Beschreibung

Diana plagen schreckliche Albträume. Menschen, die in Flammen stehen. Immer wieder droht jemand zu verbrennen oder aber sie selbst befindet sich in dem Meer aus Flammen. Diese Träume erfüllen sie mit Angst. Eine Möglichkeit ihnen zu entkommen gibt es nicht. Doch noch etwas anderes beschäftigt Diana. Was möchte Adrian ihr zeigen? Ob sie eine Art Prüfung erwartet? Und wird sie diese bestehen können? Außerdem gibt Taran, Adrians und Jasons ominöser Halbbruder, ihr Rätsel auf. Mehr und mehr macht er sich im Haus der Drachen breit und geht später sogar auf Dianas Schule. Wird Taran seinen Hass auf die Menschen überwinden und Janina gegenüber echte Gefühle entwickeln können? Diana glaubt nicht daran, ihre beste Freundin sieht das jedoch ganz anders.

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Inhalte

Vorwort

Die Stimme,

die über dich wacht

Ich werde stärker. Ich habe das Eindringen dieses Unruhestifters verhindern können. Er hätte ihre Erinnerungen nicht löschen dürfen, doch zum Glück ist ja noch mal alles gut gegangen. Ich glaube fest daran, dass ihre Gefühle für diesen Drachen stark genug sind, um bis an die Wurzeln zu reichen, und deshalb dürfen sie nicht verändert werden. Dieser Teil in ihr muss erweckt werden, denn ohne ihn hat sie kaum eine Chance.

Ich kann spüren, dass jeder der drei Drachen ein eigenes Geheimnis in sich trägt. Es ist über die Jahrhunderte schlimmer geworden, viel schlimmer. Ich konnte einen Teil der Erinnerungen und Gedanken des Jungen, der hier so einfach eingedrungen ist, lesen, ohne dass er selbst es bemerkt hat. Nun habe ich einen besseren Überblick.

Und ich weiß auch schon, wer der Schlüssel sein wird, um all diese Probleme zu lösen, um wieder Frieden zu bringen. Ich kann es spüren. Dieses Mädchen ist mehr als nur mein Weg zu Recht und Gerechtigkeit. Sie selbst stellt den Weg dar. Sie hat bereits jetzt mehr als nur eine Gabe. Doch muss sie zunächst erkennen, wer sie in Wahrheit ist.

Von Rätsel zu Rätsel wandernd werden wir beide zusammen langsam all die Geheimnisse lüften und am Ende wird sie wissen, wer sie ist und wer ich bin.

Und bis dahin werde ich weiterhin auf sie achtgeben.

Kapitel 1

Das alles verzehrende Feuer

Ich kauerte zusammengerollt auf dem Boden. Meine Augen waren geschlossen und mich umgab eine sanfte Dunkelheit. Es war angenehm warm und ich rollte mich noch ein wenig mehr zusammen.

Der Boden war weich und bequem und die Luft erfüllt von einer angenehmen Wärme, die meine Haut sanft streichelte. Sie schien mir zuzuflüstern: „Schlafe.“ Hier wollte ich bleiben, hier war es schön, hier konnte ich in Frieden schlafen. Ich spürte, wie mein Geist langsam davondriftete. Ich sank ab in Richtung eines tiefen, traumlosen Schlafes. Doch bevor ich mich ganz in dieser angenehmen Atmosphäre verlor, wurde die Luft plötzlich stickig und der Boden, auf dem ich lag, heiß.

Erschrocken fuhr ich hoch. Feuer!

Panisch sah ich mich um, nun überhaupt nicht mehr schläfrig. Jemand hatte mich in eine Falle gelockt, mir gesagt, es sei alles schön und gut und ich könnte in Ruhe schlafen. Aber das stimmte nicht! Es war nur ein Versuch gewesen, um mich hereinlegen zu können.

Das Feuer war überall. Es hatte mich vollkommen eingeschlossen, und je mehr ich bei dem Anblick in Panik geriet, desto größer wurden die Flammen. Ich hatte Angst.

Zitternd stand ich auf und sah mich noch einmal genauer um. Der Rauch in den oberen Luftschichten machte mir das Atmen schwer. Die Hitze ließ mich schwitzen. Das grelle Flackern der Flammen machte mich blind. Ich wollte hier raus, ich musste hier raus!

Ich drehte mich hektisch im Kreis und sah mich gehetzt um. Irgendwie musste ich dem doch entkommen können. Aber es schien keinen Ausweg zu geben. Überall waren Flammen. Ich konnte nicht einmal mehr sagen, ob es hinter den Flammen etwas gab, was nicht brannte, oder ob sich dieses Feuermeer endlos weit erstreckte.

Die Flammen und mit ihnen die Hitze kamen immer näher, es war kaum noch zu ertragen, ich rang nach Luft. Wieso kam mir denn keiner zu Hilfe? Wieso rettete mich niemand? Wieso war ich ganz allein? Ich schloss die Augen, ich konnte all das einfach nicht mehr ertragen.

Die Szenerie veränderte sich ganz plötzlich, die Hitze wurde wieder erträglicher und ich bekam besser Luft. Vorsichtig öffnete ich die Augen und blinzelte ein paar Mal. Ich stand mit einem Mal außerhalb des Feuers. Doch statt meiner befand sich nun eine andere Person in den Fängen der Flammen.

Eine dunkle Silhouette, mehr konnte ich nicht erkennen. Ob Mann oder Frau? Keine Ahnung. Die Flammen wurden immer größer, wuchsen höher und höher und die Hitze nahm von neuem zu. Die Person krümmte sich in dem Kreis aus Flammen und ich konnte ihre Qual beinahe körperlich spüren. Es fühlte sich so an, als wenn ich mich noch immer inmitten von alledem befinden würde.

Es war unerträglich einfach nur zuzusehen, aber mir blieb nichts anderes übrig. Es war mir unmöglich zu helfen.

Plötzlich schlugen die Flammen wie Wellen über demjenigen zusammen, der sich in ihrer Mitte befand, und begruben ihn unter sich. Erschrocken trat ich einen Schritt vor, wich aber sogleich wieder zurück, weil die Flammen meine Haut zu versengen drohten.

Das Feuer wurde kleiner und ich hielt die Person bereits für verloren, da erklang ein markerschütternder Schrei. Er kam direkt aus den Flammen und diese schossen blitzschnell empor. Ich konnte ihren Gefangenen wieder sehen. Ein Glück, er lebte noch, aber er selbst schien nun in Flammen zu stehen. Er brannte und wand sich unter Qualen hin und her. Sein Mund öffnete sich, sein Kopf war weit zurück in den Nacken gelegt und aus seinem Schlund drangen ebenfalls Flammen.

Das hier war die Hölle; genauso heiß, genauso unerträglich, genauso erfüllt von Schmerz, Angst und Qual. Genauso grausam.

Ich konnte nicht einmal weinen, um meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, es war einfach zu heiß. Wasser hatte hier keine Chance. Es hatte keinen Sinn, es war sinnlos. Er war verloren, es gab keinerlei Hoffnung, alles war hoffnungslos.

Meine Knie gaben unter mir nach, aber meine Augen waren immer noch auf das schreckliche Schauspiel vor mir gerichtet. Die Silhouette, die zuvor noch schwarz gewesen war, erschien nun in einem leuchtenden Rot. Die Flammen hatten alles in Besitz genommen.

Ich konnte nicht mehr atmen. Es war zu heiß, der Sauerstoff verzehrt vom Feuer. Meine Haut schien ebenfalls in Flammen zu stehen, es war unerträglich und ich wollte dem einfach nur noch entkommen. Egal wie, egal wodurch.

Der nächste heisere Schrei schien meinen Kopf zum Bersten zu bringen und gleichzeitig klang er so, als wenn sein Verursacher in etwas ertrank. Ich besaß nicht einmal mehr die Kraft, um mir die Ohren zuzuhalten. Stattdessen schien ich zu fallen, ich fiel und fiel und alles um mich herum wurde schwarz.

Als ich aufwachte, zitterte ich am ganzen Körper. Kraftlos versuchte ich mich aufzusetzen, aber ich schaffte es nicht. Tränen rannen mir übers Gesicht und Weinkrämpfe schüttelten mich. Verzweifelt versuchte ich mich wieder unter Kontrolle zu bekommen, aber es wollte mir nicht gelingen.

Hektisch bemühte ich mich darum, das Gefühl der Übelkeit herunterzuschlucken. Ich wollte mich nicht auch noch übergeben müssen. Die Tränen liefen mir übers Gesicht und tropften in mein Kissen. Ich kauerte mich zusammen und versuchte das Schluchzen zu unterdrücken. Noch nie hatte ein Traum solch heftige Gefühle in mir ausgelöst.

Alles war durcheinander. Ich konnte die Hitze noch immer spüren. Ich hatte Angst, mir war schlecht und meine Gefühle fuhren Achterbahn. Es war mir nicht möglich, einen klaren Gedanken zu fassen.

Selbst als die lauten Schluchzer langsam nachließen und ich nicht mehr so stark zitterte, wollten die Tränen nicht versiegen. Immer noch weinend stand ich unsicher auf und schlich mich ins Badezimmer. Zitternd betätigte ich den Lichtschalter. Das Licht tat gut, es machte alles wieder etwas realer, den Blick in den Spiegel ersparte ich mir.

Ich konnte mir nur allzu gut vorstellen, was für einen Anblick ich momentan bot.

Mit den Händen stützte ich mich rechts und links auf dem Waschbeckenrand ab. Ich atmete tief durch und versuchte, mich weiter zu beruhigen. Als ich mit dem Weinen trotz allem nicht aufhören konnte, machte ich wütend den Wasserhahn auf und schüttete mir immer und immer wieder Hände voll Wasser in mein erhitztes Gesicht. Und einige weitere in den Mund, um die Übelkeit zu vertreiben.

Langsam, ganz langsam kühlte ich ab und konnte wieder klarer denken. Ich schnappte mir ein Handtuch und trocknete mir damit mein Gesicht. Diese kalte Dusche hatte endlich die Tränen zum Versiegen gebracht. Ich durfte jetzt nur nicht an den Traum denken, denn dann würden sie sogleich wieder zurückkehren.

Schwer atmend stand ich da, das Handtuch noch immer in den Händen. Was zum Teufel war das für ein furchtbarer Traum gewesen? So etwas hatte ich ja noch nie erlebt. Er war einfach grausam gewesen und es machte mir Angst. Meine eigene Reaktion auf so etwas Lächerliches wie diesen Traum machte mir eine Scheißangst.

Aber was sollte das alles überhaupt? Dieser Traum erinnerte mich irgendwie an den mit den drei Drachen, aber dieses Mal war darin kein Drache vorgekommen und auch Adrian und Jason hatten gefehlt. Doch es war auf jeden Fall eine Ähnlichkeit da. Nur hatte ich damals nicht so extrem reagiert. Natürlich hatte der andere Traum mich auch berührt, aber das hier war etwas vollkommen anderes gewesen.

Ich wünschte mir, einfach aufzuwachen. Aufwachen und feststellen, dass das alles hier nur ein böser Traum gewesen war. Genau wie der Traum mit dem Feuer gerade. Warum konnte ich nicht aufwachen? Warum verstand ich nicht, was diese Dinge zu bedeuten hatten?

Es war alles so verwirrend. Doch das brachte auch nichts, ich kam in diesem Rätsel nicht weiter und musste mich auf dringlichere Dinge konzentrieren.

Gestern hatte Jay seinen 17.Geburtstag gefeiert und aus Frust, dass ich nicht mit Sicherheit sagen konnte, in welcher Beziehung Adrian und ich nun eigentlich zueinander standen, hatte ich wohl etwas zu tief ins Glas geschaut. Das rächte sich nun. Das Erste, was ich an diesem Morgen bewusst wahrnahm, war mein Kopf. Ich hatte immense Kopfschmerzen. Zwar hatten sie noch nicht ganz die Ausmaße angenommen, dass ich mit dem Gedanken gespielt hätte, mir einfach nur eine Schmerztablette zu schnappen und den Rest des Tages im Bett zu verbringen, aber sie waren nicht mehr weit davon entfernt.

Natürlich hatte ich den Traum von letzter Nacht nicht vergessen, aber mein Kopf ließ im Moment nicht genug Platz, als dass ich mir darüber Gedanken machen konnte. Ohnehin hatte ich den Kopf in letzter Zeit andauernd voll mit lauter Problemen und Rätseln.

Seit ich Adrian auf der Lichtung im Nebel begegnet war, hatte ich immer neue Rätsel zu lösen. Adrian Finlay lebte mit seinem Bruder Jason zusammen in einer Art Villa in einem kleinen Waldstück ganz in der Nähe. Die beiden Brüder waren in Wahrheit Drachen. Sie konnten menschliche Gestalt annehmen und so unerkannt unter uns Menschen leben.

Diesem Geheimnis war ich nur per Zufall auf die Spur gekommen. Adrian hatte mir zum Schluss sogar freiwillig gezeigt, was er in Wahrheit war. Doch da hatte ich mich schon in ihn verliebt. Diese Liebe erwidert zu wissen, war manchmal gar nicht so einfach. Ich war mir sicher, dass er auch etwas für mich empfand, nur ließ er diese Gefühle aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund nicht zu.

Ich seufzte schwer, das Pochen in meinem Kopf störte mich beim Nachdenken.

„Entweder ich fange an, öfters und vor allem regelmäßiger zu trinken, oder ich lasse es ganz sein … Au!“ Als es auch durch das längere Liegenbleiben im Bett nicht besser wurde, beschloss ich aufzustehen und erst einmal kalt zu duschen.

Als das kalte Wasser wenig später über mein Gesicht rann, fühlte ich mich augenblicklich besser. Entspannt und mit geschlossenen Augen stand ich da. Dann der Schock. Meine Knie wollten mich plötzlich nicht mehr tragen und ich musste mich an der Wand abstützen, um nicht umzufallen. Erschrocken starrte ich die Fliesen vor mir an.

Das konnte nicht sein! Das war einfach nicht wahr! Fahrig fuhr ich mir mit der freien Hand übers Gesicht. War das möglich? Hatte ich das wirklich getan?

Mit einem Mal waren die Erinnerungen an den vergangenen Abend wieder da. Mein Liebesgeständnis, mein Versuch, Adrian zu küssen, und sein und mein eigenartiges Versprechen. Seines, dass wir den Kuss auf einen anderen Zeitpunkt – an dem ich nicht betrunken war – verschoben, und meines, dass ich mich bereit erklärte, dass er mir zuerst etwas zeigen durfte, bevor wir über das Thema „miteinander gehen“ sprachen.

In diesem Moment beschloss ich, dass ich mich definitiv in Abstinenz üben würde!

Beschämt schlug ich die Hände vors Gesicht. So etwas hätte ich in nüchternem Zustand nie gewagt! Aber vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass ich mir zuerst ein wenig Mut angetrunken hatte?

Obwohl ich die Hitze in meinem Gesicht spürte, begannen meine Zähne ganz allmählich zu klappern. Widerwillig drehte ich das Wasser wärmer. Aber ich nahm das nun wärmer werdende Wasser, das auf meine Haut trommelte, nur am Rande wahr. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, fieberhaft darüber nachzudenken, wie ich mich Adrian gegenüber jetzt verhalten sollte.

Letztendlich verließ ich die Dusche mit dem Entschluss, dass es keinen Sinn hatte, mir darüber Gedanken zu machen – die Erkenntnis kam freilich etwas spät.

Wenn Ma meine langwierige Duschaktion mitbekommen hätte, dann wäre sie wahrscheinlich irgendwann auf die Idee gekommen, dass ich mich versuchte unter der Dusche zu ersäufen. So lange hatte ich gebraucht, um mit der momentanen Situation klarzukommen.

Irgendwie hatte die Dusche nicht ganz die von mir erwünschte erfrischende Wirkung gehabt. Aber immerhin waren die elenden Kopfschmerzen weg. Ich hatte mir ja auch genug Gedanken über andere Dinge gemacht, da war für Kopfschmerzen einfach kein Platz mehr.

In meinem Zimmer warf ich einen kurzen Blick auf die Uhr und erstarrte. Konnte es wirklich schon so spät sein? Die Zeiger der Uhr zeigten auf Viertel vor zwei. Wie konnte ich mich nur ohne etwas gegessen zu haben noch auf den Beinen halten? Dagegen musste ich dringend etwas unternehmen.

Echt erstaunlich, dass ich unter der Dusche nicht wegen meines Mangels an Nahrung umgekippt war. Wirklich unglaublich.

Den Sonntag hatte ich komplett zur Regeneration benötigt. Zu allem Überfluss hatte Ma sich auch noch über meinen Kater lustig gemacht. Ich hingegen fand das gar nicht witzig. Am Montag machte ich mich ziemlich verunsichert auf den Weg zur Schule. Ich wusste nicht genau, wie ich Adrian gegenübertreten sollte. Nach Möglichkeit wollte ich ihm lieber aus dem Weg gehen.

Die erste größere Bewährungsprobe stellte die große Pause dar. Janina und ich hatten gerade draußen auf einer Bank Platz genommen, als ich Adrian auf dem überfüllten Pausenhof entdeckte.

Rasch wandte ich mich ab. Hastig wollte ich meine beste Freundin in ein Gespräch verwickeln und mich nebenbei möglichst unsichtbar machen, doch da stellte Janina bereits selber eine Frage. Auch sie hatte Adrian entdeckt. Dank seiner blonden Haare mit dem merkwürdigen dunklen Ansatz war er leicht zu entdecken.

„Sag mal, Di.“

„Ja?“ Ich war froh, mich ihr zuwenden zu können. Gespannt sah ich sie an.

„Also das mit Samstag tut mir leid.“

„Äh, was genau meinst du?“ Ich war mir nicht sicher, weswegen sie sich bei mir entschuldigte.

„Mein Spruch wegen Adrian war ziemlich daneben. Ich hab ganz sicher nicht vor, mich zwischen dich und Adrian zu drängen. Es sollte nur so ein Scherz sein und dabei hab ich nicht einmal bemerkt, dass ich dich damit wohl ziemlich verärgert habe.“ Erstaunt zog ich die Augenbrauen hoch. Janina lächelte.

„Ich bin Nils später noch mal begegnet und da hat er mich gefragt, was denn mit dir los sei.“

„Ach so.“ Ich hatte Nils sein Bier geklaut. Zu dem Zeitpunkt war ich ziemlich verärgert gewesen. Erst hatte meine beste Freundin Andeutungen gemacht, dass sie sich für Adrian interessierte, jetzt, wo er so viel offener und freundlicher war, und kurz darauf hatte Ines ebenfalls mit so etwas angefangen. Und da hatte ich, die nichts dagegen sagen konnte, weil sie selber nicht wusste, in welcher Beziehung sie denn eigentlich zu diesem Adrian stand, dem plötzlich alle Herzen zuflogen, mich ziemlich verärgert davongestohlen.

Das war auch der Grund gewesen, wieso ich danach – zumindest für meine Verhältnisse – ziemlich viel getrunken hatte. Was wiederum zu diesem seltsamen Abkommen zwischen Adrian und mir geführt hatte und zu den Kopfschmerzen.

„Mach dir darüber mal keine Gedanken. Ich war an dem Abend nur schlecht darauf zu sprechen.“ Wenn alles gut ging, dann würde demnächst sowieso die Jagd auf Adrian Finlay beendet sein. Zumindest hoffte ich das inständig.

„Gut.“ Janina atmete erleichtert auf. Ihre braunen Augen strahlten wieder und eine ihrer blonden Locken kitzelte mein Gesicht. Manchmal beneidete ich sie um diese Haare. Meine waren im Gegensatz zu ihren einfach nur langweilig braun und glatt.

„Und sei mir nicht böse, aber ich wüsste doch zu gerne, was genau du an Adrian findest. Ich meine, ich finde ihn wirklich ziemlich undurchsichtig. Er ist nicht gerade der gesprächigste Typ und ich stelle es mir recht schwierig vor, ihn als Freund zu haben.“

„Was das betrifft, solltest du wohl besser deinen eigenen Freund fragen, oder? Jay kann dir da mit Sicherheit weiterhelfen.“ Sie streckte mir die Zunge raus.

„Du weißt genau, wie ich das meine.“ Ich überlegte kurz.

„Ich kann es dir nicht so genau sagen. Er hat einfach irgendetwas, was mich fast magisch anzieht.“ Ich schüttelte den Kopf, ich wusste es ja selbst nicht. Schon bevor ich von seinem Geheimnis erfahren hatte, hatte er mich irgendwie gefesselt. Ich hatte wohl gespürt, dass da etwas war, was ich nicht genau zuordnen konnte. Ich hatte das Gefühl gehabt, dieses Geheimnis ergründen zu müssen. Zwar hätte ich ihn nie mit der Erscheinung auf der Lichtung in Verbindung gebracht, aber er war mir irgendwie ein Rätsel gewesen. Sein Verhalten hatte mir Rätsel aufgegeben.

Diese seltsame Anziehung war, auch nachdem ich das Geheimnis gelüftet hatte, nicht verschwunden. Ich wollte einfach in seiner Nähe sein, mehr über ihn erfahren. Ihn besser verstehen.

Nein, das Gefühl war definitiv nicht verschwunden, es hatte sich nur verändert. Denn mittlerweile war mir klar geworden, dass ich ihn aufrichtig liebte und selbst vor dem Drachen in ihm nicht zurückschreckte.

„Also ich weiß nicht …“, meldete Janina sich wieder zu Wort und störte meine einsilbigen Gedanken.

„Ja, er sieht nicht schlecht aus. Darüber braucht man wohl gar nicht erst zu reden. Aber diese Augen. Keine Ahnung, wieso, aber sie machen mir zeitweise immer noch Angst. Irgendwie gewöhnt man sich ja an den Anblick, aber irgendwie auch nicht.“ Ich warf einen flüchtigen Blick über die Schulter. Adrians grüne Augen leuchteten bereits von weitem in seinem Gesicht. Es war ein ungetrübtes, klares Grün, das ich noch nie bei irgendeinem Menschen gesehen hatte. Aber das war wohl auch der Punkt. Adrian war eben nicht nur ein Mensch. Ich fand diese Augen einfach nur faszinierend. Zumal der blaue Drache, in den er sich verwandelt hatte, dieselben grünen Augen besaß. Sie erinnerten mich immer wieder daran, was sich hinter der Täuschung verbarg.

Adrians älterer Bruder Jason hatte auch grüne Augen, allerdings waren sie nicht von solch einem klaren Grün. Jasons Augen schienen irgendwie noch silberfarben zu sein, sie waren insgesamt viel heller. Ich wüsste ja zu gerne, was für ein Drache sich hinter diesen Augen verbarg.

Ich wandte mich wieder Janina zu, als sie weitersprach.

„Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, aber manchmal habe ich den Eindruck, als ob seine Augen nicht so recht zu ihm passen würden. Sie wirken fremd in seinem Gesicht. Und das liegt nicht an diesem auffälligen Grünton. Schließlich hast du auch grüne Augen und die passen sehr gut zu dir.“ Das stimmte schon, aber meine Augen hatten kein so eindringliches Grün. Es war ein ganz normaler Grünton, der manchmal so wirkte, als sei er mit ein wenig Braun oder Blau gemischt. Je nachdem, wie das Licht hineinfiel.

Janina neben mir fröstelte leicht bei der Erinnerung, das konnte ich deutlich sehen. Ich dachte über ihre Worte nach. Sie hatte allerdings recht, Adrians Augen wirkten irgendwie zu alt. Den Eindruck hatte ich ganz zu Anfang auch gehabt, und wie sich herausgestellt hatte, lag ich damit goldrichtig. Der Drache, der sich hinter den Augen verbarg, war ja auch viel älter als 17.

Janina und ich schauten gemeinsam noch einmal zu Adrian hinüber. Gerade eben gesellte sich Janinas Freund Jay zu ihm.

Da hatte sie sich allerdings einen schicken Freund geangelt. Jay Sachs war groß, sportlich und seine schwarzen Haare passten wunderbar zu seiner leicht gebräunten Haut. Seine Augen waren ebenfalls dunkler, ich konnte mich immer nicht so recht entscheiden, ob sie nun blau oder doch eher grau waren. Wenn er allerdings im Dunkeln oder auch nur im Schatten stand, dann wirkten sie beinahe schwarz. Wirklich faszinierend.

„Ah, Jay ist auch da. Komm, Di, lass uns hingehen.“ Doch ich hielt sie zurück.

„Was ist?“ Verwundert sah sie mich an. Ich hörte das Geplapper der anderen Mitschüler, das mich beim Denken behinderte, aber ich musste mir irgendetwas einfallen lassen. Ich wollte Adrian nicht gegenübertreten. Nicht, solange ich mir nicht sicher sein konnte, was das zwischen ihm und mir war. Und das würde ich wohl erst definiert bekommen, nachdem ich mein Versprechen, das ich ihm in nicht ganz nüchternem Zustand unter einer Weide im Halbdunklen in Jays Garten gegeben hatte, eingelöst hatte.

„Ich habe mich auf Jays Geburtstagsfeier Adrian gegenüber etwas komisch verhalten, also würde ich mich lieber noch eine Weile von ihm fernhalten. Verstehst du?“

„Hat das etwas mit meinem dummen Spruch zu tun?“

„Äh, ja. Irgendwie schon …“ So ganz gelogen war das nicht.

„Na schön, dann leiste ich dir noch ein wenig Gesellschaft.“ Ich atmete erleichtert auf. Doch irgendwann würde ich ihm wieder gegenübertreten müssen.

Die Gelegenheit, die Adrian brauchte, um seinen Plan Diana betreffend in die Tat umzusetzen, kam nicht so bald, wie er gehofft hatte. Nachdem er von der Schule wieder zurück war, sah er sich erst einmal Jason gegenüber, der mit ihm über die neuesten Erkenntnisse im Hinblick auf ihren Auftrag sprechen wollte. Adrian seufzte innerlich auf. Er hielt momentan wieder etwas mehr Abstand zu Diana, weil er nicht genau wusste, wie er sich verhalten sollte, doch im Grunde wollte er das gar nicht. Nur hatte er das Gefühl, dass er gar keine andere Wahl hatte. Er hatte sich am Montag und heute so gut wie möglich von ihr ferngehalten und auch sie schien ihm aus dem Weg zu gehen.

„Und du bist dir dessen wirklich sicher?“

„Ja! Jason, das Thema hatten wir doch schon. Ich irre mich nicht, ausgeschlossen. Er ist jetzt 17 und noch keinerlei Anzeichen. Normalerweise wäre er bereits mit 15 eingewiesen worden, wenn sein Vater nun doch so oft zu Hause ist. Das ist er aber nicht. Er gehört definitiv nicht zu denen. Und außerdem –“

„Und außerdem haben wir die Information, dass es höchstwahrscheinlich keinerlei Verbindung zum Vater gibt. Was ebenfalls ein Punkt wäre, der dagegen spräche. Ich weiß, ich weiß.“ Bereits auf Jays Geburtstagsparty hatte Adrian seinen Bruder auf den neuesten Stand gebracht, was die Familienverhältnisse von Jay anging. Es lag kein Irrtum vor, der Mann war definitiv Jays Vater gewesen und das wiederum bedeutete im Umkehrschluss, dass Jay nicht derjenige sein konnte, den sie suchten. Was wiederum bedeutete, dass sie ganz am Anfang standen, und das schmeckte Jason gar nicht.

„Jay hat mir erzählt, dass seine Eltern geschieden sind. Sein Vater arbeite im Ausland und reise viel umher. Das alles sprach dafür, dass er derjenige ist, den wir suchen. Aber sein Vater ist extra für seinen Geburtstag hergekommen. Er scheint öfters mal vorbeizuschauen, wenn seine Arbeit das zulässt. Meistens über die Feiertage.“ Damit wiederholte Adrian nur das, was er Jason bereits erzählt hatte.

„Das passt alles nicht zusammen. Die Eltern sind geschieden. Der Vater arbeitet im Ausland. Er ist ungefähr in dem richtigen Alter. Die Familie lebt seit jeher hier in diesem Ort. Bis dahin war alles stimmig, aber der Besuch von seinem Vater wirft alles über den Haufen.“ Jason überlegte angestrengt, aber er sah nicht, wie Jay doch noch das Kind sein konnte, das sie suchten. Und diese Tatsache ärgerte ihn.

„Aber uns wurde doch mitgeteilt, dass sich hier hundertprozentig ein Kind aus der Verbindung eines Horitz befindet.“

„Aber wir wissen beide, dass auch wir uns irren können. Diese Informationen treffen nicht immer zu hundert Prozent zu. Vielleicht gibt es dieses Kind ja gar nicht? Oder es befindet sich in einem ganz anderen Teil dieses Landes. Oder das Alter ist ein anderes. Das hatten wir doch alles schon, Jason.“

„Ja, ich weiß. Und ich weiß auch, wie vage all diese Informationen waren“, wandte Jason ein. Er hatte schon oft mitbekommen, dass es einen Irrtum bezüglich solcher Informationen gab. Die Horitz waren nicht dumm, sie wussten, dass sie sie suchten und verfolgten. Genauso wie die Horitz die Drachen jagten, jagten die Drachen die Horitz. Es wurden falsche Spuren gelegt und Fallen gestellt.

„Dann verbringen wir halt einfach etwas mehr Zeit hier als nötig. Das wäre doch nicht schlecht, oder? Denn wie sollen wir etwas finden, das es eigentlich gar nicht gibt?“ Adrians Grinsen war hinterhältig und Jason kannte diese Seite an seinem Bruder kaum.

„Gut, also was hast du vor? Was planst du, Adrian?“ Das Grinsen verschwand augenblicklich von seinem Gesicht. Adrian versuchte sich nichts anmerken zu lassen.

„Du meintest doch immer, ich solle mich mehr mit dem Mädchen beschäftigen und dass es mir guttun würde. Nun, dazu bedarf es aber ein bisschen Zeit und die hätten wir hiermit doch, oder etwa nicht?“ Doch Jason war sich ziemlich sicher, dass da irgendetwas nicht stimmte, dazu kannte er seinen Bruder einfach zu gut. Allerdings glaubte er, dass er es nicht so bald erfahren würde, wenn er es nicht selber herausfand. Adrian würde es ihm zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls nie und nimmer freiwillig erzählen.

„Unser Auftrag lautet doch …“

„… das Kind des Horitz zu finden und es dem Rat zu melden. Danach würde der Auftrag an andere übergehen. Wir sind nur dafür zuständig, das Kind ausfindig zu machen. Mehr nicht.“

„Genau.“ Ein Nicken. Adrian stimmte Jason zu, und dennoch …

„Wir beide wissen, wie gering die Chance ist, ein solches Kind zu finden. Die Horitz selbst sind bereits schwierig genug ausfindig zu machen, aber ein Kind, das höchstwahrscheinlich nicht einmal eine Verbindung zu diesen hat. Beinahe unmöglich.“

„Und trotzdem sind wir hierhin beordert worden mit dem Auftrag, es zu versuchen. Außerdem hätte solch ein Kind für uns einen extrem hohen Wert. Oder weswegen sollten wir sonst hier sein? Wir haben uns sofort auf Jay festgelegt und aufgrund der jüngsten Ereignisse haben wir uns nicht einmal Gedanken über eine Alternative gemacht. Wozu wir jetzt aber gezwungen sind.“ Der Nachdruck, mit dem Jason dies vorbrachte, konnte Adrian nicht entgangen sein. Jason schloss kurz die Augen und versuchte sich zu entspannen.

„Mal was anderes. Was hältst du davon, Diana heute einmal herzuholen, damit sie etwas mehr über uns als Drachen erfährt?“

„Was? Und was ist mit Taran?“

„Den habe ich in den Keller gesperrt. Der wird uns also nicht stören.“ Adrian blickte seinen Bruder geschockt an.

„Du hast was?!“

„Ihn in den Keller gesperrt“, wiederholte Jason geduldig.

„Aber ist das denn auch wirklich sicher?“

„Nachdem er die Lampe abgefackelt hat, habe ich ihn mit seinen Büchern in den Keller gesperrt. Bis zum Abend wird er da nicht mehr herauskommen. Also haben wir das Haus für den Rest des Nachmittags ganz für uns allein, vom Keller einmal abgesehen.“ Jason war vollkommen entspannt und wirkte nicht so, als ob er gerade einen unkontrollierbaren Drachen in einen engen, viel zu kleinen Raum, der sich zu allem Überfluss unter der Erde befand, eingesperrt hätte. Ganz im Gegensatz zu Adrian.

„Das ist nicht dein Ernst! Du hast wirklich …“, stammelte er fassungslos.

„Aber natürlich. Wenn er seine Wut nicht kontrollieren kann, dann kann er unmöglich nach den Sommerferien auf diese Schule gehen und das weiß er auch. Wenn also heute Abend seine Schulsachen ohne großartige Brandschäden davongekommen sind, dann gebe ich ihm noch eine Chance, ansonsten war’s das. Dann hat es einfach keinen Sinn.“ Jason zuckte hilflos mit den Schultern.

„Entweder er hat sich unter Kontrolle oder er muss wieder zurück zu den anderen und dort noch einmal von vorne anfangen. Wenn es mit guten Worten nicht funktioniert, dann müssen wir eben zu radikaleren Maßnahmen greifen. Und ich sehe nicht ein, dass ich es riskieren soll, dass am Ende womöglich noch das gesamte Haus in Flammen steht. Im Keller ist immerhin nichts, was bei einem seiner Ausbrüche allzu schlimmen Schaden nehmen könnte.“

„Aber was ist, wenn er sich dort unten zurückverwandelt?“ Auch wenn Adrian es sich nicht anmerken lassen wollte, Jason hörte, dass seine Stimme kaum merklich zitterte.

„Da gibt es nur drei Möglichkeiten. Entweder er beruhigt sich wieder, ich finde ihn heute Abend als Drachen vor oder das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass er mitsamt dem Haus abhebt.“ Adrian sah seinen Bruder geschockt an.

„Keine Sorge, das wird nicht passieren. Das war doch nur ein Scherz.“ Jason war in lautes Prusten ausgebrochen, als er Adrians geschockten Gesichtsausdruck gesehen hatte. Doch Adrian war ganz und gar nicht nach Scherzen zumute.

„Ach, komm schon, Adrian. Hast du nicht eben noch selber gesagt, dass du dich darüber freust, mehr Zeit mit ihr zu verbringen? Dann drück dich jetzt gefälligst nicht.“ Adrian wirkte immer noch nicht überzeugt. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war es, Diana noch mehr Informationen zu geben, wo er doch eigentlich plante sie auf die Probe zu stellen. Doch wusste er nicht, wie er das vermeiden konnte, ohne dass Jason Verdacht schöpfte.

Aber ein Gutes hatte es, diese Sorgen hielten ihn davon ab, allzu intensiv über die neue Entwicklung in seiner Beziehung zu Diana nachzudenken. Er musste seinen Plan so schnell wie möglich durchführen. Aber dafür gab es einiges vorzubereiten und vor allem durfte Jason davon nichts mitbekommen. Er wäre hundertprozentig dagegen, was irgendwo verständlich war. Aber Adrian hatte einfach keine andere Wahl.

Entweder sie bestand den Test oder sie tat es nicht. In dem Fall gäbe es keinen Grund mehr, sich über dieses Thema Gedanken zu machen. Es war ein ebenso großer und entscheidender Schritt für ihn wie für sie.

Doch in seinem Inneren wusste er, dass er nicht wollte, dass sie sich von ihm abwandte. Dafür hatte er sich schon zu sehr an ihre Gegenwart gewöhnt. An ihr Lächeln, ihre Sanftheit, ihre grünen Augen, die ihn so ganz anders ansahen als all die anderen.

Für sie war er etwas Besonderes, und das nicht nur, weil er dieses Geheimnis hatte. Aber gerade dieses Geheimnis, seine wahre Gestalt stand nun zwischen ihnen. Und sie würde es immer tun, wenn er nichts dagegen unternahm.

Kapitel 2

Die Entstehung der Drachen

Trotz des schönen Wetters heute Morgen waren nun Wolken aufgezogen und draußen blies ein kräftiger Wind, sodass wir wieder einmal drinnen im Wohnzimmer Platz genommen hatten. Ich besetzte eines der beiden Sofas ganz für mich alleine, Jason saß in seinem Sessel und Adrian hatte sich auf dem Sofa mir gegenüber niedergelassen.

Auf dem Weg hierher hatte ich mich in Adrians Gegenwart ein kleines bisschen unwohl gefühlt. Wir hatten nicht viel miteinander gesprochen. Uns beiden schien die anspannte Atmosphäre bewusst zu sein. Erst nachdem wir uns in Jasons Nähe begeben hatten, hatte ich mich etwas entspannen können.

Jetzt allerdings war ich gespannt darauf zu erfahren, was sie mir heute berichten oder auch zeigen würden. Es hatte mich schon überrascht, als Adrian mich auf Jasons Einladung hin am Nachmittag abgeholt hatte. Ich hoffte ja immer noch, dass ich noch einmal die Chance bekommen würde, sie in ihrer wahren Gestalt zu sehen.

„So, und was machen wir heute?“ Adrian hatte auf meine Frage hin nur zu seinem Bruder geschaut. Schließlich hatte Jason mich eingeladen. Anscheinend war es heute unbedenklich, weil ihr Halbbruder nicht da war. Als Adrian und ich das Haus betreten hatten, hatte Jason auf dem Sofa gesessen und ein Buch gelesen. Aber nachdem er uns bemerkt hatte, war es recht schnell verschwunden. Dabei hätte ich nur zu gerne gewusst, was Drachen so für Bücher lasen.

„Keine Ahnung. Wie wäre es, wenn wir so eine Art Geschichtsstunde machen würden?“ „Geschichtsstunde.“ Normalerweise hätte ich mich entschieden dagegen gewehrt, auch noch außerhalb der Schule Geschichtsunterricht zu bekommen, aber aus Jasons Mund klang es irgendwie interessant. Und wer weiß, wenn es um Drachen ging, dann war es das mit Sicherheit auch. Also nickte ich zustimmend.

„Und was für eine möchtest du gerne hören?“ Ich überlegte kurz. Über die Feuerzeuge hatte ich schon etwas erfahren, gab es eventuell noch mehr solcher Geheimnisse?

„Was steht denn zur Auswahl?“ Alleine würde ich sowieso auf nichts besonders Spannendes kommen. Nach den Feuerzeugen hätte ich beispielsweise nie gefragt. Nur nach der Verwandlung. Apropos Verwandlung …

„Wieso seht ihr eigentlich so aus?“ Adrian sah mich verwirrt an.

„Oh, ich denke, das hat etwas mit der Beschaffenheit der Materie zu tun und mit der Reflektierung des Lichts, außerdem spielen deine Augen –“

„Nein, nein“, unterbrach ich ihn lachend.

„Ich meine, wieso seht ihr aus wie Menschen? Wie ist das möglich?“

„Sie möchte also etwas über unsere Entstehungsgeschichte hören. Eine Legende, von der keiner mehr sicher sagen kann, ob es sich auch wirklich so abgespielt hat, richtig?“ Jason sah seinen Bruder fragend an. Erwartungsvoll drehte ich mich zu Adrianum, doch der schien nicht sehr erpicht darauf, mir irgend so eine Legende zu erzählen.

„Lass es dir von Jason erzählen. Der liebt diese Geschichten …“ Er schüttelte den Kopf und nickte zu seinem Bruder hinüber. Die Enttäuschung darüber, dass er mir nicht selbst die Geschichte erzählen würde, konnte meine Begeisterung jedoch nicht schmälern. Mit leuchtenden Augen wendete ich mich wieder zu Jason um.

„Also gut, mach es dir gemütlich.“ Ich legte mich bequem auf das Sofa, auf welchem ich immer noch alleine saß, und wartete gespannt.

Dann fing Jason endlich an zu erzählen. Er hatte eine wunderbare Erzählstimme, ruhig und gelassen, und ich entschwebte mit der Zeit in eine andere Welt, in die Welt der Drachen.

„Ich fange am besten ganz am Anfang an. Das macht es verständlicher für dich, als wenn ich dir nur isolierte Geschichten erzählen würde. Du bist mit der Vergangenheit dieses Planeten bestimmt vertraut. Die Dinosaurier waren die ersten größeren Lebewesen auf dieser Erde und mit ihnen entstanden auch die Drachen. Zu früheren Zeiten waren wir nichts anderes als ganz normale Flugsaurier. Das Einzige, was uns laut den Legenden schon damals auszeichnete, war die Fähigkeit, richtig fliegen zu können. Nicht so wie die meisten anderen mit ihren Gleitflügen.

Die Menschen vermuten, dass ein riesiger Meteorit die Ursache für das Aussterben der Dinosaurier war. Vielleicht liegen sie da gar nicht mal so falsch, denn auch unsere Geschichten berichten von einem Meteoriten, der auf der Erde einschlug. Ob dadurch jedoch die Dinosaurier ausgestorben sind, kann ich nicht sagen. War für unsere Geschichte anscheinend nicht so wichtig.“ Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. „Aber was feststeht, ist, dass genau dieser Meteorit uns zu dem machte, was wir heute sind. Denn das Feuerspucken kam erst nach besagtem Tag, ebenso wie gewisse ‚magische’ Fähigkeiten. Auch das hohe Alter unserer Rasse haben wir wohl diesem Stein, der uns so unverhofft aus dem All zugesandt wurde, zu verdanken.“ Ich warf Adrian einen flüchtigen Blick zu. Er hatte die Augen geschlossen und lauschte der Erzählung. Er war mit dem Rücken an die Armlehne des Sofas gerückt und hatte die Beine ausgestreckt. Die Füße lagen aufgestützt auf der anderen Lehne. Es hätte vielleicht entspannt gewirkt, wenn ich nicht diese leichte Spannung in seinem Gesicht erkannt hätte, die mich an unseren Hinweg erinnerte. Da war er mir auch etwas verspannt vorgekommen.

Doch da ich nicht wusste, woran das liegen könnte, sah ich keine Möglichkeit, in der jetzigen Situation etwas dagegen zu unternehmen. Also legte ich meinen Kopf wieder zurück auf das Sofa und schloss ebenfalls die Augen, um der Erzählung noch besser zuhören zu können. Ich genoss Jasons Stimme, sie malte die schönsten Bilder in meinem Kopf. Große Echsen, die durch die Luft segelten, dann ein leuchtender Feuerball, der mit ungeheurer Geschwindigkeit auf die Erde zuraste. Ein erschütternder Aufprall und eine riesige Druckwelle, die alles zur Seite fegte, und die kleinen Punkte in der Luft, die wie leblose Blätter durch die Gegend wirbelten.

„Besagter Meteorit hat einige unserer Rasse für immer verändert. Wir wissen bis heute nicht, wie das möglich ist, aber so war es. Während die anderen Dinosaurier ausstarben und die Säugetiere langsam die Welt eroberten, lebten wir weiter. Mit dem Meteoriten war auch eine Kraft in unser Leben eingekehrt. Sie hatte die Macht, alles zu verlangsamen. Unsere Gestalt wandelte sich über die Jahre hinweg nur wenig. Wir alterten langsamer und der Abstand zwischen den einzelnen Mahlzeiten wurde größer. Aber auch wenn die Magie in unseren Körpern größer und größer wurde, so waren wir trotz allem noch weit davon entfernt, irgendeine andere Gestalt annehmen zu können. Viele der damaligen Drachen – wir hatten uns im Laufe der Zeit vermehrt und waren von einer nur sehr kleinen Anzahl von Drachen auf eine nennenswerte Größe angestiegen –, viele von uns zogen sich zu der Zeit in die Berge zurück.

Es war der ideale Lebensraum für uns. Wir hatten genügend Platz zum Fliegen und Beute fanden wir dort oben auch. Die Kälte machte uns dank unseres inneren Feuers so gut wie nichts aus. Das Feuer war wohl auch das Erste, was wir an Veränderungen wahrnahmen. Und schnell lernten wir, wie wir das innere Brennen nach außen gelangen lassen konnten. Das sollte einige Vorteile mit sich bringen, ebenso wie unsere Macht über das feurige Element.

In den zahlreichen Jahrmillionen, die vergingen, folgten irgendwann auch die restlichen Drachen in die Berge. Zwar hatten wir keine natürlichen Feinde, aber ihr Menschen hattet euch bereits gut entwickelt und wir hielten uns lieber fern von euch. Und so lebten wir weit weg von dieser Spezies. Ihr auf der Erde, wir in der Luft.

Viele Jahrhunderte lebten wir dort oben und kamen nur ungefähr alle zwei Monate in die Täler geflogen, um zu jagen. Bei unseren Streifzügen durch die flacheren Gebiete achteten wir darauf, den Wesen auf zwei Beinen möglichst nicht zu begegnen und von ihnen unentdeckt zu bleiben. Sie ließen uns in Ruhe und wir ließen sie in Ruhe. Wir lebten damals lange friedlich unbemerkt von dem jeweils anderen.

Die Eiszeiten, die die Welt irgendwann mit einer nicht enden wollenden Schneedecke und Kälte überzogen, überstanden wir weitestgehend unbeschadet. Wir zogen etwas in Talnähe hinab, denn auch wenn uns die Kälte nicht so stark zusetzte wie den anderen Lebewesen, musste unsere Beute stark unter ihr leiden und viele starben in dieser Zeit, sodass unser Beuteangebot knapper wurde. Wir mussten immer weitere Strecken fliegen, um überhaupt irgendetwas zu fressen zu finden. Doch zum Glück ist die Natur ein Meister darin, sich den gegebenen Umständen anzupassen, und die Mammuts waren groß, sodass wir schnell satt wurden.

Als auch diese Zeit überstanden war und es wieder wärmer zu werden begann, kehrten wir in die Höhen der Berge zurück. So abgeschieden bekamen wir das Treiben der Menschen nicht mit. Und nun kommt der Zeitpunkt, an dem sich so einiges änderte. Denn erst als ein noch relativ junger Drache …“

„Was genau bedeutet ,jung’?“ Ich richtete mich so weit auf, bis ich auf dem Sofa kniete. Ich konnte mir nur allzu gut vorstellen, dass Drachen unter „jung“ etwas ganz anderes verstanden als ich. Also fragte ich lieber noch einmal nach. Auch wenn ich damit die schöne Stimmung unterbrochen hatte.

„Er muss so um die 200 Jahre alt gewesen sein, vielleicht 20 Jahre jünger oder älter, keine Ahnung.“ Jason zuckte mit den Schultern, das Alter dieses Drachen schien ihn nie besonders interessiert zu haben.

„Klar, noch ganz jung“, sagte ich sarkastisch mit dem Kopf nickend. Er grinste verschmitzt, ließ sich von meiner Bemerkung allerdings nicht aus der Ruhe bringen und setzte an, die Geschichte weiterzuerzählen. Ich ließ mich zurück auf das Sofa sinken und warf noch einen flüchtigen Blick auf Adrian, bevor ich wieder die Augen schloss.

„Dieser Drache hatte auf einem seiner Beutezüge eine menschliche Siedlung gesehen. Solch seltsame Hügel waren ihm nicht bekannt. Es war Nacht und es konnte ihn niemand sehen. Aber er entdeckte etwas, und zwar eine junge Frau. Sie saß draußen auf freiem Feld und schaute in den Sternenhimmel. Der junge Drache landete rasch, damit sie ihn nicht sah, doch sie war viel zu sehr damit beschäftigt, unverwandt in den Sternenhimmel zu schauen, und hatte ihn nicht bemerkt. Nachdem der junge Drache –“

„Hatte er keinen Namen?“, fragte ich etwas unhöflich wieder mitten in seine Erzählung hinein. Doch Jason lächelte mich nur wissend an. Mit diesem Jungen hatte ich einen wirklichen Glückstreffer gelandet. Mit Adrian als Erzähler hätte ich mich wohl nicht getraut, mitten in der Geschichte irgendwelche Fragen zu stellen.

„Doch, er hatte einen Namen, allerdings kann man den nicht so einfach in die menschliche Sprache übersetzen. Adrian und ich heißen als Drachen auch anders, aber als Menschen können wir nicht in der ‚Sprache’ der Drachen kommunizieren. Als Drachen könnten wir uns auch nicht in einer der vielen menschlichen Sprachen unterhalten. Das Verstehen ist nicht das Problem, nur die Aussprache.“ Er machte eine kleine Pause und schien über etwas nachzudenken.

„Möchtest du ihm vielleicht einen Namen geben?“ Jason sah mich freundlich an und schien den Vorschlag wirklich ernst gemeint zu haben.

„Klar, gerne! Wie könnten wir ihn denn nennen?“ Begeistert fing ich an zu überlegen. Doch das war gar nicht so einfach, schließlich wollte ich ihnen einen Namen vorschlagen, der nicht allzu unpassend war, aber auch nicht zu normal. Er musste irgendetwas Besonderes haben. In Gedanken ging ich einige Namen durch, die in unserer Geschichte eine wichtige Rolle gespielt hatten. Allerdings konnte ich einen Drachen nicht einfach Caesar, Augustus, geschweige denn Hitler oder Napoleon nennen. Mir kam kein guter Name in den Sinn. Ich wollte schon aufgeben, da …

„Kilian!“ Der Name war plötzlich in meinem Kopf gewesen und ich hatte ihn nur aussprechen müssen.

„Ja, wie wäre es mit Kilian?“ Mir persönlich gefiel der Name. Doch würden die beiden Drachen vor mir ihn auch akzeptieren? Es war schließlich ihre Geschichte, ihre Vergangenheit.

„Warum denn Kilian? Wie kommst du darauf?“ Adrianrichtete sich auf und sah mich verwirrt an. Ich vermied es, zu ihm hinüber zu blicken und starrte stattdessen auf meine Hände.

„Keine Ahnung, ist mir gerade so eingefallen. Wieso? Wenn er euch nicht gefällt, können wir ihn auch anders nennen oder weiterhin ,junger Drache‘. Ist ja schließlich eure Geschichte.“ Ich zuckte mit den Schultern. Irgendwie fühlte ich mich unwohl, weil ich versucht hatte, ihre Geschichte etwas menschlicher zu machen, indem ich dem Drachen einen anderen Namen gab, einen menschlichen Namen.

„Nein.“ Ich schaute auf. Er lehnte sich wieder zurück und schloss die Augen

„Wenn er dir gefällt. Ich hatte nur nicht erwartet, dass dir so schnell einer einfallen würde. Was sagst du dazu, Jason?“ Jason zuckte mit den Schultern.

„Ich finde den Namen gut. Irgendwie passt er zu unserem jungen Drachen.“ Er grinste mich noch einmal an, bevor er fortfuhr.

„Nachdem Kilian dann also die Frau –“

„Hat die Frau in eurer Legende auch keinen Namen?“, wagte ich es ihn schon wieder zu unterbrechen. Jason schienen meine ständigen Fragen jedoch nichts auszumachen. Es kam mir eher so vor, als ob er sie sogar ganz unterhaltsam fand.

„Ja, die hatte einen Namen. Und ja, wir kennen ihn sogar heute noch, er ist im Laufe der Zeit zum Glück nicht verloren gegangen. Dazu kommen wir aber erst später.“ Er grinste mich wissend an. Adrian hielt sich weiterhin zurück und ließ seinen Bruder machen.

„Ich fahre dann fort.“ Er räusperte sich und setzte noch einmal neu an.

„Kilian beobachtete die Frau, solange sie auf der Lichtung saß. Er flog erst wieder zurück zu den anderen Drachen, als auch sie sich auf den Heimweg machte. Kurz bevor er losflog, warf er noch einen Blick in den Sternenhimmel. Er hatte die Sterne immer für etwas Besonderes gehalten, doch nun hatten sie ihren Glanz für ihn verloren, er konnte nur noch an die Frau denken.

Zu Hause in dem Hort der Drachen erzählte er, was er gesehen hatte, doch die anderen meinten nur, er solle sich von diesen Zweibeinern fernhalten, sie würden nichts Gutes mit sich bringen. Kilian konnte das jedoch nicht glauben und ohne das Wissen der anderen Drachen stahl er sich am nächsten Abend davon in der Hoffnung, dass die Frau wieder auf der Lichtung sein würde, um die Sterne zu betrachten.

Und tatsächlich saß sie genau wie vergangene Nacht wieder auf der Lichtung, ebenso wie die darauf folgenden Nächte. Nie besonders lange. Sie beobachtete jeden Tag den Sonnenuntergang und wartete dann noch, bis es endgültig dunkel geworden war, um in die Weiten des Universums zu schauen. Kilian kam die Zeit viel zu kurz vor. Er war ein Drache und hatte dadurch auch ein ganz anderes Zeitgefühl als die Menschen. Was für sie mehrere Stunden waren, war für ihn nicht mehr als ein Augenblick, aber er lernte diese kurzen Augenblicke immer mehr und mehr auszukosten, sodass sie auch für ihn immer länger wurden.

Nachdem er tagelang immer wieder beobachtet hatte, wie sie unbeweglich dasaß und nichts weiter passierte, als dass sie zu den Sternen hinaufschaute, kam eines Tages eine andere Frau auf die Lichtung gerannt und rief immer wieder mit verzweifelter Stimme ein Wort: ‚Maria.’“

Ich konnte nicht anders, ich musste leise kichern. Jason und Adrian schauten mich verwirrt an und ich fühlte mich dazu verpflichtet, mich zu erklären.

„Na ja, in unserer Bibelgeschichte spielt auch eine Maria eine wichtige Rolle, immerhin ist sie die Mutter von Jesus. Deswegen dachte ich für einen kurzen Moment, dann hätte ich den Drachen vielleicht doch besser Joseph nennen sollen. Aber ich finde Kilian viel besser“, fügte ich rasch hinzu, als ich ihre Gesichter sah.

„Wie auch immer. Der Drache schloss daraus jedenfalls, dass der Name der Frau wohl Maria lauten musste. Auf jeden Fall war es das erste Mal, dass er diese Spezies überhaupt reden hörte. Maria hatte immer nur still dagesessen und das Untergehen der Sonne und die funkelnden Sterne beobachtet. Aber dabei hatte sie nie auch nur ein Wort gesagt. Kilian war nie der Gedanke gekommen, dass sie eventuell stumm sein könnte. Und besorgt hob er den Kopf.

Der Klang der Stimme der anderen Frau ließ ihn im ersten Moment jedoch zurückschrecken. Maria erhob sich und ging der schreienden Frau entgegen. Als sie auf diese zuging, fing auch sie an, leise mit ihr zu reden. Und beim Klang von Marias Stimme konnte er nicht anders, als näher an die Lichtung heranzugehen, um ihre Stimme besser hören zu können. Eine unbewusste Bewegung erzeugte ein Geräusch, das die Frau in wohl noch größere Angst versetzte, sie zerrte Maria weg und redete weiter auf sie ein. Kilian sah ihr traurig nach.“

Jasons Stimme malte Bilder in die Dunkelheit hinter meinen Augen und seine Worte formten sich so, dass ich alles, was er erzählte, sehen konnte.

Den Drachen, die Frau, die untergehende Sonne und den wunderschönen klaren Sternenhimmel. Einfach alles. Und während dieser Zeit war ich nicht mehr ich selbst. Meine Existenz war mir gar nicht mehr bewusst. Ich lebte als Drache, sah durch seine Augen und empfand seine Gefühle. Es war ein so wunderbares Gefühl. Als ob ich schweben würde. Ich verlor mich selbst, während Jason immer weitersprach und immer neue Bilder in meinem Kopf entstehen ließ.

„Am nächsten Tag war Maria nicht da. Kilian wartete die ganze Nacht, doch sie kam nicht. Während er wartete, versuchte er verzweifelt ihren Namen auszusprechen, doch es gelang ihm nicht. Er wusste, wie er klingen musste. Er konnte ihren Namen in seinen Gedanken hören, wie die Frau mit der erschreckenden Stimme ihn gerufen hatte. Doch er konnte ihn nicht selber sagen, nur brüllende Fauchgeräusche kamen aus seinem Mund.

Wie ich vorhin ja bereits erwähnt habe, können unsere Drachenzungen keine menschlichen Worte formen. Es ist ähnlich wie bei … Nehmen wir einen Hund. Ein Hund wird sich sein Leben lang nicht anders verständigen können als mit Bellen, Knurren oder Jaulen. Egal, wie viel Zeit du auch investierst, um ihm deine Sprache beizubringen, er wird nie anfangen zu sprechen. Einige Vogelarten haben vielleicht die Fähigkeit menschliche Worte zu erlernen, aber das ist nun einmal die Ausnahme. Und so wie ein Hund nie sprechen wird, so war es auch Kilian versagt, Marias Namen laut auszusprechen. Doch er wollte ihrem Namen verzweifelt einen anderen Klang geben als den der schreienden Frau, der immer noch in seinem Kopf nachklang. Er wollte ihn selber immer und immer wieder sagen können. Aber er konnte nicht. So sehr er sich auch bemühte, er schaffte es nicht.

Auch heute können wir in Drachengestalt nicht mit den Worten der Menschen reden, sondern nur in unserer eigenen Sprache, diese wiederum könnt ihr nicht erlernen. Als Menschen können wir uns eben auch nicht in unserer Sprache unterhalten. Manchmal wirklich äußerst ärgerlich.“ Ich nickte, deshalb hatte Kilian vorher also quasi keinen Namen gehabt.

„Kilian wartete auch die darauf folgenden Tage jede Nacht auf ihr Erscheinen und er wartete vergeblich. Und an all diesen Tagen übte er sich in der menschlichen Sprache. Aber natürlich ohne Erfolg.

Maria kam erst nach vier Tagen wieder zu der Lichtung, um den Wechsel von Tag zu Nacht zu beobachten. Kilian war so erleichtert sie wiederzusehen, dass er nicht weiter darüber nachdachte, wo sie in diesen vier Tagen wohl gewesen sein mochte. Doch neben all der Freude empfand er ein anderes Gefühl, welches sich langsam in seinem Herzen ausbreitete. Es war das Gefühl der Angst.

Er hatte Angst, dass Maria vielleicht wieder tagelang nicht kommen würde oder irgendwann der Tag da wäre, an dem sie für immer wegblieb und nie wiederkam, er sie nie wiedersehen würde. Doch Kilian wusste nicht, was er dagegen hätte tun können. Sein Herz sehnte sich so sehr danach, mit dieser jungen Frau, die dort friedlich auf der Lichtung saß, zu reden, ihre Stimme zu hören, sie zu berühren. Doch all das konnte er nicht, er war ein Drache. Die Menschen würden Angst vor ihm haben, wenn er sich ihnen zeigte. Oder schlimmer noch, sie würden auf ihn und die anderen Drachen Jagd machen, weil sie sie möglicherweise als Bedrohung sahen.

Kilian wurde von seinen Gefühlen zerrissen. Er konnte sich nicht entscheiden und aus dieser Zerrissenheit entstand der Wunsch, doch auch ein Mensch sein zu können oder etwas Ähnliches.

Die Magie, die in unserem tiefsten Inneren vorhanden ist, aber so gut wie nie zutage tritt, begann sich langsam einen Weg durch seinen Körper zu suchen. Sie floss durch seine Adern wie flüssiges Feuer und doch drohte sie ihn nicht zu verbrennen. Kilian stand da in seinem Versteck neben dem Feld und sah die Frau, für die er zum Menschen werden würde.

Manchmal gibt es so etwas, dass sich die Magie in uns ihren eigenen Weg bahnt, dass sie uns Kräfte verleiht, die wir nicht direkt gewünscht oder verlangt haben. Das kann daher kommen, dass diese Kräfte, die Magie in uns, von dem Meteoriten stammen und wir ihre Wirkungsweise selbst jetzt noch nicht hundertprozentig verstehen.

Kilian zitterte am ganzen Leib und doch war ihm nicht kalt. Als die Magie sich allmählich wieder in ihre Tiefen zurückzog, sackte sein neuer Körper kraftlos auf dem Waldboden zusammen. Er konnte sich nicht bewegen, wusste nicht, wie. Versuchte zu sprechen, doch kamen nicht die gewohnten Laute aus seinem Mund, sondern in seinen Ohren fremde und doch vertraut klingende Töne. Seine Stimme hatte einen anderen Klang und formte andere Worte. Maria hörte das Stöhnen in der vollkommenen Stille der Nacht und versuchte, die Ursache dafür herauszufinden. Als sie Kilian so völlig hilflos auf dem Boden liegen sah, konnte sie nicht anders, als zu versuchen ihm zu helfen.

Sie fragte ihn nach seinem Namen, wollte wissen, was ihm fehlte, doch er konnte ihr nicht antworten. Also brachte sie ihn nach kurzem Zögern in ihre Hütte, die nicht weit von der Lichtung entfernt war. Dort gab sie ihm etwas zu essen und Kleidung. Sie redete die ganze Zeit mit ihm, aber weder verstand Kilian, was sie sagte, noch konnte er selber etwas sagen. Maria kümmerte sich um ihn, gab ihm zu essen und sprach weiter viel mit ihm. Es hatte fast den Anschein, als ob sie froh war, endlich jemanden zum Reden zu haben. Als sie merkte, dass Kilian gar nicht stumm war, wie sie es zunächst angenommen hatte, sondern sie einfach nur nicht verstand, begann sie ihm ihre Sprache beizubringen. Kilian lernte schnell und schon bald konnten sie sich auch mit Worten verständigen.“ Und in Gedanken entstand ein Bild, wie die beiden in einer kleinen Hütte zusammensaßen und sich fröhlich unterhielten.

„Mit der Zeit ließ Maria ihn auch an ihrem Leben außerhalb ihrer kleinen Hütte teilhaben und Kilian lernte andere Menschen kennen. Zwar konnte er sich nun mit ihnen unterhalten, aber irgendwie kamen sie ihm trotzdem fremdartig vor und er zog Marias Gesellschaft jeder anderen vor. Dabei verhielt er sich manchmal wie ein eifersüchtiger, kleiner Hund, der alle, die ihr zu nahe kamen, wie wild ankläffte, um sie zu vertreiben.“ Ich grinste, und als ich zu Adrian hinübersah, merkte ich, dass auch er sich ein kleines Lächeln nicht hatte verkneifen können.

„Kilian vermisste sein Leben oder seinen Körper als Drachen nicht, schließlich hatte er ja jetzt Maria. Und er konnte sich endlich mit ihr unterhalten, so wie er es sich die ganze Zeit über gewünscht hatte.“ Jason machte eine kleine Pause und ich fragte mich, was jetzt wohl kommen würde. Denn ich vermutete, dass es nicht für immer so idyllisch bleiben würde, oder?

„Die beiden verliebten sich ineinander.“ Wieder eine Pause.

„Doch als Maria Zwillinge zur Welt brachte, begann Kilian, sich Sorgen zu machen. Denn letztendlich war er doch gar kein Mensch, sondern ein Drache. Auch wenn er im Moment den Körper eines Menschen besaß, wusste er nicht, wie er in diesem Zustand genetisch beschaffen war. Er hätte nie gedacht, dass es ihm möglich sein könnte, ein Menschenkind zu zeugen. Misstrauisch beobachtete er die beiden Jungen und hütete sie wie seinen eigenen Augapfel. Aber als nach einem Jahr immer noch nichts Außergewöhnliches mit ihnen geschehen war, entspannte er sich wieder. Sie sahen aus wie zwei ganz normale Kinder und benahmen sich auch so. Maria hatte er nie von seinem wahren Wesen erzählt. Wie denn auch, schließlich wusste er nicht, wie oder ob er seinen alten Körper wiederbekommen könnte. Für ihn war dieser Teil seines Lebens abgeschlossen und mit dem Erscheinen Marias hatte ein neuer Abschnitt begonnen.“ Ich dachte kurz darüber nach, ob Maria nicht vielleicht doch das Recht gehabt hätte, die Wahrheit zu erfahren. Aber letztendlich kam auch ich zu dem Schluss, dass es wohl für beide besser war, wenn sie nichts von alledem wusste.

„Auf die beiden Zwillinge folgten noch ein Mädchen und ein weiterer Junge. Erst als die Zwillinge in die Pubertät kamen, zeigte sich, was sie wirklich waren.“ Erschrocken sah ich Jason an. Was hatte das zu bedeuten? Aber gleichzeitig wurde mir klar, dass noch etwas passieren musste, denn schließlich war dies die Geschichte, wie die Drachen die Fähigkeit erlangten, die menschliche Form anzunehmen.

„Es war im Winter und draußen war es kalt, sodass drinnen ein wärmendes Feuer brannte.“ Ich ahnte nichts Gutes.

„Die beiden Geschwister hatten einen Streit. Wahrscheinlich war ihre Wut zusammen mit dem Feuer im Raum die Ursache für ihre erste Verwandlung.“ Ich hielt den Atem an. Zwei ausgewachsene Drachen in der kleinen Hütte, das konnte nicht gutgehen. Eine so kleine Hütte könnte niemals genügend Platz für die beiden bieten.

„Kilian bemerkte die ersten Anzeichen zu spät. Es ging alles viel zu schnell. Die Pupillen, die sich zu Schlitzen zusammenzogen, und dann die Verwandlung. Gleich beide hatten sich verwandelt. Das Einzige, was sie alle davor bewahrte, von zwei riesigen Drachen erdrückt zu werden, war die Tatsache, dass die beiden in Drachenjahren gerechnet noch nicht sehr alt waren und somit ihre volle Größe noch längst nicht erreicht hatten. Sie müssten so ungefähr Schäferhundgröße gehabt haben.“ Jason lachte leise. Und ich stellte es mir durchaus komisch vor, wenn da zwei etwas größere Echsen plötzlich in der Hütte standen. Doch wollte ich nicht wissen, was für ein Schock das für die Familie gewesen sein musste. Und für die Jungen selbst erst.

„Kilian bemühte sich schnellstens alles wieder unter Kontrolle zu bekommen. Die beiden Jungen setzten ihren Streit nach kurzer Verblüffung nämlich einfach fort. Er trieb sie nach draußen in den Schnee, wo sie sich etwas abkühlen konnten. Diese Abkühlung ging dann so weit, dass sie sich nach einiger Zeit im Schnee wieder zurückverwandelten. Doch nun sah Kilian sich gezwungen seiner neuen Familie von seinem alten Leben zu erzählen.

Nachdem der erste Schock überwunden war, setzten sie sich in der Hütte zusammen – die Kinder weit vom Feuer entfernt – und Kilian begann langsam und bedächtig seine Geschichte zu erzählen. Währenddessen scharten sich die beiden kleineren Kinder um die Mutter, doch die Zwillinge nahmen wie selbstverständlich die Plätze links und rechts von ihrem Vater ein.

Es war eine seltsame Familienzusammenkunft, doch das Seltsamste an alledem war wohl die Tatsache, dass niemand auch nur den geringsten Zweifel daran hatte, dass die Geschichte wahr war. Und dass sie immer noch eine Familie waren, jetzt vielleicht sogar noch mehr als zuvor.

Maria hätte einfach verschwinden können, Kilian und die Kinder verlassen und versuchen sich ein neues Leben aufzubauen, ohne sie. Aber daran dachte sie nicht einmal für einen kurzen Augenblick. Ihr war nur wichtig, dass Kilian ihr gegenüber endlich ganz ehrlich war. Er hatte ihr vorher nie von seinem bisherigen Leben erzählt und jetzt erfuhr sie alles.“ Ich bewunderte Maria und die Gefühle, die sie für ihre Kinder und Kilian gehabt haben musste. Denn bei solch einer Geschichte nicht die Flucht zu ergreifen … Respekt. Ich schämte mich beinahe ein bisschen, als ich an mein fast zweiwöchiges Schweigen dachte.

„Den Winter verbrachten sie damit, gemeinsam zu versuchen, die Verwandlungen der Zwillinge in den Griff zu bekommen. Dabei fanden sie heraus, dass die Verwandlung in einen Drachen bei Anwesenheit von Feuer leichter ging. Starke Gefühle begünstigten diese ebenfalls. Wobei Wasser die Rückverwandlung unterstützte. Sie lernten ein Gespür für ihr inneres Feuer zu entwickeln und sich selber besser unter Kontrolle zu haben. Denn es sollte ihnen eine solche Verwandlung nie im Beisein anderer passieren. Das war überlebenswichtig!

Am Ende des Winters hatten sie es schließlich geschafft, ihre Verwandlungen weitestgehend unter Kontrolle zu bekommen. Diese Übungen und das Training wurde mit den beiden kleineren Kindern ebenfalls durchgezogen, wobei hier bereits früher angesetzt wurde, um solch einen ‚Ausraster’ wie bei ihren beiden Brüdern zu verhindern.“ Jasons Miene, die eben noch friedlich und beinahe glücklich gewirkt hatte, verfinsterte sich plötzlich. Ein schneller Blick zu Adrian hinüber, doch der wirkte ebenfalls leicht angespannt. Ich machte mich also besser schon mal auf das Schlimmste gefasst.

„Sie verbrachten einige glückliche Jahre und in der Zeit wuchsen sie als Familie noch enger zusammen. Aber dann wurde Maria krank. Sie bekam eine sehr schwere Krankheit und verbrachte die Tage fortan nur noch in ihrem Bett. Kilian konnte nichts tun, egal, was er auch versuchte, es half nichts, und dann … starb sie.“

„Nein.“ Ich keuchte, das konnte doch nicht sein. Wie gemein war das Schicksal denn bitteschön? Sie so einfach aus ihrer Familie zu reißen.

„Doch.“ Jason nickte mit Trauermiene und auch Adrian sah mich mit Augen an, in denen geschrieben stand: „Es stimmt, genau so war es.“

„Sie konnten sie nicht retten. Alles war vergebens. Aber bevor Maria von ihnen ging, sagte sie ihrer Familie und vor allem Kilian noch, wie froh sie war, sie alle getroffen zu haben und eine so schöne Zeit mit ihnen gehabt zu haben. Vorher war sie nämlich stets einsam gewesen. Sie hatte ihre Eltern schon früh verloren. Die Abende auf der Lichtung hatte sie damit verbracht in den Sternenhimmel zu schauen und an ihre Eltern zu denken. Sie hatte darüber nachgedacht, ob ihre Geister vielleicht da oben waren.

Und dann, an dem Tag, als die seltsame Frau auf die Lichtung gerannt gekommen war, war auch ihr Bruder, ihr einziger noch lebender Verwandter, von ihr gegangen. Doch mit Kilian hatte sie wieder Freude am Leben gefunden. Es hatte sie jemand gebraucht, wirklich gebraucht. Und das habe sie unheimlich glücklich gemacht. Und dann ging sie fort.“ Ich spürte, wie mir eine Träne die Wange hinunterlief, aber ich wischte sie nicht weg. Es war einfach traurig und schön zugleich. Liebend gerne hätte ich Maria selber kennengelernt. Sie musste eine wirklich tolle und vor allem starke Frau gewesen sein …

„Sie begruben sie auf der Lichtung, auf der Kilian sie als Drache so viele Male beobachtet hatte. Er saß noch lange an ihrem Grab und dachte an die Frau, die er geliebt und die ihn nun für immer verlassen hatte. Seine Trauer und sein ungeheurer Schmerz erweckten sein Drachenblut in ihm zu neuem Leben. Es brodelte und sein Blut schien regelrecht zu kochen. Es fühlte sich, als ob sein Körper in Flammen stünde. Doch war dieser körperliche Schmerz nichts gegen den Schmerz, der in seinem Herzen wütete. Wozu noch länger unter den Menschen leben? Wozu noch länger in diesem Körper gefangen sein, wenn es für ihn keinen Grund mehr dazu gab? Sein Leben war gestorben, wozu also noch weiterleben? Und ehe er sich versah, brüllte er seinen Schmerz in die Welt hinaus und ein großer Feuerball folgte ihm.