Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Spannende und magische Urban-Fantasy! Amelie fährt mit ihrer Klasse nach Südfrankreich an eine wunderschöne, malerische Küste namens Côte de la Lune. Doch schon am ersten Tag bekommt sie von einem mysteriösen Mann ein geheimnisvolles Amulett geschenkt. Was hat es damit auf sich? Hat es etwas mit der Stadt der Elfen zu tun, von der der fremde Mann sprach? Amelie muss verschiedene Rätsel lösen, um das geheime Tor zu finden, das scheinbar der Eingang zu dieser Stadt der Elfen ist. Doch sie muss schnell sein, denn irgendjemand ist ihr einen Schritt voraus und versucht mit allen Mitteln selbst in die Stadt der Elfen zu gelangen. Jugend-Fantasyroman ab 10 Jahren
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 223
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Für Larisa
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Epilog
Endlich! Ich schnappe mir meinen schweren Koffer und winke meiner Mutter zum Abschied zu. Als ich mich umdrehe, sehe ich gerade noch, wie der Rest meiner Klasse in den Bus einsteigt, der am Ende des Parkplatzes steht. Ich beschleunige meine Schritte und verfluche innerlich meine Mutter, dass sie immer so unpünktlich ist. Na gut, ein bisschen war es auch meine Schuld, da ich mich mal wieder nicht entscheiden konnte, was ich in meinen Koffer packen soll. Ich leide nämlich an einer akuten Entscheidungsphobie. Laut Google gibt es sogar einen lateinischen Fachbegriff dafür: Decidophobie. Jedenfalls hasse ich es, wenn ich mich für irgendetwas entscheiden muss. Ich habe immer Angst, die falsche Entscheidung zu treffen, sogar bei solchen banalen Sachen wie der Kleiderwahl. Am liebsten schiebe ich schwierige Entscheidungen möglichst lange vor mir her und hoffe einfach, dass sich das Thema irgendwann von selbst erledigt.
In diesem Moment wird mir die Entscheidung allerdings abgenommen, denn der Bus fährt los und ich habe gar keine andere Wahl, als ihm hinterherzurennen. Das kann doch jetzt nicht wahr sein! Die können doch nicht ohne mich losfahren! Mir bricht der Schweiß aus und ich keuche wie eine Dampfmaschine, während ich versuche, mit meinem Koffer so schnell wie möglich über den Parkplatz zu rennen. Dabei stolpere ich und falle fast der Länge nach hin. Ein fieses Seitenstechen zwingt mich dazu, stehen zu bleiben. Es hat sowieso keinen Sinn, so eine gute Sprinterin war ich noch nie, als dass ich den Bus noch hätte einholen können. Sie werden schon irgendwann merken, dass ich fehle und hoffentlich umkehren.
„Amelie!“ ruft plötzlich eine bekannte Stimme.
Ich wirbele herum und sehe Frau Aries, die neben einem Bus steht und mir zuwinkt. Verdutzt und gleichzeitig erleichtert laufe ich zu ihr hinüber. „Oh, ich dachte, das wäre unser Bus, der da gerade um die Ecke gefahren ist.“ sage ich.
Meine Lehrerin nimmt mir meinen Koffer ab und reicht ihn dem Busfahrer, damit er ihn einpacken kann.
„Denkst du wirklich, wir hätten nicht gemerkt, dass du fehlst?“ fragt Frau Aries lächelnd.
Ich zucke mit den Schultern und grinse zurück. „Vermutlich nicht.“ Ich mag Frau Aries wirklich sehr gerne. Sie ist noch ziemlich jung und erst seit zwei Jahren unsere Klassenlehrerin. Heute trägt sie ihre braunen Haare in einem Dutt, wodurch sie noch jünger wirkt.
Als ich in den Bus einsteige, sind schon fast alle Sitze besetzt, also nehme ich den Platz ganz vorne neben dem Busfahrer. Er ist mittleren Alters - ich würde ihn auf ungefähr 40 Jahre schätzen - mit einer kräftigen Statur und einer Glatze.
Nachdem ich mich auf meinen Platz gesetzt habe, schließen sich die großen Türen und der Bus setzt sich in Bewegung. Durch einen Lautsprecher genau über mir ertönt eine weibliche Computerstimme:
Sehr geehrte Damen und Herren. Vielen Dank, dass Sie sich für eine Reise mit dem Reisebusunternehmen Enders entschieden haben. Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass das Nutzen des Sicherheitsgurtes Pflicht ist. Bei weiteren Fragen wenden Sie sich bitte an den Busfahrer oder die Busfahrerin. Unser Team vom Reisebusunternehmen Enders wünscht Ihnen eine angenehme Fahrt.
Erleichtert atme ich einmal tief durch. Ich habe es also doch noch rechtzeitig zum Bus geschafft. Aus meinem Rucksack ziehe ich ein dickes Buch, das ich mir gestern in der Bibliothek ausgeliehen habe, und schlage es auf. Nach zehn Minuten bin ich so in den Zeilen versunken, dass ich fast gar nicht mitbekomme, dass der Busfahrer mit mir redet. „Was liest du denn da für ein Buch?“ wiederholt er seine Frage.
„Oh, das ist ein Buch über die Geschichte von Côte de la Lune. Ich bin ziemlich neugierig und wollte mich ein wenig über den Ort informieren, in dem wir unsere Klassenfahrt verbringen. Am bekanntesten ist der Ort für seine einzigartigen Felsen an der Küste, die im Mondlicht wunderschön glitzern, woher diese Region ja letztendlich auch ihren Namen hat.“ Côte de la Lune - auf Deutsch bedeutet der Name „Küste des Mondes“ - ein wunderschöner Name für eine ebenso schöne Gegend in Südfrankreich, in der wir eine Woche lang unsere Abschlussklassenfahrt verbringen werden.
„Das stimmt. Das Gestein ist aus einem besonderen Quarz, das im Mondlicht golden schimmert.“
Erstaunt lausche ich auf. „Sie kennen sich damit aus? Woher wissen Sie das?“
Der Busfahrer lacht freundlich. „Ich wohne schon seit vielen Jahren in Côte de la Lune und interessiere mich unter anderem auch für Geschichte und Mythologie. Vor ein paar Jahren habe ich sogar mal einen Geologiekurs an einer Uni gemacht, wo wir viel über Gesteine und Mineralien gelernt haben.“
„Wow, das ist bestimmt spannend. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir etwas darüber erzählen können. Solche Themen haben mich schon immer fasziniert.“
„Du musst mich doch nicht Siezen! Nenn mich doch bitte Gianno.“
Etwa drei Stunden später fahren wir von der Autobahn runter und halten an einer Raststätte an. Nacheinander steigen wir alle aus dem Bus, froh über die Gelegenheit, sich mal die Beine zu vertreten. Ich hole meine Brotbüchse aus der Tasche und setze mich an den letzten freien Tisch in dem kleinen Café. Es duftet nach frisch gebackenen Keksen und heißer Schokolade. Ich hole mein Handy aus meinem Rucksack und tippe eine Nachricht an meine Mutter:
Hallo Mama,
ich hab den Bus doch noch rechtzeitig geschafft. Wir machen gerade eine Rast und kommen in ca. 3 Stunden in Côte de la Lune an. Ich hoffe, du hast deinen Flieger auch noch geschafft. Sag Oma und Opa schöne Grüße von mir.
Ich drücke auf Senden und stecke das Handy wieder in meine Tasche. Wahrscheinlich hat meine Mutter sowieso keinen Empfang, solange sie im Flugzeug sitzt. Während ich auf Klassenfahrt bin, fliegt sie nämlich zu ihren Eltern, die vor 4 Jahren nach Griechenland gezogen sind. Dort haben sie ein schönes kleines Häuschen gekauft, das direkt am Meer steht.
„Hi, wie geht’s?“ fragt eine bekannte Stimme. Ich schaue auf und sehe Luisa auf mich zukommen. Obwohl sie ihre langen, dunkelblonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat, reichen sie ihr bis zur Hüfte.
„Ist hier noch ein Platz frei?“ fragt sie.
„Ja klar, setz dich ruhig.“ sage ich und räume meinen Rucksack von dem Stuhl neben mir, so dass sie sich setzen kann.
Luisa ist mit 1,57m die Kleinste aus unserer Klasse. Doch ihre zierliche Figur täuscht: sie ist das reinste Energiebündel. Zweimal die Woche geht sie zum Reiten, nebenbei macht sie Leichtathletik und dienstags hat sie auch noch Fechtunterricht. Außerdem redet sie immer wie ein Wasserfall. Kaum hat sie sich gesetzt, sprudelt sie auch schon los: „Ich freue mich so sehr auf die Klassenfahrt! Ich bin so gespannt, was wir alles machen werden. Ich persönlich hätte ja voll Lust auf Kanu fahren oder einen Freizeitpark oder nein, warte, noch besser: Fallschirm springen! Ja, das wäre cool. Aber ich bezweifele, dass Frau Aries das mitmacht. Auf was hättest du Lust, Amelie?“ Das alles sagt sie in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Doch bevor ich ihr antworten kann, redet sie auch schon weiter: „Die Jugendherberge soll auch ganz schön sein, vielleicht kommen wir ja sogar in ein Zimmer? Aber wenn es Doppelstockbetten gibt, dann möchte ich unbedingt oben schlafen. Als Kind bin ich zwar mal da runter gefallen und musste dann mit einer Platzwunde am Kopf ins Krankenhaus, aber nach 2 Tagen durften mich meine Eltern wieder abholen.“ Während Luisa munter weiterquasselt (ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, dass man bei ihr nie zu Wort kommt), widme ich mich meinem Brötchen.
„Huhu!“ ruft Luisa auf einmal und reißt mich aus meinen Gedanken. Wie verrückt wedelt sie mit den Armen. Erst als ich ihrem Blick folge, sehe ich, wen sie da versucht herzulocken. Amber, ihre beste Freundin, steht am anderen Ende des Cafés. Als sie uns sieht, kommt sie schnell zu unserem Tisch gelaufen und setzt sich gegenüber von Luisa.
„Ich hab dich schon gesucht!“, sagt Amber während sie ihre Jacke über die Stuhllehne hängt, „Ich glaube nämlich, dass du aus Versehen mein Portemonnaie eingepackt hast. Ich kann es nirgends finden! Oh, bitte sag, dass du es hast, sonst hab ich nämlich ein richtiges Problem.“
Luisa kramt eine Weile in ihrem Rucksack. „Ich hab’s!“ sagt sie erfreut, zieht ein edles, schwarzes Portemonnaie heraus und reicht es Amber. „Gott sei Dank.“ sagt Amber, „Ich hab schon gedacht, dass ich in Côte de la Lune gar nicht shoppen gehen kann. Das wäre echt furchtbar gewesen.“ Erleichtert nimmt sie ihr Portemonnaie entgegen und verstaut es sicher in ihrer kleinen Handtasche.
Ich muss schmunzeln. Mode war schon immer Ambers Leidenschaft gewesen. Schon seit der Grundschule träumt sie davon, ihre eigene Modeboutique zu eröffnen.
„Also Mädels, was wollt ihr trinken? Ich gebe eine Runde für euch aus.“ verkündet Amber.
Es ist schon 16 Uhr, als wir in Côte de la Lune ankommen. Trotzdem ist es noch warm und die Sonne strahlt von einem wolkenlosen Himmel. Wir alle schauen wie verzaubert aus den Fenstern, als der Bus sich durch die schmalen Straßen schlängelt und uns immer näher zu unserem Reiseziel bringt. Die Landschaft hier in der Französischen Rivera ist wirklich atemberaubend schön. Auf der rechten Straßenseite erstrecken sich endlose Lavendelfelder und in der Ferne kann ich sogar schon das Meer erkennen. Der Bus parkt auf einem Parkplatz direkt vor unserer Jugendherberge. Auch wenn die Jugendherberge von außen durch ihren Fachwerkhausstil altmodisch aussieht, ist im Inneren alles sehr modern eingerichtet. Im Empfangsbereich erwartet uns eine Frau mit einem streng nach hinten gebundenen Zopf und einer dicken Schicht Make-up im Gesicht. Sie trägt einen lilafarbenen Stiftrock und dazu ein passendes rosa Tuch. Frau Aries geht zu ihr und die Frau setzt ein breites Lächeln auf, das meiner Meinung nach viel zu gekünstelt wirkt. Selbst von weitem höre ich, dass sie einen starken französischen Akzent hat. Sie steht kerzengerade da, so als hätte sie einen Stock im Rücken und unwillkürlich stelle ich mich selbst etwas aufrechter hin. Auf mich wirkt diese Frau jedenfalls nicht sonderlich sympathisch. Nach dem Gespräch mit Frau Aries stöckelt sie in ihren High-Heels los und führt uns zu unseren Zimmern.
Entlang der Treppe, die in die obere Etage mit den Schlafzimmern führt, hängen verschiedene Gemälde, auf denen die Felsen und der Strand abgebildet sind. Die obere Etage ist mit einem edlen roten Teppich ausgelegt und an den Zimmertüren sind die jeweiligen Nummern in goldene Metallschilder eingraviert. In Zimmer 217, welches ich mir mit Amber teile, stehen zwei Einzelbetten und unter dem Fenster ist ein Tisch mit einer Blumenvase darauf. Ich stelle meinen Koffer unter den Tisch und genieße erst einmal die Aussicht aus dem Fenster. Von hier aus guckt man genau auf den Strand und ich kann die Menschen beobachten, die in dem wunderschönen blauen Meer baden oder sich am Strand sonnen.
„Bleibst du länger als die anderen oder warum hast du zwei von diesen riesigen Teilen mitgenommen?!“ reißt mich eine Stimme aus meinen Gedanken. Gianno hat gerade Ambers zweiten Koffer ins Zimmer getragen und lässt ihn mit einem lauten Wums auf den Boden fallen. „Ich konnte mich nicht entscheiden, welche Kleider ich mitnehmen soll, also hab ich einfach alle eingepackt. Außerdem musste ich ja auch meine Schminke irgendwo unterbringen.“ verteidigt sich Amber.
Mit einem Augenrollen wendet sich Gianno an mich. „Hier, ich glaube, das gehört dir. Es ist aus einer Seitentasche deines Koffers gefallen.“ Er reicht mir ein kleines Büchlein, das in einem goldenen Einband eingewickelt ist.
„Oh, danke.“ Ich nehme es entgegen und lege es auf dem Nachttisch ab. Der Koffer gehört eigentlich meiner Mutter, deswegen denke ich, dass es sich um ein Notizbuch von ihr handelt. Meine Mutter liebt Notizbücher. Egal wo wir sind, sie hat immer ein kleines Heft und einen Stift dabei, um etwas aufzuschreiben.
Nachdem wir unsere Betten bezogen haben und unsere Klamotten in den Holzschrank einsortiert haben (Amber hat gefühlt dreimal so viele Klamotten mit wie ich), gehen wir nach unten in den Gemeinschaftsraum, wo schon die meisten Klassenkameraden warten.
Einige Minuten später sind wir vollständig und Frau Aries erklärt uns den Ablaufplan für diese Woche.
„Erst einmal herzlich willkommen hier in der Jugendherberge. Ich hoffe, ihr seid alle mit der Zimmereinteilung zufrieden.“, fügt sie mit einem Lächeln hinzu, „Ich erwarte von euch, dass ihr euch benehmt und keinen Unfug anstellt. Ich werde euch jetzt den Ablaufplan für diese Woche mitteilen. Morgen werden wir die Woche mit einer schönen Wanderung beginnen, um die Umgebung besser kennenzulernen. Es gibt einen wunderschönen Aussichtspunkt, der nicht allzu weit von hier entfernt ist. Am Mittwoch habt ihr Freizeit und könnt selbst entscheiden, was ihr unternehmen möchtet. Die Jugendherberge bietet auch verschiedene Ausflüge an, bei denen ihr teilnehmen könnt.“ Sie reicht die Listen mit den unterschiedlichen Aktivitäten herum, in die man sich einschreiben kann. „Am Dienstagabend findet hier in Côte de la Lune auch ein Tanzabend statt, zu dem ihr gehen könnt.“, fährt sie fort, „Donnerstag werden wir dann wieder gemeinsam etwas unternehmen: Wir gehen in das örtliche Meeresmuseum, um etwas über die Geschichte der Region zu lernen.“
Oh ja, ein Museumsbesuch genau an meinem Geburtstag! Das ist das beste Geschenk, das ich mir hätte wünschen können! Ich liebe es, durch Museen zu schlendern und neue Dinge zu entdecken, von denen ich manchmal noch nicht mal wusste, dass sie überhaupt existieren. Und das Meer finde ich sowieso total spannend. Einfach unglaublich, was es in den Tiefen der See alles gibt. Meere sind so riesig und es gibt noch so viel, was bislang noch nicht erforscht wurde. Ich könnte mir gut vorstellen, später mal Meeresbiologie oder so etwas Ähnliches zu studieren. Wie erwartet, ist jedoch der Rest meiner Klasse von diesem Ausflug eher weniger begeistert.
„Och ne, wieso müssen wir in so `nen langweiliges Museum gehen? Wir könnten doch auch in einen Freizeitpark oder so...“ beschwert sich Jakob. Doch Frau Aries bleibt standhaft. „Es ist eine Klassenfahrt. Da gehört auch ein bisschen Bildung dazu.“ Und damit ist diese Diskussion beendet.
Bis zum Abendessen um 19 Uhr haben wir noch genügend Zeit, den Ort zu erkunden und uns umzuschauen. Ich biege links in Richtung Strand ab und bin überwältigt von dem Anblick, der sich mir bietet. Ich stehe vor einer langen Kopfsteinpflasterstraße, an deren Ende ich bereits den Strand und das Meer sehen kann. Ein paar Touristen schlendern von Laden zu Laden oder sitzen in den gemütlichen Cafés und trinken einen Espresso. Die ganze Straße ist erleuchtet von Lichterketten und Girlanden, die quer über der Straße aufgehängt wurden. Ich komme an ein paar Souvenirläden vorbei und zwischen den unzähligen Cafés entdecke ich sogar eine kleine Bibliothek. Hinter einem großen Schaufenster sind die allerneusten Modetrends und angesagtesten Accessoires ausgestellt. Amber würde begeistert sein. Ich komme an weiteren niedlichen Cafés vorbei, die mit sehr viel Liebe zum Detail dekoriert sind. Ein köstlicher Geruch nach frischem Brot weht mir aus einer kleinen Bäckerei am Straßenrand in die Nase. Ich stelle mich an die Seite, so dass ich den anderen Passanten nicht im Weg stehe, und genieße für ein paar Momente diese wunderschöne Aussicht. Die Sonne spiegelt sich in den Fenstern und tanzt über diese traumhaft schöne Szenerie. Ich beobachte die Menschen, die an mir vorbeilaufen. Die meisten Leute haben große Einkaufstüten in der Hand und schlendern glücklich durch die Straße. Plötzlich sehe ich, dass ein fremder Mann mit langen Schritten zielstrebig auf mich zukommt. Er ist so auffallend gekleidet, dass er sofort aus der Menge heraussticht. Er hat kurzes, graues Haar, sieht jedoch noch nicht älter aus als 40. Sein Laufstil ist elegant und er trägt eine sehr spezielle Kleidung. Der Mann hat hohe, weiße Stiefel an und auch der Rest seiner Kleidung ist weiß. Geschickt schlängelt er sich durch die Menschenmenge, bis er kurz vor mir stehen bleibt. Er lächelt mich freundlich an und zeigt dabei perfekte weiße Zähne.
„Ich hätte es dir gerne etwas feierlicher überreicht, aber dazu hatte ich leider keine Zeit.“ sagt der Fremde. Dann räuspert er sich und spricht weiter: „Amelie Sheridan, du wurdest auserwählt, die siebte Trägerin eines Amuletts zu sein und hast somit die Ehre, die Stadt der Elfen zu beschützen. Du wirst sicherlich viele Fragen haben, aber ich bitte dich, dir diese bis Freitag aufzuheben. Da wird dann deine Zeremonie stattfinden und ich werde dir alles erklären.“ Dann beugt er sich zu mir vor und gibt mir etwas in die Hand. Er umschließt meine Hand mit seinen Fingern zu einer Faust, so dass ich nicht sehen kann, was er mir gegeben hat. Ich spüre lediglich etwas Kaltes, vielleicht Metall oder etwas in der Art. Der Mann sieht mir eindringlich in die Augen.
„Pass gut darauf auf.“
Verwundert betrachte ich das Objekt, das mir der Fremde in die Hand gelegt hat. Es ist tatsächlich ein Amulett - mit silbernen Ornamenten verziert und in der Mitte glänzt ein wunderschöner lilafarbener Edelstein. Ein Amethyst! Ich will dem Fremden für dieses außergewöhnliche Geschenk danken, aber als ich wieder aufschaue, ist er verschwunden. Verwirrt drehe ich mich einmal um mich selbst, doch von dem Mann fehlt jede Spur. Wohin ist er so schnell verschwunden? Und vor allem wie? Ich halte weiterhin nach dem auffälligen weißen Umhang des Mannes Ausschau, doch ich kann ihn nirgends entdecken. Die Straße wirkt ganz normal und die Leute laufen an mir vorbei, als hätten sie diesen merkwürdigen Mann, der überhaupt nicht hierher gepasst hat, gar nicht bemerkt.
Wie immer, wenn ich über etwas nachdenken will, mache ich einen kleinen Spaziergang. Ich laufe barfuß am Strand entlang und versuche, meine Gedanken zu ordnen. Woher kannte der Fremde meinen Namen? Wieso trug er so merkwürdige Klamotten? Und wie ist er so schnell verschwunden? Ich bleibe stehen und betrachte zum vierhundertsten Mal in der letzten halben Stunde das Amulett. Es fühlt sich leicht an und passt genau in meine Handfläche. Der Edelstein in der Mitte ist glattgeschliffen und funkelt in der Sonne. Ich lege die Kette um meinen Hals und lasse das Amulett unter meinem T-Shirt verschwinden. Gedankenverloren laufe ich weiter am Strand entlang. Inzwischen steht die Sonne ganz tief am Himmel und die meisten Badegäste sind schon nach Hause gegangen. Im Schneidersitz setze ich mich in den Sand. Das Meer wird wunderschön angestrahlt und glitzert in den hübschesten Blautönen. Rechts von mir ragen die berühmten Felsen auf, die das Ganze noch märchenhafter aussehen lassen. Nur eine kleine Wolke zieht über den blauen Himmel und es verspricht, eine sternenklare Nacht zu werden.
Ich vergrabe meine Hände im kühlen, weichen Sand. Die letzten Sonnenstrahlen kitzeln auf meiner Haut. Eine angenehme, kühle Brise weht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Der Horizont hat sich rot verfärbt und taucht die Umgebung in ein gemütliches Licht. Ich seufze und genieße diesen traumhaft schönen Anblick. Schon immer habe ich es geliebt, Sonnenuntergänge und -aufgänge zu beobachten. Ich erinnere mich an einen Tag bei meinen Großeltern in Griechenland, als ich mit meiner Mutter extra früh aufgestanden und auf einen Felsen direkt am Meer geklettert bin, um den Sonnenaufgang zu betrachten. Genau in diesem Moment piepst mein Handy. Ich ziehe es aus meiner Hosentasche und schaue auf das Display. Es ist eine Nachricht von meiner Mutter:
Hallo Prinzessin, ich hoffe, ihr seid gut angekommen. Ich bin mittlerweile auch in Kythira gelandet. Das Wetter hier ist traumhaft schön! Heute Abend gehe ich mit Oma und Opa essen. Der Empfang hier ist ziemlich schlecht, aber ich hoffe trotzdem, dass meine Nachrichten ankommen. Genießt die Woche und macht euch eine schöne Klassenfahrt. Kuss, Mama.
Darunter hat sie noch ein Bild von sich und meinen Großeltern geschickt, wie sie in einem Restaurant direkt am Meer sitzen und leckeres griechisches Essen genießen. Ich schicke ein Bild von mir zurück und schreibe, dass es hier auch sehr schön ist und wir gut angekommen sind. Kurz überlege ich, ob ich ihr auch von dem fremden Mann und dem Amulett erzähle, aber das sage ich ihr lieber später, wenn wir mal telefonieren. Ich stecke mein Handy wieder in die Hosentasche und genieße den Sonnenuntergang.
Als ich später zur Jugendherberge zurückkehre, sind die Straßen bereits leerer und die meisten Geschäfte haben geschlossen. In einem Café an der Strandpromenade entdecke ich Gianno. Er beugt sich gerade unter den Tisch und es sieht so aus, als ob er irgendetwas am Boden suchen würde. In der linken Hand hält er einen Zettel. Ich winke ihm zu. Als er mich sieht, packt er den Zettel weg und lächelt mir entgegen.
„Hallo Amelie! Schön, dich hier zu treffen.“
„Ich wollte gerade zurück zur Jugendherberge gehen, da hab ich dich gesehen. Suchst du etwas?“
„Nein, mir ist nur gerade etwas runtergefallen.“ sagt er. Sein Blick bleibt an meinem Hals hängen und seine Augen weiten sich. „Woher hast du dieses Amulett?“
„Oh...also das...ehrlich gesagt, hat mir das gerade ein völlig fremder Mann gegeben. Ohne irgendeine Erklärung. Aber es ist wirklich hübsch oder?“ sage ich.
„Ja, in der Tat. Darf ich es mal sehen?“ Er betrachtet das Amulett sehr ausführlich und als er nach 2 Minuten immer noch fasziniert darauf starrt, räuspere ich mich.
„Ich muss jetzt los, sonst komme ich zu spät zum Abendessen. Es war schön, dich zu treffen. Bis dann!“ Ohne eine Antwort abzuwarten drehe ich mich um und laufe weiter zur Jugendherberge.
Ich lasse mich auf mein Bett fallen und starre die Decke an. Noch immer muss ich an diesen seltsamen Fremden denken. Was sagte er nochmal? Ach ja, dass ich die siebte Trägerin eines Amuletts bin und dadurch die Stadt der Elfen beschützen soll. Was für eine Stadt der Elfen? Ich seufze. Im Moment habe ich keine Lust, mir darüber den Kopf zu zerbrechen - auch wenn ich normalerweise Rätsel liebe. Ich setze mich wieder aufrecht hin und mein Blick fällt auf das goldene Notizbuch, das auf meinem Nachttisch liegt. Neugierig nehme ich es in die Hand und blättere darin herum. Es sieht so aus, als wäre es kein Notizbuch, sondern eine Art Tagebuch. Auf der ersten Seite steht der Name meiner Mutter: Aurelia Grace Sheridan. Ich schlage das Buch wahllos auf. Zwischen den Seiten rutscht ein Foto heraus und fällt auf den Boden. Vorsichtig hebe ich es auf und betrachte es genauer. Es muss schon älter sein, denn die Farbe ist bereits leicht verblasst und an den Ecken ist das Bild eingerissen. Außerdem sieht meine Mutter noch recht jung aus. Neben ihr steht eine andere junge Frau, die mir irgendwie bekannt vorkommt. Ich zerbreche mir den Kopf darüber, woher ich sie kenne, aber ich komme nicht darauf. Sie stehen vor einem großen Felsen und lächeln in die Kamera. Der Felsen im Hintergrund hat eine besondere Form: mit ein bisschen Fantasie sieht er aus, wie ein Herz. Ich betrachte es noch eine Weile und erst nach einigen Minuten fällt mir auf, dass beide Frauen ein Amulett tragen, das dem, das mir eben der fremde Mann gegeben hat, gar nicht so unähnlich ist. Das kann doch kein Zufall sein! Das Amulett meiner Mutter ist golden, genau wie ihre Haare. Und das der anderen Frau ist orange. Behutsam drehe ich das Foto um. Auf der Rückseite ist das Datum notiert: 26.08.2004. Vor fast 17 Jahren. Ich lege das Foto zurück in das Tagebuch und schaue mir die anderen Seiten an. Auf den meisten Seiten sind weitere Fotos von den Felsen und ein paar Beschriftungen. Gedankenverloren wickele ich mir eine Haarsträhne um den Finger – eine doofe Angewohnheit, die ich von meiner Mutter habe. Ich blättere weiter, auf der Suche nach irgendwelchen interessanten Tagebucheinträgen. Ziemlich weit hinten, auf den letzten Seiten des Buches, hat meine Mutter in ihrer unverkennbaren, verschnörkelten Handschrift einen Text geschrieben:
Am 26. August sind Ophelia und ich in der S.d.E. angekommen. Für Ophelia war es das erste Mal, dass sie hier war. Am Freitag wurde sie durch die Zeremonie offiziell aufgenommen. Die restlichen Tage haben wir genutzt, um die Gegend zu erkunden. Es ist wirklich jedes Mal atemberaubend schön hier! Ophelia und ich haben es uns zur Aufgabe gemacht, eine Karte von der Umgebung zu zeichnen und wir haben außerdem ein paar Hinweise versteckt, wie man das geheime Tor finden kann :
Die Seite danach ist rausgerissen.
Das Abendessen findet in einem großen Gemeinschaftsraum statt. Als ich den Raum betrete, drängeln sich überall Schüler herum und die Betreuer versuchen vergeblich, etwas Ruhe zu schaffen. Ich halte nach Amber und Luisa Ausschau, kann sie aber in dem Gewusel nirgends entdecken. Ich bahne mir einen Weg durch die ganzen Schüler zur anderen Seite des Raumes. Dort wurde auf einem langen Tisch ein Buffet angerichtet. Ich nehme mir einen Teller und stelle mich in der langen Schlange an. In großen Metalltöpfen und Schüsseln sind verschiedene französische Speisen angerichtet, die alle mit einem Zettel beschriftet sind. In der ersten Schüssel ist ein Brotaufstrich „Tapenade“ und daneben steht ein Gericht mit der Aufschrift „Salade Nioise“. Außerdem gibt es eine Unmenge an verschiedenen Soßen. Ich mache mir von allem ein bisschen drauf.
Von der hinteren Ecke des Raumes aus winken mir meine Klassenkameraden zu. Mit meinem gut gefüllten Teller setze ich mich auf einen Platz zwischen Luisa und Joschua. Ich dachte ja schon, ich habe mir viel zu Essen auf meinen Teller gemacht, aber Luisa hat mindestens doppelt so viel.
„Na du hast dir aber was vorgenommen.“ sage ich schmunzelnd.
„Ja, wenigstens gibt es hier nicht so ekliges Essen wie in unserer Schulkantine und außerdem gibt es hier keine nervigen kleinen Brüder, die einem ständig das Essen klau-... Hey!“ Joschua hat soeben versucht, eine von Luisas Pommes zu stibitzen. „So viel dazu.“
Luisa hat Recht, das Essen schmeckt wirklich ausgezeichnet.
„Ich gehe mal davon aus, dass ihr bereits alle Einkaufsläden der Gegend ausfindig gemacht habt?“ frage ich Amber und Luisa.
„Ja, wir waren in fast allen Klamottenläden, die wir finden konnten. Es sind tatsächlich ein paar schöne Läden dabei gewesen. Morgen nach der Wanderung wollen wir noch in die restlichen Läden. Wir wollten dich fragen, ob du mitkommen möchtest.“ sagt Luisa und schaut mich mit einem Hundeblick an, bei dem man unmöglich ablehnen kann.
„Du weißt, dass ich nicht gerne shoppen gehe und versuchst es trotzdem immer wieder.“ antworte ich lachend.
„Man kann es ja wenigstens versuchen.“ sagt sie mit einem Schulterzucken.
„Ich werde es mir überlegen.“
„Und was hast du so vorhin gemacht?“ erkundigt sich Amber.
„Ich war am Strand und habe mir den Sonnenuntergang angeschaut. Es war wirklich traumhaft schön.“ Meine Gedanken schweifen wieder zu dem fremden Mann. Soll ich den beiden davon erzählen?
Ich beuge mich ein bisschen vor, so dass nur Amber und Luisa mich verstehen können.
„Und mir ist etwas sehr Merkwürdiges passiert. Ein fremder Mann hat mir das hier gegeben.“ Ich zeige ihnen das Amulett.
„Wow, das sieht aber schön aus! Wo hast du das her?“ fragt Luisa mit aufgerissenen Augen.
