Das Flüstern der Bäume - Michael Christie - E-Book

Das Flüstern der Bäume E-Book

Michael Christie

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Beschreibung

Eine Familie, vier Generationen, schicksalhaft verbunden mit den Wäldern Kanadas

Jacinda Greenwood weiß nichts über ihre väterliche Familie, deren Namen sie trägt. Sie arbeitet als Naturführerin auf Greenwood Island, doch die Namensgleichheit, so glaubt sie, ist reiner Zufall. Bis eines Tages ihr Ex-Verlobter vor ihr steht. Im Gepäck hat er das Tagebuch ihrer Großmutter. Jahresring für Jahresring enthüllt sich für Jacinda endlich ihre Familiengeschichte. Seit Generationen verbindet alle Greenwoods eines: der Wald. Er bietet Auskommen, ist Zuflucht und Grund für Verbrechen und Wunder, Unfälle und Entscheidungen, Opfer und Fehler. Die Folgen all dessen bestimmen nicht nur Jacindas Schicksal, sondern auch die Zukunft unserer Wälder …

Michael Christies grandiose Familiensaga ist großes Kino: farbenprächtig, mitreißend, bewegend!

Der Penguin Verlag dankt dem Canada Council for the Arts für die Förderung der Übersetzung. We acknowledge the support of the Canada Council for the Arts. Nous remercions le Conseil des arts du Canada de son soutien.

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Seitenzahl: 726

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Eine Familie, vier Generationen, schicksalhaft verbunden mit den Wäldern Kanadas

Jacinda Greenwood weiß nichts über ihre väterliche Familie, deren Namen sie trägt. Sie arbeitet als Naturführerin auf Greenwood Island, doch die Namensgleichheit, so glaubt sie, ist reiner Zufall. Bis eines Tages ihr Ex-Verlobter vor ihr steht. Im Gepäck hat er das Tagebuch ihrer Großmutter. Jahresring für Jahresring enthüllt sich für Jacinda endlich ihre Familiengeschichte: Da ist ihr Vater, ein Zimmermann, der für seine große Liebe das Holz zum Klingen bringt. Da ist ihre Hippie-Großmutter, die für den Erhalt eines jeden Baumes kämpft. Und da ist ihr Urgroßonkel, ein Landstreicher, der ein ausgesetztes Baby im Wald findet und wegen Mordes für Jahrzehnte ins Gefängnis muss. Währenddessen steigt sein blinder Bruder zu einem der reichsten Holzmagnaten des Landes auf, kann sich aber das, was er sich am sehnlichsten wünscht, nicht kaufen. Was die Greenwoods seit Generationen verbindet: der Wald. Er bietet Auskommen, ist Zuflucht und Grund für Verbrechen und Wunder, Unfälle und Entscheidungen, Opfer und Fehler. Die Folgen all dessen bestimmen nicht nur Jacindas Schicksal, sondern auch unsere Zukunft …

Michael Christies grandiose Familiensaga ist großes Kino: farbenprächtig, mitreißend, bewegend.

Michael Christie, in Thunder Bay, Ontario, geboren, studierte Psychologie und arbeitete in der Obdachlosenhilfe, bevor er 2011 sein Debüt, »The Beggar’s Garden«, veröffentlichte. »Das Flüstern der Bäume« ist sein zweiter Roman, der mehrfach nominiert wurde, u.a. für den bedeutendsten kanadischen Literaturpreis, den Giller Preis. Michael Christie lebt mit seiner Familie in einem selbst gezimmerten Holzhaus auf der Insel Galiano vor Vancouver.

»Michael Christie ist ein virtuoser Autor.« Karen Russell

»Ein literarischer Page-Turner, der nostalgisch wie modern ist, persönlich und politisch, den Einzelnen und zugleich die Zeitläufte im Blick hat.Vielschichtig, atmosphärisch, grandios.« Toronto Star

»Wie auch immer das Jahr 2038 sein wird, wir werden dann noch immer ›Das Flüstern der Bäume‹ lesen, weil der Roman so voller Energie ist; die Charaktere sind unvergesslich – wie auch die starke Liebe zu den Bäumen, die Michael Christie plastisch zeigt.« The Tyee

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Aus dem Englischen von Stephan Kleiner

Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel Greenwoodbei McClelland & Stewart, einem Imprint von Penguin Random House Canada Limited, Toronto.

Der Penguin Verlag dankt dem Canada Council for the Arts für die Förderung der Übersetzung. We acknowledge the support of the Canada Council for the Arts. Nous remercions le Conseil des arts du Canada de son soutien. Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © der Originalausgabe Michael Christie 2019 Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2020 Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München Dieses Buch wurde vermittelt durch: The Clegg Agency, Inc., USA Illustrationen Innenteil: FAVORITBUERO, München; © Ast und Baum: Shutterstock Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München Umschlagabbildung: © Bridgeman Images/Currier, N. (1813-88) and Ives, J. M. (1824-95) Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-24394-4

Für meine Familie

»Bäume verformen die Zeit, oder vielmehr schaffen sie eine Vielzahl von Zeiten: hier dicht und jäh, dort ruhig und geschmeidig.«

John Fowles, The Tree

»Es hat etwas Dramatisches, einen Holzblock zu spalten – erstmals die Schönheit im Stamm eines Baumes zu enthüllen, die seit Jahrhunderten im Verborgenen darauf wartet, dieses zweite Leben zu empfangen.«

George Nakashima, The Soul of a Tree

2038

Die Baumkathedrale von Greenwood

Sie kommen wegen der Bäume.

Um ihre Nadeln zu riechen. Um über ihre Borke zu streichen. Um sich in den ehrfurchtgebietenden Umrissen ihrer Schatten zu erholen. Um stumm in ihren belaubten Kirchen zu stehen und zu ihren tausend Jahre alten Seelen zu beten.

Aus den an Staub erstickenden Städten der Welt ziehen sie zu diesem Ort – einer abgelegenen bewaldeten Insel vor der Pazifikküste von British Columbia –, um sich verwandelt, erneuert und wieder mit der Welt verbunden zu fühlen. Um daran erinnert zu werden, dass das einstmals heftig hämmernde grüne Herz der Erde noch nicht zu schlagen aufgehört hat, dass die Seele aller lebendigen Wesen noch nicht zu Staub zerfallen ist, dass es noch nicht zu spät und nicht alles verloren ist. Sie kommen hier in die Baumkathedrale von Greenwood, um diese haarsträubende Lüge zu schlucken, und als Waldführerin hat Jake Greenwood die Aufgabe, sie ihnen schmackhaft zu machen.

Gottes Mittelfinger

Das erste Licht sickert durch die Zweige, als Jake die Pilgergruppe dieses Morgens am Ausgangspunkt des Pfads begrüßt. Heute wird sie sie unter den himmelhohen Spitzen der Douglastannen und Riesenlebensbäume und zwischen granitenen, mit elektrisch glitzerndem grünem Moos überzogenen Felsnasen hindurch zum Primärwald führen, wo die Erleuchtung wartet. Aufgrund des angekündigten Regens ist das Pilgerdutzend in Leafskin gehüllt, den atmungsfähigen Stoff, der Gore-Tex ersetzt hat und durch seine nanotechnischen Eigenschaften die wasserabweisende Wirkung von Blättern nachbildet. Obwohl auch Jake von der Kathedrale mit einer Leafskin-Jacke ausgestattet wurde, trägt sie sie selten, aus Furcht, Firmeneigentum zu beschädigen; sie ist schon verschuldet genug. Doch als sie durch den Nieselregen trottet, wünscht sich Jake, sie hätte heute eine Ausnahme gemacht.

Sie hat zwar morgens vor der Arbeit einen Liter Kaffee in sich hineingeschüttet, doch Jakes verkatertes Gehirn fühlt sich wie Toffee an und pocht mit jedem ihrer Schritte schmerzhaft. In diesem jämmerlichen Zustand ist sie kaum fähig, vor Fremden das Wort zu ergreifen, beginnt aber bei den ersten Lichtungen des Primärwalds mit ihrer üblichen Einführung.

»Willkommen im pochenden Herz der Baumkathedrale von Greenwood«, sagt sie theatralisch. »Sie stehen auf siebenundfünfzig Quadratkilometern. Dies ist einer der letzten verbliebenen Primärwälder auf Erden.« Die Pilger zücken augenblicklich ihre Telefone und beginnen mit den Daumen auf die Bildschirme einzuhämmern. Jake weiß nie, ob sie den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen überprüfen, Ausrufe atemlosen Erstaunens posten oder irgendetwas anderes, von der Führung völlig Unabhängiges tun.

»Diese Bäume fungieren als riesige Luftfilter«, fährt sie fort. »Ihre Nadeln saugen Staub, Kohlenwasserstoffe und andere giftige Partikel auf und atmen reinen Sauerstoff aus, der reich an Phytonziden ist, Chemikalien, die den Blutdruck senken und den Herzschlag verlangsamen. Eine dieser ausgewachsenen Tannen allein kann den täglichen Sauerstoffbedarf vier erwachsener Menschen stillen.« Wie auf Kommando beginnen sich die Pilger bei genussvollem Einatmen zu filmen.

Zwar darf Jake in ihrem kurzen Abriss die auf der Erde grassierenden Staubstürme erwähnen, doch die Richtlinien der Kathedrale verbieten es, ihre Ursache zur Sprache zu bringen: das Große Welken – der Pilz- und Insektenbefall, der die Wälder der Erde vor zehn Jahren überrollt und Hektar um Hektar getilgt hat. Die Pilger sind gekommen, um abzuschalten und nicht an das Welken zu denken, und es ist Teil von Jakes Job (und ihr ist durchaus bewusst, dass Jobs derzeit Mangelware sind), ihnen das zu ermöglichen.

Nach ihrer Einführung lockt sie die Pilger einige Kilometer in Richtung Westen in einen Hain echter Altholzriesen. Es sind Bäume von einer solchen Unermesslichkeit und Erhabenheit, dass sie unecht wirken wie Filmrequisiten oder Denkmäler. In der Gegenwart dieser Giganten nehmen die Stimmen der Pilger einen ehrerbietenden Tonfall an. Die offizielle Firmenpolitik von Holtcorp sieht vor, den Wald als die Kathedrale und seine Gäste als Pilger zu bezeichnen. Laut Knut, dem dienstältesten Waldführer von Greenwood Island und Jakes engstem Freund, liegt das daran, dass der Wald die erste Kirche war (und nun vielleicht die letzte ist). Zu einer Zeit, in der eine Flugreise noch kein Jahresgehalt verschlang, war Jake im Rahmen eines Schüleraustauschs einmal in Rom gewesen und hatte in den Säulen und Kolonnaden dort nur gekrümmte Äste und faserige Stämme gesehen. Die belaubte Kuppel der Moschee, die aufwärts strebenden Türme der Abtei, das gerippte Gewölbe der Kathedrale – waren nicht die Sakralbauten aller Glaubensrichtungen von Bäumen inspiriert?

Einige der Pilger beginnen jetzt tatsächlich, ganz frei von Ironie oder Beschämung Stämme zu umarmen. In ihren Informationsbroschüren werden die Pilger angewiesen, den Bäumen nicht zu nahe zu kommen, da sie mit ihrem Gewicht den Boden um die Stämme herum zusammenpressen, wodurch die Wurzeln weniger Wasser aufnehmen können. Aber Jake hält sich zurück und sieht zu, wie die Pilger sich umeinanderscharen, fotografieren und schnaufend die durch Chlorophyll gereinigte Luft einatmen, alles mit einer Ehrfurcht, die eine Mischung aus Inszenierung und tatsächlicher Wertschätzung ist, wobei Jake das Mischverhältnis nicht genau abschätzen kann. Bald bestürmen die Pilger sie mit technischen Fragen: »Was wiegt denn so ein Teil?«, fragt ein klein gewachsener Mann, seinem Dialekt nach zu urteilen aus dem Mittleren Westen. »Das erinnert mich an meine Kindheit«, sagt eine Investmentbankerin Mitte fünfzig und streicht sanft über eine moosbedeckte Zeder.

Die meisten der Pilger scheinen sich auf die grüne Großartigkeit einzulassen, doch ein paar von ihnen wirken verloren, unbeeindruckt. Jake sieht zu, wie der Mann aus dem Mittleren Westen die Handfläche auf die Borke einer Douglastanne legt, in die Krone hinaufschaut und Ehrfurcht zu empfinden versucht. Aber sie spürt seine Enttäuschung. Bald suchen er und die anderen in ihren Telefonen Zerstreuung. Das kommt nicht überraschend. Obwohl sie den stolzen Eintrittspreis der Kathedrale bezahlt und die unwürdigen Reisebedingungen in der Zeit nach dem Welken überstanden haben, sind immer einige dabei, denen es nicht gelingt, sich von dem Gedanken daran frei zu machen, wie entspannt sie in diesem Augenblick eigentlich sein sollten und wie teuer es sie zu stehen kommt, dass es ihnen nicht gelingt.

Es ist einfach, sich über die Pilger lustig zu machen, aber ist Jake nicht aus den gleichen Gründen hier auf Greenwood Island? Um den Bäumen der Insel etwas Seltenes und Aufbauendes zu entlocken, um ihre saubere Luft zu atmen und sich in ihrer Mitte weniger verzweifelt zu fühlen? Auf dem Festland leben die Pilger in opulenten klimatisierten Türmen, die sie vor dem Rippenwürger schützen – der in den mit Staub bedeckten Slums der Welt herrschenden neuen Tuberkuloseart, die ihren Namen dem Husten verdankt, der Rippen wie Kleinholz brechen lässt, besonders bei Kindern –, und sie kommen zur Kathedrale, um nach etwas Unbeschreiblichem zu suchen, das ihrem Leben abgeht. Sie haben den Artikel über die heilende Wirkung des shinrin yoku gelesen, was auf Japanisch so viel wie »Waldbaden« heißt. Sie haben den Podcast darüber gehört, dass man durch einige Stunden inmitten von Bäumen seine Kreativität verdreifachen kann. Sie kommen also her, um Heilung zu erfahren, so zeitlich begrenzt sie auch sein mag, und wäre Jake wegen ihres Studentendarlehens nicht bis über beide Ohren verschuldet und hätte sich nicht obendrein für ein so jämmerlich unrentables Berufsfeld wie die Botanik entschieden, dann würde sie sich gern zu ihnen zählen.

Als Jake in der Ferne ein Grüppchen von Waldaufsehern sieht, treibt sie die Pilger zu dem Picknickbereich, den der mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Chefkoch des Resorts »Exklusives Holzfällerlager« getauft hat. Dort nehmen sie das vorbereitete Mittagessen ein. Heute gibt es hausgemachte Hotdogs mit Ketchup von Pfifferlingen und zum Nachtisch Bio-Marshmallows auf Vollkornkeksen. Jake sieht ihnen beim Fotografieren des Essens zu, da fällt ihr Blick auf einen abseits der Gruppe sitzenden Pilger, der eine große Sonnenbrille und eine unmodische Kappe trägt, die er tief ins Gesicht gezogen hat. Er ist wohlhabend, wahrscheinlich irgendein Holtcorp-Manager oder Schauspieler. Weil sich Jake keinen Internetzugang für ihre Mitarbeiterhütte leisten kann, erkennt sie die bekannten Besucher des Resorts nur selten. Die echten Prominenten lassen sich trotzdem an der Aura identifizieren, die sie umgibt, dem Gefühl, dass sie eine tiefere Verbindung mit der Welt eingegangen sind als gewöhnliche Menschen wie Jake.

Nach dem Mittagessen geleitet sie die Pilger zum Finale der Führung, dem größten Baumbestand auf Greenwood Island, wo sie ihnen einen poetischen kleinen Text vorträgt, den sie verfasst hat: »Viele Bäume der Kathedrale sind mehr als zwölfhundert Jahre alt. Damit sind sie älter als unsere Familien, älter als die meisten unserer Namen. Älter als unsere aktuellen Regierungsformen, älter sogar als manche unserer Mythen und Ideologien. So wie dieser hier«, sagt sie und tätschelt die dreißig Zentimeter dicke Borke der höchsten Douglastanne der Insel, eines atemberaubenden Baums, den Knut und sie insgeheim »Gottes Mittelfinger« nennen. »Dieser Siebzig-Meter-Titan war schon fünfundvierzig Meter hoch, als Shakespeare sich hinsetzte und die Feder in die Tinte tauchte, um Hamlet zu schreiben.« Sie verstummt kurz und sieht zu, wie die Gruppe von einer stoischen Feierlichkeit ergriffen wird. Sie trägt dick auf, aber ihr Kater hat sich verflüchtigt, und sie hat endlich in ihren Sprechfluss gefunden. Einmal in Fahrt, hört sie nicht auf, ehe sie die Pilger mit den Wundern der gesamten Schöpfung beeindruckt hat. »Mit jedem Lebensjahr hat dieser Baum einen neuen Kambiumring hervorgebracht, um den Wachstumsring des Vorjahrs zu schützen. Das sind zwölfhundert Jahre Kernholz, genug, um die Nadelkrone des Baums in die Wolken zu katapultieren.«

Als sie zum Schluss kommt, schießt eine Hand empor, an deren Handgelenk eine dicke Rolex baumelt. »Sie haben eine Frage?«, sagt Jake.

»Was meinen Sie, was so einer wert ist?«, fragt der Mann mit der Kappe. »Ein Baum. Grobe Hausnummer.«

Normalerweise würde sie eine Frage von so kruder kapitalistischer Dümmlichkeit übergehen. Aber aus diesem Gesicht, hinter diesen regimentartig geraden Zähnen hervorkommend, die an echte Perlen erinnern, wirkt sie geradezu clever.

»Oh, das ist unmöglich zu sagen, Sir«, antwortet sie in ernstem Tonfall. »Diese Bäume sind geschützt durch Holtcorps strikte Erhaltungs–«

»Schätzen Sie einfach«, beharrt er.

Als Waldführerin ist Jake angehalten, längeren Augenkontakt mit den Pilgern zu vermeiden, um ihren Offenbarungen nicht im Weg zu stehen – aber jetzt blickt sie dem Mann beherzt auf die Gläser seiner grünlich schimmernden Sonnenbrille. »Das kommt darauf an«, sagt sie.

»Worauf?«

»Auf den Käufer. Gibt es noch weitere Fragen?«

»Möchten Sie ein Foto mit mir?«, fragt er sie, bevor sie den Rückweg antreten. Er sagt es, als würde er ihr etwas sehr Wertvolles anbieten. Sie nickt, und er stellt sich neben sie genau vor Gottes Mittelfinger, richtet mit abgeknicktem Handgelenk sein Telefon auf sie beide und reckt den Hals ins Bild. Er weiß nicht, dass die Waldführer vertraglich verpflichtet sind, sich der Würdelosigkeit auszusetzen, auf Fotos und Selfies aufzutauchen – für Jake eindeutig der unangenehmste Teil ihres Jobs. Auf wie vielen Fotos sie wohl nach ihren neun Jahren hier herumgeistert, eine behäbig lächelnde Nebendarstellerin, die kurz im strahlenden Weltenbummlerleben anderer auftaucht?

»Wie heißen Sie?«, fragt der Prominente anschließend und tippt mit dem Daumen auf seinem Telefon herum. »Ich verlinke Sie.« Sie gibt ihren Namen nur an, weil sie dazu verpflichtet ist.

Seine Augenbrauen erheben sich über den Rand der Sonnenbrille. »Verwandt oder verschwägert?«, sagt er und macht eine kleine kreisende Bewegung mit einem Finger, die bedeutet: mit dem Ganzen hier?

»Meine Familie ist verstorben«, sagt sie. »Und selbst als sie noch lebten, waren sie nicht gerade die typischen Inselbesitzer.«

»Das tut mir leid«, sagte er und verzieht das Gesicht.

»Schon gut«, sagt sie und zwingt sich zu einem Lächeln. »Aber wir sollten allmählich zurückgehen.«

Beim Pfad angekommen, bemerkt Jake, dass einige Nadeln hoch oben auf der nach Osten gewandten Seite der Altholztannen braun geworden sind. Das ist seltsam, vor allem in dieser Jahreszeit. Sie setzt eine vorgezogene Trinkpause an und bahnt sich einen Weg durch das wächserne Salalgestrüpp, den Blick auf die Baumkronen gerichtet. Die Pilger warten am Pfad; sie wippen unruhig mit den Spitzen ihrer Leafskin-Wanderstiefel, sehnen sich nach dem privaten Luxus ihrer mit Solarenergie versorgten Villen. In Wahrheit sind die Unterkünfte ans Stromnetz angeschlossen, weil das urwüchsige Blätterdach nur ausreichend Sonnenlicht hindurchlässt, um einen Zweischlitztoaster zu betreiben oder ihre Telefone aufzuladen, aber nicht beides zugleich.

Bei näherer Betrachtung entdeckt Jake zwei Tannen, deren Nadeln einen Zimtton angenommen haben. Und unten in Bodennähe sind Teile ihrer dicken, zementgrauen Borke aufgeweicht. Die Borke eines Baums hat die gleiche Funktion wie unsere Haut: Sie hält Eindringlinge draußen und Nährstoffe drinnen – jede Schwachstelle in der Borke ist daher ein schlechtes Zeichen für das langfristige Überleben des Baums. Mit klopfendem Herzen untersucht Jake das feuchte Gewebe, als blickte sie durch ein Autofenster auf einen Unfall am Straßenrand – erfüllt von Neugierde und Schrecken, Mitgefühl und Abscheu –, aber es scheint intakt zu sein, und nichts deutet auf feindselige Insekten oder Pilze hin. Etwas zufriedengestellt, wirft sie einen letzten Blick darauf, bevor sie zu den ungeduldigen Pilgern zurückkehrt.

Um während der Wanderung zu den Villen ein wenig Zeit zum Nachdenken zu haben, streicht Jake ihre Rede über das Ufergebiet, das den Wald mit Wasser versorgt. Es waren nur zwei, beruhigt sie sich. Doch sollten sie tatsächlich abgestorben sein, dann hat sie auf der Insel bislang noch nichts Vergleichbares gesehen.

Als Dendrologin – eine auf Bäume spezialisierte Botanikerin – weiß Jake, dass es schon vor dem Großen Welken unter vielen Baumarten ein Absterben von katastrophalen Ausmaßen gegeben hat: die Amerikanische Kastanie in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, die Ulmen in den Neunzehnhundertsechzigern und die Esche in den Nullerjahren. Insekten, Pilze, Stammgeschwüre, Mehltau und Rostkrankheiten: Der Baum hat viele Feinde, darunter Superschurken wie der Asiatische Eschenprachtkäfer, der Asiatische Laubholzkäfer, der gefürchtete Chalara-Pilz. Aber für das Welken ist kein einzelner Organismus verantwortlich, und die meisten Forscher (darunter auch Jake) führen es darauf zurück, dass die Klimazonen sich schneller verändern, als die Bäume sich anpassen können, was ihre Fähigkeit zur Abwehr von Schädlingen geschwächt hat. Auch wenn das sicherlich erforscht wurde, können sich die Wissenschaftler seit dem Aufstieg des Umweltnationalismus und dem Ende des freien Internets nicht mehr offen über ihre Ergebnisse austauschen. Jakes eigene Hypothese ist, dass das lokale Mikroklima von Greenwood Island irgendwie in der Lage ist, sich selbst zu regulieren, und so für die Bäume wirtlich bleibt.

Aber wäre es möglich, dass das, was die Kathedrale so lange geschützt hat, sich nun doch verändert und die Bäume verwundbar für Pathogene und Schädlinge werden? Warum aber sollte das Große Welken gerade jetzt wieder zuschlagen, nach so langer Zeit? Wahrscheinlich, sagt sich Jake, ist es eher etwas Abiotisches. Nitrogenmangel oder Sonnenbrand. Oder ganz einfach Krummwuchs aufgrund der Trockenheit. Vielleicht sind die beiden Tannen schlicht alt geworden, und nachdem sie ein Jahrtausend lang im Tandem gelebt, einander durch ihr Myzelnetzwerk genährt und über ihre Duftstoffe miteinander kommuniziert haben, haben sie beschlossen, sich ihrem Ende gemeinsam zu stellen, wie seit fünfzig Jahren verheiratete Eheleute, die im Abstand von wenigen Tagen sterben.

Was ich jetzt brauche, ist ein Drink, wird Jake bewusst, als sie nach der letzten Führung des Tages zu der Jurte geht, in der sich die Mitarbeiter zum gemeinsamen Abendessen treffen. Doch Alkohol könnte sie in Versuchung führen, Knut von ihrer Entdeckung zu berichten. Knut verfügt über ein breites botanisches Wissen, aber sie kann sich nicht sicher sein, ob er ihr helfen würde, die beiden kranken Bäume zu diagnostizieren – den Niederschlag zu messen, Boden- und Gewebeproben zu entnehmen und mikroskopisch zu untersuchen –, oder ob er vielleicht irgendetwas Drastisches tun würde. Knut ist ein Genie, aber seine geistige Gesundheit wirkt immer leicht gefährdet, ein Nebenprodukt eines grünen Romantizismus, der, wie Jake fürchtet, die seriellen Enttäuschungen der echten Welt unmöglich überleben kann.

Und wenn die Waldaufseher jetzt vor den Augen der Pilger durch den Primärwald patrouillieren, dann sind die Parkleiter offenbar ohnehin schon nervös. Würden sie von der Bräunung erfahren, könnten sie irgendeine Dummheit begehen, wie zum Beispiel die ganze Insel mit nicht getesteten Fungiziden zu besprühen oder den Schaden zu begrenzen, indem sie das Resort in irgendeinen anderen der letzten urwüchsigen Waldflecken umverlegen, die es sonst noch gibt – die meisten davon in Kanada, mit ein paar versprengten in Russland, Brasilien und Tasmanien, hauptsächlich auf kleinen Inseln.

Für den Augenblick beschließt Jake, dass die zwei kranken Tannen ihr Geheimnis bleiben werden. Die meisten Waldführer sind Privatsoldaten ohne wissenschaftlichen Sachverstand. Und da die anderen Waldführer vorgeschriebene Routen haben und nur Jakes Weg in den Osten von Gottes Mittelfinger führt, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass ihnen die Veränderung auffallen wird. Jake weiß, dass Knut sich in seiner Freizeit oft in den Primärwald davonstiehlt, er könnte auf den Schaden aufmerksam werden – aber sein Augenlicht lässt nach, es ist unwahrscheinlich, dass er die Nadeln so weit oben erkennen kann. Und die aufgeweichte Borke sieht man nicht, wenn man nicht danach Ausschau hält.

Sie hat also Zeit. Sie hofft nur, dass es noch nicht zu spät ist.

Knut

»Es hat doch wirklich etwas Abstoßendes, den Höhepunkt der natürlichen Pracht und Herrlichkeit zu einer bloßen therapeutischen Kulisse für die Reichen zu degradieren. Findest du nicht auch, Jake?« Knut lässt seinen Schimpfmotor warmlaufen, wie er es gern tut, wenn eine Gruppe neu angeworbener Waldführer eintrifft. Während des Abendessens in der Jurte hält er seine inoffizielle Orientierungsveranstaltung ab, die Füße neben die Mikrowellengerichte auf dem Gemeinschaftstisch gelegt.

»Immerhin hacken wir sie nicht mehr alle um, Knut«, sagt Jake roboterhaft. Obwohl sie sich sonst während Knuts Orientierungseinheiten eigentlich mit ihrer Hälfte der komödiantischen Einlagen zufriedengibt, brennt sie heute darauf, das Thema zu wechseln. Normalerweise konzentrieren sich die Sicherheitspatrouillen der Waldaufseher auf den Küstenstreifen der Insel, wo sie das zwielichtige Gesindel vom Festland vertreiben, das gelegentlich an der Küste landet, um über die Nahrungsvorräte der Insel herzufallen. In letzter Zeit aber ist Jake aufgefallen, dass sie verstärkt im Resort selbst auf Streife gehen, wo sie die Mitarbeiter noch stärker im Auge behalten als gewöhnlich. Wenn sie sich irgendwo in der Jurte aufhalten, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass sie Knuts ketzerische Bemerkungen mit anhören. Er ist schon einmal wegen Kritik an der Kathedrale verwarnt worden, und wenn er wieder dabei erwischt wird, werden sie ihn von der Insel vertreiben und dazu verdammen, mit der nichtwohlhabenden Bevölkerung zusammen toxischen Feinstaub zu atmen.

»Erzähl doch lieber mal davon, wie John Muir die US-Regierung im Alleingang überzeugt hat, ein nationales Parksystem zu schaffen«, versucht Jake ihn zu einem seiner anderen Lieblingsthemen umzuleiten.

Aber Knut fährt mit seiner Tirade fort, und Jake geht zum Eisschrank, entscheidet sich für eine Portion des sahnigen Rüben-Kartoffel-Eintopfs – Milchprodukte verwandeln ihren Bauch in ein großes Furzkissen – und schiebt das Essen in den Mikrowellenherd. Beim Warten späht sie noch einmal durch die Kunststofffenster der Jurte, aber von einer Patrouille ist nichts zu sehen. Sie wendet ihre Aufmerksamkeit den acht neuen Waldführern zu. Sie sind alle Mitte zwanzig, haben an Eliteunis Abschlüsse in Botanik oder Umweltstudien gemacht und wahrscheinlich im Leben noch kein Körnchen Staub eingeatmet. Die meisten von ihnen werden einige Jahre in der Kathedrale arbeiten, um »Erfahrungen zu sammeln«, bevor sie andernorts traumhaft erfolgreiche Berufslaufbahnen absolvieren. Ihre vermögenden Eltern werden sie besuchen, werden für einen flüchtigen Blick darauf, wie schnittig ihre Sprösslinge in den Waldführeruniformen aussehen, die horrenden Preise des Resorts zahlen und während der Führungen applaudieren. Warum Jake mit ihrem obskuren Abschluss (»Universität Utrecht?«, fragen sie. »Hast du was im Hals?«) inmitten dieser hinreißenden, übermenschlichen Kinder weiterbeschäftigt wird, die für ein Gehalt arbeiten, von dem sie niemals überleben könnte, wird sie nie begreifen.

»Ist irgendjemandem von euch bewusst, wie unfassbar ironisch es ist, dass Elitemanager und Prominente hierherkommen, um sich spirituell zu erholen«, redet Knut weiter, »nur um verjüngt ein Leben weiterführen zu können, durch das sie entweder direkt oder indirekt unseren Planeten grillen und damit solche Naturwunder wie diese ach so heiligen Bäume, die sie angeblich verehren, dem Verderben ausliefern?«

Jake sieht zu, wie die jungen Waldführer Knut – der auf die sechzig zugeht, einen ergrauenden Schnauzer trägt und runzlige Haut hat, die stets gebräunt ist, obwohl er seit Jahren nicht unter dem Blätterdach der Kathedrale hervorgekommen ist – mit der Faszination mustern, die man einem außer Kontrolle geratenen Nachrichtensprecher entgegenbringt. Aber er ist mit Abstand der sachkundigste und bestbewertete Waldführer der Kathedrale, weswegen ihr Vorgesetzter Davidoff zögert, ihn hinauszuwerfen. Seiner Aufsässigkeit zum Trotz sind Knuts Online-Bewertungen der Stoff, aus dem Legenden gemacht sind: Sie liegen kontinuierlich bei etwa 4,9 von 5 möglichen Blättern. Aber Jake hat schon oft mit angesehen, wie Waldführer und andere Angestellte der Kathedrale wegen nichtiger Vergehen wie Beschwerden über das Mikrowellenessen oder flüchtiger Erwähnungen des Welkens entlassen wurden.

»Aber der Zusammenhang zwischen dem Großen Welken und durch Kohlendioxidemission verursachtem Klimawandel ist nicht wissenschaftlich bewiesen«, sagt eine der neuen Waldführerinnen. Na prima, denkt Jake, jetzt hat er sie schon dazu gebracht, dass sie auch noch über das Welken reden. Wenn das so weitergeht, sitzen wir alle auf einem Frachtkahn, bevor das Essen vorbei ist.

»Die meisten Pilze gedeihen doch bei Wärme, oder nicht?«, fragt Knut die junge Frau, die seine Enkelin sein könnte.

Sie nickt unsicher. »Die meisten schon, ja«, sagt sie leise. Sie weiß nicht genau, ob es eine Fangfrage ist.

»Und Insekten auch, oder?«

Sie nickt wieder.

Knut verbeugt sich theatralisch und sagt: »Beweis erbracht.«

»Wer sind wir bescheidenen Forscher, dass wir die Mysterien des Universums begreifen könnten?«, sinniert Jake fatalistisch und trägt dabei ihr vulkanheißes Essen zum Tisch. »Könnten wir jetzt vielleicht einfach in Ruhe essen?«

Knut ignoriert Jake wieder und wendet sich an einen jungen Waldführer mit spektakulären goldenen Korkenzieherlocken, auf dessen Namensschild »Torey« steht. »Ich meine, wie kann es den Wert eines spirituellen Orts denn nicht schmälern, wenn man zusehen muss, wie Leute exorbitante Summen bezahlen, um ihn zu betreten?«

Torey zuckt mit den Schultern, lächelt verlegen und sieht sich hilfesuchend um.

»Simonie nennt man das«, setzt Knut sichtlich selbstzufrieden hinzu. »Und wir, meine Freunde, sind die ansässigen Schänder des Heiligtums. John Muir würde uns alle eigenhändig aus dem Tempel werfen, wenn er noch am Leben wäre.«

Kurz zuvor hat Knut den neuen Waldführern erklärt, er stamme aus dem deutschen Pforzheim, einer Stadt am Rand des Schwarzwalds, den seine Vorfahren mit gerodet und auf Flößen den Rhein entlang in die Niederlande verschifft hätten, wo das Holz für Schiffsmasten verwendet wurde. Allerdings hatten sie viele Bäume nachgepflanzt und eines der ersten Landschaftsschutzgebiete Europas geschaffen. In seiner Freizeit liest er Carl von Linné auf Schwedisch, und er bringt John Muir, dem berühmten Naturalisten, der so liebevoll über die Küstendouglasie geschrieben hat, eine geradezu religiöse Verehrung entgegen. »Und im Gegensatz zu den meisten von euch«, sagt Knut, »bin ich vor dem Welken nach Kanada gekommen. Vergesst das nicht.«

»Wir tun immerhin, was wir lieben«, sagt Torey voll ungenierter Aufrichtigkeit.

»Ja, meine Freunde«, erklärt Knut und legt Torey wohlmeinend die Hand auf die Schulter, »in der Baumkathedrale von Greenwood gehen waldliebende Öko-Kämpfer zugrunde, indem sie genau das tun, was sie lieben.« Knut bekreuzigt sich, bevor er endlich verstummt und sich über seinen Fertigkuchen hermacht.

Der Rest des Abendessens verläuft schweigend und glücklicherweise ohne eine Visite der Waldaufseher. Jake, die mit dem Ausräumen des Mitarbeiterkühlschranks an der Reihe ist, bleibt nach dem Essen noch, als die anderen die Jurte verlassen.

»War heute Morgen alles in Ordnung draußen bei den Bäumen?«, fragt etwas später eine gedämpfte Stimme hinter ihr. Jake sieht Davidoff an der Tür stehen, die haarigen Arme verschränkt. Einige der Waldführer behaupten, Davidoff sei vor dem Welken Spion des russischen Geheimdiensts gewesen, aber er ist klein und weichlich, mit Augen so stumpf wie zwei schmutzige Groschen, und Jake hat die angeblich in ihm schlummernde Bösartigkeit nie zu spüren bekommen.

»Meine Pilger haben sich heute sehr gut beteiligt, Sir«, sagt sie. »Viele gute Fragen. Und auch ein paar echte Offenbarungen.«

»Die neuen Patrouillen sind Ihnen doch nicht in die Quere gekommen, oder?«, fragt er mit stolzgeschwellter Brust. »Ich habe einige Fördermittel aufgetan, um die Anstrengungen zu verstärken, jetzt, wo sich die Plünderungen häufen. Wir fürchten, die Festländer könnten ins Resort eindringen.«

»Meine Pilger haben gar nichts davon gemerkt, und ich fühle mich viel sicherer, wenn ich weiß, dass sie da sind«, sagt Jake mit einem angespannten Lächeln. »Aber mir ist heute eine kleine Anomalie aufgefallen«, fügt sie so beiläufig wie möglich hinzu. »Eine leichte Nadelbräune an ein paar ansonsten unauffälligen Tannen in der Nähe der Mitarbeiterhütten. Sicherlich kein Grund zur Besorgnis, aber man sollte es untersuchen. Wenn Sie einverstanden sind, würde ich gern ein Mikroskop, ein paar Niederschlagsmesser und Material zum Entnehmen von Bodenproben ausleihen.«

»Sie werden sich doch nicht an unseren Altholzbäumen zu schaffen machen, oder?«, fragt er skeptisch. »Wenn die Waldaufseher draußen in der Kathedrale jemanden mit einem Mikroskop erwischen, verbannen sie ihn von der Insel, bevor ich auch nur Wind davon bekomme.«

»Nein, natürlich nicht«, erwidert sie und spürt bei der Lüge ein Zucken in den Eingeweiden. »Es ist überhaupt kein Altholz. Nur ein paar Bäume in der Nähe meiner Hütte, und ich will bloß meine Neugier befriedigen.«

»Ich weiß Ihr Interesse an unserem stattlichen Wald zu schätzen, Greenwood«, sagt Davidoff mit einem Lächeln, an dem seine stumpfen Augen nicht beteiligt sind. »Sie dürfen sich aus der Wartungshütte nehmen, was Sie brauchen. Aber ich brauche Sie morgen frisch und ausgeruht. Sie sind frühmorgens für eine Privatführung gebucht.«

»Ich?« Jake wird nie für Privatführungen gebucht, wahrscheinlich weil sie zehn Jahre älter ist als die anderen Führer und die Führungen immer von männlichen Pilgern gebucht werden. Ihr kommt der Prominente aus der heutigen Gruppe – Corbyn Gallant – in den Sinn, über dessen Besuch einige der Rekruten beim Abendessen atemlos gesprochen haben. »Von wem?«

»Das weiß ich nicht genau«, sagt er. »Aber man hat ganz oben in der Abteilung für Firmenkunden ausdrücklich nach Ihnen gefragt. Sie müssen morgen also bitte den guten alten Greenwood-Charme auspacken.«

Während Jake zur Wartungshütte eilt, bevor diese schließt, denkt sie an die unbelegten Berichte von Privatführungen, bei denen nicht namentlich genannte Waldführerinnen nach einem kurzen Spaziergang saudischen Solarzellenprinzen Fünftausend-Dollar-»Massagen« mit nach Zedern duftenden Ölen angedeihen ließen. Und in Anbetracht der Tatsache, dass ihre immer weiter steigenden Darlehenszinsen ihr zweiwöchentliches Gehalt in ziemlich genau einem Jahr vollständig aufzehren werden, muss sie zu ihrer Schande gestehen, dass sie wohl das Gleiche tun würde. Wie anders ihr Leben wäre, wenn sie in Familiengeld schwimmen würde wie Torey und die anderen Waldführer. Denn nichts macht einem so deutlich wie Armut, welcher Luxus Rechtschaffenheit eigentlich ist.

Das große Welken

Jacinda Greenwood ist acht Jahre alt, als sich ihre Mutter Meena Bhattacharya – Erste Bratschistin des Los Angeles Symphony Orchestra – nach einem Solokonzert in Washington auf dem Heimweg nach New York befindet. Dabei entgleist ihr Zug und stürzt auf die zwölf Meter darunter liegende stark befahrene Fernstraße. Helfer vor Ort finden ihren Körper auf dem Grünstreifen zwischen den Fahrspuren, die Lesebrille noch auf dem zertrümmerten Schädel. Der Tod ihrer Mutter lehrt Jake zu früh im Leben, dass der Mensch zerbrechlich ist und unser kurzes Leben in jedem Augenblick enden kann, unerwartet wie ein plötzlicher Windstoß, der eine Tür zuschlagen lässt.

Nach dem Tod der Mutter ist es, als wäre die Farbe aus Jakes Welt verschwunden. Sie isst kaum noch und spricht nur flüsternd. Sie wird nach Delhi geschickt, um bei ihren Großeltern aufzuwachsen, Beamten, die in einem Mittelklassevorort am Südrand der Stadt leben. Jake vermisst augenblicklich die USA. Die säuberliche Geometrie der Gehwege, der Klecks Ketchup auf einer Portion Pommes frites – jede Erinnerung ist wie ein Stachel in ihrem Fleisch, den sie nicht herausziehen kann. Vor allem aber vermisst sie den Klang des Bratschenspiels, ein beruhigendes Trillern, von jenem ihrer Stimme fast nicht zu unterscheiden.

Eine Woche nach ihrer Ankunft in Indien findet Jake einen Pappkarton auf ihrem Bett, auf dessen Seite ihre Mutter »Liam Greenwood« geschrieben hat. Meena hat ihr von ihrem Vater nur erzählt, dass er starb, während er in den USA illegal als Schreiner arbeitete, als Jake drei Jahre alt war. Vielleicht weil sie nie sein Gesicht gesehen hat, nicht einmal auf Bildern, stellt sie ihn sich als einen geradezu mythischen Holzfäller vor, selbst ein Mann wie ein Baum, mit einem strahlenden Halogenlächeln, kräftigen Schreinerhänden, kariertem Hemd und Sägespänen in den Haaren.

Während sie den Namen auf dem Karton anstarrt, fällt Jake etwas ein, was ihre Mutter ihr einmal gesagt hat. »Dein Vater war ein problembeladener Mensch«, behauptete sie mit derselben Güte, die sie auch den ärmsten Seelen der Stadt zuteilwerden ließ. »Aber er war ein guter Mensch. Und er hat versucht, am Ende alles gutzumachen. Er hat dir ein paar Sachen hinterlassen, die du bekommst, wenn du älter bist, und ein bisschen Geld für deine Ausbildung sowie eine Farm in Saskatchewan, für die ich noch keinen Käufer gefunden habe.«

Der vor Jake stehende Karton ist also eine Offenbarung, eine Zeitkapsel aus einer fernen, unerreichbaren Vergangenheit. Sie liest noch einmal den Namen ihres Vaters und malt sich aus, welche Wunder der Karton wohl enthält und wie diese Wunder all die finsteren Kreaturen verbannen könnten, die seit dem Tod ihrer Mutter in ihrem Inneren hausen. Doch nachdem sie endlich den Mut aufgebracht hat, ihn zu öffnen, findet sie kein Foto ihres Vaters, keinen Stapel Briefe und keine Tagebücher, die erklären würden, warum er sie nicht ein einziges Mal besucht hat oder was ihre Mutter mit »alles gutmachen« meinte. Stattdessen enthält er die vergilbte Urkunde über den Kauf eines wertlosen Stücks Farmland, ein paar altmodische Werkzeuge zur Holzbearbeitung, ein Dutzend Schallplatten ohne Etikett und ein Paar unbenutzt wirkender Arbeitshandschuhe. Ihre Großeltern haben keinen Plattenspieler, auf dem sie die Schallplatten laufen lassen könnte, doch ein paar Monate später legt sie sie bei einer Freundin auf und ist noch beleidigter, als sie feststellt, dass darauf nicht zu hören ist, wie ihre Mutter Geige spielt oder ihr Vater Gutenachtgeschichten vorliest, sondern nur eine Reihe eintöniger Gedichte, alle von demselben Mann auf die gleiche enervierende, übertrieben ausdrucksstarke Art vorgetragen.

Meena war ein Einzelkind, und weil Jakes Großeltern schon einmal ein perfektes Mädchen in die Welt entlassen hatten, nur um es auf unerklärliche Weise wieder zu verlieren, sind sie ihr gegenüber reservierter und schicken sie hinaus in den großen Garten hinter dem Haus, wenn sie jemanden zum Spielen sucht. Dort entdeckt sie den mehrstämmigen Banyanbaum, der sich über das ganze Grundstück verzweigt, achtunddreißig Stämme insgesamt, die irgendwie allesamt Teil eines einzigen Lebewesens sind, wie sie erfährt. Zuerst findet sie dieses fremdartige Labyrinth alligatorfarbener Blätter furchteinflößend, so als wäre es ein Monster, das sie verwirren und auffressen will. Aber da der Banyan ihr einziger Spielgefährte ist, kennt sie seine Umrisse bald besser als ihr Zimmer. Wenn sie nach der Schule ihre Aufgaben gemacht hat, verschwindet sie für Stunden mit ihren illustrierten Botanikbüchern, Teekanne und Teetasse im Baum, wo sie mit ihm spricht und sich seine Wurzeln vorstellt – eine Klaue mit vielen Fingern, die so tief hinunterreichen muss, dass sie die Seele der Erde selbst umklammert. Nach sechs Monaten fühlt sie sich nicht nur dem Banyan, sondern allen Bäumen verbunden und schwärmt mit einem Eifer für sie, den andere Mädchen für elfenbeinfarbene Hengste oder Bollywood-Herzensbrecher mit Stimmen wie Honig reservieren.

Das von ihrem Vater hinterlassene Ausbildungsgeld reicht glücklicherweise gerade aus, um für eine Internationale Schule aufzukommen, wo sie an einem Botanikkurs teilnimmt. Mit zehn Jahren hat sie sich den Inhalt ihres dendrologischen Nachschlagewerks eingeprägt. Mit elf kann sie auf Bildern eine Balsam-Tanne von einer Hemlock-Tanne, eine Eiche von einem Hornstrauch unterscheiden. Mit zwölf ist sie in der Lage, die gleiche Unterscheidung nur über ihr Gehör vorzunehmen, mit dem von YouTube stammenden Klang des durch die Blätter streifenden Windes als einzigem Hilfsmittel.

An ihrem vierzehnten Geburtstag überredet sie ihre Großeltern, sie in einem überfüllten Bus neun Stunden lang in nördlicher Richtung zu dem berühmten Waldforschungszentrum in Dehradun fahren zu lassen. Das von den Briten am Fuß des Himalajas geschaffene weitläufige Waldgebiet ist eine der ältesten Institutionen für Forstwissenschaft der Welt. Verschämt tritt sie mit von der Reise zerknitterten Kleidern Dr. Biswas, dem Leiter des Instituts, gegenüber, einem führenden Experten für die Pappel-Feige, die Baumart, unter der Buddha bei Bodhgaya meditiert hat. Jake hat viele Briefe voller Fragen an den Direktor verfasst, der von ihrer Wortgewandtheit ausreichend beeindruckt gewesen war, um sie zu einem informellen einwöchigen Aufenthalt am Institut einzuladen. In den Laboratorien, Herbarien und dem Arboretum sieht sie die unzähligen Arten, von denen sie bislang nur gelesen hat, mit eigenen Augen. In den darauffolgenden Jahren verbringt Jake immer die Woche um ihren Geburtstag dort, und nach ihrem Highschoolabschluss empfiehlt Dr. Biswas sie dem Fachbereich Botanik der University of British Columbia in Vancouver, einer baumreichen Stadt, in der, wie Meena einmal erwähnte, Jakes Vater gelebt hatte.

In Kanada verschreibt Jake sich, abgesehen von einer kurzzeitigen Verlobung mit einem anderen Biologiestudenten, ganz und gar Baumringen und Pfahlwurzeln, Polyploiden und Triploiden, Pollenverbreitung, Keimzellen, Samenanlagen und Vererbungslehre. Tag für Tag schwirrt ihr der Kopf vor neuen Einsichten. Sie ist nun überzeugt, dass ein wahres und vollständiges Verständnis der inneren Vorgänge in einem Baum der Schlüssel zu den Antworten auf all ihre Fragen ist. Dass selbst die undurchdringlichen Mysterien um Zeit und Familie und Tod gelöst werden können, wenn man sie nur durch die grün getönte Linse dieses einen herrlich komplexen Organismus betrachtet.

Als sie vier Jahre später an der Universität von Utrecht ihren Ph. D. macht – einen Abschluss, den ihr ein vertracktes Gerüst aus Studentendarlehen, Stipendien und Kreditkartenzauberei ermöglicht, das bis zu diesem Tag auf den Servern von Inkassounternehmen ruht –, stößt sie in dendrologischen Fachzeitschriften und Forschungsberichten auf die ersten Spuren dessen, was sich zum Großen Welken ausweiten wird. Während weltweit immer mehr Primärwälder absterben, trocknet der Boden aus, weil es keine Bäume mehr gibt, die ihn vor der beißenden Sonne schützen, und es entstehen tödliche Wolken aus Staub so fein wie Mehl, die das Land ersticken – so wie sie es während der verheerenden Stürme der Dust Bowl getan hatten. Doch diesmal in weit größerem Maßstab, sie begraben selbst die größten industriellen Landwirtschaftsbetriebe unter sich und halten ganze Städte in ihrem Würgegriff.

Jake war inzwischen nach Nordamerika zurückgekehrt und hatte in Boulder, Colorado, ein Paper zur Kommunikation küstennaher Douglastannen über Duftstoffe vorgestellt, als der größte Baum der Welt, der als General Sherman bekannte nordkalifornische Mammutbaum, bei mäßigem Wind der Länge nach gespalten wird, und die, wie sich zeigt, pilzdurchsetzten Hälften seines Stamms krachend auf den Waldboden fallen. In ökologischer Hinsicht ist es kein großer Verlust – viele der Mammutbäume, darunter einige ebenso alte, bleiben stehen –, doch die finstere Symbolik des Ereignisses wirkt sich auf die Ökonomie aus und führt im Zuge des Welkens zum wirtschaftlichen Zusammenbruch. Landwirtschaftsbetriebe machen Konkurs, der Aktienmarkt bricht ein, die Arbeitslosenzahlen steigen, unkontrollierte Waldbrände, Ausschreitungen und Plünderungen sind an der Tagesordnung, und die einzig mögliche Reaktion ist schiere Verzweiflung.

Jake, deren Bankkarte nunmehr nutzlos ist, fährt per Anhalter von Boulder nach Norden und bettelt um Nahrung, ein feuchtes T-Shirt vor das Gesicht gebunden, damit sich der Staub nicht in den Lungen festsetzt. Sie schläft in Autobahnraststätten, und als sie schließlich die kanadische Grenze erreicht, zittert sie vor Hunger. Glücklicherweise steckt das Welken noch in seinen Anfängen, und weite Teile der Grenze werden bisher nicht verteidigt, weshalb Jake, streng genommen einer der ersten Klimaflüchtlinge, sie ungehindert passieren kann. Kurz vor einem Ort namens Estevan, Saskatchewan, findet sie die Farm, die ihr Vater ihr vermacht hat. Zwar wurden die meisten der Gebäude geplündert, sogar die Holzverkleidungen gestohlen, und die Felder sind von knöcheltiefen Staubverwehungen bedeckt, doch wundersamerweise kommt aus dem Brunnen neben einer alten Weide noch klares Wasser, und der Sturmkeller der Farm ist unversehrt. Jake igelt sich einen Monat lang dort ein, isst abgelaufene Konservengerichte, schläft und kommt wieder zu Kräften. Eines Abends hört sie die Stimmen von Menschen, die die Ruinen über ihr durchkämmen. Jemand versucht sogar, die Kellertür zu öffnen, aber Jake hat sie mit einer Eisenstange verrammelt, und irgendwann geben sie auf und verschwinden.

Am nächsten Morgen läuft sie durch den erstickenden Staub zu den Bahngleisen bei Estevan, wo sie auf einen riesigen Waggon voller fabrikneuer Autos klettert, alle mit weißem Plastik abgedeckt. Zwölf Mercedes, die sich aus irgendeinem Grund immer noch verkaufen, während Menschen verhungern und mit blässlich blauen Gesichtern am Straßenrand ersticken. Sie findet eine offene Autotür und setzt sich auf die grauen Ledersitze. Der Neuwagengeruch ist so heftig, dass sie augenblicklich Kopfschmerzen bekommt. Der elektronische Schlüssel liegt im Handschuhfach, und so kann sie auf ihrer Reise nach Westen Radio hören, den Sitz umlegen, die Heizung einschalten und die Scheibenwischer betätigen, wenn die Staubschicht zu dick wird. Innerhalb von zwei Tagen erreicht sie auf dem Waggon Vancouver, doch ihre ehemalige Universität ist verwüstet. Sie holt einige Sachen, die sie dort zurückgelassen hat, darunter der Karton von ihrem Vater, und auf der Bank kann sie auf ihre restlichen Ersparnisse zugreifen. Dort erfährt sie, dass das Studentendarlehen, das sie von einem Professorengehalt zurückzuzahlen hoffte, das Welken überdauert hat. Sie nimmt sich ein billiges Hotelzimmer, aber Lebensmittel sind unglaublich teuer geworden, und ihr droht die Privatinsolvenz, wenn sie nicht anfängt, ihre Schulden zu tilgen. In ihrer Verzweiflung bewirbt sie sich für ein nur vage beschriebenes Projekt auf einer Insel nordwestlich der Stadt. Obwohl sie für die Pflichten einer Waldführerin in der Baumkathedrale von Greenwood deutlich überqualifiziert ist, ist sie überzeugt, dass der Grund dafür, dass Holtcorp ihre Bewerbung aus einem Stapel von vermutlich Tausenden gezogen und sie so vor einem Leben inmitten von Rippenwürger und staubumflortem Elend – und, am allerschlimmsten, einem Leben ohne die stützende Gemeinschaft der Bäume der Insel – bewahrt hat, vor allem in dem erschreckend bedeutungslosen Zufall ihres Nachnamens zu suchen ist.

Lachs auf Zedernholz

Jake erreicht die Wartungshütte, kurz bevor diese schließt, und leiht ein Mikroskop, drei Niederschlagsmesser und ein Set zum Sammeln von Bodenproben aus. Es wäre unmöglich, die Bäume während einer ihrer Führungen zu vermessen, also wird sie sich nach Feierabend in den Primärwald davonstehlen müssen. Weil sie am Morgen eine Privatführung hat, beschließt sie, es auf einen anderen Abend zu verschieben, und begnügt sich mit einem kurzen Spaziergang zum Ozean, um zur Ruhe zu kommen und sich dann früh schlafen zu legen.

Der Wind ist lebhaft und der Himmel mit Sternen gepixelt, als sie den Weg zum Kai entlanggeht, wo die Lastkähne festmachen. Sie kommt an einer Gruppe indonesischer Zimmermädchen vorbei und riecht den Duft des Bio-Zedernöls, das sie in den Gästevillen versprühen, aber erst nachdem sie sie mit chemischen Reinigern geschrubbt haben. Am Wasser bleibt Jake stehen und sieht zu, wie vier salvadorianische Hausmeister schweigend eine Reihe Whirlpools mit Blick auf die Bucht reinigen. Auch wenn ihr die anderen Angestellten immer freundlich zunicken, ist ihr zu Ohren gekommen, dass sie unter ihnen für Verwirrung sorgt. Obwohl Jakes Haut so braun ist wie ihre, trägt sie aus irgendeinem Grund denselben Namen wie die Baumkathedrale und die Insel selbst – und bekommt trotzdem das gleiche magere Gehalt wie sie. In ihren Augen deutet das auf einen kaum vorstellbaren Niedergang hin.

Jake sieht zu, wie einer der Hausmeister mit einem Kescher einen toten Frosch aus dem dampfenden Wasser des Whirlpools zieht. Sogar aus der Ferne erkennt sie, dass das Chlor den ehemals smaragdgrünen Frosch zu einem blassen Bohnengrün gebleicht hat, und der Anblick bereitet ihr Übelkeit. Als sie sich auf den Rückweg machen will, kommt eine Gruppe schwarzgekleideter Waldaufseher herbei und umstellt einen der Hausmeister, der gerade eine selbst gedrehte Zigarette raucht, was gegen die strengen Feuerschutzrichtlinien der Kathedrale verstößt. Seine Begleiter senken die Köpfe und händigen ihre Werkzeuge den Waldaufsehern aus, die ihre kurzläufigen Pistolen auf sie richten und sie nach Schmuggelware durchsuchen. Jake, die fürchtet, zu der wissenschaftlichen Ausrüstung befragt zu werden, entschlüpft unbemerkt auf den Pfad, während die Waldaufseher den Übeltäter davonzerren, um ihn in den nächsten Frachter zum Festland zu setzen.

Zurück an ihrer Hütte, ist es bereits dunkel. Dort wartet Corbyn Gallant, den Blick tief in sein Telefon versenkt. Er hat sich nicht rasiert, aber seine Leafskin-Jacke gegen ein teures Hemd aus festem Chambray-Stoff getauscht.

»Haben Sie sich verlaufen, Sir?«

Corbyn Gallant hebt den Blick und wirkt kurz kindlich, als seine Augen sich neu fokussieren. »Wenn das mal nicht die Herrin der Bäume ist«, sagt er, als wären sie alte Freunde. »Ich habe noch ein paar wichtige Fragen, die ich Ihnen gern stellen würde.«

»Ich soll mich nicht nach Feierabend mit Pilgern treffen«, sagt sie und sieht sich nach den Waldaufsehern um. »Wie wäre es morgen um dieselbe Zeit am Ausgangspunkt des Pfads? Dann können wir über das ganze Altholz reden, das ich Ihnen zu absurden Preisen verkaufen werde.«

»Eigentlich hatte ich ja gehofft, wir könnten das bei einem Drink bei Ihnen zu Hause besprechen, aber ich weiß nicht, ob wir beide da reinpassen«, sagt er und begutachtet die Reihe kleiner Mitarbeiterhütten. Eigentlich sind es nur bessere Geräteschuppen, deren Schäbigkeit das Resort vor den Pilgern zu verbergen versucht, indem sie sie auf der weniger hoheitsvollen Hälfte der Insel versteckt, wo die Bäume vergleichsweise jung und dürr sind. »Aber ich muss sagen, die Bäume hier sehen eher nach meiner Preisklasse aus als die, die Sie mir heute Nachmittag gezeigt haben.«

»Das steht nicht in der Broschüre«, sagt Jake mit gesenkter Stimme, »aber diese Hälfte der Insel ist 1934 komplett niedergebrannt. Nach dem Feuer war von den Bäumen am Rand dieses Bereichs nur noch ein einziger verkohlter Ring übrig – weswegen ich Ihnen leider mitteilen muss, dass die Kathedrale nur zur Hälfte aus echtem Primärwald besteht.« Es fühlt sich gut an, ein wenig Wahrheit zu riskieren, eine Erleichterung nach einem Tag vorgeschriebenen Redeprogramms.

»Ich verrate es keiner Menschenseele«, sagt er und legt die Hand auf sein Herz. »Wie wäre es dann mit meiner Villa?«

Jake spürt, wie sich ihr Rückgrat versteift. Es ist den Waldführern untersagt, die Villen zu besuchen. Aber Corbyn muss die Privatführung gebucht haben, von der Davidoff ihr erzählt hat. Und selbst wenn nicht, kann Jake immer noch die Unwissende spielen und sich herausreden, wenn sie erwischt werden sollte. Aber sich nach Feierabend in ihrer Waldführeruniform in die Nähe der Villen zu begeben, hieße, es auf eine Begegnung mit den Waldaufsehern anzulegen.

»Warten Sie kurz«, stößt sie hervor und schlüpft in ihre Hütte, um ihre Uniform – eine Mischung aus Pfadfinderoutfit und der technischen Bekleidung einer Fitnesstrainerin – gegen das grüne Prada-Kleid zu tauschen, das sie schon immer einmal tragen wollte. Um ihre Pilgerverkleidung zu vervollständigen, streift sie ihre Leafskin-Jacke von der Kathedrale über. Wieder draußen bei Corbyn, atmet sie tief durch und sucht den Pfad rasch nach Waldaufsehern ab, bevor sie sich auf den Weg zu seiner Hälfte der Insel machen.

Mit der feinen Holzrahmenkonstruktion und dem unverstellten Blick auf den Ozean ist Villa zwölf die luxuriöseste und begehrteste Unterkunft der Insel und stets auf Jahre ausgebucht. Die kanadische Premierministerin, die heute allgemein als der mächtigste Mensch der Welt gilt, hat im vergangenen Jahr mit ihrer Familie dort gewohnt.

»Ich denke über einen Umzug nach«, sagt Corbyn, während er die Tür mit den aufwendigen Holzintarsien über sein Telefon entriegelt und sie aufschiebt. »Also wollte ich Kanada einmal ausprobieren.«

Jake folgt ihm nach drinnen und denkt an Knuts Tirade darüber, wie gern die amerikanische Elite davon redet, nach Kanada auszuwandern, vor allem dann, wenn eine Wahl einmal nicht nach ihrem Geschmack ausgefallen ist. Aber seit dem Welken und nachdem die einstmals mächtigen Grundwasserträger Amerikas geleert wurden, haben viele tatsächlich Ernst gemacht und die nicht Mobilen und Armen im Staub zurückgelassen. Angesichts Russlands Hang zum Totalitarismus und dem kürzlich erfolgten Putsch in Neuseeland ist das wasser- und baumreiche Kanada zum Panikraum der Welt geworden. Heute wimmeln die Straßen ehemals unbeachteter Orte wie Moose Jaw, Vernon, Thunder Bay, Chicoutimi und Dartmouth von Filmstars, IT-Giganten und Investmentbankern. »Und so«, sagte Knut einmal, »ist Amerikas höfliche und heimelige Schwester, einstmals als eine Lagerhalle für natürliche Rohstoffe in der Größe eines Landes betrachtet, als eine große, unerschöpfliche, auf dem Dachboden von Amerika verstaute Vorratskiste, zur weltweit ersten Adresse geworden.«

Corbyn führt sie kurz herum, und sie kann nur mit Mühe verbergen, wie beeindruckt sie ist. Wo ihr Blick hinfällt, stehen die feinsten Möbel aus dänischem Teakholz, und es gibt einen richtigen Kamin, in dem echtes Feuer brennt, und an der Nordwand ein riesiges Bücherregal, in dem sicherlich tausend Bücher aus echtem Papier stehen – alles umgeben von schönen Altholzpfosten und einer vermutlich unbezahlbaren Balkenkonstruktion. Der Luxus im Inneren der Villa scheint keine Grenzen zu kennen, aber am meisten beeindrucken sie die Papierbücher. Sie scheinen fast alle aus der Zeit vor dem Welken zu stammen und decken jedes erdenkliche Thema ab. Nachdem die meisten Bücher eingestampft wurden, um Holzfasern für unentbehrliche Dinge wie Staubmasken, Luftfilter und Geldscheine zu gewinnen, sind die verbliebenen im Wert gestiegen. Vor fünf Jahren hätte Jake an ihrem Geburtstag um ein Haar die Hälfte ihrer Ersparnisse für ein wunderschönes illustriertes Botanikbuch ausgegeben, doch dann hat sie es sich in letzter Sekunde anders überlegt. Heute ist das Buch das Dreifache dessen wert, was sie damals bezahlt hätte.

»Schön retro, oder?«, sagt Corbyn und schenkt ihnen an der Arbeitsplatte zwei Gläser Bourbon ein – Basil Hayden’s, pur, die Marke, die sie kaufen würde, wenn sie es je zu Geld brächte. Als in den Anfängen des Welkens katastrophale dendrologische Daten aus allen Ecken der Welt zu ihrem Laptop durchsickerten, blieb Jake nichts anderes übrig, als Old Fashioneds zu trinken und sich raubkopierte Folgen der BBC-Serie Planet Erde anzuschauen. Die Zeitrafferaufnahmen, bei denen vom Weltraum aus gefilmt wurde, wie die einst so riesigen Laub abwerfenden Wälder die Farbe wechselten – von Grün zu Rotgold zu Braun zu Grün –, entrangen ihr ein Schluchzen, das ihren ganzen Körper erzittern ließ, bis sie irgendwann wegdämmerte, sei es aufgrund von Dehydration, Trunkenheit oder Verzweiflung.

Corbyn schiebt einige Tannenholzscheite in den Kamin, und sie machen es sich auf dem mit Wolle bezogenen Sofa bequem und stoßen an, während ihnen das Feuer die Schienbeine wärmt. Diese Wärme ist anders als die elektrische, die sie gewohnt ist, voller, durchdringender. »Oh, und ich muss Sie bitten, Ihr Telefon auszuschalten«, sagt er.

Sie klopft die nicht vorhandenen Taschen ihres Kleids ab. »Ich habe keins«, sagt sie und setzt beinahe hinzu: Bei meiner Kreditwürdigkeit bekomme ich nicht mal ein Klapphandy.

Sein Gesicht nimmt einen theatralischen Ausdruck an, wie man ihn in den letzten Bildern eines rührseligen Films sieht. »Das ist ja wirklich bezaubernd«, sagt er, als wäre sie ein vorlautes Kind, das versehentlich etwas Schlaues gesagt hat. Dann deutet er auf das Regal. »Sie würden wahrscheinlich lieber noch Papierbücher lesen, was?«

»Schuldig im Sinne der Anklage«, sagt sie.

Corbyn rückt etwas näher an sie heran und lässt sich eine Zeit lang über die Gefahren der Technik aus, um ihnen anschließend über sein Telefon etwas zu essen aus dem Bistro des Resorts zu bestellen. Bevor der Kellner den Servierwagen mit Lachs auf einem Zedernholzbrett in die Küche schiebt, versteckt sich Jake in dem wunderschön gefliesten Bad.

Corbyn hat zwei dünnwandige Kristallkelche mit Wein gefüllt, und sie setzen sich zum Essen. Sie probiert zuerst den Salat aus lila Urtomaten und seidig weichen grünen Blättern. Sie hat seit Jahren keinen Lachs gesehen oder gegessen, nicht seit das Welken alle Laichgewässer ausgetrocknet hat und die strebsamen Fische im Ozean verschmachten mussten. Die Filets sind mit Knoblauch, Balsamessig und echtem Ahornsirup glasiert – noch eine ausgefallene Köstlichkeit. Die fettigen Schichten des rubinroten Lachsfleisches sind markant und haben, wie ihr auffällt, große Ähnlichkeit mit einer Holzmaserung, insbesondere der von Douglastannen. Die Biologin in ihr liebt solche Wachstumsparallelen. Wie beharrlich Organismen Gewebe bilden, Schicht für Schicht, Jahr für Jahr.

Nach dem Essen sieht Corbyn mit zusammengekniffenen Augen auf seine Rolex und führt sie wieder zum Sofa, wo sie sich küssen. »Tut mir leid, dass ich das ansprechen muss«, unterbricht er kurz darauf, und sie spürt den Hauch seines weinsauren Atems an ihrem Ohr. »Aber ich will, dass wir ganz ehrlich zueinander sind.«

»Natürlich«, sagt sie unsicher.

»Ich muss dir etwas gestehen, und es ist ein wenig peinlich.« Er atmet tief durch. »Aber mein Arzt hat mir wegen einer starken Latexallergie verboten, Kondome zu benutzen. Du willst nicht sehen, was passiert, wenn ich es doch tue. Ich muss dich darum fragen: Bist du gesund?«

Beinahe sagt sie: Ich bin womöglich eine lebende Petrischale voller Krankheiten aller Art, denn Holtcorp finanziert zwar allen Mitarbeiterinnen die Spirale, aber keine wirkliche Gesundheitsversorgung, weshalb ich seit dem Studium bei keinem richtigen Arzt gewesen bin, also wer weiß? Aber sie amüsiert sich gut und kann den Gedanken nicht ertragen, in ihre enge, düstere Hütte zurückzukehren, daher lacht sie und sagt. »Natürlich. Und du?«

Er lacht. Ob das heißt: Natürlich bin ich gesund, oder: Natürlich nicht, aber das wird dich nicht abhalten, ist unklar. Doch solange er sich keine großen Entgleisungen leistet, kann sie es ebenso gut tun. Warum auch nicht? Angesichts eines Schuldenberges und drängender ökologischer Verzweiflung verspricht bedeutungsloser Sex eine gewisse Erleichterung. Gewiss würde sie eine längere Beziehung einem wohl eher kurzen Techtelmechtel mit Corbyn vorziehen, aber wie kann in einer so ruinierten Welt überhaupt etwas Bestand haben? Einer Welt, in der sich Nacht für Nacht Tausende von Kindern zu Tode husten und nicht einmal die mächtigsten Bäume überleben können?

»Für dich als Frau muss das schwierig sein«, sagt Corbyn, als sie hinterher unter einer unfassbar weichen Kaschmirdecke auf dem Sofa liegen, »so viel Wissen und so viel Leidenschaft für etwas mitzubringen und dann Idioten wie mich durch diesen wunderschönen Wald führen zu müssen.« In seinem Grinsen liegt die Gewissheit, dass diese clevere Aussage ihn als das Gegenteil von einem Idioten ausweist.

Jake atmet tief durch. Anders als Knut wählt sie ihre Worte mit Bedacht, vor allem wenn sie mit Pilgern spricht. »Ich darf hier wohnen«, sagt sie, »kann einen Beruf ausüben, der mich erfüllt, und muss mich nachts nicht in den Schlaf husten. Dafür bin ich dankbar.«

»Aber irgendwie muss es dich doch stören?«

»Es ist ein besseres Leben, als ich oder irgendwer, den ich kenne, je erwarten könnte«, sagt sie. »Von dir wahrscheinlich abgesehen.«

Ein Lächeln breitet sich langsam auf seinem Gesicht aus. »Weißt du, was? Ich beneide dich«, verkündet er leicht ungläubig, als wäre das eine köstlich absurde Aussage.

Dann gib mir hundertfünfzigtausend Dollar, denkt sie. Für den Gegenwert einer einzigen Urlaubsreise von dir kannst du mein Leben hier und jetzt geradebiegen. Stattdessen sagt sie: »Ach nein, sag das nicht.«

»Nein, das ist mein Ernst. Hier leben? Auf dieser Insel, in diesem Wald, und tun, was man liebt. Und echte Papierbücher lesen, ohne Telefon! Du führst ein gutes, einfaches Leben.«

Ein einfaches Leben? Fast hätte Jake spöttisch aufgelacht. Während sie im Laufe ihres Studiums den verschiedenen hauptsächlich aus selbstgefälligen Männern in Tweedjacketts bestehenden Prüfungskomitees gegenüberstand, hat sich ihr Abscheu gegenüber jeder Art von gönnerhafter Herablassung verfestigt. »Wozu auch ein einfacher Geist gehört, meinst du?«, sagt sie jetzt und bereut es sofort.

Corbyns Gesicht verzerrt sich zu einer Miene übertrieben heftigen Schmerzes, so als würde ein Mann in einem Film vom Tod seiner Frau erfahren. »Ich habe dich beleidigt, und das tut mir leid.«

Es ist nicht wert, sich deswegen zu streiten, also nimmt sie seine Entschuldigung an und lässt dann zu, dass sich das Gespräch hin zu Feldern bewegt, die er bestimmt: das große Versprechen der ökologischen Innovation, die gefährliche und doch unwiderstehliche Verlockung der sozialen Medien, die lachhaft geringe Anpassungsfähigkeit der menschlichen Erfindungsgabe. Es scheint kein Thema zu geben, das ihn nicht interessiert, allem nähert er sich mit dem gleichen Anstrich jungenhafter Begeisterung.

»Willst du denn trotzdem die Privatführung morgen früh?«, sagt sie eine Stunde später, nachdem sie noch einmal miteinander geschlafen haben und sie schon über den Weg durch den Wald nachdenkt, um so spät in der Nacht unbemerkt zu ihrer Hütte zurückzukommen.

»Wovon sprichst du?«, sagt er und sieht auf die Uhr. »Ich fliege morgen ganz früh nach Nunavut und nehme an einer Heilzeremonie bei weisen alten Inuit unter dem Nordlicht teil. Das wird mein Leben für immer verändern.«

Ihre eigene Geschichte

Um sieben Uhr am nächsten Morgen erscheint Jake zu der reservierten Privatführung und stößt auf ihren ehemaligen Verlobten.

»Findest du das genauso verrückt wie ich?«, sagt Silas und streckt ihr die Hand entgegen.

Es ist dreizehn Jahre her, dass Jake den einfachen Flug von Vancouver in die Niederlande gebucht hat, nicht ohne Silas vorher den Verlobungsring zurückzuschicken – ohne eine Karte oder auch nur ein einziges Wort der Erklärung. Das ist also aus Jakes Vorhaben geworden, ihn niemals wiederzusehen – und aus ihrem langgehegten Glauben, das Welken habe die Wahrscheinlichkeit einer versehentlichen Wiederbegegnung auf null reduziert.

»Was für eine Überraschung«, sagt Jake und nimmt seine weiche, mit Feuchtigkeitscreme gepflegte Hand in ihre, was eine hastige, blutleere Umarmung nach sich zieht.

Niemand aus ihrem Leben vor dem Welken hat je die Insel besucht, und Silas’ Erscheinen kommt ihr unwirklich vor, so als wäre er gerade in einen ihrer Träume spaziert. Doch neben dem Wasserfall aus Schuld, der in ihren Ohren donnert, verspürt Jake auch ein Stechen der Scham, von jemandem, den sie einmal bewundert hat, in solch niederen Umständen angetroffen zu werden, so als wäre sie dabei ertappt worden, wie sie sich in der lächerlichen Verkleidung ihrer Uniform in einem albernen Themenpark am Ende der Welt versteckt hält.

Nach der Umarmung stehen sie einen Augenblick lang verlegen da und überlegen, wie es nun weitergehen soll.

»Hör zu, Silas«, unterbricht Jake ihn, als er selbst gerade zum Sprechen ansetzen will, »ich verstehe es vollkommen, wenn du lieber eine andere Führerin willst.«

»Soll das ein Witz sein?«, sagt Silas mit einer wegwerfenden Handbewegung, und ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. »Wer wäre besser geeignet als du, mich durch diesen wunderbaren Wald zu führen, von dem alle sprechen?«

»Okay …«, sagt Jake zögernd und müht sich, ihre professionelle Fassade aufrechtzuerhalten. Auch wenn er der letzte Mensch auf Erden ist, mit dem sie freiwillig die nächsten Stunden verbringen würde, ist er doch immer noch ein Pilger – und ihre Stelle hängt von seiner Zufriedenheit mit der Führung ab. »Dann legen wir los.«

Nachdem sie die erste der einstudierten Ansprachen gehalten hat, lässt Jake Silas auf dem sich verjüngenden, gewundenen Pfad durch das Baumlabyrinth vorangehen. Kleidung aus seidig glänzendem Leafskin-Stoff, ein im Fitnessstudio trainierter Körper, Haut, die so gepflegt ist, dass sie zu leuchten scheint – das Welken war nachsichtig mit Silas. Wahrscheinlich ist er inzwischen ein führender Holtcorp-Wissenschaftler, der sich zur Erholung in einem der firmeneigenen Resorts eingemietet hat. Aber dann kommt Jake der flüchtige Gedanke, dass er gar nicht besonders überrascht wirkte, sie zu sehen. Hat er Jake doch bewusst ausgewählt? Nur um sich ein paar Stunden lang überlegen zu fühlen und ihr zu beweisen, was für einen katastrophalen Fehler sie begangen hat?

Sie hatten sich in Jakes erstem Jahr an der UBC bei einer Vorlesung in Earth Sciences kennengelernt. Silas, ein glühender Umweltschützer, nahm sie zu Benefizveranstaltungen und Dokumentarfilmvorführungen mit – und errettete sie so unwissentlich aus einsam in ihrem Studentenwohnheim verbrachten Wochenenden, an denen sie durch botanische Texte blätterte und Aststrukturen bewunderte wie modische Kleider. Er war klug, schlagfertig, ohne sarkastisch zu sein, und innerhalb weniger Monate war zwischen ihnen eine so starke Verbindung entstanden, dass sie sich fühlten wie zwei Organismen, die sich symbiotisch entwickelt hatten und ohne einander nicht überleben konnten. Bald nahm Jake an den überreichlichen Geburtstagen und Jubiläen teil, die Silas’ große, wohlhabende Familie in endloser Folge zu feiern schien. Sie kam sich wie eine Landstreicherin vor, die sich in ihre Skihütten und Häuser am See verirrt hatte, wenn sie seinen Eltern und seinen fünf Geschwistern dabei zusah, wie sie gemeinsam Mahlzeiten zubereiteten, um sie anschließend unter fröhlichem Geplauder einzunehmen. Jake, die so einsam aufgewachsen war, verblüffte Silas’ Familienleben, und diese Faszination war bald untrennbar mit ihren Gefühlen für ihn verbunden. Silas hatte glücklicherweise genug Intuition, um Jake nie nach ihrer Vergangenheit zu fragen. Ihre Gespräche drehten sich um Emissionszertifikate, Umweltzerstörung und das Krebsgeschwür, das der Lobbyismus der Ölmagnaten war – es war die idyllische Zeit vor dem Welken, als man noch glaubte, die Katastrophe lasse sich durch wohlmeinendes, wohlüberlegtes Engagement vereiteln. Mit dem Näherrücken ihres Abschlusses wuchs Silas’ Nervosität angesichts der drohenden räumlichen Trennung. Er machte ihr einen Heiratsantrag und nahm Jake das Versprechen ab, sie würden sich für geografisch kompatible Graduiertenkollegs entscheiden. Jake willigte ein, und eine Zeit lang war sie mit der Entscheidung zufrieden. Doch als ihr eine Stelle bei einem wegweisenden Forscher in Utrecht und Silas ein Vollstipendium an der University of California angeboten wurde, musste Jake eine Entscheidung treffen: Silas oder die Bäume. Ihre panische Reaktion bestand darin, seine Anrufe, Textmitteilungen und E-Mails komplett abzublocken und sich bei ihrer Abreise in die Niederlande nur von Fremden zum Flughafen begleiten zu lassen.

Kurz gesagt, Jake hatte sich für die Bäume entschieden.

»Gott, wie ich das vermisst habe«, sagt Silas, nachdem sich der Pfad verbreitert hat und sie nebeneinander gehen. »Sonnenschein, Sauerstoff, Erde, Wasser – der Rohstoff des Lebens.«

»Silas«, setzt sie leise an. »Ich weiß, ich habe das damals nicht gerade auf die beste Art und Weise beendet –«

»Du musst dich nicht entschuldigen, Jake. Das ist lange her. Und du hast getan, was du tun musstest. Ich freue mich einfach nur zu sehen, dass du dein Talent verwirklichen konntest.«

Sie bedankt sich bei ihm und betrachtet seine Aussage durch ein mentales Mikroskop, sucht sie nach Spurenelementen von Bitterkeit oder Herablassung ab, findet aber keine.

»Um ehrlich zu sein, habe ich heute Morgen halb damit gerechnet, dass du anfängst zu schreien und in die andere Richtung davonrennst, wenn du mich siehst.« Also wusste er doch, dass ich es bin, schießt es Jake durch den Kopf. »Ich bin froh, dass du es nicht getan hast. Es ist eine Erleichterung, dass du an einem so schönen und sicheren Ort gelandet bist.«