Das Feuerzeichen - Rebellion - Francesca Haig - E-Book

Das Feuerzeichen - Rebellion E-Book

Francesca Haig

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Beschreibung

Gerechtigkeit hat ihren Preis – bist du bereit, ihn zu bezahlen?

In der düsteren Welt der Zukunft herrscht eine Zweiklassengesellschaft: Die perfekten Alphas regieren und genießen alle Privililegien, die Omegas – ihre vermeintlich weniger perfekten Zwillinge – werden tagtäglich unterdrückt und gedemütigt. Nachdem die Insel der Omegas zerstört wurde, ist Cass, zusammen mit ihren Freunden Piper und Zoe, auf der Flucht. Irgendwo jenseits des Ozeans, so hoffen sie, gibt es ein Land, in dem das Omega-Brandzeichen auf ihrer Stirn keine Rolle mehr spielt. Doch dazu müssen sie erst einmal an die Küste gelangen, und Cass' ruchloser Zwillingsbruder Zach ist ihnen dicht auf den Fersen ...



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Das Buch

In der düsteren Welt der Zukunft herrscht eine Zweiklassengesellschaft: Die perfekten Alphas sind privilegiert, die Omegas – ihre vermeintlich weniger perfekten Zwillinge – werden tagtäglich unterdrückt und gedemütigt. Und doch können Alphas und Omegas nicht ohne einander überleben: Wenn ein Mensch stirbt, verliert im gleichen Augenblick auch sein Zwilling sein Leben.

Es ist die Welt der jungen Omega Cass, die zusammen mit ihren Freunden Piper und Zoe auf der Flucht vor Cass’ Zwillingsbruder, dem brutalen Alpha-Anführer Zach, ist. Eines Tages stoßen Cass und ihre Freunde auf einen alten Bunker, der noch aus Zeiten stammt, in denen es noch keine Alphas und Omegas gab – in denen noch alle Menschen gleich waren. Die Omegas beschließen zu kämpfen – für eine Welt, in der das Omega-Brandzeichen auf ihrer Stirn keine Rolle mehr spielt. Doch Zach und die Alphas verfolgen einen furchtbaren Plan, der Cass’ Traum von Freiheit und Gerechtigkeit für immer zerstören könnte.

Die Autorin

Francesca Haig wuchs in Tasmanien auf und promovierte in Literaturwissenschaften an der Universität Melbourne. Wenn sie nicht gerade an ihren eigenen Texten arbeitet, unterrichtet sie Kreatives Schreiben an der Universität von Chester. Für ihre Gedichtsammlungen wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet, bevor sie sich mit ihrer Feuerzeichen-Trilogie an ihr erstes großes Jugendbuch-Projekt wagte. Francesca Haig lebt mit ihrer Familie in London.

Bei Heyne fliegt sind bereits erschienen:

Band 1: Das Feuerzeichen

Band 2: Das Feuerzeichen – Rebellion

FRANCESCA HAIG

DASFEUERZEICHEN

REBELLION

ROMAN

Aus dem Englischen übersetzt

von Viola Siegemund

Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel The Map of Bones bei Harper Voyager, an imprint of HarperCollins Publishers, London

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Copyright © 2016 by De Tores Ltd

Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Melike Karamustafa

Umschlaggestaltung: Das Illustrat GbR, München

Jacket Design by HarperCollins Publishers, UK

Jacket Photograph by Shutterstock (HEFR, BLUEKAT)

Copyright © 2015 Simon & Schuster

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN 978-3-641-16513-0V001

www.heyne-fliegt.de

Prolog

IN MEINEN TRÄUMEN war es wie bei unserer ersten Begegnung – er schwebte. Durch das dicke Glas und den zähflüssigen Sud, in dem er trieb, nahm ich seine Umrisse nur schemenhaft wahr. Bilder flackerten auf. Sein Kopf, der nach vorne gesackt war, die sanfte Rundung seiner Wange. Obwohl ich das Gesicht im Tank nicht erkennen konnte, wusste ich, dass es zu Kip gehörte, genau wie der Arm, mit dem er mich einst so zärtlich umschlungen hatte, und seine leisen Atemzüge in der Dunkelheit. Mit gekrümmtem Rücken und angewinkelten Knien hing er jetzt da wie ein Fragezeichen, auf das mir keine Antwort einfiel.

Alles wäre mir lieber gewesen als diese Träume, sogar die Erinnerung an seinen Sprung. Tagsüber holte sie mich oft genug ein. Sein leichtes Schulterzucken, bevor er den Satz über die Brüstung machte. Der lange Sturz in die Tiefe, bevor er von seinen eigenen Knochen auf dem Betonboden des Silos zermahlen wurde wie in einem Mörser.

Wenn Kip mir nachts in seinem Tank erschien, änderte der Schrecken sein Gesicht. Dann graute mir nicht mehr vor der Blutlache auf dem Siloboden, sondern vor etwas viel Schlimmerem. Vor den Schläuchen und Kabeln, deren virtuoser Folter er hilflos ausgeliefert war. Zwar hatte ich ihn schon vor Monaten aus dem gläsernen Gefängnis befreit, doch seit er vor meinen Augen gestorben war, saß er in meinen Träumen fast jede Nacht wieder darin.

Der Traum wechselte das Bild. Anstelle von Kip sah ich jetzt einen schlafenden Zach vor mir, der die Hand ausgestreckt hielt. Um seine Fingernägel war die Haut abgekaut, an seinem kantigen Kinn sprießten Bartstoppeln.

Als Babys hatten wir uns eine Wiege geteilt und jede Nacht eng aneinandergekuschelt geschlafen. Und auch als wir älter waren und mein Bruder mich längst fürchtete und verachtete, weigerten sich unsere Körper, die alte Nähe zu vergessen. Immer wenn ich mich in meinem Bett zu ihm umdrehte, wälzte er sich auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers in meine Richtung.

Das schlafende Gesicht in meinem Traum ließ nichts von seinen Gräueltaten erahnen. Ich war von uns beiden die Gezeichnete. Trotzdem hätte man ihm etwas ansehen müssen. Wie kam es, dass Zach, der die Tanks gebaut und das Massaker auf der Insel veranlasst hatte, jetzt so friedlich und selbstvergessen mit offenem Mund dalag? Sonst konnte er doch auch nie stillhalten. Ich erinnerte mich noch gut an seine fahrigen Hände, die Finger, die nie zur Ruhe kamen. Doch im Schlaf zeigte er keinerlei Regung. Nur seine Lider zuckten im Rhythmus der Träume. Weiter unten wachte pochend eine Ader über seinen Puls, und damit auch über meinen, schließlich gehörten die beiden zusammen. Wenn sein Herz aufhörte zu schlagen, würde auch ich mein Leben aushauchen. Zach hatte mich ein ums andere Mal verkauft und verraten, doch unser gemeinsamer Tod war ein Schwur, den selbst er nicht brechen konnte.

Er schlug die Augen auf. »Was willst du?«, fragte er.

Bis auf die Insel und zurück ins Ödland war ich vor ihm geflohen, doch jetzt lag mein Zwilling im Traum plötzlich vor mir und starrte mich unverwandt an. Es war, als hätte man unsere Körper mit einem Strick zusammengebunden, der sich umso straffer spannte, je verzweifelter wir versuchten, einander zu entkommen

»Was willst du?«, fragte er noch einmal.

»Ich will dich aufhalten«, erwiderte ich. Früher hätte ich gesagt, ich wolle ihn retten. Vielleicht meinte ich damit aber auch dasselbe.

»Du kannst mich nicht aufhalten«, sagte er. Aus seiner Stimme klang keine Genugtuung, nur unerschütterliche Gewissheit.

»Was habe ich dir getan?«, fragte ich. »Was hast du mit uns gemacht?«

Doch statt Zach antworteten die Flammen, und mit einem grellen Blitzschlag zerbarst der Traum. Die Explosion raffte meine Welt an sich und ließ nichts als Feuer zurück.

1

ALS MICH DIE Flammen aus dem Schlaf rissen, entfuhr mir ein lauter Schrei, und ich tastete blindlings um mich, doch neben mir lag nur eine ascheverdreckte Decke. Mein vergesslicher Körper hatte sich noch nicht an Kips Abwesenheit gewöhnt und suchte nach dem Aufwachen noch immer instinktiv seine Wärme.

Während mein Aufschrei in der Dämmerung verhallte, drehte ich mich wieder auf den Rücken. In letzter Zeit hatte ich immer häufiger Visionen von der Explosion, manchmal im Schlaf, manchmal auch, wenn ich wach war. Mit jedem Tag wurde mir klarer, weshalb so viele Seher den Verstand verloren. Man kam sich vor wie auf einem zugefrorenen See – bei jeder Vision zog sich ein neuer Riss durch das ohnehin brüchige Eis, und an manchen Tagen war ich mir sicher, im nächsten Moment endgültig im Wahnsinn zu versinken.

»Du bist ganz verschwitzt«, stellte Piper fest.

Mein Atem ging schnell und rasselnd und wollte sich einfach nicht beruhigen.

»Dabei ist es ziemlich kalt. Hast du vielleicht Fieber?«

»Lass sie doch erst mal in Ruhe«, ertönte von jenseits des Lagerfeuers Zoes Stimme. »Es geht bestimmt gleich wieder.«

»Sie hat Fieber.« Piper hatte eine Hand auf meine Stirn gelegt. So lief es neuerdings immer, wenn ich eine Vision hatte – blitzschnell war er zur Stelle und bestürmte mich mit Fragen, bevor meine inneren Bilder zu verblassen drohten.

»Ich bin nicht krank.« Mit diesen Worten setzte ich mich auf, schob energisch seine Hand weg und wischte mir übers Gesicht. »Es war bloß die Explosion.«

Obwohl sie mich bereits ein Leben lang verfolgten, trafen mich die Bilder jedes Mal wieder mit voller Wucht und wie aus heiterem Himmel. Alle meine Sinne flossen dann ineinander. Der Lärm war tiefschwarz, die Flammen von einem gellenden Weiß, und das Brennen der Hitze überbot selbst die unerträglichsten Schmerzen, bis der Horizont dem gigantischen Feuer erlag und in einem grenzenlosen Augenblick die Welt ein Raub der Flammen wurde.

Zoe stand auf und reichte mir über die kläglichen Reste des Feuers hinweg eine Wasserflasche.

»Das passiert in letzter Zeit öfter, oder?«, fragte Piper.

Dankbar nahm ich die Flasche entgegen. »Zählst du etwa mit?«, fragte ich.

Er blieb mir eine Antwort schuldig, ließ mich aber nicht aus den Augen, während ich trank.

Bis heute hatte ich wochenlang nicht mehr geschrien. Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen. Ich hatte so wenig wie möglich geschlafen und bei jeder Vision versucht, als Erstes meinen fliegenden Atem unter Kontrolle zu bringen und die Zähne so fest zusammenzubeißen, dass ich das Gefühl hatte, sie würden einander zu Staub zermahlen. Doch Piper konnte man nichts vormachen.

»Stehe ich hier unter Beobachtung oder was?«

»Ja«, bekannte er freimütig. »Wir haben beide keine Wahl. Du musst die Visionen ertragen, und ich muss mir überlegen, was sich damit anfangen lässt.«

Irgendwann hielt ich seinem Blick nicht mehr stand und rollte mich auf die Seite.

Seit Wochen lebten wir in einer Welt aus Asche. Auch jenseits des Ödlands trieb der Wind aus dem Osten noch immer den schwarzen Staub vor sich her, der den Himmel verdüsterte und sich sogar in den kunstvoll gewundenen Ohrmuscheln meiner beiden Gefährten absetzte. Hätte ich es gewagt, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, mir wären schwarze Bäche die Wangen hinabgeströmt. Doch für Tränen war keine Zeit. Und um wen hätte ich auch weinen sollen? Um Kip? Um die Toten auf der Insel? Um die Omegas, die in New Hobart in der Falle saßen? Oder um all jene, die noch immer jenseits von Raum und Zeit in den Tanks vor sich hin dämmerten? Es waren zu viele, und meine Tränen nützten ihnen nichts. Gleichzeitig wurde mir schmerzlich bewusst, was für Widerhaken die Vergangenheit hat. Wie an den Dornbüschen, die im Ödland den schwarzen Fluss säumten, blieb ich immer wieder unweigerlich an meinen Erinnerungen hängen. Auch wenn ich versuchte, an etwas Schönes zu denken – an das Fenstersims auf der Insel, wo ich mit Kip so gerne gesessen hatte, oder an die vergnügten Küchenvormittage mit Elsa und Nina in New Hobart –, kehrten meine Gedanken früher oder später zum Silo zurück. Zu jenen letzten paar Minuten. Zur Beichtmutter und ihren Enthüllungen über Kip. Zu Kips Sprung und seinem leblosen Körper tief unter mir auf dem Betonboden.

Beim Gedanken an Kips Gedächtnisverlust aufgrund seiner Gefangenschaft im Tank packte mich inzwischen der Neid. Also versuchte ich mir beizubringen, nicht mehr an die Vergangenheit zu denken. Stattdessen klammerte ich mich verzweifelt an die Gegenwart, an die robuste Wärme des Pferdes zwischen meinen Schenkeln, an die Reiseplanung mit Piper über einer in den Staub geritzten Landkarte und an die nicht entzifferbaren Botschaften der Eidechsen, die bäuchlings über die zerstörte, aschebedeckte Erde krochen.

Mit dreizehn hatte ich mich nach meiner Brandmarkung vor den Spiegel gestellt und mit einem Blick auf die langsam verheilende Wunde gesagt: Das bin ich. Dasselbe machte ich jetzt mit meinem neuen Leben. Ich lernte, es mir Schritt für Schritt zu erobern, genau wie damals, als ich mir allmählich meinen gezeichneten Körper wieder zu eigen gemacht hatte. Das ist mein Leben, sagte ich mir jeden Morgen, wenn Zoe mich aus dem Schlaf rüttelte, weil meine Wache begann oder Piper das Feuer austrat und zum Aufbruch drängte. Das ist jetzt mein Leben.

Da es nach unserem Überfall auf das Silo in Wyndham und Umgebung vor Ratssoldaten nur so wimmelte, mussten wir vor der Rückkehr in den Westen einen Umweg durch das Ödland in Kauf nehmen, das sich wie ein gigantisches Geschwür in südlicher Richtung über die Erde ausbreitete. Irgendwann blieb uns nicht anderes übrig, als die Pferde laufen zu lassen. Im Gegensatz zu uns konnten sie sich auf Dauer nicht von Echsenfleisch und Maden ernähren, und im Ödland wuchs nun mal kein Gras. Zoe schlug vor, sie zu schlachten, aber zu meiner Erleichterung wies Piper sie darauf hin, dass an ihnen nicht mehr dran sei als an uns. Er hatte recht. Inzwischen waren die müden Klepper so ausgemergelt, dass ihre spitzen, scharfen Knochen am Rücken hervorstachen. Als Zoe sie schließlich losband, galoppierten sie fluchtartig auf ihren streichholzdünnen Beinen in Richtung Westen davon. Ob sie vor uns Reißaus nahmen oder vor dem Ödland, vermochte niemand zu sagen.

Ich hatte immer geglaubt, über das Ausmaß der Zerstörung, die die Explosion angerichtet hatte, hinreichend Bescheid zu wissen. Aber in jenen Wochen taten sich ganz neue Abgründe vor mir auf. Zurückgeklappt wie ein Augenlid, lag die Erde da, darunter wartete nichts außer Steinen und Staub. Angeblich war nach der Explosion ein Großteil der Welt unbewohnbar gewesen. Die Barden sangen vom Langen Winter, als ein Aschevorhang vom Himmel gefallen war, woraufhin die Felder jahrelang brach lagen. Jetzt, Hunderte Jahre später, hat sich das Ödland gen Osten zurückgezogen, doch seit wir dort unterwegs waren, verstand ich auf einmal die Angst und die Wut hinter den Säuberungen, bei denen die Überlebenden landauf, landab alle Maschinen vernichtet hatten, die nach der Katastrophe noch übrig gewesen waren. Das Tabu um ihre Relikte war nicht nur im Gesetz verankert, es kam auch ein Instinkt darin zum Ausdruck. Sämtliche Gerüchte oder Geschichten über die außergewöhnlichen Fähigkeiten der Maschinen im Vorher wurden überschattet von den sichtbaren Zeichen ihrer vermeintlichen Allmacht: Feuer und Asche. Auf Tabubruch standen drakonische Strafen, doch sie mussten niemals vollstreckt werden. Unsere Abscheu allein sorgte dafür, dass wir automatisch vor den rostigen Metallteilen zurückschreckten, die gelegentlich unter dem Staub zum Vorschein kamen.

Aus demselben Grund graute den Leuten auch vor uns Omegas, denn die Explosion hatte unsere Körper gezeichnet. In den Augen der Alphas waren wir das fleischgewordene Ödland – unfruchtbar und entstellt. Der verseuchte Zwilling konnte seinen Makel ebenso wenig verbergen wie die verbrannte Erde im Osten. Und um den Rest der Bevölkerung nicht immerfort an die Explosion zu erinnern, hatte der Rat uns Omegas aus ihren Siedlungen und von ihren Feldern verbannt und in den kargen, dürren Ecken des Landes unserem Schicksal überlassen.

Als Piper, Zoe und ich dem Ödland endlich den Rücken kehrten, sahen wir aus wie rußgeschwärzte Gespenster. Bei unserer ersten Wäsche floss schwarzes Wasser den Fluss hinab, und auch danach schimmerte es zwischen meinen Fingern noch eine ganze Weile hellgrau. Auf Pipers und Zoes dunkler Haut lag fortan ein gräulicher Schleier, der vom ständigen Hunger und der Erschöpfung herrührte und sich nicht einfach so abwaschen ließ. Das Ödland wurde man nie ganz los. Auch weiter im Westen fanden wir abends beim Auspacken immer noch Asche auf unseren Decken, und jeden Morgen mussten wir erst einmal kräftig husten.

Während am Horizont die Sonne die Nacht abschüttelte, saßen Piper und ich vor dem Eingang zur Höhle. Ein paar Wochen zuvor hatten wir auf dem Weg zum Silo schon einmal in diesem Versteck übernachtet und auf demselben flachen Stein Rast gemacht. Neben meinem Knie war noch immer die Stelle zu erkennen, wo Piper damals sein Messer gewetzt hatte.

Die notdürftig zusammengeflickte Schnittwunde an seinem Arm war inzwischen zu einem runzeligen rosafarbenen Streifen verwachsen, und auch die Stelle an meinem Hals, wo mich das Messer der Beichtmutter gestreift hatte, war endlich verheilt. Im Ödland war ständig Asche in die offene Wunde geweht.

Auffordernd hielt Piper mir mit dem Messer ein Stück Kaninchenfleisch entgegen, das am Vorabend übrig geblieben und jetzt mit einer dicken grauen Fettschicht überzogen war.

Ich schüttelte den Kopf und sah weg.

»Du musst etwas essen«, sagte er. »Bis zur Verlorenen Küste sind es noch drei Wochen. Und wenn wir an der Westküste nach den Schiffen suchen wollen, dauert es sogar noch länger.«

Inzwischen kreisten unsere Gespräche fast nur noch um die Schiffe, deren Namen in unseren Ohren mitunter klangen wie Zauberformeln: Rosalind. Evelyn. Selbst wenn das offene Meer den hölzernen Ungetümen nichts anhaben konnte, kam es mir manchmal vor, als müssten sie früher oder später an der Last unserer Erwartungen zugrunde gehen. Auf ihnen ruhten jetzt alle Hoffnungen. Wir hatten die Beichtmutter aus dem Weg geräumt und die Maschine zerstört, mit der sie die Omega-Bevölkerung überwacht hatte, aber das reichte bei Weitem nicht aus, vor allem nicht nach dem Massaker auf der Insel. Auch wenn wir dem Rat in die Quere gekommen waren und ihn um zwei seiner wertvollsten Waffen gebracht hatten, die Tanks waren geduldig. Schließlich hatte ich sie mit eigenen Augen gesehen, zunächst im Traum und dann in ihrer ganzen grausamen Leibhaftigkeit. Reihen um Reihen gläserner Schaukästen, jeder für sich eine eigene kleine sterile Hölle. Wenn es nach dem Rat ginge, trieben bald alle Omegas reglos in so einem gläsernen Gefängnis. Und wenn wir keinen Widerstand leisteten, wenn wir nicht alle an einem Strang zogen und uns stattdessen in kleinlichen Scharmützeln ergingen, dann hatten wir verloren. Eine Weile ließ sich die Katastrophe vielleicht noch hinauszögern, aber langsam lief uns die Zeit davon. Einst war die Insel unsere Bestimmung gewesen, doch dieser Traum hatte sich in Blut und Rauch aufgelöst. Deshalb hielten wir jetzt nach der Flotte Ausschau, die Piper ausgesandt hatte, um nach dem Anderswo zu suchen. Hin und wieder mutete der Plan eher an wie verzweifeltes Wunschdenken. Beim nächsten Vollmond waren die Schiffe bereits vier Monate unterwegs.

»Sie sind schon verdammt lange unterwegs, wenn du mich fragst«, sagte Piper neben mir.

Da mir keine tröstenden Worte einfielen, blieb ich stumm. Es ging nicht nur darum, ob ein Anderswo tatsächlich existierte, die eigentliche Frage lautete, was wir dort vorfinden würden. Ob die Menschen, die an diesem Ort lebten, mehr wussten oder konnten als wir. Das Anderswo durfte sich nicht als eine zweite Insel entpuppen, als neuer zeitweiliger Zufluchtsort vor dem Rat, wo uns eine Atempause gegönnt wurde, aber kein Ausweg in Sicht war. Wir brauchten mehr als das, wir mussten eine echte Alternative finden.

Und selbst wenn die Schiffe das Anderswo fanden, mussten sie danach die gefährliche Heimreise übers offene Meer antreten. Wenn sie die Fahrt überstanden und beim Versuch, auf die besetzte Insel zurückzukehren, nicht gefasst wurden, würden sie irgendwann am Cape Bleak an der Nordwestküste landen.Wenn, wenn – inzwischen glich unsere Zukunft dem reinsten Glücksspiel, und mit jedem neuen Tag schwand die Hoffnung weiter, während Zachs Armada von Tanks immer größer wurde.

Piper hütete sich, weiter in mich zu dringen. Den Blick geradeaus auf die aufgehende Sonne gerichtet, fuhr er fort: »Von früheren Erkundungstrupps haben es die meisten erst Monate später zurück auf die Insel geschafft. Und außer ramponierten Schiffen und einer skorbutkranken Besatzung gab es damals nichts zu vermelden. Zwei Schiffe kamen gar nicht wieder.« Er hielt kurz inne, doch seine Gesichtszüge zeigten keinerlei Regung. »Das Problem ist nicht nur die weite Strecke oder der Seegang. Ein paar von den Seeleuten haben uns Geschichten erzählt, die man sich kaum ausdenken kann. Vor ein paar Jahren ist Hobb, einer unserer besten Kapitäne, mit einer Dreierflotte gen Norden gesegelt. Als er nach über zwei Monaten zurückkam, stand der Winter vor der Tür, und sie hatten eins von den Schiffen verloren. Die Stürme an der Westküste zu dieser Jahreszeit sind gefürchtet. Früher haben wir im Winter sogar bis auf Weiteres den Schiffsverkehr auf die Insel eingestellt. Aber laut Hobb war das Meer weiter oben im Norden ganz und gar zugefroren gewesen, und das Eis hatte eins von den Schiffen verschluckt, einfach so.«

Er öffnete die Hand und ballte sie dann ruckartig zur Faust. »Für die Besatzung kam natürlich jede Rettung zu spät.« Er hielt erneut inne. Das Gras zu unseren Füßen klirrte vor Raureif. Der Winter lag in der Luft.

Piper sah mich an. »Glaubst du«, fragte er, »dass sich die Rosalind und die Evelyn nach all der Zeit wirklich noch irgendwo da draußen rumtreiben?«

»Glauben fällt mir schwer«, antwortete ich. »Aber ich hoffe es.«

»Und das reicht dir?«

Ich zuckte mit den Schultern. Was hatte »reichen« schon zu bedeuten? Reichen wofür? Um weiterzumachen vermutlich. Ich hatte gelernt, mich damit zu begnügen. Es reichte mir, jeden Tag nach der Rast meine Decke zurück in den Rucksack zu stopfen und Piper und Zoe auf einen weiteren nächtlichen Marsch in Richtung Küste zu folgen.

Erneut hielt Piper mir das Stück Fleisch hin.

Ich drehte den Kopf zur Seite.

»Hör auf damit«, sagte er.

Sein Tonfall hatte sich nicht verändert. Er klang noch immer, als läge ihm die Welt zu Füßen. Wenn ich die Augen schloss, sah ich ihn wieder vor mir, wie er in seiner Uniform im Versammlungssaal auf der Insel stand und Befehle erteilte. Manchmal bewunderte ich sein unerschütterliches Selbstbewusstsein, denn in einer Welt, die uns tagein, tagaus erbarmungslos spüren ließ, dass wir wertlos waren, kostete so viel Stolz großen Mut. Und manchmal war er mir auch ein Rätsel. Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich ihn verstohlen musterte. Die Flucht hatte ihm zugesetzt, die Haut über seinen Wangenknochen spannte verdächtig, doch noch immer schob er bei jeder Gelegenheit angriffslustig das Kinn vor und scheute sich nicht, mit seinen breiten Schultern den Platz einzunehmen, der ihm zustand. Es war, als spräche sein Körper eine Sprache, die meiner niemals beherrschen würde.

»Womit?« Ich blickte auf meine Schuhe.

»Du weißt genau, was ich meine. Du isst nichts, du schläfst kaum, und jedes Wort muss man dir aus der Nase ziehen.«

»Ich falle euch doch nicht zur Last, oder?«

»Davon kann keine Rede sein. Aber du bist einfach nicht mehr du selbst.«

»Und woher willst du wissen, wie ich wirklich bin? Du kennst mich doch kaum!« Schrill drang meine Stimme durch die morgendliche Stille.

Es war unfair, Piper so anzufahren. Er hatte mich längst durchschaut. Obwohl die Ebene jenseits des Ödlands wieder ausreichend Essbares hergab, nahm ich immer weniger zu mir. Gerade genug, um nicht krank zu werden und beim Wandern mit den anderen mithalten zu können. Wenn ich bei winterlichem Wetter keinen Wachdienst hatte, zog ich mir die Decke vom Körper und umarmte die eisige Luft. Gegenüber Piper oder Zoe erwähnte ich davon nichts, denn dann wäre das Gespräch unweigerlich auf Kip gekommen, und sein Name, diese eine Silbe, steckte mir wie eine Gräte im Hals fest. Auch über seine Vergangenheit verlor ich kein Wort, es wollte mir einfach nicht über die Lippen kommen. Seit die Beichtmutter mir im Silo verraten hatte, was für ein Mensch Kip früher gewesen war, trug ich ihre Geschichte stumm mit mir herum. Geheimnisse waren bei mir gut aufgehoben. Mein halbes Leben hatte ich meiner Familie die Visionen verheimlicht, bis Zach mich mit dreizehn enttarnt hatte. Und während meiner Gefangenschaft in der Ratsfestung hatte die Beichtmutter vier Jahre lang vergeblich versucht, mir einen Hinweis über die Insel zu entlocken, die ich vor meinem inneren Auge sah. Auf der Insel schließlich hatte ich Piper und der Versammlung wochenlang verschwiegen, um wen es sich bei meinem Zwilling handelte. Und jetzt unterschlug ich, was ich über Kip wusste. Wie grausam er die Beichtmutter als Kind gequält hatte und wie unbändig seine Freude gewesen war, als sie endlich gebrandmarkt und fortgeschickt worden war. Dass er als Erwachsener versucht hatte, sie aufzuspüren, um sie zu seinem eigenen Schutz in die Verwahrungsräume sperren zu lassen.

Wieso war mir Kip auf einmal so fremd, wenn ich doch jeden seiner Rückenwirbel in- und auswendig kannte und noch ganz genau wusste, in welchem Winkel sich sein Hüftknochen zärtlich an meinen schmiegte? Am Ende war er aus freien Stücken für mich gestorben. Und allmählich hatte ich den Eindruck, als wäre unser Tod das Einzige, was wir einander jemals schenken konnten.

2

AUF HALBEM WEG zur Verlorenen Küste kannte Zoe am Rande der Ebene ein Geheimversteck. In dem Cottage rührte sich nichts, nur die offene Eingangstür schepperte im Wind.

»Sind die Bewohner geflohen, oder hat sie jemand verschleppt?«, fragte ich, während wir das Innere des Hauses inspizierten.

»Es musste auf jeden Fall schnell gehen«, sagte Zoe.

Auf dem Küchenboden lag ein zersprungener Krug, und auf dem Tisch standen zwei benutzte Schüsseln mit einer samtigen grünen Schimmelschicht.

Piper hatte sich zum Türschloss hinuntergebeugt. »Die hat jemand von außen eingetreten.« Er richtete sich wieder auf. »Wir müssen sofort hier weg.«

Obwohl ich mich schon auf ein Dach über dem Kopf gefreut hatte, war ich froh, den leeren Räumen, wo der Staub jegliche Geräusche dämpfte, zu entkommen. Wir tauchten im hohen Gras, das direkt hinter dem Cottage wuchs, unter und schlugen erst spätabends nach einem vollen Tagesmarsch unser Lager auf.

Während Zoe ein Kaninchen häutete, kümmerten Piper und ich uns ums Feuer.

»Es ist schlimmer als gedacht«, sagte er und lehnte sich vor, um die Flamme anzufachen. »Wahrscheinlich ist längst das halbe Netzwerk unterwandert.«

Das Cottage war nicht der erste unbrauchbar gewordene Unterschlupf, den wir auf unserem Weg entdeckt hatten. Kurz vor den Silos waren wir auf ein Versteck gestoßen, von dem nichts als schwelende schwarze Balken übrig waren. Der Rat war offenbar dabei, den Gefangenen auf der Insel systematisch sämtliche Geheimnisse der Widerstandsbewegung abzunötigen.

Während Zoe und Piper Zwischenbilanz zogen, saß ich wie so oft schweigend daneben. Es war nicht so, dass sie mich aus ihren Beratungen ausschlossen, aber ihre Gespräche drehten sich meistens um Leute und Orte, von denen ich noch nie gehört hatte, und steckten voller Anspielungen, die ich nicht verstand.

»Es bringt nichts, bei Evan vorbeizuschauen«, sagte Piper. »Wenn Hannah entführt wurde, hat man ihn bestimmt auch schon verhaftet.«

Zoe hatte den Blick weiter konzentriert auf das Kaninchen gerichtet. Sie drehte es auf den Rücken, griff mit einer Hand nach den Hinterläufen, und als sie mit dem Messer längs an dem weißen Fell entlangfuhr, klappte der Bauch des Tieres auf wie zwei gefaltete Hände. »Aber wäre Jess nicht eigentlich vor ihm dran?«, gab sie zu bedenken.

»Nein, Jess hat nichts zu befürchten. Sie hatte nie direkt mit Hannah zu tun. Evan war Hannahs Kontaktperson. Wenn der Rat sie in seiner Gewalt hat, ist er erledigt.«

Das Netzwerk der Widerstandskämpfer auf dem Festland entpuppte sich als erstaunlich weitverzweigt. Doch in wie vielen Geheimverstecken führten kaputte Türen mit aufgebrochenen Schlössern inzwischen in menschenleere Zimmer? Das Netzwerk war wie ein Wollpullover mit mehreren losen Fäden, die jeder für sich drohten, das gesamte Strickwerk aufzutrennen.

»Kommt darauf an, wie lange Hannah durchgehalten hat«, sagte Zoe. »Vielleicht konnte sie ein bisschen Zeit schinden, und er hat es doch noch geschafft abzuhauen. Julia hat damals erst nach drei Tagen aufgegeben.«

»Aber Hannah ist nicht so stark wie Julia. An deiner Stelle würde ich mit dem Schlimmsten rechnen.«

»Sally hatte jedenfalls keinen Kontakt zu Hannah. Und im Westen dürften auch noch ein paar Zellen intakt sein. Die hatten mit dem Netzwerk im Osten nichts zu tun, weil du ihr direkter Ansprechpartner warst.«

»Mir war nie bewusst, wie aktiv der Widerstand hier auf dem Festland ist«, warf ich ein.

»Hast du gedacht, es konzentriert sich alles nur auf die Insel?«, fragte Zoe.

Ich zuckte mit den Schultern. »Sie war doch der Mittelpunkt, oder?«

Nachdenklich schürzte Piper die Lippen. »Ich glaube, das Entscheidende an der Insel war, dass es sie überhaupt gab. Sie war ein Symbol, und zwar nicht nur für den Widerstand, sondern auch für den Rat. Eine Art Mahnmal, dass es auch anders geht. Aber irgendwann wäre sie aus allen Nähten geplatzt. In den letzten Monaten mussten wir immer wieder Flüchtlinge abweisen, wir hatten einfach nicht genug Platz. Wir hätten die Flotte vergrößern müssen und die Versorgungsleitungen ausbauen …« Grimmig schüttelte er den Kopf. »Es war nun mal keine Dauerlösung.«

»Ja, weil die meisten Inselbewohner nichts unternommen haben«, fiel Zoe ihm ins Wort. »Die kamen sich doch schon vor wie die großen Rebellen, nur weil sie da draußen gelebt haben. Aber das war alles. Vielleicht haben sie ab und an Wachdienst geschoben oder auch mal im Aussichtsturm gehockt, aber die wenigstens haben sich wirklich eingebracht – bei den Rettungsaktionen auf dem Festland geholfen zum Beispiel oder das Netzwerk an Unterschlüpfen betreut oder den Rat beschattet. Und das gilt auch für deine engen Vertrauten, Piper. Die Hälfte hat sich doch immer nur im Versammlungssaal hinter ihren Landkarten verschanzt und Strategien gewälzt, aber aufs Festland hat sich keiner von denen getraut! Sobald die Leute einmal auf der Insel waren, wollten die meisten nicht mehr weg.«

»Ich hätte es nicht ganz so drastisch formuliert«, sagte Piper, »aber grundsätzlich hat Zoe schon recht. Zu viele Inselbewohner waren faul und satt. Sie dachten, es reicht, dort zu leben. Und die eigentliche Arbeit blieb an den Leuten auf dem Festland hängen und an der Besatzung der Kurierschiffe, die hin- und herfuhren. Zoe zum Beispiel hat für den Widerstand mehr geleistet als fast alle anderen, dabei war sie noch kein einziges Mal auf der Insel.«

Überrascht sah ich zu ihr hinüber. »Im Ernst?«

»Als Alpha durfte man die Insel nicht betreten, und sogar ich habe kapiert, weshalb.« Zoe saß noch immer über das Kaninchen gebeugt da und zog ihm jetzt das Fell über die Ohren, als streife sie einen Handschuh ab. »Wieso dachtest du, ich sei da gewesen?«

»Na, weil du ständig vom Meer träumst.«

Erst nachdem ich sie ausgesprochen hatte, wurde mir klar, was meine Worte bedeuteten. In all den Nächten, die wir Seite an Seite geschlafen hatten, hatte wir uns Zoes Träume geteilt, genau wie ihre Wasserflasche oder ihre Decke. Und alle kreisten um das Meer. Vielleicht war es mir deshalb nie aufgefallen, weil ich nach jahrelangen Visionen von der Insel daran gewöhnt war. An das Kräuseln der Wellen und die vielen verschiedenen Grau-, Schwarz- und Blautöne. In Zoes Träumen war mir jedoch keine Insel erschienen, sondern nur die wogende See.

Eben hatte Zoe noch neben dem Feuer gekniet, in der Hand den leblosen Körper des Kaninchens, im nächsten Moment hielt sie mir ein Messer an den Bauch. »Du hast mir im Traum hinterhergeschnüffelt?«

»Waffe runter!«, sagte Piper. Obwohl er die Stimme nicht hob, klang es wie ein Befehl.

Doch Zoe dachte gar nicht daran zu gehorchen und packte mich stattdessen mit der anderen Hand unsanft an den Haaren. Schmerzhaft bohrten sich ihre Fingerknöchel in meine Kopfhaut. Ihre Klinge hatte sich einen Weg durch meinen Pullover und das Shirt gebahnt und ruhte nun flach und kalt auf meiner Haut. Mein Kopf war zur Seite verdreht, sodass ich das Kaninchen neben dem Feuer liegen sah, mit gebrochenem Genick und aufgerissenen Augen.

»Was soll der Scheiß?«, zischte Zoe. Je weiter sie sich vorlehnte, desto unerträglicher wurde der Druck der Klinge. »Was hast du gesehen?«

»Zoe«, warnte Piper. Er legte ihr den Arm um den Hals, doch die Geste hatte nichts Bedrohliches. Auch er wartete auf meine Antwort.

»Was hast du gesehen?«, wiederholte sie.

»Habe ich doch gesagt. Nur das Meer. Viele Wellen. Tut mir leid, ich habe keinen Einfluss darauf. Mir ist es doch selber eben erst aufgefallen.« Ich konnte ihr nicht erklären, wie genau das Ganze ablief, weshalb mein Einblick in ihre Träume nichts mit Aushorchen zu tun hatte.

»Du hast doch immer behauptet, dass es so nicht funktioniert.« Heiß spürte ich ihren Atem auf meinem Gesicht. »Dass du keine Gedanken lesen kannst.«

»Kann ich auch nicht. Es ist anders. Ich nehme nur manchmal Dinge wahr. Aber ohne Absicht.«

Sie stieß mich so heftig von sich, dass ich beinahe zu Boden ging. Als ich mich wieder aufgerappelt hatte, fasste ich mir an den Bauch. Danach waren meine Hände rot.

»Kaninchenblut«, sagte Piper.

»Diesmal«, knurrte Zoe.

»Immerhin weißt du auch, wovon ich träume«, sagte ich.

»Die ganze Gegend weiß, wovon du träumst«, gab sie zurück. »So wie du jedes Mal rumschreist.« Sie warf das Messer auf den Boden. Es landete neben dem halb gehäuteten Kaninchen. »Das gibt dir noch lange nicht das Recht, in meinen Gedanken herumzustochern.«

Ich konnte mich noch sehr gut erinnern, wie ausgeliefert ich mir bei den Verhören der Beichtmutter vorgekommen war. Wie meine Seele unter ihren unerbittlichen Vorstößen in mein Innerstes gelitten hatte. »Tut mir leid«, rief ich Zoe nach, als sie in Richtung Fluss davonstapfte.

»Lass sie«, sagte Piper. »Alles in Ordnung mit deinem Bauch? Zeig mal her.« Er machte Anstalten, meinen Pullover hochzuziehen.

Ich schob seine Hand weg. »Nicht jetzt. Was war denn eben los mit ihr?«

Er hob das Kaninchen auf und begann, es abzustauben. »Sie ist zu weit gegangen. Ich rede mit ihr.«

»Du musst nicht mit ihr reden. Ich will nur wissen, was los ist. Warum hat sie so überreagiert?«

»Sie hat es nun mal nicht leicht«, antwortete er ausweichend.

»Wer von uns hat es schon leicht? Ich ganz bestimmt nicht. Du etwa?« Ich starrte ihn an. »Eben.«

»Vielleicht braucht sie einfach ein bisschen Abstand.«

»Abstand?« Mit einer entnervten Geste deutete ich in die Ferne. Kilometerweit zog sich das blasse Gras in Richtung Horizont, und über allem thronte gebieterisch der unendliche Himmel. »Hier gibt es nichts anderes als Abstand. Sie kann mir doch einfach aus dem Weg gehen, wenn sie will.«

Statt einer Antwort vernahm ich nur das leise Rascheln der Grashalme, die am Himmel kratzten und das Schaben von Pipers blutgetränktem Messer, als er dem Kaninchen das restliche Fell abzog.

Erst im Morgengrauen kam Zoe wieder. Beim Essen hüllte sie sich in Schweigen und schlief danach auf Pipers anderer Seite, anstatt auf ihrem angestammten Platz zwischen uns. Ihre Worte vom Abend zuvor wollten mir nicht aus dem Kopf: Sobald die Leute einmal auf der Insel waren, wollten die meisten nicht mehr weg. Dachte sie etwa an Piper, wenn das Meer in ihren Träumen aufbrandete? Das Meer, das er überquert hatte, um zur Insel zu gelangen, während sie alleine am Ufer zurückgeblieben war – nach allem, was sie für ihn aufgegeben hatte?

3

ALS ICH ZUM ersten Mal von Sally und der Verlorenen Küste hörte, befanden wir uns noch im Ödland. Zoe und Piper waren eigentlich mit Schlafen dran, doch plötzlich drangen aus unserem Lager aufgebrachte Stimmen an mein Ohr. Der Morgen dämmerte schon, und ich hatte freiwillig die erste Wachschicht übernommen, aber als ich die beiden streiten hörte, machte ich mich wieder auf in Richtung Feuer.

»Ich wollte Sally da nie mit reinziehen«, sagte Zoe gerade.

»Wen?«, fragte ich.

Ihre Köpfe schnellten herum. Zweimal die gleiche Bewegung, der gleiche Gesichtsausdruck: hochgezogene Augenbrauen, prüfender Blick. Selbst wenn Piper und Zoe sich in den Haaren lagen, kam ich mir vor wie ein Eindringling.

Piper erbarmte sich. »Wir brauchen einen Stützpunkt, bei jemandem, dem wir vertrauen«, erklärte er. »In den Geheimverstecken sind wir nicht mehr sicher. Sally wird uns bestimmt aufnehmen. Von dort aus können wir den Widerstand zusammentrommeln und Leute nach Cape Bleak schicken, um nach der Erkundungsflotte Ausschau zu halten, und wenn nötig weitere Schiffe klarmachen.«

»Das Thema hatten wir doch schon«, sagte Zoe, während sie mich weiter geflissentlich ignorierte. »Wir können Sally da nicht mit reinziehen. Es ist zu gefährlich.«

»Wer ist Sally?«, fragte ich.

»Hat Zoe dir erzählt, wie es nach unserer Aufsplittung weiterging?«

Ich nickte. Zoe und Piper stammten aus dem Osten, wo Zwillinge für gewöhnlich etwas länger zusammenbleiben durften. Als Piper mit zehn gebrandmarkt und verstoßen wurde, war Zoe von zu Hause ausgerissen und ihm gefolgt. Die beiden hatten sich mit Gelegenheitsarbeiten und kleinen Gaunereien über Wasser gehalten, in der ständigen Angst, entdeckt zu werden. Bis sie sich schließlich dem Widerstand anschlossen, hatten sie nur dank der Unterstützung von ein paar mitfühlenden Omegas überlebt.

»Sally hat uns geholfen«, sagte Piper. »Als Allererste. Wir waren auf jede Hilfe angewiesen.«

Heute war das schwer vorstellbar. Aber ich rief mir ins Gedächtnis, wie jung die beiden damals gewesen sein mussten – noch jünger als ich bei der Trennung von meiner Familie.

»Sie hat uns aufgenommen«, sagte Zoe. »Und wir haben alles von ihr gelernt. Damals war sie schon ziemlich alt, aber in jüngeren Jahren galt sie als eine der besten Agentinnen, die der Widerstand in Wyndham zu bieten hatte.«

»Wyndham?« Ich hatte mich wohl verhört. Seit wann durften Omegas in Alpha-Städten leben? Und noch dazu in Wyndham, wo der Rat seinen Sitz hatte?

»Sie hat in höchsten Regierungskreisen spioniert«, sagte Piper.

Verblüfft ließ ich den Blick zwischen den beiden hin und her wandern. »Davon höre ich zum ersten Mal.«

»Das Spionageprogramm des Widerstands war streng geheim«, erklärte Piper. »Heute wäre so etwas undenkbar. Aber früher nahm es der Rat mit dem Brandmarken nicht so genau, vor allem im Osten. Das muss jetzt mindestens fünfzig Jahre her sein. Jedenfalls hatte der Widerstand ein paar nicht gebrandmarkte Omegas rekrutiert, deren Missbildungen so unerheblich waren, dass sie mit der richtigen Kleidung als Alphas durchgingen. Sally zum Beispiel hatte einen verkrüppelten Fuß, aber sie konnte trotzdem normale Schuhe tragen und brachte sich bei, ganz normal zu laufen. Sie hatte zwar höllische Schmerzen, aber über zwei Jahre ist niemandem etwas aufgefallen. Insgesamt saßen damals drei Spione mit in den Ratskammern – nicht als Mitglieder, aber als Berater oder Assistenten. Sie waren hautnah dran am Geschehen.«

»Der Rat hat die Spione natürlich erbittert verfolgt.« Piper grinste. »Gar nicht mal, weil geheime Informationen durch sie in falsche Hände gelangt sind. Nein, am meisten gewurmt hat es sie, dass sich diese Omegas so erfolgreich als Alphas ausgeben konnten, und das manchmal jahrelang. Die Spione waren der lebende Beweis dafür, dass wir uns doch nicht so sehr voneinander unterscheiden.«

»Sally war eine Legende«, sagte Zoe. »Ohne ihre Berichte aus den Ratskammern gäbe es die heutige Widerstandsbewegung wahrscheinlich gar nicht.« Wenn sie von Sally sprach, ließ Zoe den üblichen Sarkasmus vermissen, und auch die angriffslustig hochgezogene Augenbraue suchte man in ihrem Gesicht vergeblich. »Aber inzwischen ist sie uralt«, fuhr sie fort. »Sie kann kaum mehr laufen. Selbst als wir damals zu ihr kamen, hatte sie dem Widerstand schon vor Jahren den Rücken gekehrt. Abgesehen davon ist das Risiko einfach zu hoch. Sie steht schon lange auf der Abschussliste des Rats ganz weit oben. Ich will sie da raushalten.«

»Wir stecken doch alle schon viel zu tief drin«, entgegnete Piper. »Irgendwann wird der Rat auch bei ihr vor der Tür stehen. Egal, wie alt und gebrechlich sie ist.«

»Sie versuchen seit Jahren vergeblich, sie aufzuspüren«, sagte Zoe. »Wir können sie da nicht mit reinziehen.«

Piper schwieg. Dann sagte er beschwörend: »Du weißt, dass sie uns nichts abschlagen kann.«

»Genau deshalb ist es unfair, sie überhaupt zu fragen.«

Er schüttelte den Kopf. »Uns bleibt nichts anderes übrig. Denk daran, was auf der Insel geschehen ist.«

Ich sah das Blut auf den Pflastersteinen im Hof der Festung vor mir, als wäre es gestern gewesen.

»Selbst wenn du Cass und Kip an die Beichtmutter ausgeliefert hättest – der Rat hätte die Insel doch niemals verschont«, sagte Zoe.

»Natürlich nicht«, sagte Piper. »Aber woher sollen wir wissen, ob der restliche Widerstand das genauso sieht? Du hast doch mitbekommen, wie die Leute reagiert haben. Wenn so viele Menschen ihr Leben lassen, muss immer irgendjemand als Sündenbock herhalten. Wer weiß, wie wir bei unserer Rückkehr empfangen werden, und dann auch noch mit Cass im Schlepptau. Das Risiko können wir nicht eingehen. Wenn wir bei der Bewegung Boden gutmachen wollen, dann müssen wir bei jemandem anfangen, dem wir hundertprozentig vertrauen können.«

Zoe fixierte ihn mit ihrem Blick. »Sally hat schon genug durchgemacht«, sagte sie leise.

»Sie würde es nicht anders wollen.«

»Ach ja? Hast du neuerdings etwa Seherqualitäten?«, fragte Zoe. Doch wie in Zeitlupe verzog sich ihr Mund dabei zu einem Lächeln.

Ihr Zwillings-Spiegelbild lächelte zurück.

In jeder Siedlung, die wir auf unserer Reise zur Verlorenen Küste durchquerten, erzählten wir so vielen Bewohnern wie möglich von den Plänen des Rats, die gesamte Omega-Bevölkerung in Tanks zu versenken. Und vor allem warnten wir sie vor den Reservaten. Diese riesigen, bewachten Lager dienten zur Aufnahme von Omegas, die alleine nicht mehr für sich sorgen konnten. Ein vermeintlich sicherer Zufluchtsort, wo sie für ein Dach über dem Kopf und drei warme Mahlzeiten am Tag Feldarbeit verrichten sollten. Unter den Omegas galten die Reservate als letzte Hoffnung, doch für die Alphas waren sie der reinste Segen. Denn egal, wie erbarmungslos der Rat die Omegas mittlerweile in halb verödete Landstriche abdrängte, und egal, wie gewaltig die Steuern jedes Jahr erhöht wurden, die Reservate sorgten dafür, dass kein Omega mehr dem Hungertod erlag. Und obwohl ein paar Jahre zuvor in den Lagern strenge Ausgangssperren verhängt worden waren, schnellten die Zahlen der Obdachsuchenden unaufhaltsam in die Höhe. Dabei bestanden die Reservate inzwischen fast nur noch aus riesigen Tankarealen.

Doch immer wenn wir versuchten, die Omega-Bevölkerung über die grausamen Absichten des Rats aufzuklären, begegneten wir eisiger Ablehnung, Schweigen und misstrauischen Blicken. Als Kip und ich im Wald bei New Hobart den Brand gelegt hatten, hatten die Flammen sich wie von selbst ausgebreitet. Der einfachen Bevölkerung die Gefahr begreiflich zu machen, erwies sich jedoch als ebenso schwierig, wie mithilfe von nassen grünen Zweiglein im Regen ein Feuer zu entfachen. Man konnte nicht einfach seinem Tischnachbarn in der Taverne davon erzählen, als handele es sich um den neuesten Nachbarschaftsklatsch. Das Thema durfte nur vor Sympathisanten der Bewegung angeschnitten werden, und so kurz nach dem Massaker auf der Insel war kaum jemand mehr bereit, sich zum Widerstand zu bekennen.

Nachdem der Rat die Existenz der Insel jahrelang geleugnet hatte, ließ er jetzt überall verlauten, sie sei erfolgreich erobert worden. Das Blut in ihren Gassen bürgte dafür, dass der einstige Zufluchtsort als abschreckendes Beispiel diente. Eine Strategie, die Wirkung zeigte. Neuankömmlingen begegnete man unter Omegas nun mit mehr Misstrauen denn je. Wenn sich unser kleiner Trupp einer Siedlung näherte, unterbrachen die Leute auf dem Feld ihre Arbeit und ließen uns nicht mehr aus den Augen, während sie sich demonstrativ an ihren Heugabeln und Spaten festhielten. In Drury, einer großen Omega-Stadt, wagten wir uns in zwei Tavernen, doch jedes Mal verstummten die Gespräche bei unserem Eintreten so schlagartig, als hätte jemand eine Lampe gelöscht. Argwöhnische Blicke folgten uns durch den Gastraum. Manch einer schob beim Anblick von Zoes ungezeichnetem Gesicht mit einem Ruck seinen Stuhl zurück und ging. Wer ließ sich schon freiwillig mit drei verwahrlosten Fremden auf eine Diskussion über den Widerstand ein, noch dazu, wenn ein Alpha und eine Seherin dabei waren?

Am härtesten traf uns jedoch die Erkenntnis, dass selbst die, die unseren Erzählungen Glauben schenkten, danach ungerührt weitermachten wie bisher. In zwei Siedlungen hörten die Menschen uns bereitwillig zu und schienen zu begreifen, was die Tanks mit der zunehmenden Diskriminierung der Omegas zu tun hatten; dass sie das oberste Ziel eines politischen Kurses waren, den der Rat schon vor Jahren eingeschlagen hatte. Trotzdem ertönte auch hier immer wieder die Frage: Was sollen wir denn dagegen tun? Niemand wollte die Last dieser grausamen Wahrheit schultern. Als Omega hatte man es bereits schwer genug. Das Elend war allerorten unübersehbar. Ausgezehrte Gesichter, Wangenknochen, die so weit vorstanden, als versuchten sie, durch die Haut zu stechen. Siedlungen, in denen ärmliche Hütten und Holzverschläge dicht an dicht standen, um nicht in sich zusammenzufallen. Und überall leuchtend rote Zähne und Gaumen, weil die Menschen immerfort auf Betelnüssen kauten, um ihr Magenknurren zu unterdrücken. Was hatten wir erwartet?

Zwei Tage nachdem wir den verlassenen Unterschlupf entdeckt und ich mich mit Zoe gestritten hatte, marschierte Piper im Morgengrauen los, um eine kleine Omega-Stadt westlich von unserem Lager auszukundschaften. Er kam noch vor Mittag zurück. Trotz der Kälte waren Schweißflecken auf seinem Hemd zu erkennen.

»Der Richter ist tot«, keuchte er. »Die ganze Stadt redet von nichts anderem.«

»Aber das sind doch gute Nachrichten, oder?«, fragte ich. Der Richter hatte dem Rat vorgesessen, seit ich denken konnte, doch hinter den Kulissen hatten in den letzten Jahren Zach und seine Verbündeten die Fäden gezogen. »Er war sowieso nur eine Marionette, da macht es doch nichts, dass er endlich tot ist.«

»Nicht, wenn jetzt einer von den jungen Radikalen seinen Platz einnimmt«, sagte Zoe.

»Ihr habt ja keine Ahnung«, sagte Piper und zog ein Stück Papier aus der Jackentasche.

Als ich mich neben Zoe im Gras niederließ, um mitzulesen, bemühte ich mich redlich zu verdrängen, dass sie mir zwei Tage zuvor fast ein Messer in die Eingeweide gerammt hätte.

Der Richter von Omega-Terroristen ermordet, lautete die Schlagzeile. Und in kleinerer Schrift war weiter unten zu lesen: Attentäter der selbst ernannten »Omega-Widerstandsbewegung« verübten gestern einen Anschlag auf den Zwilling des langjährigen Ratsvorsitzenden.

Ich hob den Blick. »Kann das sein?«

Piper schüttelte den Kopf. »Vergiss es«, sagte er. »Zach und Konsorten haben sich schon vor über fünf Jahren seinen Zwilling geschnappt. So hatten sie den Richter immer schön unter Kontrolle. Nein, das ist alles ein abgekartetes Spiel. Offenbar wurde der Mann einfach nicht mehr gebraucht.«

»Aber was hat sich denn geändert? Du hast doch immer behauptet, der Richter habe nichts zu befürchten, weil die Leute Wert darauf legen, dass der Rat von einem Moderaten geführt wird.«

»Später. Hört zu!« Er griff nach dem Plakat und las vor:»In seinen vierzehn Amtsjahren als Ratsvorsitzender setzte der Richter sich stets unerschrocken für die Belange der Omegas ein. Dieser jüngste Gewaltexzess von Seiten der Omega-Rebellen wirft dringliche Fragen nach der Sicherheit unserer Ratsmitglieder auf …«

»Als hätten die ihre Zwillinge nicht schon vor Jahren weggesperrt … oder gleich in die Tanks gesteckt«, ätzte Zoe.

Piper las weiter: »Und stellt auch für alle anderen Alphas eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar. Der Angriff auf das Oberhaupt unserer Regierung beweist einmal mehr, dass die zunehmende Bedrohung durch Omega-Dissidenten das friedliche Zusammenleben von Alphas und Omegas empfindlich gefährdet. Die Generalin, die sich laut Regierungsquellen erst nach eingehenden Beratungen bereit erklärte, den Ratsvorsitz zu übernehmen, zeigte sich tief erschüttert über den plötzlichen Tod ihres Amtsvorgängers. Durch diesen feigen Terroranschlag wurde die Omega-Bevölkerung einer ihrer wichtigsten Fürsprecher beraubt. Er beweist die Rücksichtslosigkeit und Brutalität derer, die im Namen einer vermeintlichen Selbstbestimmung der Omegas bereit sind, ihre engsten Verbündeten zu opfern, nur um die Arbeit des Rats zu behindern.« Piper warf das Plakat neben sich ins Gras. »So schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Die Radikalen sind endlich den Richter los, und indem man uns das Ganze in die Schuhe schiebt, heizt man die Anti-Omega-Stimmung weiter an und stärkt seine Position gegenüber den Moderaten.«

»Jetzt regiert also die Generalin«, sagte ich.

»Die sich erst nach eingehenden Beratungen bereit erklärte. So ein Scheiß«, fauchte Zoe. »Die war doch schon seit Jahren scharf auf den Posten. Und der Reformer und der Dompteur stecken garantiert mit ihr unter einer Decke.«

Offiziell verwendete im Rat niemand seinen Geburtsnamen. Früher dienten die Decknamen dazu, Angriffe auf die Zwillinge der Regierungsvertreter zu verhindern. Heute, wo diese Zwillinge allesamt in den Verwahrungsräumen oder Tanks gefangen saßen, bestanden die meisten Ratsmitglieder nur noch aus Eitelkeit auf ihren fantasievollen Pseudonymen. Jeder Name enthielt eine Botschaft und ließ erahnen, wofür sein Träger stand.

Die Generalin, der Dompteur, der Reformer. Ich musste an die Zeichnungen des Gespanns zurückdenken, die mir Piper auf der Insel gezeigt hatte. Die drei mächtigen jungen Ratsmitglieder, bei denen alle Fäden in Wyndham zusammenliefen. Der Dompteur, wie er freundlich unter seinem schwarzen Wuschelkopf hervorlächelte. Das eckige, scharf geschnittene Gesicht der Generalin. Und schließlich Zach, der Reformer, mein Zwillingsbruder, verewigt in den Federstrichen des Künstlers. Der Mensch, der mir am vertrautesten war und den ich gleichzeitig kaum kannte.

»Hinter den Kulissen haben die drei schon seit Jahren das Heft in der Hand«, sagte Piper. »Aber dass sie sich jetzt einfach so des Richters entledigen, macht mir Sorgen. Um so selbstbewusst aus seinem Schatten zu treten, müssen sie sich ihrer Sache inzwischen verdammt sicher sein.«

»Das ist nicht alles«, sagte Zoe. »Egal wo man hinkommt, überall wird der Angriff auf die Insel heiß diskutiert. Weil es so wahnsinnig viele Opfer gab. Ich wette, das hat auch ein paar Alphas stutzig gemacht. Indem man den Mord am Richter den Omegas in die Schuhe schiebt, zieht man die Zweifler wieder auf die eigene Seite. Jetzt wirkt das Ganze nämlich wie ein gerechter Krieg gegen einen Widerstand, der seinerseits über Leichen geht. Nur so kann der Rat sein brutales Vorgehen gegen die Omegas rechtfertigen.«

Es war ein von Meisterhand gewobenes Netz aus Angst, und nicht nur die Omegas, auch die Alphas saßen mittlerweile in der Falle. Ich hatte oft genug erlebt, wie sie vor uns zurückzuckten, weil wir mit unseren entstellten Körpern, die anmuteten wie ein giftiger Nachhall der Explosion, lebendige Mahnmale für sie darstellten. Dass meine Mutation unsichtbar war, spielte dabei keine Rolle. Das Brandmal auf meiner Stirn hatte ausgereicht, um als Teenager regelmäßig bespuckt und beschimpft zu werden. Auch in besseren Zeiten hatten die Alphas die Omegas stets gemieden. Doch dann kam die große Dürre, bei der sogar manche Alphas nicht genug zu essen gehabt hatten. Und ein paar Jahre später, als ich schon in der Omega-Siedlung lebte, litt das ganze Land unter einer katastrophalen Missernte. Hunger und Angst säen immer Zwietracht, weshalb die Regierung jedes Mal gewissenhaft dafür sorgte, dass die aktuelle Misere den Omegas zur Last gelegt wurde. Der vermeintliche Anschlag auf den Richter war nur die neueste Strophe des Schlachtgesangs, den der Rat schon vor Jahren angestimmt hatte: Omegas gegen Alphas.

Ich griff nach dem zerknitterten Stück Papier. »Langsam überschlagen sich die Ereignisse, oder? Der Rat schürt an allen Ecken und Enden Panik – unter Alphas und Omegas.«

»Trotzdem war die Beichtmutter ein echter Verlust«, sagte Piper. »Und ihre Maschine erst recht. Vergiss nicht, was wir schon alles erreicht haben.«

Ich schloss die Augen. Dass Zach fortan auf den grausamen Scharfsinn der Beichtmutter verzichten musste, war an und für sich Grund zur Freude. Doch beim Gedanken daran bohrte der Schmerz sich erneut wie ein spitzer Stiefel in meine Magengrube, und mir stockte der Atem. Die Beichtmutter war nur nicht mehr am Leben, weil Kip tot war.

»Wie viel wisst ihr über die Generalin?«, fragte ich schließlich.

»Nicht allzu viel«, sagte Zoe. »Seit sie auf der Bildfläche erschienen ist, wird sie von uns überwacht, aber seit Jahren hat es kein Spion mehr in die Ratskammern von Wyndham geschafft. In die Stadt reinzukommen ist heutzutage schon schwierig genug, ganz zu schweigen von der Festung.«

»Was wir wissen, verheißt jedenfalls nichts Gutes«, sagte Piper. »Sie ist eine militante Omega-Gegnerin, genau wie der Dompteur und der Reformer.«

Es versetzte mir noch immer einen Stich, Zachs Ratsnamen zu hören. Was hatte die Beichtmutter im Silo gesagt? Ich hatte früher auch einen anderen Namen. Ob mein Zwillingsbruder manchmal noch an sein altes Leben als Zach zurückdachte? Vermutlich nicht. Bestimmt hatte er die Vergangenheit längst abgehakt, vor allem seine Kindheit, die ich ihn gezwungen hatte, mit mir zu teilen.

»Die Generalin genießt von den dreien das höchste Ansehen«, fuhr Piper fort. »Sie haben alle jung angefangen, aber das ist bei diesen Regierungsposten üblich. Die Festung ist eine Schlangengrube, und viele Ratsmitglieder segnen vorschnell das Zeitliche. Aber politisch gesehen ist die Generalin mit allen Wassern gewaschen. Anfangs hat sie dem Feldherrn zugearbeitet, und um an den Sitz im Rat zu kommen, hat sie ihn später angeblich vergiftet.«

An die Nachricht vom Tod des Feldherrn vor ein paar Jahren konnte ich mich noch gut erinnern. Vorzeitig, hatte es im offiziellen Nachruf geheißen. Vorzeitig hatte scheinbar gerade rechtzeitig für die Generalin bedeutet.

»Die Generalin selbst hat sich zu den Gerüchten nie geäußert«, sagte Piper. »Aber sie legt es darauf an, gefürchtet zu werden. Wenn man versucht, sich ihr in den Weg zu stellen, nimmt es meistens kein gutes Ende. Die Frau schreckt vor keiner Intrige zurück, und dass sie ihren Widersachern in den Rücken fällt, ist wörtlich zu nehmen. Ihre Gegner im Rat wurden entweder einer nach dem anderen kaltgestellt oder systematisch rausgeekelt. Den Richter hat sie nur so lange verschont, weil er ihr und ihren zwei Verbündeten treu zu Diensten war – als volksnaher Strohmann, der alles gemacht hat, was sie wollten.«

»Warum darf jetzt ausgerechnet sie regieren und nicht der Dompteur oder Zach?«

»Der Dompteur war vor seiner Ratskarriere bei der Armee«, antwortete Piper. »Unter den Soldaten wird er glühend verehrt, aber auf dem politischen Parkett ist er nicht so erfahren wie die beiden anderen. Trotzdem können sie nicht auf ihn verzichten. Er sitzt von allen dreien am längsten im Rat, ist beim Volk beliebt und weiß die Streitkräfte hinter sich. Doch er gilt als weniger radikal. Versteh mich bitte nicht falsch, der Dompteur ist wahnsinnig gefährlich. Zum einen hat er den Oberbefehl über die Truppen. Was die Strafverfolgung angeht, ist er also schon seit Jahren die treibende Kraft. Aber bei aller Kaltblütigkeit steckt er offenbar nicht hinter den großen Reformen. Die meisten Zwangsmaßnahmen – die Umsiedlung der Omegas in ertragsarme Gebiete, die hohen Steuern – stammen scheinbar von der Generalin persönlich. Und die Verschärfung der Meldepflicht ist auf dem Mist deines Bruders gewachsen. Wahrscheinlich hatte die Beichtmutter dabei auch noch ihre Finger im Spiel.«

»Und wie weit, meinst du, reicht sein Einfluss?«

»Was das betrifft, weißt du vermutlich mehr als wir«, erwiderte Piper.

Früher hätte ich das ohne Weiteres bejaht. Ich hätte geschworen, Zach besser zu kennen als irgendjemand sonst. Doch inzwischen hatte er sich zu weit von mir entfernt. Zwischen uns lag die Leiche der Beichtmutter – und die von Kip. Ganz zu schweigen von all jenen Menschen, die hilflos in seinen Glastanks trieben.

»Der Reformer wirkt immer wie ein Außenseiter«, fuhr Piper fort. »Wahrscheinlich, weil ihr so spät gesplittet wurdet und er nicht, wie die anderen beiden, in Wyndham groß geworden ist. Dafür hatte er die Beichtmutter und damit unsagbare Macht. Ich vermute, die Tanks waren seine Idee, genau wie die Datenbank. Das politische Geschick der Generalin geht ihm vollkommen ab, und auch in Sachen Charme kann er ihr nicht das Wasser reichen, aber auf seine Weise ist er natürlich genauso skrupellos wie sie.«

»Ach was«, sagte ich nur.

Piper nickte. »Aber jetzt, wo er ohne die Beichtmutter zurechtkommen muss, sind die Rollen vielleicht nicht mehr so klar verteilt.«

Bei seinen Worten musste ich daran denken, wie Zach mir nach dem Tod von Kip und der Beichtmutter zur Flucht verholfen hatte. Wie seine Stimme gezittert hatte, als er mich vor den herannahenden Soldaten gewarnt hatte. Wenn sie herausfinden, dass du deine Finger im Spiel hattest, dann bin ich erledigt. Fürchtete er sich vor der Generalin oder vor dem Dompteur? Oder vor beiden? Es gab eine Zeit, da hatte ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass er mir insgeheim die Freiheit schenken wollte. Doch jener Teil von mir, der in schwachen Momenten an meinen Bruder geglaubt hatte, lag inzwischen leblos neben Kip auf dem Siloboden.

»Wir müssen so schnell wie möglich zu Sally«, sagte Piper. »Wir haben keine andere Wahl. Von dort aus können wir neue Leute für den Widerstand rekrutieren und nach der Flotte Ausschau halten. Erst haben sie die Insel dem Erdboden gleichgemacht, dann den Richter aus dem Weg geräumt, und jetzt sind sie dabei, Stück für Stück unser Netzwerk auseinanderzunehmen. Wir müssen etwas unternehmen«

In diesem Moment neigte sich der wolkenverhangene Himmel bedrohlich auf uns herab, und ich fühlte mich mit einem Mal vollkommen verloren. Am Ende waren wir nur drei winzige, windumtoste Gestalten und den Machenschaften des Rats hilflos ausgeliefert. Jede Nacht, die wir durch das hohe Gras in Richtung Küste stapften, wurden in den Reservaten neue Tanks aufgestellt. Niemand wusste, wie viele Menschen schon darin festsaßen, und die Lager verzeichneten weiterhin regen Zulauf. Zwar konnte ich Zachs Beweggründe schon lange nicht mehr nachvollziehen, doch eins war mir klar: Mein Bruder bekam nie genug, und er würde erst ruhen, wenn alle Omegas hinter Glas in Gewahrsam waren.

4

AUF UNSERER NÄCHSTEN Etappe beschlich mich ein seltsames Gefühl. Weit nach Mitternacht ertappte ich mich auf einmal dabei, wie ich nervös versuchte, in der Dunkelheit um uns herum etwas zu erkennen. Als Zach und ich klein gewesen waren, hatten sich in unserem Dachstuhl Wespen eingenistet, direkt über unserem Schlafzimmer. Bis Dad das Nest endlich aufgestöbert hatte, lagen wir nächtelang wach, lauschten dem leisen Summen und Schaben und erzählten uns im Flüsterton Gespenstergeschichten. Und dieses Geräusch klang ähnlich: Ein hohes, kaum wahrnehmbares Surren drang an mein Ohr, wie eine rätselhafte Botschaft, die die klare, kühle Nachtluft eintrübte.

Auf halbem Weg zwischen Wyndham und der Südküste stießen wir auf den ersten Wegweiser zum Reservat. Obwohl wir einen großen Bogen um die Hauptstraße gemacht hatten, erkannten wir schon von Weitem das Schild und schlichen vorsichtig näher. Auf einem Holzbrett stand in großen weißen Lettern:

Willkommen im Reservat

9 – 10 Kilometer in Richtung Süden.

Zum Schutz aller Bürger.

Sicherheit und Wohlstand durch gerechte Arbeit.

Ihre Zuflucht in der Not.

Obwohl Omegas der Schulbesuch streng untersagt war, lernten einige mehr schlecht als recht lesen, entweder zu Hause, so wie ich, oder sie nahmen verbotenerweise Unterricht. Trotzdem fragte ich mich, wie viele Omegas das Schild überhaupt entziffern konnten und wer von ihnen den Beteuerungen Glauben schenkte.