Das Gefühl der Kälte - Christine Bartsch - E-Book
Beschreibung

»Hast du die Fotos schon angeschaut?«, kracht es mit einer tiefen und äußerst erregt klingenden männlichen Stimme aus dem Telefon. »Meine Güte, der Hals ist echt übel zugerichtet, so etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Die Kehle hat er ihr eiskalt durchgeschnitten, dieses fiese Schwein.« Die Fotos, der Hals, fieses Schwein? Charlotte wusste mit den spärlichen Angaben des Kommissars in diesem Moment nicht viel anzufangen: »Hallo, Urs, bist du das?«, versucht sie ein wenig Zeit zu gewinnen. »Ähh, um welche Fotos gehts denn und um welchen Fall überhaupt?« Wenn die Medizinerin Charlotte Fahl auf ihre »Patienten« trifft, sind diese bereits tot. Doch Fahl bringt sie zum Sprechen. Was war die Todesursache? Dieses Buch besteht aus 12 Kurzgeschichten rund um die Rechtsmedizinerin Charlotte Fahl, deren Fälle auf wahren Begebenheiten beruhen. Es ist eine glänzende Tour de Force durch eine der unheimlichsten Disziplinen der Medizin sowie eine Sammlung erstaunlicher Porträtminiaturen, die von den Toten und den Abgründen menschlichen Handelns erzählt.

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Seitenzahl:380

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Beliebtheit


Christine Bartsch

Das Gefühl der Kälte

Die Fälle der Rechtsmedizinerin Charlotte Fahl

 

 

orell füssli Verlag

 

© 2016 Orell Füssli Verlag AG, Zürich

www.ofv.ch

Rechte vorbehalten

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Dadurch begründete Rechte, ins­besondere der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf andern Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Vervielfältigungen des Werkes oder von Teilen des Werkes sind auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie sind grundsätzlich vergütungspflichtig.

 

Umschlaggestaltung und Motiv: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

 

ISBN 978-3-280-05610-3 (Druckversion)

ISBN 978-3-280-03941-0 (ePUB)

 

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.

Für Schnicki

Beifall

Wenn man sich mit der Frage beschäftigt, was für einen Tod sich die meisten Menschen wünschen, mal abgesehen von dem Umstand, dass kaum einer wirklich gerne sterben möchte, dann ist es am häufigsten der Tod im eigenen Bett, der als die vermeintlich angenehmste Variante favorisiert wird. Das haben unterschied­liche Forschungsstudien ergeben, und Charlotte Fahl kann sich das nur so erklären, dass diese Menschen überhaupt keine Ahnung haben, wie das Sterben im Bett aussehen kann. Im eigenen Bett fühlen sich viele sicher und gut aufgehoben, aber kaum ein Mensch schläft einfach in seinem Bett ein und wacht dann nie mehr auf. Es sind oftmals die absonderlichsten Dinge, die eine Person durchleben und durchleiden muss, bevor man sie leblos im Bett vorfindet.

Sicher, man kann auch ohne äußere Einwirkung einen epileptischen Anfall, einen Herzinfarkt, eine Lungenembolie, einen Schlaganfall oder eine Hirnblutung im eigenen Bett erleiden. Das sind zweifellos alles akute, zumeist letale Krankheitsereignisse, die der Allgemeinheit das Sterben im eigenen Bett akzeptabel erscheinen lassen. Schon weniger gut vorstellbar, aber durchaus nicht ­selten anzutreffen, ist der Erstickungstod durch Nahrungsbrei nach zu reichlichem Alkoholgenuss mit anschließendem Erbrechen. Für Forensiker dagegen ist der Leichenfund im Bett ein Thema mit zahllosen Variationen, und egal, ob der Leichnam sanft zu schlafen scheint oder nicht, zu klären ist stets die strafrechtliche Relevanz der Todesumstände.

Nicht immer waren die Menschen allein, wenn sie im Bett das Zeitliche segneten. Eine Person kann auf dem Gipfel sexueller ­Erregung durch die körperliche Höchstleistung, aber auch durch bestimmte Fremdsubstanzen, die ihr durch dritte Hand verabreicht wurden, ganz plötzlich einen Herzstillstand erlei-den. Umgekehrt werden auch Menschen tot aufgefunden, die schon seit ewigen Zeiten an ihr Bett gefesselt waren, weil ihnen eine langsam auszehrende Erkrankung die Kraft genommen hatte, jemals wieder aufzustehen. Unter diesen Verstorbenen finden sich auch ­Menschen, die grob vernachlässigt oder sogar beschleunigt in den Tod gepflegt wurden. Es werden auch Menschen im Bett erstickt oder bereits als Leichnam dort abgelegt. Und schließlich legen sich einige Menschen ins Bett, um ihrem Leben gewaltsam ein Ende zu bereiten. Sei es durch eine äußerlich nicht erkennbare Vergiftung, sei es durch einen Kopfschuss, eine Stromquelle oder eine Stichverletzung. Viel Blut bedeutet meistens auch viel Arbeit für die Rechtsmedizin. Eine blutüberströmte Leiche, bei der alle Alarmglocken sofort anspringen und deren Schicksal dennoch Verwirrung stiftet, ist nur ganz selten anzutreffen.

Alain Schöni, ein erfolgreicher Schweizer Tenor von internatio­nalem Ruf, hätte in einer solchen Studie sicher niemals zu Protokoll gegeben, er wolle im Bett krepieren. Er ist auf der Bühne zu Hause, und dort würde er am liebsten auch versterben, wenn es denn so weit wäre und unbedingt sein müsste. Am allerliebsten würde er in einer seiner besten Rollen, in denen er ohnehin auf tragische Weise regelmäßig sein Leben lassen muss, seinen letzten Atemzug nehmen. Wenn er eines Tages das Zeitliche segnet, dann muss das unbedingt unter tosendem Beifall geschehen, sodass das Publikum sein Dahinscheiden nicht von einer Darbietung unterscheiden kann.

Aber ans Sterben denkt er die meiste Zeit über sowieso nicht, obwohl er beruflich allabendlich erstochen, erschossen, erwürgt oder erschlagen wird. Alain liebt sein ausschweifendes Leben und kann gar nicht genug davon bekommen. Intensität ist das Motto seiner Existenz. Nicht enden wollende Fressorgien, die von den auserlesensten Wein- und Champagnersorten begleitet und mit den edelsten Spirituosentropfen beendet werden, zählen zu seinen Spezialitäten. Danach raucht er handgerollte kubanische Zigarren und verlustiert sich mit ständig jünger werdenden Liebhabern, die ihm alle verfallen sind.

An diesem Abend war er mal wieder als Maler Mario Cavaradossi in Puccinis »Tosca« auf der Bühne, als er im zweiten Akt ganz plötzlich von einem stechenden Schmerz hinter seinem Brustbein überrascht wurde. Er zuckte heftig zusammen und gab einen lauten Schrei von sich, dessen Ursache dem aufmerksamen Publikum ­allerdings insofern entging, da es aufgrund der Cavaradossi zugemuteten Folter laute Schreie von ihm erwartet hatte. Als schließlich am Ende des dritten Akts das Erschießungskommando vor ihm stand, um ihn niederzustrecken, bevor er miterleben konnte, wie Tosca sich von der Engelsburg in den Tod stürzt, krümmte er sich erneut vor Schmerzen und gab sich erleichtert dem Bühnentod hin. Nach dem tosenden Beifall, der heute gar nicht mehr enden wollte, war er jedoch dermaßen adrenalingeschwängert, dass er noch ein ausgiebiges Nachtessen inklusive kleinem Gelage im Kreise seiner Anhänger genoss und anschließend seinen neuesten Verehrer ­Robert mit zu sich in seine Villa am Zürisee nahm. Mit Mitte fünfzig stand Alain Schöni noch immer auf dem Höhepunkt seiner ­Gesangskarriere, sein voluminöser Körper gab nicht nur ­einen fantastischen Resonanzraum ab, er war auch noch zu sehr vielen anderen interessanten Dingen zu gebrauchen, bis er am Morgen nach seiner bejubelten Vorstellung gegen halb sieben blutüberströmt von seiner spanischen Putzfrau im Bett aufgefunden wurde.

»Beruhigen Sie sich bitte, Frau Alvarez Sànchez, und erzählen Sie uns noch mal ganz genau, wie heute früh alles abgelaufen ist«, bittet ein Streifenpolizist die völlig aufgelöste Putzfrau des berühmten Tenors, während sein Kollege stumm neben ihm steht.

»Das ich habe doch alles schon gesagt, junge Mann. Ich wie immer gekommen zum Putzen und nach Aufschließen nix gehört. Herr Schöni häufig nix da, also ich einfach putzen unten«, erklärt sie den Ablauf. »Dann putzen oben. Nach Flur kommt immer Schlafzimmer, und da …, oh Dios mio! … Herr Schöni im Bett mit alles voll Blut überall. Ich laut schreien. Einmal, zweimal, dreimal, weiß nich wie viel, sehr viel auf jede Fall. Dann nach unten laufen und weiter schreien. Telefon nix da. So viel aufregen und Angst. Dann mit Handy Polizei rufen. Jetzt Sie hier, mehr nix«, beendet sie ihre Schilderung unter heftigem Schluchzen.

»Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung. Können Sie uns bitte noch sagen, ob Sie irgendetwas verändert haben?«, fragt nun der zweite Polizist, der bisher geschwiegen hat.

»Ich nix verändern, wie verändern? Ich nix anfassen tote Tenor. Ich nur Blut sehen und schreien. Nix putzen in Schlafzimmer, nur unten und oben Flur«, präzisiert Frau Alvarez Sànchez ihre Aussage.

»Stephan, ich habe bereits die zuständige Staatsanwältin der Abteilung für Tötungsdelikte am Telefon gehabt, sie ist in zehn Minuten vor Ort. Wir müssen die Putzfrau so lange hierbehalten, sie ist eine wichtige Zeugin«, sagt der eine Beamte zu seinem Kollegen Thomas, der sich eifrig Notizen macht.

»Okay, dann fahren wir alles hoch, würde ich sagen. Sieht ja auch aus wie ein Tötungsdelikt. Kannst du im Institut für Rechtsmedizin anrufen und beim Forensischen Institut?«, bittet Stephan seinen Kollegen. Thomas erledigt die Anrufe bei den Instituten der Universität und der Polizei und kümmert sich um die spanische Putzfrau, die mittlerweile laut weinend am Esstisch sitzt.

»Hey Charlotte«, spricht Raimund seine Chefin an, als hätte er sie rein zufällig auf dem Gang im Institut für Rechtsmedizin ­getroffen, obwohl er schon auf sie gewartet und sie abgepasst hat. »Mir wurde soeben ein außergewöhnlicher Todesfall gemeldet, der sich ziemlich eindeutig nach Tötungsdelikt anhört. Toter Tenor blutüberströmt in Villa am Zürisee. Soll ich das machen oder möchtest du bei so viel Prominenz lieber selbst gehen?«, fragt er sie betont lässig, doch Charlotte kann seine Unsicherheit in der Stimme hören.

»Also, mit Tenören kenne ich mich ehrlich gesagt nicht so gut aus, bei einer Sopranistin würde tatsächlich lieber ich gehen«, witzelt sie zurück und setzt zum Weitergehen an.

»Eh, heißt das, ich soll ausrücken?«, hakt er nach und reißt seine Augen weit auf.

»Falls du aus irgendeinem Grund verhindert sein solltest, frag doch bitte den Ersatz-Tagdienst. Und ansonsten wünsche ich allseits viel Spaß. Vergiss nicht, ein paar Ganzkörperkondome und genügend Handschuhe mitzunehmen. So ein Tötungsdelikt kann ziemlich viel Zeit in Anspruch nehmen. Vor heute Abend solltest du dir nichts mehr vornehmen, denke ich«, instruiert sie den Oberarzt und lächelt ihm aufmunternd zu.

»Guten Abend, Frau Dr. Fahl«, spricht eine männliche Stimme zu ihr, nachdem sie nach dem fünften Klingelzeichen endlich ihr Handy unter den Aktenbergen ausgegraben und sich mit ihrem Namen gemeldet hat. »Wir sind hier noch immer am Tatort in der Villa des berühmten Tenors Schöni. Eigentlich sind wir so gut wie fertig und würden den Leichnam als Nächstes ins Institut bringen lassen. Die Staatsanwältin Frau Zaugg möchte aber ganz sichergehen und lässt Sie deshalb fragen, ob vor dem Transport irgend­etwas Bestimmtes bedacht werden muss?«, fragt der Beamte, bei dem es sich offenbar um den diensthabenden Leiter der Ermittlungen vor Ort handelt.

»Sind Sie das, Herr Steiger?«, vergewissert sich Charlotte bei dem Brandtouroffizier, bevor sie ihm bereitwillig einen Tipp gibt. »Aus Sicherheitsgründen sollten die Hände des Opfers dringend mit Papiertüten geschützt werden, um keine Spuren zu verändern. Darf ich fragen, ob Sie das Tatwerkzeug vor Ort sicherstellen konnten?«, möchte sie noch wissen.

»Tja, das ist eine sehr gute Frage, auf die ich leider keine Antwort weiß, da Ihr Oberarzt uns nicht sagen konnte, woher das ganze Blut am Leichnam und im Schlafzimmer eigentlich kommt«, drückt er seinen Unmut aus.

»Oh, das ist ungünstig. Ist Dr. Biller noch vor Ort?«, fragt sie den Brandtouroffizier und lässt dem Arzt ausrichten, er möge dringend bei ihr anrufen, damit sie alles Weitere untereinander abklären können.

»Hey Charlotte, ich bin’s«, meldet sich Raimund zwei Minuten später und berichtet, dass er am Leichnam äußerlich keine einzige Verletzung finden konnte, aus der das Blut ausgetreten sein könnte.

»Na, da gibt’s eigentlich nur drei Möglichkeiten«, stellt Charlotte ihre Sicht auf die Dinge dar. »Entweder es handelt sich gar nicht um das Blut des Verstorbenen oder das Blut kommt durch eine natürliche Körperöffnung aus dem Inneren des Leichnams oder die Verletzung befindet sich in einem extrem blutverschmierten Körperareal, sodass du sie ohne ausgiebige Reinigung des ­Toten nicht entdecken konntest.«

»Dann ist es aus deiner Sicht also völlig okay, wenn wir unsere Untersuchungen vor Ort abschließen und den Leichnam für weitere Analysen ins Institut transportieren lassen?«, fragt Raimund seine Chefin noch immer leicht verunsichert.

»Selbstverständlich! Worauf wartet ihr noch?«, neckt Charlotte den Oberarzt und legt auf.

Am nächsten Morgen staunen alle die CT-Bilder des toten Tenors an und wetteifern, wer zuerst die tödliche Blutungsquelle entdeckt. Tom sucht den unsichtbaren Stich mit einem dünnen langen Schraubenzieher, der die Lunge durchspießt hat, während Frederick von einem kleinkalibrigen Schuss mit hoher Durchschlagkraft überzeugt ist, der die Aorta durchlöchert hat. Gregor vermutet wiederum ein sich aufpilzendes Deformationsgeschoss wie die Action-4-Munition, die so ausgelegt ist, dass im Ziel eine starke, aber limitierte Energieabgabe stattfindet, ­wodurch an Ort und Stelle zwar eine Wundhöhle entsteht, ein Durchschuss aber verhindert wird. Keiner der Oberärzte wird schließlich Recht behalten, obwohl das Blut eindeutig vom ­Opfer stammt.

Auf dem Weg zur Teamsitzung, die kurzfristig noch vor der Obduktion angesetzt wurde, um alle Beteiligten auf den neuesten Stand zu bringen, trifft Charlotte Luis, ihren Kollegen aus der Abteilung Forensische Genetik. Neben ihr herlaufend teilt er ihr seine Ergebnisse mit. Auf diese Weise hofft er die Teilnahme umgehen zu können, da jede Sitzung für ihn verlorene Arbeitszeit bedeutet.

»Die forensisch-genetische Spurenanalyse zeigt Befunde, nach denen Alain Schöni in der Nacht Sexualverkehr mit einer männ­lichen Person hatte.«

»Das ist sicher ein wertvolles Ergebnis, besten Dank«, entgegnet Charlotte dem Biologen und fragt nach einem Hit mit DNA-Spuren aus der eidgenössischen Datenbank.

»Sorry, da muss ich leider passen«, verleiht Luis seiner Enttäuschung Ausdruck und verabschiedet sich höflich von Charlotte, die mittlerweile vor dem Besprechungszimmer angekommen ist.

»Von Schönis Kollegen haben wir erfahren, dass ein gewisser Robert Guillaume zu seinen aktuellen Verehrern zählt, den wir bisher allerdings vergebens zu erreichen versucht haben«, teilt die Staatsanwältin ihre bisherigen Ermittlungsergebnisse mit. »Er soll an jenem Abend nach der Vorstellung beim Nachtessen dabei gewesen und mit Schöni in dessen Villa gefahren sein. Das bestätigt ein Taxifahrer, der bereits gestern Nacht ausfindig gemacht und befragt werden konnte.

»Okay, das passt auch zu unseren DNA-Analysen, die Sexualverkehr vor dem Tod belegen. Sobald der sogenannte Verehrer angetroffen werden kann, sollte bei ihm eine Speichelprobe genommen werden, hoffen wir das Beste«, empfiehlt Charlotte und steht auf, um zur Obduktion zu gehen.

»Darf ich dabei sein?«, fragt die Staatsanwältin mit einem schüchternen Blick zu Charlotte, die ihr aufmunternd zulächelt, ihr die Tür aufhält und antwortet:

»Frau Zaugg, das ist doch gar keine Frage, Sie sind selbstverständlich herzlich eingeladen, mich zu begleiten.« Die Anwesenden lachen leise, während die beiden Frauen den Besprechungsraum verlassen, um in den Keller zu gehen. Eine derartige Einladung, und sei sie noch so freundlich auffordernd vorgetragen, würden die meisten Menschen sicher höflich ablehnen.

Nachdem im nativen, das heißt ohne die Verwendung von Kontrastmittel durchgeführten CT keine eindeutige Blutungsquelle gefunden werden konnte, führen die Mediziner ein ergänzendes Angio-CT durch, um die Blutgefäße sichtbar zu machen. Hierzu wird Kontrastmittel in die Leistenarterie und -vene appliziert und mithilfe einer Pumpe durch die Adern geschleust, um feststellen zu können, wo Blut ausgetreten ist. Die daraus gewonnen Bilder sind beeindruckend und können sogar die anwesenden medizi­nischen Laien sofort überzeugen.

»Jetzt schauen wir uns das Ganze noch in der Realität an, indem wir die Organanteile als zusammenhängenden Gewebeblock herauspräparieren und damit das Beweisstück in den Händen halten können«, erläutert Charlotte ihr Vorgehen und beginnt mit dem üblichen Hautschnitt zur Körperöffnung.

Robert Guillaume hatte mit siebzehn Jahren das erste Mal das Gefühl, sich in einen Mann verliebt zu haben. Sein Mathematiklehrer war ausgesprochen attraktiv, außerdem schien er von ­Roberts Begabung im Umgang mit Zahlen begeistert zu sein. Einmal meldete er Robert, ohne ihn vorher zu fragen, für eine Schulolympiade an, und der schüchterne Schüler befolgte des Lehrers Wünsche, obwohl ihm eine eigene Motivation fehlte, allerdings hoffte er, seinen Lehrer auf diese Weise beeindrucken zu können. Schließlich erreichte Robert tatsächlich den zweiten Platz, was dazu führte, dass der Lehrer ihn eines Abends nach der Feierlichkeit, die zu seinen Ehren stattgefunden hatte, in leicht angeheitertem ­Zustand mit zu sich nach Hause nahm. Seine Frau war offenbar für längere Zeit abwesend, sodass die beiden Verliebten sich einen Monat lang intensiv miteinander vergnügen konnten. Mit dem Glück war es allerdings schlagartig vorbei, als die Gattin wieder die Bühne betrat. Der vollends verzweifelte Robert schaffte seine ­Matura nur noch mit Müh und Not. Er beschloss, sich seinen Gefühlen künftig nie mehr so weit hinzugeben, dass ein Mensch ihm ein derartiges Leid zufügen könnte.

Die Begegnung mit Alain war so ganz anders verlaufen. Beide hatten Gefallen aneinander gefunden, ohne sich Versprechungen machen zu wollen. Leidenschaftlicher Sex, keinerlei Verbindlichkeit. Sie konnten diesen Zustand genießen, bis es in jener Nacht zu diesem schrecklichen Ereignis kam, an dem Robert nun erneut zu verzweifeln droht. Er kann sich nicht erklären, wieso er nichts weiter tat, und wahrscheinlich wird er sich das auch niemals verzeihen können.

Alain Schöni fühlte sich an jenem Abend wieder mal unsterblich und hatte die heftig einschießenden Schmerzen, die er während des zweiten Aktes plötzlich verspürt hatte, mittlerweile völlig vergessen. Das Nachtessen war nur der Auftakt gewesen, bei dem er seinen favorisierten Jüngling aus der Ferne beobachtet und angeschmachtet hatte. Einige Stunden darauf lagen sie im riesigen Doppelbett des berühmten Tenors und gaben sich ihrer Lust hin. Während eines endlosen penetrierenden Sexualakts wurde Alain plötzlich übel und er musste schwallartig erbrechen. Zu seinem Erstaunen erbrach er anstelle des zu erwartenden Nahrungsbreis Ströme knallroten Blutes, die sich spritzend über das gesamte Bett und seinen vor ihm knienden Adonis ergossen. Er konnte gar nicht mehr damit aufhören, Unmengen von Blut aus seinem Inneren nach außen zu pressen, bis er langsam das Bewusstsein verlor. Kurz vorher schaute er noch ein letztes Mal in die vor Angst aufgerissenen Augen seines Liebsten, der laut und gellend um Hilfe schrie und mit einem Satz aus dem Bett sprang.

»Hier sehen Sie das Mediastinalpaket«, referiert Charlotte der Staatsanwältin. Frau Zaugg, die über keinerlei medizinische Fachkenntnisse verfügt, runzelt die Stirn und schaut Charlotte fragend an.

»Durch den Mittelfellraum des Brustkorbs verlaufen verschiedene Strukturen. Schauen Sie mal hier«, spricht sie weiter und hält Frau Zaugg die Zunge hin, an deren Grund ein langgezogenes ­Organpaket mit Herz und Lungenflügeln baumelt. »Hinter der Zunge sehen Sie die zwei verschiedenen Wege, durch die Material aus der Mundhöhle weitergeleitet werden kann. Luft fließt beim Einatmen hier durch die Luftröhre und Speisebrei rutscht nach Verschluss der Luftröhre durch den Kehldeckel weiter in die Speise­röhre, dann in den Magen und Darm und so weiter, können Sie das erkennen?«, fragt sie die Juristin.

»Ja, Frau Dr. Fahl, das sehe ich«, antwortet die Staatsanwältin leicht ungehalten. »Worauf wollen Sie hinaus? Bitte kürzen Sie das Ganze hier ab, wenn möglich. Der strenge Geruch setzt mir zu, muss ich ehrlich zugeben. Und optisch komme ich auch an meine Grenzen, tut mir leid. Ich kann Ihre Faszination beim besten Willen nicht teilen. Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, aber mir wird langsam übel«, beendet sie ihr Statement und ist im Begriff, fluchtartig den Saal zu verlassen.

»Frau Zaugg«, ruft Charlotte ihr nach. »Bitte kommen Sie noch einmal ganz kurz zurück. Ich verspreche Ihnen, dass ich den Hauptbefund so schonend und schnell wie möglich demonstrieren werde. Aber den dürfen Sie wirklich nicht verpassen, Sie werden es nicht bereuen«, spricht sie offenbar überzeugend zu der langsamen Schrittes zurückkehrenden Staatsanwältin, die jetzt tatsächlich ganz interessiert auf das Präparat vor Charlotte schaut.

»Die Wand der Hauptschlagader ist durch starke Verkalkungen komplett verändert und zum Teil sogar regelrecht aufgebrochen, sehen Sie mal hier«, sagt Charlotte Frau und hebt Zaugg einen verkalkten Wandanteil der Aorta mithilfe einer chirurgischen Pinzette entgegen.

»Frau Dr. Fahl, ich bitte Sie!«, beschwert sich diese erneut und wendet sich ab. »Sie wollten es kurz machen, das haben Sie mir versprochen.«

»An dieser Stelle hier«, Charlotte zeigt auf ein kleines Loch in der Gefäßwand und fährt fort, »hat sich so ein Kalkbeet durch den ständigen Druck des Blutstroms langsam, aber sicher regelrecht durch die Wand gefressen und dadurch ist eine Verbindung zur ganz nah anliegenden Speiseröhre entstanden. Beide Hohlorgane wurden fälschlicherweise miteinander verbunden. Das geschah ­natürlich nicht von heute auf morgen, sondern war ein längerer Prozess, den der Betroffene nicht unbedingt bemerken musste. Kommt es dann aber zu einer vollständigen offenen Verbindung zwischen diesen beiden Hohlorganen, bildet sich eine sogenannte aorto-ösophageale Fistel. Das ist eine absolute Rarität. So etwas sieht eine Rechtsmedizinerin, wenn überhaupt, nur ein einziges Mal in ihrem ganzen Berufsleben«, beendet Charlotte ein wenig stolz ihre Präsentation.

»Frau Dr. Fahl, das ist wirklich fantastisch, wie Sie mir alles erklärt haben. Aber schlussendlich benötige ich nur eine Aussage von Ihnen: Ist das strafrechtlich irgendwie relevant, wurde das also durch dritte Hand verursacht?

Charlotte ist ein wenig enttäuscht darüber, dass die Staatsanwältin diesen äußerst seltenen Befund nicht so interessant findet wie sie selbst, und antwortet resigniert:

»Nein. Strafrechtlich gibt’s hier nichts für Sie zu tun.« Dann kommt ihr allerdings noch etwas in den Sinn, was sie der Staatsanwältin nicht vorenthalten möchte. »Falls jemand anders dabei war, als es passierte, also beispielsweise der Mann, den Sie noch befragen wollen, wäre eine unterlassene Hilfeleistung zu diskutieren«, gibt sie ihre Überlegungen kund und wendet sich danach ihren fein säuberlich ausgelegten Präparaten zu, die sie in allen Einzelheiten fotografieren lässt.

»Dann melde ich mich wieder bei Ihnen, wenn wir Robert Guillaume gefunden haben«, verabschiedet sich Frau Zaugg bei Charlotte und kann es gar nicht erwarten, den Saal endlich zu verlassen.

»Das ist aber eine grausame Überlegung, die du da angestellt hast«, meldet sich jetzt die Präparatorin leise bei Charlotte. »Stell dir das bitte mal im Detail vor. Du hast lustvollen Sex mit deinem Partner und der überschüttet dich ganz plötzlich mit seinem ausgespuckten Blut«, verzieht Nicole ihre Miene und schüttelt mehrmals heftig den Kopf. »Das ist echt gnadenlos, da würde sogar ich vor lauter Schreck als Erstes rausrennen, ganz ehrlich«, sagt sie, während sie die spitze dicke Nähnadel mitsamt dem schnurartigen Fadenmaterial schwungvoll durch die Kopfhaut des toten Tenors zieht.

Unfall

Ein sonniger Augusttag hatte für Elisabeth Degen begonnen wie gewöhnlich, und wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte er auch ebenso enden können. Sie wollte zusammen mit ihrem Mann ­einen gemütlichen Abend verbringen und zuvor noch einige ­Besorgungen machen. Für Matthias Koller war es dagegen eher ein anstrengender Tag in seinem Architektenbüro gewesen. Nach dem gelungenen Abschluss eines Großbauprojekts hatte er kurzentschlossen für alle Angestellten einen Apéro organisieren lassen. Eigentlich war der Abend für seine Geliebte reserviert gewesen, die hatte am Morgen aber kurzfristig abgesagt. Frau Degen war am späten Nachmittag mit ihren Einkäufen fertig geworden und freute sich schon darauf, nachher ein leckeres Nachtessen für sich und ihren Mann zuzubereiten. Herr Koller hatte bei dem Umtrunk auf Alkohol verzichten wollen, wurde dann aber ständig von Kollegen animiert, mit Champagner anzustoßen.

Als Elisabeth Degen mit ihren Einkaufstaschen beladen aus dem COOP kam, wo sie nur noch rasch ein Stück Butter besorgt hatte, traf sie an der Bushaltestelle direkt vor dem Eingang ihre alte Bekannte Ursula Lüti. Zu einem lockeren Schwätzchen aufgelegt tauschten die beiden älteren Damen für ein paar Minuten die ­neuesten Neuigkeiten aus. Als Matthias Koller in seinen Porsche Cayenne stieg, hatte er mehr Alkohol intus, als er sonst während eines ganzen Monats trank. Nur fünf Minuten später lag Frau ­Degen schwer verletzt auf dem Fußgängerüberweg und atmete nicht mehr, während Herr Koller nach einem lauten Krachen an seiner Stoßstange erschrocken zur Seite geschaut und lediglich ­einen dunklen Schatten wahrgenommen hatte. Er fuhr weiter, als wäre nichts geschehen, weil das Krachen offenbar keinen Schaden an seinem Porsche hinterlassen hatte. Die umstehenden Passanten, unter denen sich auch die Bekannte von Frau Degen befand, eilten der auf dem Asphalt Liegenden zu Hilfe, jemand verständigte die Polizei und den Rettungsdienst, die nur wenige Minuten später eintrafen.

Es ist 6 Uhr morgens, als der Wecker Maria Callas’ Arie »La mamma morta« schmettert und Charlotte aus einem kurzen, grauenhaften Traum befreit.

»Was war das für ein brutaler Wahnsinn?«, sagt sie verdattert zu sich selbst, schleicht sich auf Zehenspitzen aus dem Bett, um ­Pascal nicht zu wecken, und taumelt müde auf die Toilette.

Wahrscheinlich hat ihr Albtraum mit dem Einsatz von letzter Nacht zu tun, der sie einige Stunden Schlaf gekostet hat, vermutet sie. Die Leiche war nackt und voller Blut gewesen. Bevor sie im schummrigen Licht überhaupt erkennen konnte, dass es sich um eine Frau handelte, war ihr der fast komplett vom Rumpf abgetrennte Kopf aufgefallen, der in grotesker Verdrehung am Boden lag und aus dessen weit aufgerissenen Augen die blanke Angst schrie. Nachdem sie die Leichenschau in den Räumen eines Klubs an der Langstraße durchgeführt und anschließend alles in den Computer eingegeben hatte, war sie gegen halb vier total erschöpft und völlig übermüdet ins Bett gefallen. Eigentlich würde sie sich nach einem solchen Nachtdienst am liebsten für einen Tag zu Hause verkriechen, aber so etwas ist in ihrem Job nicht drin. Heute hat sie einen großen Auftritt vor dem Obergericht, weshalb sie sich besonders sorgfältig zurechtmachen muss.

Vor dem Badezimmerspiegel stehend streicht sie sich ihr leicht gewelltes, jetzt eher völlig zerzaustes kastanienbraunes Haar mit zwei Fingern aus dem fahlen Gesicht und erschrickt ein weiteres Mal. Nach dem anstrengenden Albtraum sieht sie sich mit der blanken Realität konfrontiert, die ihr fast noch schlimmer vorkommt.

»Können Falten über Nacht entstehen?«, fragt sie sich ernsthaft, obwohl sie die Antwort ganz genau kennt. »Entweder habe ich mich schon wochenlang nicht mehr im Spiegel angeschaut oder ich bin letzte Nacht zu einer steinalten Frau mutiert«, spricht sie besorgt zu ihrem Spiegelbild.

Klar, einige ihrer etwas älteren Freundinnen haben es vorausgesagt, dass auch sie eines schönen Tages ihr Alter nicht nur spüren, sondern auch sehen werde. Unfair findet sie jetzt nur, dass dies ausgerechnet heute passiert, wo sie das Gericht überzeugen muss. Zwar geht es nicht um Mord, wie bei der Frau von letzter Nacht, aber fahrlässige Tötung ist auch kein Kavaliersdelikt und erfordert eine saubere Performance. Schwer vorstellbar nach dem gefühlten Schleudergang der letzten Nacht. Alles hängt von ihrem Auftritt ab, also muss sie jetzt dringend etwas unternehmen.

Erst in die Requisite, dann ab in die Maske und schließlich noch ein letzter Textcheck, bevor sie die Bühne betritt. Nach einer Art Selbstkasteiung, bei der sie ihren nachtwarmen Körper unter der Dusche mit eiskaltem Wasser abgeschreckt hat, geht sie leise zurück ins Schlafzimmer und nimmt den beige-braunen Hosen­anzug zusammen mit der himmelblauen Bluse aus dem Kleiderschrank. Sie wirft einen Blick auf Pascal, der noch immer völlig entspannt, alle Viere von sich gestreckt, unter der weichen Daunendecke liegt und kaum hörbar vor sich hin atmet. Einen Schlaf hat dieser riesige Mann – wie ein erschöpftes Kind, denkt sie liebevoll und schleicht sich genauso vorsichtig wieder aus dem Zimmer. Vor dem Spiegel im Badezimmer trägt sie eine nicht zu dünne Schicht Make-up auf, umrahmt ihre übermüdeten kleinen Augen mit schwarzen Kajalstrichen und verhilft den schlaffen Wimpern mit etwas Tusche zu neuer Spannkraft. Zum krönenden Abschluss kommt ein braunroter Lippenstift zum Einsatz, als Ablenkungsmanöver sozusagen.

Während sie sich ankleidet, grübelt sie weiter über das Älterwerden, das sie seit ein paar Jahren mal mehr, mal weniger beschäftigt. Vor drei Jahren hatte Charlotte ihren Vierzigsten im ganz großen Stil gefeiert, die darauffolgenden Geburtstage wollte sie lieber still und heimlich alleine mit Pascal verbringen. Der steht eh über allem. Ihm scheint Alter völlig gleichgültig zu sein, wie so viele andere Dinge leider auch. Ihm sieht man aber auch nicht an, wie alt er ist, das ist ja das Gemeine. Im Gegensatz zu ihr sieht er von Jahr zu Jahr besser aus, findet jedenfalls Charlotte. Über ihr Äußeres spricht er nie, zumindest nie abwertend. Aber auch positive Bemerkungen macht er nicht. Das kommt ihr natürlich gerade jetzt in den Sinn, wo sie sich selbst kaum wiedererkennen kann. Pascal verliert einfach keine Worte über Schönheit, jedenfalls nicht über menschliche, denkt sie. Über die Schönheit seiner Gemälde oder anderer Kunstwerke kann er sich stundenlang unterhalten. Mit einer Ausnahme, fällt ihr jetzt ein: Über seine ­neugeborene Nichte Francine hat er kürzlich, ganz stolzer Onkel, nicht enden wollende, mit poetischem Pathos vorgetragene Liebes­hymnen von sich gegeben.

»Francine ist das schönste Geschöpf, das ich je gesehen habe«, hatte er ihr nach seinem Besuch im Krankenhaus erzählt und damit eine nicht enden wollende Aufzählung der Vorzüge der schönsten aller Nichten eingeleitet. Als er sich Minuten später dazu verstiegen hatte, den Geruch des Babys mit dem »Duft wie von tausend edlen Rosen« zu vergleichen, war es Charlotte zu bunt geworden.

»Also, mal im Ernst, so von einem Neugeborenen zu sprechen, ist schon ein wenig übertrieben, findest du nicht?«, hatte sie Pascal leicht verunsichert und provokativ gefragt. Dass sie seine Schwärmerei nicht nachempfinden konnte, lag bestimmt an ihrem Beruf. Während ihrer Zeit als Gynäkologin hatte sie im Kreißsaal den Eindruck gewonnen, dass alle Neugeborenen, wenn nicht gleich, so doch irgendwie total ähnlich aussahen.

Pascal war allerdings gar nicht daran interessiert, wie sie die Sache beurteilte, sondern hatte sich inzwischen an seiner eigenen Rede derart berauscht, dass er sich nicht mal unterbrechen ließ. So kennt sie ihn. Wenn er sich für etwas begeistert, vergisst er alles andere um sich herum. Das empfindet sie immer dann als besonders angenehm, wenn sie es ist, die seine Begeisterung erregen kann.

Nach einem ungesüßten doppelten Espresso und einer reifen Banane ohne braune Stellen fühlt sich das Leben schon wieder ganz anders an und die Bühne kann bestiegen werden. Sollen doch die Leute im Gerichtssaal über sie denken, was sie wollen. Schönheit gehört auf den Laufsteg und nicht vors Obergericht. Außerdem hat sicher keiner der dort Anwesenden solch eine Nacht hinter sich wie sie. Heute wird sie ihnen mal wieder zeigen, was sie drauf hat. Wie sie dabei aussieht, ist doch völlig egal. Hauptsache, sie wirkt überzeugend. Ihre Stimme hat Gewicht. Wie hatte ihr ehemaliger Oberarzt immer gesagt?

»Du bist die Expertin, deine Ausführungen zählen. Und denke immer daran, die anderen können dir sowieso nicht das Gegenteil beweisen.«

Dabei hatte er laut gelacht und ihr aufmunternd zugenickt. Sie ist natürlich trotzdem jedes Mal total aufgeregt in die Verhandlungen gegangen. Außerdem haben sich die Zeiten seither deutlich geändert. So leicht sind auch die Juristen heutzutage nicht mehr zu überzeugen, schon gar nicht die Verteidiger, die Rechtsvertreter der Beschuldigten. Jede Äußerung muss en détail belegt werden. Ohne eine ordentlich nachprüfbare Quellenangabe oder eine andere Form der Expertise werden die Aussagen einer gerichtlichen Sachverständigen nicht mehr einfach so akzeptiert. Charlotte hat die Sache schon immer sehr ernst genommen, vielleicht manchmal sogar zu ernst, aber so ist sie nun mal. Stets ganz genau, seriös und vor allen Dingen von Grund auf ehrlich. Eine engagierte Rechtsmedizinerin, strebsam und extrem anspruchsvoll – auch und ­gerade in Bezug auf sich selbst. Diese hohen Ansprüche machen sie manchmal regelrecht fertig, aber sie gehören eben zu ihrer Persönlichkeit. »Oh je, die Morgengymnastik«, schießt es ihr plötzlich durch den Kopf. Die hat sie in all der Aufregung völlig vergessen. Mist! Für ihre Yogaübungen ist es zu spät, das nächste Tram gehört ihr.

»Dann muss ich morgen eben doppelt dran glauben, so sind die Spielregeln«, ermahnt sie sich, während sie die notwendigen Unterlagen in die Aktentasche packt und einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel wirft. Es sind ihre eigenen Spielregeln, von denen sie spricht.

In der heutigen Gerichtsverhandlung geht es für den Angeklagten um die Wurst. Dem mittlerweile 44-jährigen Matthias K. wird vorgeworfen, im August letzten Jahres die 76-jährige Frau D. auf einem Zebrastreifen im Stadtteil Zürich Oerlikon angefahren und hierdurch getötet zu haben. Herr K. beging Fahrerflucht, was er aber zunächst abgestritten hatte. Dem Staatsanwalt ließ er durch seinen Rechtsanwalt mitteilen, die alte Dame habe bereits auf der Straße gelegen, als er mit seinem Auto am späten Nachmittag dort vorbeigefahren sei. Sein Porsche Cayenne habe den Körper der Frau gar nicht berührt. Nachdem er im Rückspiegel gesehen habe, dass umstehende Passanten sich um die am Boden gelegene Frau gekümmert hätten, sei er weitergefahren. Er sei überzeugt gewesen, dass man seine Hilfe dort absolut nicht benötigte.

»Was für eine Wahnsinnsgeschichte hat der Typ sich da zurechtgelegt«, war es Charlotte bei der Lektüre der Akten durch den Kopf gegangen, unglaublich. Offensichtlich hatte er aber geglaubt, man würde ihm diesen Quatsch abkaufen. Wenn es darum geht, den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen oder sich selbst ­gegenüber – aus psychologisch begreiflichen Gründen – die eigene Schuld schönzureden, treibt die Fantasie einiger Menschen die ­bizarrsten Blüten. Die Opfer oder deren Angehörige werden in beiden Fällen schlicht ausgeblendet. In diesem Fall war es dem Angeklagten zum Glück nicht gelungen. Er hatte deshalb eine zweite Version der Geschichte aufgetischt, um deren Glaubwürdigkeit es bei der heutigen Hauptverhandlung gehen würde.

Charlotte hastet durch den Nieselregen zur Tramhaltestelle, wo sie gerade noch das 11er-Tram erwischt. Die Fahrt zum Obergericht nutzt sie für einen letzten Check ihrer Unterlagen. Als sie gedankenverloren von ihrer Lektüre aufschaut, sieht sie in all die beschäftigten Gesichter der anderen Fahrgäste und kann keinen einzigen unter ihnen ausmachen, der nicht auf sein Smartphone starrt. Lauter Zombies. Es ist, als setze sich der surreale Albtraum von heute Nacht fort.

Im altertümlichen Gerichtsgebäude ist es kühl, kalt sogar. Charlotte hockt sich auf die harte Holzbank und wartet. Nach ­einer knapp einstündigen Wartezeit wird sie endlich in den ­Gerichtssaal gebeten. Schlechtes Timing spricht nicht gerade für einen reibungslosen Prozessablauf, geht es ihr beim Eintreten durch den Kopf. Im Saal ist es heiß und stickig und die Anwesenden strahlen eine unangenehme Anspannung aus. Nach den üblichen Angaben zur Person, dem Hinweis, mit dem Beschuldigten weder verwandt noch verschwägert zu sein, und den Belehrungen der Richterin setzt sich Charlotte auf den Stuhl links neben den Staatsanwalt, der ihr freundlich zunickt.

»Darf ich nun die rechtsmedizinische Sachverständige Frau Dr. Fahl bitten, Ihr Gutachten zu erstatten«, fordert die Richterin sie mit fester, betont sachlicher Stimme auf.

Charlotte nimmt einen tiefen Atemzug, bevor sie dem Gericht mit ebenso fester Stimme zu erklären beginnt, wie die Verletzungen am Leichnam zusammen mit den DNA-Spuren zu interpretieren sind. Hierbei versucht sie, möglichst bildhaft zu sprechen, damit sich auch wirklich alle Anwesenden die Sachlage genau vorstellen können.

»Besonders der Unterschenkelbruch spricht eindeutig dafür, dass die ältere Dame aufrecht und festen Schrittes die Straße überquert hat«, beendet Charlotte nach einer knappen Viertelstunde ihre detaillierten Ausführungen. Die Richterin fragt nach, ob sie sichere Angaben zur Laufrichtung der Frau machen könne.

»Für das Gericht ist es sehr wichtig zu erfahren, aus welcher Richtung die Frau gekommen ist, Frau Dr. Fahl«, erklärt sie und blickt Charlotte erwartungsfroh an. In der neuen Einlassung zur Hauptverhandlung hatte der Angeklagte nun zwar zugegeben, die ältere Dame angefahren zu haben, aber der Grund dafür sei das Verhalten der Frau gewesen, die aus seiner Fahrtrichtung gesehen von rechts kommend ganz unvermutet auf die Fahrbahn gestürzt sei. Charlotte ist klar, warum er jetzt mit dieser Version kommt. Schließlich wäre dem Fahrer in diesem Fall wesentlich weniger Zeit geblieben, die Frau überhaupt zu bemerken. Bei einer Annähe­rung von links hätte ihm ein deutlich längeres Zeitfenster zur Wahrnehmung und Reaktion zur Verfügung gestanden.

»Unseren Ergebnissen nach zu urteilen, kam die Frau von links und überquerte die Fahrbahn nach rechts«, sagt sie kurz und knapp in Richtung der Richterin. Der Verteidiger will nicht verstehen, zumindest tut er so und unterbricht unvermittelt ihre Ausführungen.

»Herr Koller ist von Frau Degen völlig überrascht worden, als sie ganz plötzlich von rechts regelrecht auf die Fahrbahn gesprungen ist«, ruft er laut in den Saal. »Sie hatte weder rechts noch links geschaut und lief geradewegs mit ihren Einkaufstaschen beladen vornübergebeugt auf die Straße. Hierfür gibt es sogar einen Zeugen«, ergänzt er noch. Die Richterin scheint verärgert und weist den Verteidiger schroff darauf hin, dass er gerade gar nicht dran sei und sich bitte ruhig verhalten solle, da er sonst des Saales verwiesen werde.

»Sie bekommen wie üblich noch Gelegenheit, der Sachverständigen Fragen zu stellen, so sie denn welche haben sollten, Herr Geissel«, fährt sie ihn an und wendet sich dann wieder Charlotte zu: »Frau Dr. Fahl, bitte fahren Sie fort.

»Hier war es nachweislich die Stoßstange, mit der das rechte Bein angefahren wurde. Das haben zum einen die Messdaten vom Fahrzeug und zum anderen Vergleiche der DNA-Spuren von Stoßstange und Leichnam ergeben. Danach geschah das Anfahren, wie es bei einer Überquerung von links nach rechts während eines Schritts nach vorne durchaus möglich gewesen wäre.« Die Beteiligten wirken etwas verstört und lassen sich das Gesagte anhand eines 3D-Videos näher verdeutlichen. Im Video spaziert ein Skelett über eine Fahrbahn und wird von einem herannahenden Fahrzeug am Unterschenkel angefahren. Als die Demonstration beendet ist, erfolgt allseits zustimmendes Nicken.

»Keine weiteren Fragen«, fasst die Richterin zusammen und gibt das Fragerecht an die Staatsanwaltschaft weiter. Auch der Staatsanwalt hat keine Fragen, lediglich der Verteidiger, der nun an der Reihe ist, insistiert und legt noch einmal nach. »Hochgeschätzte, sehr verehrte Frau Doktor«, beginnt Herr Geissel betont höflich, fast schon sarkastisch. »Wir sind alle höchst beeindruckt von Ihrem schönen Video, das Sie uns da eben gezeigt haben. ­Leider besagt das Video gar nichts. Das sind alles computergestützte Nachstellungen, die nur hypothetisch zeigen, wie es gewesen sein könnte, nicht aber, wie es wirklich war. Woher wollen Sie genau wissen, in welche Richtung Frau Degen unterwegs war? Das leiten Sie doch hoffentlich nicht allein von den Messdaten und den DNA-Spuren ab, oder etwa doch? Anhand dieser Daten können Sie allenfalls ablesen, dass der Unterschenkel Kontakt mit der Stoßstange hatte, wie Sie selbst richtig gesagt haben, aber doch nicht die Richtung, in die die Frau unterwegs war, oder habe ich da vielleicht etwas falsch verstanden?«, beendet er selbstzufrieden seine Frage.

»Das hat er sich aber schön zurecht gelegt«, denkt Charlotte und räuspert sich, während sie kurz nachdenkt, wie sie seinen plumpen, lediglich auf Verunsicherung zielenden Versuch, ihr Gutachten zu entkräften, zum Scheitern bringen kann. Der Anwalt schaut siegesgewiss erst sie und dann die Richterin an, bevor Charlotte mit monotoner Stimme antwortet. »Das typische Fraktursystem des rechten Schien- und Wadenbeins der Fußgängerin spricht eindeutig dafür, dass der Impact von der Außenseite auf den Unterschenkel einwirkte. Es belegt durch seine sogenannte Keilbildung die Richtung der Krafteinwirkung und zeigt, dass der Fuß zum Zeitpunkt der Kollision mit der Stoßstange des Unfallfahrzeugs festen Kontakt mit dem Straßenbelag hatte. Das wird zudem durch die frischen Abriebspuren an der rechten Schuhsohle untermauert, die kriminaltechnisch nachgewiesen werden konnten und eindeutig seitlich schräg von außen nach innen verlaufen.« Sie schaut erst zur Richterin und dann zum Rechtsanwalt, um ihn direkt anzusprechen:

»Ich weiß nicht, wie beweglich Sie in Ihrem Hüft- und Kniegelenk sind, Herr Geissel, aber mit Verlaub gesagt, dürften auch Sie große Mühe haben, uns zu zeigen, wie sich der Mechanismus bei Laufrichtung von rechts nach links zugetragen haben könnte.«

Die Richterin kann sich ein Lächeln nicht verkneifen, fragt den Verteidiger dann allerdings sehr ernst, ob er seine Version gerne vorführen möchte. Schließlich seien nun alle sehr gespannt auf seine akrobatischen Künste. Nach einer Welle nicht mehr zu unterdrückenden Gelächters, das durch die Zuhörerschaft geht, wendet sich der Verteidiger räuspernd der Richterin zu, bevor er etwas gekränkt antwortet: »Nein, vielen Dank, das ist nicht nötig. Ich ziehe meine Frage zurück«.

Zufrieden und gelöst lehnt sich Charlotte in ihrem Zeugenstuhl zurück und atmet tief ein und aus. Das ist perfekt gelaufen, besser hätte sie es wohl kaum machen können. Sie bleibt entspannt auf ihrem Stuhl sitzen, da sie zu einem späteren Zeitpunkt ergänzende Angaben zu den letztlich tödlichen Verletzungen und ihr Alkoholgutachten präsentieren muss, immerhin war der Fahrer zum Unfallzeitpunkt alles andere als nüchtern.

Der Verteidiger verzichtet darauf, den angeblichen Zeugen für das Kollisionsereignis zu hören. Wahrscheinlich hat er nun doch ­Bedenken, ihn der Gefahr einer Falschaussage auszusetzen. Ein bisschen Verantwortungsgefühl scheint er ja wenigstens zu haben, dieser Anwalt, denkt Charlotte und beobachtet ihn mit Argusaugen.

Dann ist sie wieder an der Reihe, und sie erklärt dem Gericht, dass Frau Degen eine zwar ältere, aber für ihr Alter ganz gesunde Frau war. Das ist insofern wichtig, als sie nun darlegt, dass die Dame eindeutig an den Folgen des Verkehrsunfalls verstorben ist, ihre gesundheitliche Grundkondition einem langen Leben also nicht im Wege gestanden hätte.

»Das Fahrzeug von Herrn Koller hat ihren Weg gekreuzt und damit über alles Weitere entschieden«, erläutert Charlotte bildhaft in Richtung der Richterin und schaut dann in den Zuschauerraum, wo eben ein lautes Schluchzen zu hören war. Der Staatsanwalt beugt sich zu ihr und flüstert:

»Das ist Herr Degen, der Witwer.« Für Herrn Degen hat sich von einer Minute auf die andere das ganze Leben verändert. Charlotte muss augenblicklich an ihren Nachbarn Herrn Rüti denken, dessen Ehefrau vor zwei Jahren auch überfahren wurde. Seither irrt der ältere Herr fast täglich in der Gegend herum und fragt alle Leute, ob sie seine Frau gesehen hätten.

»Unter Berücksichtigung der polizeilichen Ermittlungsergebnisse komme ich zu dem Schluss, dass es weder das Verhalten der Frau noch die Wetter- oder Lichtverhältnisse waren, die die Kollision hervorgerufen haben«, spricht Charlotte rasch weiter. Sie ergänzt noch, dass auch am Fahrzeug selbst keinerlei technische Mängel festgestellt werden konnten, die diesen Vorgang hätten erklären können. Dann fasst sie zusammen, Frau Degen sei als Fußgängerin, im Begriff, die Straße auf einem Fußgängerstreifen von links nach rechts zu überqueren, am äußeren rechten Rand der Fahrbahn vom Personenwagen des Herrn Koller ungebremst erfasst worden, danach auf die Kühlerhaube geprallt und zuletzt seitlich auf den Asphalt geschleudert worden.

»Dieses ungleiche Kräfteverhältnis hat zu den zahlreichen, am Ende nicht überlebbaren Verletzungen im Sinne eines Polytraumas geführt«, erklärt sie weiter und schließt ihre Ausführungen pointiert mit den Worten:

»Frau Degen verstarb trotz sehr rasch eingeleiteter Reanima­tionsmaßnahmen noch an der Unfallstelle.«

Als sie ihren letzten Satz beendet, wird blitzartig alles rot vor ihren Augen und der Leichnam der alten Dame verwandelt sich in den der Frau von letzter Nacht.

Die Richterin nennt nun die Konzentration des Alkohols im Blut des Beschuldigten zum Zeitpunkt der Blutentnahme, also zwei Stunden nach dem Unfall, und ein leises Raunen geht durch die Menge. Charlotte wird gebeten, dem Gericht anzugeben, wie viel Alkohol nötig war, um bei dem Beschuldigten diesen exorbitanten Wert von 1,8 Promille zu erzeugen. Als Charlotte daraufhin ausführt, wie viel Champagner der Fahrer des Unfallfahrzeugs unter Berücksichtigung seiner körperlichen Konstitution und des Zeitfaktors an jenem Nachmittag getrunken haben muss, wird das Raunen lauter. Herr Degen schluchzt erneut, dieses Mal noch heftiger, und schlägt seine Hände vors Gesicht. Sein ganzer Körper zuckt rhythmisch, er kann sich nur schwer auf dem Stuhl halten. Eine Trunkenheitsfahrt hat ihm an einem sonnigen Sommernachmittag seine Frau genommen.

Der Beschuldigte, der Fahrerflucht begangen und sich mit diversen Lügen aus der Verantwortung zu stehlen versucht hat, schaut während der ganzen Verhandlung regungslos geradeaus. An dem letztlich erlassenen Strafmaß kann auch der engagierte Rechtsanwalt Herr Geissel nicht mehr rütteln, unter dessen schwarzer Robe ausgedehnte Schweißränder zu sehen sind, als er abschließend mit pathetisch ausgebreiteten Armen für eine verminderte Schuldfähigkeit aufgrund der hohen Alkoholisierung des Angeklagten plädiert.

Die Richterin spricht im Namen des Volkes das Urteil, für dessen Begründung sie sich Zeit nimmt. Ihre Worte klingen sorgfältig abgewogen, ihr entschiedener Ton unterstreicht die Klarheit und Eindeutigkeit, mit der sie das Strafmaß erklärt. Den Ausführungen der rechtsmedizinischen Sachverständigen Dr. Charlotte Fahl für die Feststellung des Straftatbestands der fahrlässigen Tötung mit Fahrerflucht unter Alkoholeinfluss misst die Richterin eine enorme Wichtigkeit bei. Es war ein Unfall, doch der wäre durch rücksichtsvolleres Verhalten des Angeklagten vermeidbar gewesen, in der Alkoholisierung könne sie keinen Grund für eine verminderte Schuldfähigkeit erkennen, schließt die Richterin ihre Urteilsverkündung.

In Herrn Kollers Augen zeigt sich blankes Entsetzen. Seine Freude über das erfolgreiche Großbauprojekt hat sich von einer Sekunde zur anderen zu einem endlosen Albtraum entwickelt – in einem einzigen Moment der Unaufmerksamkeit.

Als Charlotte aus dem Gerichtsgebäude tritt, hat der Nieselregen aufgehört. Jetzt schaut sogar ab und zu die Sonne zwischen ein paar rasch am Himmel vorbeiziehenden Wolken hindurch. Auf dem Platz vor dem Gerichtsgebäude läuft Verteidiger Geissel hinter Charlotte her und strahlt bis über beide Ohren, als er sie eingeholt hat.

»Toll haben Sie das gemacht, Frau Dr. Fahl, gratuliere, ehrlich«, sagt er leicht außer Atem zu ihr. »Manchmal bin ich nach einer Verhandlung richtig enttäuscht, wenn ich die Sachverständigen dermaßen in Grund und Boden gestampft habe, dass sie wie ein Häufchen Elend dastehen und nur noch Blödsinn stammeln«, lässt er sie in selbstgefälligem Ton wissen. Dann schaut er mit leicht nach unten geneigtem Kopf schräg zu ihr auf und sagt – nicht weniger selbstgewiss – mit zuckersüßer Stimme:

»Mit Ihnen geht das ja nicht, und das gefällt mir sehr. Haben Sie vielleicht Lust, heute mit mir zu Mittag zu essen?«

Einen kurzen Moment lang steht Charlotte unentschlossen vor dem Anwalt und schaut in seine wässrig-blauen Augen.

»Langweilig«, denkt sie, »der Typ ist bestimmt aalglatt und total langweilig.« Sie entschuldigt sich höflich mit der Arbeit im Institut, die sie dringend heute noch erledigen müsse.

»Ein anderes Mal vielleicht«, sagt sie in leicht abweisendem Ton. Dann dreht sie sich weg und steigt eilig ins Tram. Sie schaut bewusst in Fahrtrichtung, auf keinen Fall zurück.

Spezialfall

Als Charlotte nach der monatlichen Sitzung der Geschäftsleitung am Vormittag in ihr Büro zurückkommt, stapeln sich dort Berge von Gutachten. Sie warten auf den finalen Check und ihre Unterschrift, bevor sie offiziell das Institut verlassen können. Charlotte macht sich sofort an die Arbeit, taucht ein in die einzelnen ­Fallberichte und damit in die Geschichten menschlicher Schicksale. Am Nachmittag hat sich das Chaos auf ihrem Schreibtisch endlich gelichtet. Gerade als sie beim Mikroskopieren über einem Gewebeschnitt der Leber eines Verstorbenen brütet und den ­Histologiebefund in ihr Diktafon sprechen will, klopft es an ihre Bürotür. Es ist Lara, eine Assistenzärztin, die zaghaft ­nachfragt, ob sie eventuell einen Fall mit Charlotte besprechen könne.

»Komm, setz dich bitte erst ans Mikroskop und sag mir, ob dir an diesem Gewebeschnitt etwas auffällt, und wenn ja, was genau«, antwortet Charlotte auf ihre Anfrage. Lara lächelt etwas schief, macht sich aber gleich interessiert ans Werk. Sie schiebt den eingeklemmten Objektträger auf dem Mikroskopierschlitten hin und her, wobei sie leise grummelnde Geräusche von sich gibt. Nach einer gefühlten Ewigkeit, während der Charlotte auf der anderen Seite des Diskussionsmikroskops mitgeschaut und geschwiegen hat, unterbricht Lara unvermittelt ihr Grummeln und fasst in prägnanten Sätzen zusammen, was sie gesehen hat.

»Aus meiner Sicht handelt es sich hier um eine mittelgradige, eher kleinvakuolige Leberzellverfettung mit Zeichen einer ebenfalls chronischen, aber unspezifischen Entzündungsreaktion im Sinne einer Begleithepatitis, die perilobulär akzentuiert zu sein scheint. Handelt es sich hier womöglich um die Leber eines Alkoholikers?«

»Sehr gut«, entgegnet Charlotte voller Anerkennung und ­lächelt Lara an. »Das ist wirklich ausgezeichnet, vielen Dank, und es bestätigt genau das, was ich auch gesehen habe. Dann kann ich ja jetzt guten Gewissens den Befund diktieren.«

Lara runzelt leicht die Stirn und entgegnet kühl: »Als ob du dazu meine Beurteilung benötigt hättest, Charlotte, also bitte.«