Verlag: Goldmann Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

Das Exil der Königin E-Book

Cinda Williams Chima

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E-Book-Beschreibung Das Exil der Königin - Cinda Williams Chima

Die dunklen Mächte erwachen, und der Erbe des Dämonenkönigs muss sich seiner Bestimmung stellen...In Oden’s Ford lässt sich Han Allister, Erbe des legendären Dämonenkönigs, in den Techniken der Magie unterweisen. Nur so hat er eine Chance, den Clans im Kampf gegen den Hohen Magier Lord Bayar beistehen zu können. Doch noch jemand sucht unerkannt Zuflucht in der Schule der Magier: Prinzessin Raisa ist fest entschlossen, sich der drohenden Vermählung mit Micah, dem Sohn Lord Bayars, zu widersetzen. Als die Armeen des Hohen Magiers über das Königreich herfallen, entdecken Han und Raisa, wie sehr sie aufeinander angewiesen sind.

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E-Book-Leseprobe Das Exil der Königin - Cinda Williams Chima

Cinda Williams Chima

Das Exil der Königin

Der Dämonenkönig

Roman

Aus dem Amerikanischen von Susanne Gerold

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel »The Exiled Queen« bei Hyperion Books, New York, an imprint of Disney Book Group.

1. AuflagePaperback-Ausgabe Oktober 2011Copyright © der Originalausgabe 2010 by Cinda Williams ChimaCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2011by Wilhelm Goldmann Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbHUmschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, MünchenUmschlagmotiv: © from: »The Exiled Queen« by Cinda Williams Chima. Cover image by Larry Rostant. © 2010. Reprinted by permission of Disney Hyperion.All rights reserved.Satz: Uhl + Massopust, AalenRedaktion: Kerstin WeberTh · Herstellung: StrMade in GermanyISBN 978-3-641-06796-0

www.goldmann-verlag.de

Buch

Vor tausend Jahren trat ein Magier zur dunklen Seite über und zerstörte beinahe die Welt. Nur sein Tod stellte das Gleichgewicht wieder her. Seitdem gibt es ein Abkommen, das den Frieden regelt. Die Magier halten sich vom heiligen Berg Hanalea fern und zollen den Clans und den Königinnen Respekt. Doch das Erbe des Magiers lebt weiter. Seine Kräfte sind gefangen in einem machtvollen Amulett, das durch Zufall in die Hände Han Alisters gerät – eines scheinbar einfachen Straßenjungen, der in Wahrheit jedoch der Nachkomme des legendären Dämonenkönigs ist, ausgestattet mit ungeheuren magischen Kräften …

Auf der Flucht vor dem machthungrigen Hohemagier Lord Bayar, der ihm das Amulett um jeden Preis entwenden will, flieht Han zu den Clans und bittet die Heilerin Willo, die Mutter seines besten Freundes Dancer, um Hilfe. Er schließt einen Pakt: Wenn die Clans ihm die Magierausbildung in Odenford ermöglichen, wird er ihnen im Gegenzug in ihrem Kampf gegen die blutrünstigen Magier beistehen. Zusammen mit Dancer bricht Han nach Odenford auf, wo er in dem geheimnisvollen Crow einen Lehrer und Unterstützer findet – an dessen wahren Absichten er jedoch bald zu zweifeln beginnt.

Derweil ist unter falschem Namen auch die junge Königinnentochter Raisa auf der Flucht, um der Zwangshochzeit mit Micah, dem Sohn des Hohemagiers, zu entkommen. Als sie in Odenford Zuflucht sucht, trifft sie dort Han wieder – und ist fasziniert von dem ehemaligen Straßendieb. Sie bietet ihm ihre Unterstützung an, ohne ihm ihre wahre Identität zu enthüllen. Gemeinsam geraten sie in ein eng gewobenes Netz von Intrigen und Ränkespielen, aus dem sie nur noch wahre Freundschaft und Liebe befreien können …

Autorin

Cinda Williams Chima schrieb schon zu Schulzeiten Romane, doch leider wurden diese häufig von ihren Lehrern konfisziert. Mittlerweile hat sie sich als Fantasyautorin einen Namen gemacht. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in den USA im Staat Ohio. »Das Exil der Königin« ist der zweite Teil der »Dämonenkönig«-Trilogie bei Goldmann.

Von Cinda Williams Chima ist im Goldmann Verlag außerdem lieferbar:

Der Dämonenkönig. Roman (46974)

Für Linda und Mike – die eine Welt voller Fantasie und richtig cooler Barbies mit mir geteilt haben.Vielen Dank, dass ihr mir all die sprechenden Tiere habt durchgehen lassen.

KAPITEL EINS

Die Westmauer

Leutnant Mac Gillen von der Wache der Königin der Fells zog die Schultern gegen den schneidenden Wind hoch, der vom eisigen Ödland weiter nordwestlich kam. Er schlang die Zügel locker um den Sattelknauf und überließ es seinem Pferd Marauder, sich die letzte halbe Meile des abwärts führenden Wegs zur Westgate-Garnison selbst zu bahnen.

Gillen hatte etwas Besseres verdient als diese Versetzung. Ein derart erbärmlicher Posten in einer noch erbärmlicheren Ecke des Königinnenreichs der Fells. Das Patrouillieren entlang der Grenze wurde eigentlich von der regulären Armee übernommen – von den als Streifen bekannten ausländischen Söldnern oder der Highland-Wache. Ganz sicher jedenfalls nicht von einem Mitglied der Elite-Wache der Königin.

Es war erst einen Monat her, dass er die Stadt verlassen hatte, aber schon jetzt vermisste er die raue Umgebung des Southbridge-Viertels. In Southbridge gab es vieles, das ihn auf seinen nächtlichen Runden ablenken konnte – Schänken und Glücksspiele und Lustmädchen. In der Hauptstadt hatte er Verbindungen nach hoch oben zu den Reichen gehabt, was etliche Möglichkeiten zu lukrativen Nebenverdiensten geboten hatte.

Aber dann war alles schiefgegangen. Im Wachhaus von Southbridge hatten Gefangene einen Aufstand gewagt, und diese Ragger-Straßenratte namens Rebecca hatte ihm eine brennende Fackel ins Gesicht gestoßen. Jetzt war er auf einem Auge blind, und seine Haut war gerötet und voller glänzender Narben.

Gegen Ende des Sommers hatte er sich mit Magot und Sloat und einigen anderen nach Ragmarket aufgemacht, um ein gestohlenes Amulett wiederzubeschaffen. Es war ein streng geheimer Auftrag von Lord Bayar gewesen, dem Hohemagier und Berater der Königin. Sie hatten den baufälligen Stall von oben bis unten umgekrempelt, hatten sogar im Stallhof gegraben und trotzdem weder das Amulett gefunden noch Cuffs Alister persönlich – diesen verfluchten Straßendieb, der es gestohlen hatte.

Die Lumpensammler, die dort lebten – die Frau und ihr Balg –, hatten auf seine Fragen hin behauptet, dass sie von einem Cuffs Alister noch nie etwas gehört hätten und auch nichts von irgendeinem Amulett. Am Ende hatte Gillen alles bis auf die Grundmauern abgefackelt, einschließlich der Lumpensammler. Eine ideale Warnung an alle anderen Diebe und Lügner.

Marauder spürte Gillens Unaufmerksamkeit, dehnte das Mundstück mit dem Gebiss und fiel in einen watschelnden Schritt, was Gillen dazu veranlasste, die Zügel wieder fester zu packen. Er warf seinen Männern einen finsteren Blick zu, um klarzumachen, dass er alles unter Kontrolle hatte, und das Grinsen verschwand von ihren Gesichtern.

Das hatte ihm gerade noch gefehlt – bei einem Ritt ins Nirgendwo hangabwärts zu stürzen und sich den Hals zu brechen! Sicher hätten einige Gillens Versetzung zur Westmauer als Beförderung bezeichnet. Immerhin hatte er das Leutnants-Abzeichen bekommen und trug jetzt die Verantwortung für eine massive, düstere Festung, hundert andere Verbannte – allesamt Leute aus der regulären Armee – sowie seine eigene Schwadron von Blaujacken. Damit hatte er ein größeres Kommando als vorher im Wachhaus von Southbridge.

Als wäre er wild darauf, über einen Misthaufen zu herrschen.

Die Festung von Westgate diente dazu, die Westmauer und das trostlose, heruntergekommene Dorf Westgate zu bewachen. Durch die Mauer wurden die gebirgigen Fells von den Shivering Fens getrennt. Dieses Gebiet bestand aus unwegsamen Sümpfen und Marschen, die einerseits zu fest waren, um darin schwimmen zu können, andererseits aber zu weich, als dass man sie hätte pflügen oder zu Fuß überqueren können – abgesehen von der Zeit nach der Sonnenwende, wenn harter Frost herrschte.

Alles in allem unterforderte der Befehl über Westgate einen unternehmerischen Geist wie Mac Gillen, und er sah seinen neuen Einsatz als das an, was er auch tatsächlich war: eine Strafe dafür, dass er Lord Bayar nicht hatte beschaffen können, wonach dieser verlangt hatte.

Er konnte von Glück reden, dass er die Enttäuschung des Hohemagiers überhaupt überlebt hatte.

Gillen und sein Tripel ritten durch die nassen gepflasterten Straßen des Dorfes, dass es nur so spritzte, und stiegen im Stallhof der Festung ab.

Während Gillen sein Pferd in den Stall führte, wischte sich sein diensthabender Offizier Robbie Sloat in einer Art Salut kurz über die Stirn. »Drei Besucher aus Fellsmarch sind da, die dich sehen wollen«, sagte Sloat. »Sie warten in der Festung auf dich.«

Ein Funken Hoffnung flackerte in Mac Gillen auf. Möglicherweise gab es endlich neue Befehle aus der Hauptstadt. Und vielleicht würde damit auch seine ungerechte Verbannung ein Ende finden.

»Haben sie gesagt, wer sie sind?« Gillen warf Sloat seine Handschuhe und den durchnässten Umhang zu, dann fuhr er sich schnell mit den Fingern durch die Haare.

»Sie wollen nur mit dir persönlich sprechen«, antwortete Sloat zögerlich. »Es sind Blaublüter. Kaum älter als Jungen.«

Der Hoffnungsfunke verglimmte. Wahrscheinlich handelte es sich um die arroganten Söhne von irgendwelchen Adeligen, die unterwegs zu den Akademien von Odenford waren. Genau das, was er brauchte.

»Sie haben darauf bestanden, im Offiziersflügel untergebracht zu werden«, fuhr Sloat fort und bestätigte damit Gillens Befürchtungen.

»Einige Adelige glauben wohl, dass wir hier so was wie eine Herberge für ihre blaublütige Brut unterhalten«, knurrte Gillen. »Wo sind sie?«

Sloat zuckte mit den Schultern. »Im Offiziersraum.«

Gillen schüttelte den letzten Rest an Regenwasser ab und betrat die Festung. Er hatte den Innenhof noch nicht einmal richtig durchquert, als er Musik hörte – eine Basilka und eine Blockflöte.

Als er die Tür zum Offiziersraum mit der Schulter aufstieß, fand er beim Feuer drei Jungen, die gerade mal so alt aussahen, als hätten sie eben ihren Namenstag gehabt. Das Bierfass auf der Anrichte war angezapft worden. Leere Krüge standen herum. Überall auf dem Tisch waren Reste verstreut, die auf ein opulentes Mahl schließen ließen, darunter auch der abgenagte Kadaver eines großen Schinkens, den Gillen für sich selbst aufgehoben hatte.

Die Musikanten standen in einer Ecke, ein hübsches junges Mädchen mit der Flöte, und ein Mann – wahrscheinlich ihr Vater – an der Basilka. Gillen erinnerte sich an die beiden. Er hatte sie im Dorf gesehen, wo sie für ein paar Kupfermünzen an Straßenecken gespielt hatten.

Bei seinem Eintritt verstummte die Musik, und Vater und Tochter standen mit bleichen Gesichtern und weit aufgerissenen Augen da – wie gefangene Tiere, die kurz davor waren, getötet zu werden. Der Vater legte beschützend einen Arm um seine zitternde Tochter und strich ihr über den blonden Kopf, während er ihr leise ein paar Worte zuflüsterte.

Die Jungen am Feuer reagierten dagegen gar nicht auf Gillens Eintritt, sondern klatschten träge. »Nicht gerade überwältigend, aber besser als gar nichts«, stellte einer von ihnen mit einem selbstgefälligen Grinsen fest. »Genauso wie die Unterkunft hier.«

»Ich bin Mac Gillen«, sagte Gillen laut. Er war jetzt ganz sicher, dass für ihn bei diesem Treffen nicht das Geringste herausspringen würde.

Der größte der drei Jungen erhob sich anmutig und schüttelte eine Mähne aus schwarzen Haaren zurück. Als sein Blick auf Gillens vernarbtes Gesicht fiel, zuckte er zusammen und verzog angewidert seine blaublütige Miene.

Gillen biss die Zähne zusammen. »Korporal Sloat sagte, Ihr wolltet mich sprechen.«

»Ja, Leutnant Mac Gillen. Ich bin Micah Bayar, und das hier sind meine Vettern Arkeda und Miphis Mander.« Er deutete auf die anderen beiden Jungen, die rothaarig waren, der eine schlank, der andere stämmig. »Wir sind auf dem Weg zur Akademie von Odenford, und da unsere Reise uns hier vorbeiführt, wurde ich gebeten, Euch eine Nachricht aus Fellsmarch zu überbringen.« Er wies mit dem Kopf in Richtung des unbesetzten Dienstzimmers. »Vielleicht können wir uns da drin unterhalten.«

Gillens Herz schlug schneller, als er auf die Stolen starrte, die die Schultern des Jungen bedeckten. Silberfalken waren darauf, die ihre Krallen zum Angriff ausgefahren hatten. Das Emblem der Bayar-Familie.

Und ja, jetzt sah er auch die Ähnlichkeit – die Augen, der Schnitt des Gesichts. Die schwarzen Haare des jungen Bayar waren durchsetzt mit den roten Strähnen der Magier.

Die anderen beiden trugen ebenfalls Stolen, aber sie waren mit anderen Emblemen geschmückt. Fellskatzen. Also waren alle drei Magier und der eine sogar der Sohn des Hohemagiers.

Gillen räusperte sich. Seine Nerven kämpften gegen die Aufregung an. »Natürlich, natürlich, Eure Lordschaft. Ich hoffe, Essen und Trinken waren zu Eurer Zufriedenheit.«

»Es hat … den Bauch gefüllt, Leutnant«, antwortete der junge Bayar. »Aber jetzt drückt es ziemlich, muss ich leider gestehen.« Er klopfte leicht mit zwei Fingern auf seinen Bauch, und die anderen beiden Jungen prusteten los.

Themawechsel, dachte Gillen angestrengt. »Ihr seht Eurem Vater ähnlich, wisst Ihr. Ich habe gleich gesehen, dass Ihr sein Sohn seid.«

Der junge Bayar runzelte die Stirn und warf einen Blick auf die Musiker, dann wieder auf Gillen. Er öffnete den Mund und wollte etwas sagen, aber Gillen sprach rasch weiter; er wollte unbedingt etwas loswerden. »Es war nicht mein Fehler, wisst Ihr, das mit dem Amulett. Dieser Cuffs Alister ist wild und straßenerfahren. Aber Euer Dad hat sich den richtigen Mann für den Job ausgesucht. Wenn jemand ihn finden kann, dann ich, und ich werde das Zauberstück zurückbringen. Dazu muss ich nur zurück in die Stadt, das ist alles.«

Der Junge erstarrte, und seine Augen wurden schmal. Sein Mund bildete eine feste, missbilligende Linie. Dann schüttelte er den Kopf und wandte sich an seine Vettern. »Miphis. Arkeda. Ihr bleibt hier. Trinkt noch ein Bier, sofern ihr noch was vertragen könnt.« Er wedelte mit der Hand in Richtung der Musikanten. »Behaltet sie im Auge. Lasst sie nicht weg.«

Dann deutete der junge Bayar mit einem Finger auf Gillen. »Und Ihr kommt mit mir.« Ohne sich umzusehen und sich zu vergewissern, ob Gillen folgte, schritt er in das Dienstzimmer voran.

Verwirrt folgte ihm Gillen in den Raum. Der junge Bayar starrte aus dem Fenster, von dem aus man auf den Stallhof sehen konnte, und legte seine Hände auf den steinernen Sims. Er wartete, bis sich die Tür hinter Gillen geschlossen hatte, ehe er sich an den Leutnant wandte. »Ihr … Schwachkopf«, zischte der Junge. Sein Gesicht war blass, die Augen hart und funkelnd wie Kohle aus Delphi. »Ich kann einfach nicht glauben, dass mein Vater jemals jemanden beauftragt hat, der so dumm ist. Niemand darf wissen, dass Ihr im Dienst meines Vaters steht, habt Ihr das verstanden? Wenn Hauptmann Byrne etwas davon mitbekommt, könnte das üble Folgen haben. Man könnte meinen Vater wegen Verrates anklagen.«

Gillens Mund wurde schlagartig trocken. »Ja. Natürlich«, stotterte er. »Ich … äh … hatte vermutet, dass die anderen Magier Bescheid wüssten, und …«

»Ihr werdet nicht dafür bezahlt, Vermutungen anzustellen, Leutnant Gillen«, unterbrach ihn Bayar. Er ging mit steifem Rücken auf ihn zu, und die Brise, die durch das Fenster hereinkam, wirbelte seine Stolen auf. Gillen wich zurück, bis er gegen den Tisch stieß.

»Und wenn ich niemand sage, meine ich auch niemand«, sagte Bayar und fingerte an einem gefährlich aussehenden Anhänger an seinem Hals herum. Es war ein Falke, der aus einem glitzernden roten Edelstein geschliffen worden war – ein Amulett wie das, das Gillen in Ragmarket hätte finden sollen – und nicht gefunden hatte. »Wem habt Ihr sonst noch davon erzählt?«

»Niemandem, das schwöre ich beim Blute des Dämons. Ich habe niemandem was gesagt«, flüsterte Gillen, dem vor Furcht die Schweißperlen auf der Stirn standen. Er rechnete mit einem Angriff des Magiers und brachte sich in Position, um einen Satz zur Seite machen zu können, falls Bayar auf die Idee kommen sollte, eine Flamme auf ihn abzuschießen. »Ich wollte Seine Lordschaft nur wissen lassen, dass ich mir alle Mühe gegeben habe, das wertvolle Stück zu finden. Aber es war nirgendwo aufzutreiben.«

Abscheu flackerte über das Gesicht des Jungen, als hätte er keinerlei Interesse daran, sich diesem Thema noch länger zu widmen. »Wusstet Ihr, dass Alister meinen Vater angegriffen und fast getötet hat, während Ihr in Ragmarket nach dem Amulett gesucht habt?«

Beim Blute und den Gebeinen, dachte Gillen und zitterte. Als langjähriger Streetlord der Ragger war Alister bekannt dafür, furchtlos, gewalttätig und rücksichtslos zu sein. Aber offenbar war Cuffs jetzt auch noch von Todessehnsucht getrieben. »Geht es … Lord Bayar gut?« Ist Alister tot?

Der junge Bayar beantwortete sowohl die ausgesprochene wie auch die unausgesprochene Frage. »Mein Vater hat sich wieder erholt. Alister ist unglücklicherweise entkommen. Mein Vater tut sich schwer damit, Versagen zu verzeihen. Bei jedem.« Der bittere Ton in der Stimme des Jungen überraschte Gillen.

»Äh, ja«, stammelte er und fuhr immer noch getrieben von seinem eigenen Anliegen fort: »Ich bin hier überflüssig, mein Herr. Schickt mich zur Stadt zurück, und ich werde den Jungen finden, das schwöre ich. Ich kenne die Straßen, und ich kenne auch die Gangs, die sie beherrschen. Alister wird früher oder später in Ragmarket auftauchen, auch wenn seine Mam und seine Schwester behauptet haben, dass er seit Wochen nicht mehr da gewesen ist.«

Der junge Bayar zog die Augenbrauen zusammen und beugte sich nach vorn. Seine Hände waren zu Fäusten geballt. »Seine Mutter und Schwester? Alister hat eine Mutter und eine Schwester? Wohnen sie noch in Fellsmarch?«

Gillen verzog den Mund zu einem Grinsen. »Schätze, nicht mehr. Wir haben den Stall angezündet, mit ihnen drin.«

»Ihr habt sie getötet?« Der junge Bayar starrte ihn an. »Sie sind tot?«

Gillen leckte sich über die Lippen; er hatte keinen Schimmer, worin der Fehler lag. »Na ja, ich dachte, dann würden alle merken, dass man besser die Wahrheit sagt, wenn Mac Gillen Fragen stellt.«

»Ihr seid wirklich ein Idiot!« Bayar schüttelte langsam den Kopf, hielt aber den Blick fest auf Gillens Gesicht gerichtet. »Wir hätten die beiden dazu benutzen können, Alister aus seinem Versteck zu locken, zum Tausch gegen das Amulett.« Er schloss seine Faust um dünne Luft. »Wir hätten ihn kriegen können.«

Bei den Gebeinen, dachte Gillen. Anscheinend schaffte er es nie, bei einem Magier das Richtige zu sagen. »Ja, ähm, hätte man sich vielleicht denken können, klar … Aber Ihr könnt mir glauben, so ein Streetlord wie Alister, der hat ein Herz, das ist so kalt wie das Wasser der Drynne. Denkt Ihr, der macht sich was draus, was mit seiner Mam und seiner Schwester passiert? Nee, nee, nee. Der kennt nur sich selbst.«

Der junge Bayar wischte seine Bemerkungen mit einer Handbewegung beiseite. »Wir werden es wohl nie mehr erfahren, was? Auf jeden Fall hat mein Vater keinen Bedarf an Euren Diensten bei der Jagd nach Alister. Mit dieser Aufgabe sind bereits andere betraut worden, die die Stadt erfolgreich von den Straßenbanden gesäubert haben. Allerdings hatten auch sie kein Glück, was Alister betrifft. Wir haben Grund zu der Annahme, dass er Fellsmarch verlassen hat.«

Der Junge rieb sich mit dem Handrücken über die Stirn, als hätte er Kopfschmerzen. »Wie auch immer. Solltet Ihr Alister jemals über den Weg laufen, ob durch Zufall oder sonstwie, wünscht mein Vater, dass Ihr ihn lebendig und wohlbehalten und mitsamt Amulett zu ihm bringt. Wenn Ihr das schafft, werdet Ihr reich belohnt werden.« Der junge Bayar versuchte, gleichgültig zu wirken, aber da war etwas in seinen Augen, das etwas anderes erzählte.

Der Junge hasst Alister, dachte Gillen. Weil Alister versucht hat, seinen Vater zu töten? Aber das spielte jetzt keine Rolle für Mac Gillen. Er erkannte, dass er seine Rückkehr nach Fellsmarch nicht erzwingen konnte. »In Ordnung«, sagte er und bemühte sich, seine Enttäuschung zu verbergen. »Was führt Euch also dann nach Westgate? Ihr habt gesagt, Ihr hättet eine Nachricht für mich.«

»Eine heikle Angelegenheit, Leutnant. Eine, die absolute Diskretion erfordert.« Der Junge versuchte erst gar nicht zu verbergen, dass er bezweifelte, dass Gillen dazu in der Lage war. Was auch immer Diskretion genau bedeutete.

»Ganz sicher, mein Herr. Ihr könnt auf mich zählen«, sagte Gillen eifrig.

»Ist Euch bekannt, dass Prinzessin Raisa vermisst wird?«, fragte Bayar abrupt.

Gillen versuchte, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Kompetent zu wirken. Voller Diskretion. »Sie wird vermisst? Nein, mein Herr, davon weiß ich nichts. Wir bekommen hier oben nicht viel mit …«

»Wir glauben, dass sie versuchen könnte, das Land zu verlassen.«

Oha, dachte Gillen. Also ist sie wohl abgehauen. Vielleicht ein Streit zwischen Mutter und Tochter? Ein Techtelmechtel mit dem falschen Mann? Möglicherweise sogar einem Gewöhnlichen? Man sagte den Grauwolf-Prinzessinnen nach, dass sie eigensinnig und unternehmungslustig wären.

Einmal hatte er Prinzessin Raisa gesehen, sogar ganz aus der Nähe. Sie war klein, aber gut gebaut, und ihre Taille war so schmal, dass ein Mann sie mit zwei Händen umfassen konnte. Sie hatte ihn mit ihren hexengrünen Augen gemustert und dann der Hofdame neben ihr leise etwas zugeflüstert.

Aber das war vorher gewesen. Jetzt wandten sich die Frauen ab, wenn er ihnen auch nur was zu trinken ausgeben wollte.

Vorher, ja, da hätte die Prinzessin vielleicht sogar Feuer gefangen – erfahrener, schneidiger Soldat, der er war. Er hatte sich ausgemalt, wie es wohl wäre, wenn …

Bayars Stimme riss ihn zurück in die Gegenwart. »Hört Ihr mir überhaupt zu, Leutnant?«

Gillen zwang seine Aufmerksamkeit wieder auf das Hier und Jetzt. »Ja, mein Herr. Natürlich. Ähm … was sagtet Ihr zuletzt gleich noch mal?«

»Ich hatte gesagt, dass wir es auch für möglich halten, dass sie bei dem Volk ihres Vaters Zuflucht sucht und zum Demonai-Camp oder Marisa-Pines-Camp geht.« Bayar zuckte mit den Schultern. »Diese Kupferköpfe behaupten zwar, dass sie nicht bei ihnen ist, sondern vermutlich nach Süden gegangen ist und das Königinnenreich verlassen hat. Aber die Grenze im Süden wird gut bewacht. Es wäre also gut möglich, dass sie es hier versucht, bei Westgate.«

»Aber … wohin könnte sie wollen? Es herrscht überall Krieg.«

»Sie ist vielleicht nicht bei vollem Verstand«, sagte Bayar. Rote Flecken überzogen jetzt sein blasses Gesicht. »Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir sie aufhalten. Die Erbprinzessin könnte in Gefahr geraten. Sie könnte irgendwohin gehen, wo sie für uns unerreichbar ist. Und das wäre … verheerend.« Der Junge schloss die Augen und fingerte an seinen Ärmeln herum. Als er die Augen wieder öffnete und sah, dass Gillen ihn anstarrte, drehte er sich zum Fenster um und sah hinaus.

Oha, dachte Gillen. Entweder der Kerl ist ein guter Schauspieler, oder er ist wirklich besorgt.

»Das heißt also, wir müssen hier unsere Augen nach ihr aufhalten«, schlussfolgerte Gillen. »Ist es das, was Ihr meint?«

Bayar nickte, ohne sich umzudrehen. »Wir haben versucht, die ganze Angelegenheit nicht an die große Glocke zu hängen, aber es ist inzwischen bekannt geworden, dass sie weggelaufen ist. Wenn die Feinde der Königin sie eher finden sollten als wir, dann … nun, Ihr versteht sicher.«

»Natürlich«, sagte Gillen. »Oh, geht man davon aus, dass sie möglicherweise … nicht allein unterwegs ist?« So. Das war eine geschickte Formulierung, um herauszufinden, ob sie mit jemandem zusammen weggelaufen war.

»Das wissen wir nicht. Vielleicht ist sie allein, vielleicht reitet sie aber auch mit irgendwelchen Clan-Leuten.«

»Was genau möchte Lord Bayar, das ich für ihn tue?«, fragte Gillen und plusterte sich etwas auf.

Jetzt wandte sich der Junge zu ihm um und sah ihn an. »Zweierlei. Wir möchten, dass Ihr hier an der Grenze eine Wache errichtet, die Ausschau nach Prinzessin Raisa hält und sie daran hindert, die Grenze von Westgate zu überqueren. Und dann brauchen wir eine Gruppe vertrauenswürdiger Soldaten, die zum Demonai-Camp reiten und nachsehen, ob sie sich wirklich nicht dort aufhält.«

»Zum Demonai-Camp!«, rief Gillen deutlich weniger erfreut. »Aber … Ihr könnt unmöglich – Ihr geht doch sicher nicht davon aus, dass wir uns auf einen Kampf mit den Demonai-Kriegern einlassen sollen, oder?«

»Natürlich nicht«, entgegnete Bayar genervt. »Die Königin hat den Demonai bereits mitteilen lassen, dass ihre Wache sich zu den Highland-Camps aufmachen wird, um diese Wilden zu befragen. Sie können sich kaum weigern. Sie wissen also, dass Ihr kommt, und so werdet Ihr etwas tiefer graben müssen, um herauszufinden, ob die Prinzessin dort ist oder war.«

»Und Ihr seid sicher, dass sie uns erwarten?«, fragte Gillen. Die Wasserläufer waren eine Sache – sie hatten nicht einmal Metallwaffen. Aber die Demonai … er war nicht gerade wild darauf, sich mit ihnen anzulegen. »Ich will nicht mit ihren Pfeilen gespickt enden. Die Demonai benutzen Gifte, die einem Mann den …«

»Keine Sorge, Leutnant Gillen«, unterbrach Bayar scharf. »Ihr seid vollkommen in Sicherheit. Das heißt natürlich, sofern Ihr Euch beim Herumschnüffeln nicht erwischen lasst.«

Er würde Magot und Sloat schicken, beschloss Gillen. Sie eigneten sich am besten für diese Aufgabe. Er selbst würde hierbleiben und nach der Prinzessin Ausschau halten. Schließlich waren dafür Umsicht und ein klarer Kopf nötig. Und Diskretion.

»Ich gehe davon aus, dass Ihr für eine gründliche Suche mindestens zwei Schwadronen Soldaten braucht.«

»Zwei Schwadronen! Aber ich habe alles zusammen nur etwa einhundert Soldaten, plus eine Schwadron Wachen«, rief Gillen. »Und den Streifen und Highlandern traue ich nicht. Eine Schwadron muss genügen, das ist alles, was ich erübrigen kann.«

Bayar zuckte mit den Schultern; es war nicht seine Aufgabe, Gillens Probleme zu lösen. »Dann also eine Schwadron. Ich würde selbst gehen, aber als Magier ist es mir nicht gestattet, die Spirit Mountains zu betreten.« Bayar fingerte wieder an dem prunkvollen Edelstein herum, der um seinen Hals hing. »Und es hätte unangenehme Fragen zur Folge, wenn ich mich einmischen würde.«

Natürlich hätte es unangenehme Fragen zur Folge, dachte Gillen. Wieso mischte sich ein Magier überhaupt in militärische Angelegenheiten ein? Die Grauwolf-Königinnen zu beschützen war Aufgabe der Wache der Königin und der Armee.

»Wir möchten, dass die Sache ohne Verzögerung vonstatten geht«, sagte Bayar. »Eure Schwadron soll sich für morgen früh zum Aufbruch bereitmachen.« Gillen öffnete schon den Mund, um ihm all die Gründe aufzuzählen, warum das nicht ging, aber der junge Bayar hob die Hand. »Gut. Meine Kameraden und ich werden hierbleiben und auf Eure Rückkehr warten.«

»Ihr wollt hierbleiben?«, stammelte Gillen. Das konnte er nun ganz und gar nicht gebrauchen. »Hört zu, wenn die Königin will, dass wir uns in die Spirit Mountains begeben, um die Prinzessin zu suchen, muss sie uns Verstärkung schicken. Ich kann die Westmauer nicht ungeschützt lassen, während wir …«

»Solltet Ihr die Prinzessin finden, übergebt Ihr sie unserer Obhut«, sprach Bayar weiter, ohne auf Gillens Einwand zu achten. »Meine Vettern und ich werden sie dann zur Königin zurückbringen.«

Gillen musterte den jungen Bayar misstrauisch. War das irgendeine Falle, in die man ihn zu locken versuchte? Wieso sollte er die Prinzessin diesen Magiern übergeben? Wieso sollte er sie nicht selbst nach Fellsmarch zurückbringen und den Ruhm dafür einstreichen – und vermutlich auch einen fürstlichen Lohn?

Das hier war eine große Sache. Und er wollte mehr für sich rausholen als nur den Dank der Bayars.

Als hätte der Junge seine Gedanken gelesen, sagte er: »Solltet Ihr die Prinzessin finden und uns übergeben, werdet Ihr eine Belohnung von fünftausend Kronen erhalten – und Eurer Rückkehr auf einen Posten in Fellsmarch steht nichts mehr im Wege.«

Gillen gab sich alle Mühe, dass ihm nicht die Kinnlade herunterfiel. Fünftausend Girlies? Das war ein Vermögen! Zahlten die Bayars wirklich so viel, nur um den ganzen Ruhm einzustreichen, die Prinzessin selbst an den Hof zurückgebracht zu haben? Irgendetwas ging da vor. Etwas, das er nicht wissen sollte, für den Fall, dass man ihn jemals verhören würde.

Ein Grund mehr, Sloat und Magot in die Spirits zu schicken und deren Leben aufs Spiel zu setzen. Und vor allen Dingen war das ein Grund, der es noch notwendiger für Gillen machte, die Grenze gut zu beobachten.

»Es ist mir eine Ehre, alles in meiner Macht Stehende zu tun, damit die Prinzessin zu ihrer Mutter, der Königin, zurückkehren kann«, sagte Gillen feierlich. »Ihr könnt Euch auf mich verlassen.«

»Da bin ich sicher«, entgegnete Bayar trocken. »Sucht Leute für diese Sache aus, die den Mund halten können, und sagt ihnen nicht mehr als das, was zur Erfüllung ihrer Aufgabe unbedingt nötig ist. Es gibt keinen Grund, warum irgendjemand von denen über unsere private Abmachung Bescheid wissen sollte.« Er griff in den Beutel an seiner Taille und holte ein kleines, gerahmtes Bild heraus, das er Gillen reichte.

Prinzessin Raisa war darauf von den Schultern bis zum Kopf abgebildet, in einem tief ausgeschnittenen Kleid, das ihre honigfarbene Haut offenbarte. Ihre dunklen Haare fielen weich um ihr Gesicht, und sie trug eine kleine Krone mit glänzenden Juwelen. Sie hatte den Kopf etwas geneigt und lächelte schwach; die Lippen waren leicht geöffnet, als wäre sie dabei, etwas zu sagen, das er hören wollte. Für Micah, stand auf dem Foto, mit all meiner Liebe, R.

Da war allerdings etwas an ihr, etwas Vertrautes, das er …

Bayars Hand schloss sich plötzlich um Gillens Arm, so fest, dass es durch den Stoff seines Offiziershemdes hindurch schmerzte und er das Bild beinahe fallen ließ.

»Passt auf, dass Ihr nicht zu sabbern anfangt, Leutnant Gillen«, zischte Bayar, als hätte er einen schlechten Geschmack im Mund. »Sorgt dafür, dass Eure Männer wissen, wie die Prinzessin aussieht. Und macht Euch klar, dass sie wahrscheinlich verkleidet herumläuft.«

»Ich werde mich gleich darum kümmern, mein Herr«, beteuerte Gillen. Er zog sich unter Verbeugungen zurück, ehe der junge Bayar seine Meinung ändern konnte. Oder ihn wieder am Arm packen konnte. »Währenddessen macht Ihr und Eure Freunde es Euch hier bequem«, sagte er. Für fünftausend Girlies konnte man von Mac Gillen eine ganze Menge Gastfreundschaft erwarten. »Ich sage dem Koch, dass er zubereiten soll, wonach immer es Euch verlangt.«

»Was habt Ihr mit den Musikanten vor?«, fragte Bayar abrupt.

Gillen blinzelte ihn an. »Wie meint Ihr das?«, fragte er. »Wollt Ihr, dass sie hierbleiben? Sie könnten sicherlich dabei helfen, Euch die Zeit zu vertreiben, und das Mädchen ist hübsch.«

Der junge Bayar schüttelte den Kopf. »Sie haben zu viel gehört«, sagte er. »Wie ich schon sagte, darf niemand Verdacht schöpfen, dass Ihr in Verbindung mit meinem Vater stehen könntet oder für ihn arbeitet.« Als Gillen immer noch verwirrt die Stirn runzelte, fügte er hinzu: »Dies ist Euer Fehler, Leutnant, nicht meiner. Ich regle die Sache mit meinen Vettern, aber um die Musikanten müsst Ihr Euch selbst kümmern.«

»Also«, sagte Gillen, »wollt Ihr damit sagen, dass ich sie wegschicken soll?«

»Nein«, antwortete Bayar und strich seine Magierstolen glatt, ohne Gillens Blick zu erwidern. »Ich will damit sagen, dass Ihr sie töten sollt.«

KAPITEL ZWEI

Im Grenzgebiet

Han Alister zügelte sein Pony an der höchsten Stelle des Marisa-Pines-Passes und ließ seinen Blick über die zerklüfteten, südlichsten Gipfel hinweg zu den dahinterliegenden verborgenen Ebenen von Arden schweifen. Er kannte diese Berge nicht; sie waren die Heimat längst verstorbener Königinnen, deren Namen er nie gehört hatte. Die höchsten Gipfel stießen von unten in die Wolken, kalter Stein, der von keiner Vegetation bedeckt wurde. Auf den tieferen Hängen glitzerten Espen, die von Herbstlaub umgeben waren, als trügen sie einen Heiligenschein.

Die Temperatur war während ihres Aufstiegs gesunken, und Han hatte zusätzliche Schichten an Kleidung angelegt. Jetzt hatte er sich seinen Highland-Hut tief in die Stirn gezogen, und seine Nase brannte in der kalten Luft.

Hayden Fire Dancer lenkte sein Pony neben das von Han.

Sie hatten das Marisa-Pines-Camp vor zwei Tagen verlassen. Das Lager des Clans lag strategisch günstig am nördlichen Ende des Passes, der die Hauptverbindung zwischen den südlichen Spirit Mountains und der Stadt Delphi sowie dem Flachland von Arden war. Die Straße, die in der Hauptstadt Fellsmarch als Straße der Königinnen begann, war hier, am höchsten Punkt des Passes, kaum noch mehr als ein breiter Wildpfad.

Obwohl gerade Hauptreisezeit war, waren sie auf dem Pfad nur wenigen Händlern begegnet – lediglich ein paar hohläugigen Flüchtlingen aus dem Bürgerkrieg in Arden.

Dancer deutete ein Stück nach vorn auf den südlichen Hang. »Lord Demonai sagt, dass hier vor dem Krieg den ganzen Tag lang Wagen entlanggefahren sind und Waren von den Flatlands hochgebracht haben. Hauptsächlich Nahrungsmittel – Korn, Vieh, Früchte und Gemüse.«

Dancer kannte den Marisa-Pines-Pass von früheren Handelsreisen, die er gemeinsam mit Averill Demonai, dem Handelsmeister und Patriarchen vom Demonai-Camp, genannt Lightfoot, unternommen hatte.

»Jetzt verschlucken die Armeen alles«, sprach Dancer weiter. »Und von den Feldern wird ein großer Teil zusätzlich verbrannt und zerstört, sodass auch noch das Korn wegfällt.«

Und so gibt es in den Fells einen weiteren Hungerwinter, dachte Han. Der Bürgerkrieg in Arden währte schon ewig – seit Han denken konnte. Sein Vater war dort gestorben, als angeheuertes Schwert im Dienste von einem der fünf verdammten Prinzen von Montaigne – Brüder, von denen jeder einzelne den Thron von Arden beanspruchte.

Hans Pony schnaufte und schnaubte nach dem langen Anstieg vom Marisa-Pines-Camp. In dieser Höhe war die Luft dünn. Han fuhr mit den Fingern durch die struppige, durcheinandergeratene Mähne des Ponys und kratzte es hinter den Ohren. »Schon gut, Ragger«, murmelte er. »Lass dir Zeit.« Ragger bleckte die Zähne als Antwort, und Han musste lachen.

Insgeheim war Han stolz auf sein übellauniges Pony – das erste, das er jetzt wirklich besaß. Bis jetzt war er ein geübter Reiter auf geliehenen Pferden gewesen, da er jeden Sommer in den Highland-Hütten verbracht hatte – aus der Stadt weggeschickt von einer Mutter, die überzeugt davon gewesen war, dass er einen Fluch mit sich herumschleppte.

Aber jetzt war alles anders. Die Clans hatten ihm ein Pferd geschenkt, ihm Kleidung, Ausrüstung und Vorräte für die Reise gegeben und auch den Unterricht an der Akademie in Odenford bezahlt. Nicht aus Großzügigkeit, nein, sondern weil sie hofften, dass der dämonenverfluchte Han Alister sich als mächtige Waffe gegen den zunehmend stärker werdenden Magierrat entpuppen würde.

Han hatte ihr Angebot angenommen. Er hatte auch gar keine andere Wahl gehabt, angesichts der Tatsache, dass man ihn des Mordes angeklagt hatte und er von seinen Feinden zum Waisen gemacht worden war, während er jetzt von der Wache der Königin und dem mächtigen Hohemagier, Gavan Bayar, gejagt wurde. Es war der dunkle Schatten der vergangenen Tragödien, der ihn vorwärtstrieb, die Notwendigkeit, den Erinnerungen an die erlittenen Verluste zu entgehen, und der Wunsch, endlich woanders zu sein als da, wo er bisher gewesen war.

Das alles und ein schwelender Wunsch nach Rache.

Han schob seine Finger unter sein Hemd und berührte geistesabwesend das Schlangenstab-Amulett auf seinem Brustkorb. Es knisterte leicht, als Macht aus Han heraus- und in das Zauberstück hineinströmte; auf diese Weise konnte er sich von dem magischen Druck erleichtern, der sich den ganzen Tag über in ihm anstaute.

Es war zur Gewohnheit geworden, dieses Sammeln von Macht, die ansonsten einfach ohne jede Kontrolle davonwirbeln würde. Er musste sich ständig vergewissern, dass das Amulett noch da war. Han hing auf merkwürdige Weise daran, seit er es Micah Bayar weggenommen hatte.

Das Zauberstück hatte einst seinem Ahnen Alger Waterlow gehört, den die meisten Leute als Dämonenkönig kannten. Das Amulett, das die Clan-Matriarchin Elena Demonai extra für ihn angefertigt hatte, ein Bogenschütze aus Jaspis und Jade, der Einsame Jäger, baumelte derweil ungenutzt in seiner Satteltasche.

Er hätte das Waterlow-Amulett hassen müssen. Er hatte dafür mit dem Leben seiner Mutter und seiner Schwester Mari bezahlt. Einige behaupteten, bei dem Amulett würde es sich um schwarze Magie handeln – um etwas, das zu nichts anderem fähig war als zu Bösem. Aber es war alles, was Han mit seinen fast siebzehn Jahren besaß, abgesehen von Maris fast verkohltem Märchenbuch und dem goldenen Medaillon seiner Mutter. Das war alles, was von der Zeit der Katastrophen übrig geblieben war.

Und jetzt reisten er und sein Freund Dancer nach Odenford, um in Mystwerk House, der Akademie für Magier, eine von den Clans bezahlte Ausbildung zu beginnen.

»Alles in Ordnung?« Dancer beugte sich zu ihm hin; sein kupferfarbenes Gesicht war vor Besorgnis angespannt, und seine Haare wanden sich im Wind wie Schlangen aus Perlen. »Du wirkst irgendwie, als wärst du verhext.«

»Es geht mir gut«, sagte Han. »Aber ich würde gern endlich diesen Wind hinter mir lassen.« Selbst bei schönem Wetter fegte der Wind ständig mit lautem Getöse durch diesen Pass. Jetzt, gegen Ende des Sommers, trug er bereits die Schärfe des Winters mit sich.

»Bis zur Grenze kann es nicht mehr weit sein«, antwortete Dancer. Der Wind entriss ihm die Worte, kaum dass er sie ausgesprochen hatte. »Wenn wir sie erst überquert haben, ist es nicht mehr weit bis nach Delphi. Vielleicht können wir schon heute Nacht unter einem richtigen Dach schlafen.«

Han und Dancer hatten sich als Clan-Händler verkleidet und einige Packpferde voller Waren mitgenommen. Die Kleidung der Clans bot ihnen einigen Schutz, wie auch die Langbögen, die über ihren Rücken hingen. Die meisten Diebe waren klug genug, sich nicht mit Angehörigen der Spirit Clans auf deren eigenem Boden anzulegen. Wenn sie erst in Arden waren, würde es gefährlicher für sie beide werden.

Während sie zur Grenze abstiegen, schienen die Jahreszeiten rückwärts zu laufen, und aus dem frühen Winter wurde wieder Herbst. Als sie die Baumgrenze erreichten, schlossen sich zuerst buschige Kiefern und dann Espen um sie, sodass sie vor dem Wind etwas geschützt waren. Der Berghang wurde allmählich sanfter, der Boden weicher. Hier und da waren jetzt kleine Gehöfte mit gemütlichen Bauernhäuschen zu sehen, und auf den Weiden standen kräftige Bergschafe mit langen, gedrehten Hörnern.

Doch noch etwas weiter unter waren die Zeichen des im Süden schwelenden Kriegs unverkennbar. Beiderseits der Straße lagen halb verborgen zwischen dem Unkraut leere Satteltaschen und Uniformteile von fliehenden Soldaten, verschiedene Gegenstände, die man liegen gelassen hatte, weil es zu schwer gewesen wäre, sie bergauf zu schleppen.

Han fand eine schlichte Puppe in einem matschigen Graben. Er zügelte sein Pony und wollte schon absteigen und sie mitnehmen, um sie zu säubern und seiner kleinen Schwester mitzubringen. Dann fiel ihm wieder ein, dass Mari tot war und keine Puppen mehr brauchte.

Das war seine Trauer. Sie verklang allmählich zu einem dumpfen Schmerz, bis ihn irgendein einfacher Anblick, ein Geräusch oder ein Geruch mit der Wucht eines Hammerschlags traf.

Sie kamen an einigen Gehöften vorbei, die in Brand gesteckt worden waren; ihre steinernen Kamine ragten in die Höhe wie Kopfsteine zerstörter Gräber. Dann stießen sie auf ein Dorf, das komplett bis auf die Grundmauern abgebrannt war und nur noch die skelettartigen Überreste eines Tempels und eines Rathauses aufwies.

Han sah Dancer an. »Waren das Flatlander?«

Dancer nickte. »Oder einzelne Söldner. Es gibt an der Grenze zwar eine Festung, aber die Soldaten dort patrouillieren nicht gerade aufmerksam. Und die Demonai-Krieger können nicht überall sein. Der Magierrat weist darauf hin, dass Magier die Lücke auffüllen könnten, es aber nicht tun dürften und auch nicht die richtigen Werkzeuge hätten, woran die Clans schuld wären.« Er verdrehte die Augen. »Als ob sich in diese raue Wildnis Magier verirren würden, selbst wenn sie hier oben sein dürften.«

»Oh«, sagte Han. »Pass bloß auf. Auch wir sind ganz furchtbar wilde Magier.«

Der doppelte Witz brachte sie beide zum Lachen. Es verband sie eine Art Galgenhumor über ihre missliche Lage. Es war schwer, sich nicht mehr über die Arroganz der Magier zu belustigen, wie sie es gewohnt gewesen waren – mit jenen Witzen, die die Machtlosen über die Mächtigen rissen.

Sie erreichten eine Stelle, an der sich Pfade aus dem Osten und Westen kreuzten und allesamt in den Pass mündeten. Der Verkehr wurde dichter und zäh wie geschlagene Sahne. Reisende schoben sich vorbei in Richtung Marisa Pines und vermutlich auch nach Fellsmarch. Männer, Frauen, Kinder, Familien, Einzelne und Gruppen, die durch Zufall zusammengeführt worden waren oder sich zusammengetan hatten, um mehr Schutz zu finden.

Die mit Bündeln und Taschen beladenen Flüchtlinge waren ausgemergelt und schweigsam – sogar die Kinder erweckten den Eindruck, als würde es sie ihre letzte Kraft kosten, auch nur einen Fuß vor den anderen zu setzen. Erwachsene und Jünglinge hielten Knüppel, Stöcke und andere behelfsmäßige Werkzeuge in den Händen. Einige waren verwundet, und blutverschmierte Fetzen hingen um ihre Köpfe oder Arme oder Beine. Viele trugen die leichte Kleidung der Flatlander, und manche gingen barfuß.

Diese Leute mussten Delphi bei Tagesanbruch verlassen haben. Wenn sie für den Weg bis hierher so lange gebraucht hatten, würden sie den Pass nicht mehr vor Einbruch der Nacht erreichen. Und von da aus waren es noch einmal zwei weitere Tage bis Marisa Pines.

»Die Kälte wird ihnen da oben zusetzen«, sagte Han. »Die Steine werden ihre Füße aufschrammen. Und wie sollen die Lýtlings den Aufstieg schaffen? Was denken die sich nur?«

Ein kleiner Junge von etwa vier Jahren stand mitten auf dem Weg und weinte. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt, und sein ganzes Gesicht war vor Not und Leid verzerrt. »Mama!«, schrie er in der Sprache der Flatlander. »Mama! Ich habe Hunger!« Aber es war keine Mama zu sehen.

Von Schuldgefühlen gepackt, griff Han in seine Tasche und zog einen Apfel heraus. Er beugte sich im Sattel nach unten und streckte ihn dem Jungen entgegen. »Hier«, sagte er und lächelte. »Nimm den.«

Der Junge taumelte zurück und riss die Arme hoch, als wollte er sich schützen. »Nein!«, schrie er voller Panik. »Geh weg!« Er fiel auf den Rücken, und schrie immer noch aus Leibeskräften.

Ein schmalgesichtiges Mädchen, dessen Alter Han unmöglich schätzen konnte, riss ihm den Apfel aus der Hand und lief mit ihm davon, als verfolgten es Dämonen. Han starrte dem Mädchen hilflos nach.

»Lass es gut sein, Hunts Alone«, sagte Dancer und benutzte Hans Clan-Namen. »Wahrscheinlich haben sie schlechte Erfahrungen mit Reitern gemacht. Du kannst sie nicht alle retten.«

Ich kann niemanden retten, dachte Han.

Nachdem sie eine Biegung umrundet hatten, sahen sie unterhalb von sich die Grenzbefestigung liegen – eine verfallene Festung mit einer zerklüfteten Steinmauer, deren schlimmste Löcher in Ermangelung von richtigen Reparaturen mit Eisendornen und Stacheldraht gefüllt waren. Die Mauer verlief den Pass entlang, stieß auf beiden Seiten an die Gipfel, und in ihrer Mitte befand sich ein massives steinernes Torhaus, das die Straße überspannte. Eine kleine Reihe von Handelswagen, die nach Süden unterwegs waren, und Leute mit Marschgepäck schoben sich langsam durch das Tor, während der Verkehr, der nach Norden unterwegs war, ungehindert passieren konnte.

Eine Art Dorf war um die Festung herum aus dem Boden geschossen, wie Pilze nach dem Regen. Es handelte sich um eine Mischung aus schlichten Unterständen, vergammelten Hütten, Zelten und mit Segeltuch bespannten Wagen. Ein behelfsmäßiger Pferch umschloss ein paar heruntergekommene Pferde und magere Kühe.

Einzelne Flecken von strahlendem Blau tummelten sich wie eine Handvoll Herbstastern beim Tor. Blaujacken. Die Wache der Königin. Eine düstere Vorahnung fuhr wie ein eiskalter Finger über Hans Rückgrat.

Wieso bewachten Blaujacken diese Grenze?

»Ich könnte ja verstehen, wenn sie die Flüchtlinge überprüfen, die zu uns reinwollen«, sagte er mit finsterem Gesicht. »Um zu verhindern, dass Spione dabei sind. Aber wieso sollte es sie kümmern, wer das Königreich verlässt?«

Dancer ließ seinen Blick an Han auf und ab schweifen und biss sich auf die Unterlippe. »Nun, ganz offensichtlich suchen sie nach jemandem.« Er machte eine Pause. »Würde die Wache der Königin diesen ganzen Zirkus veranstalten, nur um dich zu kriegen?«

Han zuckte mit den Schultern in dem Versuch, diesen Gedanken abzuschütteln. Wenn er so gefährlich war, hätten sie es dann nicht begrüßen müssen, wenn er sich außerhalb des Königinnenreichs befand statt drinnen?

»Kommt mir unwahrscheinlich vor, dass Ihre Mächtigkeit, die Königin, all das wegen ein paar toter Southies veranstaltet«, sagte er. »Vor allem, da das Morden ja aufgehört hat.«

»Aber du hast ihrem Hohemagier ein Messer in die Seite gerammt«, erinnerte Dancer ihn. »Vielleicht ist er ja tot.«

Stimmt. Das war nicht zu leugnen. Obwohl Han nicht wirklich glauben konnte, dass Lord Bayar tot war. Seiner Erfahrung nach lebte das Böse weiter, und es waren die Unschuldigen, die starben. Aber vielleicht hatten die Bayars ja die Königin davon überzeugt, dass es den zusätzlichen Schweiß wert wäre, den es bedeutete, ihn in Ketten zu legen.

Andererseits wollten die Bayars vor allem ihr Amulett zurückhaben, dachte Han. Konnten sie es riskieren, dass die Wache der Königin ihn bekam? Nur zu leicht konnte er unter Folter alles ausspucken, was er über dieses Amulett wusste.

Wie auch immer, musste er nicht auf der Seite der Königin stehen? Er erinnerte sich an die Worte von Elena Cennestre an dem Tag, als man ihm die Wahrheit vor die Füße geworfen hatte.

Wenn du deine Ausbildung abgeschlossen hast, wirst du hierher zurückkehren und deine Fähigkeiten in den Dienst der Clans und des Wahren Geschlechts der Reinen Königinnen stellen.

Vermutlich hatte niemand mit der Königin gesprochen. Sie hatten versucht, es für sich zu behalten.

»Zumindest ist klar, dass sie nicht nach dir suchen«, sagte Han und wandte den Blick von Dancer ab. »Wir sollten uns für alle Fälle trennen. Du gehst voraus. Ich komme dann nach.« Auf diese Weise würde er verhindern, dass Dancer sich zu irgendwelchen heroischen Taten hinreißen ließ, sollten die Wachen ihn, Han, ergreifen.

Dancer quittierte diesen Vorschlag mit einem spöttischen Schnauben. »Klar doch. Allerdings wird man dir nicht lange abnehmen, dass du einer von den Clans bist, wenn du erst den Mund aufmachst. Da nützt es dir auch nichts, wenn du deine Haare bedeckst. Lass mich reden. Hier kommen viele Händler durch. Es wird alles gut gehen.« Han entging nicht, dass Dancer trotz seiner Worte die Sehne seines Bogens fester packte und seinen Gürteldolch so zurechtschob, dass er leicht drankommen würde.

Han sorgte dafür, dass auch seine eigenen Waffen griffbereit waren, dann stopfte er helle Haarsträhnen unter seinen Hut. Er hätte sich die Zeit nehmen sollen, sie noch einmal dunkel zu färben, damit man ihn nicht so leicht erkannte. Aber die Frage des Überlebens wurde erst jetzt so richtig bedeutsam. Er tastete mit der Hand unter sein Hemd und berührte das Amulett. Zum tausendsten Mal wünschte er sich, er wüsste besser darüber Bescheid, wie man es benutzte. Ein kleiner Zauberspruch an der richtigen Stelle war vielleicht hilfreich, wenn sie in der Klemme steckten.

Nein, vielleicht auch nicht. Es war besser, wenn niemand wusste, dass Cuffs Alister, Straßendieb und des Mordes verdächtig, sich plötzlich in einen Magier verwandelt hatte.

Quälend langsam rückten sie dem Grenzposten näher. Die Wachen schienen außerordentlich gründlich zu arbeiten.

Als sie endlich vor ihnen standen, packten zwei von ihnen die Zügel ihrer Pferde und hielten sie fest. Eine berittene Wache mit dem Halstuch eines Sergeants baute sich vor ihnen auf. Der Soldat musterte ihre Gesichter und runzelte die Stirn. »Eure Namen?«

»Fire Dancer und Hunts Alone«, sagte Dancer in der Allgemeinen Sprache. »Wir sind Clan-Händler von Marisa Pines und auf dem Weg nach Ardenscourt.«

»Händler? Oder Spione?«, spuckte der Soldat aus.

»Wir sind keine Spione«, sagte Dancer. Er beruhigte sein Pferd, das den Kopf hin und her warf und beim Klang der fremden Stimme mit den Augen rollte. »Händler mischen sich nicht in die Politik ein. Ist schlecht fürs Geschäft.«

»Jeder weiß, dass ihr vom Krieg profitiert«, knurrte die Blaujacke, was der üblichen Einstellung entsprach, die man im Vale gegenüber den Clans hegte. »Was habt ihr da?«

»Seife, Düfte, Seidenstoffe, Lederarbeiten und Heilmittel«, antwortete Dancer und legte eine Hand auf die Satteltasche, als wollte er so bestätigen, dass es sich um seinen Besitz handelte.

Das zumindest stimmte. Sie hatten vor, diese Waren einem Käufer in Ardenscourt zu übergeben, um sich auf diese Weise an den Kosten für den Unterricht und die Unterbringung in Odenford zu beteiligen.

»Zeigt her.« Der Soldat öffnete die Satteltasche des ersten Ponys und kramte in den Waren herum. Der Geruch von Sandelholz und Kiefern stieg auf.

»Habt ihr auch Waffen oder Amulette?«, wollte der Mann wissen. »Irgendwelche magischen Gegenstände?«

Dancer zog eine Braue hoch. »Arden hat keinen Markt für magische Waren«, erklärte er. »Die Kirche von Malthus verbietet so etwas. Und wir handeln nicht mit Waffen. Ist zu riskant.«

Der Sergeant starrte in ihre Gesichter; seine Stirn runzelte sich verwirrt. Han hielt den Blick weiter auf den Boden gerichtet. »Weiß nicht«, sagte der Soldat. »Eure Augen sind blau. Ihr seht nicht gerade aus wie welche von den Clans.«

»Wir sind Mischlinge«, entgegnete Dancer. »Die Camps haben uns als Babys aufgenommen.«

»Wohl eher gestohlen«, sagte der Sergeant. »So wie die Erbprinzessin. Möge der Schöpfer Barmherzigkeit mit ihr haben.«

»Was ist mit der Prinzessin?«, fragte Dancer. »Wir haben nichts davon mitbekommen.«

»Sie ist verschwunden«, erzählte der Sergeant. Er gehörte offenbar zu den Leuten, die es genossen, schlechte Nachrichten weiterzuverbreiten. »Einige sagen, sie wäre weggelaufen. Aber ich halte es für unmöglich, dass sie von allein abgehauen sein soll.«

Das war es also, dachte Han und fühlte sich sofort besser. Diese besondere Gründlichkeit hatte gar nichts mit ihnen zu tun.

Aber die Blaujacke war noch nicht fertig. Der Mann sah sich um, als wollte er sich vergewissern, dass er Unterstützung hatte. Dann sagte er: »Manche behaupten, es wären welche von euch gewesen, die sie sich geholt haben. Die Kupferköpfe.«

»Das macht aber doch gar keinen Sinn«, antwortete Dancer. »Die Prinzessin hat über ihren Vater Clan-Blut in den Adern und drei Jahre im Demonai-Camp gelebt.«

Die Blaujacke schnaubte. »Nun, sie ist jedenfalls nicht in der Hauptstadt, so viel steht fest. Könnte sein, dass sie diesen Weg nimmt; deshalb müssen wir alle überprüfen, die hier durchkommen. Die Königin hat dem, der sie findet, eine große Belohnung versprochen.«

»Wie sieht sie denn aus?«, fragte Dancer, als hätte die große Belohnung sein Interesse geweckt.

»Sie ist auch ein Mischling«, sagte die Blaujacke, »aber sie soll trotzdem hübsch sein, habe ich gehört. Sie ist klein, hat lange, dunkle Haare und grüne Augen.«

Wie aus dem Nichts wurde Han von der Erinnerung an die grünäugige Rebecca Morley überwältigt, die einfach ins Wachhaus von Southbridge marschiert war und drei Mitglieder der Ragger-Straßengang aus der Gewalt von Mac Gillen befreit hatte. Die Beschreibung würde auf Rebecca passen. Wie auf tausend andere Mädchen auch.

Seit sein Leben zerbrochen war, hatte Han nicht mehr an Rebecca gedacht. Oder jedenfalls nicht mehr viel.

Der Sergeant kam endlich zu dem Schluss, dass er sie lange genug aufgehalten hatte. »Also gut, zieht weiter. Aber südlich von Delphi solltet ihr auf euch aufpassen, denn da wird heftig gekämpft.«

»Danke, Sergeant«, sagte Dancer gerade, als sich eine neue Stimme in die Unterhaltung einmischte. Eine Stimme, die so scharf und kalt war wie eine Messerklinge.

»Was ist da los, Sergeant? Was soll die Verzögerung?«

Han hob den Blick und sah ein Mädchen auf einem Pferd auf sie zukommen. Sie war etwa in seinem Alter und drängte das Tier auf eine Weise durch die vielen Leute, die sich zu Fuß am Tor versammelt hatten, als würde sie sich nicht im Geringsten darum kümmern, ob ein paar dadurch niedergetrampelt wurden.

Er konnte nicht aufhören, sie anzustarren. Noch nie hatte er ein Mädchen gesehen, das so aussah wie sie. Ihre platinfarbene, ja, fast weiße Mähne, die durch eine rote Strähne besonders betont wurde, war zu einem einzigen langen Zopf zusammengebunden, der ihr bis zur Taille reichte. Die Augenbrauen und Wimpern des Mädchens waren so hell wie Pappelflaum, die Augen selbst von einem blassen, porzellanartigen Blau, als wäre der Himmel gerade von einem Regenschauer gereinigt worden. Ein Nimbus aus Licht umgab sie – der Beweis von Macht, die frei und nicht kanalisiert umherströmte.

Das Mädchen ritt auf einem grauen Flatland-Hengst, der genauso blaublütig war wie sie selbst, und sie saß so aufrecht und hoch im Sattel, als wollte sie ihre ohnehin schon beachtliche Größe noch weiter in die Länge strecken. Ihre knochigen Gesichtszüge wirkten irgendwie vertraut. Sie hatte kein sonderlich hübsches Gesicht, aber es war klar, dass man es nicht so schnell vergessen würde, wenn man es einmal gesehen hatte. Besonders dann nicht, wenn ein Stirnrunzeln darauf lag. Wie es jetzt der Fall war.

Die kurze Jacke und die geteilten Reitröcke des Mädchens bestanden aus vorzüglichem Material und waren mit Leder gesäumt. Die Magierstolen über ihren Schultern trugen das Emblem des Jagenden Falken, und um den Hals glühte ein Amulett an einer schweren Goldkette. Ein Falke mit einem Singvogel in seinen Klauen.

Han zitterte; sein Körper reagierte schneller als sein träger Geist. Der Jagende Falke. Dieses Emblem gehörte …

»Ich … es tut mir leid, Lady Bayar«, stotterte der Sergeant. Schweißperlen glänzten trotz der kühlen Luft auf seiner Stirn. »Ich habe nur diese Händler befragt. Um mich zu vergewissern.«

Bayar. Das war es, woran das Mädchen Han erinnerte – an Micah Bayar. Er hatte den Sohn des Hohemagiers nur ein einziges Mal gesehen, und zwar an dem Tag, als Han das Amulett an sich genommen hatte, das sein Leben für immer verändern sollte. In welcher Beziehung stand Lady Bayar zu Micah? Sie sah aus, als wäre sie genauso alt wie er. War sie seine Schwester? Seine Cousine?

»Nimm dein Amulett in die Hand«, murmelte Dancer zu Han und schob seine eigene Hand unter seine Wildlederjacke. »Wenn es deine Macht in sich aufsaugt, bemerken sie deine Aura vielleicht nicht.«

Han nickte und griff nach dem magischen Schlangenstab unter seinem Hemd.

»Wir suchen ein Mädchen, Idiot«, sagte Lady Bayar, während ihre blassen Augen zu Han und Dancer hinüberschossen. »Ein dunkelhäutiges, zwergenhaftes Mädchen. Wieso verschwendest du deine Zeit mit diesen beiden Kupferköpfen?« Sie benutzte den Namen, mit dem die Leute aus dem Vale die Clan-Mitglieder abschätzig bezeichneten.

Die beiden Wachen, die Hans und Dancers Pferde festhielten, ließen die Tiere sofort los.

»Fiona. Pass auf, was du sagst.« Ein anderer Magier zügelte sein Pferd neben der jungen Lady Bayar, ein älterer Junge, der strohfarbene Haare und einen Körper hatte, der von zu vielen Exzessen bereits fleischig geworden war. Auf seinen beiden Magierstolen war das Emblem einer Distel zu sehen.

»Was denn?« Fiona funkelte ihn an, und unter ihrem Blick wand er sich wie ein Hündchen.

Entweder ist er in sie verliebt oder er hat Angst vor ihr, dachte Han. Vielleicht auch beides.

»Fiona, bitte.« Der junge Magier räusperte sich. »Ich würde Prinzessin Raisa nicht als zwergenhaft bezeichnen. Tatsächlich ist die Prinzessin ziemlich …«

»Wenn nicht zwergenhaft, was dann?«, unterbrach Fiona ihn. »Mickrig? Ein Stummel?«

»Nun, ich …«

»Und sie ist dunkelhäutig, oder nicht? Sogar ziemlich, was an ihrem Mischlingsblut liegt. Komm schon, Wil, es stimmt.« Fiona schien nicht gut damit klarzukommen, dass man sie berichtigte.

Han musste sich Mühe geben, sich seine Verblüffung nicht anmerken zu lassen. Er war zwar auch kein Anhänger der Königin und ihres Ahnengeschlechts, aber er hätte nicht gedacht, dass jemand von den Bayars so reden würde.

Fiona verdrehte die Augen. »Es ist mir schleierhaft, was mein Bruder an ihr findet. Aber sicherlich kannst du Frauen besser beurteilen als ich.« Sie schenkte Wil ein Lächeln, in das sie all ihren Charme legte. Han begriff jetzt, was der Magier an ihr fand.

Wil errötete, und seine Haut nahm die Farbe eines dunklen Pinktons an. »Es ist nur … ich denke, wir sollten ihr etwas Achtung entgegenbringen«, flüsterte er und beugte sich so nah zu ihr hin, dass der Sergeant nicht hören konnte, was er sagte. »Immerhin ist sie die Erbin des Grauwolf-Throns.«

Dancer lenkte sein Pferd weiter; er hoffte, die Grenze passieren zu können, während die Magier mit sich selbst beschäftigt waren. Han drückte Ragger die Knie in die Flanken und folgte ihm mit geneigtem Kopf und abgewandtem Gesicht. Sie waren schon an den Magiern vorbei, standen gerade im Tor und hatten es fast geschafft, als …

»Ihr da! Wartet!«

Es war Fiona Bayar. Han fluchte insgeheim, ehe er sein Straßengesicht aufsetzte und sich im Sattel umdrehte. Fiona starrte ihn geradewegs an.

»Sieh mich an, Junge!«, befahl sie.

Han sah auf und blickte in ihre porzellanblauen Augen. Das Amulett knisterte in seinen Fingern, und noch ehe er selbst wusste, was er tat, sagte er mit gerecktem Kinn: »Ich bin kein Junge, Lady Bayar. Nicht mehr.«

Fiona saß wie versteinert da und starrte ihn an, während sie die Zügel fest in der einen Hand hielt. Ihre Kehle bewegte sich, als sie schluckte. »Nein«, sagte sie und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Du bist kein Junge. Aber du klingst auch nicht wie einer von den Clans.«

Wil streckte die Hand nach ihr aus und berührte sie am Arm, als wollte er ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich lenken. »Kennst du diesen … Händler, Fiona?«, fragte er mit vor Verachtung triefender Stimme.

Aber sie starrte einfach nur weiter Han an. »Du bist gekleidet wie ein Händler«, flüsterte sie fast wie zu sich selbst. »Es ist Clan-Kleidung, und doch hast du eine Aura.« Sie sah auf ihre eigenen glühenden Hände und blickte dann wieder in sein Gesicht. »Beim Blute und den Gebeinen, du hast eine Aura.«

Han sah an sich hinunter und stellte zu seinem großen Schrecken fest, dass die in ihm lodernde Magie entsetzlich sichtbar war, selbst hier im hellen nachmittäglichen Licht. Er schien sogar noch mehr als sonst zu leuchten, da die Macht unter seiner Haut so glitzerte wie Sonnenlicht auf Wasser.

Aber das Amulett hätte die Macht auslöschen oder aufsaugen müssen. Vielleicht verströmte er einfach zu viel davon, wenn er beunruhigt oder verärgert war – mehr, als das Zauberstück bewältigen konnte.

»Das hat nichts zu bedeuten«, erklärte Dancer rasch. »Es hängt damit zusammen, dass man auf den Clan-Märkten so viele magische Gegenstände anfasst. Die Magie wird dabei manchmal irgendwie abgerieben. Es ist nicht von Dauer.«

Han blinzelte seinen Freund an. Er war beeindruckt. Dancer hatte ein Talent dafür entwickelt, das Gesetz zu erheitern, wie man in Ragmarket zu sagen pflegte.

Dancer packte Raggers Zügel und versuchte, das Pferd ein Stück weiter voranzuziehen. »Und so gern wir auch bleiben würden, um Fluchbringer-Fragen zu beantworten, müssen wir jetzt weiter, wenn wir nicht irgendwo im Wald schlafen wollen.«

Fiona reagierte nicht auf Dancer. Mit zusammengekniffenen Augen und geneigtem Kopf starrte sie weiter Han an. Sie sog die Luft tief ein und richtete sich sogar noch ein bisschen mehr auf. »Nimm den Hut ab«, befahl sie.

»Wir sind der Königin gegenüber verpflichtet, Fluchbringer, nicht Euch«, sagte Dancer und knurrte dann: »Komm schon, Hunts Alone.«

Han hielt seinen Blick weiter auf Fiona geheftet, während er das Amulett umfasste. Seine Haut prickelte, als sich in ihm Magie und Auflehnung vermischten und wie Branntwein durch ihn hindurchflossen. Langsam und bedächtig griff er mit der freien Hand nach seinem Hut und nahm ihn ab, sodass seine Haare zum Vorschein kamen. Der Wind, der durch den Marisa-Pines-Pass wehte, wirbelte sie durcheinander und löste sie von der Stirn.

»Ich habe eine Nachricht für Lord Bayar«, sagte Han. »Geht mir aus dem Weg, oder Eure gesamte Familie wird untergehen.«

Fiona starrte ihn einfach nur an. Einen Moment lang sah es aus, als hätte es ihr die Sprache verschlagen. Schließlich krächzte sie: »Alister. Du bist Cuffs Alister. Aber … du bist ein Magier. Das ist unmöglich.«

»Überraschung!«, rief Han. Er stellte sich in den Steigbügeln auf, packte das Amulett mit der einen Hand und streckte die andere weit von sich. Seine Finger krümmten sich wie aus eigenem Willen zu einem Fluch, und Worte der Magie strömten ungebeten aus seinem Mund.

Die Straße bog und wölbte sich, als sich eine Dornenhecke aus der Erde erhob und zu einer stacheligen Mauer anschwoll, die Han und Dancer von den anderen Magiern trennte. In wenigen Augenblicken hatte sie die Brusthöhe der Pferde erreicht.

Verblüfft riss Han die Hand von seinem Amulett weg und wischte sie sich an den Clan-Leggins ab, als könnte er sie so von den Spuren der Magie reinigen. Ihm wurde schwindelig, aber dann klärte sich sein Kopf wieder. Er sah zu Dancer hinüber, der Han auf eine Weise anfunkelte, als könnte er nicht glauben, was er gerade gesehen und gehört hatte.

Fiona fand schließlich die Sprache wieder. »Er ist es!«, schrie sie. »Das ist Cuffs Alister, der versucht hat, den Hohemagier zu töten! Packt ihn!«

Niemand rührte sich. Die Dornenmauer wuchs weiter und trieb spitze Zweige gen Himmel. Die Blaujacken gafften den Händler einfach nur an, der Dornenhecken aus dem Nichts erstehen lassen konnte.

Dancer schwang seinen Arm in einem weiten Bogen, und Flammen schossen in Spiralen in alle Richtungen. Die Hecke begann zu qualmen und fing schließlich Feuer. Ragger stellte sich auf die Hinterbeine und versuchte, Han abzuwerfen. Die Wachen stürzten sich auf den Boden, zogen die Köpfe ein und stöhnten vor Angst.

Han presste Ragger die Fersen in die Seiten, und das erschreckte Pferd preschte durch das Tor davon, dicht gefolgt von Dancer, der sich mit wehenden Haaren flach auf den Rücken seines Pferdes drückte. Andere Reisende ein Stück weiter vorn auf dem Weg sprangen zur Seite und verschwanden in den Gräben links und rechts von der Straße. Han konnte hören, wie hinter ihm Befehle gerufen und Trompeten geblasen wurden.

Armbrüste erklangen, als die Soldaten blind über das Wachhaus hinwegschossen. Han drückte seinen Kopf gegen Raggers Hals, um eine möglichst geringe Zielscheibe abzugeben.

»Ergreift ihn lebendig, Idioten!«, schrie Fiona. »Mein Vater will ihn lebend haben!« Danach flogen keine weiteren Armbrustbolzen mehr, was ein Segen war, denn die Straße zwischen der Grenze und Delphi war breit und neigte sich sanft. Wenn ihre Verfolger erst Hans Barriere überwunden hatten, konnten er und Dancer sogar ziemlich leicht getroffen werden.

Han warf einen Blick zurück und sah gerade, wie Fiona ein gezacktes Loch in die lodernde Hecke blies. Die beiden Magier brachen durch, gefolgt von einem Tripel aus nicht sehr begeistert wirkenden berittenen Wachen. Die Blaujacken verspürten offensichtlich keinen Wunsch, sich gegen jemanden zu erheben, der Flammen und Dornen herbeizaubern konnte.

»Da kommen sie«, rief Han und trieb Ragger noch schneller an.

»Vermute, sie haben sich entschieden, sich dir in den Weg zu stellen«, rief Dancer zurück.

Han wusste, dass Dancer später noch so einiges zu sagen haben würde. Sofern es ein Später gab.

Die Magier holten bereits auf und verringerten den Abstand zwischen ihnen. Sie würden sie auf dieser breiten Straße, auf der ihre langbeinigen Flatland-Pferde in Sachen Geschwindigkeit im Vorteil waren, irgendwann einholen. Es gab keine Möglichkeit für ihn und Dancer, gegen zwei besser ausgebildete Magier zu gewinnen. Ganz zu schweigen von einem ganzen Tripel von Blaujacken.

Was ist nur in dich gefahren, Alister?, fragte Han sich. Was für Fehler er auch haben mochte, Dummheit gehörte nicht dazu. Es mochte verführerisch sein, sich mit Fiona Bayar anzulegen, aber er hätte nie zugelassen, dass Dancer in einen erbitterten Zweikampf hineingezogen wurde, den er vermutlich verlieren würde.

Han erinnerte sich, wie es sich angefühlt hatte, als die Magie wie ein starkes alkoholisches Getränk durch ihn hindurchgeflossen war. Und wie ein starkes alkoholisches Getränk hatte sie dazu geführt, dass er den Kopf verloren hatte. Er hatte nicht mehr gewusst, was er tat. Er packte die Zügel fester und widerstand dem Drang, das Amulett wieder in die Hand zu nehmen.