Beschreibung

Ruhe kehrt ein in das Leben mit den drei Drachenbrüdern. Und Alltagsdinge bestimmen ihr Leben. Taran will Janina noch immer nichts über die Drachen erzählen. Und Adrian hat weiterhin Geheimnisse vor Diana. Doch all diese Dinge rücken in den Hintergrund, denn eine neue Bedrohung taucht auf. Als Luca, ein Gesandter des Drachenrates, plötzlich vor der Tür steht, gerät Diana in Panik. Was, wenn er herausfindet, dass sie über die Drachen Bescheid weiß? Doch mit seinem Auftauchen stellen sich noch weitere Fragen. Welches Kind suchen die Drachen? Und was sind Horitz? Wird Diana endlich alles erfahren, was die drei bisher vor ihr verborgen hielten? Und was ist mit Luca? Ist er wirklich der, für den er sich ausgibt?

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Das Geheimnis des Wissens

Inhalt:

Vorwort  -  Die Stimme, die dir den Weg weist 3

Kapitel 1  -  Der Wald aus Kristall und Eis erbaut 3

Kapitel 2  -  Dianas Fähigkeit 13

Kapitel 3  -  Ralph und Taran. 26

Der Tanz der Einsamen. 31

Kapitel 4  -  Ostern. 39

Kapitel 5  -  Luca. 48

Wer bist du?. 55

Kapitel 6  -  Alles auf Anfang. 63

Kapitel 7  -  Halb und Halb. 78

Die Wand und das Wesen hinter ihr 84

Kapitel 8  -  Der Drache in dir 90

Kapitel 9  -  Auf Probe. 101

Die Reise des kleinen Samens. 104

Kapitel 10  -  Training. 117

Kapitel 11  -  Das dritte Auge. 129

Ich lebe, denn ich fliege. 132

Kapitel 12  -  Das Bild eines 139

Kapitel 13  -  …Horitz. 151

Des Nebels Geheimnis. 154

Kapitel 14  -  Die Suche hat ein Ende. 161

Kapitel 15  -  Wie das Schicksal so spielt 172

Der Lichtstrahl in der Dunkelheit 180

Kapitel 16  -  Eine Warnung. 185

Kapitel 17  - Das letzte Geheimnis. 197

Die Macht des Einzelnen. 202

Die Autorin: 204

Impressum:

Burg Verlag, Rehau

Burgstr. 12, D-95111 Rehau

Tel.: +49 (0) 9283 / 81095

Fax: +49 (0) 9283 / 81096

mailto: [email protected]

http://www.burg-verlag.com

© Burg Verlag, Rehau

Alle Rechte vorbehalten,

auch die des auszugsweisen Nachdrucks,

der fotomechanischen Wiedergabe

sowie Speicherung und Verarbeitung

in elektronischen Systemen.

Lektorat: Marianne Glaßer

Titelbild: Michaela Frech

http://www.michaela-frech.de

Gedruckt in der EU

ISBN 978-3-944370-23-1 - Erstausgabe November 2014

ISBN 978-3-944370-25-5 (eBook)

Vorwort

Die Stimme,

die dir den Weg weist

Es kommt öfters vor, dass man Personen falsch einschätzt. Weil man nicht alles über sie weiß. Nicht jeden ihrer Schritte kennt. Wenn man dann mehr über sie erfährt, jeden einzelnen ihrer Beweggründe, ergeben manchmal Dinge einen Sinn, die vorher nie ganz klar waren.

Ich bin mir absolut sicher, dass sie in diesem Fall wieder meine Hilfe benötigen wird. Ganz langsam entwirren wir das Knäuel aus Geheimnissen und Rätseln und dabei nähern wir uns immer mehr dem Kern. Wenn alle Fäden entwirrt und alle Fragen beantwortet sind, dann wird ein Bild entstehen, das man vorher nicht gesehen hat.

Viele kleine Dinge ergeben alleine keinen wirklichen Sinn, erst wenn man sie zusammenfügt, kann man alles in seiner Gesamtheit verstehen. Aber solange auch nur eines dieser wichtigen Teile fehlt, werden wir es in seiner Komplexität nie ganz begreifen können.

Die ersten Rätsel scheinen gelöst. Der Drache mit den silberweißen Schuppen scheint wie ein offenes Buch vor uns zu liegen, doch solange die Bänder, die zu den anderen beiden führen, sich im Dunkeln verlieren, können wir ihn in seiner Gesamtheit nicht erfassen. Denn es hängt alles zusammen, wie an unsichtbaren Fäden, die sich nicht so einfach durchtrennen lassen, aber auch nicht übersehen werden können.

Da sind immer noch Dinge, die sie nicht über ihn weiß. Aber die Antworten kann sie nicht bei ihm selbst suchen, denn er kann sie ihr nicht geben. Das können nur die anderen. Sein Licht kann die Dunkelheit nicht weiter erleuchten, als es das im Moment tut. Das nächste Leuchten muss den Weg von der anderen Seite her erhellen.

Meine Kleine, du musst dich erst einmal einem dringenderen Thema zuwenden. Fange an, dich selber zu erforschen. Wer bist du, was willst du, was kannst du?

Ich werde dir ganz langsam vor Augen führen, wer du bist.

Ich werde dir den Weg zeigen, den du zu gehen hast.

Kapitel 1

Der Wald aus

Kristall und Eis erbaut

Wir waren bereits eine Weile durch den Wald gegangen, es war kalt und unser Atem stieg in weißen Wölkchen vor unseren Gesichtern in die Luft. Adrian war bei mir. Ich musste nicht einmal einen Blick auf die schlanke Gestalt neben mir werfen, denn der Nebel sagte es mir.

Um uns herum ragten die Bäume hoch in den eisblauen Himmel hinauf. Und wenn man genau hinschaute, in die Schatten zwischen ihren kräftigen Stämmen, dann sah man ihn. Der Nebel wartete zwischen den Bäumen. Er wachte über mich oder zumindest kam es mir so vor. Wie ein Raubtier hielt er sich im Hintergrund, im Dunkeln der Wälder versteckt. Aber ich wusste, dass er uns nicht angreifen oder in die Irre führen würde. Nein, er beschützte mich. Genau wie sein Herr es tat, der in ebendiesem Moment in seiner menschlichen Form in einem dünnen Pullover neben mir herging.

Während ich eine dicke Jacke, Schal, Mütze und Handschuhe trug und trotzdem leicht am Zittern war, hatte er keines dieser Kleidungsstücke nötig und sah aus, als wenn ihm auch noch schön kuschelig warm wäre. Unfair! Er schien die eisige Kälte um sich herum nicht einmal wahrzunehmen.

Das lag allerdings nicht daran, dass er in der eisigen Arktis beheimatet war, sondern an seinem inneren Feuer, welches ihn wärmte. Auch in seiner menschlichen Gestalt sorgte es dafür, dass er nicht fror. Als echter Drache machte ihm die Kälte natürlich noch weniger aus.

Meistens versuchte er zwar den Schein zu wahren, indem er trotz der inneren Wärme dicke Wintersachen trug, doch jetzt waren wir allein und er konnte ganz er selbst sein; oder zumindest etwas mehr als sonst. Auch wenn er nicht als blauer Drache neben mir herschritt, musste er sich in seiner menschlichen Form zumindest nicht verstellen.

Wenn ich darüber nachdachte, dann hatte ich letztes Jahr um diese Zeit nicht einmal ein kleines bisschen an die Existenz von Drachen geglaubt. Auch wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, dass es einigen von ihnen möglich sein könnte, sich unter uns zu mischen, weil sie so aussehen wie wir Menschen.

Jetzt aber war es zu der natürlichsten Sache der Welt geworden. Selbst wenn Adrian sich plötzlich in einen Drachen verwandeln würde, so würde ich ihn nur fragend ansehen, was das zu bedeuten hätte, und nicht schreiend davonlaufen.

Diese mindestens zwei Meter großen echsenähnlichen Wesen waren mir mittlerweile so vertraut wie ein Reh oder ein Schaf, dem ich zufällig begegnete. Ich liebte den Anblick dieser mächtigen Wesen mit glänzenden Schuppen auf der Haut und dünnen Flügelmembranen.

Obwohl diese Einstellung Zeit gebraucht hatte. Immerhin hatte ich Adrian zwei Wochen lang gemieden, nachdem ich erkannt hatte, was tief in ihm steckte. Ich hatte diese Tatsache erst einmal zu leugnen versucht. Deswegen hatte ich es Adrian auch nicht übel nehmen können, dass es ihm später schwergefallen war, sich mir gegenüber zu öffnen. Doch mittlerweile hatten wir ein beidseitiges Vertrauensverhältnis aufgebaut.

Ich vertraute ihm und er vertraute mir. Nur, wie ich leider immer wieder feststellen musste, vertraute er mir noch nicht genug, um mir auch die letzten Geheimnisse anzuvertrauen, die er vor mir verborgen hielt.

Ich wusste nicht, wohin wir gingen, aber ich vertraute Adrian eben und stellte deswegen keine Fragen. Wir gingen immer weiter nebeneinander her und dann entstand vor uns mit einem Mal eine dicke Nebelwand, durch die man nicht hindurchsehen konnte. Keine Chance, da konnte man noch so gute Augen haben, das Zeug war undurchdringlich.

Als wir sie erreicht hatten, folgte ich Adrian dennoch, ohne zu zögern, mitten hinein und plötzlich konnte man gar nichts mehr erkennen. Ich hörte Adrians leise Schritte neben mir, aber ich konnte wortwörtlich nicht die Hand vor Augen sehen. Doch ich vertraute darauf, dass ich nicht im nächsten Moment gegen einen Baumstamm oder Ähnliches knallen würde, der unsichtbar vor mir im Nebel stand und nur darauf wartete, dass ich direkt auf ihn zulief.

Unbeirrt ging ich immer weiter geradeaus und orientierte mich dabei an Adrians Schritten. Gerade, als ich überlegte, sicherheitshalber nach seiner Hand zu greifen, zog sich der Nebel etwas zurück. Und zwar so weit, dass man zumindest Teile des Bodens, auf dem man ging, sehen konnte.

Wir waren von einem Waldweg direkt auf eine Stelle mit Gras gelangt. Diese Tatsache irritierte mich etwas. Die Grashalme waren alle mit winzigen, aber spitzen Eiskristallen bestickt, die wie Stacheln von ihnen abstanden. Die gesamte Grasfläche war gefroren.

Adrian ging noch ein paar Schritte weiter, und während ich ihm folgte, hörte ich die ganze Zeit das Geräusch der brechenden Grashalme unter unseren Füßen. Es knackte und knirschte laut in der Stille des Waldes.

Adrian blieb stehen, aber der Nebel schien weiterzugehen und so konnte ich immer mehr von unserer Umgebung erkennen. Mein Gesichtsfeld erweiterte sich sozusagen.

Hinter uns befand sich der Wald, aus dem wir gekommen waren, und vor uns präsentierte sich eine weite, freie Fläche. Der Boden war von dem Frost ganz weiß und wurde mit jedem Moment heller. Je mehr der Nebel von ihm preisgab, umso mehr Licht fiel auf die klitzekleinen Kristalle, die an den einst grünen Halmen hingen.

Fasziniert schaute ich auf das strahlende Weiß, welches leicht funkelte, und bemerkte die Bäume am Rande der Lichtung zunächst gar nicht. Aber als ich dann endlich den Blick hob und zu ihnen hinübersah, blieb mir vor Staunen wortwörtlich der Mund offen stehen. Es bildeten sich große, weiße Atemwolken vor meinem Gesicht, die dann weiter Richtung Himmel emporstiegen und sich langsam auflösten.

Der Anblick, der sich mir hier bot, war einfach atemberaubend. Um die gesamte Lichtung herum waren Bäume versammelt. Bäume, die weder Blätter noch Nadeln besaßen. Doch war das nicht das Außergewöhnliche an diesem Anblick. Das Besondere war die Tatsache, dass all diese Bäume vollkommen weiß waren!

Der Frost hatte sie von oben bis unten mit einer weiß glitzernden Farbe angepinselt und jeder noch so kleine, feine Ast hob sich scharf von dem viel dunkleren Hintergrund ab. Die Baumskelette waren nicht länger kahl oder trostlos, sie waren in diesem Moment schöner, als sie in ihrem ganzen Leben hätten sein können!

Der Nebel hatte sich ungefähr bis zur dritten Baumreihe zurückgezogen und wartete – in meinen Augen – nun dort etwas ungeduldig.

Ich schaute, immer noch von diesem wunderschönen, unglaublichen Anblick fasziniert, umher und schaffte es dann irgendwie etwas zu sagen. Meinen Blick konnte ich dabei allerdings nicht von dem lebenden Kunstwerk um mich herum abwenden.

„Das warst du, oder?“, flüsterte ich mit heiserer Stimme. Ich musste es wissen, unbedingt.

„Der Frost“, fuhr ich fort. „Das ist doch nur möglich wegen deines Nebels, oder?“ Als ich keine Antwort bekam, warf ich Adrian einen schnellen Blick zu und er grinste.

„Ich musste lange darauf warten, damit die Bäume so aussehen konnten, wie sie jetzt aussehen. Es war nie die richtige Temperatur dafür. Wenn es nur etwas wärmer oder kälter gewesen wäre, hätte es nie diese Brillanz erreicht.“ In seiner Stimme schwang ein kleines bisschen Stolz mit, aber das durfte er ruhig sein. Schließlich war es einfach zauberhaft, was er hier geschaffen hatte.

„Aber für die Sonne bin ich nicht verantwortlich, das ist reine Glückssache.“ Ich hörte das Grinsen in seiner Stimme, aber ich war außer Stande ihn anzusehen, um mich zu vergewissern. Wenn ich bis dahin sicher gewesen war, das wunderschönste Bild der Welt vor Augen zu haben, dann hatte ich mich getäuscht. Denn in genau diesem Augenblick wurde ich eines Besseren belehrt. Erst als die Sonne durch die wenigen Wolken am eisblauen Himmel brach, offenbarte die Lichtung ihre wahre Schönheit und das Bild vor mir war endlich komplett.

Wenn ich zuvor beim Anblick der feinen Äste und der Bäume um uns herum gedacht hatte, dass sie in ihrem feinen, weißen Kleid so zerbrechlich aussahen, als wenn sie bei der leisesten Berührung in tausend kleine Eissplitter zerspringen würden, dann sahen sie nun aus, als wenn sie aus Glas gegossen wären. Aus Eis gemeißelt, erbaut für die Ewigkeit.

Solche Schönheit konnte einfach nicht zerstört werden, sie war unverwüstlich, unerschütterlich, unvergänglich.

Die gleißenden Sonnenstrahlen hatten das sachte Glitzern des kristallinen Zuckergusses in ein strahlendes Funkeln verwandelt. Außerdem waren die klitzekleinen Eiskristalle auf der Lichtung zu tausenden funkelnden Diamanten geworden. Nichts konnte die Schönheit der Natur in diesem Moment übertreffen!

Die Sonne spitzte zwischen den Baumkristallen hervor und ihre Strahlen tanzten von einem Diamanten zum nächsten.

Ich zog einen der Handschuhe aus und streckte meine nackten Finger, die von der eisigen Kälte gebissen wurden, in Adrians Richtung aus. Dieser ergriff sie und umschloss sanft meine kalten Finger. Seine waren mehr als nur angenehm warm, sie strahlten eine Wärme aus, die mich ebenfalls zu wärmen schien.

Adrian trat neben mich und ich legte meinen Kopf sachte gegen seine Schulter. Und während ich weiterhin mit Staunen das Naturschauspiel vor mir beobachtete, hörte ich Adrians leises Atmen und spürte seine Wärme auf meiner Haut. Ich konnte meine Dankbarkeit nicht in Worte fassen und hoffte, dass er auch so verstand, was für eine unglaubliche Freude er mir bereitet hatte.

Danke, Adrian. Tausend Dank dafür, dass du bei mir bist.

Eine einzelne kleine Träne stahl sich meine Wange hinab, doch schaffte sie nur ungefähr den halben Weg, bis sie wegen der Kälte der uns umgebenden Luft erstarrte. Ich war mir aber sicher, dass sie genauso wie unsere Umgebung in den schönsten Farben funkelte.

Die Schönheit der Einzigartigkeit

Ein Wunder, entstanden aus der Macht der Natur mit dem Sinn für Schönheit. Der Sinn fürs Detail und das Auge für etwas Außergewöhnliches.

Jedes Kunstwerk entsteht durch etwas Neues. Eine neue Kombination von geometrischen Formeln und Figuren. Man könnte meinen, dass jede von ihnen nach einem genauesten Plan erschaffen wurde, doch eigentlich ist es lediglich der Zufall, der für ihre außergewöhnlichen Formen verantwortlich ist.

Wer nicht genau hinsieht, der würde denken, eine sehe aus wie die andere. Doch keine ist der anderen gleich, jede ist individuell. Jeder, der sich eine Schneeflocke einmal genauer angesehen hat, wird mir da zustimmen.

Man kann sich in ihrem Anblick verlieren. Wenn der erste Schnee vom Himmel fällt, die erste Schneeflocke den Boden berührt, kommt es einem magischen Moment gleich.

Sanft hinabsegelnd, sich um sich selbst drehend, sich ihrer eigenen Schönheit bewusst. So sanft wie eine Feder, so kalt wie Eis, so fein wie Seide, so einzigartig wie das Leben.

Wer würde nicht in Verzückung ausbrechen, wenn es ihm vergönnt ist, bei diesem Ereignis dabeizusein?

Doch wie alles auf der Welt ist auch diese Schönheit vergänglich. Manchmal bereits wenige Momente nach ihrer Entstehung. Sobald sie mit dieser Welt in Kontakt tritt: Sie löst sich auf und alles, was zurückbleibt, ist die Erinnerung und der Zauber, der unser Herz erfüllt hat.

Bereits ein dreiviertel Jahr war vergangen, seit ich Adrian das erste Mal begegnet war. Mittlerweile konnte ich mir ein Leben ohne ihn und all die Geheimnisse, die die Drachen umgaben, gar nicht mehr vorstellen. Doch gleichzeitig wusste ich, dass der Abschied mit jedem Tag näher rückte. Es würde passieren und ich war darauf vorbereitet – oder zumindest versuchte ich mir das einzureden.

Im neuen Jahr gab es, verglichen zum vergangenen, kaum etwas Neues zu berichten. Und dennoch hatte sich im Laufe der Zeit einiges verändert.

Katrina hatte es endlich geschafft, sich Jay zu angeln. Nachdem er und Janina sich getrennt hatten, hatte sie freie Bahn gehabt. Doch Janina nahm das locker, immerhin hatte sie jetzt Taran. Adrians und Jasons Halbbruder hatte seine unkontrollierbare Art, seitdem er sich auf Janina eingelassen hatte, fast ganz verloren und bisher auch keine weiteren Ausraster mehr gehabt.

Jason und Adrian hatten zwar zeitweise immer mal einen Auftrag erhalten, aber bisher war es nicht wieder passiert, dass Jason danach nicht mehr er selbst war. Dieser seltsame Zustand, in dem Jason nicht mehr wusste, wer er war und wer wir waren, war einmalig geblieben und darüber war ich wirklich froh. Die Zeit, die Jason in seiner Drachengestalt von Adrians Nebel versteckt draußen vorm Haus verbracht hatte, wollte ich nicht noch einmal erleben müssen.

Auch wenn Adrian mir bisher immer noch nicht alles über sich und die Drachen erzählt hatte, konnte ich mittlerweile viel besser damit leben. Irgendwann gewöhnte man sich an all die Geheimnisse. Einige Türen sind und bleiben eben verschlossen und irgendwann gibt man es auf, an ihnen zu rütteln, nur um festzustellen, dass sie sich immer noch nicht öffnen lassen.

Am Anfang hatte ich zwar noch nach einem Zweitschlüssel gesucht, aber Jason hatte die Geheimnisse seines Bruders eisern bewahrt. Vielleicht würde ich sie nie lüften …

Dafür erfreute ich mich an dem Hier und Jetzt. Adrians Geburtstagsgeschenk, die Kette mit dem wunderschönen Anhänger, trug ich ständig und zu jedem möglichen und unmöglichen Anlass um den Hals. Ich wollte einfach nur, dass sie ganz nah bei mir war, ich wollte sie spüren, seine Nähe spüren.

Der tränenförmige Stein war sowohl grün als auch blau und in seinem Inneren befand sich eine Pfauenfeder. Er wurde oben und unten von goldenen Schnörkeln, die sich wie eine Pflanze um den Stein wanden, in seiner Fassung gehalten.

Die dazu passenden Ohrringe, die ich von Jason bekommen hatte, verwahrte ich sicher in meiner Schmuckschatulle. Sie waren ausschließlich für einen besonderen Anlass gedacht. Gedankenverloren betrachtete ich den Anhänger und drehte ihn in Händen, sodass er zwischen grün und blau hin- und herwechselte. Dann steckte ich ihn unter meinen Pullover und sah auf.

Zu meinem größten Vergnügen hatten wir weiße Weihnachten feiern können. Anfang Dezember war der erste Schnee gefallen und nach etwa zwei Wochen hatte er es auch geschafft, liegen zu bleiben. Das wiederum hatte dazu geführt, dass die letzten Schultage mit zahlreichen Verspätungen und Ausfällen versehen gewesen waren.

Janina und ich hatten im Garten vor der Terrasse einen süßen Schneemann mit echter Möhrennase gebaut, der an Weihnachten neugierig ins Wohnzimmer gelugt hatte. Ein anderer weißer Mann war vor dem großen Haus der drei Drachenbrüder entstanden. Der Schneemann war über zwei Meter hoch geworden, ein richtiges Meisterwerk. Alle hatten mitgeholfen und großen Spaß dabei gehabt.

Janina ging Taran mittlerweile fast so oft dort besuchen wie ich Adrian und Jason. Wobei Janina es weiterhin bevorzugte, Jason nicht allzu oft über den Weg zu laufen. Aus irgendeinem Grund schien er ihr suspekt zu sein.

Er musste auf sie einen seltsamen Eindruck machen mit seinen hellen, silbergrünen Augen. Aber im Grunde war es sowieso besser, wenn sie sich von ihm fernhielt. Je weniger sie sich mit Jason befasste, desto weniger konnte sie über ihn und seine Brüder herausfinden. Denn wenn Janina sich Mühe gab, dann kam sie so gut wie jedem Geheimnis auf die Spur.

Zu meinem größten Bedauern lag jetzt, Mitte Februar, kaum noch Schnee. Obwohl es immer noch eisig kalt war, fielen keine weißen Flocken mehr vom Himmel. Da konnte man noch so oft „Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit“ singen.

Andererseits, wenn es schneien würde, dann wäre es nicht so kalt gewesen und Adrians Überraschung wäre nicht zustande gekommen. Ich geriet immer noch ins Träumen, wenn ich an diesen zauberhaften Anblick dachte.

Schade, dass es nicht ewig so weitergehen konnte, aber leider war die Schule immer noch ein fester Bestandteil meines Alltags und so streifte ich mir meine warmen Winterstiefel über und schulterte meine Schultasche.

Als ich aus der Tür trat, segelte direkt vor meiner Nase ein weißes Etwas hinab. Unwillkürlich streckte ich meine behandschuhte Hand aus und die weiße Schneeflocke landete sanft darauf. Für einige Momente konnte ich das kleine Meisterwerk aus Kristall bewundern, dann fing es langsam an zu schmelzen und zurück blieb nur noch ein unschöner, wässriger Haufen.

Obwohl es gestern mit dem strahlend blauen Himmel noch eisig kalt gewesen war, schien es heute bereits wieder zu warm für den Schnee zu sein. Ich seufzte schwer und blickte in den dunkel behangenen Himmel.

Langsam fielen immer mehr dieser Miniaturkunstwerke hinab. Und eines nach dem anderen schmolz auf den zu warmen Steinen dahin. Das war wieder ein Beweis dafür, wie vergänglich schöne Dinge waren. Es brauchte nicht viel, um sie zu zerstören.

Eventuell war das alles nichts weiter als eine Illusion, all das Schöne auf der Welt.

Mit einem weiteren Seufzer schloss ich die Tür hinter mir und machte mich auf den Weg. Ich sah, wie Adrian sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite von einem Baumstamm, gegen den er sich gelehnt hatte, abstieß und zu mir auf die andere Straßenseite geschlendert kam. Kritisch musterte ich ihn in dem sanft rieselnden Schnee. Er war mal wieder viel zu dünn angezogen. Auch wenn der heutige Tag bereits Plusgrade hatte.

„Du solltest dir mit deiner Winterbekleidung wirklich etwas mehr Mühe geben.“ Adrian lächelte belustigt über meinen Vorwurf.

„Aber dann ist mir immer so unglaublich warm.“ Ich schnaubte verächtlich.

„Wahrscheinlich würdest du sogar in der Arktis im T-Shirt rumlaufen, wenn dich niemand sieht.“ Er zuckte leichthin mit den Schultern.

„Vielleicht schon, aber da wäre selbst mir kalt. Insofern zieh ich mir in solchen Gefilden sogar freiwillig etwas über.“

„Mhm“, brummte ich missmutig vor mich hin. Adrian beugte sich im selben Moment vor, in dem etwas Kaltes und Nasses auf meiner Nase landete. Er küsste mir das kleine Wunderwerk sanft von der Nasenspitze und sah mir dann ganz tief in die Augen. Seine grünen Augen schienen mich zu durchbohren.

„Ist dir jetzt wärmer?“ Das wäre es wahrscheinlich, wenn ich nicht diese innere Kälte spüren würde, die mich bedrückte. Aber ich war mir nicht sicher, ob ich mit ihm vernünftig über dieses Thema reden konnte. Adrian richtete sich schließlich wieder auf, ohne dass ich ihm eine Antwort auf seine Frage gegeben hatte.

„Wieso bist du so schlecht gelaunt?“ Seine Hand fuhr durch sein Haar, sodass die blonden Strähnen mit dem dunklen Ansatz wild in alle Richtungen abstanden. Fragend legte er den Kopf schief, als ich nicht sofort antwortete. Ich seufzte bereits das dritte Mal innerhalb der letzten fünf Minuten und dieses Mal stieg eine weiße Atemwolke vor mir auf. Aber ich konnte mich immer noch nicht dazu überwinden, ihm mein Problem anzuvertrauen.

Janina und Taran waren nun richtig und endgültig zusammen. Gut, was heißt richtig? Zusammen waren sie schon etwas länger. Aber Taran hatte es immer so hingestellt, als ob das nichts Ernstes wäre. Nur eine kleine Spielerei. Irgendwann hatte er dann einsehen müssen, dass da mehr war. Doch selbst nachdem er das endlich eingesehen und sich selber eingestanden hatte, weigerte er sich noch, Janina von seinem Geheimnis zu erzählen.

Obwohl ich durchaus verstehen konnte, dass er zögerte, es ihr zu sagen – schließlich erinnerte ich mich noch gut daran, wie ich reagiert hatte, nachdem Adrian plötzlich als Drache vor mir gestanden hatte –, fand ich es falsch, es ihr vorzuenthalten. Es war nicht richtig, dass ich so viel mehr über ihren Freund wusste, als sie je erahnen könnte.

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das die gesamte Zeit über zwischen uns stand; dieses Geheimnis. Und das gefiel mir nicht im Geringsten. Wir sind schon so lange befreundet, waren immer wie Schwestern. Auch wenn wir uns in all dieser Zeit durchaus mal in die Haare bekommen haben, hatten wir es doch jedes Mal wieder geschafft, uns zu versöhnen. Doch das hier war eine ganz andere Dimension.

Dieses Geheimnis zu bewahren, war doch so viel bedeutsamer, als jede Art von Freundschaft es je sein könnte. Und genau das gefiel mir an dem Ganzen überhaupt nicht!

Ich wollte mich nicht gegen Janina entscheiden müssen, unter keinen Umständen! Aber es hatte den Anschein, als ob ich in dieser Sache keine Wahl hätte. Ich hatte, was das betraf, weder Mitspracherecht noch Entscheidungsfreiheit. Und es gefiel mir nicht, in dieser Situation gefangen zu sein.

Allerdings traute ich mich nicht, offen mit Adrian darüber zu reden. Ich war mir ziemlich sicher, dass er ohnehin auf der anderen Seite stehen würde, und irgendwie konnte ich das sogar verstehen. Deren Geheimnis war schließlich viel wichtiger als diese Kleinigkeit, die mir Kopfzerbrechen bereitete.

Außerdem kam es mir irgendwie falsch vor, Adrian mit meinen albernen Gefühlen und Ärgernissen zu belästigen. Nachher klang es noch so, als ob ich ihm die Schuld an dieser Lage gäbe. Außerdem hatte er ganz andere Probleme. Und im Übrigen konnte diese Sache nur Taran selbst entscheiden.

Aber es war zum Haareraufen.

Es war sein gutes Recht, diese Entscheidung selber und nur für sich allein zu treffen. Das hatten wir bereits besprochen und daran hatte sich nichts geändert. Wenn Taran nicht wollte, dann wollte er eben nicht. Damit würde ich mich einfach abfinden müssen …

In Gedanken stieß ich einen Seufzer aus. Wenn man doch nur einen Blick in die Zukunft werfen könnte, dann wüsste ich, was noch alles auf uns zukommen würde. Außerdem könnte ich mich dann wahrscheinlich besser mit der jetzigen Situation abfinden. Aber war es überhaupt möglich in die Zukunft zu schauen? Nun, wenn es einer konnte, dann ein Drache. Und da ich gerade einen neben mir stehen hatte, konnte ich doch einfach mal fragen.

„Wie sieht es eigentlich mit diesen besonderen Fähigkeiten aus? Gibt es auch eine, die sich auf zukünftige Ereignisse bezieht?“ Adrian schaute in die Ferne und verfolgte die vereinzelten Schneeflocken, die immer noch aus den dunklen Wolken am Himmel herabsegelten.

„Es gab da mal diesen Fall. Laurus, das war der Menschenname des Drachen, besaß die Fähigkeit in die Zukunft zu sehen. Er konnte es nicht steuern und er sah auch nur die Zukunft, die den Ort betraf, wo er sich in dem Moment befand. Diese Blicke in die Zukunft kamen ohne jede Regelmäßigkeit. Manchmal sah er erst etwas, nachdem er an dem Ort schon sehr oft gewesen war.

Ein weiterer Nachteil war, dass er nie sagen konnte, wann diese Zukunft eintreffen würde. Man konnte lediglich versuchen zu schätzen, in welchem Zeitraum es sein könnte, anhand der Umgebung und deren Veränderungen. Zum Beispiel an der Größe der Bäume oder dem Fortschritt der Technik.“

„Und diese Zukunftsblicke trafen auch wirklich ein?“ Ich hatte einen skeptischen Tonfall bekommen. Das klang so gar nicht nach dem, was ich mir darunter vorgestellt hatte.

„Nun ja. Da Drachen ziemlich lange leben, konnten einige seiner Zukunftsblicke noch zu seinen Lebzeiten eintreffen und somit beweisen, dass er richtig gelegen hatte. Auch jetzt noch gibt es einiges, was zutrifft.“

„Unglaublich! Das ist ja toll!“

„Toll? Toll?!“ Adrian klang wirklich wütend wegen meiner Begeisterung.

„E-etwa nicht?“, fragte ich verunsichert.

„NEIN!“ Noch deutlicher konnte er es nicht sagen.

„Stell dir einmal vor, du hättest den Tod deiner Freunde vorhergesehen. Du weißt nur, wo es geschehen wird, aber nicht, in welchem Zusammenhang oder wann genau. Glaubst du wirklich, du kannst damit gut umgehen? Oder wenn du siehst, wie ein Ort im Laufe der Zeit zerstört wird. Was würdest du fühlen, wenn du sehen würdest, wie ein ganzes Dorf von einer Katastrophe heimgesucht wird, und du könntest nichts, aber auch gar nichts dagegen tun? Diese Dinge waren genauso belastend für Laurus wie die Dinge für Jason, die er sieht. Irgendwann kann dein Körper all das Leid einfach nicht mehr ertragen.“ Wenn ich raten dürfte, dann würde ich sagen, dass Adrian Laurus noch persönlich kennengelernt hatte.

„Und er konnte nichts dagegen tun?“

Adrian schüttelte den Kopf. Er atmete tief durch, um sich wieder zu beruhigen.

„Aber er hat doch mit Sicherheit nicht nur schlechte Dinge gesehen, oder? Ich meine, die Zukunft hält doch auch schöne Sachen für uns parat, nicht wahr?“

Adrian lächelte schwach.

„Es ist wie bei Jason, wenn das Schlechte das Gute überwiegt, dann kann man dem nicht lange standhalten.“ Wir standen schweigend da. Die Schneeflocken auf unseren Jacken hatten bereits eine leichte, weiße Schicht gebildet. Ich zitterte unwillkürlich wegen der Kälte.

„Lass uns gehen. Mir ist kalt. Denn im Gegensatz zu dir trage ich keinen Heizofen mit mir herum.“ Ich wandte mich ab, streckte ihm dann aber versöhnlich meine Hand entgegen. Er streifte mir den Handschuh ab, auf dem vorher die Schneeflocke gelandet war, und schob seine warme Hand in meine.

So gingen wir nebeneinander durch das sanfte Schneetreiben, das langsam weniger wurde. Ich konnte gerade ein viertes, lautstarkes Seufzen unterdrücken. Ich brauchte dringend jemanden, mit dem ich über dieses Problem reden konnte. Wahrscheinlich würde ich Jason heute noch einmal einen Besuch abstatten. Mit ihm traute ich mich am ehesten darüber zu sprechen.

Später im Unterricht zog ich unwillkürlich einen Schmollmund und Leila sah mich von der Seite her fragend an.

„Ist alles Ordnung mit dir, Diana?“ Ich seufzte – Nummer acht, wenn ich mich nicht verzählt hatte – und wandte mich ihr zu.

Leila … Wenn ich doch nur offen und ehrlich mit ihr reden könnte. Unwillkürlich verglich ich sie mit Jason. Was die normalen Dinge anging, war ich bei Leila immer an der richtigen Stelle, wenn ich einen Rat brauchte. Genau wie Jason war sie irgendwie in der Lage, einen wieder aufzubauen und die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Aber in dieser Sache konnte ich sie unmöglich um Rat bitten.

„Nein, nicht wirklich …“, gab ich dennoch zu. Es hatte ohnehin keinen Sinn, Leila etwas vormachen zu wollen. Zumal ich nicht in der Lage war, mich so anzustrengen, dass mein „Nein, alles bestens“ wirklich überzeugend klang.

„Bist du vielleicht nicht damit einverstanden, dass Janina und Taran … Ich meine, er ist der Bruder deines Freundes.“

„Halbbruder“, verbesserte ich sie automatisch. „Nein, damit hat das nichts zu tun.“

„Was stört dich dann an den beiden?“ Leila hatte, scharfsinnig, wie sie eben war, sofort gemerkt, wer oder was für meine schlechte Laune verantwortlich war. Sie hatte sozusagen den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich versuchte trotzdem auszuweichen.

„Wie kommst du denn darauf, dass mich etwas an den beiden stören könnte?“

„Erstens hast du es gerade selber zugegeben und zweitens ist deine Seufzerei in den letzten Tagen schon sehr auffällig. Und jedes Mal, wenn du einem von beiden begegnest, wird es schlimmer.“ Ich schielte unauffällig zu Taran hinüber, der einige Plätze entfernt damit beschäftigt war, die Aufgabe zu lösen, die wir aufbekommen hatten. Dass Leila und ich uns flüsternd unterhielten, schien bisher niemanden zu stören.

„Es gibt da etwas“, gab ich schließlich nach, zögerte dann aber. Konnte ich wirklich mit Leila über diese Sache sprechen? Andererseits gehörte sie definitiv nicht zu den Personen, die Dinge gedankenlos weitererzählten.

„Es gibt da etwas, was ich über Taran weiß. Etwas Wichtiges. Aber er hat nicht vor, es Janina zu sagen. Nur bin ich der Meinung, dass das absolut falsch ist. Ich finde, dass sie ein Recht darauf hat, es zu erfahren. Aber irgendwie kann ich ihr davon nichts sagen, weil das höchstwahrscheinlich zur Folge hätte, dass sie Taran danach mit ganz anderen Augen sieht.“ Ich war mir nicht sicher, wie viel ich Leila von der Wahrheit erzählen konnte, ohne Gefahr zu laufen, irgendwelche Gerüchte zu säen. Aber ich war mir bei Leilas Verschwiegenheit ziemlich sicher. Außerdem verstand sie wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte von meinem verwirrenden Gequatsche.

„Dann, finde ich, solltest du ihr auch nichts davon erzählen.“ Überrascht blickte ich auf.

„Aber …“, wollte ich protestieren, doch Leila schüttelte nur den Kopf.

„Wenn jemand etwas über Adrian wüsste, von dem du keine Ahnung hast, würdest du dir dann nicht wünschen, dass er irgendwann so viel Vertrauen zu dir hat, dass er es dir von sich aus erzählt? Wie würdest du dich dabei fühlen, wenn du so etwas Wichtiges von einer anderen Person erfährst? Würdest du das wirklich wollen?“ Ich stellte mir vor, dass ich mich an Janinas Stelle befinden würde und sie sich an meiner. Würde ich wollen, dass sie mir das von den Drachen erzählte?

„Leila?“ Ich seufzte abermals – Nummer neun.

„Ja?“

„Du solltest wirklich in die Therapie oder Psychologie oder so etwas gehen. Du hast es echt drauf.“ Ich lächelte sie schwach an. Sie hatte es geschafft, mir bei meinem Problem weiterzuhelfen, ohne dass sie überhaupt genau wusste, worum es ging.

„Ich werd’s mir merken. Freut mich, dass ich helfen konnte.“

„Ja, das konntest du allerdings.“ Ich würde Janina nichts von der Drachenseite ihres Freundes erzählen. Endlich hatte ich eingesehen, dass ich keinerlei Recht dazu hatte. Erstens war es nicht mein Geheimnis – ich war nur Mitwisser – und zweitens war das eine Sache zwischen Janina und Taran. Ich sollte mich da wirklich nicht einmischen.

Super, das hatten die drei mir die ganze Zeit schon versucht zu erklären. Aber irgendwie hatte ich ihnen nie wirklich zugehört.

„Stets zu Diensten.“ Leila lächelte mir noch einmal zu und widmete sich dann wieder ihrer Aufgabe. Ich war wirklich dankbar, dass ich auf sie als Freundin setzen konnte.

Nach dem Unterricht gingen Leila und ich, gefolgt von Taran, gemeinsam zur Mensa. Dort warteten bereits meine restlichen Freunde. Sie waren um einen der Tische versammelt und wir gesellten uns dazu.

„Hey, Ben!“ Nils’ laute Stimmte schallte durch den Raum und ich blickte mich um. Ben trat zögernd näher und alle schauten ihn erstaunt an.

„Jetzt bist du eine vollkommene Brillenschlange, Streber.“

Ich sah Nils böse an. Und da war ich nicht die Einzige, auch Ines, Janina, Leila und Adrian warfen Nils missbilligende Blicke zu und nicht einmal Taran lachte.

„Nils, so etwas Gemeines sagt man doch nicht zu seinen Freunden.“ Leilas blaue Augen funkelten wütend. Missbilligend warf sie ihre langen blonden Haare mit den Korkenzieherlocken über die Schulter.

„Tja, bei solchen Sachen hapert es bei ihm immer noch an Feingefühl.“ Ines seufzte schwer, fast so, als ob sie bei einem kleinen Kind in Sachen Erziehung nicht weiterkäme. Janina legte ihr eine Hand auf die Schulter und schüttelte mit Trauermiene den Kopf.

„Mach dir keine unnötigen Hoffnungen, das lernt er nicht mehr.“ Beide sahen Nils mit diesem bestimmten Blick und leicht schief gelegtem Kopf an. Dann seufzten sie unisono und wandten sich ab.

„Also ich finde, dass dir die Brille echt gut steht. Sie passt zu dir, Ben.“ Adrian lächelte ihn freundlich an und Ben tickte unsicher gegen das Gestell. Er blickte uns durch das Glas seiner neuen Brille mit seinen blauen Augen fragend an. Mich faszinierten die gelben und grünen Sprenkler in seiner blauen Iris immer noch, sie gaben ihm etwas Einzigartiges.

Taran ging zu Janina hinüber und gab ihr einen Begrüßungskuss.

„Ich finde auch, er hätte sich eine viel schlimmere Brille aussuchen können. Die da passt wenigstens zu ihm.“ Erstaunt sah ich ihn an. So ganz hatte ich mich immer noch nicht daran gewöhnt, dass Taran sich mit seinen bissigen Kommentaren zurückhielt. Mir gegenüber war er sogar richtiggehend freundlich.

Eigentlich konnte Taran Menschen nicht leiden, er war der Auffassung, es liege an der menschlichen Schwäche, dass er seine Feuerkraft nicht beherrschen könne. Dadurch, dass menschliches Blut in ihm fließe und es ihm so ermögliche, unsere Gestalt anzunehmen, sei er schwächer als andere Drachen.

Mittlerweile hatte er zwar eingesehen, dass die Liebe zu Janina ihm die Kraft gab sein Feuer vollkommen unter Kontrolle zu bekommen, aber die anderen Menschen um ihn herum behandelte er zwischendurch immer noch mit einer gewissen Abneigung. Doch sein Verhalten besserte sich mit jedem Tag.

Ich konnte es gerade noch vermeiden, mir an den linken Oberarm zu greifen. Es war ein ziemlich steiniger Weg bis hierhin gewesen. Taran hatte die Gefühle zu Janina einfach nicht zulassen wollen – in dem Punkt waren sich Taran und Adrian ausnahmsweise ähnlich gewesen. Diese Widersetzlichkeit hatte dazu geführt, dass Taran den Drachen in sich und dessen Feuerkraft nicht mehr hatte kontrollieren können. Ich war natürlich so dämlich gewesen und hatte nichts Besseres zu tun gehabt, als ihm in diesem Zustand in den Wald zu folgen. Einer der Feuerbälle, die er völlig unkontrolliert in den Wald geschossen hatte, hatte mich gestreift und mir nicht nur meine Klamotten, sondern auch meinen Arm und meine Haare verbrannt.

Deswegen hatte ich mir notgedrungen eine kürzere Frisur zugelegt. Die Wunde war zwar gut verheilt, aber man konnte die Stelle immer noch sehen. Deshalb war ich froh gewesen, dass das Ganze letzten Herbst passiert war und die Zeit, wo man kurzärmlig durch die Gegend lief, somit schon passé.

Die Wunde schmerzte zwar nicht mehr, aber dafür plagten mich seit diesem Tag immer wieder üble Kopfschmerzen. In den meisten Fällen, kurz nachdem ich mich mit Adrian getroffen hatte. Als ich meiner Mutter davon erzählte, hatte sie scherzhaft behauptet, dass mein Körper dann einen Adrian-Entzug durchmachen müsse und deswegen mit Kopfschmerzen reagiere.

Die Kopfschmerzen waren in den letzten beiden Monaten allmählich zu meinem ständigen Begleiter geworden. Ich nahm das stetige Ziehen schon gar nicht mehr wahr, was nicht hieß, dass es nicht mehr da war. Es wurde nur immer leichter es zu ignorieren, weil es mehr und mehr zu meinem Alltag gehörte. Dennoch wäre ich froh, sie wieder loszuwerden.

Kapitel 2

Dianas Fähigkeit

Als ich das Haus betrat, hörte ich das vertraute Knistern des Feuers im Kamin, das den Rest des Hauses in dieser kalten Jahreszeit wärmte. Ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie ich hierher kam und im Kamin das erste Mal ein Feuer brannte.

„Ich dachte, ihr friert nicht so schnell.“ Verschmitzt sah ich Adrian an, während das Feuer im Kamin fröhlich vor sich hin knisterte. Seine Pupillen hatten sich zu Schlitzen verzogen.

„Das brennt ja auch nicht wegen uns. Schon vergessen? Du frierst.“ Mein Freund sah mich mit einem Lächeln aus seinen veränderten Augen an, aber ich verspürte bei diesem Anblick keine Angst. Schließlich hatte er diese Schlitzpupillen immer noch jedes Mal, nachdem wir uns küssten, das hatte sich bisher nicht geändert. Außerdem war es nur natürlich, dass das Feuer den Drachen in ihm weckte.

„Wir machen unsere Heizung nicht an, da wir sie nicht brauchen“, klärte Jason mich auf. Als ich mich zu ihm umdrehte, stellte ich fest, dass auch er schlitzartige Pupillen hatte. Zusätzlich schien das Silber in seinen Augen im Schein der Flammen kräftiger zu werden.

„Außerdem ist es berauschend so ein kleines Feuerchen um sich zu haben. Solange niemand zu Besuch kommt, dem die Veränderung unserer Augen komisch vorkommt, spricht ja auch nichts dagegen.“ Ich wusste, dass er damit auf Janina anspielte. Denn sie war die Einzige außer mir, die hier geduldet wurde. Keiner von meinen anderen Freunden oder irgendein anderer Mensch hatte je das Innere dieses Hauses gesehen – zumindest nicht, soweit ich wusste. Na, eventuell noch die Möbelpacker.

Adrian und Jason bestanden immer noch darauf, dass die Menschen in ihrer Umgebung so wenig wie möglich über sie persönlich herausfanden. Wobei dieses Unterfangen im Grunde zum Scheitern verurteilt war. Ich kannte ihr Geheimnis bereits und Janina stand kurz davor, aber ich mischte mich in diese Angelegenheit lieber nicht ein.

Vielleicht brauchten sie diese Regelung, um sich selber weiterhin einreden zu können, dass alles in Ordnung war. Wer weiß …

„Im Sommer können wir hier ja leider kein Feuer anmachen.“ Jason hockte sich neben den Kamin und ich konnte sehen, wie seine Augen in einem geheimnisvollen Licht erstrahlten.

„Wieso?“

„Stell dir mal vor, jemand würde hier jeden Tag Rauch aufsteigen sehen. Denkst du nicht, dass das irgendwie verdächtig ist? Im Winter ist das nichts Ungewöhnliches und deshalb nutzen wir das in dieser Jahreszeit aus.“ Adrian grinste.

„Gemütliches abendliches Vor-dem-Kamin-Sitzen ist bei uns sozusagen Tradition.“ Ich musste zugeben, es war wirklich sehr gemütlich. Zumal es im Rest des Hauses fast genauso kalt war wie draußen. Sie froren ja nicht.

Als ich heute das Wohnzimmer betrat, brannte das Feuer wieder einmal fröhlich vor sich hin und verbreitete eine angenehme Wärme

„Hallo, Snowpearl.“ Die kleine weiße Katze kam ins Zimmer gestiefelt, schmiegte sich sogleich an meine Beine und fing an zu schnurren. Ein eindeutiges „Streichle mich“.

„Na? Hast du es genossen, dass du im Schnee beinahe unsichtbar gewesen bist?“ Sie war den Schneeflocken hinterhergejagt und hatte versucht, sie zu fangen. Bei diesem Spektakel hatte ich es geschafft, ein paar wirklich gelungene Schnappschüsse zu machen. Später war die Begeisterung fürs Schneeflockenfangen immer mehr versiegt und sie hatte sich lieber ins warme Haus zurückgezogen.

Ich fuhr der weißen Katze sanft über den Kopf und sie schmiegte sich genießerisch an meine Hand. Nachdem Adrian und ich die kleine Katze auf einem spätabendlichen Ausflug aus Versehen angefahren hatten, hatte ich darauf bestanden, sie mitzunehmen. Bis auf eine Kopfverletzung hatte sie zum Glück nichts abbekommen, sodass sie schnell wieder genesen war.

Als sich auch nach größtmöglicher Anstrengung unsererseits – um ehrlich zu sein, hatten wir uns nur halbherzig darum bemüht – kein Besitzer meldete, war sie einfach dauerhaft bei den drei Drachenbrüdern untergekommen. Wobei sie sich Taran gegenüber immer noch sehr zurückhaltend gab, manchmal sogar geradezu feindselig, aber selbst das war besser geworden.

Ich hob sie sanft vom Boden auf – es verblüffte mich jedes Mal aufs Neue, wie federleicht dieses Wesen war – und nahm sie auf den Arm. Ich drückte kurz mein Gesicht in ihr weiches, weißes Fell, dann wandte Adrian sich an mich.

„Wollen wir nach oben gehen?“ Ich sah ihn skeptisch an.

„Keine Sorge, der Ofen heizt mein Zimmer mit“, meinte er freundlich. Ich nickte zustimmend und setzte Snowpearl wieder auf den Boden. Die gab ein enttäuschtes Maunzen von sich und verzog sich leicht eingeschnappt auf ein Kissen vor dem Kamin. Das samtrote Kissen hatte ich der Kleinen zu Weihnachten geschenkt, sie hatte es begeistert in Empfang genommen und erst einmal ihre spitzen Krallen darin versenkt. Sie war in den Wintertagen zu einem richtigen Hauskätzchen geworden, inklusive genüssliches Vor-dem-Kamin-Fläzen.

Ich folgte Adrian die Treppe hinauf, und als wir sein Zimmer betraten, musste ich feststellen, dass mich die fehlende Persönlichkeit immer wieder verwirrte. Mein Blick glitt unbewusst zu dem Laptop auf dem Schreibtisch hinüber.

Adrian hatte mir erzählt, dass er gerne schrieb, doch seine Geschichten hatte er auf einem Stick abgespeichert, den er immer bei sich trug. Bisher hatte ich es noch nicht geschafft, ihn dazu zu bringen, dass ich mir mal ein paar anschauen konnte. Ich stellte mir vor, was ich durch diese Texte alles über ihn erfahren könnte, es wäre wie ein einzigartiger Blick in seine Seele, in sein tiefstes Innerstes. Meine Fingerspitzen kribbelten vor unterdrückter Neugierde. Ich wandte mich ihm zu und erstarrte.

„Da war’s wieder!“ Ich musste einen total aufgedrehten Eindruck machen.

„Kannst du es festhalten?“ Aber ich schüttelte nur den Kopf und kniff dabei angestrengt die Augen zusammen.

„Es ist ja so frustrierend!“ Ich seufzte enttäuscht auf. „Es passiert zwar immer häufiger, aber ich sehe immer noch keine Möglichkeit, wie ich es kontrollieren könnte. Es kommt und geht, so wie es ihm gerade passt.“ Adrian nahm mich beschwichtigend in den Arm und ich lehnte mich dankbar gegen seine Brust. Federleicht fuhren seine Finger durch mein Haar.

„Lass dir Zeit. Setz dich nicht so sehr unter Druck. Es ist ja nicht so, dass du für diese Sache eine Deadline hättest.“ Ich seufzte schwer.

„Aber es ist so deprimierend, wenn man es nicht beeinflussen kann. Jason weiß auch immer noch nichts Genaues, oder?“, lenkte ich das Gespräch in eine andere Richtung.

„Nun, da eine so enge Verbindung zwischen Menschen und Drachen eigentlich strengstens verboten ist, gibt es nicht viele Erzählungen darüber. Und wir können ja nur schlecht jemanden diesbezüglich fragen.“ Adrian zuckte hilflos mit den Schultern und ich schloss für einen kurzen Moment erschöpft die Augen.

„Aber er vermutet, dass es irgendetwas mit unseren Gefühlen zu tun hat. Du hast ihm doch von diesem inneren Brennen erzählt, das du auch jetzt immer noch spürst, wenn wir uns küssen. Von dem du mir bis dahin übrigens nicht das Geringste erzählt hattest“, fügte er leicht anklagend hinzu. Dann beugte er sich vor und unsere Lippen berührten sich ganz sanft.

Seit Neuestem reichte sogar diese leichte Berührung, um das Brennen in mir zu wecken, und beinahe augenblicklich merkte ich, wie sich mein Blut in kochend heiße Lava verwandelte. Adrian löste sich wieder von mir und zur Abwechslung hatte er sich immer noch voll und ganz unter Kontrolle, keine Schlitzpupillen. Dafür konnte ich erneut einen kurzen Blick auf den Drachen mit den blauen Schuppen erhaschen, wie er durchsichtig und nur schwach schillernd hinter ihm hockte.

Aus irgendeinem Grund, den mir bis jetzt noch niemand hatte erklären können, war es mir möglich, die Drachen zu sehen. Ich konnte immer mal wieder einen Blick hinter die Fassade erhaschen, die Adrian, Jason und Taran aufbauten. Auch wenn ihre menschlichen Körper genauso aus Fleisch und Blut bestanden wie meiner, waren das doch nicht ihre wahren Körper.

Am Anfang war es vielleicht einmal die Woche passiert und nur ganz kurz. Zunächst hatte ich angenommen, dass ich diese Drachenbilder meiner Fantasie verdankte. Doch als die Erscheinungen immer länger zu sehen waren und auch immer häufiger, hatte ich darüber schließlich mit Jason und Adrian gesprochen.

Allerdings konnte ich die Drachen, wie mir später bewusst wurde, meistens nur in Verbindung mit diesem seltsamen brennenden Gefühl, das mich erfüllte, wenn Adrian und ich uns küssten, sehen. Weil ich mir diese Sache nicht erklären konnte, hatte ich Jason schließlich davon berichtet.

„Jason vermutet, dass eventuell etwas von meiner Magie in dich übergeht und du deshalb plötzlich in der Lage bist, unser wahres Ich zu sehen, hinter die Fassade der Täuschung zu schauen. Auf jeden Fall scheint es dir leichter zu fallen, wenn wir uns gerade geküsst haben, so wie jetzt.“ Er sah mich prüfend an und ich nickte bestätigend.

„Oder aber, wenn einer von uns starken Gefühlen ausgesetzt ist. So wie es bei Taran damals der Fall war, als es dir das erste Mal aufgefallen ist.“

„Eigentlich ist es mir damals gar nicht aufgefallen“, widersprach ich. „Oder zumindest dachte ich nicht, dass das an mir liegt, sondern vielmehr daran, dass Taran kurz davor stand, sich zu verwandeln“, präzisierte ich meine Aussage.

Ich dachte zurück an jenen Moment, wo Taran vor mir auf dem Waldboden gekauert hatte. Er stand kurz davor, die Kontrolle zu verlieren, sich zu verwandeln, und ich hatte damals bereits den roten Drachen hinter ihm erkennen können. Er war wie ein Schatten gewesen, wie Tarans zweites Ich. Ich hatte nur einen kurzen Blick erhascht, und als der Drache wieder verschwunden war, hatte ich angenommen, dass das der Tatsache zu verdanken war, dass Taran sich wieder besser unter Kontrolle hatte. Am Ende hatte er sich zwar trotzdem verwandelt, aber ich hatte diesen Schattendrachen kein zweites Mal zu Gesicht bekommen.

„Du hast doch erzählt, dass diese Kopfschmerzen jedes Mal schlimmer werden, wenn du vorher mit mir zusammen warst, richtig?“, unterbrach Adrian meine Gedanken. Ich nickte zögerlich. Das stimmte, die Kopfschmerzen waren zusammen mit den Schmerzen der Brandwunde gekommen und ich hatte zunächst angenommen, dass ich zu viel Rauch eingeatmet hatte oder so etwas Ähnliches. Leider waren sie nicht zusammen mit dem Brennen meines Armes verschwunden.

„Jetzt beispielsweise spüre ich gar nichts. Das müsste sich dann ändern, wenn ich nach Hause gehe“, bestätigte ich. Adrian nickte ebenfalls.

„Ich habe mir überlegt, dass das eventuell mit dieser Gabe zu tun haben könnte. Immerhin kamen zuerst die Kopfschmerzen und danach hast du diese Fähigkeit entwickelt, oder nicht?“ Damit lag er vollkommen richtig.

„Du hast recht, dass mir das nicht selber aufgefallen ist.“ Adrian zuckte nur leichthin mit den Schultern.

„Ich finde das nicht verwunderlich, immerhin ist in letzter Zeit so viel passiert, da kann einem so eine Kleinigkeit schon mal entgehen. Ich selber bin ja auch eben erst darauf gekommen, weil wir darüber gesprochen haben.“ Adrian strich mir eine Strähne hinters Ohr.

„Darf ich dich noch etwas fragen?“ Ich warf ihm einen auffordernden Blick zu.

„Du sagst zwar, dass es häufiger passiert, aber ist dir ansonsten eine Veränderung aufgefallen? Vielleicht, dass du die Drachen klarer siehst, auch bei anderen außer uns dreien, oder dass die Situationen sich verändern? Vorhin zum Beispiel warst du nur in meiner Nähe, wir haben uns aber nicht einmal berührt.“ Ich überlegte kurz.

„Ich bin mir ganz sicher, dass das alles mit diesem seltsamen Brennen in Zusammenhang steht. Wahrscheinlich könnte ich das alles kontrollieren, wenn ich dieses Brennen kontrollieren könnte. Allerdings wüsste ich nicht, wie. Vorhin hab ich auch so etwas Ähnliches gespürt, nur leider werde ich durch diese Drachen immer so sehr abgelenkt, dass ich mich nicht weiter auf dieses komische Gefühl konzentrieren kann. Ich versuche es dann mit den Augen festzuhalten. Bestimmt ist das der Fehler.“ Ich zwinkerte überrascht. Erst jetzt, wo ich es laut aussprach, wurde mir bewusst, dass ich damit richtig lag. Anstatt das Brennen festzuhalten, hatte ich mich bisher immer nur darum bemüht, dass das Bild vor meinen Augen nicht wieder verschwand.

Wahrscheinlich sollte ich mich viel mehr darauf konzentrieren, dieses merkwürdige Gefühl immer und zu jeder Zeit herbeirufen zu können. Doch bevor ich meine neue Theorie ausprobieren konnte, kam mir ein Kratzen an der Tür dazwischen. Adrian drehte sich um und öffnete dem kleinen Störenfried.

Snowpearl machte einen kleinen Bogen, als sie an Adrian vorbei ins Zimmer trat, umstrich einmal meine Beine und ging dann wieder Richtung Tür. Doch nun konnten wir beide von unten Stimmen hören.

„Ich weiß, dass es im Wohnzimmer wärmer ist, aber lass uns doch lieber nach oben gehen. Jason ist bestimmt beim Kamin und wir sollten ihn besser nicht stören, wenn er am Lesen ist.“ Adrian und ich warfen uns einen Blick zu und verließen dann das Zimmer. Snowpearl hatte bereits die halbe Treppe hinter sich, als wir Janina und Taran an der Haustür stehen sahen.

„Hallo, Janina. Worüber streitet ihr euch denn?“ Janina blickte zu mir die Treppe hinauf, schüttelte dann aber den Kopf.

„Wir streiten doch überhaupt nicht.“ Sie ergriff Tarans Hand und zog ihn hinter sich die Treppe hinauf, an mir vorbei. Aus irgendeinem Grund schien meine beste Freundin schlecht gelaunt zu sein. Verblüfft schaute ich ihr hinterher.

„Habt ihr euch vielleicht gestritten?“ Adrians grüne Augen fixierten mich.

„Nein, nicht dass ich wüsste.“ Janina und ich hatten uns nicht gestritten. Allerdings hatte ich ebenfalls den Eindruck gehabt, dass sie nicht nur auf Taran schlecht zu sprechen war.

Langsam stieg ich die Treppenstufen hinab und ging direkt weiter ins Wohnzimmer. Wenn Janina im Haus war, dann passte man besser auf, über was man sich unterhielt. Es war wirklich anstrengend, dass man in ihrer Nähe immer so auf der Hut sein musste, und ich beneidete Taran kein Stück, denn er hatte es noch viel schwerer.

Die kleine weiße Katze hatte es sich bereits auf einem der Sofas gemütlich gemacht und genoss die Wärme des Feuers. Jason saß, wie Taran es bereits vermutet hatte, in seinem Sessel und hatte ein Buch in der Hand. Ich war immer noch nicht ganz damit einverstanden, dass wir ihn einfach als Bösewicht darstellten, der keine Fremden mochte, doch leider war das der einzige Weg, wie wir bestimmte Situationen vermeiden konnten. Denn wenn Janina mit Taran in diesen Raum gehen würde, während das Feuer im Kamin brannte, dann würde es nicht lange dauern, bis ihr die schlitzartigen Pupillen auffielen. Da konnten Tarans Augen noch so schwarz sein.

Es wäre wirklich einfacher, wenn sie über alles Bescheid wüsste. Andererseits … Bisher hatte ich nur darüber nachgedacht, dass es für uns vier bequemer wäre, wenn wir diese Dinge vor ihr nicht mehr verbergen müssten. Ich hatte allerdings noch nie darüber nachgedacht, wie Janina wohl auf diese Enthüllung reagieren würde.

Immerhin hatte ich mich fast zwei volle Wochen von Adrian ferngehalten. Vielleicht würde Janina ganz ähnlich reagieren oder sie könnte sich gar nicht damit anfreunden. In dem Fall gäbe es allerdings immer noch Jason und seine Fähigkeit, die Erinnerungen von Menschen zu verändern. Dann könnte er sie die Wahrheit einfach vergessen lassen und alles wäre wieder beim Alten.

Doch wenn ich ehrlich war, wollte ich Jason das nicht antun, nur damit ich es für eine gewisse Zeit etwas bequemer hätte. Immerhin hatte Adrian mir erzählt, wie erschöpft Jason nach so einer Sache war. Außerdem begab er sich dabei jedes Mal in Gefahr. Wenn er nicht aufpasste, konnte er sich in den Erinnerungen und den Gedanken eines anderen womöglich selbst verlieren und nie wieder zurückfinden.

„Na? Gab es wieder Probleme wegen des Feuers?“ Als Jason von dem Buch aufblickte, sahen seine Augen denen von Snowpearl verdammt ähnlich.

„Sie hat es wieder gesehen, sogar zwei Mal.“ Adrian überging die Frage seines älteren Bruders einfach.

„So?“ Jason zog fragend eine Augenbraue hoch. Doch bevor ich irgendetwas sagen konnte, sprach Adrian bereits weiter.

„Mir ist da etwas eingefallen, was wir auf jeden Fall bedenken sollten.“ Ich nahm an, dass Adrian Jason von der Sache mit den Kopfschmerzen erzählen wollte, doch ihm ging es um etwas vollkommen anderes.

„Wenn deine Theorie stimmen sollte und Diana diese Fähigkeit nur entwickelt hat, weil etwas von meiner Magie in sie übergegangen ist, dann müssen wir wohl befürchten, dass dasselbe auch bei Janina passieren könnte.“ Jason runzelte nachdenklich die Stirn. Ich sah Adrian überrascht an; daran hatte ich gar nicht gedacht.

„Du hast recht, und wenn das passieren sollte, haben wir ein ernsthaftes Problem. Weil Janina nicht über uns Bescheid weiß, könnte sie es zunächst für sich behalten, weil sie wie Diana am Anfang glaubt, sich das nur einzubilden. Nur wird es gefährlich, wenn sie mit anderen darüber redet. Das würde zweifellos Staub aufwirbeln und das muss unbedingt verhindert werden.“

„Heißt das, wir erzählen ihr vorher lieber alles, damit sie Bescheid weiß und uns darüber berichten kann, sollte bei ihr so etwas Ähnliches auftreten?“ Ich hielt gespannt den Atem an, doch Jason hob beschwichtigend die Hände.

„Wir sollten da wirklich nichts überstürzen“, bremste er mich aus.

„Zuallererst sollten wir alles bedenken, was dazu geführt haben könnte, dass sich diese Fähigkeit bei dir ausgebildet hat. Angefangen mit der Tatsache, dass es das erste Mal in Gegenwart von einem unkontrollierten Drachen in einem brennenden Wald stattgefunden hat.“

„Und in so eine Situation wird Janina nie kommen“, unterbrach Adrian Jasons Überlegungen harsch. Ich sah ihn verblüfft an.

„Nein, das ist nicht anzunehmen“, stimmte Jason ihm beschwichtigend zu.

„Des Weiteren wart ihr beiden zu dem Zeitpunkt ungefähr drei bis vier Monate zusammen, das trifft ebenso auf Taran und Janina zu“, fuhr Jason ungerührt fort.

„Wenn man also annimmt, dass der Zeitraum eine Rolle spielt und der Vorgang durch Tarans Auftritt nur beschleunigt wurde, dann müssten wir, wenn meine Überlegungen stimmen, damit rechnen, dass Janina in nächster Zeit eventuell ebenfalls Drachen sehen könnte.“ Jason klappte verärgert das Buch zu und legte es zur Seite.

„Verdammt, warum haben wir nur niemanden, den wir diesbezüglich fragen könnten?“ Er vergrub kurz das Gesicht in seinen Händen.

„Und was, hast du dir überlegt, sollen wir deswegen jetzt unternehmen?“ Adrian wirkte leicht beunruhigt, und wenn ich ehrlich war, fühlte auch ich mich in meiner Haut alles andere als wohl.

„Ich fürchte, da können wir nichts anderes machen, außer abzuwarten.“

„Wie? Du willst einfach nur warten?“ Allem Anschein nach hatte mein Freund eine andere Antwort erwartet, ich allerdings auch.

„Sollten wir nicht zumindest irgendetwas unternehmen?“, wagte ich vorzuschlagen.

„Und was? Es gibt drei Dinge, die wir tun könnten. Janina von Taran fernhalten, damit sich nicht noch mehr Magie in ihr ansammelt, allerdings würden wir damit riskieren, dass Tarans unberechenbare Art zurückkehrt. Wir könnten deinem Vorschlag nachkommen und ihr einfach die Wahrheit sagen, aber das halte ich wiederum für keine gute Idee, zumal Taran absolut dagegen ist. Oder wir finden heraus, was wirklich hinter alldem steckt, fragen also jemanden, der sich damit auskennt. Nur leider gibt es so jemanden nicht.“ Ich zuckte kurz zusammen, als ein Schmerz durch meinen Kopf schoss.

„Alles in Ordnung?“ Adrian hatte es bemerkt und sah mich besorgt an.

„Ja, geht schon wieder. Es gäbe da eventuell noch eine Möglichkeit, wie wir rechtzeitig gewarnt sein könnten, sollte Janina das Gleiche passieren wie mir.“ Jason musterte mich neugierig.

„Adrian ist vorhin aufgefallen, dass meine Kopfschmerzen und diese komischen Erscheinungen von euren Drachen in Zusammenhang stehen könnten. Nein, ich bin mir absolut sicher, dass sie in Zusammenhang stehen. Wenn Janina also mit einem Mal vermehrt über Kopfschmerzen klagen sollte, dann wissen wir …“

„Dass wir uns langsam ernsthafte Sorgen machen sollten“, führte Jason meinen Satz weiter.

„Es ist besser als nichts“, gab er schließlich zu.

„Ich finde, das ist schon eine ganze Menge.“ Adrian ergriff meine Hand.

„Außerdem wissen wir ja nicht, ob das wirklich der Grund ist oder ob so etwas immer passiert. Vielleicht spielt da noch etwas ganz anderes eine Rolle oder es braucht unbedingt so eine Situation wie die, in die du geraten bist.“ Jason sah mich nachdenklich an. Doch alles, was ich dazu sagen konnte, war ein unbestimmtes Zucken mit den Schultern. Ich wusste schließlich noch weniger über die Drachen als sie.

„Ich weiß es nicht. Aber ich bin mir sicher, dass diese Dinge erst danach angefangen haben. Allerdings nur schleichend. Wer weiß, eventuell passiert bei Janina gar nichts, wer kann das schon sagen?“ Keiner von uns auf jeden Fall. Ich wünschte wirklich, ich hätte eine Fähigkeit entwickelt, die es mir erlaubte, in die Zukunft zu sehen, das wäre um einiges nützlicher als diese Drachengestalten.

„So geht es nicht weiter, Jason. Auf die Art und Weise finde ich nie etwas über Chris heraus. Ich fürchte, du musst doch mal bei ihm einsteigen.“

Jason seufzte schwer. Dieser Auftrag war ein Ding der Unmöglichkeit. Unter normalen Umständen hätte er sich bereits mit dem Rat in Verbindung gesetzt, ob es wirklich sinnvoll war, dass sie weiter hierblieben, oder ob es nicht etwas Dringlicheres zu tun gab. Andererseits brauchten sie einen Unterschlupf und von hier aus konnten sie genauso gut zu dem Aufträgen fliegen wie von jedem anderen Ort. Ihnen blieben noch ein paar Jahre und die wollte er seinen Brüdern und den beiden Mädchen nicht wegnehmen. Doch Adrian hatte recht, so kamen sie einfach nicht weiter. Nur leider gingen Jason mit der Zeit die Ideen aus.

„Langsam werde ich das Gefühl nicht mehr los, dass ich da auch nichts finden werde.“ Adrian sah ihn verständnislos an.

„Na, immerhin hast du mit deinen grünen Augen hier einen unglaublichen Auftritt hingelegt. Wenn die Horitz wirklich so viel wissen, wie wir annehmen, dann hätte schon längst etwas passieren müssen. Immerhin sind wir mittlerweile fast ein ganzes Jahr hier. Wenn also wirklich das Kind eines Horitz hier leben sollte, dann können wir nun mit an 100 Prozent grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass es nicht den geringsten Kontakt zu ihnen hat. Wie willst du es also ausfindig machen? Es könnte jeder sein.“

„Schon klar, aber –“

„Und noch viel wichtiger ist, was wollen wir eigentlich mit einem solchen Kind?“ Adrian sah seinen Bruder verdutzt an. Es sah Jason gar nicht ähnlich, die Aufträge und Anweisungen des Rates in Frage zu stellen oder sich laut darüber zu beschweren.

„Ich nehme einmal an, um mehr über die Horitz zu erfahren und gegebenenfalls ein Druckmittel zu haben“, antwortete er schließlich auf die Frage seines großen Bruders.

„Ja, aber wenn das Kind überhaupt keine Ahnung hat, wer es in Wahrheit ist, dann weiß es auch nichts über die Horitz. Und als Druckmittel … Na, ich denke nicht, dass sie sich vom Töten abhalten lassen, nur weil wir ein kleines Kind in unserer Gewalt haben, von dem wir nicht einmal sagen können, zu wem es gehört. Wenn wir es töten, dann wird es sie in ihrer Ansicht, wir seien die Bösen, nur bestärken. Sie werden einfach weiterhin uns die Schuld zuschieben.“ Jason klang verbittert und Adrian wusste nicht, was er darauf antworten sollte.

Alles, was sein Bruder gesagt hatte, entsprach der Wahrheit. Nur war für gewöhnlich er es, der sich über derlei Dinge beschwerte, und nicht Jason. Jason behielt seine Bedenken, Ängste und seinen Ärger stets für sich und gab sich nach außen hin ruhig und gelassen. Selbst mit ihm, seinem eigenen Bruder, hatte er nie darüber geredet. Jason war stets nur Zuhörer gewesen, wenn Adrian seinem Ärger wieder einmal hatte Luft machen müssen.

Seit er jedoch Diana getroffen hatte, war Adrian viel ruhiger geworden. Er nahm die Dinge gelassener. Durch sie hatte er wieder einen Sinn im Leben sehen können. Auf Jason hingegen schien sie eine vollkommen gegensätzliche Wirkung zu haben. Es war beinahe so, als ob sie ihn wachgerüttelt hätte.

Wohingegen sie es bei Taran geschafft hatte, seine Verbitterung und seinen Selbsthass aufzulösen. Sie alle drei schienen nun viel mehr sie selbst sein zu können als zuvor. Was sowohl positive als auch negative Aspekte mit sich brachte.

Doch war Adrian sich nicht sicher, ob es nicht vielleicht auch positiv sein konnte, dass Jason sich endlich einmal gegen den Rat auflehnte und nicht mehr nur stillschweigend vor sich hin litt. Denn diese Aufträge ließen ihn leiden. Der beste Beweis dafür war der Tag gewesen, wo Jason nicht mehr er selbst gewesen war und nur noch etwas von grün, blau und Augen oder etwas Ähnlichem geredet hatte.

Damals hatte Adrian befürchtet, seinen geliebten Bruder für immer verloren zu haben. Jedes Mal hatte er Angst davor gehabt, dass Jason den Weg aus den Erinnerungen der Menschen nicht wieder zurückfinden würde, dass er für immer dableiben würde. Und damals war es auch fast so weit gekommen.

Doch bisher hatte Jason ihm noch nicht erklären wollen, was genau passiert war. Sein Bruder weigerte sich hartnäckig mit ihm darüber zu reden und wich allen Gesprächen aus, indem er behauptete, sich nicht mehr erinnern zu können. Doch so ganz wollte Adrian ihm das nicht glauben.

„Was bringt uns ein Kind, wenn es nichts über die Horitz weiß? Wenn wir nicht wissen, wer sein Vater ist, dann können wir es nicht als Druckmittel verwenden.“ Adrian öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Jason beachtete ihn nicht und fuhr einfach fort.

„Wir können von ihm keine Informationen erwarten und ich denke, das war auch nicht der Sinn. Meiner Meinung nach sollten wir das Kind ausfindig machen, um bei einem Besuch seines Vaters Rückschlüsse ziehen zu können. Wir hätten ihm auch unerkannt folgen können, ohne dass er etwas bemerkt, sodass er uns direkt zu den anderen Horitz geführt hätte. Das ergäbe aber keinen Sinn, immerhin wurde bereits vermutet, dass es keinen Kontakt zum Vater gibt, also wird er auch nicht einfach hier auftauchen und sein Kind besuchen. Also was …?“

„Jason!“, sagte Adrian nachdrücklich. Sein Bruder blickte ihn verwundert an, als ob er erst jetzt bemerkt hätte, dass noch jemand im Raum war.

„Ja?“

„Wenn du meine Meinung hören möchtest, dann wäre es nicht schwer gewesen, den Vater des Kindes herauszufinden. Du weißt doch selber, dass wir Mittel und Wege dafür haben. Seinen Aufenthaltsort ausfindig zu machen, dürfte das kleinere Problem sein, nachdem wir erst einmal wissen, um wen es sich handelt. Bisher sind wir auf die Horitz immer nur aufmerksam geworden, wenn sie uns angegriffen haben. Dummerweise unterscheiden sie sich äußerlich nicht von normalen Menschen, sodass wir sie nicht identifizieren können. Ganz im Gegensatz zu uns.“ Adrian machte eine kurze Pause.

„Aber mit dem Kind und dem Wissen um dessen Vater wäre uns das das erste Mal möglich. Was uns wiederum ungeahnte Vorteile verschaffen könnte. Sie wissen einfach zu gut über uns Bescheid und letztendlich haben sie durch ihren Hass einen so starken Willen, dass es für dich jedes Mal unglaublich schwierig ist, Informationen zu sammeln. Meistens gelingt es dir doch nur, alle Erinnerungen zu löschen. Sie sind ziemlich gut geschützt durch ihren Fanatismus. Leider.“ Adrian schwieg für einen kurzen Moment.

„Also ich sehe das zumindest so.“ Jason erwiderte immer noch nichts, er sah ihn nur an.

„Willst du damit sagen, ich sei nutzlos, was diese Dinge angeht?“ Adrian meinte Wut zu hören, die in Jasons Stimme mitschwang.

„Was? Nein, natürlich nicht!“ Adrian sah seinen Bruder fassungslos an.

„Was glaubst du, in was für Schwierigkeiten wir uns ohne deine Fähigkeit befänden?“ Doch er bekam keine Antwort.

„Jason, denk einfach daran, dass wir endlich frei sind, wenn wir es schaffen sollten, sie alle ausfindig zu machen.“ Aufmunternd blickte Adrian in die silbergrünen Augen seines Bruders, aber der wandte sich ab.

„Wenn du meinst.“ Adrian stand hilflos da. Er wusste einfach nicht, was plötzlich mit Jason los war. So benahm er sich doch sonst nicht. Was war geschehen?

„Ich werde noch etwas lesen“, meinte sein Bruder und griff nach dem Buch auf dem Tisch.

„Ja, mach das.“ Adrian drehte sich um und verließ das Zimmer. Irgendetwas stimmte hier nicht. Hatte das vielleicht etwas mit der Sache zu tun, die Jason damals gesehen hatte? Immerhin hatte er ihm bis heute nicht anvertraut, was es gewesen war, was ihm solche Angst gemacht hatte. Mit grün und blau ließ sich leider nicht allzu viel anfangen.

„Also jedes Mal, wenn ich dich sehe, erschrecke ich mich fast zu Tode.“ Nils war mal wieder dabei, Ben aufzuziehen. Es nützte einfach nichts. Jedes Mal in der Mittagspause, wenn wir alle beisammensaßen, musste er irgendeinen dummen Spruch über Bens Brille machen.

„Nils, wenn man diese Sache mal ernsthaft angeht, ist das eine Krankheit und ich finde nicht, dass man sich über so etwas lustig machen sollte. Das könnte auch jedem anderen von uns passieren.“ Nils sah Leila an, als wisse er nicht genau, wovon sie gerade sprach.

„Ach, komm schon. Sag bloß, du hast dir darüber noch keine Gedanken gemacht? Ben ist es nicht möglich, mit seinen Augen scharf zu sehen. Das ist so ähnlich, als wenn jemand Asthma hätte und du dich über sein Asthmaspray lustig machen würdest. Könntest du es also langsam mal dabei belassen?“ Während Leila seine Verteidigung übernahm, blickte Ben nur stumm auf seinen Teller und aß kommentarlos seine Spaghetti.

Wenn ich nicht so sehr mit dem ganzen Drachenkram und meinen eigenen Problemen beschäftigt gewesen wäre, dann wäre mir eventuell aufgefallen, dass Ben seit der Trennung von seiner Freundin immer stiller geworden war und Nils ihn auffallend häufig auf den Arm nahm. Doch irgendwie schien die beiden das mehr auseinanderzutreiben als zu verbinden.

„Ich muss mal aufs Klo. Di, kommst du mit?“ Verwundert sah ich zu meiner besten Freundin auf. Was war das denn jetzt für ein rasanter Themenwechsel? Und seit wann gingen wir gemeinsam aufs Klo? Aber ein Blick in ihre braunen Augen genügte und ich stand auf. Sie wollte irgendetwas Wichtiges mit mir besprechen, was die anderen nicht mitbekommen sollten, da war ich mir sicher.