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Die junge Köchin Gracie hat alles, wovon andere nur träumen können: eine vielversprechende Karriere, ein hübsches Haus, einen attraktiven Ehemann sowie eine süße Tochter. Als sie eines Tages ihre Tochter zur Tanzschule bringt, begegnet sie Juliet. Gracie reagiert zunächst zurückhaltend, denn die mittellose Alleinerziehende ist ganz anders als sie und steckt ständig in Schwierigkeiten. Doch Juliet setzt alles daran, mit Gracie befreundet und Teil ihres perfekten Lebens zu sein. Allmählich vertraut Gracie sich Juliet an, gesteht ihr die erschütternden Geheimnisse, die sich hinter ihrer glänzenden Fassade verbergen. Geheimnisse, die drohen, beiden Frauen zum Verhängnis zu werden ...
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Seitenzahl: 536
Veröffentlichungsjahr: 2017
Buch
Die Fernsehköchin Gracie Dwyer hat alles, wovon andere nur träumen können: eine vielversprechende Karriere, ein hübsches Haus in einem noblen Londoner Stadtteil, einen attraktiven Ehemann sowie eine süße Tochter. Als sie eines Tages ihre Tochter zur Tanzschule bringt, begegnet sie Juliet Beecham. Gracie reagiert zunächst zurückhaltend, denn die mittellose Alleinerziehende ist ganz anders als sie und steckt ständig in Schwierigkeiten. Doch Juliet setzt alles daran, mit Gracie befreundet und Teil ihres perfekten Lebens zu sein. Allmählich vertraut Gracie sich Juliet an, gesteht ihr die erschütternden Geheimnisse, die sich hinter ihrer glänzenden Fassade verbergen. Geheimnisse, die drohen, beiden Frauen zum Verhängnis zu werden …
Autorin
Sam Hepburn arbeitete für die BBC als Produzentin und Regisseurin von Dokumentarfilmen und veröffentlichte bereits mehrere erfolgreiche Jugendbücher. »Das Flüstern der Schuld« ist ihr erster Spannungsroman für ein erwachsenes Publikum. Sam Hepburn lebt mit ihrer Familie in London. Weitere Informationen zu Sam Hepburn unter www.samhepburnbooks.com.
SAM HEPBURN
Das Flüstern
der Schuld
ROMAN
Aus dem Englischen
von Ursula Pesch
Die englische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel
»Her Perfect Life« bei HarperCollinsPublishers, London.
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1. Auflage
Deutsche Erstveröffentlichung Januar 2018
Copyright © 2017 by Sam Osman
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotiv: leezsnow/getty images; FinePic®, München
Redaktion: Catherine Beck
KS · Herstellung: ik
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN: 978-3-641-20547-8V001
www.goldmann-verlag.de
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Für James, Charlotte, Murdo und Lily
1
Harte Absätze klackern auf dem Boden über Juliets Kopf, bewegen sich durch das Wohnzimmer zum Fenster. Dann – klack, klack – zurück zur Tür. Juliet lässt die Beine vom Sofa gleiten. Erschöpft blinzelt sie in die Dunkelheit, während ihr Blick vom blassen Flimmern des Fernsehers zur Zeitschaltuhr am Küchenherd wandert – 02:13.
Sie streckt sich, um den steifen Nacken zu lockern, und spürt das erste Pochen eines Katers hinter den Augen. Sie kontrolliert die Flasche auf dem Fußboden neben sich. Leer. Dann durchsucht sie den Kühlschrank und die Küchenschränke, zuckt bei jedem Geräusch von oben zusammen – dem Prasseln von Wasser in einen Kessel, dem Herausziehen einer Schublade und dem endlosen Klackern dieser verdammten Absätze. Sie schnappt sich den Besen, will mit dem Stiel gegen die Decke klopfen. Dann lacht sie – kein echtes Lachen – und lässt den Besen fallen. Sie hatte einen schlechten Tag, aber nicht schlecht genug, um sich in die verrückte alte Frau aus der Parterrewohnung zu verwandeln. Ganz hinten im Schrank unter der Spüle findet sie eine halb volle Flasche Whisky. Normalerweise trinkt sie keine Spirituosen, nur in Nächten wie dieser, wenn ihr alles zu viel wird. Sie schenkt sich ein halbes Glas ein, füllt mit Orangeade auf, nimmt es mit zum Sofa und zündet sich auf dem Weg dorthin eine Zigarette an. Dann greift sie nach der Fernbedienung und zappt durch ein paar Kanäle. Eine Blonde in Silberlamé mit einer unmöglichen Figur dreht ein Rouletterad – »viel Glück, Glück, Glüüück …« –, ein schleimiger Prediger bittet sie, in ihrem Herzen einen Platz für Jesus zu finden, eine Echse lässt die Zunge hervorschnellen, um eine Fliege zu fangen, und – verdammt – da ist sie! Unsere perfekte kleine Gracie Dwyer. Sauber, sauber, sauber in ihrer perfekten Küche. Sie hat den Kopf ganz leicht der Kamera zugeneigt, ein Los-wir-schaffen-das-zusammen-Lächeln auf den Lippen, während ihre geschickten kleinen Finger Mehl in einen Topf mit gelber Pampe rühren, der auf einer makellosen Arbeitsplatte aus Stein steht. »Der Trick, Brandteig perfekt hinzubekommen«, sagt sie, »besteht darin, so lange zu rühren, bis die Mischung keine Spur von Weiß mehr zeigt.«
Juliet will den Fernseher ausschalten, doch ihre ungelenken Finger treffen die Pause-Taste und lassen Gracie auf dem Bildschirm erstarren. Juliet stiert das Gesicht an. Wenn du ein eingefrorenes Bild lange genug anschaust, findest du immer eine Unvollkommenheit: einen Pickel, einen Flecken verkrustetes Make-up am Haaransatz, eine kleine Falte am Hals. Und wenn nicht das, dann etwas Einfältiges oder Unachtsames in den Augen oder in der zögernden Bewegung des Munds. Irgendetwas.
Doch da ist nichts. Gar nichts. Gracie Dwyer ist immer perfekt. Selbst eingefroren.
Dieses Mal findet Juliet den Ausschalter. Sie drückt ihre Zigarette aus und schwankt ein wenig, während sie in ihr Schlafzimmer geht.
2
Gracie zählt nach. Sie kann nicht anders. Während die Passagiere um sie herum an ihren Getränken nippen und durch die Programme zappen, überfliegt sie die Daten in ihrem Kalender. Es ist fast fünf Monate her – einhundertdreiundvierzig Tage, um genau zu sein –, seit sie zuletzt ein anonymes Päckchen, eine höhnische Nachricht oder einen stummen Anruf erhalten hat. Schnell blättert sie die Seiten durch, fügt ihrer To-do-Liste noch einige Punkte hinzu und streicht durch, was sie erledigt hat, als sich plötzlich ihre Wangen kräuseln, weil sie vor Aufregung lächeln muss – das erste echte Lächeln seit Tagen. Sie ist unterwegs nach Hause. Kein Aufstehen mehr im Morgengrauen, um ihre Anweisungen für die Filmaufnahmen durchzugehen. Keine verpassten Anrufe mehr von Tom. Kein Jonglieren mehr mit Zeitzonen und Zeitplänen für die Filmaufnahmen, um zur Schlafenszeit mit Elsie skypen, ihr zuwinken und alberne Witze erzählen zu können, wo sie sich doch nur eines wünscht: ihre Lunge mit dem Duft von Elsies frisch gebadeter Haut zu füllen. Sie spannt das Gummiband um ihren Kalender, legt den Stift hin und heftet den Blick auf das kitschig anmutende Himmelsoval, das vom Kabinenfenster eingerahmt wird, fast atemlos bei dem Gedanken daran, wie sich Elsies kleiner feuchter Körper gegen ihren presst.
Doch sie hat auch Schuldgefühle, weil es ein so gutes Gefühl ist, in New York zu sein, von ihrem Hotel im Stadtzentrum zu den Fernsehstudios zu gehen, sich unter die Leute zu mischen, um einen Kaffee zu trinken oder ohne die Blicke von Fremden oder das Schlurfen von Schritten hinter sich einen Lippenstift auszuprobieren. Falls die Amerikaner ihre Show kaufen, ist sie dann so verrückt zu glauben, dass das Leben zumindest in den Staaten wieder so sein könnte wie vor den Drohungen? Als sie es genoss, auf der Straße erkannt zu werden, und die Bitten von Passanten, ihnen Chipstüten, Gipsverbände und Körperteile zu signieren, sie zum Lachen brachten und gern nach einem Filzstift greifen ließen.
Sie beugt sich vor und reibt sich die Arme. Zwei Wochen in New York haben sie nachlässig und unvorsichtig werden lassen, doch jetzt spürt sie, wie die Vorsicht wieder in ihre Knochen sickert und ihre Wirbelsäule steif wird, Wirbel für Wirbel. Wie schnell sie wieder da ist, denkt sie, und ein Teil von ihr akzeptiert ihre Rückkehr, heißt sie sogar willkommen: der Teil, der immer noch an dem Kindheitsglauben festhält, dass sie mit Schmerzen dafür bezahlen kann, die kostbaren Dinge zu schützen.
Der Schluckauf des Babys auf der anderen Seite des Gangs lässt sie aufblicken. Es ist ein kleiner Junge mit eckigem Gesicht, der ein winziges kariertes Hemd und eine Jeanslatzhose trägt. Er windet sich in den Armen seiner Mutter und schlägt die Flasche weg, die sie ihm an den Mund hält, genau wie Elsie in jenem ersten Sommer, in dem Tom und sie mit ihr in Urlaub gefahren waren, auf dem gesamten Nachhauseweg von St. Lucia. Gracie erinnert sich an ihre hilflosen Versuche, ihr Kind zu trösten, an die Verärgerung der anderen Passagiere und ihre eigene wachsende Angst, dass sie als Mutter nie gut genug sein würde. Die Frau überlässt ihrem Mann das Baby und die Flasche, steht auf und streicht ihr milchbeflecktes T-Shirt und den zerknitterten Rock glatt. Gracie wirft ihr ein mitfühlendes Lächeln zu. Die Frau ist wieder schwanger, im zweiten, vielleicht dritten Monat, kaum lange genug, um sichtbar zu sein, aber es reicht, um die Hände auf die Rundung des Bauchs legen zu können. Der Anblick dieser schützenden Finger weckt andere Erinnerungen in ihr. Gracies Gedanken schweifen ab, suchen Ruhe, nehmen Zuflucht zu ihren Plänen für das Wochenende: Park mit Elsie, Bett mit Tom.
Ihr Herz rast, während sie die überfreundlichen Abschiedsgrüße des Bordpersonals erwidert und von der Wärme des Flugzeugs in die Kühle des überdachten Gangs tritt. Jetzt ist es gleich so weit. Tom wird in der Ankunftshalle stehen, Elsies Hand halten und auf das aufleuchtende »Gelandet«-Zeichen neben ihrer Flugnummer deuten.
In der Gepäckhalle ist viel los, selbst für einen Freitagabend. Quengelige Kinder schlurfen hinter bissigen Eltern her, hohläugige Touristen halten ihre Trolleys fest und blicken sich verloren um. Gracie steht neben dem Gepäckförderband, den Kopf gesenkt, und gibt vor, etwas in ihrer Tasche zu suchen. Sobald ihre Koffer in Sicht kommen, packt sie sie auf ihren Trolley und eilt davon.
»Gracie! Gracie Dwyer! Wären Sie so nett?«
Verdammt! Köpfe werden gereckt. Gracie spürt es. Sie holt Luft, bleibt stehen und dreht sich um. Eine Frau mittleren Alters in einem blassblauen Regenmantel flattert mit hochgehaltenem Handy auf sie zu, während ihr groß gewachsener, kahl werdender Ehemann dasteht und entschuldigend die Hände zusammenpresst. »Ich liebe Ihre Show«, haucht die Frau voller Entzücken. Sie hält das Handy schräg, drückt ihre gepuderte Wange gegen Gracies und knipst. »Ihre Zitronen-Walnuss-Torte ist die einzige Möglichkeit, meinen Sohn nach Hause zu locken.«
»In der neuen Serie wird es noch viele andere Desserts geben, Sie sollten sie also nicht verpassen.« Gracies Lächeln ist warm.
Die Frau strahlt und sagt scheu: »Wissen Sie, Sie sehen in natura sogar noch hübscher aus als im Fernsehen.«
»Das ist sehr lieb von Ihnen, aber nach sechs Stunden in der Luft fühle ich mich ganz kaputt.«
Mit einem weiteren Lächeln macht sich Gracie davon und eilt durch »Nichts zu verzollen«.
Die Glastüren gleiten auf. Ihr Blick huscht über die wartenden Gesichter. Als sie die beiden hinter der Absperrung entdeckt, eingeklemmt zwischen einer Gruppe gelangweilter Fahrer mit Namensschildern, erfasst sie eine Woge der Freude. Den dunklen Haarschopf von Tom, der den Kopf geneigt hat, um etwas auf seinem Handy zu checken, und Elsie, ihr wunderschönes Mädchen, das die Arme ausstreckt und »Mummy, Mummy!« ruft.
Gracie läuft schneller, lässt ihren Trolley wegrollen, als sie Elsie in die Arme nimmt, sie hochhebt und die Nase in ihr Haar drückt. Sie hebt Tom das Gesicht entgegen, ungeduldig, den gierigen Druck seiner Lippen zu spüren. Doch er bückt sich, hebt schnell Brown Bear vom Boden auf, legt ihn in Elsie ausgestreckte Hand, und sein Kuss – als er endlich kommt – geht in ihrer beider erleichtertem Augenrollen über die abgewendete Katastrophe beinahe unter.
Tom nimmt ihr Gepäck. Sie folgt ihm zum Parkplatz, Hand in Hand mit Elsie, die springt und hüpft und mit Geschichten über die Schule und Pyjamapartys und die Hunde anderer Leute herausplatzt. Als das Gepäck verstaut ist und die Sicherheitsgurte angelegt sind, sitzt Tom einen Moment lang da und hält das Lenkrad umfasst, bevor er den Zündschlüssel dreht. Sie entdeckt eine winzige Stelle mit Stoppeln, die er beim Rasieren übersehen hat, sechs oder sieben ledrige Haare, die aufrecht und trotzig von seinem Kinn abstehen.
»Alles okay mit dir?«, murmelt sie.
»Ja, alles gut.«
»Du wirkst … müde.«
»Oh, na ja.« Er stellt den Spiegel ein und fährt rückwärts aus der Parklücke. »Und wie ist es gelaufen?«
»Die Führungskräfte schienen zufrieden zu sein. Doch letztlich kommt es auf die Fokusgruppen an.«
»Wann kriegst du Bescheid?«
»Könnte Wochen oder auch Monate dauern. Aber wenn sie sich dafür entscheiden, warum kommst du dann nicht mit Elsie für die letzte Woche der Aufnahmen rüber? Wir könnten ein paar Tage dranhängen, Urlaub machen.«
»Hängt von meinen Terminen ab.« Er schiebt den Parkschein in den Automaten. »Bei der Arbeit ist alles ein bisschen … in der Schwebe.«
Das Auto ruckelt leicht, als er beschleunigt und die Rampe hoch und hinaus in die graue Heathrower Dämmerung fährt. Heftiger Regen trommelt gegen den Wagen. Sie legt ihm die Hand auf die Schulter. »Probleme mit Bristow’s?«
Er rammt den Schaltknüppel in einen höheren Gang und fädelt sich in den Verkehr ein. »Wenn sie Mist haben wollen, dann haben sie sich für die Richtigen entschieden.«
Sie dreht sich um, will Elsies Geschichte über den Kater der echten Hexe hören, die sie an Halloween gesehen hatte, als sie »Süßes oder Saures« spielte. »Er hatte einen kleinen spitzen Hut und alles.« Gracie sieht wieder zu Tom hin, sucht sein Lächeln. Die nasse Straße erfordert seine volle Aufmerksamkeit. Die Regentropfen auf den Fenstern glitzern blau und grün und rot, erhellen die Dunkelheit, während er von der M40 auf die regenglatten Straßen von Hammersmith abbiegt. Die Scheibenwischer rubbeln über die Windschutzscheibe. »War da irgendwas … in der Post?«, murmelt sie leise.
Er schüttelt den Kopf, ohne sie anzusehen. »Gott, nein.«
Gracie wartet darauf, dass er ihre Erleichterung zur Kenntnis nimmt, die Hand durch ihr Haar gleiten lässt und ihr sagt, wie sehr er sich freut, dass sie wieder zu Hause ist. Doch er schaltet die Nachrichten ein – Syrien, Irak, die Wirtschaft. Sie versucht, es ihm nicht übel zu nehmen. Die Ausschreibung von Bristow’s zu verlieren wird ihn hart getroffen haben. All die Arbeit. Die ganze Vorbereitung. Die Enttäuschung. Am besten sagt sie nichts. Sie werden später darüber reden. Wenn sie allein sind und sie ihn richtig trösten kann. Einen Moment lang pulsiert Wärme zwischen ihren Oberschenkeln.
Als sie Deptford hinter sich gelassen haben und Greenwich erreichen, starrt sie hinaus auf die gespenstischen Kuppeln der alten Gebäude der Admiralität, die Lichtreflexe von Pubs und Cafés, die enger werdenden Straßen und den Fluss, der immer wieder zwischen den neuen Wohnblöcken auftaucht. Tom biegt von der Straße auf einen Feldweg ein, der sich an schattenhaften, durch Drahtzäune abgeriegelten Baugeländen vorbeischlängelt und hier und da vom gelblichen Flackern der Sicherheitsleuchten erhellt wird. Spritzend holpern die Reifen durch Pfützen öligen Wassers, bis sie wieder auf Asphalt landen. Er drückt auf den Schlüsselanhänger, die Sicherheitstore gleiten auf, und ihr aus Glas gebautes Haus ragt blass schimmernd aus der Dunkelheit hervor.
Gracie schwingt die Beine aus dem Auto. Sie blinzelt in den Regen, dreht sich dann um und blickt über den breiten, schwarz schimmernden Fluss hin zu den glitzernden Lichtern der Isle of Dogs. Da hängt ein Geruch in der Luft, ein Fäulnisgestank, der von den Abwasserkanälen der Stadt hereinströmt und durch den Schlamm sickert. Ein gedrungener Schleppkahn tuckert flussabwärts; seine Buglampen werfen einen sanften Schimmer über das Wasser. Als die elektrischen Tore zugleiten und ihr die Sicht nehmen, wendet sie sich wieder dem Wharf House zu. Selbst nach drei Jahren gibt es noch immer Augenblicke, in denen sie nicht ganz glauben kann, dass dieses minimalistische Gebilde aus Glas und tief im Haus liegenden Räumen ihr Zuhause ist. Es hatte Jahre gedauert, es fertigzustellen, und Tom gewann einen Preis: eine persönliche Sternstunde und ein Stück Bronze, das aus einem Granitblock hervorschaut. Sie erinnert sich, wie er sie das erste Mal zu dem Baugelände mitnahm; wie sie über die Rohre und Kabelrollen gestiegen war, die träge im Dreck lagen, und genickt und gelächelt hatte, als er dem Wind den Rücken zugekehrt hatte, damit die Pläne nicht mehr flatterten. Und wie sie sich gewünscht hatte, sie könne den Blick zu dem Skelett aus Streben und Pfeilern heben und sehen, was er sah.
»Schau, Mummy, schau, was ich gemacht habe!« Elsie hüpft von einem Fuß auf den anderen und zeigt auf das »Willkommen zu Hause«-Spruchband, das über die Tür gespannt ist.
»Wow, Liebling! Das ist ja toll!«
Tom schleppt ihre Koffer durch den Korridor und stellt sie ab; Elsie folgt ihm und zieht an den Schnappverschlüssen. »Was hast du mir mitgebracht, Mummy?«
»Oh, nein!« Gracie hält sich die Hand vor den Mund. »Ich habe vergessen, Geschenke zu kaufen.«
Elsie brüllt vor Lachen, greift nach Gracies freier Hand und dreht sich auf einem Fuß. »Nein, hast du nicht!«
Gracie öffnet einen der Koffer und holt ein Paar rosafarbene, paillettenbesetzte Turnschuhe heraus. »Ta – daa!« Sie lächelt, als sie Elsies freudestrahlendes Gesicht sieht, gräbt wieder im Koffer herum und zieht eine graue Beanie aus Kaschmir für Tom hervor, die auszuwählen sie unglaublich viel Zeit gekostet hat. Er setzt sie auf und trägt sie, während sie Elsie ins Bett bringen. Sie strecken sich neben ihr aus, jeder auf einer Seite. Elsie drückt ihre Turnschuhe an die Brust, während Gracie The Worst Witch öffnet und dort weiterliest, wo sie an dem Abend aufgehört hatte, an dem sie nach New York geflogen war. Nach ein paar Seiten küsst Tom seine Tochter und schlüpft, etwas von Abendessen murmelnd, davon. Gracie, die Appetit auf eins seiner angeschwärzten, blutigen Steaks und guten Rotwein hat, lächelt, blickt hoch und sieht ihm nach.
Sie liest weiter, bis Elsie die Augen zufallen und sie tief und gleichmäßig atmet. Dann sitzt sie noch einen Moment lang da, nimmt ihren Anblick in sich auf, die dunklen Locken, die sich auf dem Kissen ringeln, die goldfarbene Haut, die kleine Stupsnase und das Kinn – weichere Versionen von Toms Gesichtszügen –, bevor sie Elsie auf die Stirn küsst und hinunter in die Küche läuft.
Die Stille erschüttert sie.
Keine klirrenden Teller. Keine zischenden Pfannen.
Dann also Essen vom Lieferservice. Von ihrem Lieblingsthai oder dem neuen Burmesen, den sie unbedingt ausprobieren will. Tom füllt ein Glas und reicht es ihr. Sie stellt es neben die abgelegte Beanie und kommt näher, mit wiegenden Hüften, die Arme hochgehalten, um sie um seinen Nacken gleiten zu lassen. Er erstarrt, verschwitzt und grau, die Pupillen starr, unfokussiert, selbst als er sie ansieht.
»Tom?«
Er weicht zurück und greift nach einem Papierbehälter, noch eisig vom Gefrierschrank. Sie kommt näher, ihre Augen suchen das Etikett auf dem Deckel. Ein kleines Lachen entfährt ihr. Lach mit mir, Tom. Sag mir, dass du meine Fischpastete liebst. Sag mir, dass du an meinem ersten Abend zu Hause keine Zeit mit Kochen verschwenden wolltest.
Er öffnet die Mikrowelle und stellt den Behälter hinein. Ihr Willkommensessen.
»Ich mache einen Salat.« Sie beugt sich in den Kühlschrank. Panik erfasst sie, zuckt wie kleine Explosionen an ihrer Wirbelsäule entlang. Gedanken rasen durch ihren Kopf wie ein Laufband mit Eilmeldungen: Raubüberfälle, Unfälle, Tod, Katastrophe. Doch wie schlimm kann es sein? Elsie steckt im Bett, und sie beide sind hier, sicher, zusammen. Sie ignoriert die dunkleren Möglichkeiten, die sich in ihrem Gehirn entfalten, und zerrt an Blättern, bereitet ein Dressing zu, holt das Salatbesteck.
Die Mikrowelle klingelt.
»Es muss noch ein paar Minuten in den Ofen, um knusprig zu werden«, sagt sie.
Er rührt sich nicht von der Stelle. Sie wartet einen Moment lang und fragt dann leise: »Sagst du mir, was los ist?«
Er steht da, sieht zu Boden und gestikuliert hilflos mit den Händen. »Du musst mir glauben, Gracie. Ich wollte nie, dass es passiert.«
Sie kämpft gegen die aufsteigende Angst an. »Sag’s mir einfach. Was immer es ist, wir werden damit fertig.«
Er lässt sich auf einen der schmalen Stühle mit Stahllehne fallen, die er selbst entworfen hat, den Kopf gesenkt, die Finger in die Kopfhaut gegraben; lange, sensible Finger mit abgerundeten Fingernägeln, die den schmalen Platinring tragen, der zu ihrem passt. Sie sehnt sich nach dem Moment, in dem sie ihn über seinen Knöchel gleiten ließ, dem Stolz und der Nervosität, die sie empfand, als alle, die ihnen etwas bedeuteten, dabei zusahen. Bitte, Gott, lass es irgendein Problem mit Geld oder bei der Arbeit sein. Etwas, was sich ertragen oder in Ordnung bringen oder vergessen lässt.
»Ich schwöre, ich habe es nicht geplant. Ich kenne sie kaum.«
»Sie?« Das Wort spritzt wie Erbrochenes durch ihre Zähne. Jetzt weiß sie, dass es sich nicht in Ordnung bringen oder vergessen lässt.
»Wir hatten gerade die Ausschreibung verloren. Ich war betrunken. Wir waren alle betrunken.«
Sie stellt sich die Frauen vor, die sie bei ACP-Empfängen trifft: attraktive, elegant gekleidete Frauen, die sie anlächeln und sich an ihren Namen erinnern, während sie Mühe hat, sich ihre ins Gedächtnis zu rufen. Eine Ewigkeit vergeht, bevor sie es schafft zu flüstern: »Wer?«
»Eine der Praktikantinnen.« Tom ballt die Fäuste. »O Gott, es tut mir so leid. Ich war unglücklich. Du weißt, wie wichtig mir dieser Job war.«
All diese Angst, denkt Gracie. All der Schmerz. Er hat nicht gereicht, um die kostbaren Dinge zu schützen.
»Und da hast du dir gedacht, oh, ich weiß, ich werde eine Zwanzigjährige ficken. Das wird mich aufmuntern.«
»Nein!« Sein Kopf hängt auf seiner Brust. »Ich bin durchgedreht. Ich wollte nichts mehr denken müssen, alles vergessen. Dann hat mir jemand ein Taxi gerufen, und plötzlich war sie da und hat gesagt, sie habe schon immer das Haus sehen wollen.«
Sie weicht zurück, schüttelt langsam den Kopf. »Nicht hier, Tom. Bitte sag mir nicht, dass du hier mit ihr geschlafen hast.«
Sein Schweigen zerreißt etwas in ihr, und all das ruhige Selbstvertrauen, das sie in den Jahren ihrer Ehe aufgebaut hat, quillt durch den Riss heraus. Sie lässt sich an der Wand hinabgleiten, am Boden zerstört durch die ungeschminkte, plötzliche Erkenntnis, dass die Grenze zwischen »alles haben« und »nichts haben« so hauchdünn ist wie ein abgelehnter Entwurf.
»Wo war Elsie?«
»Issys Pyjamaparty.«
Das also war die Nacht. Gracie sieht alles vor sich: wie sie im Studio fertig ist und mit der Crew davoneilt, um Sushi zu essen. Wie sie Sake süffelt, den Ablauf für den nächsten Tag bespricht, ein Taxi zurück zu ihrem Hotelzimmer nimmt. Allein schläft. Sie hebt den Kopf. »Ist sie schön?«
»Was?«
»Ich habe gefragt, ob sie schön ist.«
»Nein! Gott, nein.« Er sagt es heftig, als würde ihn dies irgendwie entlasten. »Darum ging es nicht.«
Sie blickt sich um, betrachtet ihr Zuhause, ihr Leben, ihren Mann. Alles, was sie sieht, ist ein Scherbenhaufen. »Worum ging es dann, Tom?«
»Ich weiß es nicht.« Er presst die Handflächen gegen den abgeschrägten Tischrand und lässt den Kopf sinken, dem Grün des Glases entgegen. »Ich habe mich leer gefühlt, war wütend. Ich konnte es nicht ertragen, allein zu sein.«
»Wag es nicht, mir die Schuld zu geben. Wag es nicht!«
»Ich gebe dir nicht …« Er wirft den Kopf zurück und zieht Luft ein. »Als ich wieder nüchtern war, konnte ich nicht glauben, was ich getan hatte. Ich habe ihr gesagt, es sei ein Fehler, und sie ist durchgedreht. Sie … hat mir gedroht. Sie hat gesagt, sie würde es dir und dem Vorstand erzählen, wenn ich sie nicht an einem meiner Projekte mitarbeiten ließe.«
»Und hast du?«
Er schluckt. »Die Kopenhagen-Klinik. Aber ich werde sie nicht sehen müssen. Ich habe sie dem Team zugeteilt, das an der Vorhalle arbeitet, und diesen Teil Geoff übergeben.«
Als habe er damit genug gebüßt, kniet er sich hin und streckt die Hand nach ihr aus. Ihre Hände schießen vor, stoßen ihn weg. Sie überrascht sie beide mit ihrer Kraft. »Louise hättest du das nie angetan!«
Die Anschuldigung lässt ihn zusammenzucken, eine Schockreaktion, als habe man ihn geschlagen. Sie begreift, dass er sich auf Wut, Tränen, Verzweiflung gefasst gemacht hat. Aber nicht auf das. Es ist ihr egal.
Er sucht nach Worten, um es zu leugnen, doch die Anstrengung lässt ihn in Schluchzen ausbrechen. »Es hat nichts mit Louise zu tun.«
»Ich bin dir nie genug gewesen.« Sie wendet sich ab, drückt die Fersen in den Schieferboden. »Ich war immer die zweite Wahl.«
Er kriecht zu ihr, erschüttert, sprachlos. »Nein! Du bist du, und Louise … war Louise.«
Sie dreht den Kopf weg, versucht, ihre Tränen zu verbergen, doch ihre Finger umklammern ihr Top, verkrallen sich in dem dünnen Stoff, bei dem Versuch, sich in den Griff zu bekommen. »Und was ist mit dieser verdammten Praktikantin?«
»Sie ist nichts.«
»Du warst also bereit, alles, was wir haben, für ein hinterhältiges kleines Nichts zu riskieren?«
»Herrgott, Gracie, was willst du hören? Ich war betrunken … Ich fühle mich beschissen …«
»Das war’s also? Du hast dich flachlegen lassen, und sie hat einen Pluspunkt in ihrem Lebenslauf bekommen?«
Er lässt den Kopf sinken und fährt sich mit der Hand übers Gesicht. »Es ging nicht nur darum, bei einem Projekt mitmachen zu können. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, dass sie und ich … eine Art Zukunft hätten … und jetzt schlägt sie um sich.«
»Was soll das heißen?«
»Sie droht, offiziell Beschwerde einzulegen.« Er schließt die Augen. »Dem Vorstand und der Presse einen Haufen Lügen über mich zu erzählen. Dass ich ihr Arbeit angeboten hätte, so getan hätte, als würde ich dich verlassen … sie betrunken gemacht hätte und weiß der Henker was sonst noch.«
Gracie wartet, bis er sie ansieht. Sie starrt ihm in die Augen. Dunkelbraune Augen, die unruhig flackern. Da ist ein Kreischen in ihrem Kopf, ein Gefühl der Schwerelosigkeit.
»Darum also geht es bei deiner Beichte, stimmt’s? Schadensbegrenzung!«
»Nein!«
Sie wirft den Kopf in den Nacken. »Wenn es dir gelungen wäre, ihr Schweigen zu erkaufen, hättest du es mir nie gesagt.«
»Gracie …«
Wütend starrt sie ihn an, fordert ihn heraus zu lügen.
»Ich werde alles tun, um es wiedergutzumachen.«
Wenigstens hat er seine Feigheit nicht geleugnet. Doch die Art, wie er den Kopf hält und die Schultern neigt, machen sie argwöhnisch. »Wie viele andere, Tom?«
»Herrgott.« Wütend wendet er sich ab. »Wie kannst du das nur fragen?«
In diesem Moment sieht sie einen Fremden. Einen schmalgesichtigen, dunkelhaarigen Fremden mit schwarzem T-Shirt und teurer Jeans, der keine Ahnung hat, dass er etwas zerbrochen hat, das sich nicht wieder kitten lässt; etwas Kostbares, das ihr und Elsie und auch ihm gehörte. Begreift er nicht, dass dieser betrunkene Fick mit einer aufdringlichen Praktikantin, fast halb so alt wie er, einen Bruch – sauber, vollständig – mit allem bedeutet, was vorher war?
»Wie heißt sie?«
»Spielt das eine Rolle?«
»Ja.«
»Alicia.«
»Alicia wie?«
»Sandelson.«
Sie rappelt sich hoch. Er kommt auf sie zu.
»Bleib mir vom Leib!«
Er hebt die Hände und beobachtet, wie sie weggeht.
3
In jener Nacht schläft Tom im Gästezimmer, und Gracie liegt wach, lauscht dem Trommeln des Regens und stellt sich vor, wie Alicia ihre Sachen berührt, zwischen ihren Laken liegt, das Gesicht in ihr Kissen drückt, und sie fragt sich, wie sie überleben soll. Doch wenn sie versucht, sich ein anderes Leben auszumalen als das, was sie sich mit Tom aufgebaut hat, sieht sie nur eine große Leere ohne Freude, Trost oder Hoffnung. So wie sie sich in den düsteren, einsamen Monaten gefühlt hatte, bevor sie ihn kennenlernte, und wie sie geglaubt hatte, sich nie wieder fühlen zu müssen. Sie greift nach ihrem Handy, lässt es wieder sinken. Daphne ist in Mailand, wahrscheinlich mit ihrem aktuellen Lover im Bett, und selbst wenn sie ranginge, was sollte Gracie ihr schon sagen? Was in ihrem Inneren vor sich geht, ist zu beängstigend, zu tiefgründig, um es zu erklären, selbst ihrer engsten Freundin.
Sie schlüpft aus dem Bett und huscht auf Zehenspitzen nach unten, vorbei an den Fotos, die an der unverputzten Wand hängen. Bedrohlich erscheinende Bilder, aufgenommen von Louise, auf denen die ersten Stadien des Hausbaus festgehalten sind. Gracie dachte, sie kenne sie, jede Linie und jeden Schatten; den Abriss des alten Anlegeplatzes, den Bulldozer, der auf einem narbigen Feld moosbewachsenen Schutts eintraf, die dürren Setzlinge, die dem Wind ausgesetzt waren, die sich krümmenden Baumwurzeln, angeschwemmt von der Flut, tot, bis auf einen entschlossenen grünen Spross. Doch heute Nacht, im schwachen Licht der Lampe, die für Elsie an ist, scheinen sie lebendig zu sein und sie mit neuer Macht und Kraft zu verhöhnen. Ihr eigenes Gesicht, verquollen vom Weinen, flackert verzerrt im Glas. Ihr Blick bleibt am Foto von der Baumwurzel hängen. Aufgenommen an dem Tag, an dem Louise das Stück Land fand, wurde es auf Tausenden Postern und Postkarten abgedruckt und interpretiert als ein Bild der Hoffnung, Regeneration und der hartnäckigen Weigerung zu sterben. Der Observer verwendete es in seiner Hommage an ihre Arbeit, zusammen mit den eindringlichsten der erschöpften Gesichter und öden Landschaften, die sie für ihn in Bosnien, Albanien und Darfur aufgenommen hatte. Gracies Beine drohen einzuknicken. Sie greift nach der Wand, stellt sich vor, wie Alicia hier auf dem Weg ins Schlafzimmer stehen blieb, fasziniert von diesem Bild. Stand Tom hinter ihr, hielt ihre Schultern und küsste sie auf den Nacken, wie er einst Gracie geküsst hatte, als sie, angezogen von eben diesem Foto, im Flur seiner Wohnung in Holloway stehen geblieben war?
Sie reißt sich los und taumelt in die Küche hinunter. Sie spürt den kühlen Schiefer unter den Füßen, sieht die perligen Schatten der Regentropfen, mit denen das Weiß der Wände gesprenkelt ist, und das Stück Himmel oberhalb des Lichtschachts – alles genau so umgesetzt, wie Louise es sich vorgestellt hatte. Die DNA ihrer Vision ist überall zu spüren, nicht nur im Entwurf und der Struktur dieses Hauses, sondern auch im subtilen Altern des Holzes, den sich stets wandelnden Spiegelbildern im abgeschrägten Glas und dem langsamen Verwittern des Steins.
Gracie sitzt fast eine Stunde lang im Dunkeln, bevor sie sich zurück ins Bett schleppt. Sie schließt die Augen, zu müde, weiter dagegen anzukämpfen. Zahnräder entkoppeln sich in ihrem Kopf, demontieren ihre Abwehr, und sie schläft ein. Eine Weile schwebt sie in einer ruhelosen Dunkelheit. Und dann beginnt er. Der entsetzliche Sturz in eine zerstörte Landschaft, in der sie vor jemandem davonläuft, den sie nicht sehen kann, bis ihr der Weg durch ein Eisentor versperrt wird, das mit einem Vorhängeschloss und einer Kette versehen ist. Atem, der ihren Nacken streift, treibt sie voran. Sie schert aus, stolpert durch die Türen einer dunklen Lagerhalle und rennt eine Steintreppe hinab, bis sie eine Bewegung in den Schatten spürt, stolpert und fällt, wie Schlafende es tun, um dann in dem Versuch zu schreien voller Panik aufzuwachen. Sie greift nach Tom. Ihr Bett ist leer. Er ist nicht da, um sich im Schlaf umzudrehen, sie an sich zu ziehen und zu murmeln, dass sie in Sicherheit ist.
Sie steht auf und wandert im Haus herum, gequält von Erinnerungen an die Zufriedenheit, die sie verloren hat – ein am Kühlschrank klebender Schnappschuss von ihnen dreien, ihre beiden Namen auf einer Einverständniserklärung für die Schule, ihre Shirts und Socken im Trockner, alles grausam unberührt von der Brutalität, mit der sich ihr Schmerz entfaltet. Sie nimmt den Schnappschuss ab, starrt die Gesichter an – ihres, Toms, Elsies – und versucht, sich eine Zukunft vorzustellen, die frei ist von der Angst, alles zu verlieren, was sie liebt.
Während der nächsten Tage nimmt Tom sich Zeit, etwas, was er eine ganze Weile vernachlässigt hat. Er spricht lebhaft über den Entwurf ihres nächsten Kochbuchs und ihre Pläne, eine Zweigstelle ihres Bäckerei-Cafés zu eröffnen, und schickt ihr Einzelheiten zu Immobilien, die er im Internet gefunden hat. Sie spürt seine Hilflosigkeit – die zusammengekniffenen Lippen und die müden Seufzer, die von seiner Verunsicherung zeugen. Er möchte, dass alles wieder so ist, wie es war, hat jedoch keine Ahnung, wie das gehen soll. Sie ist diejenige, die immer Probleme ausbügelt, diejenige, die Zerbrochenes repariert. Doch das hier kann sie nicht reparieren. Im Moment kann sie nicht einmal klar denken. Sie benutzt die Suche nach neuen Geschäftsräumen als Vorwand, sich vom Rhythmus und den Anforderungen ihres Lebens zu lösen, und fährt stundenlang durch die Straßen von London, verliert sich im alltäglichen Kommen und Gehen anderer. Zufällig mitzubekommen, wie ein Vorhang zurückgezogen oder eine Autotür zugeschlagen wird, in einer unbekannten Seitenstraße langsamer zu fahren, weil jemand etwas ablädt oder auflädt oder zum Geschäft an der Ecke eilt, hilft, das Chaos in ihrem Kopf zu mildern und die Angst und Wut abzuschwächen, die jede Zelle ihres Seins zerfressen.
Abends vermeiden sie und Tom es, Alicia und ihre Drohungen zu erwähnen, obwohl sie Tom einmal, als er denkt, dass sie unten ist, am Telefon hört.
»Es ist die Machtlosigkeit, Geoff, nicht zu wissen, ob die kleine Hexe blufft … Herrje, ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte …«
Da ist er, der Vater ihres Kindes, zerknirscht und aufmerksam, als sie bei der Präsentation ihres neuen Kochbuchs eintreffen. Er lächelt, als sie ihn in der Rede erwähnt, die sie vor ihrer New-York-Reise geschrieben und die zu ändern sie nicht übers Herz gebracht hat. Sie liest sogar die Zeile vor, in der sie ihm dafür dankt, dass er da ist, weil sie ohne seine Liebe und Unterstützung nichts von all dem tun könnte, was sie tut. Er lächelt unbeirrt weiter, als sich jedes Gesicht im Raum umdreht, um den Ehemann der »hinreißenden Königin der Küche«, Gracie Dwyer, zu sehen. Hundert Augenpaare registrieren seine anziehende lässige Haltung, das zerzauste Haar, das offene Hemd, das sich weiß schimmernd von seiner perfekt honigbraunen Haut abhebt. Sie kann die anerkennenden Seufzer beinahe hören. Anschließend erträgt sie es steif, mit ihm für die Fotografen zu posieren – das wunderschöne Paar mit dem glücklichen, mustergültigen Leben. Er zieht sie mit einer Hand an sich, hält mit der anderen ein Exemplar ihres Buchs hoch. Das ist die Aufnahme, die sie verwenden werden, denkt sie, als die Lichter blitzen. Wenn die Praktikantin zu den Zeitungen geht, werden die Boulevardblätter mit genau diesem Bild aufwarten.
Im Taxi nach Hause beugt sie sich vor und hält sich am Haltegriff fest, um Toms Körper nicht berühren zu müssen, doch seine Augen verraten Hoffnung, während sie ins Haus gehen, so als sei die Heuchelei des heutigen Abends Wirklichkeit geworden. Sie hält seine erhobene Hand davon ab, ihre Wange zu streicheln, drängt sie beiseite und eilt in die Küche, um den Wasserkessel zu füllen. »Tee?«
»Nein danke.« Tom gießt sich einen Whisky ein und flegelt sich leicht betrunken in einen Sessel. Grummelnd greift er nach den Papieren auf dem Tisch. Es dauert einen Moment, bis ihm klar wird, dass es sich um Immobilienbroschüren handelt: Pubs, Restaurants, Geschäfte. Er blättert sie durch. »Gott, hast du die Mieten für diese Objekte gesehen?«
»Du kannst sie wegwerfen. Ich hab was gefunden.«
Verletzt schaut er hoch. »Du hast nichts gesagt.«
Sie rührt den Tee um, starrt in den Dampf.
»Zeigst du es mir?«
Sie antwortet nicht.
»Komm schon, Gracie.«
Sie öffnet ihre Handtasche, zögert einen Moment, dann reicht sie ihm ein gefaltetes Blatt. Es enthält die Angaben zu einem Pub aus den Siebzigern in Battersea – fleckiger Backstein, abblätternder grüner Lack und getöntes Glas. »Du machst wohl Witze. Es ist hässlich, zu teuer und viel zu groß.«
»Ich brauche Platz.«
»Aber nicht so viel.«
Gracie sieht ihn unbehaglich an. »Es wird mehr sein als ein Bäckerei-Café. Ich werde eine Garküche einrichten, abends ein Bistromenü servieren und unten Kochworkshops veranstalten. Kelvin entwickelt eine Spin-off-Serie, die sich um die Kurse dreht.«
»Wann hast du dir all das einfallen lassen?« Wieder dieses gekränkte Gesicht.
»Ich habe viel nachgedacht, seit ich aus den Staaten zurück bin.«
»Und du wolltest mich nicht mal zurate ziehen?« Er wirft die Broschüre über den Tisch. »Das ist mein Job, Gracie! Damit kenne ich mich aus!« Er schluckt und fährt leiser fort: »Du brauchst ein Gebäude mit Charakter, etwas Unverwechselbares, das dich und auch dein Essen widerspiegelt, wie die fantastische alte Kapelle, die ich für diesen neuen französischen Kunden zu einem Restaurant umbauen soll. Warum kommst du nicht mal mit und siehst sie dir an, lässt dich inspirieren?«
Sie wendet schnell den Blick ab.
»Tu das nicht, Gracie. Schließ mich nicht aus.«
Schweigen macht sich zwischen ihnen breit, kaum gebrochen durch ihr gequältes Flüstern. »Wie soll ich Pläne machen, bei denen ich mich auf dich verlassen muss?«
»Fuck!« Er fährt sich durchs Haar. »Was willst du damit sagen? Dass ich nicht zu deiner Zukunft gehöre?«
»Ich weiß es nicht, Tom. Manchmal sehe ich dich an und erwische mich dabei, dass ich den Mann sehe, den ich liebe, und dann merke ich, dass er nicht existiert.«
»Was kann ich tun? Sag mir einfach, was ich tun kann.«
»Warum fragst du mich? Ich bin nicht für diesen Schlamassel verantwortlich.« Sie stellt ihren Becher ab und bewegt sich auf die Tür zu. »Ich gehe ins Bett.«
»Gracie, bitte …« Er torkelt hinter ihr her.
Sie dreht sich auf dem Treppenabsatz um. »Psst. Du weckst Elsie auf.«
Er senkt die Stimme. »Das neue Café ist etwas, das wir zusammen aufbauen können. Du und ich.«
»Du hast zerstört, was wir aufgebaut haben, Tom. Hast du überhaupt mal darüber nachgedacht, was mit Elsie passiert, wenn alle Zeitungen voll sind von den geschmacklosen Enthüllungen dieses Mädchens? Sie ist fünf Jahre alt, verdammt noch mal! Und was ist mit mir? Ich kann mit dem Gekicher und dem Mitleid fertigwerden, aber jeder Penny, den ich investiere, um die riesige Hypothek für dieses Haus abzubezahlen, hängt davon ab, wie die Leute mich sehen – die glückliche, gesunde Gracie. Wie soll das funktionieren, wenn sie herausfinden, dass mein Mann seinen Schwanz nicht in der Hose behalten kann?« Sie schließt die Schlafzimmertür, lehnt sich gegen die Wand und unterdrückt die Tränen, während sich seine Schritte im Flur entfernen.
4
»Okay, Gracie. Das Ganze noch mal. Halt einfach die Schüssel ein bisschen höher, wenn du uns die Chilis zeigst.«
Sie schürzt die Lippen, als Emma mit dem Lipgloss wedelt, und legt los. So werde ich es durchstehen, denkt Gracie, während ihre Hände sich geschickt über den Schüsseln und Pfannen auf der Arbeitsfläche bewegen. Ich hacke, schneide in Würfel, rühre für die Kameras und tue so, als sei alles in Ordnung, als würde ich nachts schlafen, als sei dieses erstickende Verlustgefühl etwas, das ich ertragen kann.
Sie hat ein volles Programm – schwarze Nudeln mit Garnelen, dann ihre superschnellen Feigen-Blaubeer-Tartes, ein Plausch mit dem Kräuterexperten Akshay Kumar, Tipps für gesunde Lunchpakete, die Kinder auch wirklich essen. Und für die Verwertung von Essensresten ihre neue Gemüsepastete, inspiriert von einem Rezept, das ein Zuschauer eingeschickt hat. Sie spießt eine Garnele auf, beißt in das würzige rosafarbene Fleisch und lächelt in die Kamera.
»Cut!« Der Aufnahmeleiter signalisiert sein Okay, ordnet eine zehnminütige Pause an und macht Platz für einen Schwarm Assistenten, die die Arbeitsfläche wieder herrichten. Emma reicht ihr einen Becher Kaffee. »Alles in Ordnung mit dir?«
»Ein bisschen müde.« Gracie stiehlt sich zur Toilette davon und schließt sich in eine Kabine ein. Sie presst die Stirn gegen die Fliesen und verbringt die ersten fünf Minuten der Pause damit, leise zu schluchzen und sich das Schlimmste auszumalen, die zweiten fünf Minuten nutzt sie, um ihr Make-up wieder in Ordnung zu bringen und sich zu versichern, dass das Schlimmste nicht passieren kann. Sie wird es nicht zulassen. Sie dreht eine Haarsträhne zurück in den weichen Knoten, fährt mit den Fingern durch ihren Pony und beklopft ein paarmal ihre Wangen. Sie ist beinahe sechsunddreißig, Herrgott noch mal, und ihr Gesicht wirkt noch immer offen, ja fast kindlich, was sie für die Kameras mit viel schwarzem Eyeliner und purpurnem Lippenstift abmildert. Ihre Größe hilft auch nicht gerade. Mit knapp 1,63 Metern ist sie daran gewöhnt, dass die Leute blinzeln, wenn sie ihr begegnen. »Meine Güte, im Fernsehen sehen Sie viel größer aus!«
So ganz anders als die schöne, gertenschlanke, elegante Louise und die kleine hinterhältige Kuh Alicia Sandelson mit ihrem kecken, sommersprossigen Gesicht. Sie schwankt vorwärts, schließt die Augen. Sie war so dumm, sich Alicia auf Facebook anzusehen, und nun hat dieses Mädchen ein Gesicht – ein milchhäutiges, rosalippiges, herzförmiges Gesicht mit einem Heiligenschein aus blassen Locken. Sie ist auch klug – Oxford und ein Praktikum bei ACP. Doch es sind nicht die endlosen Postings zu ihrer glanzvollen Zeit an der Uni oder die Fotos davon, wie sie in hautengen Jeans und Bustier mit Nackenträgern Party macht, die Gracie wie eine Endlosschleife im Kopf hat, es ist das Foto von ihr in einem weißen Bikini am Strand. Nicht weil Alicia besonders hübsch darin aussieht. Das tut sie gar nicht. Und nicht weil sie einen besonders schönen Körper hat. Sie ist knochig und hat Sonnenbrand auf Brust und Schultern. Es ist das unerschütterliche Selbstvertrauen in ihren Augen, das Schmerz verursacht, und er macht sich in Gracies Körper breit. Dieses Mädchen hat keine Angst zu versagen, eine Zweiundzwanzigjährige, die keine Zweifel kennt.
Gracie stellt sich vor, wie Alicia blass und sommersprossig dasitzt und sich gegen ihre eigenen frisch gewaschenen Kissen lehnt, wie diese kleinen Brüstchen vor Entrüstung rot anlaufen, als sie droht, der Welt zu erzählen, dass Gracie Dwyers Ehemann sie mit dem Versprechen eines künftigen Beschäftigungsverhältnisses und einer langfristigen emotionalen Bindung ins Bett gelockt hat.
Sie geht zurück zum Set, bewegt sich steif über den Studioboden, als trage sie einen bis zum Rand gefüllten Topf. Sie erreicht die Sicherheit der Arbeitsplatte und konzentriert sich auf das Mehl, das durch ihre Finger rieselt und mit dem sie die Wand der Glasschüssel bestäubt. Das ist meine Art zu überleben. Sie sticht aus und schält und schneidet und bestreut und lauscht dem Klang ihrer unbeschwerten Stimme, die die Vorteile von ungesalzener Butter und ungebleichtem Mehl anpreist. Doch ihr ist nicht leicht ums Herz. Überhaupt nicht leicht, und ihr schwirrt und schwirrt und schwirrt der Kopf.
Sie lächelt für Akshay Kumar, betet den Übergang zu einer gefilmten Diskussion mit einer Klasse grimassierender Sechsjähriger über die Ekligkeit glitschiger Bananen und pampiger Sandwiches herunter, führt die Zuschauer mit fröhlicher Stimme durch eine Auswahl gefüllter Pitas, kalter Pasta und farbenfroh gefüllter Wraps und spricht dann ernst über Verschwendung, während sie rohe Karotten für die Gemüsepastete in Scheiben schneidet. Als der Aufnahmeleiter signalisiert, dass man zufrieden ist, ruft sie der Crew schnell ein Danke zu und geht, ohne sich noch beim Produktionsteam zu melden oder auch nur ihr Make-up wegzuwischen.
5
Juliet braucht diesen Job. Und wie sie ihn braucht! Eine neue Marke mit einer todsicheren Zukunft erscheint nicht oft am Horizont. Doch wenn das Meeting gut läuft, könnte der Marketingvertrag für den neu kreierten Artisan Gin von Shoesmith und Hayman ihrem Leben eine neue Richtung geben.
»Letztlich kommt es auf die Aromen an.« Don Shoesmith – um die vierzig, höflich – starrt die Flasche in seinen Händen an, als sei sie eine heilige Reliquie. »Das, was die Preisrichter überzeugt hat, war unsere einzigartige Mischung aus natürlichen Aromastoffen.«
Juliet, die in der vergangenen Nacht die Terminologie gebüffelt hat, nickt verständig. Don ist auf ihrer Seite, will sie unbedingt engagieren und sich dann wieder daranmachen, seine Veilchenwurzeln und sizilianischen Biozitronen zu beschaffen. Doch Matt Hayman, sein Partner, ist noch nicht ganz überzeugt. Er lehnt sich auf seinem Stuhl zurück, sieht sie prüfend an. Er ist jünger als Don, aber nicht viel. Zwei Ingenieure im mittleren Alter in schlecht entworfenen Werbesweatshirts, völlig überfordert vom reißenden Erfolg ihrer Hinterhofbrennerei. Ihr »Büro«, ein hastig montierter Tisch und Stühle am Ende von Dons Garage, ist der Beweis dafür – Kartons mit Papieren und Kisten mit Flaschen, die inmitten von Farbdosen, Verlängerungsschnüren und einem verstaubten, luftleeren Planschbecken um Platz buhlen.
Juliet wendet den Kopf und sieht Matt unverwandt an. Er ist ein Schwarzseher, der jetzt, nachdem er die geregelte Arbeitszeit aufgegeben hat, so große Angst vor den Hypothekenzahlungen hat, dass er es nicht wagt, eine Entscheidung zu treffen. Sie schürt seine Unsicherheit. »Es ergibt keinen Sinn, ein großartiges Produkt zu haben und Preise zu gewinnen, wenn man das Marketing nicht richtig hinbekommt. Wann wird die Sache bekannt gegeben?«
»Freitag.« Sie zieht die Luft ein. »Vier Tage, um eine Social-Media-Kampagne auf die Beine zu stellen, Kapital aus der Publicity zu schlagen und eine Strategie zu entwickeln, um alles in Gang zu halten. Das wird eng. Machbar, aber eng.«
Er zuckt zusammen, braucht dringend Bestätigung. Zeit, ihm eine Rettungsleine zuzuwerfen. »Als Erstes müsste ich Ihre Website in Ordnung bringen. Tut mir leid, aber sie vermittelt eine völlig falsche Botschaft.« Aufmunterndes professionelles Lächeln. »Ab jetzt muss alles, was mit Ihrer Marke zu tun hat, so klar und unverwechselbar sein wie Ihr Produkt.« Juliet nimmt ihren Laptop und ruft die Homepage auf, die sie für sie erstellt hat. »Die könnte ich für Sie bis Mittwochabend online haben.«
Matt rutscht auf seinem Stuhl nach vorn und wirft einen Blick auf den Bildschirm. Er ist offensichtlich beeindruckt, zögert aber immer noch. Wo liegt sein Problem?
»Meine Frau hat einen Freund in einer der großen Agenturen. Sie sagt, sie können uns ein komplettes PR- und Marketingpaket anbieten.«
Das ist es also. Fick dich, Mrs Hayman. Ein mitfühlendes Kopfschütteln. »Wir wissen beide, dass sich in den großen Agenturen immer alles um Prozesse, Systeme und verkopfte Teams dreht. Gut für große Firmenkunden, aber völlig falsch für ein Start-up-Unternehmen wie Ihres. Sie brauchen die persönliche Note. Jemanden, der Ihnen immer zur Verfügung steht, wenn Sie den Hörer abnehmen. Jemand, der flexibel ist und schnell die kleinen Probleme lösen kann, die täglich auftauchen, damit Sie«, sie zeigt mit dem Finger auf Matts Poloshirtkragen, »sich auf das Produkt konzentrieren können. Und all das für einen Bruchteil des Preises, den die großen Jungs verlangen.«
Matt klopft mit den Fingerknöcheln gegen sein Kinn, hat beinahe angebissen. Sie stellt sich vor, wie er diese Zeilen seiner penetranten Frau vorträgt, sich als der zielstrebige Unternehmer behauptet, der weiß, was für sein Geschäft und seine Marke richtig ist.
»Und mit mir bekommen Sie jemanden, der die strategischen und kreativen Lösungen entwickelt wie auch die Kampagne plant und durchführt.«
»Und Sie könnten all das schaffen?«
»Auf jeden Fall.«
Er nickt jetzt, hängt an ihren Lippen.
»Natürlich würde ich, wenn ich Ihnen geholfen hätte, Ihr Unternehmen auszubauen, mein Team erweitern, wäre aber auch weiterhin diejenige, die die Entscheidungen beaufsichtigt. Lassen Sie mich Ihnen nun die Gedanken zeigen, die ich mir zur Produktplatzierung gemacht habe.«
Ihr Handy summt in ihrer Tasche. »Entschuldigung.« Sie zieht es heraus. Den Daumen bereit, den Anruf abzulehnen, sieht sie auf das Display.
Neinneinneinnein. Nicht jetzt.
Groll lodert auf, brennt heiß und hell, fällt angesichts der plötzlichen Panik zu einem Flackern zusammen.
Sie sieht Matt an. Er zuckt schon wieder. »Tut mir leid.« Sie presst das Handy ans Ohr, steht mit wackligen Beinen auf, während sie mit wild klopfendem Herzen die Worte Freya, Gerüst geklettert, gefallen hört. »Sie hat eine schlimme Beule am Kopf«, sagt die Schulschwester. »Der Krankenwagen ist unterwegs.«
Mit starrem Gesicht und kalten Fingern wirft sie den Laptop in ihre Tasche, kaum fähig zu atmen. »Meine Tochter … Ich muss gehen.« Sie dreht sich an der Tür um und sagt: »Könnten wir heute Abend damit fortfahren? Vielleicht via Skype? Ich verspreche … das wird nicht wieder passieren.«
Es ist aussichtslos. Matts ablehnende Miene und der bittere Geschmack der Niederlage in ihrer Kehle verraten es ihr.
6
Gracie steigt aus der Dusche, verlässt das Badezimmer und findet Tom in ihrem Schlafzimmer, wo er in seiner Sockenschublade herumwühlt.
»Tee«, sagt er und deutet auf das Tablett neben dem Bett.
»Danke.«
Er sieht zu, als sie erst einen Fuß, dann den anderen aufs Bett hebt, um sich die Beine einzucremen. »Hier.« Er wirft eine Broschüre auf die Bettdecke.
Flüchtig betrachtet sie das Foto einer mit Schiefer gedeckten Kapelle, deren narbige Mauern durch Graffiti und abblätternde Poster verunstaltet sind. »Was ist das?«
»Das Gebäude, von dem ich dir erzählt habe. Dieser Franzose, Mersaud, hat einen Rückzieher gemacht. Wir könnten es haben, Gracie.« Mit zusammengekniffenen, hoffnungsvollen Augen sucht er ihren Blick. »Es ist ideal für das neue Café, und es gibt massig Platz für eine Garküche und deine Kochschule.«
Sie bindet das Handtuch fester um ihre Brust. »Es ist eine Ruine.«
»Deswegen geht der Makler davon aus, dass wir den Preis drücken können. Ich könnte etwas wirklich Interessantes daraus machen – schau dir nur diese fantastischen Fenster an. Es wäre genau das Richtige für dich.«
»Du meinst, es ist genau die Art von Umbau, die dir Spaß machen würde.«
»Das ist nicht fair«, sagt er verletzt, mit kratziger Stimme.
Sie wischt sich die Finger am Handtuch ab und blättert um. »E5? Das ist …«
»Clapton.«
»Clapton? Das ist ja am Ende der Welt.«
»Zwanzig Minuten von unserer alten Wohnung. In fünf Jahren wird es sich mit Hoxton messen können.«
»Ich bin es satt, jeden Tag durch London zu gurken und Zeit zu verschwenden, die ich mit Elsie verbringen könnte.«
»Hier geht es um eine Geschäftsentscheidung. Ich hab dir die Statistiken geschickt, die Mersaud erstellt hatte. Die ganze Gegend ist perfekt für einen exklusiven Lebensmitteleinzelhändler.«
»Warum hat er dann einen Rückzieher gemacht?«
»Keine Ahnung. Und jetzt hat er aufgehört, meine E-Mails zu beantworten. Weiß der Geier, welches Spiel er treibt.«
»Das ist seltsam.«
»Yep. Er hatte genau genommen noch nichts unterschrieben, aber er hat mir letzte Woche ständig Nachrichten gesendet, wie sehr er sich freue, mich kennenzulernen, und dass meine Vision genau das sei, wonach er suche.«
»Vielleicht ist ihm klar geworden, wie viel es kosten wird.«
»Es ist eine Investition, Gracie. Ich hab dir ein paar der vorläufigen Entwürfe geschickt, die ich für ihn gemacht habe.«
Sie seufzt. »Ich sehe sie mir später an.«
Er öffnet den Schrank und fingert an einer Reihe von Krawatten herum. »Blau oder Pink zu diesem Hemd?«
Sie kann sich nicht dazu durchringen, ihm zu antworten. Wissend, dass sein Blick auf ihr ruht, sieht sie die Briefe durch, die er auf dem Tablett nach oben gebracht hat, und reißt einen schlichten weißen Umschlag auf. Sie kippt den Inhalt in ihre Hand. »O nein … bitte, Gott, nein.«
Ein Korallenohrring liegt auf ihrer Handfläche. Eine einzelne Träne aus poliertem rostfarbenem Stein. Daneben ein mit zwei Wörtern bedruckter Zettel:
Hallo Gracie.
Sie schreckt zurück, als habe sie sich verbrannt, und schleudert Ohrring, Zettel und Umschlag auf den Boden. »Der Mistkerl«, schluchzt sie. »Der Mistkerl!«
Pauline Bryce, Tagebuch
1. Januar
Es ist jeden Morgen dasselbe. Ich öffne die Augen, sehe den zickzackförmigen Riss in der Decke und den braunen Fleck am Fenster und fühle mich elend. Doch heute ist es, als würde ich ersticken. Ich drehe mich um, sehe das Datum auf meinem Wecker und begreife, warum. Ich kann das nicht noch ein weiteres Jahr lang aushalten. Ich kann es einfach nicht. Also gehe ich nach unten und bitte Mum, mir Geld zu leihen, nicht viel, nur ein paar Hundert Pfund, damit ich nach London ziehen und über die Runden kommen kann, bis ich einen Job gefunden habe. Sie hört mir nicht einmal zu, sagt immer wieder, dass sie nicht so viel Geld hat – was eine Lüge ist. Dann mischt sich Ron ein mit seinem »Geh weiter aufs College, Fräulein, mach deinen Abschluss«, blabla. Es hat keinen Sinn, ihm zu sagen, dass es da draußen eine andere Welt gibt. Wenn ich in London einen Job bekomme – Immobilien, Werbung oder so was –, brauche ich keinen Abschluss. Ich kann mich nach oben arbeiten. Und wenn ich mein eigenes Unternehmen gründe, brauche ich es mir nicht mehr bieten zu lassen, dass Ron Bryce oder irgendwer sonst mir sagt, was ich tun soll. Robson ist genauso übel. Der ganze Wirbel wegen ein paar Packungen Silk Cut und einer Ausgabe der OK! Ohne meine Illustrierten würde ich verrückt werden. Jetzt trenne ich einfach die Seiten, die ich will, mit einer Rasierklinge raus und stopfe sie in das Futter meines Mantels. Das reicht aber nicht. Ich will das echte Leben. Hier in diesem beschissenen kleinen Zimmer zu sitzen und über die Häuser, Autos und das Leben anderer Leute zu lesen – das bringt mich um. Es macht mich so fertig, dass ich durchdrehen könnte.
7
Gracie starrt auf den zerrissenen Briefumschlag hinab, als Tom mit seinem besockten Zeh dagegenstupst. Er ist halb so groß wie die üblichen gefütterten braunen Versandtaschen des Stalkers. Auch die Schriftart der Adresse und der Wörter auf dem Zettel ist anders als sonst. »Es ist fast sechs Monate her«, sagt sie mit leiser, bitterer Stimme. »Ich hatte schon angefangen, mir einzureden, dass er aufgehört hätte.«
»Wann hast du diese Ohrringe das letzte Mal gesehen?« Er hat in den Ruhe-bewahren-Modus geschaltet, übernimmt die Führung.
Sie hebt den Kopf. »Am Tag, bevor ich in die Staaten geflogen bin. Ich hab sie für das Times-Fotoshooting getragen.« Sie läuft zum Kleiderschrank und wühlt hektisch in ihrem Schmuckkasten herum. »Der andere ist auch weg.«
»Du hast sie wohl im Studio liegen lassen.«
»Es sind die, die du mir in Florenz gekauft hast.« Sie zieht an ihrem Ohrläppchen, runzelt unsicher die Stirn. »Ich bin mir sicher, dass ich es gemerkt hätte, wenn ich ohne sie weggegangen wäre.«
»Fehlt sonst noch was?«
»Ich … ich glaube nicht.«
»Möchtest du, dass ich Reeves anrufe?«
»Ich werde es tun.«
Sie kennen beide den Ablauf. Er rennt nach unten, um aus der Küche einen Gefrierbeutel zu holen, und Grace verwendet ihre Augenbrauenpinzette, um den Briefumschlag, den Zettel und den Ohrring hineinfallen zu lassen. Sie schließt den Zip-Verschluss – drückt und schiebt mit zittrigen Fingern – und schüttelt dann den Kopf. »Ich verstehe es nicht … warum die andere Verpackung? Es ist so … so, als wäre es nicht er.«
Sein Blick verschärft sich, aber er spricht langsam. »Vielleicht ist es ein Trittbrettfahrer. Jemand, der einen üblen Streich spielt.«
»Na toll! Jetzt laufen da draußen zwei Verrückte herum, die mich hassen. Und warum gerade jetzt?« Gracies Blick schweift ab, ihre Hand wandert zu ihrem Mund. »O Gott … dieses Mädchen!«
»Nein. Auf keinen Fall.« Er schüttelt den Kopf, doch die Bewegung wirkt forciert, mechanisch.
»Sie hatte ein Motiv.« Gracie schneidet eine Grimasse. »Und eine Gelegenheit.«
»Das würde sie nicht tun. Nicht so was, es ist … es ist nicht ihr Stil. Es wird jemand sein, der bei diesem Shooting war. Oder eines der Kindermädchen, die Heather mit hierhergebracht hat.«
»Wenn auch nur die geringste Möglichkeit besteht, dass sie es war, müssen wir es der Polizei sagen.« Sie verzieht das Gesicht. »Und wir müssen einfach beten, dass sie es nicht der Presse zuspielen.«
»Aber das werden sie. Das tun sie immer.« Seine Hände durchschneiden die Luft. »Wir können es nicht riskieren, nicht solange ich mir sicher bin, dass sie es nicht getan hat, und immer noch die Chance besteht, dass sie den Mund halten wird. Denn das würde nur bedeuten, dass unser Privatleben umsonst durch den Dreck gezogen wird.«
»Und was schlägst du vor, Tom?«
»Ich rede mit ihr. Geoff hat sie zu einem Kurs geschickt, aber ich werde es tun, sobald sie wieder im Büro ist.«
Er hütet sich, sie anzusehen. Sie hütet sich gleichermaßen, die Stimme zu heben.
»Was soll ich Reeves sagen?«
Er geht zum Fenster. Draußen schwebt eine Seemöwe auf dem Wind, den Schnabel geöffnet, die Flügel ausgebreitet, bevor sie sich auf ein Stückchen Treibgut stürzt, das unten in der Flut auf den Wogen tanzt. »Sag ihm einfach, dass sie hier war, um sich das Haus anzusehen. Zumindest bis ich mit ihr geredet habe.« Er dreht sich um. »Ich schwöre, dass ich ihm alles sagen werde, wenn meiner Meinung nach auch nur die geringste Möglichkeit besteht, dass sie etwas damit zu tun hat.«
Sie sieht das Gesicht, dem sie einst vertraute, durch einen Tränenschleier, weiß nicht, ob er versucht, sie, sich selbst oder die hinterhältige kleine Praktikantin zu schützen.
»Nicht weinen, Mummy!«
Elsie hüpft in einem Marienkäfer-Einteiler durchs Zimmer und springt auf ihr Bett. Gracie tupft sich schnell die Augen mit einem Zipfel ihres Handtuchs ab. Elsie drängt sich zwischen sie und betrachtet mit Missfallen ihre Gesichter. Sie schürzt die Lippen, tippt jeden von ihnen mit einem Finger an und sagt mit ihrer kleinen belegten Stimme: »Mummy, Daddy, eins zwei«, hakt die beiden unveränderlichen Konstanten in ihrem Leben ab, die tragenden Stützen, die niemals schwächer werden oder nachgeben dürfen. Gracie kneift fest die Augen zusammen, doch die Tränen fließen weiter. Tom versucht, sie in die Arme zu nehmen, seine Frau und sein Kind. Gracie zuckt zurück. Die Berührung von Elsies Einteiler, gekauft für die Käfer-Pyjamaparty, die ihm die Möglichkeit zu seinem Treuebruch verschaffte – für sie hat sie den Moment der Heilung zerstört, den er herbeiführen wollte.
Gracie will den prallen Ziploc-Beutel auf der Bettdecke nicht ansehen. Stattdessen starrt sie auf ihr Handy und atmet den Duft von Kaffee ein. Musik aus dem Radio dringt die Treppe hoch. Tom öffnet eine Tür, ruft Elsie zu: Möchtest du ein gekochtes Ei? Sie weiß, dass es sein muss, und greift zum Hörer.
»Inspektor Reeves, bitte.«
»Inspektor Reeves ist abgeordnet.«
Sie beißt sich auf die Lippe, überwältigt von einem Gefühl der Verlassenheit. »Für wie … wie lange?«
»Achtzehn Monate. Was ist der Grund Ihres Anrufs?«
»Es geht um … einen laufenden Fall.«
»Name?«
Gracie zögert. »Dwyer. Grace.«
Die gewohnte Pause. Nur den Bruchteil einer Sekunde, den die Telefonistin braucht, bis der Groschen fällt. »Ich stelle Sie zu Inspektor Jamieson durch. Einen Moment, bitte.«
8
Mark Jamieson sieht aus wie ein Bullterrier – vorzeitig ergraut, muskelbepackt und blassrosa um die Augen. Neugierig sieht er sich in der Küche um, während er sich dort niederlässt, taxiert Gracies Pfannen und Messer und die Gestaltung ihres Arbeitsbereichs. Sehnsuchtsvoll denkt sie an Reeves’ dickbäuchige Gestalt und seine gutmütige Geringschätzung. Kochen? Das überlasse ich meiner Frau.
Jamieson nimmt eine Tasse Kaffee an, fragt unbeholfen nach der Bohnenmischung und legt einen Kugelschreiber neben die Mappe, die er aus seiner Brieftasche genommen hat. »Ich habe mir die Fallakte angesehen, bevor ich hergekommen bin, Ms Dwyer, und ich möchte mich dafür entschuldigen, dass Informationen an die Presse durchgesickert sind.« Er reicht ihr seine Karte. »Ich werde mein Bestes tun, um dafür zu sorgen, dass dies nicht wieder passiert. Doch solange es kein absoluter Notfall ist, wäre es das Beste, wenn Sie mich direkt auf meinem Handy kontaktieren.«
Sie nickt und schiebt eine Dose mit Keksen über den Tisch. Jamieson nimmt sich einen Nusskeks. »Danke.« Er beißt hinein, unfähig zu verbergen, wie sehr er es genießt, Kekse zu essen, die Gracie Dwyer gebacken hat. Gracie verrät ihm nicht, dass diese das Werk von Elsies Kindermädchen sind.
»Ist dies das Päckchen?«
Sie schiebt ihm den Ziploc-Beutel zu. »Die Schriftart und der Umschlag sind anders«, sagt Gracie. Ihre Augenlider flattern zu. »Mein Mann meint, es könnte ein Trittbrettfahrer sein.«
»So was kommt vor. Idioten, die auf öffentliche Aufmerksamkeit aus sind.« Jamieson überfliegt seine Notizen, während seine Finger einen Rhythmus auf den Rand des Kaffeebechers klopfen. »Gibt es irgendeine Verbindung zwischen diesem Ohrring und einem der anderen Dinge, die man Ihnen geschickt hat?«
Sie zuckt zusammen, als er sie aufzählt: den Lippenstift, den sie verlegt hatte, ein Stück Seide von einem Lieblingsschal, den sie kurz an die Garderobe in einem Restaurant gehängt hatte, die Schnalle einer ihrer Handtaschen, die Kappe des Füllers, den sie seit der Schule hatte. Bruchstücke ihres Lebens, verwandelt in Drohungen: Wenn ich nah genug kommen kann, um das zu stehlen, kann ich nah genug kommen, um dich zu berühren, dich zu bestrafen, dich umzubringen.
»Nur dass er mir gehörte.«
»Sie haben diese Ohrringe zuletzt bei einem Fotoshooting am Zehnten getragen?«
»Ja.«
»Und Sie sind sich sicher, dass Sie sie trugen, als Sie durch diese Tür gekommen sind?« Er deutet mit dem Kuli in Richtung Flur.
»Nicht zu hundert Prozent, aber ich lasse normalerweise nichts liegen.«
»Sind Sie an diesem Abend ausgegangen?«
»Nein. Ich habe für New York gepackt.«
»Gab es noch irgendwelche Zettel, Anrufe oder unwillkommene Online-Kontakte, seit Sie das letzte Mal mit Reeves gesprochen haben?«
Sie schüttelt den Kopf. Er fixiert sie mit seinen blassen, bohrenden Augen. »Ich nehme an, Sie wissen, dass diese Art von Belästigung typisch ist für jemanden, der denkt, dass Sie ihn in irgendeiner Weise gedemütigt oder unfair behandelt haben. Der Auslöser kann eine winzige Kränkung oder sogar etwas Eingebildetes sein, für solche Leute ist es jedoch real.«
»Ja«, sagt sie. Warum spricht er mit mir, als würde er aus einem Anklageprotokoll vorlesen?
»Fällt Ihnen jemand ein, der einen Groll gegen Sie hegt? Jemand aus Ihrer Vergangenheit, der Ihnen Ihren Erfolg übel nimmt?«
Gracie würde am liebsten schreien. Sie hat das schon hundertmal mit Reeves durchgekaut, angefangen bei dem Morgen, an dem sie die erste Mitteilung erhielt. Fünf Worte, gedruckt auf blütenweißem Papier in der Schrift, die sie inzwischen hasst.
Du verdienst es zu sterben.
Wie sollte jemand eine solche Botschaft lesen und nicht in seiner Vergangenheit nach einem ungesühnten Verbrechen suchen: nach einer beiläufigen Grausamkeit auf einem längst vergessenen Spielplatz, der Zurückweisung eines Geliebten, der schonungslosen Ablehnung eines übereifrigen Stellenbewerbers? Sie weiß, dass sie all diese Sünden begangen hat und noch mehr. Deswegen bleibt das Wort verdienst haften. Nicht: Du wirst sterben, oder du musst sterben. Sondern: Du verdienst es. Als hätten diese in Latexhandschuhen steckenden Finger, während sie die Worte tippten, den Zettel falteten und in den Umschlag steckten, als Hüter der Gerechtigkeit agiert und eine Wahrheit aufgedeckt, die Gracies Gewissen nicht akzeptieren wollte.
