Das geheime Leben der Violet Grant - Beatriz Williams - E-Book

Das geheime Leben der Violet Grant E-Book

Beatriz Williams

4,4
0,99 €

Beschreibung

Erfrischend anders: Beatriz Williams erfindet die Saga neu!

Manhattan, 1964. Vivian Schuyler hat das Undenkbare getan: Sie hat dem glamourösen Upperclass-Leben ihrer Familie den Rücken gekehrt, um Karriere als Journalistin zu machen. Als sie herausfindet, dass sie eine skandalumwitterte Großtante hat, ist ihr Spürsinn geweckt …
Berlin, 1914. Die junge Physikerin Violet erträgt ihre Ehe mit dem älteren Professor Grant nur, um ihren Forschungen nachgehen zu können. Doch plötzlich bricht der Erste Weltkrieg aus – und ein geheimnisvoller Besucher stellt Violet vor eine Entscheidung mit dramatischen Folgen.

Die East-Coast-Reihe von Beatriz Williams bei Blanvalet:
1. Im Herzen des Sturms
2. Das geheime Leben der Violet Grant
3. Träume wie Sand und Meer
4. Die letzten Stunden des Sommers
5. Unser Traum von Freiheit

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Seitenzahl: 627

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BEATRIZ WILLIAMS

Das geheimeLeben

der Violet Grant

Roman

Aus dem Amerikanischen

von Anja Hackländer

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Die amerikanische Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel »The Secret Life of Violet Grant« bei Putnam, New York.

Erstveröffentlichung Mai 2015 bei Blanvalet, in der Penguin Random House Verlagsgruppe

Copyright © der Originalausgabe 2014 by Beatriz Williams

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Redaktion: Ivana Marinovic

Die Shakespeare-Sonette 138 und 109 werden zitiert nach:

William Shakespeare: Sämtliche Werke in vier Bänden.

Herausgegeben von Günther Klotz.

Band 2: Komödien und Poetische Werke

Aufbau Taschenbuch, Berlin 2009

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2000, 2009

Covergestaltung: Sohrmann

ES · Herstellung: sam

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-15676-3V005

www.blanvalet.de

Im Sommer des Jahres 1914 bereiste eine attraktive, geschiedene achtundreißigjährige Amerikanerin namens Caroline Thompson mit ihrem zweiundzwanzigjährigen Sohn, einem gewissen Mr. Henry Elliott, den europäischen Kontinent, um dessen Studienabschluss an der Universität Princeton zu feiern.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs machte die beiden zu Flüchtlingen, und einer Familienlegende zufolge veräußerte Mrs. Thompson ihren eigenen liebreizenden Körper, um sich und ihrem Sohn sicher über die deutsche Grenze zu verhelfen.

Ein einzelner Koffer wurde dabei zurückgelassen.

Im Jahre 1950 gelang es der deutschen Bundesregierung einen überaus verblüfften Mr. Elliott ausfindig zu machen und ihm einen Scheck im Wert von 100 Deutschen Mark zu übersenden, um ihn für sein »verlorenes Gepäckstück« zu entschädigen.

Diese Geschichte handelt nicht von den beiden.

TEIL EINS

»Sich verlieben ist nicht das Dümmste,

was der Mensch tut – die Gravitation kann aber nicht

dafür verantwortlich gemacht werden.«

ALBERT EINSTEIN

Vivian, 1964

NEW YORK CITY

Fast hätte ich die Abholkarte des Postamts übersehen, die unterhalb des Briefschlitzes hängen geblieben war. Das muss man sich mal vorstellen! Derartige Unfälle verändern den Lauf der Geschichte.

Ich war erst vor einer Woche eingezogen und kannte noch längst nicht alle Tricks und Tücken meiner neuen Bleibe, wie etwa jene unauffällige Pfütze am Fußende der Treppe, die sich nach einem kräftigen Regenschauer bildete und einen auf den abgetretenen Steinfliesen ausrutschen ließ, wenn man nicht aufpasste. Oder die wöchentlichen Besuche des Metzgersohns, mittwochnachmittags um Viertel nach fünf, bei der Frau des Hausmeisters, der in der Zigarrenfabrik Überstunden schob, während der junge Mann zwanzig Minuten lang mit seinem Würstchen wedelte und die Schnitzel unbeaufsichtigt im Flur stehen ließ.

Und – dieser Punkt ist entscheidend – die unglückliche Angewohnheit von Postkarten, sich an den Briefschlitz zu heften, sodass man sie allzu leicht übersah, wenn man sich, anstatt in die Hocke zu gehen, nur nach unten beugte, wie ich es an jenem Freitagabend nach der Arbeit tat, damit mein neuer Mantel den schmutzigen Boden nicht streifte.

Glücklicherweise zeigte sich Gott oder das Schicksal oder wer auch immer an diesem Tag gnädig. Meine Finger bemerkten die Abholkarte, die meine Augen übersahen. Und obwohl ich die Post achtlos auf den Wohnzimmertisch warf, um mich erst am späten Samstagvormittag im Morgenmantel damit zu beschäftigen – während ich ein widerliches Gebräu aus Tomatensaft und sonstigem Teufelskram schlürfte, um jene ungezählten Martinis und den Scotch vom Vorabend zu neutralisieren –, konnte selbst ich, Vivian Schuyler, den Mächten des Schicksals nicht länger entrinnen.

Nicht dass ich mich beschweren wollte.

»Was hast du da?«, fragte meine Mitbewohnerin, Sally, von unserem schäbigen Sofa aus. Die arme kleine Schnapsdrossel war noch hinfälliger als ich selbst. Mein Gesicht war lediglich blass, ihres aschfahl.

»Eine Abholkarte von der Post.« Ich drehte die Karte um. »Anscheinend ein Paket.«

»Für dich oder für mich?«

»Für mich.«

»Na, Gott sei Dank.«

Ich blickte erneut auf die Karte, dann auf die Uhr. Mir blieben noch dreiundzwanzig Minuten, bis das Postamt in der West 10th Street seine Pforten schloss. Mein Haar war ungekämmt, mein Gesicht ungeschminkt und mein Mund pelzig vom Restalkohol und einer ekligen Schicht Tomatensaft.

Andererseits: ein Paket. Wer konnte einem Paket schon widerstehen? Noch dazu einem mysteriösen Paket. Schier unerschöpfliche Möglichkeiten von braunem Packpapier schwirrten mir durch den Kopf. Zu früh für Weihnachten, zu spät für meinen einundzwanzigsten Geburtstag (auch für meinen zweiundzwanzigsten, aber wir wollen ja nicht kleinlich sein) und völlig untypisch für meine Eltern. Dennoch hielt ich den Beweis in meinen Händen, in billiger violetter Tinte, noch dazu falsch geschrieben: Vivien Schuyler, 52 Christopher Street, Apt. 5C, New York City. Dabei wohnte ich erst seit ein paar Tagen hier. Wer sollte mir in der kurzen Zeit ein Paket geschickt haben? Vielleicht meine Großtante Julie, sozusagen als Einweihungsgeschenk? In dem Fall musste ich mich sputen, ehe ein durstiger Postbeamter nur mein Geschenk wegtrank.

Ein weiterer Blick auf die Uhr. Noch zweiundzwanzig Minuten.

»Wenn du da hinwillst«, meinte Sally, die Hand theatralisch über die Augen gelegt, »solltest du dich beeilen.«

Derartige Entscheidungen bestimmen den Lauf der Geschichte.

Um acht Minuten vor zwölf stürzte ich ins Postamt. Oh ja, es gibt einen guten Grund, weshalb ich mir die Zeit so genau gemerkt habe. Ich schüttelte die Tropfen von meinem Regenschirm und entging nur knapp einem Nervenzusammenbruch. Das Postamt war hoffnungslos überfüllt. Überfüllt und widerlich feucht. Und nicht nur feucht, sondern zugleich widerlich stinkend: ein säuerlicher Wollgeruch, unterlegt von Pisse und Zigarettenrauch. Ich klappte meinen Regenschirm zu und stellte mich hinter einem blonden Mann im OP-Kittel in die Warteschlange. Das war nun mal New York: sein Geruch, seine Menschen – oh, diese Menschen! Das alles musste man als Teil des göttlichen Gesamtpakets wohl oder übel in Kauf nehmen.

Nun, nicht unbedingt.

Kleine Berichtigung. Man musste nicht alles in Kauf nehmen, weder den Gestank noch die Menschen, weder die verlotterte kleine Wohnung im Greenwich Village noch den notgeilen Metzgersohn oder die hübsche dauerbetrunkene Mitbewohnerin, die gelegentlich einen Wochenendkunden bediente, um ihren Körper und ihr Givenchy nutzbringend einzusetzen. Nicht, wenn man Vivian Schuyler hieß und es gewohnt war, in der Park Avenue oder in East Hampton oder zuletzt im Bryn Mawr College, Pennsylvania, zu residieren. Ganz im Gegenteil. Mit einer solchen Entscheidung erntete man bestenfalls Entsetzen, wenn nicht gar Schmach. Man stelle sich die Schuylers nur einmal vor: um elf Uhr morgens in trauter Einheit um den Frühstückstisch versammelt, im Genuss von gekochten Eiern und Bloody Marys, während die Sommersonne wie flüssiger Honig durch die Fenster strömt und ein uniformiertes Hausmädchen eine frische Ladung Toast hereinträgt, um den Alkohol aufzusaugen.

Mutter (liebevoll): Du hast doch nicht ernsthaft vor, diese ordinäre Stelle bei der Zeitung anzutreten, oder?

Ich: Doch, Mum. Genau das habe ich vor.

Paps (herzlich): Nur dahergelaufene Weibsbilder gehen arbeiten, Vivian.

Folglich war ich selbst schuld daran, dass ich in diesem pissestinkenden Postamt in der 10th Street stand und meine elegante Schuyler-Nase zwischen den Schulterblättern des Kittelträgers vor mir vergrub. Ich konnte nun mal nicht anders. Ich konnte mich unmöglich auf meinem ansehnlichen Familienerbe ausruhen und dieses unverdiente Schuyler-Privileg auch noch mit voller Genugtuung genießen.

Zumal meine Genugtuung mit jeder Sekunde schwand, denn die Zeiger der Uhr näherten sich unbarmherzig dem postalischen Feierabend. Die Beamten zeigten keinerlei Eile, die Warteschlange keinerlei Fortschritt. Die Ersten traten ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Der Mann hinter mir zündete sich fluchend eine Zigarette an. Irgendwo erklang ein theatralischer Seufzer. Ich vergrub meine Nase noch tiefer in dem olfaktorischen Elysium des OP-Kittels vor mir, denn der gute Mann roch wenigstens nach Desinfektionsmittel statt nach Urin. Außerdem war Blond eindeutig meine Lieblingsfarbe.

Ein Kunde verließ den Schalter. Ein anderer stürzte sich auf den freien Beamten. Alle übrigen traten synchron einen Schritt vor.

Ausgenommen der Herr im OP-Kittel. Seine braunen Lederschuhe waren anscheinend mit dem Boden verwachsen. Unglücklicherweise bemerkte ich das erst, nachdem ich einen Schritt vorgetreten war und ihn unsanft auf den schmutzigen Linoleumboden befördert hatte.

»Oh Gott, tut mir furchtbar leid«, sagte ich mit ausgestreckter Hand. Er blickte verwirrt zu mir auf und blinzelte wie mein Hund Quincy aus Kindheitstagen, wenn er nach dem Frühstück brutal aus seinem Schönheitsschlaf gerissen wurde. »Ach du meine Güte. Sind Sie im Stehen eingeschlafen?«

Er ignorierte meine ausgestreckte Hand und rappelte sich mühsam auf. »Scheint so.«

»Tut mir leid. Geht es Ihnen gut?«

»Ja, danke.« Das war alles. Er drehte sich wieder um und starrte geradeaus.

Normalerweise hätte ich es dabei bewenden lassen, aber der junge Mann war einfach zum Anbeißen attraktiv, geradezu absurd attraktiv, sozusagen Paul-Newman-attraktiv, mit himmelblauen Augen und sonnenblondem Haar. Außerdem war das hier New York, die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, man musste sie nur zu nutzen wissen. »Sie sind bestimmt Hilfsarzt oder Assistenzarzt oder wie man das nennt. Saint Vincent’s? Ich habe gehört, die armen Teufel müssen manchmal drei Tage lang durcharbeiten. Geht es Ihnen wirklich gut?«

»Ja.« Ziemlich wortkarg. Aber sein süßer sonniger Nacken wurde mit einem Mal knallrot.

»Oder sind Sie Narkoleptiker?«, fragte ich. »Ist gar kein Problem. Sie können es ruhig zugeben. Ein Cousin zweiten Grades, Richard, hatte genau dieselben Symptome. Er ist bei seiner eigenen Hochzeit eingeschlafen, direkt vor dem Traualtar. Die Organistin war so erschüttert, dass sie statt des Hochzeitsmarsches den Trauermarsch gespielt hat.«

Eine bedeutungsschwangere Pause. Hinter mir unterdrückte jemand ein Prusten. Ich hatte Angst, den Bogen überspannt zu haben. Doch dann:

»Im Ernst?«

Nette Stimme. À la Bing Crosby, mit einer Tendenz zum Bass.

»Im Ernst! Wir mussten ihn mit Weihwasser ins Leben zurückholen. Und nicht nur ein paar Spritzer, wir haben ihm das ganze Becken über den Kopf geschüttet. Er ist der Einzige in unserer Familie, der zweimal getauft wurde.«

Zwei weitere Personen verließen den Schalter. Allmählich kam Bewegung in die Sache. Ich warf einen hoffnungsvollen Blick auf die schiefe schwarz-weiße Wanduhr: zwei Minuten vor zwölf. Der Herr im OP-Kittel sah mich immer noch nicht an, doch sein angespannter Kiefer – und seine hohlen Wangen, pfff – verrieten mir, dass er sich krampfhaft bemühte, nicht loszulachen.

»Daher sein Spitzname: heiliger Schlappschwanz.«

»Geben Sie’s auf, junge Frau«, murmelte der Mann hinter mir.

»Und dann gibt es da noch Tante Mildred. Die kriegt überhaupt keiner wach. Einmal hat sie sich für einen Mittagsschlaf zurückgezogen und ist erst am nächsten Nachmittag pünktlich zum Bridge aus ihrem Zimmer gekommen.«

Keine Reaktion.

»Nachts haben wir ihre Sessel gegen die knallroten Bordellmöbel vom Dachboden ausgetauscht«, fuhr ich unbeirrt fort. »Sie war so schockiert, dass sie ein blankes Ass gegen einen Farbkontrakt spielte.«

Der nackte Hals über dem Rand seines blauen OP-Kittels war mittlerweile so rot wie eine herzhafte Tomatencremesuppe, ohne die obligatorischen Croûtons. Er hob eine Hand an den Mund und räusperte sich.

»Wir nennen sie nur noch Tante Siesta.«

Seine Schultern bebten.

»Ich will damit sagen, Sie haben keinen Grund, sich wegen ihres kleinen Problems zu genieren«, fuhr ich fort. »So etwas kann jedem passieren.«

»Der Nächste«, erklärte der Postbeamte in einem Ton äußerster Langeweile.

Der Herr im OP-Kittel stürzte an den Schalter. Meine Zeit war abgelaufen.

Voller Bedauern ließ ich den Blick schweifen und musste entsetzt feststellen, dass außer einem weiteren sämtliche Schalter von gravierten Metalltafeln geziert wurden, die boshaft verkündeten: SCHALTER GESCHLOSSEN.

Der einzig verbliebene Kunde – abgesehen von Herrn OP-Kittel, der gerade zwei Luftpostbriefe vorlegte – stand breitschulterig am Schalter und führte eine hitzige Diskussion über seine mangelhaften Fähigkeiten im Umgang mit Klebeband und Packpapier.

Kunde (liebenswürdig): SOLL ICH DA RÜBERKOMMEN UND ihnen DIE KNIESCHEIBEN ZERTRÜMMERN, sie HOHLE NUSS?

Beamter (belustigt): SOLL ICH VIELLEICHT DIE POLIZEI RUFEN, sie SCHWACHKOPF?

Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Noch eine Minute. Hinter mir hörte ich, wie mehrere Personen seufzend das Gebäude verließen. Wann immer sich die schweren Holztüren öffneten, drang das unbarmherzige Prasseln des Oktoberregens zu uns herein.

Der Mann am Schalter schnappte sich sein windschiefes Paket und stürmte wutentbrannt hinaus.

Ich trat entschlossen vor. Der Beamte betrachtete erst mich, dann die Uhr, dann zückte er ein silbernes Schild: SCHALTER GESCHLOSSEN.

»Das soll wohl ein Witz sein«, stöhnte ich.

Der Beamte tippte lächelnd auf seine Armbanduhr und schritt davon.

»Entschuldigung!«, rief ich ihm hinterher. »Ich will sofort Ihren Vorgesetzten sprechen. Ich warte hier seit einer halben Ewigkeit. Es geht um ein dringendes Paket …«

Der Beamte warf einen Blick über die Schulter. »Es ist zwölf Uhr, gute Frau. Die Post hat geschlossen. Kommen Sie Montag wieder.«

»Ich komme überhaupt nicht wieder. Ich will sofort mein Paket!«

»Soll ich den Filialleiter rufen, junge Frau?«

»Ja. Ja, tun Sie das. Rufen Sie den Filialleiter. Ich werde ihm höchstpersönlich erklären …«

Der Herr im OP-Kittel blickte von seinen Luftpostbriefen auf. »Hören Sie …«

Ich stemmte die Hände in die Hüften. »Entschuldigen Sie, dass ich Ihren werten Geschäftsvorgang störe, Sir. Leider hat nicht jeder das Glück, den letzten offenen Schalter zu erwischen, bevor der Mittagsgong ertönt. Manch einer muss am Montag wiederkommen, um das ihm zustehende Paket ausgehändigt …«

»Geben Sie’s auf, junge Frau.«

»Gebe ich nicht! Ich zahle brav meine Steuern. Ich kaufe eigenhändig meine Briefmarken und lecke sie selbst an. Mit einer so lausigen Dienstleistung gebe ich mich nicht zufrieden. Nicht in einer …«

»Es reicht«, unterbrach mich der Beamte.

»Oh, es reicht noch lange nicht. Ich fange gerade erst an …«

»Hören Sie«, begann der Herr im OP-Kittel abermals.

Mein Kopf wirbelte herum. »Halten Sie sich da raus, OP-Kittel! Ich führe hier eine höfliche Diskussion mit einem höchst unhöflichen Postbeamten …«

Er räusperte sich in seiner verführerischen Bing-Crosby-Manier. Seine Augenfarbe glich der seines OP-Kittels. Zu blau, um wahr zu sein. »Ich wollte nur sagen, es handelt sich offenbar um ein Versehen. Die junge Dame war vor mir an der Reihe. Ich möchte mich in aller Form entschuldigen, Miss …«

»Schuyler«, flüsterte ich.

»Miss Schuyler. Ich wollte mich keineswegs vordrängeln.« Er trat einen Schritt zurück und überließ mir den Schalter. Dann lächelte er sein Paul-Newman-Lächeln mit den süßen Fältchen um die Augen, und ich hätte schwören können, dass seine Zähne ein wenig funkelten.

»Wenn Sie darauf bestehen«, erwiderte ich.

»Unbedingt.«

Ich trat an den Schalter und präsentierte stolz meine Abholkarte. »Sie müssten ein Paket für mich haben.«

»Ich müsste?« Der Postbeamte grinste süffisant.

Jawohl. Süffisant. Na warte.

Keck und unverblümt schwenkte ich die Abholkarte vor seinem unverschämten Beamtengesicht. »Miss Vivian Schuyler, 52 Christopher Street. Aber dalli!«

»Aber dalli, bitte«, korrigierte mich OP-Kittel.

»Ja, bitte. Mit Sahne und Kirsche obendrauf.«

Der Beamte schnappte sich die Abholkarte und stapfte davon.

Mein Held räusperte sich.

»Mein Name ist übrigens nicht OP-Kittel«, meinte er. »Ich heiße Paul.«

»Paul?« Ich ließ mir den Namen auf der Zunge zergehen, nur um sicherzustellen, dass ich mich nicht verhört hatte. »Ist nicht wahr.«

»Ist das ein Problem?«

Mir gefiel, wie er die Augenbrauen hob. Überhaupt gefielen mir seine Brauen, die über den blauen Augen lebhaft nach oben zuckten, eine Spur dunkler als sein Haar. »Nein, überhaupt nicht. Steht Ihnen sehr gut.« Lächeln, Vivian. Ich streckte ihm eine Hand entgegen. »Vivian Schuyler.«

»Aus der Christopher Street.« Er griff nach meiner Hand und hielt sie gepackt. Schütteln ausgeschlossen.

»Das haben Sie also mitbekommen?«

»Das hat jeder mitbekommen, junge Frau«, kommentierte der Postbeamte, der in diesem Moment zurückkehrte. Davon ging ich zumindest aus. Denn ich konnte nicht mehr erkennen als ein riesiges braunes Paket mit Armen und Beinen, das offenbar laufen gelernt hatte.

»Grundgütiger«, sagte ich. »Ist das etwa für mich?«

»Nein, für die Königin von Saba.« Das Paket landete mit solcher Wucht auf dem Tresen, dass sämtliche Schalter-geschlossen-Schilder im Umkreis von einer Meile ehrfürchtig erzitterten. »Bitte hier unterschreiben.«

»Und wie soll ich das Ding in meine Wohnung bekommen?«

»Das ist Ihr Problem, junge Frau.«

Unbeholfen griff ich an dem Ungetüm vorbei, um den Abholschein zu unterschreiben. »Können Sie mir wenigstens eine Sackkarre leihen?«

»Aber sicher doch. Mit einem Präsentkorb obendrauf, was? Und jetzt nehmen Sie das Ding von meinem Schalter.«

Ich schob mir meine Handtasche über die Schulter und umklammerte das riesige Paket. »Leute gibt’s …«

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Paul.

»Nein, danke. Ich komme schon zurecht.« Ich zog das Paket vom Tresen und taumelte einen Schritt zurück. »Andererseits, wenn Sie gerade niemandem das Leben retten müssen …«

Paul nahm mir das schwere Paket ab, doch nicht ohne zuvor meine Hand zu streifen. »Immerhin weiß ich bereits, wo Sie wohnen. Wenn Sie es mit einem gemeingefährlichen Psychopathen zu tun hätten, wäre es jetzt eh zu spät für Reue.«

»Hervorragende Diagnose, Dr. Paul. Die Messer befinden sich in der Küchenschublade direkt neben dem Kühlschrank.«

Er hievte das Paket auf seine Schulter. »Danke für den Hinweis. Gehen Sie vor!«

»Aber schlafen Sie mir unterwegs nicht ein!«

Berauscht wäre ein zu starker Ausdruck, um meinen außerordentlichen Gemütszustand zu beschreiben, als ich meinen nagelneuen Bekannten mitsamt meinem nagelneuen Paket zu mir nach Hause führte. Doch die Wahrheit lag nicht weit davon entfernt. New York war offenbar gewillt, meiner sich aufheiternden Laune entgegenzukommen. Die bröckelnden Stufen der Hauseingänge glänzten im nachlassenden Regen, die Luft klarte immer mehr auf, und das Ende des Unwetters stand kurz bevor.

Wohlgemerkt, ich blieb dicht an der Seite meines fürsorglichen Doktors, um den Regenschirm über sein goldblondes Haupt zu halten.

»Sie hätten sich wenigstens eine Jacke überziehen sollen.« Meinem vorwurfsvollen Tonfall fehlte jegliche Überzeugung.

»Ich wollte nur schnell zur Post. Mir war nicht bewusst, dass es regnet. Ich habe in den letzten anderthalb Tagen keinen Fuß vor die Tür gesetzt.«

Ich stieß einen Pfiff aus. »Ein nettes Leben haben Sie sich da ausgesucht.«

»Ja, nicht wahr?«

Wir erreichten die Christopher Street. Mein Lieblingsdelikatessenladen hatte die Türen weit geöffnet und lockte mit dem herzhaften Geruch von Matzeknödeln. Nebenan lag das Apple Tree still und verlassen da, um zu fortgeschrittener Stunde von den renommiertesten Transvestiten dieser Stadt zum Leben erweckt zu werden. Mein neues Zuhause. Ich liebte den Ort jetzt schon. Und in diesem Moment liebte ich ihn ganz besonders. Ich liebte die ganze verdammte Stadt. Wo sonst würde ein attraktiver Dr. Paul einfach so im Postamt aufkreuzen, hübsch ordentlich verpackt in einem blauen OP-Kittel und kostenlos bestückt mit kraftvollen Muskelpaketen?

Als wir das Gebäude erreichten, hatte der Regen aufgehört, und auf den herbstlich verfärbten Blättern glitzerten winzige Regentropfen. Voller Elan nahm ich den Schirm herunter und zwinkerte den dreckigen Rissen der Eingangstür freundlich zu. Das Schloss gab mit einem rostigen Quietschen nach. Dr. Paul duckte sich unter dem Türsturz hinweg und trat in den Windfang. Ein frischer Sonnenstrahl fiel durch die Scheibe über der Tür und ließ sein Haar erstrahlen. Ein Anblick für die Götter.

»Hier wohnen Sie also?«, fragte er.

»Nur brave Mädchen leben im Barbizon. Hatte ich erwähnt, dass meine Wohnung im fünften Stock liegt?

»Wie könnte es anders sein?« Seine wackeren Schultern wandten sich in Richtung Treppe und erklommen die Stufen. Voller Staunen folgte ich dem blau-kitteligen Gesäß von einem Treppenabsatz zum nächsten, während ich instinktiv darauf wartete, dass mein Wecker diesen Traum von Regenbögen und Einhörnern jäh zerriss und ich mit einem Blick an meine fleckige Zimmerdecke erwachte.

»Darf ich fragen, welch unzumutbar schweres Objekt ich hier in Ihr Dachgeschoss schleppe? Einen Gussofen? Eine Leiche?«

Ach ja, richtig. Das Paket.

»Ich tippe eher auf die Leiche.«

»Sie wissen es nicht?«

»Nicht die geringste Ahnung. Ich weiß nicht mal, wer mir das Paket geschickt hat.«

Er setzte seinen Fuß auf die nächsthöhere Treppenstufe und legte den Kopf schräg. »Kein ominöses Ticken. Gutes Zeichen.«

»Auch kein verdächtiger Geruch.«

Er ging weiter, und seine Schulter spannte sich dabei ganz entzückend. Das Treppenhaus verschlimmerte sich mit jeder Etage, bis die dramatischen Risse in der geblümten Tapete und die unverblümte Blöße der Glühbirne den Eingangsbereich meiner unziemlichen Bleibe ankündigten. Im Geiste überschlug ich die Summe ungewaschener Teller und unbekleideter Mitbewohnerinnen in meiner bescheidenen Wohnung.

»Sie können das Paket hier abstellen«, sagte ich. »Den Rest schaffe ich allein.«

»Jetzt machen Sie schon auf.«

»Ganz schön herrisch!« Ich steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür.

Nun, es hätte schlimmer sein können. Das dreckige Geschirr war verschwunden – vermutlich in der Spüle? – und meine halb nackte Mitbewohnerin ebenfalls. Nur die Flasche Wodka stand immer noch stolz auf dem Heizungsbord, direkt neben dem Tomatensaft und einem eleganten schwarzen Spitzenslip. Sallys Slip! Das schwöre ich bei meiner Ehre. Ich eilte zur Heizung und drapierte meinen Schal über das sündhafte Tableau.

Ein dumpfer Aufprall verriet mir, dass Dr. Paul das Paket auf dem Tisch deponiert hatte. »Uff. Ich dachte schon, die letzte Treppe würde ich nicht mehr schaffen.«

»Nur keine Sorge. Ich hätte sie aufgefangen.«

Er betrachtete das Paket, eine Hand in die Hüfte gestemmt, die andere in seinen goldblonden Locken vergraben, so wie wir Frauen es lieben. »Und?«

»Und was?«

»Wollen Sie es nicht aufmachen?«

»Das ist mein Paket. Ein bisschen Privatsphäre werden Sie einer Frau doch wohl gönnen?«

»Jetzt hören Sie mal. Ich habe dieses … Ding fünf New Yorker Etagen hinaufgeschleppt. Ein bisschen Neugier werden Sie einem Mann doch wohl gönnen?«

Wieder dieses funkelnde Lächeln. Ich drückte mich von der Heizung ab. »Na, wenn das so ist. Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause! Darf ich Ihnen vielleicht Mantel und Hut abnehmen?«

»Autsch, das tat weh.«

Ich streifte meinen nassen Mantel ab und hing ihn auf Sallys uralten – und mit Sicherheit geborgten – Garderobenständer. Meinen Hut hängte ich auf einen Haken darüber, um meine feuchten Locken kunstvoll auszuschütteln. Wer wollte es mir vorwerfen? Immerhin waren jene Locken mein attraktivstes Merkmal: kastanienbraun glänzend, mit einem feinen Rotstich, kurz geschnitten bis knapp über die Ohren, sodass sich die Spitzen frech kringelten. Tagein, tagaus lenkten sie treu von meinen übrigen Makeln ab. Warum sollte ich sie also nicht wirkungsvoll schütteln?

Ich drehte mich um und tänzelte zum Tisch, der übrigens ebenfalls geborgt war. Sally hatte mir die Geschichte gestern bei unserer zweiten Runde Martini erzählt: der Restaurantbesitzer, die eifersüchtige Ehefrau, die Hausdurchsuchung der Polizei. Die hässlichen Details werde ich mir sparen. Jedenfalls war dieser Tisch weitaus wichtiger und gewichtiger als wir beide zusammen – stabil, solide, mit Echtholzfurnier. Eine geradezu schicksalhafte Fügung, denn mein unerwartetes Geschenk von der Poststelle (das Paket, nicht der hübsche Blonde) hätte ein geringeres Möbelstück zweifellos in die Knie gezwungen. Die Bestie saß braun und behäbig in der Mitte des Tisches, zerbeult und beschmutzt und übersät mit ausländischen Briefmarken.

»Na schön.« Ich spähte auf das Adressfeld. »Wollen wir mal sehen.«

Miss Vivian Schuyler, stand da. 52 Christopher Street und so weiter und so fort. Aber mein Name und meine Adresse waren in schwarzen Buchstaben über einen anderen Adressaten gekritzelt.

»Anscheinend wurde das Paket weitergeleitet«, erklärte ich.

»Die Spannung steigt.«

»Das ist die Handschrift meiner Mutter.« Ich fuhr mit den Fingern über die traurigen Überbleibsel der Fifth Avenue. »Und das die Adresse meiner Eltern.«

»Klingt doch plausibel.« Er wahrte einen respektvollen Abstand, die Arme vor seiner blauen Brust verschränkt. »Anscheinend wurde das Paket an Ihre Eltern geschickt.«

»Offensichtlich. Und zwar aus Zürich.«

»Aus der Schweiz?« Er löste seine verschlungenen Arme und wagte sich endlich einen Schritt vor. »Tatsächlich? Haben Sie vielleicht Bekannte in der Schweiz?«

»Nicht, dass ich wüsste.« Ich versuchte, den ursprünglichen Adressaten unter den Buchstaben meiner Mutter zu entziffern. V… irgendwas. »Was soll das heißen?«

»Nicht Vivian?«

»Nein, der letzte Buchstabe ist ein t.«

Ein Moment des Überlegens. »Violet? Vielleicht hat der Absender Ihren Namen verwechselt.«

Für jemanden, der ohne Jacke durch den kühlen Oktoberregen gelaufen war, verströmte Dr. Paul eine erstaunliche Körperwärme. Ich trug einen engen warmen Rollkragenpullover aus Cashmere, und trotzdem spürte ich seine abstrahlende Hitze. Was für eine Verschwendung von kostbarer Energie. So aus der Nähe roch der Gute wie ein Krankenhaus, was mich kein bisschen störte.

Ich stolzierte in die Küche und nahm ein Messer aus der Schublade.

»Aha, die Stunde der Wahrheit ist gekommen. Machen Sie es kurz und schmerzlos.«

»Witzbold.« Ich wedelte freundlich mit dem Messer. »Ich habe leider keine Schere.«

»Eine Schere! Das wäre unprofessionell.«

»Treten Sie zur Seite.« Ich musterte das Paket. Alle Nähte waren mit mehreren Schichten Klebeband überdeckt, als wäre der Inhalt entweder lebendig oder radioaktiv oder beides. »Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.«

»Wissen Sie, ich bin ausgebildeter Chirurg …«

»Das behaupten Sie zumindest.« Ich schlitzte eine der Nähte vorsichtig auf, dann die nächste. Äußerst professionell, möchte ich betonen – immerhin hatte ich seit meinem ersten Studiensemester in Bryn Mawr die Ehre gehabt, bei Tisch das Fleisch zu servieren. Niemand tranchierte eine Schweinelende wie Vivian Schuyler.

Das Packpapier gab zuerst nach, dann der Karton. Ich stellte mich auf einen Stuhl und durchwühlte die Verpackung.

»Vorsicht!« Doktor Pauls hilfreiche Hand ergriff die Stuhllehne, um das lebensgefährliche Wackeln zu unterbinden.

»Irgendwas aus Leder«, verkündete ich aus dem Innern des Kartons. »Leder und ziemlich schwer.«

»Brauchen Sie Hilfe? Eine Taschenlampe? Schatzkarte?«

»Nein, alles unter Kontrolle. Ich seh’s schon. Kopf, Schultern, Plazenta.«

»Junge oder Mädchen?«

»Weder noch.« Ich packte mit beiden Händen zu, zerrte mit aller Kraft und stürzte rückwärts in Dr. Pauls aufmerksame Arme. Ungeschickt, doch vergnügt, taumelten wir zu Boden und landeten auf dem fragwürdigen Läufer. »Es ist ein Koffer!«

Als Erstes rief ich meine Mutter an. »Was hast du mir da für einen Koffer geschickt?«

»Das ist nun wirklich keine Art, sich am Telefon zu begrüßen, Liebes.«

»Einander zu begrüßen. Sich ist Umgangssprache. Chicago Manual of Style, Kapitel acht, Absatz elf.«

Ein fröhliches Klimpern von Eiswürfeln. »Du bist mir vielleicht ein Spaßvogel, Liebes. Bei der Zeitung machst du bestimmt den ganzen Tag nichts anderes?«

»Erzähl mir von dem Koffer.«

»Ich weiß nichts von einem Koffer.«

»Du hast mir ein Paket geschickt.«

»Hab ich das?« Ein gedehntes Klimpern, als würde sie ihr Glas schwenken. »Ach, ja, richtig. Ist letzte Woche hier angekommen.«

»Und hast du gewusst, was drin ist?«

»Nicht mal im Ansatz.«

»Und wem sein Koffer ist das?«

»Wessen Koffer, Liebes.« Oh, dieser Triumph!

»Na schön. Wessen Koffer ist das bitte schön?«

»Keine Ahnung.«

»Kennst du jemanden in Zürich? In der Schweiz?«

»Niemanden von Belang, Vivian. Ich finde diese Unterhaltung schrecklich ermüdend. Kannst du das Paket nicht einfach aufmachen und es herausfinden?«

»Ich sag doch, es ist ein Koffer. Irgendjemand in Zürich hat ihn an eine Violet Schuyler in der Fifth Avenue geschickt. Und da er nicht mir gehört …«

»Natürlich gehört er dir. Ich kenne keine Violet Schuyler.«

»Violet ist aber nicht gleich Vivian. Dr. Paul stimmt mir da voll und ganz zu. Es muss sich um eine Verwechslung handeln.«

Eine befriedigende Stille, während Mum sich von ihrem wodkagetränkten Schock erholte. »Und wer ist dieser Dr. Paul?«

Ich wandte mich um und heftete den Blick auf meinen barmherzigen Samariter. Er lehnte neben dem Fenster und grinste aus dem Mundwinkel heraus, während das Sonnenlicht seinen charmant zerknitterten OP-Kittel anstrahlte. »Ach, nur so ein Arzt, den ich im Postamt getroffen habe. Er hat mir das Paket nach Hause getragen.«

»Ein Arzt im Postamt, Vivian?« Es klang wie: In einem homosexuellen Badehaus in der Bleecker Street?

Ich lehnte mich mit der Hüfte gegen die Tischplatte, direkt neben dem zerbeulten Gepäckstück, in der Hoffnung, das prekäre Gebilde möge nicht unter mir zusammenbrechen. Ich trug eine legere Stoffhose ohne Gürtel, wie es sich an einem faulen Samstagvormittag geziemte. Doch Dr. Paul hatte das Recht zu wissen, dass meine weiblichen Proportionen keineswegs zu verachten waren. Ich möchte nicht behaupten, dass sich sein Ausdruck merklich veränderte, doch seine blauen Augen erschienen mir mit einem Mal dunkler. Ich schenkte ihm ein laszives Zwinkern und wickelte mir die Telefonschnur um den Finger. »Oh, du würdest ihn lieben, Mum. Er ist Chirurg. Überaus attraktiv. Größer als ich. Und er hat noch alle Zähne. Eine gute Partie, gar keine Frage. Es sei denn, er ist verheiratet.« Ich ließ den Hörer auf meine Schulter sinken. »Sagen Sie, Dr. Paul. Sind Sie verheiratet?«

»Noch nicht.«

Hörer zurück ans Ohr. »Unverheiratet. Das behauptet er zumindest. Der Mann deiner Träume, Mum.«

»Er steht nicht zufällig neben dir?«

»Aber sicher doch. Dr. Paul, möchten Sie vielleicht mit meiner Mutter reden?«

Er richtete sich auf und streckte mir grinsend die Hand entgegen.

»Ach, Vivian, nicht doch …« Den Rest hörte ich nicht mehr, da Dr. Paul den Hörer bereits in der Hand hielt. Seine Hand: groß, stark, dezente Fältchen. Ich war hin und weg.

»Guten Tag, Mrs. Schuyler … Ja, sie benimmt sich ganz vorbildlich … Ja, ich habe ihr das Paket bis in den fünften Stock getragen. Ich bin ein vollendeter Gentleman, Mrs. Schuyler.« Er erwiderte mein Zwinkern. »Ich glaube, es handelt sich um eine Verwechslung. Sind Sie sicher, dass es in Ihrer Familie keine Violet gibt? … Ganz sicher? … Nun, Mrs. Schuyler, ich bin Arzt. Ich stelle meine Diagnosen aufgrund der Symptome, die man mir vorträgt.« Eine dezente Röte breitete sich über seinen Nacken. »Schwer zu sagen, Mrs. Schuyler, aber …«

Ich schnappte mir den Hörer. »Das reicht, Mum. Ich lasse nicht zu, dass du den guten Dr. Paul mit deinen schlüpfrigen Kommentaren in Verlegenheit bringst. Er ist so was nicht gewöhnt.«

»Er ist ein Traum, Vivian. Hut ab, Liebes.« Klimper, klimper, klirr. Das Glas war anscheinend fast leer. »Aber schlaf nicht gleich mit ihm, hörst du? Das schreckt die Männer ab.«

»Du musst es wissen, Mum.«

Ein theatralischer Seufzer. Gefolgt von einem vertrauten Klirren, als das leere Glas hart auf dem Nachttisch landete. »Du kommst doch morgen zum Essen?«

»Nicht, wenn ich es verhindern kann.«

»Schön. Wir sehen uns um zwölf.« Klick.

Ich legte den Hörer auf die Gabel. »Das war meine Frau Mutter. Ich dachte, ich sollte Sie warnen.«

»Warnung angekommen.«

»Und? Abgeschreckt?«

»Kein bisschen.«

Ich trommelte mit den Fingernägeln auf das Telefon. »Sind Sie sicher, dass es diese Violet Schuyler wirklich gibt?«

»Nein, sicher bin ich mir nicht. Aber Tatsache ist, dass dieser Koffer nicht Ihnen gehört. Richtig?«

Ich wandte meinen guten alten Adlerblick zurück zum Koffer und schüttelte mich. »Gott bewahre!«

»Vielleicht eine entfernte Cousine? Väterlicherseits? Die ihren Koffer in der Schweiz verloren hat?«

»Vor hundert Jahren, oder was?«

»Wäre bestimmt nicht das erste Mal, dass so etwas passiert.«

Ich stellte das Telefon auf den Tisch und fingerte an dem angelaufenen Messingverschluss meiner neuesten Errungenschaft herum. Ein Koffer, so alt wie die Unschuld meiner Mutter – und ebenso unwiederbringlich verloren. Rissig und staubig und zerbeult. Der schwache Geruch von muffigem Leder entstieg seinen uralten Falten. Keinerlei Hinweis auf einen Namen.

Ich will ja niemanden schockieren, aber ich war noch nie ein überragendes Beispiel an Zurückhaltung, weder damals noch heute. Dennoch konnte ich mich beim besten Willen nicht überwinden, den Verschluss zu öffnen und das Gepäckstück in meiner heruntergekommenen Wohnung im Greenwich Village aufzuklappen. Der Koffer wirkte seltsam ehrwürdig in seinem muffigen Stolz. (Im Gegensatz zu der verlorenen Unschuld meiner Mutter.)

Meine Hand sank herab. Ich betrachtete das Telefon. »Es wird Zeit, Tante Julie anzurufen.«

»VIOLET Schuyler steht da?«

»Ja, Tante Julie. Violet Schuyler. Gibt es irgendeine Violet in unserer Familie? Kennst du sie?«

»Nun.« Schweigen. Im Geiste sah ich, wie Tante Julie an der Telefonschnur durch den Raum schritt. Ich sah ihr makelloses zweiundsechzigjähriges Gesicht, ihre erstaunlich glatte Stirn, die sich aufopfernd runzelte, um jenes unerwartete Rätsel zu lösen.

»Tante Julie? Bist du noch dran?«

»Und der Name lautet ganz sicher Violet? Eine ausländische Handschrift ist manchmal schwer zu entziffern.«

»Definitiv Violet. Dr. Paul stimmt mir da zu.«

»Wer ist denn dieser Dr. Paul?«

»Dazu kommen wir später. Erzähl mir erst von Violet. Anscheinend kennst du jemanden mit dem Namen.«

Es folgte ein dramatischer Seufzer, als ließe sie sich erschöpft aufs Sofa sinken. Dann hörte ich das Kratzen ihres Feuerzeugs. Die Situation war offenbar ernst.

»Ja, ich kenne eine Violet.«

»Und?«

Ein tiefer Atemzug drang aus dem Hörer. »Liebes, sie war meine Schwester. Meine älteste Schwester Violet. Eine Wissenschaftlerin. Hat 1914 in Berlin ihren Mann ermordet, um mit ihrem Geliebten durchzubrennen. Seither hat niemand etwas von ihr gehört.«

Violet, 1914

BERLIN

Der Engländer tritt an einem gewöhnlichen Mainachmittag in Violets Leben. Mit einem Geruch von Leder und Natur.

Sie erwartet keinen Besuch. Zu jener Stunde ist Berlin voller Licht, strahlend vor Sonne und ungeahnten Möglichkeiten, doch Violet hat hinter den dicken Backsteinmauern ihres Labors im Kellergeschoss des Instituts jede Helligkeit gebannt. Sie hat die Tür fest verschlossen und sich auf einen einfachen Holzstuhl in der Raummitte gesetzt, um reglos in die tiefschwarze Dunkelheit zu starren.

Von Blindheit geschlagen, gewinnen ihre übrigen Sinne eine nahezu urzeitliche Schärfe. Sie zählt die ruhigen Schläge ihres Herzens, zweiundsechzig in der Minute. Sie lauscht den Schritten auf dem Gang. Der sterile Geruch ihres Labors durchdringt ihre Nase: Reinigungsmittel und Chemikalien, Papier und Bleistiftstaub. Noch subtiler ist die Präsenz der umstehenden Möbel, welche die Leere des Raums unterbrechen. Die Stühle, der Tisch, der radioaktive Apparat, den sie gleich benutzen wird. Die Tür, deren Umrisse allmählich hervortreten, da ringsum ein matter Lichtschein durch die Ritzen dringt.

Während sie so dasitzt und wartet, weiten sich ihre Pupillen, und das verstohlene Licht lässt die Wände und Möbel und den kohlschwarzen Apparat auf dem Tisch schemenhaft hervortreten. Violet zieht ihre Taschenuhr hervor und betrachtet das fluoreszierende Ziffernblatt. Zehn Minuten sitzt sie bereits in der gestaltlosen Finsternis.

Weitere zehn Minuten stehen ihr noch bevor.

Violet steckt ihre Uhr zurück und widersteht dem Drang, den Apparat erneut zu kontrollieren. Sie hat ihn eigenhändig aufgebaut, jedes Detail gewissenhaft überprüft. Sie hat den Versuch bereits zahllose Male durchgeführt. Welche Überraschung mochte sich schon ergeben?

Doch eine gewisse Unruhe hat sich in den Raum geschlichen, zusammen mit dem ungebetenen Licht vom Flur. Eine Unruhe, die Violets ruhige Vorbereitungen zermürbt und sich wie der Faden einer Nadel um ihren Brustkorb schlingt. Sie kontrolliert erneut ihren Puls: neunundsechzig Schläge die Minute.

Was für eine verblüffende Anomalie.

Noch nie hat sie vor einem Versuch eine solche Unruhe verspürt. Ihre Nerven arbeiten stets zuverlässig und präzise, ihre Nerven sind der Grund, weshalb ihr diese Aufgabe zuteilwurde. Sie könnte sogar behaupten, ihre Nerven sind der Grund, weshalb sie es so weit gebracht hat: ihre Arbeit, ihre unkonventionelle Ehe, ihr Leben in Berlin an einem strahlenden Frühlingstag im Mai 1914 im Kellergeschoss des Kaiser-Wilhelm-Instituts, wo sie geduldig darauf wartet, dass sich ihre Pupillen weiten, um einen wegbereitenden Versuch im Bereich der Atomphysik durchzuführen.

Doch sie kann jenes Gefühl, das nach ihrem Herzen greift, unmöglich leugnen. Es ist zu real, es ist physikalisch messbar: sieben Schläge mehr pro Minute.

Ein zweifaches Klopfen an der Tür.

»Herein«, erwidert Violet.

Sie schließt vorübergehend die Augen, um zu verhindern, dass das eindringende Licht den Anpassungsprozess ihrer Pupillen verzögert. Schritte fallen auf den Linoleumboden, die Tür wird zügig geschlossen. Vermutlich ihr Mann, der sich nach dem Fortschritt ihres Versuchs erkundigen will. Der ihr mal wieder über die Schulter sieht, um sicherzustellen, dass sie nichts Falsches notiert. Dass sie nichts übersieht.

Doch in dem winzigen Sekundenbruchteil, bevor er spricht, weiß Violet: Dieser Eindringling ist nicht ihr Mann. Seine Schritte sind zu schwer, sein ledriger Geruch in der aufgewirbelten Luft zu intensiv. Ihre Sinne erfassen das Fremdartige, bevor seine Stimme den Verdacht bestätigt.

»Ich hoffe, ich störe nicht, Mrs. Grant.«

Violet öffnet die Augen.

»Mein Name ist Richardson, Lionel Richardson. Ihr Mann hat mir versichert, es würde Ihnen nichts ausmachen, wenn ich dem Versuch beiwohne.«

Ihr Mann hat mir versichert. Walter hat diesen Fremden zu ihr geschickt?

Erneut jenes beklemmende Gefühl. Wenn sie ihn doch nur sehen könnte. Seine dunkle Gestalt unterbricht die finstere Leere um sie herum und verschluckt jeden Lichtstrahl, der von der Tür in den Raum dringt. Seine Stimme hallt in den Tiefen eines geräumigen Brustkorbs nach, ruhig und respektvoll, jede Silbe präzise gestutzt, aufgrund seines klaren englischen Akzents.

Ich hoffe, ich störe nicht.

»Keineswegs«, erwidert Violet knapp. »Sind Sie ein Kollege meines Mannes?«

»Nein, nein. Nur ein ehemaliger Student.« Er deutet in der Dunkelheit auf ihren Apparat. Sie spürt den Luftzug. »Damals habe ich mich selbst damit befasst.«

»Dann brauche ich mich für die Finsternis wohl nicht zu entschuldigen. Mögen Sie sich setzen?« Ihr Herz klopft noch schneller als zuvor, etwa fünfundsiebzig Schläge die Minute. Sicherlich das Resultat ihrer Überraschung, nichts weiter. Nur selten unterbricht sie jemand bei ihren Versuchen, die in der Regel lang und langweilig ausfallen und jeden Zuschauer enttäuschen würden. Ihr tierisches Gehirn reagiert lediglich auf die Gegenwart eines fremden Organismus, auf eine potenzielle Bedrohung. Jener Eindringling könnte alles Mögliche tun. Seine lebhafte Gestalt passt nicht in die stille Dunkelheit ihres Labors.

»Vielen Dank.« Ein Stuhl schabt über den Linoleumboden, als könne dieser Richardson die Finsternis mit den Augen durchdringen. Vielleicht hat er sich in dem kurzen Moment von Helligkeit die Position der Möbel eingeprägt. »Sind Sie kurz davor, mit dem Versuch zu beginnen, Mrs. Grant?«

»Fast.« Violet blickt auf die Uhr. »Noch drei Minuten.«

Richardson lacht leise in sich hinein. »Ich erinnere mich noch gut daran. Zwanzig Minuten, die seltsamer nicht sein könnten. Die Zeit scheint sich endlos zu dehnen, habe ich recht? Eine schwarze Unendlichkeit, die von allem losgelöst scheint. Die tiefsinnigsten Gedanken gehen einem durch den Kopf. Obwohl ich mich anschließend nie daran erinnern konnte.«

Ja, denkt Violet. Genauso ist es. »Dann sind Sie wohl um der alten Zeiten willen gekommen?«

Er lacht erneut. »So was in der Art. Dr. Grant erzählte mir, dass inzwischen eine Frau meine früheren Pflichten erfüllt. Ich konnte der Neugier nicht widerstehen. Es macht Ihnen doch nichts aus?«

»Keineswegs.«

Natürlich macht es ihr etwas aus. Lionel Richardson scheint den Raum vollständig einzunehmen, als hätte er die Dunkelheit verschluckt und durch seine eigenen Gliedmaße, seinen breiten, sonoren Oberkörper ersetzt. Violet empfindet einen Anflug von Wut gegenüber ihrem Ehemann, der es eigentlich besser wissen müsste, als ihr einen Wildfremden zu schicken, der unvermittelt ihr Labor verschlingt, während sie hier in der Dunkelheit sitzt und wartet, allein, ahnungslos.

Richardson spricht weiter. »Ich kann Ihnen gern beim Zählen helfen. Ich weiß, wie sehr der Versuch die Augen beansprucht.«

»Das ist nicht nötig. Es braucht einiges an Übung, wie Sie wissen.«

»Oh, ich kann mich noch gut erinnern. Damals, im Jahre 1909, war ich der Erste, der die Versuchsreihe mit Ihrem Mann durchführte. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich diese verfluchten Funken manchmal immer noch vor mir.«

Violet lacht. »Ich weiß, was Sie meinen.«

»Zum Verrücktwerden, oder? Aber der gewitzte Herr Doktor hat offenbar einen würdigen Ersatz für mich gefunden. Einen überaus charmanten Ersatz, möchte ich sagen.«

Diesmal spürt Violet, wie sich ihr Herzschlag beschleunigt. Wie bringt man sein Herz nach einem solchen Schock wieder unter Kontrolle? Man kann ihm nicht einfach befehlen, das Tempo zu verringern. Man kann ihm nicht, wie einem ungezogenen Kind, mit fester Stimme vorschreiben: Zweiundsechzig Schläge sind vollkommen ausreichend, vielen Dank! Das Herz gehorcht dem Instinkt, nicht dem Verstand. Es muss spüren, dass keine Bedrohung mehr besteht. Die chemischen Botenstoffe der Gefahr müssen völlig aus dem Blutkreislauf verschwinden.

Violet klappt ihre Taschenuhr auf. »Es ist so weit. Können Sie etwas sehen?«

»So gerade eben.«

»Wir können noch ein paar Minuten warten, wenn Sie möchten.«

»Nicht nötig. Ich will Ihren Zeitplan nicht durcheinanderbringen. Fangen Sie ruhig an.«

Violet erhebt sich von ihrem Stuhl und tritt an den Tisch in der Raummitte, mehr geleitet von ihrem Gefühl als von ihrer Sehkraft. Sie knipst eine Lampe an, doch sie blickt nicht in Richtung der matten Glühbirne, die ihren Notizblock und den Bleistift schwach erhellt, damit sie ihre Beobachtungen festhalten kann.

Sie betrachtet den Apparat: die kleine Kiste an dessen Ende, in dem sich ein winziges Bröckchen Radium befindet; den schmalen Schlitz, von wo aus die unsichtbaren Partikel auf die hauchdünne Goldfolie zujagen; den gläsernen Schirm mit einer Zinksulfidschicht; das Okular mit seiner Vergrößerungslinse.

Sie nimmt ihre Uhr zur Hand, späht mit dem rechten Auge durch das Okular und kneift das linke zu.

Der erste grün-weiße Funke explodiert in ihrem Sichtfeld, ein zierliches Feuerwerk von atemberaubender Schönheit. Doch etwas anderes hat Violet den Atem geraubt: Lionel Richardsons unerwartetes Eindringen in ihr Labor. Die winzigen Lichtblitze erwecken keinerlei Reaktion außer dem unermüdlichen Kratzen ihres Bleistifts, der die Funken beharrlich zählt.

Warum diese übertriebene Reaktion? Woher diese irrationale Panik?

Hat Walter diesen Richardson schon mal erwähnt? Gibt es irgendeinen unbewussten Grund, der die Synapsen in ihrem Gehirn in Erregung versetzt, um stille Warnmeldungen über die Nervenbahnen ihres Körpers an ihr Herz und ihre Lunge zu senden? Oder liegt es einfach nur daran, dass sie diesen Mann nicht sieht, dass sie sein Gesicht, seine Kleidung, seine Person nicht einschätzen kann, um den Wahrheitsgehalt seiner Worte zu überprüfen, um sich zu vergewissern, dass er nicht mehr ist als ein gewöhnlicher Mann, ein ehemaliger Student ihres Mannes, ein neugieriger Zuschauer?

Violet wendet den Blick ab, um flüchtig auf die Uhr zu sehen. Knapp fünf Minuten sind verstrichen. Sobald die Minute voll ist, wird sie eine saubere Linie unter die Striche ziehen und erneut mit dem Zählen beginnen.

»Kann ich Ihnen irgendwie helfen? Vielleicht die Zeit nehmen?«, fragt der Eindringling.

»Nicht nötig.« Sie blickt auf die Uhr. Fünf Minuten. Sie zieht einen Strich.

»Verpassen Sie nicht den einen oder anderen Impuls, wenn Sie dauernd hin und her blicken?«

»Natürlich. Ein paar.«

»Dr. Grant hat mir immer einen Assistenten zur Seite gestellt, der für mich die Zeit genommen hat. Wir haben uns gelegentlich abgewechselt, um unsere Augen zu schonen.« Seine Worte klingen respektvoll, ohne den typischen Anklang von wissenschaftlicher Arroganz.

»Hier in Berlin fehlt uns leider das nötige Personal.«

»Nicht in diesem Augenblick.«

Ohne den Blick vom Okular zu wenden, greift Violet nach ihrer Taschenuhr und hält sie ihm hin. »Meinetwegen. Wenn Sie darauf bestehen.«

Als er die Uhr entgegennimmt, streifen seine Finger sanft ihre Handfläche. »Fünf Minuten je Intervall?«

»Ja.« Violet schließt die Augen.

»Also. Fertig …«

Eine schwere, nach Leder duftende Stille erhitzt den Raum. Violet atmet tief durch, einmal, zweimal.

»Los!«

Violet öffnet die Augen und erblickt jene funkelnde Finsternis, erfüllt von explodierenden Sternen. Ihr eigenes kleines Universum. Der Bleistift zuckt über das Papier. Zählt und zählt. Lionel Richardson sitzt dicht hinter ihr, vollkommen reglos und so nah, dass sie seine abstrahlende Körperwärme spürt. Seine Hand hält ihre Uhr sicher gepackt. Ihre goldene Taschenuhr, schlicht, nahezu maskulin, die ihre Schwester Christina ihr vor vier Jahren an einem raucherstickten Pier des Hudson River geschenkt hat, während wenige Meter entfernt der gigantische Ozeandampfer Olympic an seinen schweren Tauen zerrte. Ihre geliebte Uhr: Violets einziges Abschiedsgeschenk der missbilligenden Schuylers.

»Stopp«, sagt Lionel Richardson.

Violet zieht eine Linie und beginnt von vorn.

»Und … los.«

Er erteilt seine Anweisungen mit stillem Selbstbewusstsein von einem unsichtbaren Posten zu ihrer Linken. Er hat die Dunkelheit nicht nur verschluckt, er ist die Verkörperung der Dunkelheit. Selbst sein Geruch scheint auf die Finsternis überzugreifen. Unermüdlich zeichnet Violet ihre Striche auf das Papier. Sie versinkt immer mehr in ihrer Welt aus grün-weißen Funken, resultierend aus der Kollision radioaktiver Teilchen mit winzigen Atomkernen. Umfangen von jenem rhythmischen Zauber, findet ihr Herz zurück zu seiner gewohnten Ruhe, ihre gereizten Nerven besänftigen sich. Einzig ihr Bleistift, zwischen Daumen und Zeigefinger, hart und spitz, verbindet sie noch mit der normalen Welt.

»Stopp«, sagt Richardson. Dann: »Soll ich die nächste Runde zählen? Ihnen müssen doch die Augen wehtun.«

Das tun sie in der Tat. Ebenso wie ihre Schultern und ihr Rücken. Sie richtet sich erleichtert auf. »Gern. Vielen Dank.«

Lionels Stuhl scharrt sanft über den Boden. Sein massiver Körper richtet sich in der Dunkelheit auf. Sie spürt einen Druck am Ellbogen: seine Hand, die sie von ihrem Stuhl zu seinem führt. Er legt die Uhr in ihre Handfläche, setzt sich auf den Platz vor dem Okular und beugt sich wortlos über den niedrigen Apparat.

Sie hebt ihre Uhr und starrt auf das Ziffernblatt. »Fertig?«

»Einen Moment noch.« Er setzt sich anders hin und drückt sein Auge gegen den Filzrand des Okulars. Endlich, erhellt von der matten Glühbirne über dem Notizblock, tritt sein Profil in Erscheinung: seine Züge entschieden und ebenmäßig, seine Nase ein wenig zu groß, sein Haar auffallend kurz und schwarz wie Tinte, im harschen Kontrast zu seinem weißen Kragen. Seine hohe Stirn schwebt über dem Okular, und im sanften Schein der Lampe entdeckt Violet keine einzige Falte. »Fertig.«

Ihr Blick gleitet zurück zu Christinas Uhr.

»Und … los.«

Vivian

Tante Violet. Ich besaß eine Großtante namens Violet, eine ehebrecherische Mörderin, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Eine Wissenschaftlerin. Welche Art von Wissenschaftlerin?

Ich betrachtete den Koffer auf dem Tisch. Dann wandte ich mich an Dr. Paul, um ihm meine außerordentliche Neuigkeit mitzuteilen.

Doch zu spät.

Aus irgendeinem unerfindlichen Grund lag er urplötzlich auf meinem Sofa – in der Mulde, die Sallys verkommener Körper ein, zwei Stunden zuvor hinterlassen hatte – und war in einen so tiefen Schlaf versunken, dass ich ihm am liebsten meinen Kompaktspiegel vor den Mund gehalten hätte, um zu überprüfen, ob er noch lebte.

Hände in die Hüften. »Na, du bist mir ja ein feiner Casanova.«

Doch mit einem Mal rollte eine winzige sentimentale Stahlkugel durch die Kammern meines Herzens. Mein armer, süßer Dr. Paul. Ein Arm ruhte quer über seiner Brust, der andere baumelte schlapp vom Sofa herab. Seine Beine, viel zu lang für die viktorianischen Kurven unseres roten Sofas, hingen unbequem über der Armlehne herab.

Ich kniete mich neben ihn und berührte vorsichtig eine Haarsträhne, die ihm erschöpft in die Stirn fiel. Aus der Nähe betrachtet, entdeckte ich einige zarte Fältchen, die von den Augenwinkeln nach außen wiesen. Ich neigte meine Nase an seinen Hals und schnupperte. An dieser Stelle roch seine Haut eher nach Salz als nach Desinfektionsmittel. Und nach einem Hauch von längst vergessener Seife, süß und feucht. Mit dem kleinen Finger fuhr ich über seine feinen goldenen Bartstoppeln. Er rührte sich nicht einmal.

»Wie soll ich da widerstehen?«, hauchte ich.

Etwa eine halbe Stunde später rauschte Tante Julie zur Tür herein, gehüllt in eine Duftwolke aus Zigarettenrauch und Max-Factor-Puder. Sie warf ihren Hut auf den Garderobenständer, den Mantel behielt sie an. Wenn man seinen Körper über das biblische Alter eines halben Jahrhunderts hinweg derart perfekt in Form hielt, lebte man anscheinend in einem permanenten Mikroklima einer neuerlichen Eiszeit.

»Wo ist er denn, dein sagenumwobener Koffer?«, fragte sie, während sie sich eine Zigarette ansteckte.

»Es ist nicht mein Koffer. Darum geht es ja gerade. Kleine Erfrischung gefällig?« Ich wartete nicht auf eine Antwort. Die Spirituosen hatten einen Ehrenplatz in ihrem ganz eigenen Küchenschrank, der ansonsten nicht viel hergab. Wenngleich Tante Julie die Qualität unserer Erfrischungsgetränke nicht sonderlich schätzte, musste die Quantität sie doch sicherlich beeindrucken.

Sie entledigte sich ihrer Handschuhe, um eine Bloody Mary entgegenzunehmen. Ohne Sellerie. »Hast du ihn wenigstens aufgemacht?«

»Natürlich nicht. Er gehört mir nicht.«

»Herrgott, Liebes. Hat dir deine Mutter überhaupt nichts beigebracht?« Sie stellte das halb leere Glas auf den Tisch. Dann griff sie nach dem angelaufenen Messingverschluss. »Also dann.«

»Warte bitte.« Ich eilte hinzu und stieß ihre Hand beiseite.

»Was soll das?«

»Wir haben kein Recht, ihn zu öffnen.«

»Herzchen, sie wird es nie erfahren.«

»Woher willst du das wissen?«

»Wir haben seit fünfzig Jahren nichts von ihr gehört. Das ist doch wohl ein eindeutiger Hinweis, findest du nicht?«

»Wir sollten zumindest versuchen, sie ausfindig zu machen.«

Tante Julie verdrehte die Augen und griff nach ihrer Bloody Mary. »Ah, was für ein Genuss. Du bist die Einzige meiner Nichten und Neffen, die einen vernünftigen Drink mixen kann.«

»Ich hatte eben eine gute Lehrerin.«

Sie hob ihren Zeigefinger. »Lehre eine Frau mixen, und du ernährst sie ein Leben lang.«

»Hör zu, Tante Julie. Diese Violet …«

Doch Tante Julie hatte sich abgewandt, um in der Küche ihr Glas aufzufüllen. Sie blieb mit einem abrupten Klirren ihrer sterbenden Eiswürfel stehen. »Vivian, Liebes«, sagte sie gedehnt, »da liegt ein Mann auf deinem Sofa.«

»Ist das etwa ein Vorwurf?«

»Ganz und gar nicht. Aber ich fühle mich verpflichtet zu fragen, wo du ihn plötzlich herhast und warum der Gute nicht angemessen gekleidet ist.«

Ich trat unmittelbar hinter sie und schlang einen Arm um ihre Taille. »Ist er nicht göttlich? Ich habe ihn vom Postamt mitgebracht.«

»Zugestellt und unterschrieben?«

»Mmmm. Der Ärmste, muss im Krankenhaus furchtbare Schichten schieben. Er hat das Paket mit letzter Kraft hier hochgeschleppt und dann …«, ich wedelte hilflos mit den Armen, »ist er einfach umgekippt.«

»Nicht zu fassen. Und was hast du mit ihm vor?«

»Was würdest du denn vorschlagen?«

Sie ging weiter zum Spirituosenschrank. »Versuche, nicht gleich mit ihm zu schlafen. Das schreckt die Männer ab.«

»Das hat Mum auch gesagt. Aber erzähl mir von Violet.«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen. Zumindest weiß ich nicht viel. Ich war das Nesthäkchen der Familie. Als sie damals nach England ging, war ich gerade mal neun. 1911, glaube ich.« Tante Julie kehrte der Küche den Rücken und lehnte sich gegen den Tisch, einen frisch gemixten Drink in der Hand und die Augen anerkennend auf Dr. Paul gerichtet.

»Und warum ist sie nach England gegangen? Hat man sie fortgeschickt?«

»Ganz im Gegenteil. Sie wollte Wissenschaftlerin werden, und das kam im Hause Schuyler nicht gut an. Ich erinnere mich noch an die furchtbaren Auseinandersetzungen. Doch irgendwann hat man sie ziehen lassen – was will man auch machen, wenn sich eine Frau etwas in den Kopf gesetzt hat? Die Sache wurde einfach unter den Teppich gekehrt.« Sie legte den Kopf schräg. »Was für eine Augenfarbe hat er denn?«

»Blau. Genauso blau wie sein Kittel. Aber versuch ja nicht, vom Thema abzulenken.«

»Ich habe meine Meinung geändert. Geh mit ihm ins Bett, und zwar pronto.«

»Ich wette, er kann dich in seinem Unterbewusstsein hören.«

»Das will ich doch hoffen. Eine kleine Affäre würde dir mal ganz guttun, Vivian. Es ist das Einzige, was dir noch fehlt.«

Ich wackelte mit dem Zeigefinger. »Für eine alte Jungfer bist du eine ziemlich jämmerliche Anstandsdame.«

»Ich bin keine alte Jungfer. Ich war mehrmals verheiratet.«

»Wie auch immer. Ich werde jedenfalls nicht mit ihm schlafen. Sieh ihn dir doch mal an. Er ist völlig erschöpft, der Ärmste!«

»Also meiner Erfahrung nach«, meinte Tante Julie, während sie den Gin in ihrem Glas kreisen ließ, »haben sie dazu immer genug Energie.«

Ich ging quer durch den Raum in mein Zimmer – kein allzu weiter Weg –, um eine Wolldecke aus dem Regal zu nehmen. Zugleich rief ich über meine Schulter hinweg: »Jetzt red endlich weiter. Was hat Violet in England gemacht?«

»Ihren Professor geheiratet, das kluge Kind. Sie war bildhübsch, unsere Violet, aber sie hat sich nichts draus gemacht. Sie interessierte sich nur für ihre verfluchten Atome und Moleküle.«

Ich kehrte zurück ins Wohnzimmer und breitete die Wolldecke über Dr. Pauls kräftige Schultern. »Aber dann hat sie ihn ermordet.«

»Davon weiß ich nicht viel. Die Familie hat nie von dem Vorfall gesprochen, nie wieder ihren Namen erwähnt. Ich glaube, es gab nicht mal einen Prozess oder dergleichen. Aber richtig, der arme Kerl wurde ermordet, und Violet ist mit ihrem Geliebten durchgebrannt. Aus einer Suite des Adlon, versteht sich. Geschmack hatte sie schon immer.« Sie schnippte mit den Fingern. »Zack! Das war’s.«

»Es muss doch mehr dahinterstecken.«

»Natürlich.«

»Aber du warst nie neugierig?«

»Ich war noch sehr jung, Vivian. Ich habe sie im Grunde kaum gekannt. Sie war auf dem Internat und später in England.« Tante Julie stellte ihr Glas auf den Tisch und verschränkte die Arme. »Natürlich habe ich gelegentlich darüber nachgedacht. Während meiner Aufenthalte in Europa habe ich hier und da ein paar Fragen gestellt. Aber ohne Ergebnis.«

Nachdenklich starrte sie den Koffer an. Ihre Lippen waren zu einem blutroten Halbmond nach unten gezogen. Ihre femininen Krallen berührten das verwaiste Leder.

»Ich glaube dir kein Wort«, sagte ich.

»Natürlich nicht. Du bist jung und misstrauisch.«

»Und ich kenne dich zu gut, Tante Julie.« Ich deutete auf ihre scheinheilige Brust. »Also raus mit der Sprache!«

Sie streckte ihre Hände von sich. »Ich habe dir alles erzählt, was ich weiß.«

Sie spielte ihre Rolle äußerst überzeugend. Große runde Augen, unschuldig gehobene Brauen. Die Lippen fest versiegelt. Ich kreuzte die Arme und trommelte ein Arpeggio auf meinen linken Ellbogen. »Ich kann nicht fassen, dass ich all die Jahre eine Großtante hatte, von der mir niemand etwas erzählt hat.«

Tante Julie schenkte mir ein mitleidiges Lächeln. »Wir sind die Schuylers, Liebes. Wer sollte dir etwas erzählen?«

Vom Innenhof drang der Lärm zersplitternden Porzellans zu uns herauf. Ein Baby schrie. Während meiner ersten Nacht mit einer fremden Mitbewohnerin, der ich am Morgen das erste Mal begegnet war, hatte ich zwangsläufig kein Auge zugetan: Die schäbige Enge meiner Bleibe war zu ungewohnt, verglichen mit meinem Zimmer in der Fifth Avenue oder in Bryn Mawr oder in unserem ruhigen Sommerhaus auf Long Island. Doch ich liebte die behelfsmäßigen oder geborgten Möbel, die mit Kordeln zugehaltenen Schranktüren, den Lärm, der permanent durchs Fenster drang und mir verkündete: Du lebst, dulebst!

»Lass uns den Koffer öffnen«, meinte Tante Julie. »Ich will sehen, was drin ist.«

»Oh Gott, bloß nicht. Was wenn wir ein Skelett finden? Die Leiche ihres toten Ehemanns?«

»Umso interessanter.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich kann ihn nicht öffnen. Nicht, solange ich nicht weiß, ob Violet noch lebt.«

»Jetzt werd nicht melodramatisch. Wenn du die Wahrheit wirklich wissen willst, dann such sie da drinnen.« Sie stach mit ihrem Fingernagel auf den Koffer ein. »Da findest du deine Violet.«

»Außerdem ist er abgeschlossen«, erklärte ich. »Und ich habe keinen Schlüssel.«

Dr. Paul rührte sich. »Klammern, nicht schrauben«, murmelte er und drehte den Kopf ins Kissen.

Ich senkte meine Stimme zu einem Flüstern. »Sieh nur, was du angerichtet hast. Ruhe jetzt. Er braucht seinen Schlaf.«

Niemand konnte die Augen derart abfällig verdrehen wie Tante Julie. Und genau das tat sie, um im nächsten Moment zum Garderobenständer zu eilen und ihren Hut einzusammeln – ein entzückendes Exemplar aus orangefarbenem Filz, perfekt auf ihren gleichfarbigen Wollmantel abgestimmt. Blutrote Lippen, orangefarbener Hut: So etwas brachte nur Tante Julie fertig.

Ich folgte ihr zur Tür und drückte einen Kuss auf ihre Wange. »Werd nicht nass da draußen.«

Sie schüttelte verständnislos den Kopf. »Du weigerst dich, diesen mysteriösen Koffer aufzubrechen. Du weigerst dich, mit diesem hinreißenden Arzt zu schlafen.«

Ich öffnete die Tür und trat einen Schritt zurück.

Tante Julie schob sich beherzt ihre Hutnadel ins Haar und schwebte hinaus auf den von Erbrochenem dreckigen Flur. Über die Schulter hinweg kommentierte sie: »Die Jugend ist an die Jugend verschwendet.«

Es dauerte eine Ewigkeit, ehe der Geruch von Tante Julies Puder verflogen war. Ich nutzte die Zeit, um ein wenig Ordnung zu schaffen – soweit dies mit menschlichen Kräften möglich war – und alle sündigen Beweise verschwinden zu lassen.

Nicht um Dr. Paul positiv zu beeindrucken (zumindest nicht ausschließlich), auch nicht um der Reinlichkeit willen (der ich nicht viel Bedeutung schenkte), sondern um meine Hände zu beschäftigen, während mein Verstand mit einem rätselhaften Problem rang.

Und meine Tante Violet war ein wahres Prachtexemplar von einem Rätsel.

Eine weibliche Wissenschaftlerin: äußerst faszinierend und durchaus nachvollziehbar für mich. Nicht dass ich mir aus Naturwissenschaften etwas machte, aber ihr Ringen nach Unabhängigkeit erinnerte mich an mich selbst, trotz der erheblichen Fortschritte des letzten halben Jahrhunderts, das zwischen uns beiden lag. Doch Violet war nicht nur eine Frau unter Wissenschaftlern. Sie war zugleich eine wissenschaftlich denkende Frau. Ganz gleich, wo sie sich niedergelassen hätte, sie wäre stets eine Außenseiterin geblieben. Da konnte ich es ihr kaum vorwerfen, dass sie ihren Professor geheiratet hatte.

Die Frage war nur, warum hatte sie ihn umgebracht?

Meine hausfraulichen Ambitionen ebbten ab und erstarben. Ich ließ mich auf einen Stuhl sinken, den Staubwedel in der Hand, und berührte das robuste Leder des Koffers, wie zuvor Tante Julie. Da findest du deine Violet, hatte sie gesagt, aber ich hatte eher das Gefühl, dass sich Violet ganz woanders befand. Dass sämtliche Spuren und Errungenschaften ihres Lebens irgendwo in der Welt zerstreut lagen und dieser Koffer etwas sehr Privates darstellte, sozusagen das letzte Überbleibsel ihrer Seele. Ich hatte kein Recht, einfach so darin herumzustöbern. Was wenn irgendjemand meinen Koffer öffnen würde?

Im Anschluss an den Tumult im Innenhof hatte sich eine unnatürliche Stille ausgebreitet. Das mechanische Ticken der Uhr erfüllte meine Ohren und erinnerte mich aus irgendeinem Grund daran, dass ich nichts zu Mittag gegessen hatte. Es schien, als wäre die Aufregung einer ganzen Woche in einen einzigen Samstagnachmittag gepackt worden. Womöglich war es bereits Zeit zum Abendessen.

Ich blickte auf das Ziffernblatt. Vierzehn Uhr einunddreißig.

Kurz entschlossen stand ich auf und ging in die Küche, um Wasser und Kaffeepulver in die Kaffeemaschine zu füllen. Dr. Paul könnte sicherlich eine Tasse vertragen, wenn er erwachte. Vermutlich nicht nur eine.

Vierzehn Uhr einunddreißig. Ich kannte meinen barmherzigen Samariter seit nunmehr zwei Stunden und neununddreißig Minuten. Die meiste Zeit davon hatte er verschlafen. Ich öffnete den Kühlschrank. Butter, Käse. Bestimmt war auch noch Brot im Brotkasten.

Dr. Paul war mit Sicherheit hungrig.

Ahhh, der Geruch von frischem Kaffee! Nichts machte einen müden Mann schneller munter, nicht einmal die Worte: Schatz, ich bin schwanger.

Seine blauen Augen öffneten sich blinzelnd. Ich genoss den Anblick seines großen, blau verhüllten Körpers, der überrascht zusammenzuckte. »Guten Morgen, Herr Doktor«, sagte ich. »Willkommen im Paradies.«

Er sah mich an, und sein Kopf sank zurück aufs Kissen. »Du schon wieder.«

»Ich habe Käsetoast und Tomatensuppe gemacht. Kaffee gibt’s auch.«

»Unfassbar.«

»Immerhin hast du mein Paket getragen. Das ist doch wohl das Mindeste!«

Er lächelte und setzte sich auf – blinzelnd, verstrubbelt, kopfschüttelnd. »Ich habe keine Ahnung, wie ich einfach so einschlafen konnte.«

»Die Erklärung liegt wohl auf der Hand. Du warst zu Tode erschöpft. Und hast den Fehler gemacht, deinen armen überarbeiteten Hintern auf meinem außerordentlich bequemen Sofa zu platzieren. Schon war’s passiert. Kaffee?«

Er nahm die Tasse dankbar entgegen und trank einen Schluck, die Augenlider gesenkt. »Ich glaube, ich habe mich gerade verliebt.«

»Armer Narr. Wart’s ab, bis du meinen Toast probiert hast.«

Ein weiterer Schluck. »Nichts lieber als das.«

Na bitte.

Ich stand auf und ging in die Küche, wo ich Dr. Pauls Käsetoast im Backofen warmgestellt hatte. Als ich zurückkehrte, blickte er erwartungsvoll zu mir auf.

Ich reichte ihm den Teller. »Erzähl mir was von dir, Dr. Paul.«

»Ich habe sogar einen Nachnamen, wenn du’s genau wissen willst.«

»Aber, Dr. Paul, wir kennen uns doch kaum. Ich weiß wirklich nicht, ob ich schon dazu bereit bin, dich mit Nachnamen anzusprechen.«

»Salisbury. Paul Salisbury.«

»Für mich wirst du immer Dr. Paul bleiben. Und jetzt iss deinen Toast wie ein braver Junge.«

Er lächelte und nahm einen großen Bissen. Ich hockte mich auf die Kante des Sessels und beobachtete ihn beim Essen. Noch immer trug ich meine weiße Rüschenschürze, die ich wie ein altes Hausweib sorgfältig glatt strich. »Und?«

»Das ist der beste Käsetoast, den ich je gegessen habe.«

»Meine Spezialität.«

Er nickte in Richtung Koffer. »Hast du ihn schon aufgemacht?«

»Ach, den Koffer. Du wirst es nicht glauben. Er gehört meiner verschollenen Großtante Violet, die ihren Mann ermordet hat, um mit ihrem Geliebten durchzubrennen. Leider ist das Ding verrammelt wie eine widerspenstige Auster mit einer fetten Perle im Bauch.«

Dr. Pauls Toast schwebte reglos vor seinem Mund. »Ist das dein Ernst?«

»Ausnahmsweise ja.«

Er verschlang grüblerisch einen Bissen Toast. »Nimm’s mir nicht übel, aber liegt dieses Verhalten vielleicht in der Familie?«

»Meins oder ihres?«

»Sowohl als auch.«

Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück und drehte nachdenklich Däumchen. »Na ja, ich kann nicht behaupten, dass die Schuylers ein beispielhafter Ausbund an Tugendhaftigkeit wären. Aber nach außen hin gelingt es uns meist, den Schein zu wahren. Regelrechte Psychopathen sind bei uns eher verpönt.«

»Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr mich das beruhigt.«

»Aber man darf nicht vergessen, dass Psychopathen zugleich die besten Lügner sind. Nur zur Warnung.« Ich klatschte in die Hände. »Aber genug von mir. Lass uns ein wenig über den illustren Dr. Paul Salisbury sprechen: sein Leben, seine Karriere, und vor allem, wann er wieder ins Krankenhaus muss.«

Dr. Paul stellte den leeren Teller neben sich auf dem Sofa ab, stützte seine Ellbogen auf die Knie und beugte sich vor. Seine Augen nahmen erneut jenen dunklen Farbton an. Oder vielleicht stieg mir allmählich das Blut zu Kopf und beeinträchtigte meine Sehkraft. »Um Mitternacht.«

Mir stockte der Atem.

»Eigentlich müsste ich mich ausschlafen. Ich wollte von der Post gleich zurück zum Krankenhaus, mich schnell umziehen und dann nach Hause, um zu schlafen.«

»Wo liegt denn deine Wohnung?«

»Upper East Side.«

»Na, herzliches Beileid.«

»Danke. Ich hätte mir etwas in der Nähe des Krankenhauses suchen sollen.«

Ich warf einen Blick auf die Uhr. »Du hast bereits mehrere Stunden verschwendet.«

»Das sehe ich anders.«