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Manchmal sind die Menschen, denen man vertraut, diejenigen, vor denen man Angst haben sollte ...
Seit dem plötzlichen Tod ihres Sohnes vor drei Monaten träumt die Journalistin Charlotte Cates nachts von Kindern, die sie um Hilfe anflehen. Sie glaubt, langsam den Verstand zu verlieren. Da wird ihr ein Buchprojekt über den ungelösten Fall des jungen Gabriel Deveau angeboten. Gabriel, Erbe eines wohlhabenden Südstaaten-Clans, wurde als Kleinkind entführt und wird seitdem vermisst. Charlie erkennt in ihm den Jungen aus ihren Träumen wieder. Kurzentschlossen nimmt sie den Auftrag an und reist nach Louisiana, um mehr über Gabriel herauszufinden. Doch sie ahnt nicht, welch dunkle Geheimnisse sich hinter der prächtigen Fassade des Anwesens der Familie Deveau verbergen.
Der Roman erschien im Original unter dem Titel The Gates of Evangeline.
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Seitenzahl: 644
Veröffentlichungsjahr: 2025
Grußwort des Verlags
Über dieses Buch
Titel
Widmung
Motto
Prolog
Teil 1
1
2
3
4
5
Teil II
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
Teil III
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
Danksagung
Über die Autorin
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Impressum
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Seit dem plötzlichen Tod ihres Sohnes vor drei Monaten träumt die Journalistin Charlotte Cates nachts von Kindern, die sie um Hilfe anflehen. Sie glaubt, langsam den Verstand zu verlieren. Da wird ihr ein Buchprojekt über den ungelösten Fall des jungen Gabriel Deveau angeboten. Gabriel, Erbe eines wohlhabenden Südstaaten-Clans, wurde als Kleinkind entführt und wird seitdem vermisst. Charlie erkennt in ihm den Jungen aus ihren Träumen wieder. Kurzentschlossen nimmt sie den Auftrag an und reist nach Louisiana, um mehr über Gabriel herauszufinden. Doch sie ahnt nicht, welch dunkle Geheimnisse sich hinter der prächtigen Fassade des Anwesens der Familie Deveau verbergen.
HESTER YOUNG
Das Flüstern der Erinnerung
Aus dem amerikanischen Englisch von Stefanie Zeller
Für meine Großmutter,
Margaret Gibbons Young (1921–2009),
und ihren Sohn
Robert Gibbons Young (1951–1956)
Offen doch hielt das Herz der Evangeline ein Traumbild,
das vor den Augen ihr schwamm
und winkte im traulichen Mondlicht:
eine Zaubergestalt vom eignen Gehirne erschaffen.
Dieses schattige Dach hatt’ Gabriel sicher durchrudert –
jeder Ruderschlag bracht sie näher und näher dem Liebsten.
Henry Wadsworth Longfellow, Evangeline – Amerikanische Idylle
Ich merke nie genau, wann es passiert. Es beginnt langsam – die verführerische Dunkelheit, mein Gesicht und meine Glieder, die zu etwas Schwerelosem und Verschwommenem werden. Wie Koffein breitet sich dann das Bewusstsein in mir aus. Meine Sinne erwachen.
Dieses Mal ist da Wasser. Ein leises Pscht, zu beiden Seiten von mir.
Ich warte. Versuche mich zu orientieren. Sitze ich in einem Boot?
Die Dunkelheit lichtet sich, ein Bild erscheint. Sumpf. Ich sitze in einem Ruderboot, einem Kanu vielleicht, und treibe durch braunes Wasser und grüne Algenwolken. Um mich herum sehe ich tote Blätter, verrottete Äste, die sich wie Finger biegen, halb versunkene Bäume, die sich nach oben kämpfen. Zu meiner Rechten bewegt sich etwas. Wachsame grüne Augen, die zu mir hochspähen. Ein Alligator.
Ich treibe dahin, versuche das Licht zu lesen, ein Gespür für die Zeit zu bekommen. Ist es Morgen? Abend? Der Sumpf ist sonnenlos und trübe, bietet keine Hinweise.
Ich spüre ihn schon, bevor ich ihn sehe. Jemand ist bei mir. Eine kleine Gestalt in einem weißen Hemd sitzt mir gegenüber in dem Boot. Sein Gesicht erscheint wie durch Nebel hindurch, verschwommene Flecken, die plötzlich Gestalt annehmen. Ist er es? Ist es Keegan?
Die Enttäuschung versetzt mir einen Stich, als ich den Jungen sehe, der jünger ist als mein Sohn. Er ist sehr klein und hat dürre Glieder. Zwei, vielleicht drei Jahre alt. Wangen, in die man reinkneifen möchte, und längeres braunes Haar.
Er lächelt, als wäre er erleichtert, mich zu sehen. Dabei ist ein angeschlagener Zahn zu erkennen. Ich habe das Gefühl, dass er auf mich gewartet hat.
Wer bist du?, frage ich.
Jo-Jo, sagt er, als müsste ich ihn erkennen. Als ich es nicht tue, versucht er zu erklären. Ich habe in dem großen weißen Haus gewohnt. Ich hatte ein Hündchen.
Ich bemerke die Vergangenheitsform mit einem Stirnrunzeln. Wosind wir? Suchend blicke ich mich nach etwas Vertrautem um, etwas, das ich wiedererkenne. Doch dieses sumpfige Gelände ist mir fremd.
Das Lächeln des Jungen schwindet, und seine Augen suchen meine. Wirst du mir helfen?
Er ist so jung; seine Stimme ertastet sich jeden einzelnen Satz.
Ich schlucke. Irgendwo wird er eine Mutter haben, die ihn sehr lieben muss.
Wie?, frage ich den Jungen. Was soll ich tun?
Er blickt auf seine Hände hinunter und schweigt einen Moment. Um uns herum klingt das rhythmische Schwappen des Wassers wie ein unheimliches Schlaflied. Er hat mir wehgetan, sagt der Junge endlich. Du musst es ihnen erzählen.
Wer hat dir wehgetan?, dränge ich. Wenn dir jemand wehtut, musst du es deiner Mom sagen.
Das kann ich nicht! Die Stimme des Jungen wird lauter, weinerlich. Er hat gesagt, ich darf es nicht verraten, sonst bringt er meine Mama um. Und mich vielleicht auch.
Ich mustere seine braunen Augen mit den langen Wimpern und das dunkle Haar, das sich an den Spitzen lockt, knapp unterhalb seines Kinns. Ich darf den Zahn nicht vergessen. Vorderzahn, angeschlagen. Jedes Detail muss stimmen. Nun glaube ich, diese Vision zu verstehen, und er hat recht, er kann es seiner Mutter nicht sagen.
Denn er ist tot.
Stamford, Connecticut
Oktober
Der Himmel ist von einem tristen Grau, als ich endlich den Autositz meines Sohnes ausbaue. Es regnet, ein kalter Herbstregen. Was mir für einen Moment, den ich mehr als drei Monate lang hinausgeschoben habe, sowohl klischeehaft als auch angemessen vorkommt. Ich stehe neben meinem Prius, spähe durch das Rückfenster auf den leeren Kindersitz und wundere mich zum hundertsten Mal über die dünne Schicht Sand, die Keegan erstaunlicherweise immer wieder hinterließ. Und dann tue ich es.
Ich erlaube mir nicht, darüber nachzudenken, arbeite schnell und effizient. Löse die Riemen. Fahre zwischen die Polster des Rücksitzes und öffne die Metallschnallen. Ein Ruck, und der Autositz landet mit einem Bums in der Einfahrt.
Es nimmt nie ein Ende, immer wieder gibt es etwas, mit dem man sich aufs Neue verabschiedet. Ich drehe mein Gesicht in den Nieselregen.
Der Sommer ist fort, er hat sich davongestohlen, ohne dass ich es bemerkt habe, und plötzlich ist der Oktober da und protzt mit seinen grellen Rot- und Gelbtönen. Mit zusammengekniffenen Augen betrachte ich die Nachbarhäuser mit ihren vorbildlichen Vorgärten: gestutzte Rasenflächen, Beete mit gewässerten Chrysanthemen, ein Paar Kürbisse vor den Türen. Und Laub natürlich, überall, leuchtend und glänzend. Es klebt auf der glatten Straße und verstopft die Rinnsteine.
Ich lege die Hand an meine Tasche, taste nach den Schlüsseln und der Brieftasche. Blinzle. Versuche mich zu erinnern, was ich hier tue und wo ich hinwollte. Versuche nicht an den Kindersitz zu denken, der hinter mir in der Einfahrt liegt.
Ich atme tief ein, feuchte Erde und fauliges Laub. Es ist Sonntag, rufe ich mir ins Gedächtnis. Ich wollte Grandma besuchen. Ich steige auf den Fahrersitz und starte den Motor, doch alles fühlt sich falsch an. Ich gebe mir einen Moment Zeit, warte, ob die Unruhe vorbeigeht, bevor ich mir eingestehe, dass ich diesen Kampf verloren habe. Mit der gähnenden Leere dort auf dem Rücksitz kann ich nicht herumfahren. Nicht heute.
Kleine Schritte. Eins nach dem anderen.
Ich springe aus dem Wagen und laufe zur Garage. Hole mein Fahrrad. Es ist Sonntag, und ich werde Grandma besuchen. Ich werde mich an den Plan halten. Ich werde mich zusammenreißen.
Atme, befehle ich mir. Atme.
»Guter Gott, Charlotte, du bist ja völlig durchnässt.« Meine Großmutter, die in der Tür ihrer bescheidenen Wohnung steht, sieht so entsetzt aus, wie ich es gar nicht von ihr kenne.
»Ich bin mit dem Fahrrad gefahren.«
Früher einmal wäre Grandma böse geworden, wenn ich im Regen herumlaufe und riskiere, krank zu werden. Doch das Leben ist schon lange nicht mehr normal. Die Granitaugen meiner Großmutter zeigen Sorge, sogar Mitgefühl, als mich ihre knotige Hand hereinwinkt. Tropfend trete ich in den Flur. Nasse Haarsträhnen kleben mir an der Stirn und am Hals.
Ohne etwas zu sagen zieht mir Grandma die Jacke aus. Ich kann spüren, wie sie mich beobachtet, abschätzend, wie sie ihre eigene Traurigkeit beiseiteschiebt, um Platz zu machen für meine. Es ist ein Blick, den ich mit vierzehn Jahren das erste Mal gesehen habe, damals, als mein Vater starb und sie mich aufnahm. Und nun – unglückseligerweise – in den letzten Monaten wieder.
»Irgendwo habe ich einen Bademantel«, sagt Grandma. »Möchtest du etwas trinken? Was Heißes?«
Wir beide zeigen nicht gern unsere Gefühle. Wir sind stoische Neuengländer, die, wie mein Exmann es sarkastisch ausdrückte, immer »die angemessene Yankee-Distanz« halten. Gefühle sind in der Familie Cates etwas noch Privateres als Politik oder Religion. Heißer Tee, ein Becher Kakao – das ist die Art von Wärme, die meine Großmutter anzubieten hat.
»Mir geht es gut, Grandma. Ich möchte mich nur setzen.« Dass es mir »gut« geht, ist natürlich eine schamlose Lüge. Mein Gesicht erzählt die ganze Geschichte: gesprungene Lippen; von plötzlichen Weinanfällen geschwollene Augenlider; bleiche, fahle Haut, weil ich den ganzen Sommer die Sonne gemieden habe.
Es ist offensichtlich, dass es mir nicht gut geht, doch Grandma sagt nichts. Sie legt eine Hand auf meine Schulter und schiebt mich sanft ins Wohnzimmer. Auf dem alten knarrenden Schaukelstuhl nehme ich meinen gewohnten Posten ein, während sie auf einem Holzstuhl mit hoher Lehne Platz nimmt. Meine Großmutter war früher eine schöne Frau, und obwohl sie mit dem Alter weniger eitel geworden ist, ist sie immer noch stolz auf ihre gute Haltung.
Das Wohnzimmer ist so tadellos aufgeräumt wie eh und je. Grandma hasst Nippes. In ihren Bücherregalen befinden sich vor allem Sach- und Fachbücher, doch auf dem untersten Brett stehen ihre liebsten Laster: einige Stephen-King-Romane, das Cold-Crimes-Magazin (das erste, für das ich regelmäßig geschrieben habe) und alte Ausgaben von Sophisticate, aus der Zeit, bevor ich befördert wurde und noch zur Redaktion gehörte. Grandma ist nach wie vor eine treue Leserin von Sophisticate, obwohl sie für Artikel wie »Alles, was Sie über Eheverträge wissen müssen« und »So machen Sie Ihr Kind fit für die Ivy League« nicht gerade die Zielgruppe ist.
Während in meinem Zuhause das organisierte Chaos herrscht, ist Grandma zwanghaft ordentlich. Selbst mein Sohn hatte das schon verstanden und ordnete vor jedem unserer sonntäglichen Besuche brav seine Bücher, Spiele und Malutensilien.
»Du musstest nicht kommen, Charlie«, murmelt Grandma. »Ich weiß, es ist Sonntag, aber das war nicht nötig.«
»Wie soll ich dich denn sonst sehen?« Für eine Frau ihres Alters kommt meine Großmutter zwar viel herum, doch sie fährt nicht länger Auto, und es wäre ein wenig viel verlangt zu erwarten, dass sie den Bus nimmt. »Außerdem tut es mir wahrscheinlich gut, mal rauszukommen.«
»Hast du dein Fahrrad draußen gelassen?«, fragt sie. »Es könnte rosten.«
Ich zucke mit den Achseln. »Es hat Eric gehört.«
Bei der Erwähnung meines Exmannes werden die Augen meiner Großmutter schmal. »Hat er dich angerufen? Nur mal, um sich zu erkundigen, wie es dir geht?«
Ihre Stimme ist giftig. Sie hasst Eric mit einer Leidenschaft, die ich für seine Hipster-Brille und die immer größer werdenden Geheimratsecken nicht länger aufbringen kann. Der Sperminator nennt ihn meine Freundin Rae seit der Scheidung, womit sein einziger bleibender Beitrag zu meinem Leben ziemlich gut zusammengefasst ist.
»Es gibt nichts, das Eric und ich zu besprechen hätten«, sage ich. »Ich habe ihm gesagt, er soll nicht anrufen.« Melissa, seine neue Frau, erwähne ich nicht, doch meine Großmutter kann sich nicht zurückhalten.
»Ich werde nie verstehen, was er in dieser Frau sieht.«
Meine Freunde haben nach der Beerdigung ganz ähnliche Kommentare abgegeben. Sie alle wussten, dass sie »die andere Frau« war. Ich nehme an, sie hatten mehr erwartet: gutes Aussehen, dicker Busen, Animal-Prints, die Art von trashy, auf die Eric verlässlich anspringt. Doch Melissa war eher unauffällig, ebenso wie Eric.
»Eigentlich hat er dir einen Gefallen getan«, erklärt meine Großmutter. »Man verschwendet keinen Kaviar an einen Mann, der Wiener Würstchen will. Sie ist genau das, was er verdient.«
Meine ganze Familie war empört, als Eric zur Beerdigung unseres Sohnes mit Melissa im Schlepptau erschien. Er muss es ihr wohl unbedingt unter die Nase reiben, hörte ich dabei Tante Suzie sagen, und vielleicht war es ja auch tatsächlich so. Vielleicht hatte Eric auf irgendeine kindische Art etwas zu beweisen. Die Frau war mir egal. Ich war nur wütend, dass er überhaupt gekommen war. Seitdem er und Melissa nach Chicago gezogen waren, hatte er Keegan nur einmal besucht. Was für ein Recht hatte er danach noch auf väterliche Trauer?
Und trotzdem tröstete ihn Melissa. Hielt ihn, als hätte er einen Verlust erlitten. Nein, wollte ich ihnen beiden zurufen, das ist mein Sohn.
»Sie arbeitet im Abfallmanagement«, informiere ich Grandma, weil ich plötzlich Trost brauche, und sei er noch so billig.
»Das erklärt, warum sie Eric mag«, murmelt meine Grandma.
Gerade so bekomme ich ein wackliges Lächeln hin. Wir sind Yankees. Auf diese Weise zeigt sie mir ihre Liebe.
Die zwei Stunden bei meiner Großmutter zu Hause haben – mehr oder weniger – die beabsichtigte Wirkung. Als sie versteht, dass ich nicht reden möchte, füllt sie die Stille. Sie erzählt mir von dem kleinen Brand, den ihr ältlicher, ein bisschen seniler Nachbar verursacht hat. Sie kommentiert einen Artikel, der kürzlich in Sophisticate erschienen ist, eine Hintergrundrecherche zu Botox, über die sie sich aufgeregt hat. Alles fühlt sich vertraut an. Nicht richtig normal, aber vertraut. Ein Leben, das ich vage als meines erkenne.
Ich raffe mich auf, bereite mich schon auf die Rückkehr in mein leeres, stilles Haus vor, als Grandma fragt: »Kann ich irgendetwas für dich tun?« So offen ist sie noch nie auf die Tatsache, dass eine Tragödie geschehen ist, zu sprechen gekommen, und mir schnürt sich die Kehle zu. Ich schlucke und schüttle den Kopf. Es gibt nichts, das sie oder irgendjemand sonst tun könnte.
»Ich wollte dich fragen …« Sie richtet sich auf, und ich kann sehen, wie sie sich wappnet, weil es ihr unangenehm ist. »Die Kirche gegenüber sammelt Spenden. Sie suchen nach Kindersachen, und ich habe ja noch das ganze Spielzeug hier …«
Natürlich ist diese Bitte nur vernünftig, dennoch sträubt sich alles in mir.
»Möchtest du sie lieber noch behalten?«, fragt Grandma, die mein Schweigen richtig deutet – als Abwehr. »Es ist nicht eilig.«
»Nein, nein, spende sie ruhig.« Ich weiß die richtigen Worte, auch wenn ich sie nicht ehrlich meine. »Irgendein Kind kann das ganze Zeug sicher noch gebrauchen.«
Großmutter nickt und holt meinen nassen Mantel. Ich bin schon halb aus der Tür und auf dem Weg zum Aufzug, als sie mir nachruft: »Charlotte?«
Ich drehe mich um.
»Träumst du von ihm?«
Eine seltsame Frage.
»Ich träume nie«, erwidere ich. »Nie. Träumst du denn von ihm?«
Sie schüttelt den Kopf. »Manchmal wünschte ich, ich täte es.« Sie wirft mir eine Kusshand zu, eine Geste, die ich unerwartet zärtlich finde. »Fahr vorsichtig.«
In dieser Nacht liege ich auf der Couch im Dunkeln und warte, dass die Wirkung der Schlaftabletten einsetzt. Schon bevor ich Keegan verloren hatte, konnte ich ohne Tabletten nicht einschlafen, jetzt brauche ich nur mehr davon. Charlie knipst sich aus, hat Eric immer gescherzt, und es stimmt auch. Mein Körper erschlafft. Meine Gedanken drehen sich. Ich bin schon halb weg.
Mom. Ich bin mir sicher, dass ich Keegans Stimme irgendwo hinter mir höre. Mommy, hörst du mir zu?
Ich versuche mich aufzusetzen, doch das Ambien zieht mich runter, füllt meinen Kopf mit nichts.
Du musst mir zuhören, Mommy. Es ist Zeit, dass du anfängst zuzuhören.
Das Letzte, dessen ich mir noch bewusst bin, ist der süße Geruch seines Shampoos, das Kitzeln seiner Locken an meinem Gesicht. Dann lassen mich die Medikamente verschwinden.
Als meine Freundin mit einem von ihrem Mann zubereiteten Auberginengericht vor der Tür steht, weiß ich genau, was sie im Schilde führt. Es ist ein Schachzug, den ich bereits kenne. Das Essen verschafft ihr Zugang, damit sie mir so lange ein schlechtes Gewissen machen kann, bis ich »nur ein klitzekleines bisschen« esse – »damit ich Mason sagen kann, dass du es wenigstens gekostet hast«. Anschließend, wenn ich gehorsam in dem Ergebnis der Kochkünste ihres Ehemanns herumstochere, macht sie sich an die liegengebliebene Hausarbeit.
Anfangs haben mich ihre kleinen Kontrollbesuche verrückt gemacht. Ich hatte keinen Hunger. Ich wollte nicht, dass meine Wäsche gewaschen wurde. Mahlzeiten waren unwichtig. Jetzt erkenne ich die nachbarschaftliche Freundlichkeit darin und begreife, wie viel Zeit Rae und Mason jede Woche für mich opfern, und ich bin dankbar – auch wenn sie mich immer noch verrückt machen.
Heute bleibt mir nicht mal die Zeit, einen Löffel zu holen, da fällt sie schon über meine Küche her und fuhrwerkt mit dem Besen in den dunklen Ritzen unter dem Kühlschrank und der Spülmaschine herum. Dazu bin ich nicht in der Stimmung.
»Hörst du bitte mit dem Putzen auf, Herrgottnochmal? Hier ist es sauber genug.«
Langsam legt sie den Besen ab. Seufzt. Saugt die Wangen ein und fährt mit dem Fingernagel ihren langen braunen Hals hoch und runter. »Ich will dir doch nur ein bisschen was abnehmen.« Ihr Blick gleitet durch meine Küche – über die klebrigen Arbeitsplatten, den stetig wachsenden Haufen Post, den überquellenden Mülleimer.
Ich weiß, sie will helfen, möchte Licht oder wenigstens den Duft von Reinigungsmitteln in meine Höhle des Elends bringen, doch für Rae ist dieses Chaos nicht das Gleiche wie für mich. Sie sieht die verschmierten Glasschiebetüren, ich sehe die Fingerabdrücke meines Sohnes. Sie sieht ein altes Cheerio, ich sehe aber, wie er hier bei mir gesessen und gefrühstückt hat, zappelig, quengelnd, herumtrödelnd.
»Was hat Mason denn heute gekocht?«, frage ich und ziehe die Alufolie über dem Schmortopf zurück.
»Auberginenröllchen.«
Ich esse den obligatorischen Löffel voll. »Richte ihm aus, ich finde es lecker«, sage ich, obwohl es für mich nach nichts schmeckt, so wie jetzt alles. »Hat Zoey geholfen? Will sie immer noch Köchin werden?«
»Nee, jetzt wieder Ballerina.« Rae spielt mit einer ihrer federnden Afrolocken und wechselt dann das Thema, so wie sie es in letzter Zeit fast immer tut, wenn ich sie nach ihrer Tochter frage. »Also, Charlie, Liebes«, beginnt sie, »ich muss dich das fragen. Hast du jemanden?«
Ich bin verwirrt. »Du meinst: einen Freund?«
»Ich meine einen Psychologen. Einen Trauertherapeuten.«
Ich winke ab. »Ich habe Tabletten, das reicht.«
Rae mustert mich scharf. »Tabletten sind gut. Aber vielleicht musst du auch mal mit jemandem reden. Du hast viel aufzuarbeiten. Die meisten von uns schaffen das nicht allein.«
Schon der Gedanke, mich jemandem zu erklären, meinen Gefühlen einen Namen zu geben, erschöpft mich. »Ich komme klar.«
»Ich weiß«, sagt sie, jetzt in sanfterem Ton. »Du bist die stärkste Person, die ich kenne. Vielleicht sogar zu stark. Es ist doch okay, auch mal ein heulendes Elend zu sein.«
»Mal?« Ich gebe ein zittriges Lachen von mir. »Ich glaube, dann würde ich nie wieder damit aufhören.«
»Oh Süße.« Rae durchquert den Raum und zieht mich in eine Umarmung, so fest, wie es meine Großmutter und ich nie tun würden. »Das ist jetzt der Tiefpunkt. Schlimmer wird es nicht mehr. Ich weiß nicht, wann, und ich weiß nicht, wie, aber du wirst das durchstehen. Und dann trittst du dem Leben in die Eier, so hart, wie es dich getreten hat. Weißt du noch, wie du herausgefunden hast, dass Eric dich betrügt?«
Die Frage ist, nehme ich an, rhetorisch gemeint. Das ist kein Moment, den man vergisst. Eric hatte mich in ein Restaurant ausgeführt, für unseren sogenannten »gemeinsamen Abend«, und kurz, nachdem die Vorspeise serviert war, begann er mit seiner dramatischen Beichte. Charlie, sagte er, den Blick in die Ferne gerichtet wie die Darsteller in einer Seifenoper, ich habe etwas Schreckliches getan.
Zwei Jahre später kommt mir immer noch die Galle hoch, wenn ich daran denke. »Er wollte, dass ich eine Szene mache«, erkläre ich Rae. »Diese blöde Drama-Queen.«
»Oh, ich hätte ihm eine geknallt«, sagt Rae. »Aber du nicht. Du hast dich beherrscht. Weil du taff bist.«
Ich zucke die Achseln. An diesem Tag war ich genauso wütend auf mich selbst wie auf Eric. Weil ich es hätte wissen und die Affäre hätte kommen sehen müssen. Seit Keegans Geburt stand es nicht zum Besten mit unserer Ehe, und ich habe nie den Fehler gemacht, Eric für einen Ausbund an Tugendhaftigkeit zu halten. Ich hätte nur einfach nicht gedacht, dass er die Gelegenheit dazu bekommen würde.
Wir haben schon lange Probleme, sagte Eric, dessen Ansprache ganz klar einstudiert war. Doch wir können sie überwinden. Für Keegan. Unser Sohn braucht uns.
Er hatte damit gerechnet, dass ich in Tränen ausbrechen würde, weil er sich zwischen zwei Frauen entscheiden müsste, doch ich blieb ruhig und entschlossen, nicht dem Skript zu folgen. Nein, korrigierte ich ihn, den Mund voll Krebsfleisch, unser Sohn braucht mich. Ich will das alleinige Sorgerecht. Und wenn du irgendetwas unternimmst, um das anzufechten – egal was –, dann wirst du dich in den nächsten sechzehn Jahren an Alimente dumm und dämlich zahlen. Du kannst es dir schwer machen oder einfach.
Am Ende machte er es sich einfach. Mir, aber vor allem sich selbst.
Ich möchte Rae sagen, dass ich nicht taff bin, nur dumm, weil ich überhaupt ein Arschloch wie Eric geheiratet habe. Doch bereuen kann ich es nicht. Denn in dem Fall würde ich auch bereuen, meinen Sohn bekommen zu haben.
»Na dann«, sagt Rae, »gehe ich jetzt besser. Halt dich wacker, Charlie, Liebes. Ein Tag nach dem anderen.«
Sie sagt mir nicht, dass sie jetzt Zoey abholt, aber es ist Donnerstag. Donnerstags hat Zoey Tanzunterricht. Das habe ich nicht vergessen. Während ich ihr nachschaue, als sie davonfährt, frage ich mich, ob unsere Freundschaft das hier überstehen kann. Kann ich Rae vergeben? Sie hat ein Ziel. Sie hat ein Kind, das auf sie wartet.
An diesem Abend bekomme ich einen Anruf von Bianca, meiner Art-Direktorin bei Sophisticate. Ich stelle den Fernseher stumm, irgendeine Sendung über die alten Ägypter, die ich sowieso nicht richtig verfolgt habe, und gehe an das Handy, froh um die Ablenkung durch die Arbeit.
»Schatz, wie geht es dir?« Ich kenne Bianca als jemanden, der sich für schöne Layouts begeistert und sich den Kopf über Type und Farbe von Schriften den Kopf zermartert. Mit ihr mein Privatleben zu diskutieren ist eine andere Geschichte.
»Gut«, sage ich vorsichtig. »Und dir?«
»Gut, gut.« Bianca hält sich nicht mit höflichem Geplänkel auf. »Also, hör mal … du sollst es als Erste erfahren.« Sie holt tief Luft. »Dunhaven will das Magazin verkaufen.«
Der Fernseher wirft unheimliche blaue Schatten über die Wohnzimmerwand. Ich starre auf die Bilder von Mumien und alten Gräbern und versuche zu begreifen, was sie gerade gesagt hat. Bianca und ich waren nie wirklich Fans unseres Verlegers, aber ein Verkauf könnte massive, katastrophale Umwälzungen hinsichtlich der Arbeit bedeuten. Das ist eine große Sache, eine sehr große Sache sogar, und trotzdem bringe ich nicht die Energie auf, mich aufzuregen.
»Ach«, sage ich.
Das ist wohl nicht die Antwort, mit der Bianca gerechnet hat. »Also«, sagt sie, »ich darf eigentlich nichts sagen, aber Longview Media haben bereits ein Angebot gemacht. Das könnte schon nächste Woche akzeptiert werden.«
»Meinst du, es gibt Umstrukturierungen?«, frage ich.
»Ich kann es nicht garantieren«, sagt sie. »Ich weiß, du hast die letzten Monate viel von zu Hause aus gearbeitet, aber das kommt bei Longview sicher nicht gut an. Ich sage dir das als Freundin, Charlie. Ab nächster Woche kommst du jeden Tag ins Büro, okay? Denn es werden Köpfe rollen. Und du weißt, wie scharf Tina auf deinen Job ist.«
»Okay«, verspreche ich, und auf eine distanzierte Art weiß ich zu schätzen, dass sie auf mich aufpasst. »Danke für die Vorwarnung.«
Nach dem Anruf sitze ich da, starre das Telefon an und frage mich, warum ich nicht besorgter um einen Job bin, auf den ich mein ganzes erwachsenes Leben lang hingearbeitet habe. Zwölf Jahre, stelle ich ungläubig fest. Mit sechsundzwanzig Jahren habe ich angefangen, für das Magazin zu arbeiten. Sobald ich entschieden hatte, dass mich die Arbeit beim Cold-Crimes-Magazin nicht weiterbrachte, begann ich als Freie für Sophisticate zu arbeiten, bis man mir eine Anstellung als Autorin anbot. Das war etwas völlig anderes als über alte Mordfälle und Fortschritte in der Forensik zu schreiben, aber es winkten ein fester Arbeitsplatz und ein Gehaltsscheck. Na gut, und viele Jahre und einige Beförderungen später bin ich leitende Redakteurin und habe einen tollen Beruf. Oder?
Einen tollen Beruf und fast kein Privatleben. Kaum Familie. Und keinen Sohn.
Ich schlendere ins Badezimmer, auf der Suche nach meinem Ambien. Befördere mit einem Tritt einen Haufen muffiger Handtücher beiseite und ignoriere den Geruch. Drücke den Deckel der Tablettenflasche auf.
Wäre es wirklich so schlimm, meine Arbeit zu verlieren? Jahrelang habe ich mich einem Magazin verschrieben, das modernen zahlungskräftigen Frauen ein glückliches, angenehmes Leben verspricht. Aber wo ist mein Glück? Wo sind meine Annehmlichkeiten?
Ich werfe noch eine Schlaftablette mehr ein, die letzte aus der Flasche. Ich will nicht mehr nachdenken, will mich nicht an das erinnern, was ich verloren habe. Will mich auch nicht fragen, wo ich jetzt ohne meinen Job wäre.
Ding, ding, ding.
Die Türklingel reißt mich aus dem medikamentösen Nebel. Ich setze mich auf der Couch auf. Mein Kopf hämmert, mein Magen schlingert. Ein Ambien-Kater. Das passiert, wenn man das Doppelte der empfohlenen Dosis nimmt.
Die Türklingel schellt abermals, jetzt dreimal in schneller Folge, so wie ich es schon eine ganze Weile nicht mehr gehört habe. Zoey. Ihr »geheimes« Klingeln für Keegan.
In den letzten paar Monaten hat Rae die Besuche ihrer Tochter auf ein Minimum beschränkt, und ich kann es ihr nicht verübeln. Ich bin immer noch anfällig und kann schlecht mit Zoeys schonungslosen Fragen umgehen. Wie erklärt man einem Kindergartenkind, dass sein Spielkamerad tot ist, wenn man die Bedeutung dieses Wortes selbst nicht vollständig erfassen kann? Ich überlege, ob ich so tun soll, als hätte ich die Klingel nicht gehört, aber ich kenne Zoey schon fast ihr ganzes Leben lang. Ich liebe sie heiß und innig. Jetzt ist sie das einzige Kind in meinem Leben.
Ich öffne die Haustür und blinzele in die Morgensonne. Zoeys Gesicht reckt sich mir entgegen; sie ist eine winzige Version von Rae, sogar noch schöner. Glatte Kaffeehaut, ordentlich gebändigte Locken. Eine angehende Fashionista. Rae steht zögernd hinter ihr. Ich habe keinen Zweifel daran, dass sie ihrer Tochter strikte Anweisungen gegeben hat, aber Zoey ist erst fünf, und da muss man mit allem rechnen.
»Hihi!« Zoey mustert mich. »Bist du krank?«
»Zoey.« Raes Ton ist warnend.
»Ich wollte dir zeigen, was ich Neues habe.« Sie bauscht den Rock eines limettengrünen Kleides und dreht sich dann für mich.
Ich hocke mich so hin, dass ich auf Augenhöhe mit ihr bin. »Das ist sehr schön.«
»Sie wollte nur Hallo sagen«, murmelt Rae. »Ich hoffe, es stört dich nicht.«
»Nein, ich freue mich, dass ihr gekommen seid.« Ich werfe einen Blick auf die Wohnzimmeruhr. »Sieht aus, als hätte ich verschlafen.«
»Na, dann lassen wir dich mal den Tag beginnen.« Rae legt eine Hand auf Zoeys Schulter und versucht ihr Kind wegzuschieben. »Wir müssen auch los, Kleines. Die Schule fängt an.«
Zoey wirft einen Blick zurück zu mir. »Hey, willst du zu meiner Tanzaufführung kommen? Das wird wirklich gut.«
Offensichtlich hatte ihre Mutter diese Einladung vorher nicht gesehen. »Charly hat viel zu tun. Vielleicht ein anderes Mal.«
Schützt sie mich, frage ich mich, oder Zoey? »Hast du einen Auftritt, Zo?«, frage ich. Schon bevor ich Keegan verlor, habe ich Rae um ihre Tochter beneidet, wegen der Prinzessinnenkleider, den lila Tutus, dem ganzen Glitzer. Ich war noch bei keinem von Zoeys Auftritten, seitdem sie Unterricht hat.
Zoey strahlt, weil ich Interesse zeige. »Ja, wir haben eine Aufführung. Und ich kriege ein Kostüm. Das ist wirklich hübsch.«
»Wow«, sage ich. »Ich würde gern kommen.«
Zoey umarmt meine Knie.
»Bist du sicher?« Rae guckt so zweifelnd, als würde sie nicht daran glauben, dass ich mich zusammenreißen kann.
»Natürlich.«
»Die Aufführung ist Sonntagnachmittag. Ich könnte dich um drei abholen.«
Ich merke, dass sie immer noch nicht überzeugt ist.
»Wenn du dich am Sonntag doch nicht danach fühlst, ist das nicht schlimm.«
Ich kitzle Zoey durch, dabei ignoriere ich ihre Mutter. Zoey quiekt entzückt.
»Ich sehe dich dann Sonntag, Süße. Ich freu mich schon.«
»Yaaay!« Sie macht einen Freudentanz. Ihre Begeisterung ist so unschuldig und rein, dass ich glaube, mein Herz bricht.
In den achtundvierzig Stunden vor der Aufführung werde ich seltsam agoraphobisch. Die Vorstellung, das Haus zu verlassen, erfüllt mich mit Panik. Kann ich wirklich lächeln und applaudieren, während ich den Kindern anderer Leute zuschaue? Ich bin so unruhig, dass ich meine Trägheit überwinde und zu putzen anfange. Es ist an der Zeit. Gegenstände sind nicht dasselbe wie Erinnerungen, sage ich mir. Mein Sohn ist mehr für mich als ein Ninja-Turtle-Rucksack und ein Flur voller Matchbox-Autos. Ich räume Keegans Spielzeug weg, stapele Puzzles und Spiele in Regalen, packe Bauklötze und Legos in Kisten. Ich mache sein Bett, wasche und falte seine Kleider, sortiere seine Bücher alphabetisch. Diese Dinge bedeuten nun niemandem mehr etwas – außer mir. Ich bin die Einzige, die sich an die siebentausendmal erinnert, die wir Muh, Bäh, Täterätata gelesen haben, und daran, wie schamlos er immer geschummelt hat, wenn wir Candyland spielten. Neue Erinnerungen können nicht mehr geschaffen werden.
Als ich fertig bin, wirkt das Zimmer ordentlich und unpersönlich. Blaue Wände, grüne Bordüre, ein Sesamstraße-Bettüberwurf. Es sieht aus wie in den Verkaufsräumen von Ikea, ein Zimmer, das darauf wartet, von einem anonymen kleinen Jungen bewohnt zu werden, nicht von meinem kleinen Jungen, sondern dem von jemand anderem.
Danach stelle ich die Dusche an, trete vollständig angekleidet darunter und setze mich. Ich weine. Noch nie habe ich mich nach dem Aufräumen so schlecht gefühlt. In diesen beiden Tagen nehme ich keine Schlaftabletten. Ich will mich nicht ausklinken, will mich nicht betäuben. Ich muss etwas fühlen. Ohne pharmazeutische Hilfe habe ich schon immer schwer in den Schlaf gefunden, jetzt ist es ein Ding der Unmöglichkeit. Nachts lasse ich den Fernseher an, damit mir die enthusiastischen Stimmen der Infomercials Gesellschaft leisten. Ich schrubbe gründlich den Kühlschrank, mache mich mit einer Zahnbürste über die Badezimmerkacheln her. Ich winde mich innerlich vor Scham, als ich beim Durchblättern alter Ausgaben von Sophisticate auf Artikel über Diäten und plastische Chirurgie stoße. Ich denke: Wenigstens habe ich keine Tochter, die ich verderben kann. Ein schwacher Trost.
Am Sonntag dann sitze ich auf der Couch und warte. Er ist gekommen: Mein Tag, um normal zu wirken … oder es vorzuspielen, so gut ich kann. Sonnenlicht strahlt schwach durch die Vorhänge. Ich höre Vögel. Tage und Nächte ohne Schlaf fordern endlich ihren Tribut, und bevor ich weiß, wie mir geschieht, bin ich weggenickt.
Zunächst sind da Vögel. Sich zankende Krähen. Das Licht wird schwächer, dann rot. Rot, das fließt, sich wellt, schimmert. Ich tauche die Hand hinein und sehe, wie Stoff von meinen Fingern gleitet. Jemand kichert. Ich ziehe mehrere Schichten Rot zurück, und Zoey erscheint, Pailletten fallen aus ihrem Haar. Das darf nicht, singt sie mir zu, das darf nicht das Ende sein. Auf einmal tanzt sie. Dreht sich, wirbelt herum, bis mir davon ganz übel wird. Das darf nicht, singt sie, das darf nicht das Ende sein. Ich fasse nach ihr, will sie festhalten, aber ein Vorhang fällt herunter. Nicht meine grünen Vorhänge sind das, sondern schwarze Vorhänge, erdrückend schwer. Nun ist Zoey verschwunden, verschluckt von den schwarzen Falten, schreiend.
Zoey!, rufe ich. Zoey!
Mein Knöchel, wimmert sie unter dem Schwarz. Mein Knöchel.
Ich wache auf, als Rae mich schüttelt. »Charlie? Es ist Zeit zu gehen. Willst du immer noch mitkommen?«
Mit pochendem Kopf versuche ich mich zu erinnern, wo ich bin. »Wo ist Zoey? Geht es ihr gut?«
»Mason hat sie vorhin hingefahren.«
Die Sonne ist weitergewandert und hat den Raum den vorrückenden Nachmittagsschatten überlassen. »Was ist mit ihrem Knöchel? Ist er gebrochen?«
»Zoey? Ihr geht es gut, Liebes. Mit ihrem Knöchel ist alles in Ordnung.« Rae lehnt sich gegen die Armlehne der Couch und verkneift sich einen Blick auf die Armbanduhr. »Geht es dir denn gut? Du siehst aus, als könntest du noch ein bisschen Schlaf gebrauchen.«
»Habe ich geschlafen?«
»Ich glaube, du hast geträumt.«
»Oh.« Ich setze mich auf und reibe mir übers Gesicht, obwohl ich mich eher ruhelos als müde fühle. »Dann lass uns gehen.«
Die Aufführung findet in der örtlichen Grundschule statt, in einer muffigen Aula mit einer schlaffen Fahne. Als ich einen Blick auf das Programm werfe, erkenne ich, dass Zoeys Klasse nur eine von acht ist, die hier auftreten. Als jüngste Gruppe kommen sie zuerst und erscheinen dann noch einmal im Finale.
Mason sieht meinen konsternierten Blick und versucht mich aufzumuntern. »Es geht schnell«, verspricht er.
Ich mag Raes Mann, aber ich weiß, wann man mich für dumm verkauft.
Die erste Nummer läuft wie erwartet. Der Vorhang öffnet sich, und Zoey und ihre Mitstreiterinnen huschen in roten Paillettentrikots heraus. Geblendet von den Scheinwerfern stellen sich die Kinder nach einigem Hin und Her in zwei Reihen auf und führen einen Tanz vor, mit abgehackten und asynchronen Bewegungen, wie Marionetten.
Sobald Zoey die Bühne verlassen hat, wandern meine Gedanken. Ich beobachte, wie sich ruhelose Zuschauer setzen und wieder aufstehen, zähle die leuchtenden Handys, die zur Aufnahme bereitgehalten werden. Ich knibbele an dem abgeplatzten Lack meines Holzstuhls und versuche, nicht auf die raschelnden Jacken und Programme zu hören. Es folgt eine Vorstellung auf die andere, bis wir es endlich bis zur letzten geschafft haben. Irgendein deprimierender Popsong folgt noch, über ein Mädchen, das seinen Freund davon abbringen will, es zu verlassen. Boy, you got to believe that/I ain’t ready for you to leave yet, schnulzt sie.
Die älteren Mädchen beginnen, während sich die Kleinen auf den Seitenbühnen aufreihen. Rae berührt meine Schulter und zeigt auf Zoey, die hinter dem Vorhang hervorspäht, offenbar ohne sich bewusst zu sein, dass alle sie sehen können.
»Oh-oh«, flüstert Rae. »Sie wird ihren Einsatz verpassen!«
Und so sieht es wirklich aus. Während sich ihre Lippen bewegen, als singe sie, wirbelt Zoey herum und greift in den Vorhang. Sie springt hoch, versucht sich durch die Luft zu schwingen, als wäre sie Tarzan an einer Liane, und …
… fällt zu Boden.
Eine Masse aus schwarzem Stoff stürzt herunter und begräbt sie.
Durch die winzigen Lautsprecher erreicht die Musik nun ein furchtbares Crescendo. Das darf nicht das Ende sein.
Ich sehe Rae aufspringen. Ich sehe eine Frau aus dem Bereich hinter der Bühne heraneilen. Ich sehe, wie sich Mason einen Weg durch die unnachgiebigen Schöße und Knie und Schuhe bahnt, um zur Bühne zu kommen.
Die Musik geht weiter, mit ihrem mir vertrauten schrecklichen Refrain, während verwirrte Tänzer sich fragen, ob sie weitermachen sollen oder nicht: Das darf nicht, das darf nicht das Ende sein. Jemand hat Zoey unter dem Vorhang hervorgezogen, ein kompetent aussehender Mann. Sie weint. Geduldig redet er mit ihr, fasst ihr Bein an, sucht nach der Quelle des Schmerzes. In dem Moment, als sie mit dem Finger zeigt, durchfährt mich die unheilvolle Erkenntnis.
Denn natürlich ist es ihr Knöchel.
An diesem Abend versuche ich den Lärm in meinem Kopf mit noch mehr Lärm zu ertränken. Ich drehe das Radio auf, lasse den Müllhäcksler laufen, sauge Staub. Nichts davon vertreibt das Gefühl der Vorahnung, doch mir ist quälende Unruhe lieber als stille Angst. Irgendwann nach elf steht Rae in meinem Wohnzimmer. Ich stelle den Staubsauger ab, erschrocken, sie um diese Uhrzeit zu sehen.
»Ich habe geklopft«, sagt sie. »Ich glaube, du konntest mich nicht hören.« Mit hochgezogenen Augenbrauen sieht sie sich in dem frisch aufgeräumten Zimmer um. »Wow. Sieht gut aus.«
»Wie geht es Zoey?«
Rae verdreht die Augen. »Wir kommen gerade von unserer Odyssee durch die Notaufnahme. Das wird schon wieder.« Als sie sich auf die Couch fallen lässt, landen ihre Oberschenkel auf dem Fleck, den Keegan letzten Juni mit einem Eis am Stiel gemacht hat. »Ich habe gesehen, dass bei dir noch Licht ist, deswegen dachte ich, ich schau noch mal vorbei. Gut, dass du nach Hause gekommen bist.«
»Ich habe ein Taxi genommen. Kein Problem. Also … hat Zoey Krücken bekommen?«
Sie nickt. »Sie ist begeistert. Wir mussten praktisch handgreiflich werden, um sie ins Bett zu bringen.« Sie lehnt sich in der Couch zurück und wirft mir einen Seitenblick zu. »Er ist übrigens wirklich gebrochen. Ihr Knöchel.«
»Da hat sie wohl Glück gehabt. Es hätte auch viel schlimmer kommen können.« Ich sage nicht, wie viel schlimmer, und Rae denkt nicht an den Sohn, den ich verloren habe, nicht jetzt.
»Schon komisch, oder? Dass du das geträumt hast?« Sie mustert mich eingehend. Ich bin ein Nervenbündel, weil ich es seit Stunden immer und immer wieder im Kopf durchgehe, doch das soll sie nicht wissen. Rae ist sehr abergläubisch. Sie glaubt an alles. Geister und frühere Leben und Tarotkarten – den ganzen Mist. Ich will nicht, dass sie auch noch daran glaubt.
»Es war nur ein Traum, Rae. Ich nehme kaum an, dass es etwas zu bedeuten hat.«
»Als du aufgewacht bist, hast du gefragt, ob Zoeys Knöchel gebrochen ist«, sagt Rae stur. »Natürlich hat das etwas zu bedeuten!«
»Du hast recht«, sage ich mit einem Augenrollen. »Ich bin der zweite Nostradamus. Ich ruf dich an, wenn ich die Lottozahlen träume, okay?«
»Dann arbeite mal dran, ich spiele gar nicht!« Sie streckt die Beine, als würde meine Skepsis sie amüsieren. »Ich gehe jetzt besser schlafen. Danke, dass du zu Zoeys Aufführung gekommen bist, auch wenn es das reinste Chaos war.«
Ich folge ihr nach draußen und vergewissere mich von der Einfahrt aus, dass sie sicher bei ihrem Haus anlangt. Es ist eine kalte Nacht – die Art von Kälte, die sich sauber anfühlt, wenn man sie einatmet. Ich schaudere und verschränke die Arme vor der Brust. Rae winkt mir von dem Backsteinweg in ihrem Vorgarten aus zu, als Mason ihr die Tür öffnet. Sie hat es geschafft. Sie ist in Sicherheit.
Ich gehe wieder nach drinnen und schließe die Tür hinter mir ab. Normalerweise habe ich keine Geheimnisse vor Rae, weil ich die Distanz, die jetzt zwischen uns herrscht, nicht noch vergrößern will, doch alles kann ich ihr nicht sagen. Denn es war nicht nur der Knöchel. Sondern auch die roten Pailletten, der schwarze Vorhang. Dieser fürchterliche Song. Noch weiß ich nicht, was ich davon halten soll, deswegen schiebe ich es weit weg von mir, zu all den anderen Dingen, über die ich nicht nachdenken will, und dann sauge ich und wische Staub. Ich scheure den Küchenboden und beziehe die Betten neu.
Irgendwann nach vier Uhr morgens sehe ich mich im Haus um und stelle fest, dass es das erste Mal in den fünf Jahren, die ich es besitze, sauber ist. Es gibt nichts mehr zu putzen. Bianca hatte recht. Es ist Zeit, wieder zur Arbeit zu gehen.
Ich arbeite mit sehr vielen Frauen zusammen. Eine Handvoll schwuler Männer gibt es auch, und irgendwo versteckt sich vermutlich auch ein heterosexueller Mann, doch im Wesentlichen ist der Treibstoff des Sophisticate eine sehr spezielle Sorte von Östrogen: zickige, hyperkultivierte New Yorkerin.
Als ich in den Zwanzigern war, fand ich das toll. So hatte ich immer sein wollen. Bis ich dreißig wurde, hatte ich das ironische Lächeln, die hochgezogene Augenbraue, den langen, müden Seufzer perfekt drauf. Ich konnte mich darüber streiten, welcher Bagel-Laden auf der Upper West Side der beste ist, und zahlte – ohne mit der Wimper zu zucken – acht Dollar für eine halbe Avocado. Ich joggte durch den Central Park und glaubte, ich hielte dabei Zwiesprache mit der Natur. Doch die Stadt laugte mich aus. Eines Tages sah ich in einem Restaurant mein Spiegelbild und dachte: Ich lächle nie. Ich grinse.
So war ich nur zu bereit für eine Flucht, als ich Eric traf, meinen Ritter im Rautenpullover: mein Ticket da raus. Wir waren erst fünf Monate zusammen, als wir heirateten. Drei Monate später war ich schwanger. Stamford, Connecticut ist nicht so nobel wie Greenwich oder Darien, doch wir fanden ein gemütliches Haus mit drei Schlafzimmern, bloß ein paar Meilen von der betreuten Wohneinrichtung meiner Großmutter entfernt. Ich liebte es, sogar noch, nachdem Eric ausgezogen war. Ich sah zu, wie Keegan im Sandkasten buddelte oder im Kinderbecken plantschte, und mein Herz lief über vor Glück – bis ich mich morgens wieder auf die lange Pendelstrecke nach Manhattan hinein machte.
An diesem trüben Montag gehe ich das Dutzend Blocks vom Grand Central zu Fuß, weil ich bei dem Gedanken an die Drängelei in der U-Bahn Platzangst bekomme. Zwischen den gewaltigen Wolkenkratzern kann ich ein paar Fetzen des Himmels und wirbelnde Wolken ausmachen. Das Haar peitscht mir ums Gesicht, als ich mich durch die Windkanäle kämpfe und den heranwehenden Müll beiseitetrete. Niemand von den anderen Passanten sieht mich an, und ich frage mich, an wie vielen Leuten ich über die Jahre so vorbeigegangen bin, wie viele Gesichter ich ignoriert habe.
Ich tue mein Bestes, wieder »die alte« Charlie zu sein, doch irgendwie scheint es heute Morgen nicht sehr glaubwürdig, dass ich mir den Pony bloß zur Seite gekämmt habe, weil ich ihn mir rauswachsen lassen will, und meine Hose ist leicht zerknittert, weil sie einen ganzen Monat über der Duschstange gehangen hat. Um die Wahrheit zu sagen: Ich habe Zweifel, was Sophisticate angeht. Nach allem, was ich durchgemacht habe, kann ich da wirklich noch Enthusiasmus für ein Magazin aufbringen, das, wenn ich ehrlich bin, lediglich eine exklusive, etwas weniger sexbesessene Version von Cosmo ist? In der Septemberausgabe haben wir tatsächlich einen Artikel mit dem Titel »Wie Oralsex Ihre Ehe retten kann« gebracht.
In der Redaktion herrscht noch nicht viel Betrieb. Es ist acht Uhr fünfundvierzig. Ich bin früh dran und Druck-Deadline war letzte Woche, was das Chaos üblicherweise für ein paar Tage abklingen lässt. In den letzten zehn Jahren habe ich die meiste Zeit meines Lebens in diesen Büros zugebracht, und die schicke, moderne Einrichtung hat mir immer gefallen, doch heute Morgen erinnern mich die weißen, fensterlosen Wände und das blitzende Chrom an ein Krankenhaus. Ich gehe in den Pausenraum, um mir einen Kaffeekick zu holen, und sehe dort Lauren, meine Redaktionsassistentin, die die Brühe von gestern in den Abfluss gießt.
»Charlie!« Ihre Augen sind zwei große Kreise aus schwarzem Eyeliner. »Ich wusste gar nicht, dass du heute reinkommst.«
»Ich werde von jetzt an Vollzeit im Büro sein.« Ich wühle im Schrank nach einem sauberen Filter. »Du siehst süß aus. Der Haarschnitt gefällt mir.«
»Danke …« Lauren trägt einen neuen kurzen Bob und ein Paar Miu-Miu-High-Heels, die sie sich wohl kaum von ihrem Gehalt hat leisten können. Früher einmal hätten wir jetzt lang und breit ihre Frisur und die Schuhe diskutiert, aber ich scheine den Geschmack an oberflächlichem Geplauder verloren zu haben.
»Haben wir eigentlich je die Fotos zu dem Text über die tahitianischen Hochzeiten bekommen?«, frage ich.
»Ja, das ist fertig. Tina hat sich um alles gekümmert, keine Sorge.« Sie sieht zu, wie ich das Kaffeemehl abmesse. »Ich nehme an, du hast gehört, dass Longview Media das Magazin kaufen will.«
»Ich bin mir sicher, das ist kein Grund zur Sorge. Also, gibt es nichts Dringendes für mich zu erledigen?« Ich bin sowohl erleichtert als auch enttäuscht.
»Nee.« Sie überlegt einen Moment. »Am Freitag hat jemand für dich angerufen, Isaac Soundso von Meyers Rowe. Er sagte, du kennst ihn.«
»Meyers Rowe, der Verlag? Das muss Isaac Cohen sein.« Ich habe nicht mehr oft mit meinem alten Redaktionsleiter vom Cold-Crimes-Magazin zu tun, aber vielleicht will er mir ein Buch aus dem Programm »True Crimes« zur Besprechung vorschlagen. Isaac hat kein Problem damit, einen Gefallen einzufordern. »Danke, Lauren. Sieht so aus, als hättest du alles gut im Griff.« Ich schalte die Kaffeemaschine an und halte unser Gespräch für beendet, doch Lauren rührt sich nicht.
Sie räuspert sich. »Es ist schön, dass du wieder da bist. Wir haben alle an dich gedacht.« Sie macht einen Schritt auf mich zu, und für einen Augenblick fürchte ich, sie könnte mich umarmen. »Wenn du irgendetwas brauchst …«
»Dann melde ich mich.«
Offenbar findet sie, dass ich jetzt am besten allein sein sollte, denn sie zieht sich unbeholfen zurück. Doch ihr Mitleid hängt in der Luft wie zu viel Parfüm. Ich spüre, wie sich mir die Kehle zuzieht und meine Augen feucht werden. Schnell suche ich nach einer Tasse. Kaffee ist die Antwort, sage ich mir. Heißer, bitterer Bürokaffee wird mich durch diesen Tag bringen.
Ich verbringe den Morgen damit, meine E-Mails durchzugehen, um ein Aufeinandertreffen mit meinen Kollegen zu vermeiden. Obwohl ich die Tür zu meinem Büro geschlossen halte, kommen doch einige herein, um Hallo zu sagen. Ich bleibe rein professionell, erinnere sie halbwegs höflich daran, dass ich Arbeit aufzuholen habe, und vertiefe mich in Anfragen, Korrespondenz mit unseren verschiedenen Freelance-Autoren, Fragen und Beschwerden von unserem Herstellungsleiter. Und irgendwo stoße ich auch auf eine E-Mail von Isaac Cohen.
Hallo Charlotte,
wie geht es dir inmitten all der Lippenstifte und Designer-Handtaschen? Ich hoffe, alles läuft bestens. Gerade erreicht mich das Gerücht, dass Longview Media dein Magazin gekauft hat. Diese Arschlöcher sind skrupellos; um Geld zu sparen, würden die auch die Besten und Intelligentesten feuern, also pass auf dich auf. Wenn es hart auf hart kommt und du einen Plan B brauchst, ruf mich an. Ich habe einen Job, der dich vielleicht interessieren könnte.
Alles Gute
Isaac Cohen.
Cheflektor
Meyers Rowe, Redaktion True Crimes
Ein Jobangebot. Unerwartet, aber zur rechten Zeit. Ich spüre Dankbarkeit in mir aufsteigen, weil Isaac an mich gedacht hat. Ich habe ihn seit Jahren nicht gesehen, doch aus unserer Zeit bei Cold Crimes erinnere ich mich noch gut an ihn. Er ist ein paar Jahre älter als ich. Schlaksig, behaart, sehr schräg, aber ein ausgezeichneter Redakteur. Er sah nicht aus wie jemand, der Artikel über Verbrechen in Auftrag gibt, sondern eher wie jemand, der sie begeht. Ich habe mehrere Texte über verschiedene kalte Fälle für ihn geschrieben. Die Arbeit fand ich interessant, doch das Magazin hatte nur eine niedrige Auflage, die Bezahlung war nicht gut, und es gab auch keine Aufstiegsmöglichkeiten. Dass Isaac dem Genre die ganze Zeit treu geblieben ist – auch wenn Meyers Rowe ein großes Verlagshaus ist und eine deutliche Verbesserung zu Cold Crimes –, überrascht mich nicht. Aber ich bezweifle, dass ich die nötige Erfahrung für einen Job in dieser Redaktion habe.
Ach, was soll’s, sage ich mir. Es ist eine Chance, wenn auch nur eine kleine. Eine Chance, hier rauszukommen.
Ganz unten in seiner E-Mail-Signatur finde ich eine Telefonnummer und will nach einem Stift greifen, um sie mir zu notieren. Dabei stoße ich den Becher mit den Kulis und Stiften um. Während ich unter dem Schreibtisch herumkrabbele, um sie aufzusammeln, höre ich, wie jemand in die Tür zu meinem Büro tritt.
»Sieht nicht so aus, als wäre sie an ihrem Schreibtisch.«
»Oh naja. Dann frage ich einfach Tina.«
Ich versuche die Stimmen zu erkennen. Eine klingt wie Laurens. Die andere kann ich nicht identifizieren. Normalerweise würde man nun aufstehen und seine Besucher ansprechen, doch – nicht so ich. Ich bleibe auf Händen und Knien und rühre mich nicht.
»Ich glaube, wir werden uns jetzt immer an Tina halten müssen.« Ja, das ist Laurens Stimme, jetzt bin ich mir sicher. Sie senkt sie, als wollte sie tratschen. »Wenn die neue Leitung kommt, ist Charlie weg vom Fenster, das sag ich dir. Hast du sie heute Morgen gesehen?«
»Nein, wie wirkte sie?«
»Irgendwie neben sich. Das arme Ding.« Die Stimmen kommen näher, und einer lässt etwas auf meinen Schreibtisch fallen. »Das ist komisch«, fährt Lauren fort, ohne zu merken, dass ich bloß ein paar Schritte entfernt bin. »Du weißt ja, wie sie ist, immer ganz geschäftsmäßig. Ich dachte, sie wäre sauer, dass Tina übernommen hat, aber ich glaube, sie hat es nicht mal mitbekommen.«
»Ich kann es ihr nicht verübeln. Wenn meinem Kind etwas passieren würde … Was hat Bianca gesagt? Es war ein Aneurysma im Gehirn?«
»Ja. Ihr Sohn war im Kindergarten, bekam Kopfschmerzen und war tot, noch bevor sie es ins Krankenhaus schaffte.«
»Wahnsinn.« Nun bewegen sich ihre Stimmen wieder weg. »Mein Onkel hatte auch ein Aneurysma im Gehirn, aber der ist sechzig oder so. Und er ist nicht daran gestorben. Ich wusste nicht, dass Kinder das auch bekommen können.«
»Eigentlich nicht. So was passiert in einem von einer Million Fällen.«
Mir wird schwindlig. Das Gesicht auf die Knie gedrückt, bleibe ich noch lange unter dem Schreibtisch sitzen. Ich kann hier nicht mehr arbeiten. Sich an Vertrautes zu klammern macht mir nur umso bewusster, wie sehr sich alles verändert hat. Wie sehr ich mich verändert habe.
Als ich mich wieder beruhigt habe, rufe ich Isaac Cohen an und mache ein Treffen für Mittwochmorgen aus. Egal welchen Job er mir anbietet, ich werde ihn annehmen.
Als ich an diesem Abend im Bett liege, versuche ich mich mit Fernsehen zu betäuben. Was sich als überraschend schwierig erweist, denn auf allen Lokalkanälen läuft die Suchmeldung über ein vermisstes Kind. Die neun Jahre alte Hannah Ramirez wird seit drei Uhr, als sie die Bonner Grundschule verließ, vermisst. Laut der verzweifelten Angehörigen hat Hannah den zehnminütigen Heimweg oft allein zurückgelegt und war angewiesen worden, nicht mit Fremden zu sprechen. Die Polizei bittet alle, die über Informationen zu Hannahs Verbleib verfügen, diese gebührenfreie Nummer anzurufen.
Ich zappe durch drei Sender, bis ich das Foto der lächelnden Viertklässlerin schließlich nicht mehr sehen muss. Etwas Schlimmes ist ihr zugestoßen, und ich will nicht über die böse Welt, in der ich lebe, nachdenken. Eine Welt, in der man das Schlimmste annehmen muss, wenn ein kleines Mädchen an einem Nachmittag verschwindet. Eine Welt, in der sich Blut in das Gehirn eines kleinen Jungen ergießt und er ohne Vorwarnung stirbt.
Ihr Sohn hat eine Subarachnoidalblutung erlitten … Äußerst selten bei Kindern … wahrscheinlich schon seit der Geburt vorhanden … nicht Ihre Schuld, nur einfach großes, großes Pech.
Ich bleibe bei Gameshow-Wiederholungen hängen, stundenlang künstliches Lächeln und aufmunternder Applaus, bis ich merke, wie ich wegdämmere. Schlaf oder so was Ähnliches. Zunächst kämpfe ich gegen die Müdigkeit an, aber eigentlich ist es ein angenehmes Gefühl, besser als die Schwere, die die Tabletten bewirken. Eine schöne, warme, schwebende Empfindung.
Und dann ist es, als wachte ich auf; alles wird auf einmal klarer.
Nacht. Ich stehe vor einem alten eingelassenen Swimmingpool. So wie er aussieht, ist hier schon seit einer Weile niemand mehr geschwommen; die Oberfläche ist mit verrottetem Laub bedeckt. Zwei Sprungbretter, das eine kurz, das andere lang, ragen über das faulige Wasser. Gegenüber wartet ein baufälliges Haus auf Reparaturen. Ich höre ein Tropfen, das aus den Schatten hinter mir kommt, und mir stockt der Atem. Ich bin nicht allein.
Ein kleines Mädchen hat sich in einem kaputten Gartenstuhl zusammengerollt und beobachtet mich.
Hi, sagt sie.
Ich kenne das Mädchen nicht, aber ich habe ihr Gesicht schon einmal gesehen – das lange dunkle Haar, den schiefen Pony, die glänzenden schwarzen Augen.
Hannah?
Sie nickt. Das gleichmäßige Tropfgeräusch hält an.
Alle Welt sucht nach dir. Sie glauben, dir wäre was passiert.
Ich weiß.
Ich versuche zu verstehen.
Versteckst du dich?
Als sie den Kopf schüttelt, kann ich sehen, dass sie kleine herzförmige Ohrstecker trägt. Ein Haarband mit einer rosa Blume aus Stoff.
Ich will nach Hause, sagt sie, aber ich kann nicht.
Ist das dein Zuhause?
Das ist Lacis Haus. Hannah steht aus dem Gartenstuhl auf und kommt zu mir. Laci ist meine Freundin aus der Schule. Wir sind in derselben Klasse.
Das Tropfen irritiert mich. Ich werfe einen Blick zurück zu dem kaputten Stuhl und sehe, dass sich darunter eine Lache bildet, obwohl es nicht regnet. Bist du nach der Schule zu Laci gegangen?
Sie ist zu Hause geblieben, weil sie krank ist. Ich habe ihr die Hausaufgaben gebracht, aber niemand hat geöffnet. Deshalb bin ich nach hinten gegangen, weil man von hier aus ihr Zimmer sehen kann.
Das ergibt Sinn. Ich blicke hoch zu den Fenstern im Obergeschoss des Hauses. Bei Tageslicht könnte uns Hannahs Freundin von dort aus mühelos sehen.
Sie hat Fernsehen geguckt, sagt Hannah. Ich habe ihr gewunken. Um ihr zu sagen, dass wir Hausaufgaben aufhaben.
Hast du sie ihr gegeben?
Sie schüttelt den Kopf. Die sind immer noch in meiner Tasche. Sie zeigt auf das lange Sprungbrett. Jetzt erst bemerke ich den Kinderrucksack am Fuße der Leiter. Meine Haut prickelt.
Sie hat mich nicht gesehen, erklärt Hanna, deshalb bin ich auf das hohe Brett geklettert, um mich größer zu machen.
Das Tropfen wird schneller, als antworte es auf meinen Herzschlag. Ich sehe hinunter; ich stehe im Wasser. Bin ich das? Bin ich diejenige, die tropft?
Komm mit. Sie macht ein paar Schritte zurück in die Schatten und erwartet, dass ich ihr folge.
Doch irgendetwas stört mich. Mein Haar. Da ist etwas in meinem Haar. Ich fasse an meinen Kopf, und schleimige, faulige Blätter rutschen herunter.
Hannah? Das Wasser zu meinen Füßen steigt nun, schwillt bis zu meinen Knien an, und ich weiß, dass sie das bewirkt, mich an einen Ort mitnimmt, an den ich nicht gehen will. Was geschieht hier?, frage ich sie. Ich möchte gehen. Mach, dass es aufhört.
Sie greift nach meinem Arm, zieht mich tiefer hinein, und ihre Finger schmelzen wie Eis, als sie auf meine Haut treffen.
Psssst, flüstert sie. Wir gehen schwimmen.
Ich setze mich im Bett auf, schwitzend und frierend gleichzeitig, beide Hände in die Laken gekrallt. Zum ersten Mal seit Keegans Tod hat etwas meine Trauer durchbrochen: Angst. Ich blicke zu den Fenstern, der offenen Zimmertür, halb in Erwartung, ein Gesicht, einen Schatten in menschlicher Gestalt zu sehen.
Es ist nur ein Albtraum, sage ich mir. Viele Leute träumen schlecht.
Doch die Angst bleibt, rumort in meinem Bauch, kriecht meine Haut hoch. Hannah Ramirez, erst neun Jahre alt, vermisst seit gestern Nachmittag. Ich kann nicht aufhören, an sie zu denken, an diese eisigen Finger. Denke immer wieder an ihre Mutter, die die ganze Nacht wach liegt und sich verzweifelt fragt, wo ihr Kind ist. Wenigstens das weiß ich. Ich musste mich das nie fragen.
Vielleicht hat man sie schon gefunden, sage ich mir. Vielleicht geht es ihr gut.
Aber etwas in mir glaubt nicht daran. Etwas in mir weiß, dass dieser Pool eine Bedeutung hat.
Ich gehe durchs Haus, knipse eine Lampe nach der anderen an, bis mein Zuhause ein Paradebeispiel für Energieverschwendung ist. Was stimmt nicht mit mir? Was passiert mit meinem Gehirn? Ich sehe Dinge, die ich nicht sehen sollte. Sind es die Tabletten? Die habe ich schon vor Tagen abgesetzt. Ist das möglicherweise der Entzug?
Ich gehe heut nicht zur Arbeit, nicht in dieser Verfassung. Schnell tippe ich eine E-Mail, um meine Kollegen darüber zu informieren, dass ich noch ein paar weitere Tage nicht ins Büro kommen werde. In Wahrheit bete ich, dass ich nie wieder dorthin zurückmuss. Morgen habe ich mein Treffen mit Isaac, eine Chance auf etwas Neues. Heute werde ich meine Großmutter besuchen.
Ich treffe sie in ihrem Lehnstuhl an, wie sie mit gerunzelter Stirn auf den Fernseher blickt, ein Kreuzworträtsel im Schoß. Als ich das Wohnzimmer betrete, greift sie sich hastig die Fernbedienung und stellt den Apparat aus.
»Was hast du dir angesehen?«, frage ich.
»Nur die Nachrichten.«
»Dann mach es doch wieder an.«
»Nein, nein«, sagt sie. »Ich will mich mit dir unterhalten. In den Nachrichten passiert nie was Gutes.« Sie zeigt auf ihr Kreuzworträtsel. »Acht Buchstaben für Knotenpunkt. Was denkst du?«
Ich habe das Gefühl, dass sie mich nur ablenken will, und das verärgert mich noch mehr. »Wirklich, Grandma. Glaubst du, ich kann die Nachrichten nicht ertragen?«
Sie seufzt. »Reg dich nicht auf. Es war etwas Trauriges, das ist alles. Ein kleines Mädchen. Mit so was solltest du dich jetzt nicht beschäftigen.«
»Du meinst Hannah Ramirez.«
»Dann hast du es also auch schon gesehen.« Ihr Versuch, mich zu schützen, scheint ihr peinlich zu sein.
»Gestern Abend.«
»Oh. Nun, man hat sie heute Morgen gefunden.« Ihre Stimme lässt darauf schließen, dass es keine guten Neuigkeiten sind.
Mein Magen zieht sich zusammen. »Sie wurde im Pool gefunden«, sage ich, und es ist nicht mal eine Frage.
»Armes Mädchen.« Sie spielt mit ihrem Stift. »Wenigstens war es ein Unfall, nicht irgendein Perverser …«
»Es war doch ein Pool, oder? Der Pool ihrer Freundin?«
Als sie nickt, wird mir schwindlig. Ich sinke in den Schaukelstuhl und massiere mir die Schläfen.
Meine Großmutter missdeutet meine Reaktion als Mitgefühl. »Es tut mir leid, dass du den Bericht gesehen hast. Am besten, wir gucken beide eine Weile keine Nachrichten mehr.«
Ich blicke auf. Das ist nichts, was ich für mich behalten kann. »Ich habe es nicht im Fernsehen gesehen«, sage ich ihr ruhig. »Ich habe es geträumt.«
»Du hast was geträumt?« Sie trägt ein Wort in das Kreuzworträtsel ein und hakt dann den Hinweis ab.
»Von Hannah. Wo man sie gefunden hat.«
»Du hast es gestern Nacht geträumt?«
»Ja.«
Grandma schreibt ein weiteres Wort in die Kästchen. »Sie haben sie aber doch erst heute Morgen gefunden.«
»Ich weiß.«
Sie hält inne. Mustert mich eingehend. »Charlotte, du hast mir gesagt, du träumst nicht.«
»Hab ich auch nicht. Aber dann habe ich aufgehört, die Schlaftabletten zu nehmen.«
»Und du hast von diesem vermissten Mädchen geträumt? Du hast geträumt, dass sie in dem Schwimmbecken … ist?«
Ich nicke und beobachte ihre Reaktion.
Sie starrt mich lange an, denkt nach. Lichtsplitter tanzen über ihre Hand. Bei Tageslicht wirken meine Worte umso lächerlicher.
»Sprich’s einfach aus«, sage ich ihr. »Du denkst, ich bin verrückt.«
»Nein.« Doch sie sieht mich dabei nicht an. Ihr Blick liegt auf dem Kreuzworträtsel, den Reihen leerer Kästchen.
»Schon in Ordnung.« Ich beiße mir auf die Lippe. »Ich habe ein totes Mädchen gesehen. Das mit mir geredet hat. Das ist verrückt.«
»Nein, Liebes, nein. Das denke ich nicht.«
»Dann was?« Meine Stimme wird lauter. »Das ist nicht der erste komische Traum, Grandma. Ich hatte noch einen anderen, der dann auch wahr geworden ist. Langsam macht es mir Angst.«
Sie hebt den Kopf. Legt das Rätsel auf den Couchtisch. »Ich glaube nicht, dass du verrückt bist«, sagt sie. »Ich glaube, dass du wie ich bist.«
In dem Sommer, bevor ich in die Highschool kam, fuhr mein Vater seinen Wagen gegen einen Baum. Nach Schätzung des Coroners betrug der Blutalkoholgehalt zum Zeitpunkt seines Todes 2,2 Promille und war damit ungefähr dreimal höher als der gesetzlich erlaubte Grenzwert. Wenn er nicht gestorben wäre, wäre er ins Gefängnis gewandert. Damals kam ich zu meiner Großmutter.
Bis dahin hatte ich die Mutter meines Vaters zwar gelegentlich besucht, doch ich stand ihr nicht besonders nahe, als sie sich entschied, mich bei sich aufzunehmen. Ich mochte sie, weil sie nie verlangte, dass ich über meine Gefühle sprach, und weil sie so ehrlich war wie sonst kein Erwachsener in meinem Leben bisher. »James ist tot, weil er ein Trinker war«, erklärte sie mir. »Wir können ihn lieben, doch wir müssen ihm nicht vergeben.« Oder über meine Mutter: »Sie war neunzehn und dumm. Es tut mir leid, dass du keine Mutter hast, aber ich bin froh, dassdu nicht sie als Mutter hast.«
Ihre offenen Worte mögen verletzend sein, doch sie sind immer wahr. Vierundzwanzig Jahre lang habe ich meine Großmutter respektiert, weil sie stets die Dinge beim Namen nannte, weil sie unangenehme Gefühle beiseiteschob und weitermachte, und auch, weil sie mir meine Privatsphäre gönnte. Ich habe immer gedacht, ich wäre die mit den Geheimnissen. Dass sie selbst welche haben könnte, kam mir nie in den Sinn.
Ich betrachte meine Großmutter, die stählernen Augen und das kurze, wellige Haar. Ich habe grüne Augen und bin viel blasser, doch unsere Gesichtszüge sind ähnlich: ovales Gesicht, scharfes Kinn, hohe Wangenknochen. Die Leute sagen, wir würden uns gleichen, und ich glaube auch, dass wir ähnliche Persönlichkeiten haben. Doch das ist es nicht, was sie jetzt meint, wenn sie sagt, dass ich bin wie sie.
»Grandma«, sage ich, »hast du auch unheimliche Träume?«
»Früher ja.« Sie erhebt sich langsam. »Ich möchte etwas zu trinken. Du auch?«
»Nein, danke.« Meine Gedanken sind nicht bei Flüssigem, als ich ihr in die kleine, schmale Küche folge. »Also … ist es später so eingetroffen? Das, was du geträumt hast?«
Sie gießt Apfelwein in einen Topf und stellt eine Herdplatte an. »Das sind keine Träume. So wirkt es nur am Anfang.« Grandma wühlt in einem Schrank, sucht Zutaten heraus. »Träume bewegen sich schnell und ändern sich plötzlich. Sie ergeben keinen Sinn. Ich habe aber Dinge gesehen. Sie wirklich gesehen.«
»Wie nennst du sie dann? Visionen?«
