen.

Natürlich wussten wir, Anfang November war reichlich spät, um eine Expedition ins Eis zu führen, doch wagten wir es trotzdem. Denn die Zeit drängte. Scott und Amundsen lieferten sich ein Duell auf dem Südpol, und da die Antarktis keinen Platz für eine dritte Mannschaft bot, lautete unser erklärtes Ziel, nach Norden auszuweichen, um dort nach Ruhm und Ehre zu suchen. Spitzbergen war ein einsamer, weißer Fleck auf der Landkarte, der nur darauf wartete, erkundet zu werden. Wir wollten die Küstenstreifen der Insel kartographieren, was bisher niemand geschafft hatte. Falls es uns gelang, mit Hansens kartographischem Wissen eine brauchbare Landkarte von der Insel anzufertigen, konnten wir sie dem Wiener Verlag Borenich & Sauter verkaufen, der diese Expedition zum Großteil finanzierte.

Schon vor Monaten hatten wir unseren Traum beinahe aufgegeben, denn dieser Tage waren öffentliche Gelder für derartige Unternehmen heiß umkämpft. Aber mit Hansens enthusiastischem Auftreten und seiner Überzeugungskraft, dass die Reise ein Erfolg werden müsse, hatten wir die beiden Verleger zu einem höheren Vorschuss als üblich überreden können. Der Rest stammte aus meinem Privatvermögen, das ich zur Gänze in die Vorbereitung dieses Projekts steckte. Damit kauften wir die besten Schlitten und heuerten Harpun mit seinen achtzehn Schlittenhunden an. Während unserer Fahrt durch das nördliche Gewässer wurden die Tiere von Harpun ständig in Bewegung gehalten, aber schon bald würden sie die Schlitten übers Eis ziehen.

Wieder stürzte das Schiff in ein Wellental, so dass es mir den Magen hob. Die Gischt spritzte vom Bug empor. Dahinter lag die eisige, mondlose Nacht. Als der Wind auffrischte, zog ich mir die Öljacke über. Mit jedem Meter, den sich das Schiff durch die Wellen pflügte, schlug mein Herz schneller. Bald würden wir die Küste Spitzbergens erreicht haben, morgen – allerspätestens übermorgen.

*

Während die Männer am nächsten Abend über das Deck stiefelten, um ein zusätzliches Segel zu setzen, saß ich in meiner Kabine und schrieb einen weiteren Brief an Kathi Bloom nach Wien. Nach jedem Absatz betrachtete ich die kleine Photographie, als säße sie mir gegenüber, mit ihren großen, mandelbraunen Augen, dem strahlenden Lächeln und den hochgesteckten Haaren. Auch wenn ich es ihr tausendmal schrieb, sie hatte keine Ahnung, wie sehr sie mir fehlte. Was hätte ich darum gegeben, könnte ich – wie noch vor wenigen Wochen – in ihrer Nähe sein, auf dem Sofa vor dem Kamin. Mein Blick verlor sich jenseits des Bullauges, im vom Sturm gepeitschten Grau des Meeres. Über den Wellen tanzte ein Kerzenschein, daneben das Spiegelbild eines jungen Mannes mit traurigen Augen und dünnem, schwarzem Haar, zu einem Seitenscheitel gekämmt. Obwohl ich mir einen Bart wachsen ließ, um die feinen Gesichtszüge vor den anderen Männern zu kaschieren, wirkte ich nicht wie die restlichen Expeditionsteilnehmer, sondern immer noch wie ein Wiener Arzt, der in der Praxis seines Vaters arbeitete – zu jung und zu unerfahren für diesen Breitengrad. Wieder kamen mir Zweifel, ob ich der Aufgabe gewachsen sein würde.

Ich riss mich von dem Anblick los, der mich von Mal zu Mal mehr verunsicherte. Genug phantasiert! Ich setzte meine Unterschrift aufs Papier – geschwungen, mit einigen Schnörkeln – und verschloss den Brief in einem Kuvert, das ich zu den anderen in die Holztruhe legte.

Wieder hörte ich das Trampeln der Männer an Deck. Die Rufe der Mannschaft klangen hart und knapp. Die Besatzung der Skagerrak bestand aus einer Meute rauer Männer, die ich nur schwer einschätzen konnte. Da war zunächst Kapitän Anderson, ein alter Seebär, aber tief religiös, der mehr Jahre auf dem Meer verbracht hatte als an Land, sein Steuermann, der Maschinenmeister, ein Eislotse, der Segelmacher, Proviantmeister und vier Matrosen. Bisher hatte ich nur zu Doc Travis, dem Schiffsarzt, Zugang gefunden – ein Brite mit unglaublicher Bildung. Der Mann besaß eine kleine Bibliothek in seiner Kajüte, aus der ich mir gelegentlich ein Buch ausleihen durfte, um mir die langen Nächte zu vertreiben.

Schließlich klappte ich das Schreibpult zu und ging ein Deck tiefer zu den Hunden. In dem Zwinger roch es nach Stroh, Kot und Urin. Mit traurigen Augen erduldeten die Tiere das endlose Auf und Ab der Wellen. Ich wusste, wie sie sich fühlten. Ihr Anblick brach mir das Herz – mehr noch als ihr wehmütiges Winseln. Bestimmt war die lange Fahrt eine schlimme Probe für die Meute. Als die Tür aufflog und Harpun mit einem Eimer Hundekuchen die Treppe herunterkam, verstummten sie augenblicklich. Harpun, etwa in meinem Alter, war ein ungestümer Bursche, dessen Nähe mir jedes Mal einen Schauer über den Rücken jagte. Wie immer musterte mich der Norweger mit diesem kalten Blick. Konnte der Mann nicht anders schauen? Zwar verabscheute ich diesen Gesichtsausdruck ebenso wie seinen Hang zum Trinken, Fluchen und Glücksspiel, aber wir hatten in Tromsø keinen erfahreneren Jäger als ihn finden können – zumindest war Hansen davon überzeugt gewesen.

Harpun riss den Zwinger auf. Mit Fußtritten drängte er die Tiere an die Rückwand. Einer der Huskys heulte auf, doch Harpun schien es nicht zu kümmern. Lieblos leerte er den Eimer aus – einem der Hunde fiel das Fressen sogar auf den Kopf und die Schnauze. Ich ging in die Hocke, um den Hunden beim Fressen zuzusehen. »Wie geht es ihnen?«

»Geht so.« Mehr sagte er nicht. Eilig warf er die Eisentür ins Schloss und stapfte nach oben.

Wieder allein, umfasste ich die Stangen, presste mein Gesicht an den Zwinger und betrachtete die Tiere. »Bald seid ihr frei«, flüsterte ich. »Dann könnt ihr laufen.«

Von Hansen wusste ich, dass man die Huskys während des Fressens nicht stören durfte, aber in Gedanken strich ich ihnen über das dichte, kräftige Fell und die schönen, schwarzen Schnauzen. Samson, der Leithund, war das prachtvollste Exemplar, vor Kraft strotzend und voll innerer Ruhe. Als wisse das Tier um meine Anteilnahme, warf es mir mit seinen blitzblauen Augen einen gelegentlichen Blick zu. Nach einer Weile ging ich an Deck. Die Fahrt konnte nicht mehr lange dauern. Die ersten Eisvögel umflatterten das Schiff. Sogar ein Albatros ließ sich vom Wind tragen. Vermutlich war die Küste näher, als ich dachte. Am Horizont trieben die ersten Eisberge, klein und unscheinbar, auf das Schiff zu. Sobald das Mondlicht aus den Wolken hervortrat, glänzten sie wie Glassplitter im Wasser.

*

Um fünf Uhr morgens des nächsten Tages weckte mich der Ruf aus dem Krähennest:

»Land in Sicht!«

Mit rasendem Herzen stürzte ich an Deck, wo bereits Vanger, Harpun, Christianson und Jan Hansen auf mich warteten. Der große Norddeutsche strich sich durch den dichten, gelben Backenbart. »Wir haben es bald geschafft!«, rief er über Deck.

Festgeklammert an der Reling ließen wir uns die klirrende Kälte ins Gesicht blasen. Der Ausblick war phantastisch. Das Meer lag bewegt vor uns. An manchen Stellen brach die Sonne zwischen den Wolken hervor.

Eine Stunde später erreichten wir die Bucht bei Stormbukta, den südlichsten Ausläufer von Spitzbergen. Kapitän Anderson legte das Schiff an einer dem Festland vorgelagerten Eisbarriere an. Zwei Matrosen ruderten mit einem Walfischboot an Land, wo sie zwischen den Felsen eine harte Eisscholle fanden, die gut einen Meter hoch aus dem Wasser ragte.

Nachdem der Kapitän das Schiff nahe genug an die Scholle heran manövriert hatte, warf der Lotse den Eisanker an Land. Plötzlich kam Bewegung in die Mannschaft, von der ich ebenso ergriffen wurde. Hansen und ich sprangen mit den Ersten von Bord. Während Harpun die Hunde an ins Eis getriebene Pflöcke kettete und mit einem Eimer Fleisch ruhig hielt, halfen uns die Matrosen beim Ausladen. Hatten die dicht gestapelten Vorräte unter Deck noch reichlich gewirkt, schmolzen sie nun im Angesicht der bis zum Horizont reichenden Eiswüste zu einem winzigen Hügel.

Dennoch – was die Ausrüstung betraf, hatten wir nichts dem Zufall überlassen. Einfach und widerstandsfähig lautete unsere Devise. Die Schlitten sollten mit Schlafsäcken aus Rentierfellen bepackt werden, Pelzfäustlingen, Schlittenanzügen, Finnenschuhen zum Schneelaufen sowie wasserdichten Zelten mit verschnürbaren Innensäcken. Zusätzlich waren wir mit Doppelflinten, reichlich Patronen, Feldstechern, Kompass und einem Primusherd ausgerüstet. Der Proviant für die Hunde bestand aus Pemmikan mit Haferflocken. Außerdem hatte Vanger Fleischextrakt, Skorbutkraut, Kondensmilch, Dörräpfel, Dutzende Büchsen Mais, neunzig Kilo Fleischkonserven und hundert Kilo Schiffszwieback sowie Brennstoff für zwölf Wochen eingekauft.

Vor einem Monat hatten wir noch nicht gewusst, wie wir das alles unterbringen sollten, doch Hansen hatte eigens vier Meter lange Schlitten aus Eschenholz herstellen lassen.

Während ich mit den Männern Stunden später unser Basislager auf dem Eis errichtete, steckte Hansen bereits die ersten Schlitten zusammen. Indessen sammelten die Matrosen trockenes Treibholz am Ufer. Schon bald waren die Schlitten gepackt, und inmitten des Zeltlagers flackerte ein Feuer, direkt neben der Fahnenstange, an der die deutsche Flagge neben jener der Österreich-ungarischen k.u.k-Monarchie gehisst wurde. Der Schein des Feuers mischte sich mit dem Abendrot zu einem einzigartigen Anblick. In diesem Zwielicht hielt Kapitän Anderson, ein gläubiger Mann, seinen ersten Feldgottesdienst an Land ab. Zunächst fürchtete ich, die Männer würden ihn deswegen belächeln, doch die weite Einsamkeit am Beginn der Arktis lehrte sowohl mich als auch die anderen Demut. Selbst Vanger, der alte, bärbeißige Proviantmeister, und Harpun, der in dieser Stunde sogar seine Waffen ablegte, waren von der Messe beeindruckt. Danach speisten wir ein letztes Mal mit den Männern der Skagerrak, dieses Mal nicht an Bord, sondern auf dem Eis. Anschließend steckte sich Hansen genussvoll eine Zigarre an und reichte die Schatulle an mich und die Männer weiter.

Es war nicht nur für ihn ein besonderer Tag, und so sollten alle etwas davon abbekommen.

Als am späten Abend kalter Nordwind aufkam, wurde es für die Skagerrak Zeit, in See zu stechen. Ich drückte Doc Travis einen Stapel Briefe in die Hand, mit der Bitte, diese in Tromsø aufzugeben. Alsbald nahmen wir Abschied von ihm, Kapitän Anderson und seinen Männern. Nachdem der letzte Matrose an Bord des Schiffes geklettert war, standen wir zu fünft am Rand der Eisscholle und sahen zu, wie sie den Anker einholten. Gott möge sie schützen – und uns!

Zweites Kapitel

In den frühen Morgenstunden des elften November bereiteten wir die Abreise vom Basislager vor. Auf jedem der drei Schlitten befand sich eine Last von 330 Kilogramm – hauptsächlich Proviant – da wir alles andere auf das Notwendigste beschränkt hatten. Da ich nicht mit dieser Kälte gerechnet hatte, begann die Abfahrt unter ungünstigen Vorzeichen. Sogar den Hunden schien das Wetter nicht zu gefallen. Sie standen dicht gedrängt vor den fertig gepackten Schlitten und warteten ungeduldig auf Harpuns Zeichen. Offensichtlich tat ihnen die Kälte weh, da sie abwechselnd die Pfoten hoben und für einen Augenblick in der Höhe hielten, ehe sie sie wieder senkten. Nur Samson ertrug die Kälte mit der Gelassenheit eines Leithundes.

Als Vanger und Christianson stumm ihre Rucksäcke schulterten und den Schlitten bestiegen, stand Harpun bereits, mit der Büchse in der Armbeuge, auf seinem Gefährt. Auch wenn die Männer im Moment nicht viel miteinander sprachen – das würde sich im Lauf der Reise ändern, dessen war ich mir sicher. Ich vergewisserte mich, dass wir nichts vergessen hatten, dann gab Harpun das Kommando zum Aufbruch.

Hansen und ich fuhren mit dem dritten Schlitten. Für unseren Marsch stand uns hauptsächlich Fridtjof Nansens grobe Skizze zur Verfügung, der wir entlang der Küste nach Norden folgen wollten. Wir beabsichtigten, die Insel im Uhrzeigersinn zu umrunden, jeden Fjord landeinwärts zu erkunden und dabei sämtliche Berge zu katalogisieren. Während der Pausen, in denen Hansen die Karte zeichnete, markierte ich unsere Route, indem ich Bambusstangen mit Stockfischen ins Eis steckte.

Als wir gegen Mittag weiterfuhren, starrte ich mit gemischten Gefühlen über die öde Eiswüste auf die herannahende Schlechtwetterfront. Umso mehr bewunderte ich Hansen, der trotz der Kälte seine Euphorie behielt. Als habe der Walfänger, wie sich Jan Hansen selbst nannte, ein Leben lang nichts anderes getan, schnallte er seine Skier an und ließ sich hinter unserem Schlitten herziehen.

Je länger wir fuhren, desto häufiger kniff ich die Augen zusammen. Die verdammte Helligkeit wurde unerträglich. Trotz Brille reflektierte der Schnee das Licht so sehr, dass mir die Augen tränten. Immer wieder machten wir Rast, damit Hansen unsere Route auf einer Karte festhalten konnte, die sich mit jedem Federstrich weiter entwickelte. Nach jeweils fünf Kilometern half ich ihm beim Messen mit Kompass, Sextant und Winkelmessgerät. Während unserer letzten Etappe stellte Harpun eine Temperatur von minus achtundzwanzig Grad fest. Trotz der Kälte und der bedrückten Stimmung schafften wir an diesem Tag gute neunundzwanzig Kilometer, wodurch wir unserem Plan weit voraus lagen.

*

Am nächsten Morgen hörte ich Harpun als Ersten das Zelt verlassen. Draußen knirschten seine Schuhe im Schnee. Allein bei diesem Geräusch stellten sich mir die Nackenhaare auf. Ich musste mich erst an dieses Leben gewöhnen. Von der warmen Stube und der Arztpraxis meines Vaters zur schaukelnden, engen Kabine an Bord der Skagerrak war es ein Schritt gewesen – vom Schiff in diese Eiswüste der nächste.

Trotz der Kälte gelang es mir, auf dem Primusherd eine Kanne Kaffee zu kochen. Währenddessen nahm der Hundeführer den Tieren die Decken ab, legte ihnen das Geschirr an und füllte die Futterbeutel für die nächste Rast. Nach dem Frühstück luden wir Zelte und Lagereinrichtung auf die Schlitten. Um neun Uhr ging es weiter.

Ich kann nicht behaupten, dass uns an diesem Tag das Glück hold war. Wir fanden nicht wie erwartet ebene Flächen vor, sondern Gräben, Barrieren und Eisblöcke, die uns den Marsch erschwerten. Ich hatte mir alles viel leichter vorgestellt. Zudem brachte der Wind abwechselnd Schnee und leichten Hagel, so dass wir ein Wechselbad der Witterungen durchfuhren. Gegen Nachmittag verschlechterte sich das Wetter erheblich – Harpun maß minus einunddreißig Grad. Obwohl ich, dick eingemummt auf dem Schlitten stehend, nicht zu sehr darunter litt, so kamen die Hunde nur langsam voran. Trotzdem brachte ich es nicht übers Herz, sie zu größerer Schnelligkeit anzutreiben. Am Nachmittag brachen wir die Fahrt nach einundzwanzig Kilometern ab.

Nachdem ich unseren Schlitten abgeladen hatte, saß ich erschöpft auf einem Salzfass und beobachtete Hansen beim Aufbau des Zeltes. Erst zwei Tage unterwegs, und ich spürte mit jedem einzelnen Knochen, dass ich trotz monatelanger Vorbereitungen der Schwächste der Gruppe war. Wie dankbar konnte ich Hansen sein, der unermüdlich arbeitete und sogar meinen Anteil übernahm. Zudem hatte ich noch nie einen Mann gesehen, der so unempfindlich gegen die Kälte war. Trotz des Sturms trug der große, hartgesottene Walfänger nur eine Wollmütze als Kopfbedeckung. Eiszapfen hingen von seinen Augenbrauen und dem gelben Backenbart. Seit dem Aufbruch von heute Morgen wartete ich darauf, dass seine Ohren weiß wurden und abfielen, doch sie blieben strahlend rot, ebenso wie sein von Sommersprossen übersätes Gesicht, das in der Abenddämmerung wie ein Ofen leuchtete. Der Mann war ein Phänomen. Seit unserer ersten Begegnung wusste ich, dass ich viel von ihm lernen konnte, nicht nur, was das Führen einer Expedition anbelangte, sondern auch, was Härte, Disziplin und Ausdauer betrafen – jene Eigenschaften, die mir fehlten und die ich mir aneignen wollte. Dabei stammte Jan Hansen aus reichem, vornehmem Haus, was niemand, der ihn kannte, für möglich gehalten hätte. Die Eltern des Walfängers waren norddeutsche Industrielle, und in Berlin lebte sein jüngerer Bruder, über den er aber nur selten redete. Ich hatte von Carl Friedrich von Hansen gehört und wusste, dass er eine erfolgreiche Firma leitete. Jan Hansen hätte jederzeit als Lagerarbeiter im Unternehmen seines Bruders beginnen können, doch wollte er gern auf diese Karriere verzichten, wie er ebenso den adeligen Namenszusatz ablehnte. Stattdessen führte er ein Leben als Abenteurer, dem es gefiel, wenn man die förmliche Anrede von Hansen unterließ und ihn den Walfänger von Rostock nannte.

Der alte Vanger zog eine Kiste vom Schlitten. »Ich bereite uns eine Mahlzeit«, entschied er in bruchstückhaftem Deutsch.

»Mach schnell, das ist kein guter Platz, um zu rasten.« Harpun reckte die Nase in den Wind. Seine Hand ruhte auf einem Beutel aus Robbenhaut, den er stets an seinem Gürtel trug. Ich kannte Harpun gut genug, um zu wissen, was er darin aufbewahrte: einen Revolver. Oft genug stellte der Hundeführer den Beutel stolz zur Schau, und mehrmals hatte er bereits darauf hingewiesen, dass er absolut wasserdicht war, was ihm in diesen Breitengraden besonders wichtig schien. Wäre es nach mir gegangen, hätten wir bis auf zwei Gewehre keine zusätzlichen Waffen mitgenommen, doch gegen Harpuns Starrköpfigkeit hatte ich mich nicht durchsetzen können. Der unbeugsame Norweger war nicht nur Huskyführer, sondern auch Jäger, und mit diesen Menschen ließ sich nicht vernünftig diskutieren. Deswegen hatte ich von Anfang an ein schlechtes Gefühl bei Harpun gehabt. Ich bildete mir nicht ein, mehr Instinkt oder Feingefühl als andere zu besitzen oder ein großer Menschenkenner zu sein, obwohl meine Mutter immer behauptete, ich habe die Fähigkeit, andere Leute einzuschätzen, mit der Muttermilch aufgenommen. Doch bei Harpun war ich mir sicher, dass er uns noch Ärger bereiten würde. Trotz seiner augenscheinlichen Stärke schien er unberechenbar zu sein, wie ein Pulverfass, das zu nah am Feuer stand. Ich sah es an seinem Blick. Wenn er sich unbeobachtet fühlte, trank er Alkohol aus einer Flasche, die er unter dem Mantel verbarg. Er aß zu wenig und wirkte jetzt schon ausgemergelt, obwohl wir erst am Beginn unserer Reise standen.

Nach einer Weile stemmte ich mich vom Fass und stapfte zur Küste, wo ich nach Robben oder Schiffen Ausschau hielt. Ich musste auf andere Gedanken kommen. Als ich einige Hundert Meter vom Lager entfernt auf einem Stein saß, den Wellen zusah und einige Gedichte in mein Tagebuch schrieb, fielen die ersten Schüsse. Ich wusste, es konnte nur Harpun sein. Dieser verdammte Norweger! Eilig packte ich mein Buch ein und lief zu den Zelten. Von Weitem drang das aufgebrachte Bellen der Hunde über das Eis. Als ich mich näherte, sah ich das Lager: Es war mit Blut besudelt. Zum Glück war keiner der Männer verletzt, dennoch ließ mich der Anblick würgen. Harpun hatte mit dem Revolver eine Sattelrobbe erlegt, die sich zu nahe an das Lager herangewagt hatte.

»Was sollte das? Seid ihr verrückt?« Zornig stellte ich mich vor die Männer.

»Ich habe Vanger gewarnt.« Entschuldigend hob Harpun die Hand. In der anderen hielt er eine Axt. Sein Rentiermantel war blutbesprenkelt. »Der Duft des brutzelnden Specks hat das Vieh angelockt.« Erneut schwang er die Axt über den Kopf, um das Tier auszuweiden.

Die gewaltige Schlächterei wirkte ekelerregend. Wie benommen starrte ich auf die rot gefärbte Eisfläche, ein Anblick, der mir nach drei Tagen auf dem Eis so surreal erschien, dass ich es nicht glauben konnte.

Hansen legte mir die Hand auf die Schulter, um mich beiseite zu nehmen. »Es ist notwendig«, murrte er. »Das Fleisch dient als Proviant, die Abfälle gehören den Hunden.«

Mir drehte sich der Magen um, sobald ich daran dachte, wie sich die Huskys an den Innereien weideten. Ich atmete die kalte Seeluft ein. Zu diesem Zeitpunkt hörte ich zum ersten Mal das Kreischen der Schneeeule. Gleichzeitig sahen wir nach oben. Über unseren Köpfen flog ein besonders großes, prächtiges Exemplar – ein Weibchen, dessen Körperlänge bestimmt siebzig Zentimeter betrug, mit einer Flügelspannweite von über anderthalb Metern. Das Tier kreiste über der Blutlache und stieß seine Schreie aus, während es uns beobachtete.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Harpun mit dem Gewehr anlegte.

»Runter!«, brüllte ich.

Verdutzt senkte Harpun den Lauf der Büchse.

»Für heute reicht es!«

Als ahnte die Schneeeule, dass sie knapp dem Tod entronnen war, schwang sie sich empor, um in den Wolken zu verschwinden. Der Anblick des Tieres ließ mir keine Ruhe. Am Abend kramte ich im Zelt Jacobsens Buch über die Fauna Grönlands aus meinem Rucksack. Tatsächlich fand ich darin etwas über die Schneeeule. Der Naturwissenschaftler Jacobsen nannte sie einen sogenannten Überlebenswanderer, da sie sich dem jeweiligen Nahrungsangebot anpasste. Unter anderem zählten Lemminge zu ihrer Hauptbeute. Demnach mussten sich jene Nagetiere in unserer Nähe befinden. Als ich mich Stunden später ohne Abendessen im Schlafsack verkroch, hörte ich, wie die Männer noch eine Runde durchs Lager gingen, um hie und da etwas an den Schlitten zu ordnen. Unwillkürlich dachte ich an Wien – und an Kathi Bloom. Was würde sie zurzeit wohl machen? Möglicherweise dachte sie gerade an mich, an ihren verwegenen Abenteurer, wie sie mich kurz vor meiner Abreise genannt hatte. Und was war ich in Wahrheit doch für ein zimperlicher Schwächling, der sich beim Anblick einer toten Robbe beinahe übergeben musste. Ab morgen würde ich versuchen, mich den rauen Sitten der Männer anzupassen. Um das durchzustehen, was ich mir vorgenommen hatte, musste ich so werden wie sie.

*

Gegen fünf Uhr früh erwachte ich durch den Geruch einer stark gewürzten Suppe. Sogleich begann mein Magen lautstark zu knurren. In diesem Moment hätte ich einen Bären verschlingen können. Im Zelt dampfte es, da Vanger die Reste des Robbenfleisches verkochte.

»Iss das! Sieh zu, dass du bei Kräften bleibst.« Hansen reichte mir eine Schüssel.

Der Hunger ließ mich vieles vergessen. Hastig schlürfte ich aus dem Blechnapf. »Wie ist das Wetter?«, fragte ich anschließend.

»Hat sich verschlechtert.« Hansen ging nach draußen.

Unmittelbar nach dem Essen brachen wir auf. Mein Schlitten war mit Robbenfleisch schwer beladen. Trotzdem legten sich die Hunde kraftstrotzend ins Geschirr, da Harpun sie reichlich gemästet hatte. Zusätzlich feuerte ich die Tiere an. Doch je weiter wir kamen, desto mehr verschlimmerte sich das Wetter. An jenem Tag erlebte ich den gewaltigsten Blizzard der bisherigen Reise. Der vernichtende Sturm heulte mit einer unglaublichen Geschwindigkeit über die Eisfläche. Ich musste mir die Mütze tief ins Gesicht ziehen und das Kinn gegen die Brust pressen, damit mir das Eis nicht die Wangen zerschnitt. Obwohl ich die Augen zusammenkniff, in der Hoffnung, dass die Huskys selbständig Samsons Spur folgen würden, drang das grelle Licht durch die Brille unter meine Lider. Erst vier Tage auf dem Eis, und ich drohte schneeblind zu werden.

Die Fahrt schüttelte mich durch. Mit schmerzenden Muskeln klammerte ich mich an den Haltegriff des Schlittens. Auch dieser Tag würde vorübergehen. Ich sehnte mich nach einer heißen Tasse Tee und einer warmen Stube mit Kaminfeuer. Vieles hatte ich mir anders vorgestellt, zwar abenteuerlich, aber trotzdem mit einer Spur von Romantik, die in Nansens Berichten immer wieder erwähnt wurde. Doch von der Romantik des Eises waren wir weit entfernt. Noch dazu hatten mich sowohl mein Vater als auch alle Ärztekollegen vor dieser Reise gewarnt, mich sogar einen Hitzkopf genannt. Doch mit oder ohne Blizzards – es gab kein Zurück.

Selbst als die Temperatur auf minus zweiunddreißig Grad fiel, entschlossen wir uns, weiterzumarschieren. Obwohl Harpun, der den ersten Schlitten fuhr, seine Hunde unermüdlich mit seinen Kommandos antrieb, legten wir auch an diesem Tag nur knapp zwanzig Kilometer zurück. In jenem Tempo konnten wir unmöglich weitermachen, ohne bald völlig erschöpft und ausgezehrt zusammenzubrechen. Auch wenn es verrückt klang, aber der Blick in Vangers, Harpuns und Christiansons ausgelaugte Gesichter gab mir Mut, Zuversicht und vor allem die Bestätigung, dass es nicht nur mir so erging. Im großen Fünfmannzelt, dem einzigen behaglichen Ort in dieser unendlichen Eiswüste, beratschlagten wir die Situation. Während der Primuskocher sprühte, führten wir zum ersten Mal ein ausführliches Gespräch in einer Mischung aus Deutsch, Schwedisch und Norwegisch. Dabei kam jedoch nur heraus, dass wir die Hoffnung auf baldige Wetterbesserung nicht aufgeben wollten.

»Wir müssen weitermachen!« Hansens Schlusswort sagte alles – mehr gab es nicht zu besprechen.

Als Harpun vor dem Abendessen seine Strümpfe auszog, kam ein großer, talgähnlicher Fleischballen zum Vorschein. »Meine Ferse!«, rief er entsetzt.

»Sieht nicht gut aus«, murrte Vanger. »Erfroren.« Wegen des Medizinstudiums und der Arbeit in der Praxis meines Vaters war mir dieser Anblick nicht unbekannt. Doch es selbst zu erleben, das war etwas anderes. Dazu kamen mir noch die Erzählungen meines Großvaters in den Sinn – schauderhafte Geschichten über Männer, die ihre Beine im Eis verloren hatten. Ich kniete mich vor Harpun nieder und knetete so lange seine Ferse, bis er meinte, wieder etwas zu spüren. Doch wie lange würde dieses Gefühl anhalten? Von einer schnellen Heilung konnte keine Rede sein – nicht bei diesen Erfrierungen. Nachdem ich aus meinen Kleidern geschlüpft war, merkte ich, dass ich nicht besser aussah. Wie Hansen und Harpun hatte auch ich Blasen an den Füßen, aufgesprungene Wangen und Lippen, sowie Schnittwunden und Abschürfungen von der Schlittenfahrt. Völlig grundlos begann der alte Vanger plötzlich zu schmunzeln, und mit einem Mal mussten wir alle lachen. Obwohl es sich dabei um eine Art Galgenhumor handelte, schmiedete uns der Anblick der zerschundenen Körper zusammen. Wir saßen im selben Boot, und schlagartig hatte ich das Gefühl, dazuzugehören.

Als wir später eine Wassersuppe aus Zwiebackkrumen und getrockneten Zwiebeln aßen, hielt unsere gute Laune an. Nach dem Essen setzte sich Hansen auf eine Proviantkiste und begann, auf seinem Banjo zu spielen. Er war bei Gott kein begnadeter Sänger, ebenso hielt sich die Anzahl seiner Akkorde in Grenzen, doch es war die erste Musik, die wir seit Langem zu hören bekamen – und wir waren alles andere als wählerisch. Harpun und Vanger sangen mit, während Christianson stumm eine Photographie von seiner Frau und seinen Kindern betrachtete. Die Aufnahme, für die er gewiss einen halben Monatslohn hingeblättert hatte, stammte von einem Stockholmer Atelier. Schließlich kramte der Schwede einige Figuren aus dem Rucksack, die ihm sein jüngster Sohn aus Knochen geschnitzt hatte. Diese auf Schnüren aufgefädelten Glücksbringer sollten wohl ihn und seine Familie darstellen.

Während ich an einem trockenen Zwieback kaute und Hansens Liedern lauschte, wippte mein Fuß im Takt. »Wie geht es mit der Karte voran?«, fragte ich nach einer Weile.

Sogleich legte der Walfänger das Banjo zur Seite.

»Schau sie dir an!« Stolz entrollte er seine Papierbögen auf einer Kiste. Ich betrachtete die eingezeichnete Route entlang des Küstenabschnitts. Neugierig scharten sich Harpun, Vanger und Christianson um uns. Obwohl wir erst siebzig Kilometer zurückgelegt hatten, ließen sich schon die ersten groben Abweichungen zu Nansens Skizze feststellen.

Hansen bohrte den Finger in die Karte. »Falls Nansens Entwurf stimmt, müssten wir bald einen Fjord erreichen, der nach Osten weit ins Landesinnere führt.«

Wenn sich dann bloß das Wetter bessern würde. Immerhin konnte der Sturm nicht ewig anhalten, sagte ich mir. Während Stunden später lautes Schnarchen aus den Schlafsäcken der Männer drang, schrieb ich beim Schein der Petroleumlampe die jüngsten Erlebnisse in mein Tagebuch, keine langatmigen Sätze, bloß Gedanken, Stichwörter oder kurze Notizen, denen ich allerdings einige Verse sowie eine Skizze aus dem Gedächtnis hinzufügte. Als auch ich die Lampe löschte, atmete ich befreit durch. Die Dunkelheit tat gut! Meine Lider brannten wie Feuer, doch endlich konnten sich meine Augen von diesem schier unerträglich grellen Licht erholen. Ich verkroch mich tief im Schlafsack und lauschte dem Sturm, der unaufhörlich draußen tobte.

*

Am nächsten Morgen erwachte ich um neun Uhr. Verwirrt setzte ich mich auf. Die anderen schliefen tief und fest, obwohl der Sturm ums Zelt heulte. Erschöpft sank ich zurück. Noch während ich überlegte, wie man nur so lange schlafen konnte, fielen mir erneut die Augen zu. Schließlich wurde ich von Christianson wachgerüttelt. Schlagartig fuhr ich hoch. Es war elf Uhr. Ich starrte in vier ängstliche Gesichter. Die Männer saßen bewegungslos da, nur der junge Schwede, der mich geweckt hatte, spielte mit seinem Glücksbringer, einem Walfischknochen, den er an einer Kette um den Hals trug.

»Was ist …?« Ich verstummte. Der Wind pfiff ums Zelt, zerrte an der Plane. Da wusste ich, was passiert war. Der Sturm hatte sich zum Orkan ausgeweitet. Mittlerweile türmten sich die Schneewehen hüfthoch um das Zelt. Der Ausgang und die Schlitten mussten geradezu freigeschaufelt werden.

»Ich gehe raus.« Harpun verließ freiwillig die Unterkunft.

Kurz darauf folgten wir ihm. Bei der Inspektion der Schlittenhunde stellten wir fest, dass zwei nicht fressen wollten und einige an einer Wurmerkrankung litten. Unmittelbar darauf hörten wir drei Schüsse. Sofort hastete ich zu den angepflockten Tieren. Drei Huskys lagen reglos im Schnee. Harpun steckte soeben den Revolver weg. Noch bevor ich etwas sagen konnte, stieß er eines der toten Tiere mit dem Stiefel an.

»Sie waren am halben Leib räudig, hätten sich nur als hinderlich erwiesen.«