DAS FERNE ECHO - Douglas Rutherford - E-Book

DAS FERNE ECHO E-Book

Douglas Rutherford

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5,99 €

  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

Der englische Kunsthistoriker Andrew Carson arbeitet an einer Biographie über den Renaissance-Maler Raimondo Mera und lässt das Porträt einer schönen jungen Frau restaurieren. Damit entfesselt er aufs Neue die Leidenschaften längst vergessener Tage. Und er selbst wird zum Hauptakteur in einem Drama, das vor vier Jahrhunderten mit dem Tod des schönen Modells von Raimondo Mera begann...   Der Roman DAS FERNE ECHO von Douglas Rutherford (* 15. Oktober 1915; † 29. April 1988) erschien erstmals im Jahr 1957; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1971. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

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Seitenzahl: 248

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DOUGLAS RUTHERFORD

 

 

Das ferne Echo

 

Roman

 

 

 

 

Apex Crime, Band 245

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

DAS FERNE ECHO 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

 

 

Das Buch

 

Der englische Kunsthistoriker Andrew Carson arbeitet an einer Biographie über den Renaissance-Maler Raimondo Mera und lässt das Porträt einer schönen jungen Frau restaurieren. Damit entfesselt er aufs Neue die Leidenschaften längst vergessener Tage. Und er selbst wird zum Hauptakteur in einem Drama, das vor vier Jahrhunderten mit dem Tod des schönen Modells von Raimondo Mera begann...

 

Der Roman Das ferne Echo von Douglas Rutherford (* 15. Oktober 1915; † 29. April 1988) erschien erstmals im Jahr 1957; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1971.

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

  DAS FERNE ECHO

 

 

 

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

Andrew flog mit der Vormittagsmaschine nach Nizza und landete - kurz nach einem angenehmen Lunch hoch droben in den Lüften - auf dem Aeroport du Var. In Nizza bestieg er einen Zug und war um fünf Uhr in Bordighera.

In dem Augenblick, wo er seinen Fuß auf den Bahnsteig setzte, sah er seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Landolfi hatte beschlossen, ihn höchstpersönlich abzuholen. Der Professor war ein ausgesprochen gütiger, sanfter Mensch, aber am Steuer seines Fiat verwandelte er sich in einen Dämon aus Dantes achtem Höllenkreis. Andrew entdeckte schon von weitem den rundlichen, kleinen Mann mit dem Schnurrbart, der sich geschäftig durch die Reisenden drängte und jeden kurzsichtig anblinzelte - nur nicht den richtigen. Er stieß Andrew an, entschuldigte sich und stolperte weiter, bis Andrews vertraute Stimme ihn herumfahren ließ. Dann streckte er beide Arme in einer spontanen Geste des Willkommens aus und begrüßte den Jüngeren begeistert.

»Caro Andrew! Welche Freude, Sie wiederzusehen! Ihre Sant’ Agata steht schon bereit. Sie werden staunen! Ich glaube, Sie werden sich sofort in sie verlieben.«

Er brach ab, sah sich um, als sei er gerade in einem völlig fremden Raum aufgewacht, rief dann: »Ah!« und zerrte Andrew eilig in Richtung Damentoilette.

Andrew bewegte ihn mit einiger Mühe zu einer Kursänderung und bugsierte ihn durch den Ausgang auf den Bahnhofsvorplatz.

»Ich bin mit dem Auto gekommen«, verkündete Landolfi stolz. Er merkte nicht einmal, dass er damit nur noch unterstrich, wie wenig er und sein Gefährt zusammenpassten.

Andrew sah sich auf dem Bahnhofsplatz um, der sich so angenehm von seinem englischen Gegenstück unterschied. Für Andrew war es jedes Mal eine Erleichterung, wieder in Italien zu sein, wo die Leute das. Singen und Glücklichsein noch nicht verlernt haben und wo man unter einer angenehm warmen Sonne entdeckt, dass Hast die schlimmste aller modernen Untugenden ist. Tische und Stühle nahmen ein Viertel des kleinen Platzes ein.

Fröhlich gestreifte Sonnenschirme, die verwegen schräg aufgestellt waren, spendeten Schatten. Blumenkästen mit Geranien schützten diskret die Besucher der Straßencafés, die aber trotzdem alles beobachten konnten, was sich in der Nähe abspielte.

An einem der Tische saßen drei hübsche, dunkelhaarige Mädchen. Sie drehten sich um und musterten Andrew ganz unverhohlen, als er mit dem Professor auf den kleinen Fiat zuging, der im Schatten einer Palme parkte. Andrew war es gewöhnt, von den Italienern angestarrt zu werden. Auf sie musste sein Äußeres noch ungewöhnlicher wirken als auf die Engländer. Er war nicht der breitschultrige Männertyp, den die Kinos uns als Ideal einer jeden Frau vorgaukeln. Er war zwar einen halben Kopf größer als der Durchschnitt, aber schlaksig und schmal gebaut. Wenn er ging, sah es aus, als segelte er in einer sanften Brise dahin. Sein schwarzes, kräftiges Haar wirkte ungekämmt, die Jackettärmel und Hosenbeine waren zu kurz. Seine Nase war zu lang geraten, und die beiden Gesichtshälften passten nicht zueinander. Manche Frauen fanden ihn unwiderstehlich. Was sie besonders anzog, war die romantische, fast schon poetische Empfindsamkeit seines Mienenspiels und die seltsam vertraute Art, mit der er ihren Blicken begegnete. Seine Augen lagen in tiefem Schatten und wirkten dadurch geheimnisvoll. Jedes Lächeln kündigte sich durch kleine Fältchen und Grübchen um die Mundwinkel herum an. Wenn an Andrew etwas romanisch war, dann höchstens seine Hände. Er hatte lange, ausdrucksvolle Finger, und wenn er sein fließendes Italienisch sprach, dann erwachten diese Hände zum Leben wie Einsiedler, die von einem Schweigegelübde entbunden wurden.

Andrew besaß alle Qualitäten des echten Künstlers, nur konnte er nicht mit dem Pinsel umgehen. Er gab sich gleichgültig und unaufdringlich, beobachtete aber sehr genau, wie andere Leute auf seine Worte und Handlungen reagierten. Seine Sinne waren ungewöhnlich scharf. Er sah, hörte und roch Dinge, die für die meisten anderen Menschen gar nicht existierten. Andererseits war er zerstreut und ziemlich unpraktisch, wenn es um so wesentliche Dinge des modernen Lebens ging wie Fragebogen, Einkommensteuererklärungen und Eisenbahnfahrpläne. Er hatte schon manchen Freund dadurch verloren, dass seine Aufmerksamkeit von einem flüchtigen Gedanken oder Eindruck gefesselt wurde und er seinem Gesprächspartner einfach nicht mehr zuhörte.

Es kostete ihn einige Mühe, wenigstens den Schluss von Landolfis kleiner Ansprache mitzubekommen.

»...jedenfalls stehe ich Ihnen für den Rest des Tages zur Verfügung.«

Der Italiener beugte sich vor und öffnete Andrew die Tür. Dann quetschte er sich hinter das Steuer. Er war so kurz geraten, dass er kaum über das Armaturenbrett hinwegsehen konnte, aber wenn er den Kopf zurückbog und an seiner Nase entlangblinzelte, konnte er wenigstens ungefähr abschätzen, was sich hundert Meter vor ihm auf der Straße tat. Andrew warf einen verstohlenen Blick zurück zu den drei Mädchen, die ihn beobachteten. Eine von ihnen hob ihre weißbehandschuhte Rechte und winkte ihm freundlich zu. Landolfi ließ die Kupplung los, der Fiat machte einen Satz von gut zehn Metern.

Das Fahren selbst war für den Professor von untergeordneter Bedeutung. Die Unterhaltung nahm seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Dazu brauchte er dauernd eine Hand, meistens sogar alle beide.

»Schade, dass Sie nicht hier waren, als das Bild restauriert wurde. Diese Aufregung! Zuerst taucht der Arm auf, dann die Hand mit der Palme des Märtyrers, dann Teile von einem roten Gewand, unter dem sich das Knie abzeichnet. Einfach wunderbar! Meras Farben sind großartig erhalten. Sie werden begeistert sein!« Landolfi bildete aus Daumen und Zeigefinger einen Kreis und küsste sie.

»Und was ist mit dem Spalt in der Mitte? Dadurch wurde die Arbeit doch sicher ungewöhnlich schwierig?«

»Fiscalli hat Wunder vollbracht. Er hat erst das ganze Bild halbiert und dann die zwei Hälften zusammengefügt. Die Stelle kann man kaum noch erkennen.«

Immer wieder sah sich Andrew gezwungen, den Professor zu unterbrechen und ihn behutsam darauf hinzuweisen, dass er falsch abgebogen war. Sie fuhren nicht zu dem Hotel, in dem Andrew ein Zimmer reserviert hatte, sondern genau in die entgegengesetzte Richtung.

»Aber ist das denn nicht die Straße nach Torrealto?« widersprach Landolfi. »Kurz vor Ventimiglia biegen wir ab.«

»Was sollen wir denn in Torrealto? Ist das Bild denn nicht in der Soprintendenza?«

Landolfi schlug sich die Faust an die Stirn und rief: »Madonna mia, che stupido! Das habe ich ganz vergessen: Das Bild wurde an seinen ursprünglichen Ort in Torrealto zurückgebracht. Ich habe Ihnen doch in dem albergo ein Zimmer bestellt.«

Entsetzt dachte Andrew an die einstündige Autofahrt mit Landolfi.

»Aber Sie brauchen mich doch gar nicht bis hin zu bringen. Ich kann einen Bus nehmen. Außerdem habe ich mir in Bordighera ein Hotelzimmer reservieren lassen. Machen Sie sich doch nicht die Mühe.«

Landolfi antwortete mit einer großzügigen Geste, die Meer, Himmel und Berge einschloss.

»Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich heute frei habe. Außerdem habe ich noch eine hübsche kleine Überraschung für Sie. Erinnern Sie sich noch an die Geschichte der Maria Beneadorno?«

»Ja.«

»Wir werden ihr einen kleinen Besuch abstatten.«

Das klang sehr geheimnisvoll. Andrew hätte gern mehr darüber erfahren, aber dann verzichtete er doch lieber darauf, den Professor von dem dichten, rasch fließenden Verkehr abzulenken.

 

An der Nordwestküste Italiens steht die Vergangenheit immer dicht neben der Gegenwart. Die ewig blühende Riviera war das Ziel des Menschen von dem Augenblick an, wo er sich über die Tiere erhob. Der berühmte Blaue Zug, der die Touristen über die Grenze aus Frankreich herüberbringt, braust durch die Balzi Rossi, vorbei an einer Reihe von Höhlen, die ein unbekanntes Meer lange vor dem Auftauchen des Menschen gebildet hat. Kein Geringerer als Herkules hat den Reisenden auf seiner Rückkehr von den Gärten der Hesperiden den Weg zur Riviera gewiesen. Um eine Verbindung zwischen ihrer Hauptstadt und Arles herzustellen, verlängerten die Römer ihre Via Aurelia entlang der Ligurischen Küste. Ab und zu findet man immer noch die typischen viereckigen Pflastersteine unter dem modernen Straßenbelag, über den Autos aller Nationen zu den Vergnügungsstätten von San Remo oder Rapallo rollen. Die Hotels, Villen und Kasinos des zwanzigsten Jahrhunderts haben die einsamen Wahrzeichen aus der Vergangenheit fast verdrängt. Unbemerkt inmitten grüner Weinberge, hoch oben über der Straße, steht noch der Bogen, durch den die Kaiser Karl V. und Napoleon Bonaparte einst auf ihren Eroberungszügen marschierten.

Biegt man jedoch landeinwärts ab, dann ist schon nach wenigen Meilen der trügerische Glanz der neuen Via Aurelia vergessen. In diesen Bergen trotzten die wilden Ligurer jahrhundertelang den römischen Legionen, hier kam es tausend Jahre später zum Entscheidungskampf zwischen der Republik Genua und dem Herzogtum Savoyen. Zehn Meilen von der Küste entfernt drängen sich die Hügel dicht an die Straße heran, die sich in Serpentinen aus dem Tal emporwindet. Die Orte kleben an Steilhängen, die ihnen einst Sicherheit gewährten. Hier rackert sich der Mensch noch wie in früheren Zeiten ab, er ringt den steilen Felshängen Terrassen fruchtbaren Bodens ab, bearbeitet mit seiner Hacke das karge Land und leitet in primitiven Kanälen das kostbare Wasser zu seinen Feldern.

Seit Jahrhunderten muss hier dem Boden seine Frucht mit Mühe und Schweiß abgerungen werden. Hier entschwindet die Vergangenheit nicht in nebelhafter Ferne, sie wird nicht überstrahlt vom Glanz unseres Zeitalters. Taten aus einer fernen Vergangenheit, Menschenleben, die längst dahingesunken sind, gehören hier ebenso zur Gegenwart wie die Grabmäler, die sich im Schutz hoher Friedhofsmauern und schlanker Zypressen vor jeder Stadt aneinanderdrängen.

Torrealto hat auf Grund seiner unbezwingbaren Lage am oberen Ende eines wichtigen Tals nicht nur wie ein Magnet geschichtliche Ereignisse angezogen, sondern auch bis weit ins sechzehnte Jahrhundert hinein seine Freiheit als unabhängige Gemeinde bewahrt. Da die Altstadt auf einem schmalen Felsenband errichtet wurde, hat sie ihre Eigenart erhalten. Die Kulisse ist noch dieselbe wie zu den Zeiten der Kriege zwischen Genua und Savoyen. In Torrealto ist die Vergangenheit noch lebendiger als die Gegenwart, und die Menschen sind in ihrem tiefsten Inneren genauso wild und abergläubisch wie einst. Das ist der eigentliche Grund dafür, dass ein Ereignis aus dem sechzehnten Jahrhundert noch vierhundertdreißig Jahre später das Leben eines jungen Engländers und eines italienischen Mädchens so schicksalhaft beeinflussen konnte.

Nicht die Erneuerung eines uralten Fluchs peitschte in Torrealto die Leidenschaften an einem sonnigen Feiertag so auf, dass die Menschen zu Bluttaten bereit waren, sondern Hass. Ein Hass, der seit den Grausamkeiten von 1565 weiterschwelte wie ein Waldbrand, der sich unterirdisch durch die ausgetrockneten Wurzeln frisst und jahrhundertelang unbemerkt bleibt, bis ein zufälliger Wind ihn zu brüllenden Flammen entfacht.

Nicht die Macht des Schicksals zwang Andrew Carson dazu, die entscheidende Rolle in einer Fehde zu spielen, die aus schlummerndem Hass neu aufgelodert war. Es war alles reiner Zufall. Wenn dann die Ereignisse eine seltsame Ähnlichkeit mit Vorgängen aus ferner Vergangenheit aufwiesen, so lag es daran, dass Andrew sich einredete, das Gemälde in der Kirche von Torrealto habe eine direkte Beziehung zu seinem eigenen Geschick.

Das jedenfalls ist die logische Erklärung für all die Dinge, die sich ereigneten.

 

Am 10. Oktober 1525 ließ die Contessa Francesca Orsi, die immer noch junge und schöne Witwe des Feudalherren von Torrealto, ihren Notar kommen und diktierte in Anwesenheit ihres Beichtvaters einen Zusatz zu ihrem Testament. Neben verschiedenen anderen Legaten vermachte sie der Pfarrkirche von Torrealto die Summe von fünfundzwanzig Goldkronen für ein Gemälde, das über dem Altar angebracht werden sollte. Diese ancona sollte nach ihrem Willen von Raimondo Mera, dem berühmtesten Künstler der Schule von Nizza, ausgeführt werden und die Heilige Agatha darstellen, flankiert von anderen Gestalten, über die der Bischof zu bestimmen hatte.

Man wird niemals erfahren, ob eine Vorahnung ihres nahen Todes die Contessa heimsuchte oder ob der Gram für sie unerträglich wurde. Die Kirche neigte mehr zur ersten Erklärung, denn die Contessa war eine fromme Frau.

In der Nacht nach dem Besuch des Notars verließ sie, unbemerkt von der Dienerschaft und ihren Kindern, das Schloss und ging den steilen, unebenen Pfad zur Kapelle hinauf. Die winzige Kapelle befand sich auf dem steilen Felsen, der wie eine drohend erhobene Faust über Torrealto aufragt. Man weiß, dass die Contessa die Kapelle erreichte, denn ihr Rosenkranz wurde dort gefunden. Aber sie kehrte nicht zurück. Am Morgen entdeckte man ihre zerschmetterte Leiche am Fuße des Felsens.

Mera, auf den die Wahl der Contessa gefallen war, stand damals in Nordwestitalien und Südfrankreich in hohem Ansehen. Mit fünfunddreißig Jahren hatte er schon den Ruf eines Künstlers, der alle Wünsche seiner Auftraggeber getreulich und mit gutem Geschmack erfüllte. Seine Kundschaft bestand fast ausschließlich aus reichen und adligen Familien oder Gemeinden, die mühsam das Geld für ein Bild in ihrer Kirche zusammenkratzten. Er malte ausschließlich religiöse Themen. Meistens handelte es sich um mehrere Tafeln mit verschiedenen Heiligen und Szenen aus der Leidensgeschichte. In diesen abgelegenen Bergen setzten sich neue Ideen nur zögernd durch. Obwohl Mera die neuen Bestrebungen in Siena, Venedig und Holland sehr wohl kannte, musste er bei dem altmodischen Stil bleiben, an den seine Kunden sich gewöhnt hatten. Er gab zwar oft seiner Unzufriedenheit Ausdruck, führte aber dennoch eine Kunstform zu höchster Vollendung, die andere schon aufgegeben hatten - und es machte sich bezahlt.

Aber Mera ging es nicht nur um das Geld. Er hätte leicht das Doppelte oder Dreifache von dem verlangen können, was die Testamentsvollstrecker der Contessa Orsi ihm anzubieten hatten. Dennoch nahm er den Auftrag an, vielleicht aus Achtung vor dem letzten Wunsch einer Frau, die so jung und auf so tragische Weise ums Leben gekommen war.

Zwei Jahre nach ihrem Tod kam Mera nach Torrealto. Er war stets darauf bedacht, jedes Bild an dem Ort zu malen, für den es bestimmt war. Er legte zwar vor Unterzeichnung des Vertrags immer eine Skizze des beabsichtigten Werks vor, fand es aber praktischer, Einzelheiten mit den zuständigen kirchlichen Stellen besprechen zu können. Eine Klausel in seinem Vertrag gewährte ihm für die Zeit seines Aufenthalts in Torrealto freie Unterkunft.

Der plötzliche Tod der Contessa war der Beginn einer langen Kette von Ereignissen, und das zweite Glied dieser schicksalhaften Kette war Meras Unterbringung im Hause von Giancarlo Beneadorno. Torrealto war immer noch unabhängig und verteidigte seine Souveränität mit einer kleinen, aber sehr tüchtigen Streitmacht. Beneadorno stammte aus einer alten Familie und war Capitano bei der Leibwache des Conte Orsi gewesen. Seine Tochter Maria war damals siebzehn. Mera führte stets Skizzen der am häufigsten verlangten männlichen und weiblichen Heiligen bei sich, aber in dem Augenblick, da er zum ersten Mal das schöne, anziehende Gesicht von Maria Beneadorno sah, entschloss er sich, von seiner sonstigen Gewohnheit abzuweichen und sie als Vorbild für seine Sant’ Agata zu verwenden. Da es sich um eine sehr seriöse und ehrenvolle Aufgabe handelte, waren ihre Eltern einverstanden.

Maria war sehr lieblich und sehr jung. Der welterfahrene Mera, der Höfe und Könige und ferne Länder kannte, machte großen Eindruck auf sie. In den langen Stunden, in denen Maria ihm Modell saß, war immer eine Anstandsdame zugegen. Aber die beiden müssen doch Gelegenheit gefunden haben, sich heimlich zu treffen. Das Mädchen hatte sich in den Künstler verliebt, und als nach Vollendung des Werks schließlich die Abschiedsstunde schlug, erklärte sie ihm, das Herz werde ihr brechen. Und er versprach, zu ihr zurückzukehren.

Die Monate verstrichen, er kam nicht. Sie konnte nicht länger verheimlichen, dass sie ein Kind erwartete. In einem furchtbaren Wutanfall wies der Vater sie aus dem Haus. Noch bevor er ihr verzeihen konnte, sprang sie von demselben Felsen, von dem die Contessa gestürzt war.

 

Andrew Carson kam zum ersten Mal mit Meras Werk in Berührung, als er in der Kirche von San Secondo in Genua die Madonna der Barmherzigkeit kennenlernte. Eine schwer erklärbare Eigenart des Gemäldes veranlasste Andrew, nach weiteren Werken zu suchen. Schon bald erkannte er, dass Mera ganz zu Unrecht in Vergessenheit geraten war. Andrew beschloss, ein Buch zu schreiben, das den Künstler in den Augen der modernen Kritiker an den Platz rücken sollte, der ihm gebührte.

Andrew gehörte zu jenen wenigen Glücklichen, die über genügend eigenes Geld verfügen, um von niemandem abhängig zu sein, und gleichzeitig über genügend Interessen, um von diesem Segen wirklich Gebrauch zu machen. Er wäre selbst gern Maler geworden, aber sein Talent reichte nicht aus, um seine eigenen hohen Anforderungen zu erfüllen. Also wurde er Kunsthistoriker und schrieb Bücher. Mit dreißig Jahren war er bereits eine Autorität auf einem bestimmten Teilgebiet der italienischen Malerei.

Während der Vorarbeiten zu seinem Buch über Mera nahm er Quartier in Bordighera. Er wohnte nicht weit von Professor Landolfi entfernt, dem führenden Kopf der Gesellschaft für Ligurische Geschichte. Der Professor besorgte ihm alle Unterlagen über Meras Werk, darunter auch den erwähnten Zusatz zum Testament der Contessa Orsi, und erzählte ihm die tragische Geschichte der Maria Beneadorno.

Andrew interessierte sich sofort für das Bild von Torrealto, als er erfuhr, dass der Auftrag genau vierhundert Jahre vor seiner Geburt erteilt worden war. Dass das Bild kurz nach der berühmten Belagerung von 1565 aus Torrealto verschwunden war, steigerte seine Neugier noch. In Torrealto hielt sich eine Legende, das Bild sei entfernt worden, weil auf ihm ein Fluch laste. Aus einer Tragödie war es entstanden. Selbstmord und gewaltsamer Tod - das war das Schicksal aller, die mit dem Bild in Berührung kamen. Einige schrieben sogar den Fall Torrealtos nach, langer Belagerung diesem bösen Einfluss zu.

Noch bevor Andrew Meras Gemälde zu Gesicht bekam, fühlte er eine innere Beziehung zu dem Werk. Es übte einen solchen Reiz auf ihn aus, dass er auch nach Abschluss seiner Vorarbeiten für das Buch die Suche nach dem verschwundenen Bild in den entlegensten ligurischen Dörfern fortsetzte.

Zuletzt entdeckte er das Altarbild fast durch Zufall. Der Sakristan einer kleinen Kirche im Dorf San Martino erzählte von einem Gemälde, das ein Künstler aus dem Ort im achtzehnten Jahrhundert gemalt hatte. Es lag in einem Lagerraum neben der Kirche zwischen zerbrochenen Kirchenbänken und anderem Gerümpel. Die farbenfrohe mittlere Tafel war genau in der Mitte der Länge nach gesprungen. Sie zeigte den Heiligen Martin mit Mitra und Krummstab. Andrew wollte sich schon enttäuscht abwenden, da fiel sein Blick auf die undeutlich erkennbaren Figuren der Seitentafeln. Sein inzwischen geübtes Auge erkannte zweifelsfrei Meras Technik. Er betrachtete noch einmal den Heiligen Martin und entdeckte, dass der Heiligenschein durch die Mitra hindurchging und nicht dahinter vorbeiführte. Nun war Andrew fast sicher, dass das Bild des örtlichen Kirchenpatrons über eine ältere Figur gemalt worden war.

In höchster Erregung erwirkte Andrew vom Gemeindepfarrer die Erlaubnis, bestimmte Partien des Bildes zu reinigen. Der spätere Maler hatte schlechte Farben verwendet, und so fiel es Andrew nicht schwer, die oberste Farbschicht zu entfernen. Zuerst kam eine feingezeichnete Hand zum Vorschein, die einwandfrei einer Frau gehörte. Das hätte Andrew genügen müssen. Die Freilegung des Gesichts bedeutete ein Risiko, das er eigentlich nicht eingehen durfte. Dennoch machte er sich an die Arbeit, getrieben von einem unerklärlichen Zwang, dem er nicht widerstehen konnte.

So kam es, dass er im trübgrauen Licht einer von Spinnweben durchzogenen Rumpelkammer zum ersten Mal das Antlitz der längst verstorbenen Maria Beneadorno erblickte. Ihre Augen sahen ihn von dem Bild groß an, so wie sie einst den Maler betrachtet haben mussten. Andrew streckte tastend die Hand aus und setzte sich auf eine zerbrochene Kirchenbank, ohne den Blick von dem Gemälde zu wenden. Er kämpfte mit seiner Erregung. Die verloren geglaubte ancona war wiedergefunden, und er sah als erster ein Bild, das zwei Jahrhunderte lang verschwunden gewesen war. Doch das allein erklärte noch nicht die Gefühle, die sich in ihm regten - diese Mischung aus Besitzerstolz, Wiedererkennen und innerem Zwang.

Er saß in sich zusammengesunken auf der harten Kirchenbank, bis das Bild in der Abenddämmerung verblasste und er gehen musste. Er hatte das Antlitz Maria Beneadornos vor Augen, das sich in sein Gedächtnis tiefer eingraben sollte als das Bild irgendeines lebenden Menschen.

Er kehrte nach England zurück und begann an seinem Buch zu arbeiten. Inzwischen wurde das wiederentdeckte Gemälde in der Soprintendenza gesäubert und renoviert. Solche Arbeiten dauern lang. Als Andrew Nachricht von Landolfi bekam, war sein Manuskript bis auf das letzte Kapitel abgeschlossen. Nun war auch die Renovierung vollendet, und die Gesellschaft für Ligurische Geschichte lud ihn nach Italien ein - zur Besichtigung der ancona, die man inzwischen als Meras größtes Meisterwerk betrachtete.

 

Nirgendwo wird die Antike so mit Füßen getreten wie auf der Via Aurelia. Das mag die älteste Straße der Welt sein, aber das zwanzigste Jahrhundert hat keinen Sinn für gutmütige Altertumsforscher wie Landolfi. Er kratzte ein bisschen Lack von einem gigantischen Touristenomnibus, versetzte einen friedlichen US-Bürger in Rage und bemerkte nicht einmal, dass er sein Leben einem Holländer verdankte, der ihn gerade noch rechtzeitig kommen sah und blitzschnell das Steuer seines Cadillac herumriss. In Andrews Körper war jeder Muskel gespannt, und er bereitete sich schon auf die Ewigkeit vor. Aber dann bogen sie kurz vor Ventimiglia von der Hauptstraße ab.

Nach der überstürzten Abreise aus England und den haarsträubenden Erlebnissen im Verkehrsgewühl der Küstenstraße beruhigte die Fahrt hinauf in die Berge seine Nerven wieder.

Die Riviera ist wie ein Saum von Goldbrokat an einem Gewand aus handgewebtem Leinen. Ganz unvermittelt befindet man sich im eigentlichen Ligurien. Kaum eine Meile von der Küstenstraße entfernt hatte Andrew ein Bauernhaus vor sich, neben dem ein weißer Muli mit peitschendem Schwanz im Schatten der Pergola geduldig seine Kreise zog und aus einem Brunnen das Wasser heraufpumpte. Gewaltige Steinbrocken sicherten das Schindeldach gegen die Stürme. Auf einem Feld hackten Männer und Frauen die Erde, während am Rain ein allein gelassenes kleines Kind im Schatten eines schwarzen Regenschirms lag.

Als später die geteerte Fahrbahn in einen unbefestigten Feldweg überging, der sich immer höher in die Berge hinaufschraubte, starrte Andrew aus dem Fenster und versuchte, nicht an den Abgrund zu denken, der nur ein paar Zentimeter neben den Autoreifen gähnte. Die Ortschaften klebten an den Seitenwänden des Tals und waren steingrau. Die Bauern, die sich mit der Hacke auf den Terrassen abmühten, schienen aus der Erde geformt, die sie bestellten. Hierher verirrten sich nur noch wenige Touristen. Die Männer und Frauen, die ihren Wein oder ihr Gemüse bearbeiteten, richteten sich ächzend auf und sahen dem Wagen nach.

Je höher sie kamen, umso klarer und würziger wurde die Luft. Es roch nach Rosmarin, wildem Thymian und Eukalyptus, dazwischen mischte sich hin und wieder der köstliche Duft brennenden Pinienholzes.

Landolfi hatte ein flinkes Mundwerk. Er erzählte so bildhaft die Geschichte von Torrealto, dass Andrew kaum überrascht gewesen wäre, wenn ihnen hinter der nächsten Biegung der Große Bastard von Savoyen an der Spitze seiner Armee persönlich begegnet wäre. Andrew hatte das seltsame Gefühl, irgendwie in die Vergangenheit versetzt zu werden, und Landolfis Wagen wurde für ihn zu einer Art Zeitmaschine. Er war erregt und sogar nervös, wenn er daran dachte, dass er Meras Bild wiedersehen sollte. Es war wie ein Magnet: Je näher sie kamen, umso stärker wurde die Anziehungskraft. Andrew wünschte beinahe, er hätte sich Landolfis Angebot heftiger widersetzt. Beim Wiedersehen mit diesem Bild wollte er allein sein.

Plötzlich kam - fast wie ein Schock - Torrealto in Sicht. In den schrägen Strahlen der Abendsonne war der Anblick so überwältigend und unwirklich wie ein Bühnenbild, von Scheinwerfern angestrahlt. Im Hintergrund ragte der berüchtigte Fels auf, purpurschwarz und abweisend in den länger werdenden Schatten. Dies war die echte Torrealto, der hohe Turm, von dem der Ort seinen Namen erhielt, lange bevor das eigentliche Schloss erbaut wurde. Der von Menschenhand errichtete Turm sah daneben wie ein Spielzeug aus. Nach der Eroberung durch die Genueser war das Schloss nicht wiederaufgebaut worden. Jetzt stachen aus den leeren Fensterhöhlen goldene Lichtpfeile. Blaugrauer Rauch hing wie ein schützender Schleier über den fast schwarzen Dächern der Altstadt. Er gab einem das beruhigende Gefühl, dass selbst in dieser wildromantischen Szenerie das menschliche Leben seinen alltäglichen Verlauf nahm.

Landolfi hielt vor einer scharfen Kurve an. Als er den Motor abstellte, schwebte ihnen von irgendeinem Kirchturm das Läuten der Abendglocke entgegen. Nach dem lauten Geknatter des Motors war die Stille wie ein Segen.

Die beiden Männer saßen da, ohne sich zu regen oder ein Wort zu sprechen. Irgendwo in der Nähe plätscherte Wasser. Ein Mädchen, das auf einer Terrasse hoch oben Blumen goss, begann zu singen. Hunderte von Grillen zirpten im Gras, und der abkühlende Motor knackte.

Nach ein paar Minuten bewegte sich Landolfi und beantwortete Andrews unausgesprochene Frage.

»Ich habe Ihnen versprochen, Sie mit Maria Beneadorno bekannt zu machen.«

Andrew hatte den kleinen Friedhof auf der anderen Seite des Flusses, dem sie vom Tal aus gefolgt waren, schon erblickt. Hinter den weißen Mauern erhoben sich dunkelgrüne Zypressen und die Kuppeln von Familiengrabmälern.

»Ich glaube, ich verstehe«, murmelte er.

Sie gingen den schmalen Fußweg hinunter zu einer winzigen Brücke, die zwei Männer nebeneinander gerade noch passieren konnten. So gelangten sie von der sonnigen Talseite hinüber in den Schatten der Berge. Unten auf den rundgewaschenen Kieseln des fast trockenen Flussbetts spülte eine Frau die Seife aus ihrer Wäsche. Der Professor blieb alle paar Schritte stehen und pflückte irgendeine wilde Blume. Ohne recht zu wissen, warum, tat Andrew es ihm nach.

Das hohe, verrostete Eisentor war verschlossen. Man konnte sehen, dass dieser Friedhof schon seit Jahren nicht mehr benutzt wurde. Dennoch rüttelte Landolfi am Tor und schrie: »He, hallo!«

Von der Innenseite hörte man unsichtbare Schlüssel klappern. Dann wurde aufgeschlossen. Das Gesicht, das ihnen entgegenblickte, war so unglaublich alt, dass Andrew für eine Sekunde das Gefühl hatte, die Frau müsste einem der Gräber entstiegen sein. Die Greisin trug ein graues Leinengewand und zerschlissene Pantoffeln an den bloßen Füßen. Das schmutzige Kopftuch war so fest unter dem Kinn geknotet wie bei einer Totenmaske. Die Lippen waren in den zahnlosen Mund eingesunken, von dem strahlenförmig zahllose Falten ausgingen. Ihre Backenknochen stachen hervor, ihre Augen waren erschreckend groß und starr. Sie hätte sehr wohl die allegorische Braut auf dem Bild des Heiligen Franziskus in der Kirche von Assisi sein können - die Armut in Person.

Ihre Lippen konnten nicht mehr lächeln, aber als sie Landolfi erkannte, leuchtete es in. ihren Augen auf, und das Tor öffnete sich etwas weiter. Andrew folgte Landolfi hinein auf den Friedhof. Im Vorbeigehen hörte er ein Krächzen, das ungefähr klang wie: Buon giorno, Signore.

Der Friedhof war bis auf den letzten Platz ausgenutzt. Das war nicht weiter überraschend, denn er beherbergte auf engstem Raum eine weitaus größere Einwohnerzahl als die noch lebende Stadt. Die beiden Männer schritten den schmalen Weg zwischen Gräbern und Grüften entlang. Unter den dichten Zypressen war es fast kühl und absolut still - bis auf das Knirschen ihrer Schritte. Die Gräber waren so gut wie vergessen. Nur hin und wieder konnte man erkennen, dass die alte Frau ihren Kampf gegen das wuchernde Grün noch nicht aufgegeben hatte.

Landolfi führte Andrew hinüber zur anderen Seite des Friedhofs und blieb vor einer tiefen Nische in der Wand stehen. Sie war ungefähr einsachtzig lang und neunzig Zentimeter breit. Die Seitenwände der Nische bestanden aus einem anderen Stein und schienen später gebaut zu sein als die eigentliche Mauer. Hier herrschte inmitten von Statuen und Rokoko-Zierat größte Schlichtheit. Das Gras auf dem kleinen Rechteck war frisch geschnitten. Mitten auf dem Grab blühte ein einzelner Rosenbusch. Er war sicher erst vor zwei oder drei Jahren gepflanzt worden.

Ein schlichter Stein am Kopfende des Grabes trug die Inschrift:

 

Maria Beneadorno

MDXXVII

Implora Pace

 

Landolfi kannte Andrew recht gut und ließ ihm ein paar Minuten Zeit, mit den Gefühlen fertig zu werden, die dieses kurze, aber vollständige Resümee eines Menschenlebens wachriefen.

Dann sagte Andrew: »Ich wusste nicht, dass es hier war.«

»Außer ihrer Familie wissen das nur wenige Leute. Ich hab’s zufällig vom Priester erfahren.«

»Dann hat man ihr also recht gegeben?«

»Sie hat einen Abschiedsbrief an ihre Eltern hinterlassen und wurde daher von der Kirche verdammt. Da sie als Selbstmörderin nicht auf geweihtem Boden beigesetzt werden durfte, legten sie ihr Grab außerhalb der Mauer an, aber so nahe wie möglich bei der Familiengruft. Der neue Graf Orsi ließ die alte Friedhofsmauer so verändern, dass sie jetzt auch das Grab einschließt, aber weiter ging die Kirche nicht. Dieses Stück Boden ist immer noch ungeweiht.«

Landolfi bückte sich und legte seinen kleinen Blütenstrauß auf das Grab. Solche kleinen Gesten fallen dem Italiener leichter. Andrew war etwas verlegen, als er es ihm nachmachte.

Ein regelmäßiges Geräusch hinter ihrem Rücken verkündete, dass die alte Frau wieder Gras mähte.

Andrew sagte: »Ich bin ganz sicher, dass er zurückgekommen wäre, wenn sie nur gewartet hätte.«

Der Italiener blinzelte ihn belustigt an. »Sie meinen Mera? Sie setzen sich sehr für Ihren Freund ein, nicht wahr?«

Es stimmte: Andrew fühlte sich für Meras Taten verantwortlich. Während er Material sammelte und das Buch schrieb, war es mit ihm so weit gekommen, dass er sich beinahe mit dem Maler identifizierte. Das wäre vielleicht nicht der Fall gewesen, wenn er mehr über Meras Lebert erfahren hätte, aber es gab nur wenige schriftliche Dokumente, und so war die Persönlichkeit des Künstlers im Schatten geblieben. Andrew konnte sie nach seiner eigenen Phantasie und dem Werk Meras formen. Aus allem, was Mera geschaffen hatte, sprach echte Aufrichtigkeit, und Andrew war überzeugt, dass seine Vorstellung von ihm der Wahrheit näher kam als irgendein Selbstporträt oder eine zeitgenössische Beschreibung.

»Er hasste alles Leid«, sagte er. »Das merkt man aus seinen Werken. Er stellt nur selten Szenen des Entsetzens dar. Seine Heiligen werden beim Meditieren oder Beten gezeigt und kaum jemals im Augenblick ihres Märtyrertodes.«

»Stimmt - es gibt keine Kreuzigung von Mera.«