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Der Bestseller aus Spanien voll psychologischer Hochspannung
Alice’ Ehemann ist tot. Ein Autounfall, doch ereignet sich der auf einer Landstraße, auf der Chris laut seines letzten Anrufs gar nichts zu suchen hatte. In die bodenlose Trauer mischen sich Zweifel: War ihr perfektes Leben vielleicht gar nicht so perfekt? Alice besorgt sich Videomitschnitte von der Strecke. Stück für Stück führen die sie nach Robin Island, eine winzige, beschauliche Insel vor der Küste von Cape Cod und Alice’ letzte Hoffnung auf eine Antwort …
Als Chris ums Leben kommt, zerbricht für die hochschwangere Alice und ihre sechsjährige Tochter das perfekte Leben. Doch fast schwerer als der Verlust wiegt, dass ihr Mann bei seinem letzten Anruf gelogen hat. Warum wurde sein Wagen an dieser Stelle gefunden? Wo zum Teufel wollte er hin? Diese Fragen lassen Alice keine Ruhe, und sie rekonstruiert die letzte Fahrt ihres Mannes, ihre Mittel dazu werden immer extremer. Und als sie die Suche schließlich nach Robin Island verschlägt – ein kleines idyllisches Inselparadies –, ist sie zu allem entschlossen. Sie wird diesem Ort das Geheimnis um Chris entlocken …
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Seitenzahl: 741
Veröffentlichungsjahr: 2018
Daniel Sánchez Arévalo
Das Flüstern der Insel
Roman
Aus dem Spanischen von Svenja Becker
Insel Verlag
Für meine Mutter, für meine Schwester
und für alle Frauen, die mir beigebracht haben,
das Leben zu schreiben.
Cover
Titel
Widmung
Inhalt
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Cover
Titel
Widmung
Inhalt
Erster Teil. Moby-Dick
Zweiter Teil. Die Schatzinsel
Dritter Teil. Robinson Crusoe
Vierter Teil. Der Unsichtbare
Fünfter Teil. Alice im Wunderland
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Moby-Dick
Sie ist auf keiner Karte verzeichnet, die wahren Orte sind das nie.
Die Wahrheit kennt keine Grenzen.
Im Laufe dieser seltsamen, kunterbunten Geschichte, die wir das Leben nennen, gibt es bestimmte merkwürdige Zeiten und Anlässe, da ein Mensch das ganze Universum als einen einzigen großen Jux ansieht, obwohl er den Witz darin kaum erkennen kann und den dringenden Verdacht nicht loswird, dass der Spaß nur auf seine Kosten geht.
Herman Melville, Moby-Dick (1851)
Aufsatz meiner Tochter Olivia im 4. Grundschuljahr:
Heute ist mein Vater gestorben. Also heute vor drei Jahren, und der Tag ist jedes Jahr schlimmer für mich, weil als er gestorben ist, da bin ich noch sehr klein gewesen, da war ich erst sechs und habe nicht viel verstanden. Ich habe gedacht, er macht eine Reise, und als meine Mutter gesagt hat, er kommt nicht wieder, da war es am schlimmsten für mich, dass er mir jetzt kein Geschenk mitbringt. Mein Vater ist nämlich viel gereist und hat immer ein Geschenk für mich gehabt, wenn er wieder da war. Aber jetzt wo ich schon größer bin, bin ich trauriger, weil ich mehr verstehe, was das Leben ist, und auch wenn ich über meine Mutter und meine Schwester fast jeden Tag ziemlich froh bin, ist es trotzdem sehr traurig, wenn man keinen Vater hat. Deshalb sind wir umgezogen, als er gestorben ist, und jetzt leben wir auf Robin Island, weil meine Mutter gedacht hat, wenn wir unser altes Haus verlassen, dann können wir schneller darüber hinweg, und dass wir einen Luftwechsel brauchen, und ein bisschen hat sie damit auch recht gehabt, und es geht uns sehr gut hier, weil die Insel sehr schön ist, außer wenn es regnet oder schneit, Regen mag ich nämlich nicht, und Schnee kann ich nicht ausstehen, aber hier sind auch sonst fast alle fast jeden Tag ziemlich froh, und das hilft immer sehr, wenn man etwas schlimmes aushalten muss. Und aus Zufall ist außerdem meine Schwester Ruby hier auf die Welt gekommen, als wir das erste Mal hier waren, und das bringt ganz viel Glück. Ich hoffe, dass ich nächstes Jahr noch ein bisschen trauriger bin als dieses Jahr, weil das bedeutet, dass ich meinen Vater nicht vergessen habe, und dass ich ihn weiter lieb habe und dass ich ihn vermisse. Das ist sehr wichtig für mich.
Ende.
Auch wenn es den Tag 0 im Kalender nicht gibt, kommt er im Leben doch vor. Mein Tag 0 war der Tag, an dem Chris starb, auch wenn ich überlegt habe, ob es nicht der Tag sein könnte, an dem ich auf die Insel zog. Aber schließlich überzeugte mich ein Tod doch mehr als ein Umzug. Der Tag 0 n. Chr. Nach Christus. Nach Chris.
Manchmal habe ich ihn damit aufgezogen und ihn nicht Chris, sondern Chris/tus genannt (ich hatte ihn so in meinem Handy gespeichert), vor allem, wenn er überaus liebenswürdig, mit seinem einnehmendsten Lächeln und in unschuldigsten Worten seinen Kopf durchsetzen wollte. Was in der letzten Zeit häufiger der Fall war, wenn es um den Namen für unser Kind ging (ich war im siebten Monat schwanger). »Du hast beim ersten Mal aussuchen dürfen, mein Schatz, du wolltest etwas Internationales, das im Englischen, Spanischen, Italienischen und Französischen gleich geschrieben wird. Und ich war einverstanden: Olivia gefällt mir. Jetzt bin ich aber dran. Und ich möchte einen Namen, der nach einem Juwel klingt, denn das werden wir bekommen, ein kleines Juwel: Ruby«, sagte er. Und ich: »Sorry, Chris/tus, das kommt nicht in Frage. Such dir was anderes aus. Ruby klingt wie die Prostituierte aus der Vorabendserie.« »Du hast gerade das Andenken meiner Urgroßmutter Ruby beleidigt, Alice.« Er tat eingeschnappt. Er nannte mich nie bei meinem vollen Namen, bloß wenn er mich provozieren wollte. Für gewöhnlich nannte er mich Ali, Al und am liebsten einfach A. Mir gefiel A.
Ich wusste, dass er es war, als das Telefon klingelte. Ich nahm gerade ein Schaumbad mit zwei Esslöffeln Olivenöl und einem großen Glas Vollmilch — ein Hausmittel gegen die bei meinem riesigen Bauch zu befürchtenden Schwangerschaftsstreifen — und aß dazu ein Eis mit Belgischer Schokolade (im Gedenken an meine Vorfahren). Ich machte keine Anstalten, die Wanne zu verlassen und das Gespräch anzunehmen. Ich hoffte bloß, dass Olivia nicht aufwachte; es hatte lange gedauert, bis sie eingeschlafen war, und jetzt konnte ich endlich entspannen und etwas für mich tun. Chris würde das verstehen.
Als der Halbkilobecher Eis geleert war, stieg ich aus der Wanne; ich trocknete mich ab, rieb mir Busen, Bauch und Po mit Mandellotion ein und hörte meine Mailbox ab: »Hi, Schatz. Ich bin gerade erst fertig geworden. Eigentlich wollte ich zum Abendessen zu Hause sein, aber es war nichts zu machen, keine Chance, der Kunde wollte hier unbedingt noch was trinken, in einer Bar etwas außerhalb von Yale. Ich mache mich jetzt auf den Weg. Wahrscheinlich bin ich gegen Mitternacht da. Du musst nicht wach bleiben. Ich küsse dich, meine Liebe.«
Ich rief ihn nicht zurück, sondern schickte ihm bloß eine Nachricht:
Hab in der Wanne Eis gefuttert, deshalb nicht drangegangen. Nicht Dickerchen sagen, das tut mir weh! Komm gut heim, mein Schatz. Wir warten hier alle drei auf dich. ILD.
Das Telefon klingelte zwei Stunden später wieder. Vielmehr klingelte es nicht, es vibrierte, und das Display blinkte. Ich war beim Fernsehen im Bett eingeschlafen. Ich erschrak nicht und war auch nicht alarmiert, als ich sah, dass es Chris war. Wenn er nachts fuhr, rief er mich manchmal über die Freisprechanlage an, um nicht einzuschlafen, und ich mochte es, wenn er sich von mir wachhalten ließ. Nicht weil ich gern alles mit mir machen ließ, ich konnte nur einfach überall die Augen schließen und einschlafen und deshalb störte es mich nicht, wenn er meinen Schlaf kurz unterbrach, ich genoss es sogar. Es war ein bisschen so wie früher, als wir noch bei unseren Eltern wohnten, wenn wir das Telefon mit ins Bett genommen und bis zum Morgen geredet und so irgendwie die Nacht miteinander verbracht hatten.
»Hallo, mein Schatz, wo bist du denn?«, fragte ich, noch etwas benommen.
»Guten Abend«, antwortete eine Frauenstimme. Jetzt erschrak ich doch. Ich schaute noch einmal auf das Display: Chris/tus. Viel Lärm im Hintergrund. Verkehrsrauschen und Motorenlärm. »Spreche ich mit Alice Williams?«
»Äh … Ja, das bin ich.« Meine Hände begannen sofort zu zittern.
»Ihr Mann hatte einen Autounfall. Wir bringen ihn ins Saint Luke's Hospital in New Bedford.«
»New Bedford? Wieso New Bedford?«
»Ihr Mann ist Christopher Williams, wohnhaft 668 Hope Street, Providence?«
»Ja.«
»Er ist auf der US-6 von der Straße abgekommen, auf der Höhe von Marion.«
»Marion? Wo ist das?«
»Marion, Massachusetts. Auf der Höhe des Weweantic River.« Als würde mir das etwas sagen.
»Entschuldigen Sie, aber ich weiß nicht, wovon Sie sprechen«, sagte ich und rang darum, nicht aufzuwachen. Solange ich weiterschlief, wäre das alles nur ein böser Traum.
»Noch einmal, Frau Williams. Ihr Mann hatte einen Autounfall, zweiundzwanzig Meilen östlich von New Bedford. Wir bringen ihn ins …«
»Nein, das muss ein Irrtum sein«, unterbrach ich sie erleichtert, ich hatte endlich Ordnung in meine Gedanken gebracht. »Das kann nicht sein. Mein Mann ist, er war in Yale.«
Wir lebten in Providence, Rhode Island. Yale ist in New Haven, ungefähr hundert Meilen westlich. New Bedford liegt in der entgegengesetzten Richtung, im Osten. Wie weit, das wusste ich damals nicht genau, aber schätzungsweise eine Stunde mit dem Auto.
»Frau Williams, ich habe seine Papiere noch einmal durchgesehen«, sagte die Frau geduldig, sich offenbar bewusst, wie schwer es war, so eine Nachricht zu begreifen. »Es handelt sich um Christopher Williams.«
»Kann ich bitte mit ihm sprechen?«, brachte ich heraus.
»Er ist nicht bei Bewusstsein. Sein Zustand ist sehr kritisch, Frau Williams. Kommen Sie, so schnell es geht. Saint Luke's Hospital, New Bedford.«
Beim Auflegen blickte ich reflexhaft auf die Digitaluhr auf meinem Nachttisch. Ich sah, wie sie von 00:01 auf 00:02 umsprang. Am 13. Mai 2015. Schon als sehr kleines Kind hatte ich mir die 13 als Lieblingszahl ausgesucht, weil ich glaubte, dass alle Zahlen gleich viel Glück bringen. Eine Portion Glück, die man mit allen Leuten teilen musste. Und weil keiner die 13 wollte, hätte ich ihr gesamtes Glück für mich allein. Bei allen Mannschaftssportarten, die ich spielte, wählte ich die 13 als Nummer. Sie war die Zahl, die mir den Rücken stärkte. Aber in diesem Moment hörte sie auf, meine Glückszahl zu sein.
Und dieser Tag wurde zum Tag 0 des Jahres I n. Chr.
Ich saß schon fünf mir endlos scheinende Minuten hinterm Steuer, als die nächste Panikwelle meine Wirbelsäule hinabpeitschte, weil mir jäh klar wurde, dass ich Olivia allein gelassen hatte, als wäre ich nur kurz vor die Tür gegangen, um die Post und die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen.
Noch während ich mir Vorwürfe deswegen machte, wählte ich über die Freisprechanlage die Nummer meiner Eltern. Ich hoffte, mein Vater würde drangehen.
»Ist was passiert, Liebes?« Meine Mutter klang erschrocken wegen der Uhrzeit.
»Mama, Chris hatte einen Autounfall. Sie bringen ihn ins Krankenhaus.«
»Du lieber Himmel, ist es schlimm?«
»Das weiß ich nicht, Mama. Ich rufe dich an, sobald ich etwas erfahren habe. Ich bin gleich losgefahren. Olivia ist allein zu Hause. Ich will nicht, dass sie wach wird, und niemand ist da. Bitte fahrt zu ihr.«
»Ja, sicher, Liebes, wir sind schon unterwegs. Himmel, George, wach auf, Chris hatte einen Unfall. Wo ist das denn passiert, Liebes?«
Ich wollte nicht weiter Erklärungen abgeben müssen.
»In der Nähe von Yale, er war geschäftlich unterwegs.«
Krankenhäuser sind ein Gräuel für mich. Ich setze einen Fuß hinein, und mir wird schwindlig, und dazu noch die Angst, die ich hatte. Meine Beine streikten. Mir war nicht ganz klar, wie ich überhaupt bis hierher hatte fahren können. Ich sah alles verhangen wie durch einen löchrigen Schleier. Ich leide an Asthenophobie, der Angst davor, in der Öffentlichkeit ohnmächtig zu werden. Sie befällt mich fast immer in Stresssituationen, wenn ich mich in die Enge getrieben fühle, von Fremden umgeben bin oder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehe. Sobald mehrere dieser Faktoren zusammenkommen, fängt mein Herz an zu rasen, ich bekomme Schüttelfrost, Atemnot, Panik.
Eine Krankenschwester führte mich zu einem Wartezimmer neben der Intensivstation.
»Bitte hier herein. Der Arzt kommt zu Ihnen, sobald er kann. Ihr Mann ist noch im OP.«
Ich sah einen Getränkeautomaten. Ich brauchte Zucker und Koffein. Aber ich konnte nicht einmal mehr in meine Handtasche greifen und nach Kleingeld suchen. Mir wurde etwa zum selben Zeitpunkt schwarz vor Augen, der später auf dem Totenschein von Chris stehen sollte. Wollte ich mit ihm gehen?
In einem Abteil der Notaufnahme kam ich wieder zu mir. Weil Arzt und Oberschwester mich so freundlich, verständnisvoll und mitfühlend ansahen, wusste ich sofort, dass Chris tot war. Gleich nachdem sie es ausgesprochen hatten, überlegte ich, ob ich unsere Tochter jetzt Ruby nennen musste, um sein Andenken zu ehren, oder ob ich den Namen aussuchen konnte, wie ich wollte. Kniffe des Gehirns, um am Leben zu bleiben. Nichtigkeiten, an die man sich klammert, wenn der Boden, auf dem man steht, plötzlich nur noch Morast ist und einen verschlingen will.
Über einen Katheter am Arm bekam ich eine Infusionslösung, und man hatte mir ein Beruhigungsmittel gespritzt. Lebenserhaltende Betäubung gegen die Schrecken des Todes. Vertrug sich das mit meiner Schwangerschaft? Wahrscheinlich war es immer noch besser, als eine Frühgeburt zu riskieren.
»Noch ist nicht eindeutig klar, was zum Tod Ihres Mannes geführt hat. Wir hatten das durch den Aufprall des Wagens hervorgerufene Schädelhirntrauma für ursächlich gehalten. Die Polizei hat uns jedoch informiert, dass an der Unfallstelle keine Bremsspuren zu sehen sind, er könnte also am Steuer eingeschlafen sein oder das Bewusstsein verloren haben, ehe er von der Straße abkam, oder …« Der Arzt verstummte, weil ihm jede weitere Spekulation offenbar unangebracht vorkam. »Es wird eine Autopsie durchgeführt, um die Ursache zu klären.«
In dem Moment war mir nicht klar, dass man auch in Erwägung zog, Chris könnte sich umgebracht haben.
»Wie lange dauert das? Wann kann ich ihn nach Providence bringen?«
»Wir haben hier im Krankenhaus einen Flügel, in dem wir die Toten aufbahren und Angehörige und Freunde empfangen werden können.« Und als ich keine Regung zeigte: »Gleich kommt eine Psychologin, die Ihnen und Ihrer Familie zur Seite stehen wird. Es tut mir sehr leid, Frau Williams. Wenn wir jemanden für Sie anrufen sollen …«
»Nein, bitte, ich möchte meinen Mann so schnell wie möglich nach Hause bringen«, sagte ich oder dachte ich. Ich konnte gerade nicht gut unterscheiden zwischen dem, was ich tat, und dem, was ich mir nur vorstellte. Mit Sicherheit wusste ich nur, dass ich unsere Tochter Ruby nennen würde, natürlich Ruby.
Draußen tagte es. Die Wirkung des Beruhigungsmittels begann nachzulassen. Es war Zeit, dass ich meine Eltern anrief. Ich würde zusammenbrechen, würde weinen und ihnen alles erzählen. Und unter Schluchzen würde ich ihnen sagen, dass ich nicht aufhören konnte zu denken, dass Chris vielleicht noch leben würde, wenn ich ans Telefon gegangen wäre. Dass ich nicht wusste, was Chris dort zu suchen gehabt hatte, und dass ich sehr traurig war, sehr verstört, und dass es mir vorkam, als würde all das gar nicht geschehen, als wäre alles eine einzige Lüge. Dass man mich gebeten hatte, den Toten zu identifizieren, und ich, als ich ihn sah, dachte, nein, das ist er nicht. Weil er das nicht sein konnte, weil Chris mich nie angelogen hatte, und wenn doch — immer nur Belanglosigkeiten —, dann hatte ich das jedes Mal gemerkt, und er hatte gelacht wie ein ertapptes Kind, und dafür hatte ich ihn geliebt. Deshalb war diese Leiche, die ich in der Leichenhalle gesehen hatte, nicht Chris, es war ein gelogener Chris. Nicht mein Chris. Das war alles nicht wahr. »Nicht, Papa? Nicht, Mama? Sagt mir, dass das alles nicht passiert.« Ich rief meinen Vater auf dem Handy an. Meine Mutter ging dran.
»Ja, Mama, es ist sehr ernst … Ich weiß nicht, auf einer Landstraße bei Yale, er war auf dem Weg nach Hause … Mama, mehr weiß ich nicht, sobald ich Neuigkeiten habe, melde ich mich … Nein, bitte, komm nicht her … nein, Papa soll auch nicht kommen, bitte … Ich möchte nicht, dass Olivia irgendwas mitbekommt und Angst hat … Mir ist es lieber, ihr bleibt bei ihr und kümmert euch um sie … Ich melde mich und halte euch auf dem Laufenden … Bis dann.«
Ich hatte nicht gewusst, dass ich so gut lügen konnte, weil ich es bisher fast nie hatte tun müssen. Warum? Warum war ich nicht imstande gewesen, die Wahrheit zu sagen? Noch nicht einmal, dass Chris tot war. Als müsste ich Zeit gewinnen. Zeit wofür? Keine Ahnung, ich wusste bloß, dass ich zwei Stunden oder so brauchte. Damals war es für mich nur schwer abzusehen, dass es bei der Zeit, die ich brauchen würde, nicht um Stunden ging, nicht um Wochen oder Monate. Es ging um Jahre.
Mein Mann ist gerade gestorben, und ich kenne ihn nicht, dachte ich ständig. Zum ersten Mal angelächelt hatte ich ihn nicht deshalb, weil er gut aussah, witzig, beliebt und klug war, sondern weil es mir vorkam, als würde ich ihn schon mein Leben lang kennen. Als wäre mein ganzes kurzes Leben eine Vorbereitung darauf gewesen, ihn anzulächeln. Und von diesem ersten Lächeln an, das wir uns im Vorübergehen auf dem Schulflur zuwarfen, empfand ich ihn als einen Teil von mir und mich als einen Teil von ihm. Wer war mein Mann? Und da ich seit achtzehn Jahren in sein Lächeln verliebt gewesen war und in das Lächeln, das er mir entlockte: Wer war ich? Hallo, mein Name ist Alice Williams, ich bin dreiunddreißig Jahre alt, sitze im Vorraum des Beerdigungsinstituts Monahan Drabble Sherman und höre Dire Straits über die hauseigene Musikanlage.
Eine Musikanlage? Ernsthaft? In einem Beerdigungsinstitut? Brothers in Arms von den Dire Straits, die erste Platte, die Chris sich gekauft hatte, als Kind, auf dem Flohmarkt. Sein Lieblingsalbum. Woher wussten die das? Gerade lief »So Far Away«. Wie passend, wie makaber. Wie lachhaft. Aber wer hatte den Verantwortlichen hier davon erzählt? Plötzlich wurde mir klar, dass ich das gewesen war. »Möchten Sie, dass während der Totenwache eine bestimmte Musik läuft? Wir haben eine Musikanlage und können persönliche Wünsche erfüllen«, hatte die freundliche Frau gesagt, die uns den Verlust erleichtern sollte. Ich erinnerte mich nicht an meine Antwort, aber wenn das jetzt lief, dann offenbar, weil ich es ihr gesagt hatte. Oder vielleicht war es auch Tricia gewesen, Chris' Schwester. Ich hatte Erinnerungslücken. Und mit Lücken meine ich, dass ich alles vergaß außer dem, was ich wirklich vergessen wollte: dass ich im Alter von dreiunddreißig Jahren Witwe war.
Alle waren da. Meine Eltern, die Großmutter, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen, die Eltern von Chris, seine Schwester und seine sonstigen Angehörigen, Bekannte, Kollegen, gemeinsame Freunde und eigene, denn uns war es immer wichtig gewesen, dass jeder auch Freunde für sich allein hatte. Mein gesamtes kleines und bis eben noch überschaubares und geordnetes Universum. Meine Seifenblase. Zerplatzt durch einen mitternächtlichen Anruf, und ich erwacht in einer feindlichen Welt, die ich nicht kannte und in der ich nicht sein wollte. Deshalb hatte ich mir in nur zwei Tagen eine neue, provisorische Blase geschaffen, eine Notblase, in der ich mich einigermaßen am Leben hielt, in einem winterschlafähnlichen Zustand, einem Dasein, ohne da zu sein. Und selbst wenn jemand bei mir war, sah und hörte ich ihn nicht. Ich wollte nicht angefasst und nicht angesprochen werden. Mir blieb unbegreiflich, warum ich mich nicht in ihre tröstenden Worte, ihre Zuneigung und ihre ehrlich gemeinten Umarmungen flüchtete.
Ich hatte niemandem das mit Chris erzählt, dass er nicht gewesen war, wo er hätte sein sollen. Scham war das Wort, das mir am häufigsten dazu durch den Kopf ging.
Olivia kam mit den ersten Akkorden von »Walk of Life« zu mir. Sie besaß als einzige den Schlüssel, um in meiner Notblase ein- und auszugehen. Sie und die Dire Straits.
»Mama.«
»Ja, Oli.«
»Wo ist mein Geschenk?«
»Was denn für ein Geschenk, mein Schatz?«
»Das von Papa, das er mir immer mitbringt.«
»Das weiß ich nicht, Liebes.«
»Hast du im Auto nachgesehen?«
»Nein, mein Engel, habe ich nicht.«
»Glaubst du, ich bin schuld, dass er gestorben ist?«
»Wie kommst du denn darauf, mein Herz?« Herz, Engel, Liebes, Schatz. Ich wusste nicht, wie ich zu ihr sagen sollte, um ihren (unseren) Verlust zu mildern.
»Vielleicht war er ja unterwegs, um mein Geschenk zu kaufen, und ist da gestorben. Auf dem Weg dahin.«
»Aber nein, Oli, er hatte es ganz sicher schon gekauft, und es ist bestimmt im Auto. Morgen schaue ich nach und bringe es dir.«
»Also, wenn es nicht meine Schuld ist, wer ist dann schuld?«
»Niemand. Niemand ist schuld.«
»Ist es denn nichts Schlimmes?« Ich sah sie verständnislos an. »Papa sagt, wenn etwas schlimm ist, dann ist auch jemand dafür verantwortlich.«
Nachdem ich ihr versichert hatte, dass auch ihre Großeltern nicht schuld waren, und nicht die Urgroßeltern — jeder einzelne nicht, nicht die Lebenden, nicht die Gestorbenen — Tricia nicht, ich nicht, und auch sonst niemand, den sie kannte oder nicht kannte, sagte sie:
»Also, wenn niemand schuld gewesen ist, war Papa dann schuld?«
»Nein, Liebes, Papa ist auch nicht schuld.«
»Und warum ist die Kiste von Papa zu? Ich will ihn sehen.«
Der Sarg war geschlossen. Ich hatte das vor allem deshalb so entschieden, um Olivia zu schützen, weil sie ihren Vater lebendig in Erinnerung behalten sollte.
»Nein, Oli, es ist besser so.«
»Wenn ich die Augen zumache, sehe ich ihn, ich sehe Papa.«
»Das ist gut, so erinnerst du dich an ihn.«
»Ich sehe ihn tot, in dem Auto. Teile von seinem Gesicht sind weg. Ein Auge und viele Zähne und sonst noch Sachen. Und er blutet ganz arg. Ich habe so viel Angst, die Augen zuzumachen, Mama.«
Ich hatte gedacht, es könnte mir die Seele nicht noch weiter zerreißen. Ich hatte falsch gedacht. Olivia war sechs, und sie hatte nie zuvor Ängste gehabt, jedenfalls nicht derart handfeste, allenfalls kleine Ticks, nicht weiter schlimm. Ich strich ihr übers Haar. Das beruhigte sie immer. Sie und mich. Ich fuhr gern mit den Fingern durch ihr blondes, feines Haar, das genauso war wie das von Chris. Die Haare, den Mund und das Lächeln hatte sie von ihrem Vater geerbt; die grünen Augen, die Nase und die runden, sommersprossigen Wangen von ihrer Mutter. Das Beste aus jedem Stall.
»Wenn wir wieder zu Hause sind, drucke ich dir Fotos von unserer Alaskakreuzfahrt im letzten Sommer aus, ja?«
»Das hilft bestimmt nicht, Mama. Ich muss ihn sehen. In der Kiste.«
Ich sah sie an und dachte: Wie klug meine Tochter ist. Womöglich ist sie hochbegabt. Ich sollte ihr ein Klavier kaufen oder ihr ein Schachspiel schenken. Aber noch heute, damit sie, wenn sie als erste Frau die Schachweltmeisterschaft gewinnt, oder wenn sie in der Carnegie Hall auftritt, in den Interviews sagen kann: »An dem Tag, als wir meinen Vater beerdigten, hat meine Mutter mir ein Klavier (oder ein Schachspiel) geschenkt. Das war die rettende Planke für mich. Ich möchte dieses Konzert (diesen Weltmeistertitel) meinem verstorbenen Vater widmen und meiner Mutter dafür, dass sie meinen Schmerz in Kunst und Hingabe verwandelt hat.« Meine Tochter besaß irgendein verborgenes Talent, und es würde meine Aufgabe im Leben sein, es zu entdecken. Das zu denken weckte meine Lebensgeister ein bisschen.
»Man sagt nicht Kiste, es heißt Sarg, mein Schatz.«
Mehr brachte ich nicht heraus. Dann nahm ich sie bei der Hand und führte sie in die Kammer, in der Chris' Sarg ausgestellt war.
Am auffälligsten fand ich, dass der Raum schallisoliert war. Wie absurd, wer hier liegt, ist doch tot, dachte ich. Obwohl andererseits: Wenn ich gehen müsste, würde ich dabei auch lieber kein Wehgeschrei hören. Es war kalt, sehr kalt. Aber das war normal. Fleisch muss gekühlt werden. Die Kälte ist das Deo der Toten.
Als Erste merkte meine Mutter, dass wir dort hineingegangen waren. Sie redete und weinte gerade mit Tante Sally. Jetzt kam sie und klopfte von außen an die Glastür, die uns trennte. Ich hörte sie nicht, konnte aber ihre Lippen lesen: »Was macht ihr da, Liebes? Kommt wieder raus«. Ich trat an die Scheibe. Sah meine Mutter an. Zwei Sekunden oder drei. Sie sah mich an, wartete, dass ich etwas sagte, aber ich zog nur die Gardine zu, damit Olivia und ich einen Moment für uns allein hatten.
Ich nahm einen Papierkorb aus Blech (wozu brauchen die Toten Papierkörbe?), drehte ihn um und hob Olivia darauf, damit sie über den Sargrand schauen konnte.
»Bist du dir sicher, Oli?«
»Aber ja, Mama, mach …«
Ich öffnete den Deckel. Olivia lächelte sofort. Ein Lächeln, so voller Leben, dass ich dachte, Chris werde davon auferstehen, aus dem Sarg steigen und sagen: »Wie kalt hier. Lasst uns heimgehen.«
Die Autopsie hatte ergeben, dass Chris, wie die Polizei und der Gerichtsmediziner schon vermutet hatten, nicht durch den Aufprall des Autos gestorben war. Er hatte eine Hirnblutung erlitten, hatte am Steuer das Bewusstsein verloren und war deshalb verunglückt. Eine Arteriovenöse Malformation. Er hatte eine Zeitbombe im Kopf gehabt, und die war im ungünstigsten Augenblick hochgegangen. So schmerzhaft und kalt diese Erklärung auch war, sie erleichterte mich doch, weil damit die Frage, ob Chris Selbstmord begangen haben könnte, vom Tisch war. Die Polizei und der Sachverständige seiner Lebensversicherung hatten sie wegen der fehlenden Bremsspuren aufgeworfen. Und ich sorgte mich nicht darum, ob die Versicherung zahlte; ich sorgte mich, weil ich der Polizei und dem Sachverständigen gegenüber gekränkt getan und rundheraus behauptet hatte, Chris sei ein lebensfroher Mensch gewesen, der mit jedem Problem fertiggeworden wäre, im Stillen jedoch daran zweifelte, zum ersten Mal in meinem Leben an ihm zweifelte. Als man mir die Todesursache erklärte, war ich aus allen Wolken gefallen, denn Chris hatte immer sehr gesund gelebt. Der Gerichtsmediziner sagte, das habe damit nichts zu tun, diese Fehlbildung sei angeboren. Und in den meisten Fällen vererbt. Aber niemand aus seiner Familie, und ich kannte mich gut in ihr aus, war auf ähnliche Weise gestorben oder hatte an etwas Vergleichbarem gelitten. Und da zweifelte ich zum zweiten Mal an ihm.
»Wie gut Papa aussieht.«
»Sehr.«
»Und riechen tut er auch gut. Er riecht nach Papa.«
Betty, seine Mutter, war vorher bei uns vorbeigefahren, um seinen Lieblingsanzug, Hemd und Krawatte und seine besten Schuhe aus dem Schrank zu holen, außerdem sein Aftershave und das Deo, das er benutzte.
»Er sieht aus, als würde er schlafen.«
Olivia streichelte Chris' rosige Wange. Wer ihn zurechtgemacht hatte, hatte die Schminke zu dick aufgetragen, vielleicht um einen Schnitt oder einen Bluterguss zu kaschieren.
»Er ist ganz kalt. Wieso ist es so kalt hier, Mama?«
»Damit der Körper sich hält.«
»Wie die Hamburger im Kühlschrank?«
»Ja, so ungefähr.«
»Wird Papa gegessen?«
»Aber nein, Liebes, natürlich nicht …«
»Dich habe ich immer mehr liebgehabt als Papa. Wenn du gestorben wärst, dann wäre ich jetzt viel trauriger. Viel«, sagte sie und streichelte dabei weiter ihren Vater.
»Komm, lass uns gehen, mein Herz …«
Ich wollte den Sargdeckel schließen, aber Olivia hielt mich zurück:
»Warte.«
Sie schloss die Augen, um zu überprüfen, ob sie jetzt ein anderes Bild von ihrem Vater im Kopf hatte. Ein kurzer Moment, dann sah sie mich an. Sie schien erleichtert.
»Okay, jetzt können wir gehen.«
Ein Klavier, dachte ich, ich schenke ihr ein Klavier. Ein riesiges, einen Flügel, das beste Klavier der Welt. Ein Klavier, das sich, wenn sie darauf spielte, in die Lüfte erhob. Und uns dort rausholte, alle drei.
Ich ließ mein Handy über Nacht eingeschaltet neben dem Bett liegen. Als hoffte ein Teil von mir, dass er anriefe, dass die Melodie ertönte, die ich für Anrufe von ihm gespeichert hatte. »As Long As You Love Me« von den Backstreet Boys. 1998 war er im letzten Highschool-Jahr gewesen, ich in der zehnten, wir gefielen einander, grüßten uns auf dem Schulflur, warfen uns in der Cafeteria Blicke zu, während wir mit unseren jeweiligen Cliquen tuschelten, er schickte seinen Freund Troy zu meiner Freundin Suz, um ihr zu sagen, dass ich ihm gefiel, ich schickte meine Freundin Suz zurück zu seinem Freund Troy, um ihm zu sagen, dass ich verrückt nach ihm war; ich ging mir seine Tennisspiele ansehen, er kam zu meinen Lacrossespielen; und als sein Freund Melvin an einem Wochenende, an dem seine Eltern ihr Geld im Foxwoods Casino im Indianerreservat von Mashantucket verjubelten, eine Party veranstaltete, wechselten wir endlich ein Wort miteinander. Nach drei Stunden und zwölf Bieren auf seiner, sieben auf meiner Seite, traute er sich dann, mir den ersten Kuss zu geben, als wir gerade rundum berauscht zu dieser Schnulze tanzten, und damit waren wir verdammt, sie bis ans Ende unserer Tage zu mögen.
Aber Chris/tus rief nicht an und war auch am dritten Tag nicht auferstanden von den Toten.
Ich erwachte am Morgen in Olivias winzigem Bett. Ohne Erinnerung daran, wann ich dorthin umgezogen war.
»Du hast mich getreten«, sagte sie, mehr belustigt als verärgert.
»Das war ich nicht, das war das Baby.«
Olivia lachte. Es schien ihr gutzugehen, keine Folgen, kein Trauma.
Als ich eine Stunde später den Frühstückstisch abräumte, kam sie in ihrer liebsten rosa Daunenjacke in die Küche.
»Was machst du mit der Jacke? Es ist viel zu warm dafür, Oli.«
»Nein, dort ist es eiskalt.«
»Wo, dort?«
»In dem Kühlschrank. Können wir Papa in dem Kühlschrank besuchen?«
Also so richtig gut ging es ihr offenbar doch nicht.
Ich wurde zur »Lehrerin des Jahres« gewählt. An der Seekonk River School, wo ich in der Grundstufe Kunst unterrichtete und auf die ich selbst als Kind gegangen war. Es blieb alles in der Familie. Die Auszeichnung hatte ich mir immer gewünscht. Sie wurde in einem demokratisch sauberen Verfahren vergeben. Die Kinder stimmten ab, und zugegebenermaßen waren wir Lehrer im Monat vor der Abstimmung alle etwas aufmerksamer und freundlicher. Ein gesunder und nur schwer zu verhehlender Wettbewerb zwischen uns, der allgemein begrüßt wurde, weil er letztlich den Schülern zugutekam. Wobei es uns weniger darum ging, Erster, als darum, nicht Letzter zu werden. Die Abstimmungsergebnisse wurden natürlich nicht komplett offengelegt, nein, veröffentlicht wurde nur der Name des Siegers. Aber von den Lehrern wusste trotzdem jeder, auf welchem Platz er gelandet war. Und wer wollte Letzter sein? Eben. In meinen acht Jahren an der Schule war ich immer unter den ersten drei gewesen, mein Sieg wurde aber regelmäßig vom fabelhaften Mr. Buck vereitelt, Lehrer für Naturwissenschaften und eine Mischung aus Indiana Jones und MacGyver. Damit die Kinder die kleinen und unermesslichen Wunder der Natur mit spielerischer Freude erforschen und entdecken konnten, veranstaltete er ausgefeilte Geschicklichkeitswettbewerbe, bei denen es auf dem gesamten Schulgelände allerlei »Gefahren« zu überstehen galt, und drehte National-Geographic-würdige Dokumentarfilme darüber. Sein Motto: »Schau das Leben nicht an. Probier es aus!« Ich hätte mich geehrt fühlen und gerührt sein müssen über die Auszeichnung. Nur wusste ich dummerweise, wofür ich sie bekommen hatte. Vorher war abgestimmt worden, klar, aber ich war mir sicher, dass das Ergebnis keine Rolle gespielt hatte, dass die Lehrerschaft und allen voran der eigentliche Sieger Mr. Buck einmütig entschieden hatten, sie mir zu geben.
Und da hing die lang ersehnte Würdigung jetzt. In meinem Wohnzimmer. Eine gerahmte Urkunde in der Optik einer Pergamentrolle, darauf im Vordergrund ein roter Apfel auf einem Schulbuch, eine Hommage an Isaac Newton, ein Symbol für die Vermittlung von Wissen. Dahinter eine Tafel mit einem Foto von mir, auf dem ich sehr strahlte. »Mrs. Williams. Lehrerin des Jahres.« Den Rahmen hatten meine Schüler bunt angemalt, was meine sommersprossige Himmelfahrtsnase, meine grünen Augen mit den gelben Sprenkeln und meine langen roten Haare hervorhob. Ich hatte die Urkunde nicht aufgehängt. Mein Vater hatte das getan, auf Anweisung meiner Mutter. Ich fand sie nach der Beerdigung von Chris, als ich vom anschließenden Kaffeetrinken im Haus seiner Eltern nach Hause kam. Am liebsten hätte ich darauf herumgetrampelt und sie aus dem Fenster geworfen. Ich dachte ernsthaft daran, sie zurückzugeben. Sie wieder in die Schule zu bringen und im Lehrerzimmer vor versammelter Mannschaft auf den Tisch zu knallen. »Schiebt euch eure Mitleidsgesten sonst wohin.« Aber nein, ich tat es nicht.
Der Schulleiter, Nick Preston, war sehr überrascht, mich im Lehrerzimmer zu sehen. Er kam gern eine Stunde vor allen anderen, um die Einsamkeit und den Frieden der Lehranstalt zu genießen, ehe die Horden von kleinen, entzückenden Teufelchen einfielen, wie er gern sagte: »Und mit kleinen, entzückenden Teufelchen meine ich nicht bloß die Schüler.«
»Hallo, Alice. Was machst du denn hier? Du solltest doch gar nicht herkommen«, sagte er in überbesorgtem Ton, als wollte er mit jeder Silbe klarstellen, wie schlecht es ihm wegen mir ging und wie leid ihm das alles tat. »Hast du meine Mail nicht bekommen?«
Er hatte mir eine Mail geschickt, mir darin noch einmal sein Beileid ausgedrückt (nachdem er zuvor natürlich zur Totenwache und zur Beisetzung gekommen war, einen Kranz von der Seekonk River School ins Beerdigungsinstitut und einen zweiten von seiner Familie zu mir nach Hause geschickt hatte) und geschrieben, ich solle mir keine Gedanken wegen meiner beruflichen Verpflichtungen machen, jetzt käme es vor allem darauf an, dass ich wiederhergestellt würde und Kräfte sammelte für das nächste Schuljahr. Kurzum, es sei nicht nötig, dass ich wiederkäme. Bis zu den Ferien war es noch etwas über einen Monat.
»Doch, habe ich, und ich bin dir dankbar dafür, Nick, aber … Ich habe Olivia in die Schule gebracht und … ich möchte lieber wieder anfangen.«
»Alice, mach dir keine Sorgen. Mr. Wolf hat deine Stunden übernommen. Du bist im siebten Monat schwanger. Du hättest sowieso schon das Recht, zu Hause zu bleiben.«
»Wir hatten ausgemacht, dass ich das Schuljahr beende, wenn es mir gutgeht.«
»Ja, Alice, natürlich … Aber geht es dir gut? Geht es dir wirklich gut?«
Ich schwieg und schwor mir, nicht zu weinen. Er war nicht um mich besorgt. Ihn beunruhigte die Vorstellung, täglich auf eine zu treffen, deren Ehemann gerade gestorben war. Eine hochschwangere Witwe drückte zu sehr auf die Stimmung in der Schule. Wenn ich dabei wäre, könnte man sich nicht mehr offen amüsieren, vor allem er und die übrigen Kollegen nicht, die gern zwischen den Unterrichtsstunden lachend zusammen einen Kaffee im Lehrerzimmer tranken oder fröhlich in der Cafeteria zu Mittag aßen und dabei die Ergebnisse der verschiedenen Schulmannschaften kommentierten. Nein, damit wäre es vorbei, alle müssten besorgt tun wegen der armen Alice. »Sie ist ja so verletzlich, sie ist doch Künstlerin, und alle wahren Künstler sind so empfindsam und verletzlich.« Das, stellte ich mir vor, hatte er zu Mr. Wolf gesagt, als er ihm auftrug, meinen Unterricht zu übernehmen. Ich hätte ihm das alles gern entgegengehalten, traute mich aber nicht. Vielleicht weil ich wirklich verletzlich war und die Auseinandersetzung über meine Kräfte ging. Vielleicht spielte mir aber auch nur mein Kopf einen Streich, und ich war paranoid. Warum zweifelte ich an den guten Absichten meines Schulleiters? Warum glaubte ich nicht, dass er aufrichtig um mein Wohlergehen besorgt war? Er war mir gegenüber immer aufmerksam und zuvorkommend gewesen.
Und überhaupt, Alice, möchtest du wirklich hier sein?, fragte ich mich. Nick Preston hatte recht. Die Schule war gerade nicht der richtige Ort für mich. Zu Hause wollte ich aber auch nicht sein. Mir fiel die Decke auf den Kopf, vor allem wenn Olivia nicht da war. Aber wohin dann? Ich versuchte mir einen Platz vorzustellen, an dem ich mich besser fühlen würde, eine Tätigkeit, die mir helfen würde, eine Freundin, mit der ich reden könnte, weinen und sogar lachen, aber mir fiel nichts und niemand ein. Ich war ohne einen Platz in der Welt geblieben. Allein.
Ich wusste nicht, wohin mit dem Blumenstrauß. An die Leitplanke? Ich hatte das Klebeband vergessen. Ich hätte welches mitbringen müssen, um den Strauß zu befestigen. Auf dem Boden würden die Blumen nicht lange halten. Aber was tat ich überhaupt hier? »An die Unfallstelle müssen Blumen«, hatte meine Mutter gesagt. »Lass uns zusammen hinfahren.« Ich hatte Mühe, ihr das auszureden, ihr klarzumachen, dass das etwas Intimes war, dass ich das allein tun wollte. Ich wollte kein Brimborium darum machen und die Stelle nicht in einen Wallfahrtsort der Familie verwandeln. Zum Glück sahen Chris' Eltern das genauso. »Und außerdem, Mama, ist Chris ja auch sehr weit von dort entfernt gestorben, wo er eigentlich hätte sein sollen. Er hat mich angelogen. Ich weiß selbst, dass mir das egal sein sollte, schließlich ist er tot, und davon wird er auch nicht wieder lebendig, bloß: Was hatte er auf dieser Küstenstraße zu suchen? Wo wollte er hin? Nein, falsch. Wo kam er her?« Natürlich sagte ich nichts dergleichen zu meiner Mutter. Ich beschränkte mich darauf zu sagen: »Mama, ich fahre allein, Ende der Durchsage. Dich brauche ich, um auf Olivia aufzupassen, denn du willst sie ja hoffentlich nicht dahin mitnehmen, wo ihr Vater in den Abgrund gestürzt ist.« Ich war schon draußen, ehe sie etwas sagen konnte wie: »Er ist dort nicht in den Abgrund gestürzt, seine Seele ist dort zum Himmel aufgefahren.« Meine Mutter ist tief gläubig. Ich nicht, auch wenn ich es gerade gern gewesen wäre. Alles wäre viel leichter gewesen, glaubte ich.
In der Leitplanke klaffte weiter ein Loch, und ein müdes Absperrband der Polizei markierte einen Bereich, wo es nichts mehr zu schützen gab. Ich riss es ab, weil es mir respektlos vorkam, als würde Chris wie ein Verbrecher behandelt. War er einer? Getragen vom Wind, schlängelte sich das Band die Landstraße hinunter. Ich trat an die Böschung. Vier Meter ging es hinunter in die Tiefe. Vor mir der Weweantic River, gesäumt von hübschen Häusern mit privaten Anlegestellen. Ein malerischer Ort, um anzuhalten, Fotos zu machen, den Sonnenuntergang zu betrachten, durchzuatmen, sich die Beine zu vertreten, seinen Gedanken nachzuhängen. Nur nicht zum Sterben. Mir fiel auf, dass tatsächlich keine Bremsspuren zu sehen waren, er also das Bewusstsein verloren haben musste, ehe er von der Fahrbahn abkam. Zumindest war es ein süßer Tod. Das waren nicht meine Worte, das hatte der Arzt zu mir gesagt. Hatte er »süß« gesagt? Nein, »süß« hatte er nicht gesagt. Er hatte ein anderes Wort gebraucht. Ich sollte mir das notieren. Was notieren? Das Entscheidende. Nicht was geschehen war, sondern was noch geschehen würde.
Ich legte den Blumenstrauß nicht an die Straße und nicht an die Leitplanke, ich folgte der Straße ein Stück Richtung Fluss und kletterte von dort hinunter ans Ufer. Dann drehte ich mich um, ging an der Uferbefestigung zurück und legte den Blumenstrauß an die Stelle dicht am Wasser, wo der Wagen sich überschlagen hatte. Man sah noch Reste von Motoröl, Glasscherben und einen kleiner Krater, den der Aufprall gerissen hatte.
Ich dachte daran zu beten, ließ es aber sein. Dann dachte ich daran, im Fluss zu baden. Aber ich fürchtete, es könnte Sirenengesang sein, der mich lockte. Dass ich mich von der Strömung treiben ließe, bis ich im Meer verschwinden würde. Das waren keine Selbstmordgedanken, ich war nur einfach sehr müde. Deshalb beschränkte ich mich darauf, im Schilf pinkeln zu gehen. Vorher sah ich mich um. Ich fand es irgendwie beschämend und peinlich. Eine Frau im siebten Monat, die sich dort, wo ihr Mann tödlich verunglückt ist, hinhockt und pinkelt. Kein sonderlich schönes Bild. Aber ich musste wirklich dringend pinkeln. Durch die Schwangerschaft konnte ich gerade das Wasser schlecht halten. Da fiel mein Blick auf eine winzige Tankstelle auf der anderen Seite der Straße: Sam's Gas. Alice, die haben Überwachungskameras dort. Willst du auf YouTube landen? Kategorie: schwangere rothaarige Pisserin. Beim Pinkeln wiederholte ich in meinem Kopf wie ein Mantra: Überwachungskamera, Überwachungskamera, Überwachungskamera …
Im siebten Monat schwanger zu sein hat seine Vorteile. Wer würde einer Schwangeren die Unterstützung verweigern? Ich nutzte das ungern aus, mochte es eigentlich nicht, wenn man mich bediente oder bevorzugt behandelte. Ich fühlte mich stark in der Schwangerschaft, konnte Berge versetzen. Jedenfalls bis zum Tag 0. Aber jetzt würde es mir zugutekommen, schließlich musste man für eine schwangere Frau ein Herz haben; noch dazu, wenn sie gerade ihren Mann bei einem Autounfall verloren hatte; und wenn das auch noch gegenüber der eigenen Tankstelle passiert war; und sie dann obendrein in Tränen ausbrach. Es war das erste Mal, dass ich unverhohlen in der Öffentlichkeit weinte. Und ich tat es aus Eigennutz, mit einer klaren Absicht: um die Aufzeichnungen der Überwachungskamera aus der Unfallnacht zu bekommen. Wozu? Das wusste ich noch nicht. Aber ich wollte sie haben. Vielleicht weil ich mir tausendmal die Nachricht von Chris auf meiner Mailbox angehört und dabei nach einem Unterton in seiner Stimme gesucht hatte, nach einem Ansatz von Zweifel, von Schuld oder wenigstens nach irgendeinem Geräusch im Hintergrund. Nach einer Spur. Von was auch immer. Wir hatten unser ganzes Leben miteinander verbracht. Ich wusste sein Schweigen zu entziffern, jede Stockung, wenn er sprach. Und weil ich nichts Verdächtiges fand, fand ich alles verdächtig. Unsere Beziehung stand unter Generalverdacht. Eine Beziehung wie die Sonne im Herbst. Wir mussten uns nicht vor ihr schützen. Sie war sanft und entspannt. Jetzt fragte ich mich, ob sie dadurch zu wenig prickelnd und interessant gewesen war. Hatte Chris mehr gebraucht? Hatte ich mehr gebraucht und es nicht gemerkt? Ich war auf der Suche nach diesem Mehr von Chris. Sein Mehr war zu meinem Mehr geworden. Sonderbar paradox, wo doch alles nur weniger wurde.
»Die Polizei hat die Aufzeichnung schon mitgenommen, um den Unfallhergang zu untersuchen«, sagte der Inhaber der Tankstelle zu mir.
Okay, besser so, netter Versuch. Fahr wieder heim.
»Und Sie haben keine Kopie?«
»Möglich«, tat er sich ein bisschen wichtig. »Aber eine Frage, junge Frau: Was wollen Sie damit?«
Eine berechtigte Frage.
Darauf fiel mir nichts ein, was einigermaßen überzeugend geklungen hätte. Ich war drauf und dran, das Handtuch zu werfen. Mich zu entschuldigen und zu verschwinden in der Hoffnung, dass mein Pinkelfilmchen nicht im Netz landete. Aber da meldete sich Ruby an meiner Stelle: Sie gab mir einen heftigen Tritt. Oder gleich ein ganzes Trommelfeuer von Tritten? Dreißig Sekunden oder länger krümmte ich mich vor Schmerz. Man hätte meinen können, die Geburt ginge los. Vielleicht behielt ich die schmerzverzerrte Miene etwas länger als nötig bei, und ich ließ auch ein paar erstickte Schreie hören (ziemlich overacted), denn … wie erschreckt sich so ein behäbiger Tankstellenbetreiber an einer mäßig befahrenen Überlandstraße wohl, wenn eine Frau vor seiner Nase ein Kind bekommt, und kein Krankenhaus weit und breit, nicht mal ein Sanitäter. Besser, sie verschwindet von hier, und zwar schleunigst.
Fünf Minuten später befand ich mich auf dem Weg nach Hause, im Handschuhfach eine CD mit den Aufzeichnungen der Überwachungskamera. Danke, Ruby.
Der Geländewagen war ein Schrotthaufen. Der Spleen von Chris. Ein Cadillac Escalade der Luxusklasse mit allem erdenklichen Schnickschnack und derart überdimensioniert, dass Chris und ich darüber gescherzt hatten, dass er, sollten wir uns je zerstreiten, ja in seinem Auto leben könnte. Und jetzt war er, Ironie des Schicksals, darin gestorben.
Das Auto sah aus, wie ich mich fühlte, deshalb schaute ich den Inhaber der Werkstatt, in die man es gebracht hatte, nur reglos an, als der zu mir sagte, der Wagen würde bei ihm bloß Platz wegnehmen und man müsse ihn verschrotten, und ich entgegnete:
»Nein.«
Ich durchsuchte den Escalade gründlich. Ich sah ins Handschuhfach. Die Autopapiere ordentlich beisammen, ein paar Einwickelpapiere von Schokodrops (meine). Sonst nichts, nicht ein einziger jämmerlicher Strafzettel. Chris war ein überaus gewissenhafter Fahrer. Ein überaus gewissenhafter Mensch.
Das Display des Navigationsgeräts war gesplittert, aber das Gerät funktionierte noch. Ich schaltete es ein und sah nach, ob Strecken gespeichert waren. Nichts. Chris benutzte es nie, er war stolz auf seinen Orientierungssinn und darauf, dass er sich ohne Unterstützung zurechtfand. Sicher, dass du dich nicht verfahren hast, Chris?
Zum Schluss öffnete ich den Kofferraum. Darin der schwarze Lederrucksack, den ich ihm für seinen Laptop geschenkt hatte, und ein kleiner Stoffteddy. Pups der Bär. Mit einem rosa Geschenkband mit Bommel um den kleinen weichen Bauch. Der Bär, den Olivia vor ein paar Wochen für lebensnotwendig erklärt hatte und unbedingt haben wollte. Wo hatte Chris ihn gekauft? Wieso steckte er nicht in einer Tüte vom Spielwarenladen? Wieso fand ich nirgends den Kassenbon? Wieso war er auf keiner seiner Kreditkartenabrechnungen aufgetaucht? (Die hatte ich schon gecheckt). Ich hob den Bär hoch und roch unwillkürlich an ihm. Er roch nach nichts. Wieso hieß er dann Pups?
Als ich ihn Olivia gab, hellte ihr Gesicht sich auf.
»Pups der Bär!« Sie umarmte und küsste ihn, als wären sie schon immer die besten Freunde. »Ist er von Papa?«
»Natürlich, Oli. Siehst du? Er hat dein Geschenk nicht vergessen.«
»Aber ist er von der Reise jetzt oder von der vorher?«
»Was ist denn die Reise jetzt, Oli? Was meinst du damit?«, fragte ich so sanft ich konnte.
»Oma hat gesagt, Papa ist noch auf der Reise.«
Super, Mama, danke vielmals. Und was soll ich ihr jetzt sagen?
»Eine Frage, Oli: Wieso heißt der Bär Pups?«
Olivia drückte auf das Hinterteil des Stofftiers. Es gab ein Furzgeräusch von sich.
»Weil er pupst!« Olivia kreischte vor Lachen. »Pfui! Gefurzt wird im Bad!«, schimpfte sie den Bär aus. Und rannte mit ihm davon »Husch, schnell ins Bad, A-a machen.«
Ich wusste, dass ich nichts Brauchbares in seinem Rucksack finden würde. Chris und ich hatten keine Geheimnisse. Ich kannte die Passwörter für seinen Facebookaccount und seine E-Mails, die PIN seines Handys und alles. Nicht dass ich sie im Kopf gehabt hätte, aber Chris war unfähig, sich solche Sachen zu merken, deshalb hatte er alles auf einem Klebezettel am Computerbildschirm in seinem Arbeitszimmer stehen. Unübersehbar. Mir wäre es trotzdem nicht in den Sinn gekommen, in seinen Accounts zu stöbern. Ich vertraute ihm. Und er mir.
Nach seinem Tod benutzte ich die Zugangsdaten allerdings schon, obwohl ich das Gefühl nicht loswurde, dass ich dadurch unser Vertrauensverhältnis verletzte. Ich sah seine Mails durch, seine Accounts bei Facebook, LinkedIn, Twitter, Instagram, seine (unsere) Kontoauszüge, Kreditkartenabrechnungen, Schubladen, Schränke. Ich fand und entdeckte nichts, von dem ich nicht wusste, dass ich es finden oder entdecken würde, sieht man davon ab, dass er Taylor Swift auf Instagram folgte. Er war einer von ihren 30 Millionen Followern. Und ich hatte nichts davon gewusst …
Ich glich seine Handy-Kontakte mit meinen ab. Nummer für Nummer, um sicherzugehen, dass sich nicht irgendwo unter dem Namen eines Bekannten oder Verwandten eine andere Nummer verbarg. Nichts. Und die übrigen Nummern, die nicht in meiner Kontaktliste standen, rief ich von einem dafür gekauften Prepaidhandy aus an. Ich hörte mir die Stimme an, und wenn sie zu dem Profil in der Kontaktliste passte, legte ich auf. Auch hier fand ich nichts Verdächtiges.
Unser Leben war ein Puzzle gewesen. Nicht im Sinn von Chaos und Durcheinander, sondern im Sinn von Harmonie, von Passgenauigkeit. Ein Puzzle, das wir gemeinsam zusammengesetzt hatten, Teil für Teil. Wir wussten, was wir wollten. Wir hatten eine Vorstellung davon, wie unser perfektes Leben aussehen sollte, und besaßen die Teile, um es zusammenzusetzen. Uns gehörte ein im Kolonialstil von New England gebautes Haus in der Hope Street. In gebührender Nähe und gebührender Entfernung von meinen Eltern und von seinen, auf halbem Weg zwischen den beiden, so harmoniebedürftig, so einig waren wir. Unserer Geburtsstadt waren wir treu geblieben; sie hatte uns aufwachsen sehen; sie war Zeugin geworden, als wir uns in der Hope High School ineinander verliebten (nur wenige Gehminuten von unserem jetzigen Haus entfernt, ein Zufall, den wir gesucht hatten und der uns ein gutes Omen schien); sie war Zeugin geworden, wie wir auseinandergingen, um an verschiedenen Unis zu studieren (Chris Betriebswirtschaft an der University of Virginia; ich Kunst an der renommierten Brown, die zu den Ivy-League-Unis gehörte und ebenfalls nur ein paar Schritte von unserem Haus entfernt war, wir wohnten gleich neben dem Campus); und sie nahm uns wieder auf, als Chris zurückkam, unsere Liebe gefestigt, gereift und robuster aus den ungestümen Unijahren und dem Risiko der räumlichen Trennung hervorgegangen war, und hier wurden wir mit der Geburt unserer Tochter Olivia belohnt. Das letzte Teil des Puzzles war Ruby. Wir hatten immer zwei Kinder gewollt, ein kleiner Doppelpack. Sie war ein Wunschkind, auch wenn wir uns wegen des Namens kabbelten. Das waren die Teile unseres Puzzles. Und es war fertig. Die Aussicht auf unser weiteres Leben vollendet, rosig, wie erträumt. Das Bild war bereits verleimt und hing gerahmt an der Wand. So dass man es bewundern, sich daran freuen und sich darin einrichten konnte. Und jetzt hatte ich ein Fünftausendteilepuzzle vor mir, von dem ich noch nicht einmal wusste, was man darauf sehen würde, wenn es zusammengesetzt war.
Die Straße war wie ausgestorben. Nur vereinzelt ein Auto, ehe der Cadillac Escalade von der Fahrbahn abkam, den Damm hinabstürzte und aus dem Bild verschwand. Er war nicht übertrieben schnell unterwegs. Ich drückte auf Pause. Die Zeitanzeige stoppte bei 23:15 Uhr. Ich drückte wieder auf Play. Spulte vor. Ein Wagen mit zwei Insassen hielt an, um zu helfen. Der Fahrer trat an die Dammkante, hob die Hände an den Kopf. Er wagte sich nicht hinunter. Die andere Person verständigte über Handy den Notruf. Bis der Rettungswagen eintraf, vergingen zwölf Minuten. Kurz darauf kamen ein Streifenwagen der Polizei von Plymouth County und ein Feuerwehrfahrzeug aus Marion, von der nächstgelegenen Wache. Die Sanitäter konnten Chris nicht bergen. Er war in dem Geländewagen eingeklemmt. Die Feuerwehr musste die Fahrertür mit dem Schneidbrenner öffnen, dann gelang es endlich, Chris auf die Trage zu legen. Er war bewusstlos. Man schob ihn in den Rettungswagen. Polizei und Feuerwehr blieben an der Unfallstelle. Warum siehst du dir das an, Alice? Was versprichst du dir davon?, fragte ich mich, während ich in meiner mir selbst auferlegten Wortlosigkeit weinte.
Ich markierte die Unfallstelle auf einer Straßenkarte mit einem X. U. S. Route 6, auf der Höhe des Weweantic River. Mit einem weiteren X markierte ich unser Haus in Providence. Und mit einem X den Ort, wo er angeblich gewesen war, in Yale, New Haven. Als müsste ich mir die Lüge bildlich vor Augen führen.
»Hi, Schatz. Ich bin gerade erst fertig geworden. Eigentlich wollte ich zum Abendessen zu Hause sein, aber es war nichts zu machen, keine Chance, der Kunde wollte hier unbedingt noch was trinken, in einer Bar etwas außerhalb von Yale. Ich mache mich jetzt auf den Weg. Wahrscheinlich bin ich gegen Mitternacht da. Du musst nicht wach bleiben. Ich küsse dich, meine Liebe.«
Ich hatte die Nachricht Dutzende Male gehört. Er sagte nicht, wie der Kunde hieß, wie die Bar hieß … Kein erkennbares Hintergrundgeräusch. In jedem Fall zu viel Stille. Eigenartig. Außerhalb von Yale. Ich küsse dich, meine Liebe. Er nannte mich fast nie so, weil er fand, das Wort sei zu wichtig, um es zu entwerten, es zu etwas Konventionellem, Routiniertem zu machen. Deshalb hatte ich mich besonders gefreut, als ich die Nachricht hörte. Jetzt beim Wiederhören musste ich an diese falschen Torten denken, die in den Schaufenstern von Konditoreien stehen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Eine Wahrheit, die zur Lüge wird, sobald man sie berührt. Das war es, was ich vorhatte, ich wollte Chris' Wahrheit berühren, um seine Lüge zu entlarven.
Ohne den Unfall wäre er genau zur angekündigten Zeit zu Hause gewesen. Um Mitternacht. Wo auch immer er gewesen war, als er mich anrief, er hatte sich vergewissert, dass es nicht weiter von Providence entfernt war als Yale: 100 Meilen. Ich nahm mir die Karte noch einmal vor. Vom Unfallort bis zu uns waren es knapp 40 Meilen. Vielleicht hatte er bis dahin schon 60 Meilen zurückgelegt. Ich zog mit dieser Entfernung einen Halbkreis um den Weweantic River, in östlicher Richtung, weg von zu Hause, um zu sehen, woher er höchstens hätte kommen können. Als ich das Ergebnis meiner Berechnungen sah, bekam meine Notblase einen Sprung wie die Windschutzscheibe eines Autos, die in voller Fahrt von einem Stein getroffen wird, und noch ehe ich eingreifen konnte, war sie geborsten und ich am ganzen Leib von kaltem Schweiß überströmt. 100 Meilen Richtung Osten. Das umfasste den gesamten östlichen Teil von Massachusetts, inklusive Boston und ganz Cape Cod. Du wolltest Puzzle-Teile? Da hast du Puzzle-Teile.
Am Kühlschrank hing zwischen Magneten und Zeichnungen von Olivia ein Zettel, auf dem stand: Papas Reisen. Chris hätte ein Tennis-Star werden können. In den beiden letzten Jahren auf der Highschool hatte er das wichtigste Turnier von Rhode Island gewonnen, bekam von der Universität von Virginia, die eine der besten Tennismannschaften der USA hatte, ein Vollstipendium, und feierte dort einen Erfolg nach dem anderen: Bei den US Open Junior wurde er Zweiter, unterlag nur im Endspiel Andy Roddick. Seinen Abschluss in BWL machte er mit Auszeichnung, wollte aber vor allem Tennisprofi werden. Innerhalb nur eines Jahres schaffte er es auf Platz 143 der Weltrangliste. Eine gerissene Achillessehne machte seiner gerade begonnenen Karriere ein Ende. Aber er ließ sich nicht davon unterkriegen. »Was du im Profitennis (und auch sonst fast überall) bis fünfundzwanzig nicht erreicht hast, das erreichst du nie. Sollte ich es also bis siebenundzwanzig, um mir ein bisschen mehr Zeit zu geben, nicht geschafft haben, dass mein Bild auf der Cornflakes-Packung erscheint, dann höre ich auf«, sagte er halb scherzhaft zu mir. Als er an diesem Tag nach Hause kam, hatte ich ihm eine Sonderedition von Fruity Pebbles angefertigt, seinen Lieblingsfrühstücksflocken. Auf der Packung war ein Bild von ihm, strahlend, mit Stirnband und seinem Tennisschläger im Arm. Das war kein Wink, um ihn an sein Scheitern zu erinnern, im Gegenteil, ich wollte ihm zeigen, dass viele Wege auf eine Cornflakes-Packung führen, er von diesem hier vielleicht nicht geträumt hatte, er aber nicht unbedingt schlechter war, sondern bloß anders. Und so schien er das auch zu verstehen, denn er war sehr gerührt. So gerührt, dass er die Packung in die Vitrine zu seinen Trophäen stellte, neben den zweiten Platz bei den US Open Junior, dem Gipfel seiner Karriere und seine Lieblingsniederlage, wie er das nannte. Noch am selben Abend verkündete er vor der versammelten Familie seinen Abschied vom Profitennis, ohne jedes Bedauern und ohne Groll, wie es schien. Jetzt wurde ich den Gedanken nicht los, dass ihn diese Entscheidung, nach außen hin so geschmeidig und locker vertreten, womöglich doch enttäuscht und tief traurig gemacht hatte, er in seiner Selbstachtung und seinen hochfliegenden Träumen, die er seit Kindertagen gehegt hatte, auf eine Weise verletzt war, die er niemandem gegenüber eingestehen konnte. Eine Leere, die er nicht hatte teilen können, weil er es nicht aushielt, wenn man ihn bedauerte, die aber irgendwie mit dem zusammenhing, was er mir verheimlicht hatte.
Kurze Zeit nach seinem Abschied vom Profisport gründete er eine Firma für Planung und Bau von Tennisplätzen (er wollte weiter etwas mit seiner Leidenschaft zu tun haben und seine Karriere nutzen). Er ließ sich eine Kunststoffoberfläche patentieren, die nicht nur in Rekordzeit trocknete, sondern auch Stöße absorbierte und dadurch half, Verletzungen wie seine zu vermeiden. Das Material war außerdem recycelt. In Rhode Island war er zu einem der führenden Anbieter geworden und streckte seine Fühler jetzt nach Connecticut und Massachusetts aus. Das sei erst der Anfang, sagte er. Seine letzte Geschäftsreise hatte er (angeblich) für einen Vertrag mit der Yale University unternommen; es ging um die Erneuerung sämtlicher Tennisanlagen auf dem Campus. Das hätte seiner Firma enormen Auftrieb gegeben. »Die meisten Unis folgen dem Vorbild von Yale. Wenn die sich für mich entscheiden, ziehen die anderen nach«, hatte er behauptet.
Er gab sich Mühe, seine Reisen so zu legen, dass er möglichst viel Zeit zu Hause verbrachte. Er war sehr häuslich. Sehr um sein Familienleben bemüht. Sehr um mich bemüht. Deshalb musste es eine Erklärung für das hier geben. Eine gute Erklärung.
Newport, Charlestown, Worcester, Manchester, Boylston, Hartford, East Greenwich, Block Island und Yale. Dort war er seit Jahresbeginn gewesen. Und wieder keine einzige Hotelrechnung, kein mit Karte bezahlter Restaurantbesuch, rein gar nichts. Hatte mich das denn nie stutzig gemacht? Eigentlich nicht. Sein Vater war immer der Meinung gewesen, Geld müsse man richtig bezahlen, bar, in Scheinen, nicht in Plastik. Weil man sonst den Eindruck hätte, dass man nichts ausgibt, und natürlich mehr ausgibt. Du musst sehen, was du bezahlst, behauptete er, sonst hast du, ehe du dich versiehst, nichts mehr übrig. Ja, die Williams waren ein bisschen knickerig, und so was vererbt sich, auch wenn Chris sich bloß für preisbewusst hielt. Nobody is perfect. Hätte ich früher mal zufällig nachgefragt, dann hätte er mir wahrscheinlich die Worte seines Vaters wiederholt, hätte das Bündel Scheine mit dem silbernen Clip von seinem Großvater aus der Hosentasche gezogen, und mir wäre nicht der leiseste Zweifel an ihm gekommen.
In meinem Atelier im Kellergeschoss — bis zu Olivias Geburt war es im Dachgeschoss gewesen — stand ein großer Tisch in der Mitte, darauf meine sämtlichen Utensilien: Farbtöpfe (Öl, Acryl), Pinsel, Bleistifte, Picknickteller aus Plastik, auf denen ich meine Farben mische, Lappen, Leinwände, Rahmen, Skizzen, ein Leuchttisch, viele Bücher und mein Laptop, gesprenkelt mit Farbe, den Spucketropfen meiner Pinsel, so etwas wie Schlachtnarben. Ein kontrolliertes Chaos. Ich mochte das so. Es war zwar nicht heimelig hier, ziemlich feucht und ohne natürliches Licht, aber der Keller war mein Rückzugsort, meine Welt, in die niemand sonst eindrang. Mir hatte immer gefallen, wie der Raum sich mit Leben und Erfahrung füllte. Aber jetzt zögerte ich keinen Moment, den gesamten Tisch leerzuräumen. Ich brauchte Platz, Privatsphäre.
Aus einem Straßenatlas, den mein Vater uns vor ewigen Zeiten geschenkt hatte, riss ich alle Seiten von Connecticut, Rhode Island und Massachusetts aus. Ich klebte sie auf dem Tisch zusammen und bekam eine ausladende und sehr detaillierte Karte der Nordostküste. Dort zeichnete ich sämtliche Strecken von Chris' »Geschäftsreisen« ein, mit verschiedenen Farben, jeweils die Strecke, die mir die sinnvollste schien. Keine dieser vermeintlichen Strecken kam auch nur in die Nähe der US-6.
Seine Bettseite roch noch nach ihm, vertiefte den Abgrund seiner Abwesenheit. Eine bodenlose, dunkle Leere, ein schwarzes Loch aus Traurigkeit. Trotzdem wollte ich die Bettwäsche nicht wechseln. Ich dachte vor dem Einschlafen (zum Glück konnte ich weiterhin schlafen, je weniger Zeit ich wach war, desto besser): Ich habe das Video von Chris' Rückfahrt. Aber wenn er auf diesem Weg zurückgefahren ist, dann ist er doch bestimmt auch so hingefahren, wohin auch immer. War das an dem Tag, als er angeblich nach Yale gefahren ist? Wie hieß der Tankstellenbetreiber? Egal, Alice, die Tankstelle heißt wie er. Schlaf jetzt.
Und ich schlief, nachdem ich mir das in ein Notizbuch geschrieben hatte. Ich hatte jetzt immer eins griffbereit, damit ich die wenigen klaren Gedanken, die mir kamen, nicht vergaß.
Ich weiß nicht mehr, wann ich aufstand, in Olivias Zimmer ging und in ihr Bett kroch. Bestimmt tat ich das im Schlaf. Aber ich wusste, dass ich es tat und es kein Traum war. Eine seltsame Form von bewusster Schlafwandelei. Wie gern hätte ich den ganzen Tag in diesem Zustand verbracht. Das hätte alles so viel leichter gemacht.
»Mami, wieso darfst du zu mir ins Bett, wann du willst, und ich nicht zu dir?«, fragte Olivia begeistert, und kuschelte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, in Embryonalstellung an meinen Bauch, in genau derselben Haltung wie Ruby, als spielte sie, ebenfalls in mir zu sein.
Der Tankstellenbetreiber hieß Sam und sah ermattet auf die lange Liste mit den Tagen, von denen ich die Aufzeichnungen seiner Überwachungskamera haben wollte. Die Daten, an denen Chris unterwegs gewesen war.
Im Januar vom 17. bis zum 22. vom 28. bis zum 31. Im Februar vom 6. bis zum 11. und vom 24. bis zum 28. Im März vom 4. bis zum 7. und vom 17. bis zum 23. Dann vom 15. bis zum 19. April und vom 28. April bis zum 3. Mai. Und schließlich vom 9. bis zum 13. Mai.
»Kriegen Sie wieder Presswehen, wenn ich Sie frage, wofür Sie die Aufzeichnungen brauchen?«
»Gut möglich.« Ich strich mir über den Bauch.
»Dann frage ich Sie nur eins: Ist das alles wegen dem Mann, der den Unfall hatte?«
Ich entschied, darauf nicht zu antworten und lieber zu warten, was passierte. Das schien zu funktionieren.
»Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie«, sagte er. »Welche wollen Sie zuerst?«
»Sollen wir das ernsthaft spielen?« Jetzt war es Sam, der nicht antwortete. Auch das funktionierte. »Erst die schlechte.«
»Ich gebe Ihnen die Aufzeichnungen.«
»Das ist die schlechte?« Ich sah ihn ungläubig an.
Sam griff nach einem schmierigen Taschenrechner mit einem Plastikschutz über den Tasten, der sie davor bewahren sollte, noch mehr zu versiffen.
»Sie wollen von mir die Aufzeichnungen von achtundvierzig Tagen.« Er tippte. »48 mal 24 macht 1 152 Stunden. Bisschen verrückt, oder? Was suchen Sie? Ich weiß, was Sie suchen. Sie suchen den Geländewagen. Sie wollen wissen, ob der hier schon öfter vorbeigekommen ist. Ich lese ziemlich viel Mystery.« Ohne meine Antwort abzuwarten, wandte er sich wieder seinem Taschenrechner zu. »Also: angenommen, Sie sehen die gesamten Aufzeichnungen an, sagen wir in doppelter Geschwindigkeit, da kann man jedes Auto noch deutlich erkennen, und bei einem durchschnittlichen täglichen Zeitaufwand von acht Stunden, einem guten Beamtenarbeitstag …« Er tippte. »1 152 durch zwei … 576 Stunden … das durch acht … macht zweiundsiebzig Tage, an denen Sie nichts anderes tun, als sich das von morgens bis abends anzusehen«, sagte er triumphierend, als hätte er gerade beim Pokern gewonnen.
»Und was ist die gute Nachricht, Sam?« Mir war ganz schwindlig von dem Zahlenaufmarsch. Daran hatte ich tatsächlich noch nicht gedacht.
»Dass die meisten geschlossenen Überwachungssysteme ihre Aufzeichnungen irgendwann wieder löschen. Nicht aus rechtlichen Gründen. Hier in Rhode Island kannst du das Zeug ein Leben lang behalten, wenn du willst. Wäre aber unpraktisch und kostspielig. Gespeichert werden sie bei mir zweiundvierzig Tage. Warum zweiundvierzig Tage und nicht zwei Monate? Keine Ahnung.« Sam sah noch einmal auf die Liste, die ich ihm gegeben hatte. »Ich kann Ihnen also die Aufzeichnungen vom 15. bis 19. April und vom 28. April bis 3. Mai geben, zusätzlich zu der, die Sie schon haben.« Er sah auf und grinste mich jetzt eher belustigt als triumphierend an. »Das ist die gute Nachricht, dass Sie lediglich, Moment …«
Er fing wieder zu tippen an. Ich hätte ihm am liebsten den versifften Taschenrechner über den Schädel gezogen. Ließ ich aber bleiben.
