Das Gauklermärchen - Michael Ende - E-Book

Das Gauklermärchen E-Book

Michael Ende

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Beschreibung

Von der Wirkungskraft der Phantasie: Für die kleine Gauklertruppe sind die Zeiten schlecht, denn niemand interessiert sich mehr für sie. Die Rettung scheint in greifbarer Nähe, als ihnen ein Chemiekonzern ein lukratives Angebot als Werbezirkus anbietet. Allerdings unter einer Bedingung: das geistig behinderte Mädchen Eli stört den schönen Schein und soll deshalb verschwinden. Aus Angst vor der Zukunft sind die Gaukler bereit, sich von Eli zu trennen. Bis ihnen der Clown Jojo ein Märchen erzählt. Und obwohl es ein Märchen ist, ist danach nichts mehr, wie es war.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 90




Michael Ende

Das Gauklermärchen

Ein Spiel in sieben Bildern

sowie einem Vor- und Nachspiel

Personen

JOJO, der Clown, im Märchen Prinz JOAN

ELI, ein schwachsinniges kleines Mädchen, im Märchen Prinzessin

KALOPHAIN, der Zauberspiegel der Prinzessin (weibliche Rolle)

ANGRAMAIN, die große Spinne, auch SMERALDA, die grüne Dame (männliche Rolle)

DER NARR des Prinzen Joan

DER EHEMINISTER

PIPPO, Akrobat und Jongleur, Chef der Gauklertruppe

LOLA, die Seiltänzerin

WILMA, die Kunstschützin und Messerwerferin

JUSSUF, Zauberer und Feuerschlucker

BUX, der Bauchredner mit seiner Sprechpuppe OTTOKAR

Gesangs- und Tanzgruppen

DIE SPIEGELBILDER

DIE WÜRDENTRÄGER DES MORGENLANDES

DIE BRÄUTE DES PRINZEN JOAN

DIE FIGUREN DES DAMENSPIELS

Zeit und Ort der Handlung

Das Vor- und Nachspiel in der Gegenwart am Rande eines Industriegeländes. Das Märchen außerhalb der Zeit, im Heute- und im Morgen-Land.

Pause nach dem fünften Bild des Märchens.

Der Vorhang besteht aus vielfach geflickter Zeltleinwand, auf die der Titel Das Gauklermärchen in ungeschickter, zirkushaft-ornamentaler Schrift gemalt ist.

Jojo ist im Vor- und Nachspiel etwa fünfzig Jahre alt, im Märchen als Prinz Joan dagegen einundzwanzig. Umgekehrt ist Eli im Vor- und Nachspiel höchstens zwölf, im Märchen als Prinzessin dagegen eine schöne junge Dame um die zwanzig.

Vorspiel

Industriegelände am Rande einer Großstadt. Ein Winterabend. Am Himmel, der noch hell ist, aber während des Vorspiels nach und nach dunkel wird, steht über der dunstigen Silhouette aus Schloten, Silos und Fabrikgebäuden ein großer, blasser Vollmond. Ein leichter Wind weht kalt und anhaltend.

Im Vordergrund liegt ein kahler Bauplatz, eben vor dem Beginn der Ausschachtungsarbeiten. An seinem Rande stehen schon Bagger und Baumaschinen aller Art bereit. Dahinter erheben sich die Hallen und Anlagen eines ausgedehnten Chemiewerks.

Mitten auf der freien Fläche stehen gleichsam ängstlich zusammengedrängt drei armselige, ehemals bunte Zirkuskarren. Alles an ihnen, Dächer, Räder und Fenster, ist notdürftig geflickt, ihre Farben sind abgeblättert und von Wind und Wetter verwaschen und ausgebleicht. Es handelt sich um Deichselkarren ohne Pferde. Sie stehen so, dass sie ein kleines, nach vorn offenes Geviert bilden, um Schutz gegen den Wind zu bieten.

In diesem Hof brennt auf der nackten Erde ein Feuerchen, das mit Pappkartons und brennbarem Müll genährt wird. Darum herum hocken und stehen die letzten Mitglieder der Zirkustruppe und wärmen sich. Alle sehen verwahrlost und verhungert aus. Sie tragen gewöhnliche, wenn auch zerschlissene Winterkleidung. Dass es sich um Artisten handelt, kann man nur aus einigen sonderbaren Einzelheiten erkennen.

Bux, der Bauchredner, sitzt nahe am Feuer auf einem alten Koffer. Er ist ein kleiner, zarter Mann um die sechzig, mit weißem Haar und weißem Schnurrbärtchen. Sein Benehmen ist das eines englischen Lords. Er trägt einen schwarzen Mantel, der einstmals hochelegant war, jetzt aber völlig abgetragen und fleckig ist. Auf seinen Knien hält er die Sprechpuppe Ottokar, die wie ein Liftboy gekleidet ist und über ein ungewöhnlich ausdrucksvolles Mienenspiel verfügt. Die beiden sind fast immer miteinander beschäftigt, tuscheln, flüstern sich etwas ins Ohr oder spielen. Bux scheint völlig vergessen zu haben, dass Ottokar nur ein Teil seiner selbst ist. Für ihn ist die Puppe ein lebendiges Wesen.

Neben ihm steht Jussuf, der Zauberer, ein Neger unbestimmbaren Alters, der mit fremdländischem Akzent spricht. Er trägt einen knöchellangen Militärwachmantel, um den Hals einen langen bunten Wollschal, auf dem Kopf einen zerbeulten Zylinder. Wenn er redet, zeigt er sein Gebiss und rollt die Augen. Ab und zu machen seine Finger sich selbstständig, lassen eine Zigarette erscheinen und wieder verschwinden, voltigieren mit alten, abgegriffenen Spielkarten oder ziehen einem Kollegen ein Ei aus der Nase. Aber niemand achtet darauf, nicht einmal er selbst.

Auf der anderen Seite des Feuers steht Pippo, der Akrobat und Jongleur, ein rotgesichtiger, untersetzter Mann um die vierzig. Er trägt alte, ausgebeulte Cordhosen, einen dicken Seemannspullover mit Rollkragen und auf dem kahlen Schädel ein kleines, gestricktes Mützchen. Seine Stimme ist heiser, seine Nase läuft, er ist unrasiert. Später, während des Gesprächs, nimmt er manchmal ein paar Steinchen vom Boden auf und jongliert damit oder balanciert einen Stock. Aber zunächst steht er reglos, die Hände in die Hosentaschen vergraben, und starrt ins Feuer.

Neben ihm hockt auf den Fersen die Seiltänzerin Lola und wärmt sich die Hände. Sie ist klein und mädchenhaft zierlich, aber ihr Gesicht sieht alt und verhärmt aus. Sie trägt ihr schwarzes Haar nach Ballerinenart gescheitelt und am Hinterkopf zu einem Knoten geschürzt. Sie hat sich in eine Unmenge alter Decken gewickelt. Wenn sie sich bewegt, sieht man, dass sie darunter allerhand rosa Wollzeug trägt, auch dicke fleischfarbene Strumpfhosen. Um den Hals hat sie eine mottenzerfressene rosa Federboa geschlungen.

Links außerhalb des Wagengevierts steht Wilma, die Kunstschützin und Messerwerferin, den Rücken zum Zuschauer gegen einen der Karren gelehnt. Sie späht erwartungsvoll nach dem Chemiewerk im Hintergrund hinüber. Sie trägt Reithosen und lange Stiefel, einen Gürtel mit Revolvertasche, darüber einen Mantel aus schäbigem Katzenfell. Ihr Haar ist karottenrot, ihr Gesicht ist viel zu stark geschminkt.

Auf der anderen Seite des Wagengevierts, rechts im Vordergrund, hockt Eli, ein Mädchen von etwa zehn oder zwölf Jahren, und gräbt mit den Fingern Kanäle von einer Pfütze zur anderen. Sie ist sehr schmutzig. Alle Kleidungsstücke, die sie anhat, sind falsch zugeknöpft und hängen grotesk um ihren kleinen, ausgemergelten Körper. Offensichtlich sind sie ihr aus dem Fundus der Truppe überlassen worden, weil sie zu nichts mehr zu gebrauchen waren. An der Kopfhaltung Elis und an ihren Bewegungen merkt man, noch ehe sie spricht, dass das Kind schwachsinnig ist.

Nach längerem Schweigen wirft Pippo, der Akrobat, wie erwachend einen Blick zum Himmel hinauf und sagt leise:

PIPPO

Jetzt wird es schon dunkel.

LOLA

Und kalt.

Pippo legt wärmend den Arm um sie.

WILMA (kommt zu den anderen und wärmt sich)

Wir brauchen nicht mehr länger auf ihn zu warten.

JUSSUF

Nein, jetzt kommt er bestimmt nicht mehr.

BUX

Das hätte ich nicht von ihm gedacht. Diesmal nicht.

DIE PUPPE

Ich schon. Das sieht ihm ganz ähnlich.

BUX

Du hältst den Mund, Ottokar!

ELI

Jojo kommt. Eli weiß bestimmt. Jojo ist lieb.

WILMA

Ja ja, »Jojo ist lieb«! Wie oft haben wir schon Vorstellungen ohne ihn geben müssen, weil er plötzlich verloren gegangen war! Der arme Hund gerät immer in Schnapskneipen, die nur einen Eingang, aber keinen Ausgang haben – sagt er.

DIE PUPPE

Kann heute gar nicht passieren.

WILMA

Warum nicht?

DIE PUPPE

Heute gibt’s keine Vorstellung, he he he!

BUX

Ach, lass doch deine blöden Witze, Ottokar! Danach ist keinem von uns zumut.

PIPPO

Vielleicht hat er nichts erreicht bei denen. Jetzt schämt er sich und mag’s uns nicht sagen.

LOLA

(ironisch)

Ja, manchmal ist er sehr sensibel.

JUSSUF

Dass er so lang nicht zurückkommt, kann aber auch bedeuten, dass er’s noch nicht aufgegeben hat. Vielleicht sieht er noch irgendeine Hoffnung.

PIPPO

Und ich wette mit dir um einen Sack voll Geld, dass er uns im Stich gelassen hat!

DIE PUPPE

Bux! Hast du gehört, Bux? Pippo wettet um einen Sack voll Geld!

(Kräht vor Vergnügen)

BUX

Halt endlich den Schnabel, sonst kommst du in den Koffer!

DIE PUPPE

(johlt)

Kain sprach zu Abel:

Halt den Schnabel!

Und stach Abel

mit der Gabel

in den Nabel!

Nicht in den Koffer, Bux! Bitte bitte! Bin ja schon still.

LOLA

Aber, hört mal – wenn sie ihn vielleicht gleich dabehalten haben?

(Sie kreuzt die Handgelenke)

PIPPO

Eingesperrt? Wieso denn?

LOLA

Vielleicht gibt’s irgendein Gesetz, das wir übertreten haben. Ich meine, einfach weil wir immer noch hier sind. Vielleicht holen sie uns noch alle miteinander heute Abend.

WILMA

Meinetwegen. Da kämen wir wenigstens ins Warme.

ELI

(ängstlich)

Eli ist lieb. Eli hat nichts getan. Ihr seid alle lieb.

DIE PUPPE

Klar, Eli. Brauchst keine Angst zu haben.

Lola hat nur Spaß gemacht. Niemand tut uns was.

WILMA

Wir hätten jemand hinschicken sollen, der ernsthaft mit den Leuten reden kann.

JUSSUF

Jojo kann von uns allen am besten reden, das steht fest.

WILMA

Ja, Kinder zum Lachen bringen, das kann er. Aber das wird in diesem Fall wenig nützen.

PIPPO

Wir haben alle für ihn gestimmt. Du auch, Wilma.

DIE PUPPE

Ich auch.

WILMA

Wie ich ihn kenne, hat er sich bestimmt falsch benommen. Diese Leute da haben doch immer gleich den Verdacht, dass man sich über sie lustig macht.

ELI

Wilma braucht keine Angst haben. Eli hat auch keine Angst.

LOLA

Was kann er schon erreichen? Im Grund ist es ganz gleich, und ihr wisst es auch. Ob sie uns morgen wegjagen oder erst in ein paar Tagen – hier ist Endstation, alles aussteigen! Seit uns die Gläubiger auch noch die letzten drei Gäule weggeholt haben, was kann Jojo bei den Leuten von der Fabrik erreichen? Dass sie die Bauarbeiten aufschieben, nur damit wir unsere Karren stehen lassen können? Sollen wir sie selber wegziehen? Wohin denn? Und wozu überhaupt? Es ist nichts mehr drin. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, hat man schon längst weggeholt. Mir war das alles schon vor zwei Monaten klar, als wir das Zelt und die Kostüme versetzen mussten, um Pferdefutter zu kaufen. Wenn ein Zirkus schon sein Zelt versetzen muss … Die Vorstellung ist zu Ende, Herrschaften.

WILMA

Es hat viel früher angefangen. Macht euch doch nichts vor, ihr wisst genau, was ich meine. Vor drei Jahren, genau an dem Tag, als wir dieses Unglückswurm da aufgefischt haben. Ich war gleich dagegen, aber niemand hat auf mich gehört. Vorher waren wir zwölf, aber dann waren wir auf einmal dreizehn. Dreizehn! Ihr wisst alle, was das bedeutet. Erst wurde Nick krank. Dann ist Carlo verunglückt und im Jahr drauf hat uns Leo und seine Familie verlassen. Von dem Tag an ist im Grunde alles schiefgegangen. Wir hätten das Kind nicht mit uns nehmen dürfen – oder wir hätten gleich noch jemand dazu engagieren sollen, damit wir vierzehn gewesen wären. Aber dreizehn!

PIPPO

Dazu engagieren! Wen denn? Womit denn?

LOLA

Wir konnten das Kind doch nicht einfach im Straßengraben liegen lassen, Wilma. Eli war todkrank. Sie wäre einfach umgekommen.

JUSSUF

Außerdem bringen Bucklige und Schwachsinnige Glück, das weiß jeder, Wilma. Sie sind heilig.

WILMA

Glück? Na, da schau uns doch an!

PIPPO

Eli ist bestimmt nicht schuld dran.

WILMA

Schuld! Wer redet denn von Schuld, Pippo? Die Zahl ist es eben gewesen, die Zahl, verstehst du?

LOLA

Seid doch leise, sie hört doch zu.

WILMA

Ach was, sie versteht doch nichts.

ELI

(geht zu Wilma und streichelt sie)

Wilma ist lieb. Eli ist auch lieb, ja? Alle sind lieb.

(Sie geht zu jedem und streichelt ihn zart. Alle schweigen beschämt und blicken zu Boden. Sie streichelt auch die Puppe.)

DIE PUPPE

Und überhaupt: Mit mir waren wir nämlich vierzehn!

BUX

Du zählst leider nicht, Ottokar.

(Pause)

PIPPO

Ob wir’s nicht doch noch mal bei einem großen Zirkus versuchen? Vielleicht gibt’s einen, der uns brauchen kann.

LOLA

Uns alle zusammen?

PIPPO

Alle oder keinen. So hatten wir’s doch ausgemacht. Wir bleiben auf jeden Fall zusammen. Oder denkt einer von euch inzwischen anders darüber?

JUSSUF

Bei den fünf Größten hast du doch schon gefragt. Sie haben uns weggeschickt.

PIPPO

Es gibt noch andere.

WILMA