Das Euro-Paradox - Yanis Varoufakis - E-Book

Das Euro-Paradox E-Book

Yanis Varoufakis

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Beschreibung

Im Herzen der Krise, die Europa derzeit zu zerreißen droht, steht ein Paradox. Nicht die Kluft zwischen den wirtschaftlich starken Ländern des Nordens und den laxen Ökonomien des Südens oder die Einwanderung treiben die Spaltung voran, sondern – absurd genug – die gemeinsame Währung, der Euro. Warum? Analytisch brillant und fesselnd lenkt Yanis Varoufakis den Blick zurück auf die hochdramatischen wirtschaftspolitischen Wendepunkte des 20. Jahrhunderts: von der Aufgabe des Goldstandards 1973 über die Machtkämpfe zwischen Deutschland und Frankreich um Dominanz in der Eurozone bis zu den fatalen Folgen des Börsencrashs von 2008. Dass die Europäische Union als Bürokratie-Konglomerat im Dienste der Großindustrie entstand, ist kein Zufall; dass ihrer Währung demokratische Kontrollmechanismen fehlen, dagegen eine Katastrophe. Seit Amerika seine Rolle als Stabilisator der Weltwirtschaft nicht mehr spielt, zeitigen die Konstruktionsfehler des Euro immer dramatischere Folgen. Sollen auch in Zukunft die Schwächsten den Preis für die Fehler der Banker zahlen? Ein neues politisches Konzept ist nötig, um die Krise zu lösen und die europäische Idee zu retten.

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Woran es liegt, dass die gemeinsame Währung Europa entzweit, und was getan werden muss, um das vereinte Europa zu erhalten.

Im Herzen der Krise, die Europa derzeit zu zerreißen droht, steht ein Paradox. Nicht die Kluft zwischen den wirtschaftlich starken Ländern des Nordens und den laxen Ökonomien des Südens oder die Einwanderung treiben die Spaltung voran, sondern – absurd genug – die gemeinsame Währung, der Euro.

Warum? Analytisch brillant und fesselnd lenkt Yanis Varoufakis den Blick zurück auf die hochdramatischen wirtschaftspolitischen Wendepunkte des 20. Jahrhunderts: von der Aufgabe des Goldstandards 1973 über die Machtkämpfe zwischen Deutschland und Frankreich um Dominanz in der Eurozone bis zu den fatalen Folgen des Börsencrashs von 2008. Dass die Europäische Union als Bürokratie-Konglomerat im Dienste der Großindustrie entstand, ist kein Zufall; dass ihrer Währung demokratische Kontrollmechanismen fehlen, dagegen eine Katastrophe.

Seit Amerika seine Rolle als Stabilisator der Weltwirtschaft nicht mehr spielt, zeitigen die Konstruktionsfehler des Euro immer dramatischere Folgen. Sollen auch in Zukunft die Schwächsten den Preis für die Fehler der Banker zahlen? Ein neues politisches Konzept ist nötig, um die Krise zu lösen und die europäische Idee zu retten.

Über den Autor

Yanis Varoufakis, geboren 1961, wurde 2015 Europas bekanntester Finanzminister, als er sich weigerte, für das bankrotte Griechenland neue Schulden aufzunehmen. Seit seinem Rücktritt wurde er zur Galionsfigur einer neuen Bewegung für eine Reform der Eurozone. Der international renommierte Wirtschaftswissenschaftler lehrte an Universitäten in England, Australien und den USA und an der Universität Athen. Bei Kunstmann erschienen Der globale Minotaurus (2012) und Bescheidener Vorschlag zur Lösung der Eurokrise (mit J. Galbraith und Stuart Holland, 2015).

YANIS VAROUFAKIS

DAS EURO-PARADOX

Wie eine andere GeldpolitikEuropa wiederzusammenführen kann

Aus dem Englischenvon Ursel Schäfer

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

 

 

»Die Starken tun, was sie wollen, und die Schwachen ertragen, was sie müssen.«

THUKYDIDES, Der Peloponnesische Krieg

 

 

Für meine Mutter Eleni, die mit größter Eleganz und Leidenschaft jeden zusammengestaucht hätte, der zu behaupten wagte, die Schwachen hätten zu ertragen, was sie müssen.

INHALT

Vorwort

1. Und die Schwachen ertragen, was sie müssen

2. Ein unanständiger Vorschlag

3. Besorgte Pilger

4. Ein Trojanisches Pferd

5. Einer ist davongekommen

6. Die Umkehralchemisten

7. Zurück in die Zukunft

8. Europas Krise, Amerikas Zukunft

Nachwort

 

Danksagung

Auszüge aus »Bescheidener Vorschlag zur Lösung der Eurokrise«

Bibliografie

Anmerkungen

VORWORT FÜR DIE DEUTSCHE AUSGABE

»Mein« Siemens

Mein wahrscheinlich erstes deutsches Wort war … Siemens. Es zierte unseren klobigen Kühlschrank aus den 1950er-Jahren, unsere Waschmaschine, unseren Staubsauger, nahezu jedes Gerät in meinem Elternhaus in Athen. Die besondere Vorliebe meiner Eltern für diese deutsche Marke hatte einen Grund: Der Bruder meiner Mutter, mein geliebter Onkel Panayiotis, war von Mitte der 1950er- bis Ende der 1970er-Jahre der Generaldirektor von Siemens-Hellas.

Panayiotis, ein germanophiler Elektroingenieur, der die Sprache Goethes fließend sprach, hatte meine Mutter (seine jüngere Schwester) angesteckt, die ebenfalls begeistert Deutsch lernte und es schließlich so gut beherrschte, dass sie Deutsch als Fremdsprache unterrichten konnte. Obwohl meine Mutter eigentlich eine erfolgreiche Biochemikerin war, zog die deutsche Sprache sie so an, dass sie plante, ein Jahr in Deutschland zu verbringen, um sich fortzubilden. Im Sommer 1967 wollte sie mit einem Stipendium des Goethe-Instituts nach Hamburg gehen.

Doch am 21. April 1967 wurde der Plan meiner Mutter zerschlagen, zusammen mit unserer nicht perfekten griechischen Demokratie. In den frühen Morgenstunden jenes Tages rollten Panzer durch die Straßen Athens und anderer größerer Städte und hüllten unser Land in eine dicke Wolke neofaschistischer Dunkelheit und Unterdrückung. An dem Tag stürzte auch die geistige und emotionale Welt von Onkel Panayiotis ein.

Panayiotis war das, was man heute als einen Neoliberalen bezeichnen würde. Mit seinem erbitterten Antikommunismus und seinem Misstrauen gegen die Sozialdemokratie galten seine Sympathien in Deutschland den Freien Demokraten und in Griechenland der kleinen Partei der Fortschrittlichen, die eine Mischung von Marktwirtschaft und staatlichen Sicherungssystemen propagierte, die sich aus einer tiefen Furcht vor dem Kommunismus speiste. Als Leiter der Geschäfte von Siemens in Griechenland und mit seinem politischen Hintergrund war Panayiotis ein typisches Mitglied der herrschenden Klasse Griechenlands in der Nachkriegszeit: Als die Sicherheitskräfte und parastaatlichen Agenten linke Protestierer, ein brillantes Parlamentsmitglied1 und andere verprügelten und sogar umbrachten, verschloss Panayiotis die Augen, denn er war überzeugt, diese »Maßnahmen« seien nötig, um »die Demokratie gegen ihre eingeschworenen Feinde zu verteidigen«, wie ich ihn noch sagen höre.

Doch an jenem trüben Apriltag war Panayiotis wütend. Er konnte es einfach nicht ertragen, dass »seine« Leute (wie er die rechten Armeeoffiziere bezeichnete, die den Putsch inszeniert hatten) das Parlament auflösten, die Demokratie außer Kraft setzten, die Verfassung brachen und in Fußballstadien, Polizeistationen und Konzentrationslagern all jene internierten, von denen sie Widerstand befürchteten – selbst rechte Demokraten. Seine Welt stürzte ein, was ihn schlagartig zum Radikalen machte.

Zusammen mit gleichgesinnten bürgerlichen Liberalen schloss sich Panayiotis wenige Monate nach der Errichtung des Militärregimes einer Untergrundgruppe namens Demokratische Verteidigung2 an. Heute würden wir diese Gruppe als eine terroristische Vereinigung bezeichnen. Während sie sehr darauf achteten, dass es keine Verletzten gab (und es gab tatsächlich keine), blieb doch die Tatsache, dass sie Bomben legten, um zu demonstrieren, dass das Regime trotz seines harten Durchgreifens nicht die totale Kontrolle über das Land hatte.

Bürgerliche Liberale sind furchtbar schlecht darin, Widerstandsgruppen im Untergrund zu organisieren. Es dauerte nicht lang, bis durch einen dummen Zufall einer von ihnen erwischt und danach die ganze Gruppe ausgehoben wurde. Man musste nur … seinen Taschenkalender und ein kleines Telefonbuch lesen, in dem er sorgfältig die Namen und Adressen seiner Kameraden notiert hatte, manchmal mit kurzen Beschreibungen ihrer Aktionen! Folter, Standgericht und lange Freiheitsstrafen (in einem Fall die Todesstrafe) waren die logische Konsequenz.

Ich war damals zehn Jahre alt, und die Militärpolizei, die ihn bewachte, ließ mich ungehinderter zu ihm als die erwachsenen Familienmitglieder. Mein Onkel und ich hatten schon immer ein enges Verhältnis gehabt, das hauptsächlich auf langen Diskussionen über Technik, Physik, Autos und aus irgendeinem Grund über das Fliegen beruhte. Eben typische »Männerthemen«. Und so baute er, um sich in der Einzelhaft die Zeit zu vertreiben, aus Streichhölzern und anderen Dingen, die die Gefängniswärter ihm erlaubten, Flugzeugmodelle für mich. (Eines, inzwischen ziemlich altersschwach, steht immer noch in dem alten Ferienhaus der Familie.) Oft versteckte mein Onkel in den Modellen ein Stück Papier mit einer Botschaft an meine Tante, meine Mutter und manchmal an seine Kollegen bei … Siemens.

Während meine Erinnerungen an diese Zeit inzwischen verblassen und Panayiotis und meine Mutter nicht mehr da sind, um sie wiederzubeleben, erinnere ich mich noch sehr lebhaft an die Diskussionen der Erwachsenen, in denen es darum ging, dass Siemens Druck auf das Militärregime ausüben sollte, ihm nichts zu tun. Schließlich war Siemens auch unter den Obristen in Griechenland ein führendes Unternehmen. Unsere gesamte Stromversorgung und das Telefonnetz funktionierten mit Technologie und Anlagen von Siemens.

Ungefähr ein Jahr nach der Festnahme wurde Panayiotis freigelassen und konnte an seinen Arbeitsplatz an der Spitze von Siemens zurückkehren. Zwei Jahre später brach das Regime der Obristen unter dem Druck des Aufstands der tapferen Studenten des Polytechnikums zusammen (November 1973). Die Obristen entkamen nach Zypern, wo sie einen Putsch gegen Staatspräsident Makarios versuchten, der den Anschluss der Insel an Griechenland bringen sollte. Der Putschversuch endete mit der Invasion der Türkei in Zypern im Juli 1974 und der zypriotischen Tragödie, die bis heute an der sogenannten Grünen Linie schwelt.

Ich weiß nicht, ob Siemens bei der Freilassung von Panayiotis die Hände im Spiel hatte. Aber ich weiß mit Sicherheit, dass meine Eltern Siemens sehr dankbar waren, weil sie fest daran glaubten, Siemens habe eine entscheidende Rolle gespielt. Deshalb überkam mich immer ein warmes Gefühl, wenn ich bei uns zu Hause den Schriftzug »Siemens« sah. Tatsächlich war damals Deutschland insgesamt, nicht nur Siemens, in meiner Fantasie ein guter Freund, ein Land von Demokraten, das unter Kanzler Brandt alles Menschenmögliche tat, um uns Griechen dabei zu helfen, unsere hässliche Diktatur abzuschütteln.

Eine ausgeschlagene Hand

Beinahe fünfzig Jahre später reiste ich als griechischer Finanzminister zu meinem ersten offiziellen Besuch nach Berlin. Mein Weg führte mich natürlich sofort ins Bundesfinanzministerium zu einer Begegnung mit dem legendären Dr. Wolfgang Schäuble.

Für ihn und seine Mitarbeiter war ich ein lästiger Besucher. Unsere Linksregierung war gerade erst gewählt worden und hatte den Sieg über die Nea Dimokratia, die Schwesterpartei von Dr. Schäuble und Kanzlerin Merkel, davongetragen. Das Wahlprogramm der Linken war, um es vorsichtig auszudrücken, sehr unangenehm für ihre christdemokratische Regierung und ihre Pläne, in der Eurozone für »Ordnung« zu sorgen. Die Aufzugstür öffnete sich zu einem langen, kalten Flur, an dessen Ende mich der große Mann in seinem berühmten Rollstuhl erwartete. Die Hand, die ich ihm entgegenstreckte, wurde ausgeschlagen, statt eines Handschlags winkte er mich in sein Büro.

Meine Beziehung zu Dr. Schäuble wurde in den Monaten danach besser, aber die ausgeschlagene Hand symbolisierte deutlich, was in Europa schieflief. Sie war der symbolische Beweis, dass das halbe Jahrhundert, das seit meinen Besuchen beim »Siemens-Mann« im Gefängnis von Athen vergangen waren, Europa grundlegend verändert hatte. Wie hätte mein Gastgeber auch im Entferntesten daran denken können, dass ich mit lauter Kindheitserinnerungen im Kopf kommen würde, in denen Deutschland unser bester Freund war?

1974 hatten die Griechen mit moralischer und politischer Unterstützung aus Deutschland, Österreich, Schweden, Belgien, Holland und Frankreich den Totalitarismus abgeschüttelt. Sechs Jahre später schloss sich Griechenland der demokratischen Union der europäischen Länder an, zur Freude meiner Eltern, die endlich das rote Tuch (unter dem sie sich versteckt hatten, wenn sie während der Diktatur der Obristen verbotenerweise die Deutsche Welle hörten) zusammenfalten und im Schrank verstauen konnten.

Weniger als ein Jahrzehnt später endete der Kalte Krieg, und Deutschland wurde wiedervereinigt in der Hoffnung, in einem geeinten Europa aufzugehen. Zentral für das Projekt, das neue geeinte Deutschland in ein neues geeintes Europa einzubetten, war das ambitionierte Programm einer Währungsunion, die für alle Europäer die gleiche Währung, die gleichen Banknoten (und Münzen mit einer einheitlich gestalteten Seite) bringen sollte. »Wenn alle das gleiche Geld verwenden«, sagte ein Athener Taxifahrer einmal Anfang der 1990er-Jahre zu mir, »dann werden die Vereinigten Staaten von Europa kommen, bevor sie es sich versehen.«

2001 hatten beide Länder, Deutschland und Griechenland, das gleiche Geld, und mit ihnen noch ein Dutzend andere Länder des Kontinents. Es war ein kühnes Projekt, erfüllt von einem Anspruch, dem kein Europäer meiner Generation widerstehen konnte, selbst wenn unsere ökonomische Analyse eine andere Sprache sprach.

Und genau da liegt das Problem. Europäische Völker, die bisher so großartig zusammenarbeiteten, wurden schließlich entzweit … durch eine gemeinsame Währung. Das Paradox einer gemeinsamen Währung, die spaltet, ist das Thema dieses Buches. Um das zu begreifen, müssen wir an anderer Stelle beginnen (siehe Kapitel 2) – dort, wo die historischen Wurzeln des Euros liegen, paradoxerweise in den Vereinigten Staaten von Amerika, wo dieses Buch zum größten Teil geschrieben wurde.

Wenige Paradoxien sind so sehr mit Traurigkeit und Gefahr erfüllt. Mit Traurigkeit, weil die Solidarität der 1970er-Jahre durch toxische Rettungsaktionen verdrängt wurde, die entlang der Alpen und des Rheins psychologische Bruchlinien erzeugten. Und Gefahr, weil aus diesen Bruchlinien offensichtliche Gehässigkeiten hervorgekrochen sind, die die Macht besitzen, das europäische Projekt zu zerstören und, schlimmer noch, die ganze Welt zu destabilisieren. Das mahnt uns, auf keinen Fall zu vergessen, dass Europa es im letzten Jahrhundert zweimal geschafft hat, so aus dem Gleichgewicht zu geraten, dass es enormen Schaden über sich und die Welt gebracht hat.

Der Silberstreif am Horizont

Der Prozess der europäischen Integration begann Ende der 1940er-Jahre unter der Obhut der Vereinigten Staaten von Amerika. Vorbereitet hatte ihn die Rede der Hoffnung, die der amerikanische Außenminister James Byrnes 1946 in Stuttgart hielt. Kurz darauf schlossen sich Franzosen und Deutsche sowie andere Europäer in einer Gemeinschaft zusammen, aus der später die Europäische Union wurde.

Europa rückte zusammen trotz unterschiedlicher Sprachen, verschiedener Kulturen und je eigener Temperamente. Im Zuge des Zusammenrückens entdeckten wir mit großer Freude, dass es zwischen unseren Ländern weniger Unterschiede gab als innerhalb der Länder selbst. Und wenn ein Land vor einer Herausforderung stand wie Griechenland 1967 mit dem Militärputsch, kamen die anderen ihm zu Hilfe. Es dauerte ein halbes Jahrhundert, bis Europa die Wunden des Krieges durch Solidarität überwunden hatte und zu dem sprichwörtlichen Silberstreif am Horizont wurde.

Dass Länder, die bislang Kriege gegeneinander geführt hatten, sich auf der Grundlage von Mandaten der Völker vereinten, um mit dem Versprechen gemeinsamen Wohlstands gemeinsame Institutionen zu errichten und lächerliche Grenzen zu überwinden, die früher den Kontinent zerschnitten hatten – das war immer ein anspruchsvolles Projekt, ein faszinierender Traum und nun glücklicherweise eine Realität, die nach und nach zutage trat. Die Europäische Union konnte sogar als Blaupause dienen, die dem Rest der Welt Mut und Inspiration vermittelte, Spaltungen zu überwinden und auf dem ganzen Planeten zu friedlicher Koexistenz zu gelangen.

Auf einmal konnte sich die Welt ganz realistisch vorstellen, dass unterschiedliche Nationen einen gemeinsamen Staat bilden konnten, ohne dass es eines autoritären Imperiums bedurfte. Wir konnten Bande knüpfen, die nicht nur auf Verwandtschaft, Sprache, ethnischer Zugehörigkeit, einem gemeinsamen Feind gründeten – sondern auf gemeinsamen Werten und humanistischen Prinzipien. Ein Commonwealth rückte in Reichweite, in dem Vernunft, Demokratie, Achtung der Menschenrechte und ein anständiges soziales Sicherungsnetz seinen multinationalen, vielsprachigen und multikulturellen Bürgern die Voraussetzung bieten würden, ihre jeweiligen Talente zu entwickeln.

»Wann bekomme ich mein Geld zurück?«

Und dann kamen die Implosion der Wall Street 2008 und die anschließende weltweite Finanzkrise. Nichts würde mehr so sein wie vorher. 2010 war die europäische Solidarität von innen aufgezehrt, und es blieb nur die leere Hülle einer ehemals verlässlichen Kameradschaft. Die dafür verantwortliche »Grille« war nichts anderes als ein schlecht konzipiertes Experiment mit Europas Geld. Es dauerte zwei Jahre, bis der Groschen fiel, dass der Versuch, Europas »Zusammenrücken« durch eine Währungsunion zu untermauern, das Gegenteil bewirkt hatte.

Wie das folgende Kapitel zeigt, begann alles 1971. Seit den 1940er-Jahren hatte Amerika den Europäern finanzielle Stabilität geboten, und jetzt warf Amerika aus guten eigenen Gründen die Europäer aus der Dollarzone. Frankreich und Deutschland hatten alle Veranlassung, zu versuchen, den Dollarstandard, aus dem Europa so schmählich vertrieben worden war, durch etwas anderes zu ersetzen. Sie handelten aus den richtigen Motiven, packten das Projekt der Währungsunion aber ganz falsch an. Und so geschah es, dass der lange Weg zur Währungseinheit die politische und wirtschaftliche Integration, auf die die Europäer so große Hoffnungen gesetzt hatten, nicht unterstützte, sondern aushöhlte.

So, wie die Geschichte sich manchmal wiederholt, muss man annehmen, dass sie einen Hang zur tragischen Farce hat. Der Kalte Krieg begann nicht in Berlin, sondern im Dezember 1944 in den Straßen von Athen. Die Eurokrise begann ebenfalls in Athen, 2010, ausgelöst durch Griechenlands Schuldenproblem. Durch eine Laune der Geschichte war Griechenland sowohl die Geburtsstätte des Kalten Krieges wie der Eurokrise. Für ein kleines Land ist es großes Pech, zum Epizentrum einer globalen Katastrophe zu werden. Das zweimal in einem überschaubaren Zeitraum zu erleben, ist eine Tragödie.

Was hat die Eurokrise verursacht? Medien und Politiker lieben einfache Erklärungen. Wie Hollywood schwärmen sie für Geschichten, die eine Moral haben und in denen es Bösewichte und Opfer gibt. Äsops Fabel von der Grille und der Ameise passte perfekt. Von 2010 an kursierten in Deutschland und dem calvinistischen Nordeuropa Erzählungen wie die folgende:

Die griechischen Grillen haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht, und der von Schulden getriebene Sommer endete eines Tages abrupt. Die calvinistischen Ameisen wurden zu Hilfe gerufen, die griechische Grille und noch ein paar andere Grillen in Europa zu retten. Und nun, so sagte man dem deutschen Volk, wollten die griechischen Grillen ihre Schulden nicht zurückzahlen. Sie wollten weiter sorglos leben, die Sonne genießen, und ein weiteres Rettungspaket, um all das zu finanzieren. Sie wählten sogar eine Kamarilla von Sozialisten und radikalen Linken, die in die Hand biss, die sie fütterte. Diesen Grillen musste man eine Lektion erteilen, sonst würden sich andere Europäer, die aus minderwertigerem Holz geschnitzt waren als die Ameisen, ermutigt fühlen, ebenfalls ein lockeres Leben zu führen.

Es ist eine starke Geschichte. Eine Geschichte, die der harten Haltung zugrunde liegt, die manche gegenüber den Griechen befürworten und gegenüber der Regierung, der ich angehört habe.

»Wann bekomme ich mein Geld zurück?«, fragte mich scherzhaft, aber mit einem deutlichen Beiklang resignierter Aggression, ein deutscher Staatssekretär am Rande jener ersten Begegnung mit Dr. Schäuble. Ich sagte nichts und lächelte höflich.

Es gab keine konstruktive Antwort.

Grillen überall

Das Problem mit der vereinfachten Version der Fabel von Grille und Ameise ist, dass sie ganz fürchterlich in die Irre führt. Sie berücksichtigt nicht, dass es in jedem Land mächtige Grillen gibt, auch in Deutschland und anderen Überschussländern. Sie erwähnt nicht, dass diese Grillen aus dem Norden und dem Süden die Angewohnheit haben, dominierende internationale Allianzen gegen die Interessen der guten Ameisen zu schmieden, die nicht nur in Deutschland unermüdlich arbeiten, sondern auch in Griechenland, Irland und Portugal.

Meine instinktive Antwort auf die Frage des Staatssekretärs (eine Frage, die mir zu dieser Zeit fast täglich gestellt wurde) »Wann bekomme ich mein Geld zurück?« wäre gewesen: »Fragen Sie die Banker in Frankfurt und Paris, an die via Athen der größte Teil des Rettungsgelds für Griechenland geflossen ist. Sie wurden gerettet, nicht Griechenland.« Natürlich sagte ich das nicht, denn ich wollte wenigstens noch den letzten Rest an diplomatischer Höflichkeit wahren. Da ich nun einmal der Adressat solcher feindseligen Gesten war, konnte ich nichts sagen, was eine von unserer gemeinsamen Währung vollständig ausgehöhlte Beziehung hätte verbessern können.

Wenn eine Währungsunion mehrerer Länder sich aufzulösen beginnt und die Bruchlinien unbarmherzig sichtbar werden, gibt es nicht viele andere Möglichkeiten als das ernsthafte Gespräch und die Bereitschaft, an das Zeichenbrett zurückzukehren, um zu flicken, was kaputtgegangen ist. Ein solcher Dialog fehlte in den 1930er-Jahren, und das führte zum Zerfall der gemeinsamen Währung der damaligen Zeit, des Goldstandards. Und offenbar wiederholte sich das gerade wieder in einem Europa, das es achtzig Jahre später eigentlich hätte besser wissen müssen.

Die Europäer brauchten ewig, um zu begreifen, dass die Weltwirtschaftskrise von 1929 für eine tragische Generation eine frühere Version der Ereignisse von 2008 gewesen war. Beide Male stand die Wall Street im Mittelpunkt, und als der Finanzsektor schmolz, Kredite sich in Luft auflösten und Wertpapiere zu Asche zerfielen, begann auch die gemeinsame Währung zu bröckeln. Es dauerte nicht lange, und die Arbeiterklasse eines Landes wandte sich gegen die Arbeiterklassen aller anderen Länder und setzte auf Protektionismus als Rettung. 1929 nahm der Protektionismus die Form an, die eigene Währung gegenüber den anderen abzuwerten. 2011 bestand er darin, die eigene Arbeit gegenüber den anderen abzuwerten.

Unmerklich setzte 2008 eine deprimierend ähnliche Kettenreaktion ein. Bald schon hassten unterbezahlte deutsche Arbeiter die Griechen, und unterbeschäftigte griechische Arbeiter hassten die Deutschen. Die Eurozone kämpfte mit deflationären Böen und musste sich selbst durch Exporte aus dem Schlamassel befreien. Unterdessen sah die gesamte Welt einschließlich der Vereinigten Staaten gespannt zu, wie sich diese postmoderne Version der 1930er-Jahre wohl entwickeln würde. Und sie sehen immer noch zu …

Wütend, dass Europa nur Nabelschau betrieb und sich so rasch jeder gegen jeden wandte, beschloss ich an jenem Tag in Berlin, um ein bisschen Dampf abzulassen, alle Schuld einem anderen Griechen zu geben: Äsop! Denn seine simplifizierende Fabel warf offensichtlich einen langen Schatten über die Wahrheit und brachte eine stolze europäische Nation gegen eine andere auf. Unter seinem Einfluss wurden aus Partnern Feinde, jeder Europäer drohte als Verlierer zu enden, und die einzigen Gewinner, die im Schatten lauerten, waren die Rassisten und jene, die niemals ihren Frieden mit der europäischen Demokratie gemacht hatten.

Schuld und Schulden

»Schulden sind Schulden sind Schulden!«, sagte ein anderer hochrangiger Vertreter der Bundesrepublik bei jenem ersten Besuch in Berlin zu mir. Mein leidenschaftsloses Argument lautete, eine Umschuldung der griechischen Staatsschulden sei entscheidend wichtig, um den Wachstumsschub zu erzeugen, den wir brauchten … um unsere Schulden zurückzahlen zu können. Das Argument schnurrte zusammen wie ein Luftballon.

Als ich diesen starken, moralisierenden Satz hörte, dachte ich: »Ups! Es wird nicht leicht sein, bei solchen Besuchen zu einer Annäherung zu kommen.« Eine Erzählung über zwei Schulden wurde zu einer Frage der Moral, und so etwas führt nie weiter. Europa ist ein alter Kontinent, unsere Schulden reichen Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende in die Vergangenheit zurück. Sie rachsüchtig aufzurechnen und moralisierend mit dem Finger aufeinander zu deuten, war so ziemlich das Letzte, was wir mitten in einer Wirtschaftskrise brauchten, in der hohe neue Schulden, die auf Bergen alter Verbindlichkeiten aufgetürmt wurden, nur ein Nebenprodukt waren.

Manolis Glezos, Griechenlands Symbolgestalt für den Widerstand gegen die nationalsozialistischen Besatzer, hat 2012 ein Buch geschrieben mit dem Titel Selbst wenn es nur eine D-Mark wäre.3 Das Buch hat die gleiche Botschaft wie der Satz des oben zitierten Deutschen: »Schulden sind Schulden sind Schulden!« Selbst wenn Deutschland Griechenland nur eine einzige D-Mark an Reparationen schulden würde, müsste sie bezahlt werden. Selbst eine einzige D-Mark, die zurückgezahlt wird, kann dazu beitragen, ein großes Unrecht ungeschehen zu machen. Genau wie es in Deutschland seit Beginn der Eurokrise als offensichtlich gilt, dass die Griechen unmögliche Schuldner sind, so sind auch in Griechenland Deutschlands nicht zurückgezahlte Schulden aus der Kriegszeit für immer unvergessen.

Das Letzte, was ich gebrauchen konnte, als ich versuchte, eine gemeinsame Basis mit dem deutschen Finanzministerium zu finden, war dieser Zusammenprall moralisierender Narrative. Ethische Themen spielen eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, Völker zusammenzubringen. Dinge müssen »abgeschlossen« werden, damit schwärende Wunden heilen können, so wie es die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission lebhaft vorgeführt hat. Aber wenn es um das moderne Finanzwesen geht und eine komplizierte, schlecht konstruierte Währungsunion, sind die Wirtschaftslehren der Bibel ein heimtückischer Feind. Schulden mögen Schulden sein, aber Schulden, die nicht zurückgezahlt werden können, werden nicht zurückgezahlt, sofern sie nicht vernünftig umgeschuldet werden. Die griechischen Teenager des Jahres 2010 verdienen genauso wenig ein Leben im Elend, wie es die deutschen Teenager 1953 verdienten (als Deutschland bei der Londoner Konferenz Kriegsschulden erlassen wurden)4, weil frühere Generationen Schulden angehäuft haben, die nicht zurückgezahlt werden können.

Wir dürfen nicht vergessen, dass der Kapitalismus erst richtig in Gang kam, nachdem die Schulden entmoralisiert waren. Schuldtürme wurden durch eine begrenzte Haftung ersetzt, und das Finanzwesen ging ganz einfach über das schlechte Gewissen hinweg, das Schuldner früher womöglich plagte, bevor »durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente … [und] durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation« gerissen wurden – um niemand anderen zu zitieren als Karl Marx.5

Gespenster einer gemeinsamen Vergangenheit

An dem Tag Ende Januar 2015, als unsere Regierung vereidigt wurde, legte Ministerpräsident Alexis Tsipras Blumen an einem Mahnmal nieder, das an die Erschießung griechischer Patrioten durch die nationalsozialistischen Besatzer erinnerte. Die internationale Presse deutete dies als eine symbolische Geste des Trotzes gegenüber Berlin und ließ anklingen, unsere Regierung versuche, Parallelen zwischen dem Dritten Reich und einer deutschen Eurozone zu ziehen, die Griechenland erneut eine eiserne Herrschaft aufzwingen wolle. Das half mir nicht bei meiner Aufgabe, mir Freunde in Berlin zu machen, vor allem im ultrakonservativen Bundesministerium der Finanzen.

Ich war überzeugt, unbedingt betonen zu müssen, dass unsere Regierung keinerlei Parallelen zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der heutigen Bundesrepublik sah. Darum ging ich ein kalkuliertes Risiko ein: Ich schrieb folgende Passage, die Teil meiner Erklärung in der gemeinsamen Pressekonferenz mit Dr. Schäuble wurde. Es sollte ein in höchstes Lob getauchter Ölzweig sein:

»Als Finanzminister«, begann ich, »einer Regierung, die sich in einer Notsituation befindet, die durch eine brutale Krise aus Schulden und Deflation verursacht wurde, denke ich, dass das deutsche Volk uns Griechen besser verstehen kann als alle anderen. Niemand versteht besser als das Volk dieses Landes, wie eine Volkswirtschaft in einer tiefen wirtschaftlichen Krise in Verbindung mit ritueller nationaler Demütigung und vollkommener Hoffnungslosigkeit das Schlangenei in der Gesellschaft ausbrüten kann. Wenn ich heute Abend nach Hause zurückkehre, werde ich vor einem Parlament stehen, in dem die drittgrößte Partei eine nationalsozialistische ist.«

Ich fuhr fort: »Als unser Ministerpräsident nach seiner Vereidigung Blumen an einem symbolträchtigen Denkmal in Athen niederlegte, war das ein Akt des Widerstands gegen das Wiederaufleben des Nationalsozialismus. Deutschland kann stolz darauf sein, den Nationalsozialismus hier ausgerottet zu haben. Aber es ist eine grausame Ironie der Geschichte, dass der Nationalsozialismus in Griechenland sein hässliches Haupt erhebt, einem Land, das so tapfer gegen ihn gekämpft hat.«

Und ich schloss: »Wir brauchen das deutsche Volk, damit es uns in unserem Kampf gegen die Menschenfeindlichkeit hilft.« So versuchte ich, eine mögliche Beleidigung in ein Lob und einen Appell zur Einigkeit zu verwandeln. »Wir sind darauf angewiesen, dass unsere Freunde in diesem Land standfest bei Europas Nachkriegsprojekt bleiben, das heißt, niemals zulassen, dass eine Wirtschaftskrise wie in den 1930er-Jahren stolze europäische Länder spaltet. Wir werden in dieser Hinsicht unsere Pflicht erfüllen. Und ich bin überzeugt, dass unsere europäischen Partner das auch tun werden.«

Man mag es Naivität nennen, aber ich gebe zu, ich hatte eine positive Reaktion auf meine kurze Rede erwartet. Stattdessen bekam ich ohrenbetäubendes Schweigen. Am nächsten Tag attackierte mich die deutsche Presse, weil ich es gewagt hatte, im Bundesministerium der Finanzen die Nationalsozialisten zu erwähnen. Und ein Großteil der griechischen Presse feierte mich – weil ich Dr. Schäuble einen Nazi genannt hätte.

Als ich am nächsten Tag in meinem Athener Büro diese Reaktionen las, erlaubte ich mir einen kurzen Augenblick der Verzweiflung.

Noch einmal Siemens

In derselben Pressekonferenz rief mir die Frage eines Journalisten meinen vor langer Zeit verstorbenen Onkel ins Gedächtnis zurück. Es ging um Siemens und den Skandal, der einige Jahre zuvor bekannt geworden war: Damals hatte eine in den Vereinigten Staaten begonnene Untersuchung Anhaltspunkte zutage gefördert, dass der Chef von Siemens-Hellas, ein gewisser Michael Christoforakos, ein Mann, der zwei Jahrzehnte nach dem Ausscheiden meines Onkel Panayiotis dessen Posten eingenommen hatte, aktiv Schmiergelder an Politiker zahlte, um Siemens Regierungsaufträge zu sichern.

Als der Fall vor die griechischen Gerichte kam, war der fragliche Herr bereits nach Deutschland geflohen, wo er sich immer noch befindet. Er weigert sich, nach Athen zurückzukehren, auch nachdem er offiziell vom Staatsanwalt angeklagt wurde. Trotz der Bemühungen des Münchner Staatsanwalts, ihn nach Griechenland auszuliefern, trafen die deutschen Behörden die umstrittene Entscheidung, den Auslieferungsantrag aus Athen zurückzuweisen. Zu einer Zeit, als die deutschen Medien voll von Berichten über die Unfähigkeit der griechischen Behörden waren, die Korruption zu bekämpfen, belastete diese Episode das Verhältnis zwischen beiden Ländern enorm.

»Haben Sie, Herr Minister«, fragte der Journalist, »Ihrem deutschen Kollegen (gemeint war Wolfgang Schäuble) deutlich gemacht, dass der deutsche Staat verpflichtet ist, der griechischen Regierung bei der Korruptionsbekämpfung zu helfen, indem er Herrn Christoforakos nach Griechenland ausliefert?« Ich versuchte, auf die Frage eine vernünftige Antwort zu geben, die Öl auf die Wogen gießen würde. »Ich bin sicher«, sagte ich, »dass die deutschen Behörden verstehen werden, wie wichtig es ist, unserem bedrängten Staat in seinem Kampf gegen die Korruption in Griechenland zu Hilfe zu kommen. Ich vertraue darauf, dass meine Kollegen in Deutschland die Wichtigkeit erkennen, nicht den Anschein zu erwecken, dass irgendwo in Europa mit zweierlei Maß gemessen wird.« Und was sagte Dr. Schäuble? Er wirkte ziemlich verärgert und sagte lediglich, sein Finanzministerium habe mit der Angelegenheit nichts zu tun.

Auf dem Rückflug nach Athen wanderte mein Geist in die späten 1970er-Jahre. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis kehrte mein Onkel an die Spitze von Siemens-Hellas zurück. Er war glücklich auf seinem Posten, wie er mir immer wieder versicherte, und stolz auf seine Arbeit. Bis er irgendwann nicht mehr stolz war, verärgert zurücktrat und mehrere eigene, erfolgreiche Unternehmen gründete.

Ich erinnere mich, dass ich Panayiotis einmal fragte, warum er zurückgetreten sei. Seine Antwort habe ich immer noch im Kopf. Einfach ausgedrückt, sagte er, er sei zurückgetreten, weil die Firmenzentrale von Siemens Druck auf ihn ausgeübt habe, griechische Politiker zu bestechen, um sicherzustellen, dass Siemens die Nummer eins in Griechenland bleiben und den Löwenanteil der Verträge im Zusammenhang mit der lukrativen Digitalisierung des griechischen Telefonnetzes bekommen würde.

Als ich die Erinnerung an das, was mein Onkel mir erzählt hatte, mit den Nachrichten über die Umtriebe von Michael Christoforakos zusammenbrachte, niemand Geringerem als dem Nachfolger meines Onkels, verstärkte sich bei mir die Überzeugung, dass die Grillen tatsächlich allgegenwärtig waren. Das mächtige Netz korrupter Praktiken lag über all unseren Ländern, über Griechenland, Deutschland, überall. Und die mächtigsten Politiker in Europa waren nicht bereit, etwas dagegen zu tun, außer mit Fingern auf schwächere Länder zu deuten und zu behaupten, Griechenland habe ein Monopol auf Korruption.

Amerika, Amerika

In meiner Kindheit war Amerika der Buhmann. Der Putsch im April 1967 trug die Handschrift des amerikanischen Geheimdienstes, seine Drahtzieher und Helfer saßen unbestreitbar in Washington D.C. Gleichzeitig war Amerika auch eine Quelle immenser Hoffnung, was uns jüngere Griechen sehr verwirrte.

An einem Juninachmittag, gut ein Jahr nachdem die Obristen unser Leben verdunkelt hatten, gingen meine Mutter und ich an dem alten Stadion vorbei, in dem 1896 die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit stattgefunden hatten. Auf einmal füllten sich ihre Augen mit Tränen, als sie hörte, wie der Zeitungsjunge so laut, wie er konnte, die Nachricht verkündete, jemand namens Bobby Kennedy sei tot. Ich erinnere mich noch genau an ihre ersten Worte, nachdem sie die Fassung wiedererlangt hatte: »Er war unsere letzte Chance.«

Amerika hatte sich schon zwei Jahrzehnte zuvor als Europas letzte Chance erwiesen. Die Europäer denken gern, die Europäische Union sei eine sagenhafte europäische Großtat. Doch eine sorgfältige, leidenschaftslose Analyse führt zu einem anderen Schluss: Die Europäische Union war ein amerikanischer Plan, der auf der Erfahrung der New-Deal-Politiker mit der Weltwirtschaftskrise und ihren Lehren für die Nachkriegswelt aufbaute. In diesem Sinn war Bobby Kennedy vielleicht der letzte Amerikaner, der den Geist des New Deal im Weißen Haus lebendig halten konnte. Nachdem Lyndon Baines Johnson abgetreten war, war es nur eine Frage der Zeit, bis der Nixon-Schock um 1971 Kräfte freisetzte, die Europa irreversibel aus dem Gleichgewicht brachten.

All das konnte meine Mutter natürlich nicht wissen. Für sie verkörperte Bobby Kennedy die Hoffnung, dass die Vereinigten Staaten es bedauern würden, unsere neofaschistischen Diktatoren unterstützt zu haben, und uns die Rückkehr zur Demokratie erlauben würden. Unwissentlich war sie jedoch auf eine größere Geschichte zugesteuert, die in den folgenden Kapiteln erzählt werden soll. Es ist die Geschichte, wie der Kollaps des Währungssystems, das die New-Deal-Politiker 1944 ersonnen hatten, im Jahr 1971 Europa auf einen Weg brachte, der 2010 zu den Schmerzen führte, die uns heute plagen.

Wir werden niemals wissen, wie eine Regierung unter Bob Kennedy auf die Herausforderungen der späten 1960er-Jahre an das sogenannte Währungssystem von Bretton Woods reagiert hätte, dessen Zusammenbruch Europa so ins Trudeln brachte, dass es sich bis heute nicht erholt hat. Aber es ist möglich, sich einen sanfteren Übergang zu einem flexibleren Weltwährungssystem vorzustellen, verglichen mit dem abrupten Bruch, der 1971 Paris und Bonn, die damalige Hauptstadt Westdeutschlands, zwang, Kurs auf die Währungsintegration zu nehmen, deren logische Konsequenz unser schlecht konzipierter Euro war.

Gedankenspiele, was hätte sein können, sind natürlich immer nur intellektuelle Fingerübungen. Vielleicht treibe ich dieses spezielle Gedankenspiel, weil ich mich an die Worte meiner Mutter erinnere. Denn damals bekam ich zum ersten Mal eine Vorstellung, wie wichtig die Vereinigten Staaten für mich als junger Mensch in dem Leben, das in der europäischen Peripherie vor mir lag, sein würden.

KAPITEL 1

Und die Schwachen ertragen, was sie müssen

»Ich denke, alle Ausländer wollen uns reinlegen, und unser Job ist es, ihnen zuvorzukommen.«

JOHN CONNALLY1

Es war Hochsommer in Camp David, dem offiziellen Landsitz des amerikanischen Präsidenten, als Richard Nixons Finanzminister John Connally, der ehemalige Gouverneur von Texas, seinen Präsidenten davon überzeugte, den berüchtigten Nixon-Schock auf die nichts ahnenden verantwortlichen Politiker in Europa loszulassen. Nach einem Wochenende voller Konsultationen mit wichtigen Beratern entschied sich Präsident Nixon zu einer spektakulären Ankündigung live im Fernsehen: Das weltweite Währungssystem, das Amerika entworfen hatte und seit Ende des Krieges hegte und pflegte, sollte mit einem einzigen Federstrich beseitigt werden.2 Man schrieb Sonntag, den 15. August 1971.

Wenige Stunden vor der Fernsehansprache des Präsidenten, genau um Mitternacht, hob vom Stützpunkt Andrews ein Militärtransportflugzeug ab mit Ziel Europa. An Bord befand sich Paul Volcker, Connallys Staatssekretär, der sich den europäischen Finanzministern stellen wollte, die dem Nervenzusammenbruch nahe waren.3 Unterdessen bereitete Connally selbst eine Ansprache an die Nation vor, bevor er nach Europa flog, um den versammelten Spitzen der europäischen Politik – Premierministern, Kanzlern und Präsidenten – mitzuteilen, dass das Spiel aus war. Washington wollte einem weltweiten Finanzsystem den Stecker ziehen, das es 1944 konzipiert hatte.

Während Volcker in London und Paris mit europäischen Finanzministern und Bankern sprach und versuchte, sie zu beruhigen, überbrachte Connally direkt und persönlich den europäischen Staatschefs eine schonungslose Botschaft. Im Klartext lautete sie: Meine Herren, über Jahre haben Sie sich darüber beschwert, dass wir die Steuerung des weltweiten Finanzsystems übernommen hatten – des Finanzsystems, das wir geschaffen haben, um Sie aus dem Schlamassel zu befreien, den Sie selbst angerichtet haben. Sie fühlten sich befugt, nach Belieben gegen seinen Geist und seine Regeln zu verstoßen. Sie dachten, wir würden weiterhin wie Atlas dastehen und es auf unseren Schultern tragen, egal, was es kostete, und unbeeindruckt von Ihren Beleidigungen und Sabotageakten. Aber da haben Sie sich geirrt! Am Sonntag hat Präsident Nixon die Verbindung zwischen unserem Dollar und Ihren Währungen gekappt.4 Bevor Sie es sich versehen, wird auch die Verbindung zwischen unserem Dollar und Ihren Währungen dahin sein. Warten wir ab, was das für Sie bedeutet! Meine Vermutung ist, dass Ihre Währungen wie Rettungsboote sein werden, die man vom Mutterschiff USS Dollar abgeschnitten hat und die jetzt von hohen Wellen hin- und hergeschleudert werden, für die sie nie konzipiert waren, sodass sie ineinanderkrachen, unfähig, einen eigenen Kurs zu steuern.5

Und in einem Satz, der bis heute in Europa nachhallt, fasste Connally all das knapp, schmerzhaft und brutal zusammen: »Meine Herren, der Dollar ist unsere Währung. Und von jetzt an ist das Ihr Problem!«6

Die europäischen Politiker erfassten den Ernst ihrer Lage sofort, verfielen aber in Kurzschlussreaktionen und häuften Fehler auf Fehler, die vierzig Jahre später in der beklagenswerten aktuellen Lage Europas kulminierten. 2010 musste Europa den Folgen all seiner Fehler aus vierzig Jahren ins Auge sehen (vgl. Kapitel 2, 3 und 4). Die Krise seiner heutigen Währung, des Euros, hängt mit Fehlentscheidungen zusammen, die sich bis zu den Ereignissen von 1971 zurückverfolgen lassen, als Nixon, Connally und Volcker Europa von der sogenannten Dollarzone abkoppelten.7 Die Komödie der Irrtümer, mit denen die europäischen Politiker auf ihre Eurokrise nach 2010 reagierten (vgl. Kapitel 5 und 6), lässt sich ebenfalls auf Europas unbeholfene Reaktion nach dem Nixon-Schock zurückführen.

Dieses entscheidende Ereignis der Geschichte wird uns in diesem Kapitel beschäftigen.

Eine lange Vorgeschichte

Nixon hatte Connallys plumper Logik nicht leichtfertig zugestimmt. Aber Connallys Logik war auch gar nicht so plump, wie er sie selbst gern darstellte. Das Finanzsystem der Nachkriegszeit, das Nixon mit seiner Ankündigung vom August 1971 in den Mülleimer der Geschichte befördert hatte, knirschte bereits seit geraumer Zeit wie ein Kahn, der unweigerlich sinken und die amerikanische Hegemonie der Nachkriegszeit mit sich in den Untergang reißen würde.

Lyndon B. Johnson, Nixons direkter Vorgänger im Weißen Haus, der wie Connally aus Texas stammte und sein politischer Mentor war, hatte ebenfalls begriffen, dass das Finanzsystem, das Amerika für die Nachkriegszeit ersonnen hatte, nicht mehr weiterexistieren konnte.8 In einer Diskussion mit seinem stellvertretenden Nationalen Sicherheitsberater Francis Bator im Jahr 1966 beharrte Johnson darauf, dass er dem System ein Ende bereiten und das Band zwischen dem Dollar und Gold durchtrennen werde, von dem es abhing: »Ich werde nicht die amerikanische Wirtschaft schrumpfen lassen und meine Außenpolitik kaputt machen, indem ich Hilfen kürze oder Truppen abziehe oder protektionistisch werde, nur damit wir weiterhin den Franzosen Gold zum Kurs von 35 Dollar pro Unze geben können.«9 Doch Johnson war von seinem Projekt der Great Society und der Eskalation des Vietnamkriegs abgelenkt. Außerdem hatte er keine rechte Lust, das System zu zerschlagen, das die Regierung von Präsident Franklin Roosevelt (die sogenannten New-Deal-Politiker) zwei Jahrzehnte zuvor geschaffen hatte, und ließ den Dingen ihren Lauf.10

Auch Nixon versuchte nach seinem Einzug ins Weiße Haus, das Unvermeidliche hinauszuzögern. Obwohl seine zerstrittene Regierungsmannschaft zunehmend zu der Überzeugung gelangte, dass das weltweite Währungssystem am Ende war, hätten ihre Warnungen allein nicht ausgereicht, ihn zu überzeugen, seine Schockbotschaft (und John Connally) auf die verwirrten Europäer loszulassen. Wie wir noch sehen werden, bedurfte es dazu einiger aggressiver Manöver der Franzosen, Deutschen und Briten von 1968 bis Mitte 1971, die ihm schließlich freie Hand gaben. Es waren tollkühne Herausforderungen für Amerikas Umgang mit dem globalen Kapitalismus, und sie verschafften Connally und »dem verdammten Volcker«11 die Gelegenheit, dem Präsidenten klarzumachen, dass er keine andere Wahl hatte: Er musste das internationale Währungssystem, das unter dem Begriff Bretton Woods bekannt war, versenken und Europa gleich mit.

Wäre auch ein anderer Ausgang möglich gewesen? 1971 wussten alle, dass mächtige Wirtschaftskräfte im Untergrund, die weder die Vereinigten Staaten noch Europa beeinflussen konnten, das System von Bretton Woods ausgehöhlt hatten. Europas Irrtum bestand darin, dass seine politischen Vertreter nicht versuchten, ein strauchelndes System durch Verhandlungen zu retten, sondern stattdessen ein schwaches Blatt gegenüber einem kühnen Hegemon überreizten. Nun würden sie die Konsequenzen tragen müssen. Und Europa bekam sie zu spüren. Tatsächlich leidet Europa von Dublin bis Athen und von Lissabon bis Helsinki immer noch unter den Konsequenzen.

Eine einfache Idee für ein gebeuteltes Europa

Das Finanzsystem, das Präsident Nixon 1971 exekutierte, war im Juli 1944 in den Konferenzräumen des Hotels Mount Washington entstanden, malerisch gelegen in der Kleinstadt Bretton Woods in New Hampshire. Es hätte keinen größeren Kontrast zu der aus Blut und Stahl hervorgegangenen Situation in Europa und dem pazifischen Raum geben können als diese heitere Umgebung.

Zu Beginn der Konferenz von Bretton Woods lag der D-Day gerade einmal drei Wochen zurück, Zehntausende trauernde Familien, hauptsächlich amerikanische, hatten seinen schrecklichen Blutzoll noch nicht verdaut. Während die Konferenz lief, befreite die Rote Armee Minsk und zahlte dafür einen hohen Preis an Menschenleben, die amerikanische Luftwaffe bombardierte erstmals seit 1942 Tokio massiv, algerische Truppen unter dem Kommando von General Charles de Gaulle nahmen Siena ein, und in London schlug gnadenlos eine V1-Rakete nach der anderen ein. Am 20. Juli, einen Tag bevor die Konferenz von Bretton Woods erfolgreich abgeschlossen wurde, verübte Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Führerhauptquartier bei Rastenburg einen Anschlag auf Adolf Hitler. Die Verschwörer scheiterten, aber die Zeichen an der Wand waren eindeutig. Der Juli 1944 war ohne Zweifel der richtige Zeitpunkt, mit der Planung der Nachkriegsordnung zu beginnen.

Die Delegierten aus den vierzig verbündeten Ländern beschäftigten der Kriegsverlauf in ihren jeweiligen Heimatländern und die Ungewissheit, welche Rolle sie in der Nachkriegsordnung spielen würden. Trotzdem schafften sie es, innerhalb von drei Wochen einen eindrucksvollen Deal zu Papier zu bringen. In der Erwartung, dass in Europa die Waffen bald schweigen würden, und zu einem Zeitpunkt, als die Sowjetunion noch nicht als das neue Ungeheuer erschien, das es zu töten galt, begriffen die amtierenden New-Deal-Politiker in Amerika, dass in dieser Stunde ihrem Land die historische Rolle zufiel, den weltweiten Kapitalismus nach seinem Vorbild zu formen.

Bei der Eröffnungszeremonie der Konferenz am 1. Juli 1944 erklärte Präsident Roosevelt, seine Regierung werde die letzten Reste des amerikanischen Isolationismus aufgeben: »Die wirtschaftliche Gesundheit eines jeden Landes liegt all seinen Nachbarn, ob nah oder fern, am Herzen.« Die Vereinigten Staaten, die als einziges Land (vielleicht mit Ausnahme der unbedeutenden Schweiz) mit einem intakten Währungssystem, einer boomenden Industrie und einem ordentlichen Handelsbilanzüberschuss aus dem Krieg herausgekommen waren, beabsichtigten eindeutig, die ausgeblutete Welt unter ihre Fittiche zu nehmen.

Ein Opfer des Krieges in Europa war das Geld. Mit den Nationalsozialisten kollaborierende Regimes in den besetzten Ländern hatten so viel Geld gedruckt, um die Kriegsanstrengungen der Achsenmächte zu unterstützen, dass das Geld der Europäer nicht einmal das Papier wert war, auf dem es gedruckt war. Und selbst in Ländern, die wie Großbritannien der Besetzung entgangen waren, führten die Kriegskosten und der Zusammenbruch des Handels zu einer Kombination von Staatsverschuldung und Wertevernichtung, die die Währung wertlos machte – zumindest im internationalen Handel. Kurzum, der Greenback war die einzige noch funktionierende Währung, die als Schmiermittel des Welthandels dienen konnte.

Washington begriff, dass es seine erste Aufgabe nach der Niederringung der deutschen Armeen sein würde, Europa zu remonetarisieren. Das war natürlich leichter gesagt als getan. Europas Goldbestände waren entweder ausgegeben oder gestohlen worden, seine Fabriken und Infrastruktureinrichtungen lagen in Trümmern, Scharen von Flüchtlingen zogen über die Straßen, und die Konzentrationslager dünsteten immer noch den Gestank unvorstellbarer menschlicher Grausamkeit aus. In dieser Situation brauchte Europa sehr viel mehr als frisches Papiergeld. Etwas musste den neuen Banknoten echten Wert verleihen. Nicht überraschend hatten die New-Deal-Anhänger eine einfache Idee, was dieses »Etwas« sein sollte: ihr Dollar. Amerika war bereit, seinen Greenback mit den europäischen Ländern zu teilen, die am Ende des Krieges unter seinem geopolitischen Schirm Schutz suchten. In der Praxis bedeutete dies neue europäische Währungen, die zu festen Wechselkursen an den Dollar gebunden waren, sodass jedermann sicher sein konnte, dass ein bestimmter Betrag in D-Mark, französischen Francs, britischen Pfund, sogar griechischen Drachmen eine vorher festgelegte, konstante Summe in Dollar wert sein würde. Die Absicherung durch den Dollar würde Europas neuen Währungen auf Anhieb weltweit Wert verleihen.

War das nicht ein Risiko für den Dollar? Wenn der Dollar der Anker für die neuen europäischen Währungen war, worauf würde sich der Wert des Dollars stützen? Einer langen Tradition folgend, Papiergeld an Edelmetall zu binden, das kein Alchemist fälschen konnte, lautete die Antwort: Amerika würde einen festen Wechselkurs und volle Konvertibilität zwischen Dollarscheinen und dem Gold garantieren, das in einem Bunker unter dem Gebäude der Notenbank von New York lagerte sowie in Fort Knox.

Es war eine einfache Idee für eine einfachere Welt: Der Besitzer eines bestimmten Bündels Dollarnoten (35 Dollar war die Zahl, für die man sich schließlich entschied) sollte einen bedingungslosen Anspruch auf eine Unze Gold im Besitz der Vereinigten Staaten haben, unabhängig von seiner Nationalität und seinem Wohnort auf dem Planeten. Genauso sollte dem Besitzer eines Bündels der neuen europäischen Banknoten ein bestimmter Betrag in Dollar garantiert werden, der wiederum den Zugriff auf Amerikas Gold sicherte. Im Kern bedeutete dies, dass mit Gold besicherte Greenbacks zur Absicherung der Währungen in einem neuen globalen Finanzsystem dienten, das als das System von Bretton Woods in die Geschichte eingegangen ist.

Ein Schüler übertrumpft den Meister

Bei den Verhandlungen in Bretton Woods wurde Präsident Roosevelt durch Harry Dexter White vertreten, einen Ökonomen, der im Gefolge von Roosevelts New Deal in den Staatsdienst eingetreten war.12 Prägend für New-Deal-Anhänger wie White waren die 1930er-Jahre gewesen, die Zeit nach dem Krach an den ungezügelten Finanzmärkten 1929 und der anschließenden Weltwirtschaftskrise. Sie wollten Not und Hoffnungslosigkeit überwinden, indem sie die bestehenden staatlichen Institutionen stärkten und neue schufen, die verhindern sollten, dass sich die Ereignisse von 1929 wiederholten. Bretton Woods bot White die Gelegenheit, die Ideen des New Deal weltweit umzusetzen. Er erhoffte sich von der Konferenz nichts weniger, als vollkommen neu ein stabiles, funktionsfähiges, weltweites Finanzsystem für die Nachkriegszeit zu errichten und zugleich die Europäer abzuwehren, die von Washington erwarteten, es werde das neue Finanzsystem zu ihren Gunsten ausgestalten.

Großen Einfluss auf White hatten in den 1930er-Jahren die Schriften des in Cambridge lehrenden Ökonomen John Maynard Keynes gehabt. In einer köstlichen Volte des Schicksals war sein europäischer Gegenspieler in Bretton Woods niemand anderer als eben jener John Maynard Keynes, den Winston Churchills während des Krieges amtierende Regierung der nationalen Einheit als Vertreter des letzten, wenngleich strauchelnden Empires in Europa zu der Konferenz entsandt hatte.13

Keynes hatte alles bereits gut geplant, bevor er nach Amerika reiste. Er brachte ein rasiermesserscharfes Verständnis für die Funktionsweise des weltweiten Kapitalismus mit, ein einzigartiges Wissen, welche ökonomischen Kräfte die Weltwirtschaftskrise verursacht hatten, einen hervorragenden Plan für die Neugestaltung des globalen Finanzsystems und nicht zuletzt das Gespür eines Dichters für Worte und das Talent eines Romanciers für Erzählungen.14 Der einzige Mensch bei der Konferenz von Bretton Woods, der ihm den Ruhm streitig machen konnte, dem neuen Weltwirtschaftssystem seinen Stempel aufzudrücken, war sein amerikanischer Schüler Harry Dexter White. Und genau das tat White dann auch.

Keynes’ Vorschlag sprühte vor intellektueller Brillanz; White trat im Bewusstsein der Macht auf, die ihm Amerikas wirtschaftliche und militärische Dominanz verlieh. Keynes plädierte für ein weltweites System, das den Kapitalismus für eine sagenhaft lange Zeit weiter stabilisieren könnte. White hatte den Auftrag, ein System durchzusetzen, das zu der neu gewonnenen Stärke der Vereinigten Staaten passte, aber nur so lange funktionieren konnte, wie Amerika eine außerordentliche Überschussnation sein würde. Es war sicher unvermeidlich, dass die beiden Männer aneinandergerieten und dass White triumphierte, obwohl es Keynes gelang, seinen Gegner in allen wichtigen theoretischen Punkten zu überzeugen.

Und so kehrte Keynes im Juli 1944, kurz nach dem D-Day, während amerikanische Truppen in Europa und in der Pazifikregion vorrückten und der Rest der Welt in Amerikas Schuld stand, als geschlagener Mann nach London zurück, wo er ebenso wenig die letztlich von der amerikanischen Seite diktierte Vereinbarung diskutieren wollte wie seinen Plan, den White im Hotel Mount Washington abgeschmettert hatte. Kurz darauf investierte Keynes seine verbliebene Energie in eine neue Verhandlungsrunde mit den Washingtoner New-Deal-Anhängern bei einer Konferenz in Savannah im Bundesstaat Georgia. Diesmal wollte er sie dazu bringen, die gigantische Belastung Großbritanniens durch Kriegsanleihen zu reduzieren. Es ging nicht gut aus. Während der Verhandlungen, die Keynes als »die Hölle« bezeichnete, erlitt er seinen ersten Herzinfarkt. Kurz nach seiner Rückkehr nach England beendete ein weiterer Herzinfarkt im Alter von zweiundsechzig Jahren sein Leben.

Die Antwort der Melier

Als ich mir vierzig Jahre später, 1988, im King’s College in Cambridge Keynes’ Papiere und Bücher anschaute, fiel mir eine altgriechische Ausgabe von Thukydides’ Der Peloponnesische Krieg ins Auge. Ich zog sie hervor und blätterte durch die Seiten. Mit Bleistift war die berühmte Passage unterstrichen, in der die mächtigen Athener Generäle den ratlosen Meliern erklärten, warum es »Recht« nur »bei gleichem Kräfteverhältnis« gibt, weil »die Stärkeren alles in ihrer Macht Stehende durchsetzen und die Schwachen ertragen, was sie müssen«.15

Diese Worte klangen mir im Frühjahr 2015 in den Ohren, als ich mich Griechenlands Geldgebern gegenübersah und ihrer festen Entschlossenheit, unsere Regierung zu Fall zu bringen. Ich bin mir ganz sicher, dass diese Worte während der Konferenz von Bretton Woods auch in Keynes’ Ohren klangen. Allerdings frage ich mich, ob er versucht war, White gegenüber die Worte der Melier zu wiederholen, die in dem Bestreben, sich zu retten, an das Eigeninteresse der Athener zu appellieren versuchten:

Wir glauben aber doch, es wäre nützlich – so müssen wir ja sprechen, da ihr statt des Rechts den Vorteil unserem Gespräch zugrunde gelegt habt –, wenn ihr nicht etwas aufheben würdet, woraus alle gemeinsam Gewinn ziehen, sondern wenn jedem, der in Gefahr gerät, Gründe der Billigkeit zu Gebote stünden und er daraus … Nutzen ziehen könnte. Das gilt in hohem Grade mit für euch, insoweit ihr, einmal gestürzt, durch die Härte der Strafe (die an euch dann vollzogen werden wird) anderen ein warnendes Beispiel werden könntet.16

Die arroganten Athener erinnerten sich bestimmt Jahre später an diese Worte, als ihre Todfeinde, die Spartaner, die Stadtmauern erklommen, entschlossen, Athen zu vernichten. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Keynes ein ähnliches Argument verwendet wie die Melier, um die siegreichen Alliierten zu warnen, dass die rachsüchtigen Bedingungen des Vertrags von Versailles, die sie Deutschland auferlegt hatten, ein Bumerang waren, der auf sie zurückfallen und ihre eigenen Interessen treffen würde17 – genau so kam es dann auch: Der Versailler Vertrag führte zu einer Wirtschaftskrise in Deutschland, die Adolf Hitler an die Macht brachte. Vielleicht drückte die Antwort der Melier auch aus, wie sich Mitte der 1960er-Jahre die noch lebenden New-Deal-Politiker fühlten, als das System von Bretton Woods, das White wider Keynes’ besseres Urteil durchgesetzt hatte, zu zerfallen begann. Damals war es natürlich bereits zu spät, um noch etwas zu tun. Bretton Woods war am Ende, und der Nixon-Schock illustriert lediglich, mit welcher rücksichtslosen Effizienz die amerikanischen Verantwortlichen auf unliebsame Realitäten reagieren, ganz anders als ihre Pendants in Europa, die dazu neigen, so lange wie möglich an gescheiterten Projekten festzuhalten.

Als der Schock dann kam, achteten die Amerikaner darauf, dass sie anders als Athen trotzdem weiter die Zeichen der unangefochtenen Hegemonie tragen würden – zumindest bis 2008. Das war der Kern dessen, was John Connally seinem Präsidenten vorgeschlagen hatte: Legen wir sie rein, bevor sie uns reinlegen! Europa und Japan wurden in der Folge schwer reingelegt,18 aber das war nun einmal das politische Projekt der New-Deal-Politiker, die Keynes’ Vorschläge 1944 abgewiesen hatten. Nach 1965 verloren die New-Deal-Politiker und ihre Nachfolger im eigenen Land alle Schlachten gegen die wiedererstarkten Republikaner. Alle Versuche, den Geist des New Deal wiederzubeleben, scheiterten kläglich, auch die der demokratischen Präsidenten (zum Beispiel Jimmy Carter, Bill Clinton und Barack Obama), und auch das lässt sich wohl auf ihren Widerstand gegen Keynes’ Vorschläge 1944 zurückführen.19

Schönwetterrecycling

Keynes’ Vorschlag war durch und durch internationalistisch und multilateral. Er zog die Lehre aus der Geschichte (dem Crash an der Wall Street 1929) und hatte sein theoretisches Fundament in einem Gedanken, der eigentlich für jeden offensichtlich ist, ausgenommen die meisten Ökonomen: Der globale Kapitalismus unterscheidet sich grundlegend von Robinson Crusoes einsamer Wirtschaft.

Eine abgeschlossene, autarke (das heißt auf Selbstversorgung basierende) Volkswirtschaft wie die von Robinson Crusoe im Roman, oder vielleicht in Nordkorea heute, kann arm, einsam und undemokratisch sein, aber zumindest hat sie nicht mit Problemen zu kämpfen, die durch Defizite oder Überschüsse im Handel mit anderen verursacht werden.20 Hingegen haben alle modernen Volkswirtschaften Beziehungen zu anderen und müssen damit rechnen, dass diese Beziehungen fast immer asymmetrisch sind. Man denke nur an Griechenland im Verhältnis zu Deutschland, an Arizona im Verhältnis zum angrenzenden Kalifornien, an Nordengland und Wales im Verhältnis zu Greater London oder auch an die Vereinigten Staaten im Verhältnis zu China – alles Beispiele für Ungleichgewichte, die sich als erstaunlich hartnäckig erwiesen haben. Ungleichgewichte sind, kurz gesagt, die Regel und niemals die Ausnahme.

1944 gestand Keynes zu, dass es angesichts der desaströsen Verfassung Europas keine Alternative zu einem System fester Wechselkurse gab, das ganz auf den Dollar baute. Doch ein vom Dollar gestütztes Wechselkurssystem in Europa würde zwar ein Problem lösen, aber die Ungleichgewichte in der Handelsbilanz immer weiter anwachsen lassen, was letztlich furchtbare Effekte für die Defizitländer und in der Folge für alle anderen haben würde. Seine Argumentation, warum feste Wechselkurse in einer Welt mit chronischen Überschüssen und Defiziten Unheil bringen würden, gründete unmittelbar in der Erfahrung der Ereignisse, die zur Weltwirtschaftskrise geführt hatten. Die New-Deal-Politiker verstanden das sehr gut.

Die Argumentation geht folgendermaßen: Genau wie die Schulden einer Person das Vermögen einer anderen sind, ist das Defizit eines Landes der Überschuss eines anderen Landes. In einer asymmetrischen Welt sammelt sich das Geld, das die Überschussländer anhäufen, weil sie mehr an die Defizitländer verkaufen, als sie von ihnen kaufen, bei ihren Banken. Dann sind die Banken versucht, einen Großteil als Kredite in die Defizitländer oder -regionen zu schleusen, wo die Zinsen immer höher sind, weil das Geld so viel knapper ist. Auf diese Weise tragen die Banken dazu bei, in guten Zeiten den Anschein des Gleichgewichts zu wahren. Wenn es so aussieht, als würden die Wechselkurse leidlich stabil oder ganz unverändert bleiben, leihen die Banken den Defizitländern mehr, weil sie sich keine Sorgen machen müssen, dass eine Abwertung den Schuldnern in den Defizitländern die Rückzahlung der Kredite erschweren könnte. Banker sind insofern Schönwetter-Überschussrecycler. Sie profitieren davon, dass sie einen Teil des Überschussgeldes aus den Überschussländern nehmen und in den Defizitländern recyceln.

Aber wenn der Wechselkurs fest ist, gibt es für die Banken kein Halten mehr; sie transferieren Berge von Geld in die Defizitregionen, solange keine Gewitterwolken aufziehen, der Himmel blau ist und die Finanzgewässer ruhig sind. Die Kreditlinie erlaubt denen, die Schulden haben, immer mehr Dinge in den Überschussländern zu kaufen, die dank ihrer glänzenden Exporte florieren. Import-Export-Unternehmen geht es überall immer besser, die Einkommen steigen in den Überschuss- und in den Defizitländern gleichermaßen, das Vertrauen in das Finanzsystem wächst, die Überschüsse werden größer und die Defizite ebenfalls.

Solange die finanzielle Schönwetterperiode anhält, geht das Schönwetter-Überschussrecycling weiter. Aber es kann nicht für immer so bleiben. Genauso unweigerlich und schlagartig, wie ein Sandhaufen ins Rutschen gerät, wenn noch ein entscheidendes Sandkorn dazukommt, wird der lieferantenfinanzierte Handel irgendwann in plötzliche, heftige Turbulenzen geraten. Niemand kann voraussagen, wann es so weit ist, aber nur Dummköpfe zweifeln, dass es so kommen muss. Die Entsprechung zu dem einen entscheidenden Sandkorn ist ein Container voller importierter Waren, die ein insolventer Importeur nicht annimmt, oder ein Kredit, den ein überschuldeter Bauunternehmer nicht mehr bedienen kann. Es muss nur einen solchen Bankrott in einem Defizitland geben, und schon macht sich bei den Banken der Überschussländer Panik breit.

Banker, die soeben noch selbstbewusst durch die Welt spazierten, bekommen auf einmal weiche Knie. Haben sie gerade noch großzügig Kredite vergeben, vergeben sie nun gar keine Kredite mehr. Importeure, Bauunternehmer, Regierungen und Stadträte in den Defizitregionen, die von den Banken abhängig geworden waren, werden ausgehungert. Die Immobilienpreise fallen ins Bodenlose, öffentliche Aufträge werden storniert, Bürogebäude verwaisen, Läden werden zugenagelt, Einnahmen lösen sich in Luft auf, und Regierungen verkünden einen harten Sparkurs. In null Komma nichts stehen die Banker vor Bergen von »Not leidenden Krediten« so hoch wie der Himalaja. Die panischen Stimmen schwellen zu einem ohrenbetäubenden Crescendo an, und wieder einmal hallen Keynes’ treffsichere Worte nach: »Wenn ein Sturm aufzieht«, verhalten sich Banker wie ein »Schönwettersegler«, der »das Boot zum Sinken bringt, das ihn vielleicht retten könnte, weil er seinen Nachbarn wegstoßen und sich selbst hineinziehen will«.21

Es ist das Schicksal des Schönwetter-Überschussrecyclings, dass es einen Crash verursacht und alles Recycling stoppt. Genau das passierte 1929. Und genau das passiert seit 2008 in Europa.

Politisches Überschussrecycling oder Barbarei

Wenn der Wert einer Währung hingegen flexibel ist, wirkt sie wie ein Stoßdämpfer, der den Stoß einer durch nicht nachhaltige Waren- und Geldflüsse verursachten Bankenkrise abfängt. Als nicht nachhaltige Bankenpraktiken 2008 den Kollaps Islands verursachten, brach die isländische Währung ein. Der Fisch, den Island nach Kanada und in die Vereinigten Staaten exportierte, wurde spottbillig, die Einnahmen stiegen wieder und, am wichtigsten, die Schulden, die auf isländische Kronen lauteten, schrumpften (zumindest in Dollar, Euro und britischen Pfund). Deshalb erholte sich Island so rasch von dem schrecklichen Schock.

Aber wenn die Währung eines Defizitlandes zu einem gleichbleibenden Kurs gegen die Währung seiner Überschuss-Handelspartner getauscht wird, ist ihr Außenwert fest. Das klingt großartig, wenn man in einem solchen Land lebt und jede Menge Geld hat. Doch es ist fürchterlich für die große Mehrheit der Menschen, die wenig Geld haben. Wenn die Serie der Bankrotte erst einmal begonnen hat, fallen die Einkommen, während die Schulden der privaten Haushalte und der öffentlichen Hand gegenüber den ausländischen Banken gleich bleiben. Der Preis für einen festen Wechselkurs ist ein bankrotter Staat in einer tödlichen Umarmung mit mittellosen Bürgern und einem insolventen privaten Sektor. Ein Teufelskreis, eine grässliche Abwärtsspirale führt die Mehrheit in Schuldknechtschaft, das Land in die Stagnation und die Nation in die Schande.

John Maynard Keynes wusste das nur allzu gut.22 Und Harry Dexter White, der die Verwüstung der 1930er-Jahre erlebt hatte, wusste es auch. Damals hatte er mit eigenen Augen gesehen, was passiert, wenn die Last der Anpassung krachend auf die schwächsten Schultern niedergeht: auf die Schuldner, die in den Defizitregionen ächzen, wo die Einkommen sinken, Investitionen nicht mehr getätigt werden und nur eines immer größer wird, nämlich das schwarze Loch von Schulden und Bankenverlusten. White durchschaute das alles, ebenso gut wie heute die Griechen, die Iren, die Spanier und andere Europäer.

Weil White das Problem erkannt hatte, stimmte er in einem wichtigen Punkt mit Keynes überein: Das globale System, das sie entwerfen wollten, brauchte einen Mechanismus, der als Stoßdämpfer wirken würde. Einen Mechanismus, den es beim Goldstandard der 1920er-Jahre nicht gegeben hatte und der Europa heute tragischerweise fehlt. Ein Mechanismus, der einspringen kann, wenn das Schönwetter-Überschussrecycling der Banker endet, und der verhindert, dass der Teufelskreis erst die Defizitländer erfasst und ins Unglück stürzt und dann, in einer neuen Spirale von Wirtschaftskrise und barbarischem Konflikt, den globalen Kapitalismus. Was sollte dieser Mechanismus sein? Die Antwort lautete: eine Reihe politischer Institutionen, die einspringen und Überschüsse recyceln, wenn das Schönwetter-Überschussrecycling nicht mehr funktioniert.

Die New-Deal-Politiker, die White in Bretton Woods vertrat, hatten das Problem im eigenen Land bereits angepackt. Sie hatten Bundesinstitutionen geschaffen, deren Rolle es war, in Krisenzeiten automatisch die Überschüsse dort zu recyceln, wo sie gebraucht wurden. Es ging, kurz gesagt, um politisches Überschussrecycling. Der entscheidende Punkt beim New Deal, der der Konferenz von Bretton Woods zehn Jahre vorausging, war dies: Die Sozialversicherung, eine nationale Einlagensicherung (verwaltet von der Federal Deposit Insurance Corporation FDIC) für alle Banken in allen Bundesstaaten, Medicare, Essensmarken und der Militärhaushalt dienten allesamt dem politischen Überschussrecycling, um die Weltwirtschaftskrise zu bekämpfen und ihre Wiederholung zu verhindern.23

Die therapeutische Wirkung dieses Mechanismus ist bis heute in Amerika zu spüren. Als 2008 die Wall Street implodierte, gehörte Nevada zu den am schlimmsten betroffenen Bundesstaaten. In Las Vegas und Umgebung schoss die Zahl der Arbeitslosen, der Insolvenzen und Zwangsvollstreckungen sprunghaft in die Höhe. Das zusätzliche Geld, das für die Arbeitslosen benötigt wurde und das Nevadas Banken brauchten, um wieder liquide zu werden, kam nicht von den Steuerzahlern des Bundesstaats, sondern von der Bundesregierung und den Währungshütern in Washington, der Notenbank (Fed) und der FDIC.24

Es war kein Akt der Solidarität der übrigen Vereinigten Staaten mit dem Bundesstaat Nevada, sondern ein Automatismus, der einsetzte und verhinderte, dass die Notlage Nevadas sich weiter ausbreitete. Durch die Sozialversicherung, das Eingreifen der FDIC, Medicare und andere Institutionen wurden Überschüsse aus Überschussstaaten wie Kalifornien, New York und Texas automatisch in die Wüsten von Nevada geleitet, um den Verfall aufzuhalten. Viele Amerikaner nehmen diesen Recyclingmechanismus als gegeben hin und vergessen, dass er erst unter der Regierung Roosevelt eingeführt wurde, wenige Jahre bevor derselbe Präsident die Konferenz von Bretton Woods einberief.25

Keynes hatte darum allen Grund zu hoffen, er könnte New-Deal-Politiker wie White dazu bewegen, Europa durch die Schaffung eines globalen politischen Mechanismus für das Überschussrecycling in die Dollarzone einzubeziehen. Denn wenn die Dollarzone bis nach Europa und später Japan ausgedehnt werden sollte, musste auch das politische Überschussrecycling so weit ausgedehnt werden, wie das System von Bretton Woods reichte.

»Unsere Überschüsse, unser Recyclingmechanismus«

Keynes’ Blaupause für das Überschussrecycling, das das System von Bretton Woods erforderte, war auf wunderbare Weise grandios. Dazu gehörten eine neue Weltwährung, ein System fester Wechselkurse zwischen der Weltwährung und den nationalen Währungen und eine Weltzentralbank, die das ganze System steuern sollte.

Aufgabe des Systems war es, überall für Geldwertstabilität zu sorgen, Überschüsse und Defizite in der westlichen Welt im Gleichgewicht zu halten und beim ersten Anzeichen einer Krise in einem Land sofort Überschüsse dorthin zu leiten, um eine Ansteckung der anderen zu verhindern. Ein internationaler Fonds sollte eingerichtet werden, der die Rolle der Weltzentralbank übernehmen und ihre Währung herausgeben würde – den Bancor, wie Keynes sie provisorisch nannte. Den Bancor würde es nicht als Banknoten geben, genau wie heute die digitale Kryptowährung Bitcoin nicht in materieller Form existiert, sondern nur als Zahlen in einer Tabelle oder auf einem digitalen Gerät. Jedes Land würde ein Bancor-Konto beim IWF bekommen, von dem es Bancor abheben konnte, wenn es Waren in anderen Ländern kaufte, und auf das andere Länder Bancor einzahlen würden, wenn ihre Bürger oder Unternehmen Waren und Dienstleistungen kauften. Der gesamte internationale Handel würde so in der Weltwährung abgewickelt werden, und die nationalen Währungen würden weiter als Schmiermittel für das Getriebe der nationalen Volkswirtschaften dienen.

Entscheidend bei diesem System waren feste Wechselkurse zwischen den nationalen Währungen und dem Bancor und infolgedessen zwischen den Währungen aller teilnehmenden Staaten. Der Gouverneursrat des IWF, in dem alle Länder vertreten sein würden, sollte auf der Grundlage von Verhandlungen zentral über die Wechselkurse entscheiden. Danach konnten sie nach Bedarf angepasst werden, sodass Länder mit hartnäckigen Überschüssen erleben würden, dass ihre Währungen immer mehr Bancor kauften (um ihre Exporte zu verteuern und ihre Importe zu verbilligen), und für Länder mit anhaltenden Defiziten würde genau das Gegenteil gelten.

Keynes ging sogar noch weiter. Weil das Defizit eines Landes der Überschuss eines anderen ist, sollte sein IWF eine Steuer auf das Bancor-Konto eines Landes erheben, wenn seine Importe und Exporte zu stark auseinanderdrifteten. Die Idee dahinter war, beide Arten von Ungleichgewichten zu bestrafen (exzessive Überschüsse genauso wie exzessive Defizite, die Deutschlands der Welt genauso wie die Griechenlands). Damit würde eine Kasse mit Bancor beim IWF aufgebaut werden, aus der man in einer Krisensituation in Schwierigkeiten geratene Defizitländer unterstützen und verhindern könnte, dass sie in ein schwarzes Loch aus Schulden und Rezession fielen, das sich womöglich über das gesamte System von Bretton Woods ausbreitete.

White erkannte mit Sicherheit die Wichtigkeit des politisch gelenkten Überschussrecyclings innerhalb des globalen Systems, das zu schaffen sie im Begriff waren. Aber Keynes’ Vorschläge klangen für seine amerikanischen Ohren lächerlich. Plädierte dieser listige Engländer wirklich dafür, dass die Europäer nach dem Mehrheitsprinzip mitentscheiden sollten, wie die amerikanischen Überschüsse recycelt wurden? Meinte er das ernst?