Das Geheimnis des Apfels - Mignon G. Eberhart - E-Book
Beschreibung

Dieser Band enthält eine Auswahl aus den besten Kriminalgeschichten von Mignon G. Eberhart: Der Brillant des alten Mannes / Der Jadebecher / Eine Gangsterbraut für Mr. Wickwire / Mord über der Lagune. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:199


Mignon G. Eberhart

Das Geheimnis des Apfels

Kriminalgeschichten

Aus dem Amerikanischen von Mechtild Sandberg und Hedi Hummel-Hänseler

FISCHER Digital

Inhalt

Der Brillant des alten MannesDer JadebecherEine Gangsterbraut für Mr. WickwireMord über der Lagune

Der Brillant des alten Mannes

»Wenn mir auf dieser Reise etwas passieren sollte«, sagte er sehr gelassen, »dann bringen Sie das Ding hier zu meiner Tochter nach Rom, ja?«

»Würden Sie jetzt bitte die Kapsel nehmen?« sagte ich, schob sie ihm in den Mund, drückte ihm ein Glas Wasser in die Hand und klappte das mit rotem Samt ausgeschlagene Kästchen zu. Ich fühlte mich verrückterweise sofort viel freier, als es geschlossen und der große, tropfenförmige Brillant mit seinem unheimlich lebendigen Feuer unter seinem Deckel verschwunden war.

In dieser Nacht, während das Schiff in der Dünung schaukelte und praktisch jeder an Bord seekrank war, schlich sich jemand in Arthur Sidneys Kabine und ermordete ihn.

Ja, den Arthur Sidney.

Ich bin Sarah Keate, gelernte Krankenschwester und weiß Gott keine Detektivin. Ich muß allerdings gestehen, daß ich mich gelegentlich dazu habe überreden lassen, als eine Art Beobachterin zu fungieren.

In diesem besonderen Fall nun hatte ich die Chance, Arthur Sidney auf der Reise von New York nach Cherbourg zu begleiten, wahrgenommen. Im Rückblick war es wirklich eine Ironie des Schicksals, daß ich mich mit solchem Eifer auf das Angebot gestürzt habe. Arthur Sidney war krank, aber es war nichts Ernstes, und ein wenig Bammel hatte ich eigentlich nur vor eventuellen Stürmen auf See. Es war meine erste große Schiffsreise. Und es wäre beinahe meine letzte geworden.

Aber das wußte ich damals noch nicht. Und da wir gerade erst ausgelaufen waren, war ich noch voller Zuversicht. Das einzige, was mich etwas beunruhigte, war die Vorstellung, daß ein Edelstein von solchem Wert – und, nebenbei gesagt, mit einer so blutigen Geschichte – völlig unbewacht in der Kabine meines Patienten herumlag. Nachdem ich ihm sein Schlafmittel gegeben und sein Bett für die Nacht gerichtet hatte, nahm ich deshalb den Brillanten aus dem Kästchen, verstaute dieses in einem kleinen Koffer, sperrte ihn ab und legte den Schlüssel wieder zurück. Mein Patient merkte von alldem nichts, da er zu der Zeit gerade im Badezimmer war. Ich blieb bei ihm, bis er eingeschlafen war. Eine kleine Lampe ließ ich brennen, als ich mich zurückzog, und sperrte die Kabinentür hinter mir ab. Wenn er erwachen und etwas wünschen sollte, brauchte er nur dem Steward zu läuten, der mich holen würde.

 

Ich habe alles sehr klar in Erinnerung, auch daß ich draußen vor der Tür zögerte, weil mir einfiel, daß die Wasserkaraffe auf dem Nachttisch leer war und ich vergessen hatte, sie zu füllen. Aber ich kehrte nicht um; ich wollte ihn nicht wecken und so die Wirkung des Schlafmittels zunichte machen. Sollte er tatsächlich erwachen und etwas trinken wollen, so konnte er sich das Wasser selbst holen; dazu war er durchaus in der Lage.

Ich verschloß die Tür einzig deshalb, weil ich wußte, daß er Geld und Wertsachen bei sich hatte. Und ich wußte natürlich einiges über den Brillanten, er hatte mir viel über ihn erzählt, und der Stein war einer der Gründe, warum er mich engagiert hatte.

Zurück in meiner eigenen Kabine, schloß ich ebenfalls ab und setzte mich, um den Brillanten zu betrachten, der da so fehl am Platz in der Tasche meines Schwesternkittels lag. Er hatte wirklich einen unheimlich lebendigen Glanz; einen Moment lang schien mir fast, ich hielte ein Stück kristallisiertes Leben in meiner Hand und sei kurz davor, irgendeine ungeheuerliche Entdeckung zu machen. Es war ein merkwürdiges Gefühl – nicht ganz Erkennen und nicht direkt Vertrautheit, aber ein wenig von beidem. Ich befand mich in so gespannter Erregung, als würden mir gleich die Urgeheimnisse des Universums enthüllt.

Dann war der Moment vorüber, und alles war wie immer. Ich saß auf dem Bettrand in meiner Kabine und hielt einen Edelstein in der Hand, der weißes Feuer sprühte und Tausende von Dollar wert war. Und der sorgfältiger gehütet werden mußte, als mein Patient es offenbar für nötig hielt. Ich wußte, daß der Stein versichert war und jahrelang im Tresor der Bank des alten Mannes gelegen hatte. Jetzt hatte er ihn, als wäre er gar nichts Besonderes, mit auf die Reise genommen, um ihn seiner Tochter, die in Rom lebte, zur Hochzeit zu schenken. Die Versicherungsgesellschaft hatte die Begleitung eines Detektivs verlangt, er selbst hatte eine Pflegerin gebraucht, und ich hatte diese Doppelrolle übernommen.

Während ich den funkelnden Stein betrachtete, wurde mir klar, daß ich mir da eine ziemliche Verantwortung aufgebürdet hatte. Ich mußte ihn sorgfältig hüten; es durfte um Himmels willen nicht passieren, daß ich am nächsten Morgen ohne den Brillanten dastand. Aufmerksam sah ich mich in der Kabine um. Bett, Sessel, Kommode – sie unterschied sich durch nichts von einem gewöhnlichen Hotelzimmer. Sehr enttäuschend. Selbst das Bullauge, das ich mir rund vorgestellt hatte und mit großen Schrauben gegen die tobenden Wellen gesichert, war nichts anderes als ein Fenster mit einem Vorhang davor. Bei diesem Gedanken stand ich hastig auf und schloß den Vorhang. Draußen war ein Deck. Konnte jemand mich gesehen haben? Ich prüfte den Winkel, in dem das Bett zum Fenster stand, und kam zu dem Schluß, daß niemand mich bei der Betrachtung des Brillanten hatte beobachten können.

Doch der kleine Zwischenfall trieb mich zu handeln. Ich erwog und verwarf alle möglichen Verstecke in der Kabine und wickelte den Stein schließlich in ein Taschentuch, knotete es fest zusammen und verbarg das kleine Bündel wahrscheinlich am dümmsten Ort – unter meinem Kopfkissen. Doch selbst wenn jemand von der Anwesenheit des Steins auf dem Schiff wissen sollte – die Versicherungsgesellschaft hatte uns vor dieser Möglichkeit gewarnt; »Juwelendiebe«, hatte man uns trocken gesagt, »haben ihre Informationsquellen« –, hatte der Betreffende keinen Anlaß zu vermuten, daß er sich augenblicklich in meinem Besitz befand. Das wußte ja nicht einmal Arthur Sidney selbst. Nach dieser Überlegung schlief ich beruhigt ein.

Einmal in der Nacht erwachte ich mit einem unerklärlichen und nicht gerade angenehmen Gefühl von Unsicherheit. Ich knipste das Licht an. Nach einem Moment der Verwirrung bemerkte ich, daß die Vorhänge am Fenster leicht hin und her schwangen. Mir wurde fast etwas schwindlig bei dem Anblick.

Ha, dachte ich, wir lassen das Land hinter uns. Der Satz gefiel mir, aber das Schwindelgefühl wurde stärker, und schließlich stand ich auf und nahm eine von den Tabletten, mit denen mich der erfahrenere Arthur Sidney ausgestattet hatte. Ein Blick auf die schwankenden Vorhänge, und ich nahm gleich noch zwei Tabletten.

Vermutlich hatte ich es diesem Mittel gegen die Seekrankheit zu verdanken, daß ich am nächsten Morgen verschlief, nur schwer wach wurde und erst allmählich, wie durch Nebelschleier, auf den Tumult draußen im Gang aufmerksam wurde. Das Wort »Mord« war es, laut und im Ton völliger Ungläubigkeit herausgeschrien, woraufhin die Stimme sofort zum Schweigen gebracht wurde, das mich endlich aus der Schlaftrunkenheit riß.

Mord – was redeten die da draußen? Was war geschehen? Wem gehörten diese Stimmen? Der Brillant – mein Patient– mein Patient!

Ich war mit einem Schlag hellwach, schnappte mir irgendwelche Kleidungsstücke, packte den Brillanten, der noch unter meinem Kopfkissen lag, zögerte, schob das kleine Bündel kurzentschlossen unter meine dicken Locken und machte es mit einer Haarnadel fest. Dann riß ich schon die Tür auf und war draußen im Gang, wo es von Uniformen zu wimmeln schien.

Plötzlich trat einer der uniformierten Männer an meine Seite und sagte meinen Namen. Er führte mich durch ein Spalier verwirrter Menschen in die Kabine meines Patienten, die Tür wurde geschlossen, und der Schiffsarzt nahm mich beim Arm. Mehrere andere Männer in Uniform stellten mir kurze, scharfe Fragen, aber ich riß mich nur schweigend von der Hand des Schiffsarztes los, ging zum Bett und zog das Laken herunter, das meinen Patienten bedeckte.

Ich erinnere mich nur zu gut an das, was ich sah. Doch einen Moment lang schien alles um mich herum zu verschwimmen und die Zeit auszusetzen, und dann fand ich mich in einem Sessel wieder, der dem Bett abgewandt war, und der beißende Geruch von Ammoniak stieg mir in die Nase, während der Arzt schon begann, mir Fragen zu stellen.

Ich konnte ihnen kaum etwas sagen. Es war elf Uhr gewesen, als ich meinen Patienten am vergangenen Abend verlassen hatte. Er hatte fest geschlafen. Die Tür zu seiner Kabine hatte ich abgeschlossen, weil er Wertsachen bei sich hatte und ich ihn nicht noch einmal hatte wecken wollen, um ihn selbst absperren zu lassen. Nein, in der Nacht hatte ich nichts gehört. Ja, ich hatte meinem Patienten ein leichtes Schlafmittel gegeben. Nein, von Feinden wußte ich nichts.

»Aber verstehen Sie, wieso die ganze Kabine so brutal verwüstet wurde?« fragte mich der Kapitän.

Ich sah mich um. Der Kapitän hatte die richtigen Worte gewählt. Ein solches Chaos hatte ich noch nie gesehen. Schubladen waren herausgerissen, Koffer ausgeleert, der große Schiffskoffer geöffnet und sein Inhalt im ganzen Raum verstreut. Es lag auf der Hand, daß die Kabine schnell und gründlich und schließlich mit rasender Besessenheit durchsucht worden war. Selbst die Schwimmweste war mit einem Messer in Fetzen geschnitten worden.

»Es ist klar«, sagte der Kapitän, »daß jemand etwas suchte. Und es muß einen sehr hohen Wert haben, wenn er dafür sogar mordete. Wissen Sie, Miss Keate, was Mr. Sidney bei sich hatte, das einen solchen Wert besitzt? Sie sprachen eben von Wertsachen. Um was für Dinge handelt es sich da?«

Ich zögerte. Ein Mord ist immer etwas Unvorstellbares. Damit hatten wir nicht gerechnet. Diebstahl, ja. Aber doch nicht Mord.

Mein Patient war krank gewesen, vom Schlafmittel benommen, völlig wehrlos. Ein müder, liebenswürdiger alter Mann, der seiner Tochter ein Hochzeitsgeschenk bringen wollte. Und dieses Geschenk besaß einen hohen Wert. Der Dieb hatte davon gewußt. Er war uns gefolgt, war irgendwie in die Kabine eingedrungen – eine abgeschlossene Tür ist schließlich kein unüberwindliches Hindernis – und hatte den ganzen Raum nach dem Brillanten durchsucht. Ich hatte von Anfang an keinen Zweifel, daß es um den Brillanten ging. Während der Durchsuchung war Arthur Sidney erwacht – und für immer zum Schweigen gebracht worden.

»Wie wurde er getötet?« fragte ich.

»Mit der Wasserkaraffe«, antwortete der Arzt. »Merkwürdig, nicht wahr? Wollen Sie noch einmal hinsehen, Miss Keate? Er hat einen Schädelbruch. Schauen Sie.« Ich zwang mich hinzusehen. »Da ist die zerbrochene Karaffe – dickes Glas und voll Wasser. Eine sehr wirksame provisorische Waffe. Der Dieb wurde vermutlich überrascht. Vielleicht wollte er den alten Mann nur betäuben.«

Ich sah lange hin, und in mir wuchs langsam ein tiefer Zorn. Dann drehte ich mich um und beantwortete die Frage des Kapitäns. Ich wußte jetzt, was ich zu sagen hatte und daß ich mein Wissen von dem Brillanten für mich behalten mußte.

»Er hatte ziemlich viel Geld mit«, sagte ich. »Außerdem Reiseschecks und einen Kreditbrief. Im Schiffskoffer hatte er etwas Schmuck, einen Ring, glaube ich, und Manschettenknöpfe mit Perlen. Viel war es nicht. Haben Sie Fingerabdrücke auf den Glasscherben gefunden?«

Es waren, wie sich herausstellte, keine Fingerabdrücke gefunden worden.

Und man hatte am Ende dieses langen, unglaublich ermüdenden und schwierigen Morgens auch keinerlei andere Hinweise auf den Mörder.

Eine genaue Prüfung ergab, daß weder der Schmuck meines Patienten noch sein Geld gestohlen worden war. Der Mörder hatte gesucht, aber nichts mitgenommen. Das erschwerte die Angelegenheit; ein Motiv hätte die Ermittlungen einfacher gemacht, aber ich wagte nicht, das Motiv zu liefern.

Tatsächlich konnte ich nur sehr wenig tun. Die Möglichkeiten der Ermittlung waren in dieser kleinen schwimmenden Stadt sehr beschränkt. Es gab keine Polizei, keinerlei zur Verbrechensaufdeckung notwendige Geräte, keine Zeugen.

Es fanden lange Verhöre statt, aber niemand hatte etwas bemerkt, das man auch nur im entferntesten als verdächtig hätte bezeichnen können. Die Passagierliste wurde genauestens studiert, unsere Kabinennachbarn ergebnislos vernommen. In der Kabine neben mir wohnte eine Witwe aus dem Süden, die mit gräßlich hoher Stimme unaufhörlich plapperte und angesichts des Kapitäns, der wirklich nicht übel aussah, an weiblichem Charme förmlich überquoll. Sie hatte mich, und ich denke, auch die anderen, sofort davon überzeugt, daß sie nichts anderes sein konnte als das, was sie zu sein behauptete. Es war nur zu offensichtlich, daß ihr Denken, wahrscheinlich sowieso nicht ihre starke Seite, sich nur um eines drehte, und das war genaugenommen biologischer Natur. Der Kapitän atmete auf, als sie aus dem Raum flatterte, und wandte sich dem Mann zu, der die Kabine neben der meines Patienten bewohnte. Auch er kam aus dem Süden, aus New Orleans, sagte er, und hieß Powers. Er war ein schlanker, dunkelhaariger Mann mit gelblichem Teint, und er war lahm und ging auf eine Krücke gestützt. In der Tasche seines sehr neuen und gutgeschnittenen Tweedjacketts steckte der Roman Tristram Shandy. Er hatte nichts gesehen, nichts gehört und wußte nichts, was uns hätte weiterhelfen können.

 

»Also auf diese Weise«, sagte der Kapitän brummig zum Purser, als der Mann namens Powers gegangen war, »kommen wir bestimmt nicht weiter. Praktisch jeder an Bord hätte sich in Sidneys Kabine schleichen können, und mit ein bißchen Glück, ohne beobachtet zu werden.«

Der Purser nickte trübselig, und der Arzt sagte: »Es ist Zeit zum Mittagessen. Haben Sie schon die erforderlichen Telegramme verschickt, Miss … äh … Keate?«

Auch ich nickte. Ich hatte ihnen alles erzählt, was ich über Arthur Sidney und seine Reise wußte; nur von dem Brillanten und meiner Doppelrolle als Pflegerin und Detektivin hatte ich nichts verlauten lassen. Aber nicht etwa aufgrund eines bewußten Entschlusses; für mich galten einzig drei Dinge: daß mein Patient ermordet worden war; daß ich den Brillanten hatte, für den er zweifellos sein Leben hatte lassen müssen; daß er mich gebeten hatte, den Stein seiner Tochter zu bringen. »Wenn mir auf dieser Reise etwas passieren sollte«, hatte er gesagt. Eine Vorahnung? Ein kranker, müder alter Mann. Mein Zorn ließ nicht nach, sondern wurde heftiger und unversöhnlicher. Er hatte mich gebraucht, und ich war nicht dagewesen; er war wehrlos gewesen, und keiner war ihm zu Hilfe gekommen.

Vor dieser Geschichte war ich bei diversen Abenteuern, in die ich – durch meinen Dienst und eine Art loser entente cordiale mit den Vertretern von Gesetz und Ordnung – hineingerissen worden war, eigentlich immer nur Beobachterin gewesen, abgesehen von den gelegentlichen Momenten, da ich selbst in Gefahr schwebte. Immer mehr Zuschauerin als Akteurin. Jetzt war ich plötzlich mittendrin im Geschehen. Weder Pflichtbewußtsein noch Abenteuerlust motivierten mich. Es war möglicherweise etwas Primitives, aber auch etwas weit Zwingenderes, etwas sehr Tiefes und Persönliches.

Mir war klar, daß ich selbst mich auch nicht sicher fühlen konnte, solange ich im Besitz des Brillanten war. Ich durfte keinem Menschen etwas von ihm sagen; niemand durfte auch nur erfahren, daß der Stein an Bord war. Ich durfte es durch nichts verraten.

Nach dem Mittagessen wurde die Untersuchung wiederaufgenommen, aber soviel ich erfuhr, brachte sie keine Ergebnisse. Ich wurde nicht nochmal zum Kapitän zitiert, sehr zur Enttäuschung meiner koketten Nachbarin, glaube ich, die sich jetzt wie eine Klette an mich hängte und sich selbst dann nicht von mir trennte, als ich im Kampf gegen die aufsteigende Übelkeit Runde um Runde auf dem Promenadendeck drehte. Sie plapperte ohne Unterlaß und wurde jedesmal grün um die gepuderte Nasenspitze, wenn wir den Bug des Schiffes erreichten und umrunden mußten, der aber auch wirklich ein äußerst eigenwilliges Verhalten hatte. Ich glaube, sie war kurz davor, das Handtuch zu werfen, als Mr. Powers zu uns stieß. Er marschierte langsam, aber beharrlich und gebrauchte dabei seine Krücke so geschickt, daß man sein Hinken kaum bemerkte. Mrs. Bash – Antoinette Bash – wurde sofort wieder putzmunter und schaffte es, dank unserer bedächtigeren Gangart, eine weitere halbe Stunde mitzuhalten, bis der Tee kam und wir uns, mit Mr. Powers zwischen uns, in unseren Liegestühlen niederließen. Die Ereignisse des Morgens hatten uns beinahe zwangsläufig zusammengeführt, und ich war wirklich dankbar für die Gesellschaft der beiden. Ich wäre an diesem Tag nicht gern allein gewesen.

Aber natürlich dachte ich beinahe ununterbrochen an mein Haar. Oder genauer gesagt, an den Brillanten. Das kleine Bündel, das ich mit einer Nadel in meinem dicken Haar festgesteckt hatte, war bestimmt nicht zu sehen, und doch dachte ich ständig daran und fühlte mich ziemlich unbehaglich.

Ich weiß nicht, warum man mir so wenig über die Ermittlungen berichtete, die die Offiziere des Schiffes durchführten; vielleicht glaubte man, ich wüßte sowieso nichts von der Sache und könnte nicht helfen. Wie dem auch sei, ich war froh, in Ruhe gelassen zu werden und meine eigenen Wege gehen zu können, auch wenn diese sich als sehr gefährlich entpuppten.

Ich weiß auch nicht, welche Maßnahmen man ergriff, damit von dem Mord nichts durchsickerte. Den Leuten war bekannt, daß Arthur Sidney tot und ich seine Pflegerin gewesen war; das entnahm ich beiläufigen Bemerkungen, die verschiedene Passagiere fallenließen. Mrs. Bash jedoch wußte, daß Arthur Sidney ermordet worden war, und Mr. Powers wußte es ebenfalls. Und auch die Stewardeß, die nervös war und mit mir darüber sprechen wollte, aber nichts von Belang zu sagen hatte. Und ebenso wußten es die verschiedenen Stewards und Pagen, die den Teil des B-Decks betreuten, in dem sich Arthur Sidneys und meine Kabine befanden. Einer von ihnen war es gewesen, der am Morgen draußen im Gang »Mord« geschrien hatte und augenblicklich zum Schweigen gebracht worden war. Und ich vermute, daß noch andere die Wahrheit kannten. Aber es spricht – auf beunruhigende Weise beinahe – für die Disziplin der Crew, daß die meisten Passagiere nichts von dem Mord erfuhren.

Es bestand natürlich auch kein besonderer Anlaß, die anderen Mitreisenden zu warnen, denn ihnen drohte ja aller Voraussicht nach keine Gefahr. Von Beginn an war klar, daß das Ziel des Täters Arthur Sidney war.

Arthur Sidney und der Brillant. Und den Brillanten hatte ich.

 

Am Abend brachte mir der Schiffsarzt eine dringende Nachricht des Kapitäns. Hell hob er sich in seiner eleganten weißen Uniform von der dunklen geschlossenen Tür der Kabine ab, in der Arthur Sidney ermordet worden war, während er im Korridor auf meine Reaktion wartete. Die Nachricht war eine dringende Bitte, ein Befehl beinahe, ich möge kein Wort darüber verlauten lassen, daß mein Patient ermordet worden war. Ich verkniff mir die Bemerkung, daß diese Maßnahme ziemlich spät käme und längst das ganze Schiff Bescheid wüßte, wenn ich hätte reden wollen. Statt dessen sagte ich nur, was mich betreffe, so überließe ich die Leitung der Ermittlungen selbstverständlich ganz dem Kapitän.

Dr. Tammy machte daraufhin ein etwas erstauntes Gesicht, und ich fügte eilig hinzu, ich hätte inzwischen auf mein Telegramm an Arthur Sidneys Tochter Antwort erhalten, und sie würde mich in Paris erwarten. Danach ging Dr. Tammy, und ich zog mich in meine Kabine zurück, schaute in Schrank und Badezimmer, ehe ich absperrte, und begann zu überlegen, wo ich den Brillanten am sichersten verwahren könnte.

Ich hatte noch keine Lösung gefunden, als der Gong zum Abendessen schlug, und als ich eine halbe Stunde später an meinen Tisch im Speisesaal trat, hatte ich den Brillanten immer noch im Haar.

 

Die Frage, was ich mit dem Stein anfangen sollte, beschäftigte mich so intensiv, daß sie mich, zum Glück vielleicht, ein wenig von der schlimmen Situation ablenkte, in der ich mich befand. Darüber nachzugrübeln, daß ich den Mord vielleicht hätte verhindern können, hätte jetzt nichts geholfen. Für mich ging es im Augenblick vor allem darum, den Brillanten und mich selbst zu schützen. Außerdem hatte ich noch etwas vor.

Mein Blick wanderte durch den großen Saal: Tische, gedämpftes Licht, diskrete Kellner; Stimmengemurmel, das sich angenehm mit den Klängen von Geigen und Klavier mischte; Düfte von Speisen und Blumen; hohe Weinflaschen auf den Tischen; der Schimmer weißer Arme; das Funkeln von Silber und Kristall; das Leuchten farbiger Roben in scharfem Kontrast zum Schwarzweiß der Herren – und das alles untermalt vom gleichmäßigen schwachen Vibrieren der Schiffsmaschinen. Es war ein Bild gedämpfter Heiterkeit, angenehm ruhig, angenehm wohlerzogen.

Mir gegenüber an dem Tisch für zwei Personen hätte Arthur Sidney sitzen sollen. Langsam und nachdenklich musterte ich die Gruppen an den einzelnen Tischen und fragte mich, hinter welchem Gesicht sich das finstere Wissen über seinen Tod verbarg. Welches Augenpaar war wachsam und mißtrauisch? Vor wem mußte ich mich in acht nehmen?

Nach dem Abendessen pirschte sich Mrs. Bash wieder an mich heran. Mit dem Nahen der Nacht schien die Tatsache des Mordes sich stärker in ihr Bewußtsein gedrängt zu haben; sie wirkte trotz allen kokett weibchenhaften Getues etwas angespannt und nervös. Sie hatte ein Bridgespiel organisiert und forderte mich auf, mitzumachen. Mr. Powers, sagte sie, sei mit von der Partie, und ein gewisser Major Horathon – »ein so reizender Mann«, zwitscherte sie – ebenfalls. Ob ich nicht Lust hätte, mitzuspielen.

Ich sagte gern zu, da ich kein Verlangen hatte, mit meinen unerfreulichen Gedanken allein zu bleiben. Aber ich spielte schlecht – sehr zum Ärger Major Horathons, glaube ich, der mein Partner war, ein Mann ungewissen Alters mit perfekten Manieren. Ich entdeckte erst nach einiger Zeit, daß wir um Geld spielten, und bemühte mich, meine Fehler wiedergutzumachen. Aber dazu war es zu spät, ich bekam plötzlich nur noch schlechte Karten.

»Pech im Spiel«, murmelte Major Horathon und starrte auf Mrs. Bashs brillantenfunkelnde Finger.

Wir machten erst Schluß, als ein später Imbiß gebracht wurde, und da empfahl sich Major Horathon, um noch ein wenig auf Deck spazierenzugehen.

»War mir ein Vergnügen«, sagte er und verneigte sich. Er sah auf die Platte mit den belegten Brötchen, die auf dem Tisch stand, lächelte, wünschte: »Bon appétit«, gönnte Mrs. Bashs Ringen einen letzten Blick und verschwand.

»Ein bezaubernder Mann«, flötete Mrs. Bash. »Ich würde auch ganz gern noch eine Runde an Deck machen.«

»Dann kommen Sie«, sagte Mr. Powers galant. »Sie auch, Miss Keate?«

Ich dachte an den Brillanten in meinem Haar, an die dunklen Winkel an Deck und die schwarzen Tiefen des Atlantik unter uns und lehnte dankend ab.

Keine Stunde später wurde der erste Versuch unternommen, mir den Brillanten zu rauben.

Ich bin mittlerweile zu dem Schluß gekommen, daß es ein reiner Schuß ins Dunkle von seiten des Mörders war. Er konnte nicht wissen, daß der Brillant in meinem Besitz war, ja er konnte nicht einmal wissen, daß ich von der Existenz des Steins überhaupt etwas ahnte. Er wußte nur, daß er ihn in Arthur Sidneys Kabine nicht gefunden hatte. Ich denke, seine Absicht war, herauszubringen, ob ich den Stein hatte, und wenn ja, wo.

Das, was er sich ausgedacht hatte, war teuflisch einfach.

Ich war noch eine Weile im Salon geblieben, hatte in verschiedenen Zeitschriften geblättert, dabei verstohlen die Passagiere um mich herum gemustert und, um ehrlich zu sein, auf Mrs. Bashs Rückkehr gehofft. Mir lag zwar nicht viel an ihrer Gesellschaft, aber es lockte mich gar nicht, allein durch die dämmrigen Korridore zu meiner Kabine zu gehen. Da war jede Gesellschaft besser als keine. Doch sie kam nicht zurück, und so stand ich nach einer Weile auf, verließ den Salon und stieg die Treppe hinunter zu dem Deck, auf dem sich meine Kabine befand. Ich bin sicher, Korridore und Treppen haben auf Schiffen besondere Bezeichnungen, aber für mich waren sie eben nichts weiter als schlichte Korridore und Treppen. Wäre nicht das dauernde, keineswegs angenehme Gefühl leichten Schwindels gewesen, das mir zusetzte, ich hätte mich in einem modernen und eleganten Hotel geglaubt und nicht auf einem Ozeandampfer, dessen Besatzung mit Erfolg und erstaunlicher Gelassenheit einen Mord verheimlichte.

 

Am Fuß der Treppe zögerte ich. Korridore zweigten nach allen Richtungen ab, und mir schien, daß der schmale Gang, der zu meiner Kabine führte, sehr düster war. Und im selben Moment hatte ich ganz plötzlich das unheimliche Gefühl, beobachtet zu werden.

Ich blickte mich um, konnte aber niemanden entdecken. Ich sah bloß mit weichen Teppichen ausgelegte Vestibüle, geschlossene Türen, düstere Gänge, den schwarzen Schimmer von Glas in den Türen am Ende des Hauptkorridors, die auf beiden Seiten an Deck hinausführten. Das Glas der Türen spiegelte nur Lichter. Kein Gesicht spähte durch die Scheibe. Oder doch?

Ich unterdrückte einen Impuls, zu der Tür zu gehen, die mir am nächsten war. Ich wagte nicht, nachzusehen. Außerdem war sicher gar niemand da. Keine Menschenseele.

Doch mein sechster Sinn, auf den zu achten ich gelernt hatte, mahnte mich nachdrücklich zur Wachsamkeit.

Ich näherte mich meinem Korridor, stockte einen Moment angesichts der Dunkelheit und betrat ihn dann. Nirgends war ein Mensch zu sehen, die Türen waren alle geschlossen.