Verlag: Shayol Verlag - Hans-Peter Neumann Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Das Flüstern zwischen den Zweigen E-Book

Markolf Hoffmann  

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E-Book-Beschreibung Das Flüstern zwischen den Zweigen - Markolf Hoffmann

Mit leisem Rauschen warnen und locken die Stimmen zwischen den Zweigen. In acht Erzählungen führt Markolf Hoffmann seine Leser in das Grenzland zwischen Mensch und Natur, wo Geister und Fabelwesen geboren werden, wenn die Vorstellungskraft ins finstere Herz des Waldes vordringt. Druiden besuchen ein Dorf, um die kleinen Jungen fortzuholen, die der rachsüchtige Forst als Tribut fordert. Ein Elf erweist sich als fremdartiger, als seine menschlichen Gastgeber erwartet haben. Ein kindlicher Traum von der Einheit mit der Natur wendet sich ins Grausame. Ein Botschafter dringt in die Weiten der Steppe vor, um die Wahrheit über die gefürchteten Halbmenschen zu erfahren, die sein Kaiser auf ewig vertrieben wähnte ... Hoffmanns Fantasymotive wirken vertraut, doch mit jedem weiteren Schritt ins Unterholz erscheinen sie älter, knorriger und fremder, als wir sie bisher kannten. Markolf Hoffmann ist Autor des bei Piper erschienenen Fantasy-Zyklus "Das Zeitalter der Wandlung". Mit "Das Flüstern zwischen den Zweigen" liegt die erste Sammlung seiner Fantasy-Erzählungen vor.

Meinungen über das E-Book Das Flüstern zwischen den Zweigen - Markolf Hoffmann

E-Book-Leseprobe Das Flüstern zwischen den Zweigen - Markolf Hoffmann

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Titel

Markolf Hoffmann

Das Flüstern zwischen den Zweigen

Erzählungen

| SHAYOL |

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Impressum

Markolf Hoffmann: Das Flüstern zwischen den Zweigen

Erste Auflage: Juni 2011

Text © 2011 by Markolf Hoffmann

© dieser Ausgabe: Shayol Verlag, Berlin

Alle Rechte vorbehalten

Titelbild / Umschlaggestaltung: s.BENeš

Lektorat: Johannes F. Kretschmann

Korrektur: Hannah Otto

Satz & E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

Shayol Verlag

Lierbacher Weg 14

13469 Berlin

Internet: www.shayol-verlag.de

ISBN 978-3-926126-98-6 (Buchausgabe)

ISBN 978-3-943279-11-5 (E-Book)

Inhalt

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Inhalt

Titel

Impressum

Inhalt

Vorwort

Meine Jagd

Der Mann aus dem Wald

Der Fluch im Farn

Am Strand

Das Flüstern zwischen den Zweigen

Die Kerker von Abîme

Feenholz

Grenzland

Über den Autor

Weitere Bücher aus dem Shayol Verlag

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Vorwort

Irgendwann um das Jahr 2005 bat mich ein Freund, der das Programm für einen Berliner Kulturveranstaltungsraum betreute, doch einmal in die Leseprobe eines Autors reinzuschauen, der gerne dort auftreten wollte. Der Autor hieß Markolf Hoffmann, und die Leseprobe stammte aus seinem Fantasy-Roman Nebelriss, dem ersten Band der Reihe Zeitalter der Wandlung. Sie erreichte mich unglücklicherweise zu einem Zeitpunkt, an dem mir der Glaube an das kreative Potential der Sorte Fantasy, in der Schwerter und Magie vorkommen, gänzlich abhandengekommen war. Ich war mit Tolkien und Moorcock aufgewachsen, hatte zahllose Epigonen wie David Eddings, Terry Brooks und R. A. Salvatore und auch eigenständigere Autoren wie David Gemmell buchstäblich aufgesogen, und als ich bei Robert Jordan ankam, war ich schließlich der Meinung, dass das Rad der Fantasy sich einfach nicht neu erfinden ließe.

Eher pflichtschuldig las ich also die ersten Kapitel von Nebelriss quer und berichtete meinem Freund dann, das sei zwar alles gut geschrieben, aber inhaltlich absolut von der Stange, und ich könne bereits jetzt die Handlung der gesamten Reihe vorhersagen: Die von einer finsteren Macht gelenkten Echsenwesen aus einer fremden Welt würden ein Land nach dem anderen unterwerfen, bis dann ein Auserwählter mit ungeahnten magischen Kräften auf den Plan treten, die freien Völker einen und den Bann des Bösen brechen würde.

Etwas später erfuhr ich von der phantastisch-grotesken Lesebühne Stirnhirnhinterzimmer, bei der Markolf Hoffmann regelmäßig auftrat und die mir sehr viel reizvoller erschien als sein Fantasy-Zyklus. Irgendwie schaffte ich es aber nie zu deren Lesungen. Vielleicht hatte ich auch ein kleines bisschen Angst davor, mein einmal gefasstes Vorurteil über diesen Autor an der Realität zu messen.

Doch Nebelriss drängte sich mir weiter hartnäckig auf, das nächste Mal, als ich einen Roman von Tobias O. Meißner las, in dem er sich auf Hoffmanns Zeitalter der Wandlung bezog. Verflixt, dachte ich, am Ende ist doch was dran an dem Ding, und weil ich glücklicherweise nicht völlig erfahrungsresistent bin, kaufte ich mir Nebelriss und stellte keine hundert Seiten später fest, wie falsch ich mit meiner ursprünglichen Einschätzung gelegen hatte.

Das war nicht nur gut geschrieben. Das war originell, komplex, geistreich, fesselnd und ganz und gar eigenständig, und am Ende von Band 1 ahnte ich nur, dass ich keine Ahnung hatte, womit mich die Fortsetzung überraschen würde.

Als ich noch ein paar Jährchen später die Gelegenheit erhielt, eine Sammlung von Markolf Hoffmanns Fantasy-Kurzgeschichten herauszugeben, ergriff ich sie ohne zu zögern. Kaum las ich die erste Geschichte für das geplante Buch, war das Gefühl aus Nebelriss wieder da: Als ob ich in mein Kinderzimmer käme und alle Spielzeuge an ihrem Platz fände, nur um bei näherem Hinsehen festzustellen, dass aus dem Loch in der Kuschelente schillernde Käfer krabbelten, dass die Legomännchen gepfählt auf den Zinnen ihrer Burg steckten und dass auf meinen Hörspielkassetten heisere Stimmen von Dingen erzählten, die sich nachts aus dem Waldboden wühlten. Über allem hing der Geruch von dunklem Honig und Moder, und die Dielen atmeten knarrend.

Über jede einzelne Geschichte in diesem Band könnte ein studierter Volltrottel wie ich viel Schlaues schreiben: Darüber, wie gewitzt das ökologische Grundmotiv der tolkienschen Tradition in »Meine Jagd« auf das Sword & Sorcery-Genre übertragen und dabei ironisch gebrochen wird; darüber, wie konsequent in »Der Mann aus dem Wald« ein romantisches und ein grausam kaltes Naturbild zusammengezurrt werden und dabei ein lebendes, furchteinflößendes Ganzes ergeben; darüber, wie die naive Geschichtslosigkeit zahlreicher Fantasy-Welten in »Grenzland« überwunden wird …

Aber es braucht keine dieser Abhandlungen, um zu beweisen, dass diese Geschichten nicht von der Stange sind. Sie stillen den Hunger nach »mehr Fantasy« nicht mit mehr vom Gleichen, sondern mit einer Variation und Verfeinerung, die den Gaumen mal behutsam, mal mit Schärfe auf einen neuen Geschmack einstimmt. Jede Einzelne von ihnen war mir Entschädigung dafür, dass ich mir selbst das Vergnügen von Hoffmanns Büchern so lange vorenthalten habe.

Es ist wahrhaft eine phantastische und auch ein wenig groteske Welt, in der man noch Jahre später derart reich für die eigene Engstirnigkeit belohnt wird.

Jakob Schmidt, im Mai 2011

-

Meine Jagd

Die Jagd liegt meiner Familie im Blut. Mein Urgroßvater, so steht es in den Chroniken, zog mit dem Speer durch die Wälder und erlegte Bären und Wölfe. Mein Großvater war Kopfgeldjäger. Er verfolgte vogelfreie Landsknechte über zehn Kontinente und sieben Weltmeere, des Kopfgelds wegen und aus purem Vergnügen. Sein Bruder war ein Löwenbändiger. Er fing die wilden Tiere selbst, zähmte und verkaufte sie an die Arenen und Theater. Und mein Vater, ein Schlitzohr sondergleichen, war Schürzenjäger. Er zeugte sieben Kinder mit sieben verschiedenen Frauen und verdient meinen uneingeschränkten Respekt.

Meine Brüder und Schwestern sind Fallensteller und Rebhuhntreiber, Bogenschützen und Sklavenfänger. Sie alle jagen. Die Jagd liegt meiner Familie im Blut. Und ich, der jüngste Spross der Sippe, tue es den anderen gleich, und übertreffe sie doch alle.

Denn die Beute, der ich nachsetze, ist gefährlicher als Löwen und Bären und flüchtende Landsknechte. Ich muss wahnsinnig sein, mich auf die Jagd nach ihr zu begeben, sie in die Enge zu treiben trotz der tödlichen Gefahr, die von ihr ausgeht. Aber ich kann nicht anders, es ist meine Bestimmung.

Ich jage Dämonen.

Aufschneider, so wispert ihr dort im Schein des Lagerfeuers und schüttelt die Köpfe. Aber ihr wagt es nicht, vorzutreten und mich der Lüge zu bezichtigen. Denn ihr seht die Narben in meinem Gesicht, die Brandmale an meinem Hals und mein linkes, zerfetztes Ohr.

Wollt ihr wissen, wie ich es verloren habe? Wollt ihr es wissen?

Bei der Jagd auf Dämonen.

Ich habe für den Fürsten der Smaragdfeste Geister erlegt und für den Abt von Abîme einen Nachtmahr, der mit feurigen Hufen und Schaum vor dem Maul auf den Zinnen der Abtei umhergaloppierte. Ich habe für den Rat der Reiterstadt untote Skelette gejagt, bis in die Eiswüste, und dort mit meinem Morgenstern ihre fahlen Knochen zertrümmert. Ich habe Sturmdämonen auf einem fliegenden Teppich verfolgt und mit einem Luftstoß in alle Winde zerstreut. Ich habe Traumdämonen einen Spiegel vorgehalten, sodass sie angesichts der eigenen Hässlichkeit erstarrten. Ich bin der Schrecken für die schrecklichsten Kreaturen; die Dämonen fürchten meinen Namen und kreischen ihn nachts in die Abgründe ihrer düsteren Kavernen, weil ich der Einzige bin, der sich ihnen entgegenstellt.

Ich jage Dämonen.

Ihr glaubt mir noch immer nicht? Ihr zweifelt an meinen Worten und fragt, woher ich die Macht nehme, einen Dämon zu besiegen?

Ganz einfach, ihr Neunmalklugen – um einen Dämon zu töten, braucht man nichts weiter als Mut ... keine Zaubersprüche, keine magischen Schwerter, keine Schutzamulette und keinen göttlichen Beistand. Es genügt der eiserne Wille, den Dämon zu töten – und etwas Verstand. Dämonen sind schlau, sie wittern unsere Schwächen. Sie kennen uns gut, denn sie entstehen durch unser Unvermögen, die Welt mit ihren Rätseln tiefergehend zu erfassen. Sie zehren von unseren Ängsten und leben gut davon. Ob Fluss- oder Frostdämonen, Schilf- oder Schattendämonen – sie alle wurden durch menschliche Furcht geboren, zogen große Macht daraus und stifteten noch größeres Unheil.

Deshalb jage ich sie. Und ich fürchte sie nicht; so vermag ich sie zu besiegen und sogar zu töten.

Töten?, fragt ihr ungläubig. Wie kann man einen Dämon töten, der nicht sterblich ist und keinen Körper besitzt?

Nun, wenn ich sie auf meiner Jagd stelle, sind sie nicht länger körperlos und auch nicht mehr unsterblich. Sie nehmen dann jene Gestalt an, in der sie den Menschen die größte Pein bereitet haben; und diese Gestalt kann zerstört werden, mit einem kräftigen Fausthieb zum Beispiel, oder mit dem Morgenstern, den ich bei der Jagd gerne einsetze. Es macht so hübsche Geräusche, wenn die dornenbesetzte Kugel Dämonenleiber zermalmt.

So habe ich den Glasdämon der Bardenakademie von Übertan vernichtet. Ich trieb ihn in den Festsaal der Akademie und schlug ihn zu Scherben. Hier, seht meine Hand – acht tiefe Schnitte, sie stammen von den Splittern des gläsernen Ungeheuers.

Die Jagd ist gefährlich.

Denn obwohl ich weiß, wie man Dämonen tötet, sind es doch grässliche und überaus gefährliche Geschöpfe. Wer sich mit ihnen abgibt, sollte stets daran denken, dass jeder Tag sein letzter sein könnte.

Glaubt ihr mir jetzt? Und wollt ihr wissen, wann ich den letzten Dämon erlegt habe, und welche Belohnung ich dafür erhielt?

Es war im vergangenen Sommer. Der Goldene Sultan, mächtiger Herrscher über die westlichen Steppen, ließ mich in seinen Akazienpalast kommen. Man versprach mir reichen Lohn, wenn ich dem Ruf folgte. Dafür ließ ich einen anderen guten Auftrag verfallen und eilte zum Palast.

Der Sultan, ein kleiner, dicker Mann mit tragischen Augen, stolzierte vor seinem chrysanthemengeschmückten Thron auf und ab und klagte mir sein Leid. In vielen Monden hatte er unzählige Söldner in der Diamantensteppe verloren, dort, wo sich seine wertvollen Minen befanden, auf denen sein Reichtum fußte. Wieder und wieder ragten die Knochen der teuer eingekauften Säbelkämpfer aus dem Sand, und je mehr Männer der Sultan in die Steppe schickte, desto höher waren seine Verluste.

»Ich weiß nicht, was dort geschieht«, jammerte der Sultan. »Es sind die besten Fechter, die ich anwerben konnte. Ich habe Unsummen für ihre Ausbildung gezahlt. Niemand kann sie besiegen – so dachte ich bis vor wenigen Wochen. Nun kommen sie alle in der Steppe zu Tode ... ich Elender! Bald werde ich den Diamantenabbau einstellen müssen und mir Asche aufs Haupt streuen, beim Augenlicht meiner sechs Kinder!«

»Sie müssen ihren Vater unendlich lieben«, sagte ich. »Aber was habe ich damit zu schaffen, Sultan?«

»Nun, Fremder, meine Magier sagen, dass es Dämonen sind, die den Fechtern den Tod bringen ... scheußliche Kräfte hausen in der Steppe. Die Magier meines Palastes können sie spüren. Aber sie wagen nicht, sich den Dämonen entgegenzustellen.«

»Was habt ihr erwartet? Es sind Magier, und Magier sind feige. Rausgeschmissenes Geld, wenn ihr mich fragt.«

»Ihr habt so recht, Fremder. All meine Hoffnungen ruhen auf euch. Ihr könnt die Dämonen gewiss besiegen.«

Ich schenkte dem Sultan ein schiefes Lächeln. »Sicher. Aber billig wird das nicht.«

Dann nannte ich ihm meinen Preis. Da konnte er noch so viel lamentieren und damit drohen, sich Asche aufs Haupt zu streuen, beim Augenlicht seiner sechs Kinder, was mir, um ehrlich zu sein, nicht den Schlaf raubte.

Am Ende willigte er ein.

Ich aber nahm mein Pferd und ritt in die Steppe, den Dämonen entgegen.

In der Diamantensteppe war es heiß und trocken, die Sonne brüllte vom Himmel, und weit und breit wuchsen nur Dornbüsche, Kakteen und Ölbäume. Überall streckten sie ihre fettigen Zweige empor, und die ölschwitzenden Wurzeln ragten überall aus der Erde, dass mein Pferd zu straucheln drohte.

Ich machte im Schatten eines dieser entstellten Bäume Rast. Dort traf ich einen Trupp Säbelfechter, denen das blanke Entsetzen in die Gesichter geschrieben war. Als ich sie nach den Dämonen fragte, begannen sie am ganzen Leib zu zittern, sodass ich kaum zu sagen vermochte, was da lauter klapperte – ihre Zähne oder die Eisenriemen ihrer Waffenröcke. Von ihnen konnte ich in Erfahrung bringen, dass die Morde sich stets in der Nacht ereigneten, in der Nähe des trockenen Flussbetts am Geierfelsen, wo die Diamantenminen lagen. Kein Söldner traute sich noch dort hin.

Nun gut, das musste wohl ich in die Hand nehmen. Ich ritt zu dem genannten Felsen, über dem tatsächlich etliche Geier kreisten, und fand das ausgetrocknete Flussbett. Auch in ihm wuchsen scheußliche Ölbäume.

Ziellos ritt ich hin und her, bis die Nacht hereinbrach. Es wurde kalt in der Steppe. Die Dunkelheit schluckte jede Wärme. Mein Pferd wieherte kläglich. Auch ich bibberte ganz schön im Sattel. Ich hatte vergessen, einen warmen Mantel mitzunehmen. Wie dumm, denkt ihr jetzt bestimmt, ein solcher Fehler sollte einem Dämonenjäger nicht unterlaufen. Und ihr habt recht, es war dumm, erwies sich am Ende aber doch als Glücksfall.

Nach einer Weile entdeckte ich ein Licht, ritt näher und fand eine Lagerstätte. Da saßen fünf Männer am Feuer, in Mäntel gehüllt, die Gesichter von Kapuzen verdeckt. Die wussten, wie man sich vor der Kälte schützte. Einer von ihnen schürte das Feuer. Sie hatten wohl einen Ölbaum gefällt, denn das Holz verbrannte mit heller und heißer Flamme.

Ich rief dem Kerl zu: »He, Gevatter, ist da ein Plätzchen frei am Feuer? Ich bin im Auftrag des Sultans hier, mir ist kalt, und Hunger hab’ ich auch.«

Er blickte auf. Ein Zauselbart spross in dem verwilderten Gesicht. Stumm wies er mir einen Platz in der Runde zu. Ich sattelte ab und ließ mich nieder. Natürlich versuchte ich sie in ein Gespräch zu verwickeln, aber die Kerle gaben keine Antwort, auch nicht der Zauselbart. Vielleicht waren sie auf der Durchreise und verstanden meine Sprache nicht. Aber irgendwie waren sie mir unheimlich.

Von mir aus, dachte ich, sollen sie unter ihren Kapuzen schmollen. Ich machte es mir gemütlich und starrte gelangweilt ins Feuer. Die Flammen zuckten hin und her, obwohl kaum ein Lüftchen ging. Das Holz prasselte und knackte, immer wieder spritzten Glutbrocken in die Höhe wie verglimmende Nachtfalter. Die Hitze war groß, ich begann zu schwitzen. Dieses Ölholz, dachte ich, brennt wirklich wie die Hölle, ich sollte mir ein paar Scheite mitnehmen für kalte Tage.

Noch während ich dies dachte, spürte ich erst ein Jucken, dann ein Brennen an meinem rechten Stiefel. Potzblitz – das Leder dampfte, die bronzene Stiefelschnalle war schon geschmolzen und tropfte zu Boden. Rasch griff ich nach meiner Wasserflasche und entleerte sie über dem glühenden Stiefel, sodass eine Wolke aus Dampf in die Nacht aufstieg, in deren Schutz ich mich vom Feuer entfernte.

Das rettete mir wohl das Leben. Denn als ich auf meine Begleiter blickte, sah ich aus ihren Mänteln Schwaden aufsteigen, schwarze Rauchfäden, die sich mit der Dunkelheit mischten. Und der Zauselbart, der noch immer regungslos an seinem Platz saß – sein Rock stand in Flammen, der Bart schwelte von der Haut wie brennende Wolle.

Ich wollte ihnen zu Hilfe eilen, riss dem ersten den kokelnden Mantel vom Leib. Aber darunter, meine Freunde, fand sich nichts als ein verdorrtes Gerippe. Ich fuhr zum zweiten Vermummten herum. Doch auch er war längst verbrannt; purpurne Flammen waberten um seinen Leib.

Da begriff ich, dass die sechs Männer schon tot gewesen waren, als ich mich zu ihnen gesetzt hatte. Hastig zückte ich den Morgenstern. Meine Blicke suchten den Zauselbart ... den inzwischen bartlosen Zauselbart. Auch sein Leib war verdorrt, ich hatte es in der Dunkelheit nicht bemerkt und ihn nur für sehr alt gehalten. Dabei war er nur sehr tot. Er stand aufrecht, aus den Augen tropften Flammen und spritzten in die Finsternis.

»Setz dich zu uns«, hörte ich ihn raunen. »Wärm dich an uns. Lass uns die Kälte aus deinen Knochen vertreiben.«

»Also doch«, sagte ich. »Feuerdämonen.« Ich war froh, nur ein Hemd aus Leder am Leib zu tragen. Denn hätte ich, wie diese Wichte, einen Mantel besessen, wäre auch dieser lichterloh in Flammen aufgegangen, und ich wäre ihren dämonischen Flammen rasch zum Opfer gefallen.

»Setz dich, setz dich hin«, wiederholte der Zauselbart, etwas strenger als zuvor.

»Wie redest du mit mir?«, polterte ich. »Wenn sich hier einer hinsetzt, dann bist das du.«

Ich ließ den Morgenstern auf seine Knie herabsausen. Sie zerbarsten mit einem wüsten Krachen. Da setzte er sich wirklich hin, der Zauselbart, auf den Hosenboden. Sein Schädel verwandelte sich in eine Traube explodierender Flammen. Die Hitzewelle schlug mir entgegen und versengte meine Augenbrauen.

Das nahm ich den Dämonen übel.

»Zeigt euch«, rief ich mit grimmiger Freude. »Ich will mit euch spielen!«

Daraufhin blähte sich das Feuer auf wie eine Blase aus brennendem Gas. Ölige Flammenschleier wehten mir entgegen. Ich duckte mich, aber meine teure Kappe, die mir vor langer Zeit die hübsche Prinzessin der Pfauenbucht genäht hatte, brannte bereits lichterloh.

Nun reichte es aber wirklich. Ich nahm Anlauf und sprang mit voller Wucht in die Glut, wohl wissend, dass meine Lederstiefel feuerfest waren. Da purzelten die brennenden Holzscheite in alle Richtungen, und die Flammenschleier wurden auseinandergerissen.

»Meine Jagd kann beginnen«, frohlockte ich. Und tatsächlich: Die Feuerdämonen merkten, dass ich keine Angst vor ihnen zeigte und sie deshalb keine Macht über mich hatten. Das Prasseln der Flammen klang nun wie ein Angstschrei. Die glühenden Schleier stiegen in die Höhe und trieben richtungslos durch die Nacht. Ja, Freunde, sie flohen – vor mir, dem Jäger!

Aber was soll ich sagen ... ein Feuerdämon kann sich schwer aus dem Staub machen. Zumindest in der Dunkelheit. Man kann den lodernden Flammen ganz gemütlich folgen, jeder hätte das geschafft, sogar ihr blinden Kröten.

Ich sprang also in den Sattel meines Pferds und preschte den Dämonen nach. Sie hatten einen Vorsprung, aber am Ende holte ich sie ein. Sie wirbelten um die Spitze eines Ölbaums, der mit krummen Zweigen auf einem Hügel stand. Gleich daneben klaffte im Gestein ein Schacht, und aus ihm drangen aufgeregte Menschenstimmen. Es war eines der Bergwerke des Sultans. Die Arbeiter hatten das Dämonengeheul gehört und versteckten sich.

Ich ritt zum Minenschacht und beruhigte die Männer. Dann ließ ich mir von ihnen einen neuen Wasserschlauch geben; und was dann geschah, könnt ihr euch denken. Nicht? Gut, ich erzähle es euch: ich erklomm den Baum bis zum Wipfel. Oben heulten die Dämonen vor Furcht, sprangen zwischen den Ölzweigen hin und her und schlüpften gar in sie hinein. Aber das Versteckspiel half ihnen nicht, denn ich entleerte über ihnen den Wasserschlauch, und so endeten die Biester als kleine Rauchwölkchen.

Ihre Todesschreie konnte selbst der Sultan in seinem Akazienpalast noch hören.

Am nächsten Morgen ritt ich zu ihm und erstattete Bericht.

»Ich weiß nun, wer eure Söldner getötet hat, Sultan. Feuerdämonen haben sich in der Diamantensteppe eingenistet. Eine Handvoll habe ich erledigt, aber es gibt zweifellos weitere. Und ihre Macht wächst, im buchstäblichen Sinn.«

»Sie wächst?«, kreischte der Sultan. »Was soll ich tun, Fremder? Wie kann ich diese Ungeheuer von meinen Bergwerken fernhalten, beim Augenlicht meiner Kinder?«

»Wollt ihr denn unbedingt blinde Kinder haben? Ich sage euch, was zu tun ist. Entlasst eure unfähigen Magier und stellt Holzfäller ein. Denn die Dämonen verstecken sich in den Ölbäumen, die in der Steppe wachsen. Das Holz dieser Bäume ist ihre Brutstätte. Fällt sie, und ihr seid von der Plage erlöst.«

Das tat der Sultan, der sich vor Freude kaum halten konnte und mich dauerhaft als Gast in seinem Palast aufzunehmen gedachte. Er ließ die Ölbäume in der gesamten Steppe abholzen und ihre Wurzeln aus dem Boden reißen. Da konnten die Feuerdämonen gar nichts machen, sie wurden mit der Axt zu Kleinholz verarbeitet. Der eine oder andere floh aus den fallenden Bäumen, huschte eine Weile in den Lüften umher – und verpuffte schließlich als kleines pechschwarzes Rauchwölkchen.

So habe ich mit Mut und Klugheit die Diamantensteppe von den Feuerdämonen befreit. Nach zwei Wochen herrschte Ruhe. Weit und breit war kein Dämon mehr zu sehen.

Aber hat man es mir gedankt, Freunde? Hat man mich reich entlohnt?

Nein, ich erntete Schimpf und Schande. Denn ein halbes Jahr, nachdem die Ölbäume abgeholzt worden waren, setzten schwere Regenfälle ein. Es regnete in einem fort. Der Steppenboden wurde weich und saugte sich mit Wasser voll. Dann stürzte das erste Bergwerk des Sultans ein, bald darauf das zweite und das dritte. Die Diamantenminen wurden von Schlammlawinen überrollt. Die Arbeiter flohen, und die kostbaren Kristalle wurden unter den Erdmassen begraben.

Denn die Wurzeln der Ölbäume, die sonst bei Regenfällen den Schlamm festgehalten hatten, waren ausgerissen worden.

Auf meinen Rat hin.

Kein Wunder, dass der Sultan schlecht auf mich zu sprechen war. Denn nun war die Quelle seines Reichtums versiegt. Wütend jagte er mich aus dem Palast. Ich konnte froh sein, dass er mir nicht zum Abschied die Augen herausriss, so wie er es seinen sechs Kindern häufig androhte.

Aber Freunde, woher hätte ich das mit den Ölbäumen wissen sollen? Ich bin kein verdammter Förster. Ich bin Jäger. Die Jagd liegt mir im Blut. Und wenn ihr mal einen Dämon vertreiben wollt, dann ruft mich herbei.

Aber beschwert euch nicht hinterher über meine Arbeit.

-

Der Mann aus dem Wald

Sia war acht Jahre alt, als sie den Mann aus dem Wald zum ersten Mal sah. Sie spielte gerade am Fluss und jagte einer Libelle nach, die über dem Schilf am Ufer schwebte. Da hörte sie hinter sich ein Rascheln. Aus den Haselsträuchern und Weißdornbüschen des Waldes löste sich ein Fremder. Barfuß schritt er zum Ufer, kniete sich hin und schöpfte mit der Hand Wasser.

Er war der eigenartigste Mann, den Sia je gesehen hatte, ganz anders als die Leute aus dem Dorf. Seine Bewegungen waren federnd, wie Zweige an einem windigen Tag, und sein Körper strotzte vor Kraft und Jugend. Sein Oberkörper war nackt. Die Muskeln unter der erdfarbenen Haut, die breiten Schultern, die großen, rauhen Hände ließen Sia staunen, und sie vergaß die Libelle augenblicklich. Sie starrte den Mann nur mit großen Augen an, beobachtete, wie er trank und sich die Wassertropfen von den Lippen und dem bartlosen Kinn strich, wie er sich mit nasser Hand durch den wildgelockten Schopf fuhr. Sein Haar war dunkel wie Waldmoos. Erst glaubte Sia, es wäre ganz schwarz. Doch als sie nähertrat, erkannte sie in den Locken einen smaragdgrünen Glanz, und ohne es zu wollen, stieß sie ein Jauchzen aus, weil der Mann am Fluss so schön war.

Ihr war, als erwiderte der Wald ihren Ruf. Über ihrem Kopf prasselten Zweige. Sie hörte den Gesang einer Ammer und das ferne Pochen eines Spechts. Derweil drehte der Mann sich zu ihr um. Er lächelte Sia zu, als hätte er sich am Ufer mit ihr verabredet. Nun streckte er seine linke Hand aus, und zu ihrer Verblüffung setzte sich die Libelle, die sie gejagt hatte, auf die Spitze seines Zeigefingers.

Der Mann winkte Sia zu sich heran. Als sie bei ihm angekommen war, stieg ihr sein Geruch in die Nase … er duftete nach nasser Erde und Tannenzapfen, nach Blüten und Brombeeren. Auf seinem Finger surrten die Flügel der Libelle, und wie auf sein Geheiß hin flog das Insekt auf Sias Arm, sodass sie es aus der Nähe betrachten konnte.

Dann sprach der Mann zu ihr. Die Worte waren ihr fremd, aber seine Stimme … seine Stimme! Sie klang so gar nicht nach einem Menschen, war mehr ein Sprudeln, ein Perlen, wie ein Bach, und zugleich lag etwas Samtiges und Vertrautes in ihr.

Noch einmal sah er sie an. Seine Augen waren anders als die ihres Vaters oder ihrer Mutter und anders als ihre eigenen – dunkler und weiser und voller Ruhe. Sie hätte darin versinken können. Aber dann erschallte ein Ruf von der anderen Seite des Flusses und brach den Zauber. Sias Vater rief nach ihr. Er klang erzürnt.

Ehe sie es sich versah, war der Fremde aufgesprungen und zwischen den Sträuchern am Waldrand verschwunden. Nichts blieb von ihm zurück als ein Wippen der Zweige.

Der Vater lenkte unterdessen sein Floß ans Ufer. Die Ruderstange lag fest in seiner Hand.

»Wer war das?« fragte er streng. »Hab ich dir nicht gesagt, du sollst nicht mit den Waldleuten sprechen? Niemals, Sia, darfst du das tun!«

Die Libelle stieß sich von ihrem Arm ab und flog weiter. Sia musste auf das Floß steigen, das der Vater mit der Stange ans gegenüberliegende Ufer lenkte. Dort stand ihr Wohnhaus. Er fragte Sia wieder und wieder nach dem geheimnisvollen Mann; was er gesagt und ob er sie angefasst hätte. Er bleute seiner Tochter ein, beim nächsten Mal sofort Reißaus zu nehmen.

»Die Leute aus dem Wald sind gefährlich. Manchmal rauben sie Mädchen wie dich und verhexen sie im Wald zu Flechten oder Pilzen. Es sind keine Menschen wie wir, sondern Ungeheuer.«

Zuhause setzte die Mutter hinzu: »Vor allem darfst du ihnen nicht in die Augen sehen. Sie haben die Macht, einen Menschen zu verzaubern, sodass sein Herz in der Brust aufhört zu schlagen. Dann ist man tot und stumm wie ein Baum.«

Sia fand nicht, dass Bäume tot und stumm waren. Im Frühling und Sommern standen sie in voller Büte, und wenn der Wind durch die Zweige strich, die Äste knackten und die Blätter rauschten, dann glaubte sie zu verstehen, wie die Bäume miteinander flüsterten, sich alte Geschichten zuraunten und über die Vögel lachten, die in den Astgabeln nisteten. Aber ihr Herz, ja, das mußte Sia gestehen, war wirklich verzaubert, seit sie den Mann aus dem Wald erblickt hatte. Es schlug langsamer als zuvor, und wenn sie am Ufer spielte, pochte es im Gleichtakt mit dem Rauschen des Windes in den Baumkronen.