Das Geheimnis von Stralsund - Sabine Weiß - E-Book

Das Geheimnis von Stralsund E-Book

Sabine Weiß

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Beschreibung

1627: Unbehelligt von den Wirren des Dreißigjährigen Krieges wächst die Kapitänstochter Sina auf der friedlichen Insel Rügen auf. Doch eines Tages wird auch ihre Familie auf entsetzliche Weise auseinander gerissen. Völlig auf sich allein gestellt flieht Sina in die große Hansestadt Stralsund - und gerät dort prompt zwischen die Fronten der kaiserlichen Truppen und der schwedischen Gesandtschaft. Nur Leif, ein junger schwedischer Schiffer, steht Sina bei - aber kann sie ihm wirklich trauen?

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Seitenzahl: 834

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Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Zitate

Personenverzeichnis

Prolog

1

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Epilog

Glossar

Anmerkung und Dank

Sabine Weiß

Das Geheimnis von Stralsund

Historischer Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG Originalausgabe Copyright © 2014 by Bastei Lübbe AG, Köln Textredaktion: Ulrike Strerath-Bolz, Friedberg Karte: Markus Weber, Guter Punkt München Titelillustration: Johannes Wiebel, punchdesign, München, unter Verwendung von © Shutterstock /Oleg Golovnev und Richard Jenkins Photography; Wikimedia

Für Luca, einen Abenteurer

Wallenstein schwor in seinem Zorn, er werde die Stadt in drei Nächten einnehmen, selbst wenn sie mit eisernen Ketten zwischen Himmel und Erde hinge.

Oberst Robert Monro, schottischer Söldnerführer, über die Verteidigung Stralsunds

Der Herr muss sehen, die von Stralsund mit Ernst anzugreifen, und nicht eher wegziehen, bis sie eine starke Garnison eingenommen haben, denn ich will es nicht dazu kommen lassen, dass sie etwas wider uns erhalten, dadurch sie und andere ihresgleichen Herz fassen und Ungebührlichkeiten anfangen; muss derowegen der Herr mit Ernst dazuthun und auf alle Weise sich vermeldter Stadt bemächtigen.

Albrecht von Wallenstein an Oberst von Arnim

Maikäfer flieg!

Personenverzeichnis

MÖNCHGUT AUF RÜGEN

Sina Cassers, Tochter eines Kapitäns

Gideon Cassers, ihr Vater, ein angesehener Kapitän

Ebba Cassers, Sinas Mutter

Dorthie Cassers, Sinas Schwester

Balthasar Mielich, Verwalter eines Adelsguts

Asmus Mielich, sein Sohn und Sinas Freund

Sophie Mielich, Tochter des Verwalters und Sinas Freundin

Julius Mielich, Verwaltersohn

Sten, Steuermann und Gideons treuer Freund

Rochus, Sohn des Pfarrers

Marte, Bauerntochter

STRALSUND

Leif Flake, Halbschwede und Kapitän

Grit Flake, seine Mutter

Paula und Peder, Grits Kinder

Daniel von Garlstorf, Adeliger

Arlette von Garlstorf, seine Frau

Jocunda von Garlstorf, ihre Tochter

Reimar von Garlstorf, sein Vater

Blasius, Hausdiener

Hanne, Köchin

Franz, Stallknecht

Griselda, Ebbas Schwägerin

Bürgermeister und Räte in Stralsund

Lambert Steinwich, Bürgermeister*

Nicodemus Tessin, Sohn des Ratsherrn Nicolas Tessin*

Verteidigungskräfte in Stralsund

Peter Blome, Admiral*

Henrik Holck, dänischer Offizier*

Robert Monro, schottischer Oberst in dänischen Diensten*

Weitere Personen

Erik, Feldscher, Steuermann und Leifs Freund

Kersten, Segelmacher

Henneke, Schiffszimmerer

Raven, Leichtmatrose

Michel, Schiffsjunge

Annemie, Wirtstochter

Pit Skaap, Reeder und Kapitän

Sven Skaap, sein Sohn

Kaiserliches Heer

Albrecht Wenzel Eusebius von Wallenstein, Herzog von Mecklenburg, Friedland und Sagan, General Obrister Feldhauptmann und General des Ozanischen und Baltischen Meeres*

Hans Georg von Arnim-Boitzenburg, Feldherr*

Zacharias von Prücke, Hauptmann

Bracher von Minden, Leutnant

Königlich schwedischer Hof

König Gustav Adolf IV.*

Axel Oxenstierna, Reichskanzler*

Clas Fleming, Vize-Admiral*

Göran Bönhart, Junker und Gesandter*

Philipp Sadler, Sekretär*

Trosser

Trine, Bäckerin

Stoffel, Waisenjunge

Olof, Söldner

SCHWEDEN

Astrid, Grits Schwester

Bent, ihr Mann

* historisch verbürgte Persönlichkeiten

Prolog

Rügen im März 1628

Sie rannten zur Kellertür. Hinter ihnen krachte es, als ob etwas umstürzte. In wütendes Brüllen mischten sich Schmerzensschreie. Sina riss den Vorhang beiseite, hinter dem die Kellertür zum Vorschein kam. Quälend lange schien es zu dauern, bis ihre Finger den Schlüssel ins Schloss gezirkelt hatten. Sie schob ihre Schwester die Stiege hinunter. Dann taumelte ihre Mutter durch den Durchgang, eine Öllampe in den Händen. Schritte näherten sich. Die Angreifer kamen! Sten eilte an ihr vorbei, das Bauernmädchen Marte über die Schulter geworfen. Die Häscher folgten ihm auf dem Fuß. Sina schlug die Kellertür hinter ihm zu und verschloss sie eilends. Gerade noch rechtzeitig! Schon rüttelte jemand von außen am Türgriff. Fluchen. Etwas Schweres krachte gegen den Türflügel. Als hätte sie einen Stoß bekommen, stolperte die Siebzehnjährige vor Schreck die Treppe hinunter.

Mit brennenden Augen starrte Sina in das Zwielicht. Nur schwach war der Schein des Öllichts. Marte lag auf dem Boden, schockstarr. Wo war Dorthie geblieben? Da, eine Bewegung – ihre fünfjährige Schwester kauerte in der am weitesten vom Treppenaufgang entfernten Ecke. Zusammengekrümmt, den Kopf zwischen den Knien verborgen, wirkte sie wie eine Kugel. Und was tat bloß ihre Mutter? Ebba kniete auf dem gestampften Lehmboden und kratzte in der Erde. Sina stürzte neben sie. Dunkle Flecken hatten sich auf dem Kleid ihrer Mutter ausgebreitet. Ihre verdreckten Fingernägel glänzten feucht. Sinas Hals schnürte sich zu. War das alles Blut?

»Was tust du da? Lass das doch – ich verarzte dich!«, brachte sie mühsam hervor. Dumpfes Hämmern ließ sie erneut zusammenzucken. Hinter ihr ächzte Holz. Der Lärm schien aus dem Keller zu kommen, dicht hinter ihr! Panisch drehte Sina sich um. Doch es war nur Sten, der hinter ihr Apfelschütten aus einem Regal riss und das nackte Gestell zur Treppe zerrte. Der Seemann war Vaters stärkster und mutigster Mann auf dem Schiff gewesen, und er hatte ihn bei seiner Familie gelassen, um sie zu schützen. Sten war gutmütig, aber seine mehrfach gebrochene und verknubbelte Nase zeugte davon, dass er keine Auseinandersetzung scheute, wenn diese nötig war.

»Rasch, wir müssen den Aufgang verbarrikadieren!«, rief er, mühsam die ausladenden Regale den schmalen Treppenaufgang hochbugsierend.

Sina suchte hilflos den flackernden Blick ihrer Mutter. Die trieb ihre Tochter fort: »Geh! Ich brauche dich hier nicht!«

Noch immer kämpfte Sten mit dem Holzgestell. Schnell packte Sina mit an. Gemeinsam wuchteten sie es die Treppe hoch, verkanteten das Regal vor der Tür. Der Seemann sprang hinunter, um das nächste zu holen. Da durchschlug direkt vor Sinas Nase eine Axt den Türflügel. Eine Hand schob sich durch das Axtloch, versuchte, es weiter aufzubrechen. Die Bretter splitterten weg. Geistesgegenwärtig zog Sina ihren Dolch aus dem Gürtel. Mit voller Kraft rammte sie ihn durch die Lücke, riss ihn sogleich zurück – ein schneller Stich. Ihr Angreifer heulte auf. Sie sah ein Gesicht durch den Spalt. Eine klaffende Wunde. Eine krampfende Hand, die sich verzweifelt zu schließen versuchte. Ihre Klinge war blutverschmiert. Sina schrak zurück. Was hatte sie nur getan? Doch jetzt blieb ihr keine Zeit zu Hadern – sie musste Sten helfen, das nächste Regal zu verkanten und Apfelschütten in die Lücken zu quetschen.

Als alle Regale verbaut waren, lief ihr der Schweiß hinunter. Die Luft im Keller war schneidend und trübe. Roch es nach Rauch? Brannte das Haus etwa? Hatten ihre Angreifer Feuer gelegt, um sie auszuräuchern? Zuzutrauen wäre es ihnen. Es wäre nicht das erste Haus in ihrer Gegend, das einem Brand zum Opfer fiel.

Lange würden sie hier unten nicht bleiben können. Sina rieb den Ärmel übers Gesicht. Die einfache Bewegung fiel ihr schwer, und ihr Mut sank. Ihre Lage war aussichtslos. Sie steckten in einer Falle! Das Getöse vor der Tür schwoll immer weiter an. Die Übermacht war drückend. Sie wusste, was sie erwartete. Die Männer würden ihnen Gewalt antun und sie anschließend massakrieren. Erst würden sie Sten umbringen, dann würden sie sich die Frauen vornehmen – nicht einmal vor dem kleinen Mädchen würden sie Halt machen. In Martes Gesicht zeichnete sich keine Regung ab. Ihre Züge wirkten schlaff, teilnahmslos. Dabei hatte sie den Horror des Überfalls doch schon am eigenen Leibe erlebt. Sorgte sie sich denn gar nicht um ihre Familie, die Bäuerin Lena und ihren Bruder Hans? Oder war es einfach zu viel für das junge Mädchen gewesen? Auch Dorthie hatte sich nicht gerührt. Der Schock über die jüngsten Ereignisse saß tief in ihr. Sinas Mutter war hingegen in sich zusammengesunken.

Die Angst umklammerte Sinas Brust wie ein Eisenring. Zögernd tastete sie nach ihr. »Mutter?«

Bleich lag die zierliche Frau auf dem Boden, reglos bis auf die Finger, die noch immer in der Erde kratzten. Ihre Bewegungen waren kraftlos. Stoff war zwischen den Krumen zu erkennen. Jemand hatte im Kellerboden etwas vergraben! Nicht umsonst war es der Geheimkeller, in dem ihr Vater sein Geld und die Schätze verborgen hatte, die er von seinen Reisen mitgebracht hatte. Ihre Mutter stammelte etwas. Sina konnte sie nicht verstehen, musste schließlich ihr Ohr ganz dicht vor Ebbas Mund bringen

»Die … Luke«, brachte die Verletzte quälend langsam hervor. Natürlich! Dass sie nicht selbst darauf gekommen war!

»Sten – die Luke!«, schrie Sina ihre aufflammende Hoffnung heraus. Die Lastenklappe war so lange nicht mehr benutzt worden, dass sie sie ganz vergessen hatte. Der hohe Eichenschrank verdeckte sie vollständig. Sina versuchte den Schrank wegzuschieben, aber er war zu schwer. Sogleich war der Seemann bei ihr, der weiter den Aufgang blockiert hatte. Das war auch bitter nötig gewesen. Am Beben der Regale erkannte sie, dass die Tür aufgerissen war und die Männer sich weiter vorarbeiteten. Mit vereinten Kräften kippten sie den Schrank um. Da war sie, die Luke! Ihr Helfer stieg auf die Rückseite des Schrankes und stemmte die Hände gegen die Klappe. Seine Muskeln schwollen an, und die Adern auf seinen Armen traten hervor. Dennoch bewegte sich der rettende Ausgang kein Stück. Im Laufe der Jahre hatten Erde und Pflanzen die Luke bedeckt, sodass man sie von außen nicht mehr sah.

»Bei den alten Göttern, das wird nichts! Ich muss näher ran. Sie mit dem Rücken aufstemmen!«

Sina half Sten, Bretter und Bücher auf den Schrank zu stapeln. Wieder stieg er hinauf. Presste den Rücken gegen das Holz, stöhnte vor Anstrengung. Es ruckte. Die Klappe gab ein wenig nach. Sand rieselte herab.

»Weiter!«, rief Sina. »Du schaffst es!«

Stück für Stück zerriss er das Wurzelwerk, machte ihnen den Weg frei. Die Stimmen der Angreifer waren noch lauter geworden. Sina sah eine Bewegung hinter sich. Dorthie krabbelte zu ihrer Mutter. Ebba lag ausgestreckt auf der Erde, das Gesicht himmelwärts gerichtet. Auch sie stürzte zu ihr. Die Verletzte atmete flach. Ihre Schwester warf sich weinend an Ebbas Brust. Verzweiflung durchfuhr Sina. Was, wenn ihre Mutter sterben würde? Was, wenn sie alle sterben würden? Hatte ihr Vater ihnen nicht das Versprechen abgenommen, aufeinander aufzupassen? Und hatte sie wirklich alles getan, was sie konnte?

Ächzend kippte ein Regal zurück in den Keller. Der Druck von oben war zu stark! Die Angreifer schrien triumphierend. Und Sten? Er hatte die Luke fast geöffnet! Hoffnung durchflutete Sina erneut. Hinaus! Nichts wie hinaus!

»Ich helfe Mutter, du Marte!«, rief Sina ihm zu. Sten warf sich Marte über die Schulter. Sie packte ihre Mutter an den Armen, und auch die kleine Dorthie half, sie aufzurichten. Gemeinsam zerrten die Schwestern sie hoch. Ebbas Kleid klaffte auf. Jetzt erst erkannte Sina, wie schwer ihre Mutter verletzt war. Unter dem Riss in ihrem Kleid schimmerte nass eine tiefe Wunde. Eine Klinge musste ihren Bauch getroffen haben. Sinas Herz setzte einen Schlag aus, und sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Würde man diese Wunde überhaupt heilen können? Sie mussten es versuchen, mussten sie schleunigst hier herausbringen, mussten dann einen Feldscher finden.

Sie umfasste ihre Mutter und wollte sie stützen, aber die Verwundete sackte weg. Sina wollte ihr wieder aufhelfen. Ihr gut zureden. Stattdessen tastete Ebba nach Sinas Hand. Sie legte ihr etwas auf die Handfläche und schloss ihre Finger zu einer Faust. Ihre Mutter sprach, doch ihre Stimme war nur noch ein Hauch. Noch bevor das letzte Wort verklungen war, durchbrachen die Angreifer die Sperre, sich gegenseitig mordlustig anfeuernd. Es war zu spät. Sie waren verloren.

1

Rügen im Winter 1627

Iiek!«

Sina ließ das Tau und den Stock sinken, mit denen sie in der warmen Stube des Hauses gerade einen besonders schwierigen Seemannsknoten geübt hatte. Das war Dorthie gewesen! Sie lauschte. Aus der Küche waren das Klappern der Magd und die Stimme der Mutter zu hören. Niemand außer ihr schien Dorthies Schrei gehört zu haben. Wo steckte ihre kleine Schwester? Das Mädchen war neugierig, stöberte überall herum, wie sie auch. Aber Dorthie war erst fünf Jahre alt und konnte manche Gefahr nicht einschätzen. Erst neulich war sie beim Spielen so tief in einen Matschgraben eingesunken, dass sie die Füße nicht mehr freibekommen hatte. Sina hatte lange nach ihr gesucht, die aufkeimende Panik niederkämpfend, dass ihrer geliebten kleinen Schwester etwas zugestoßen sein könnte. Als sie Dorthie schließlich gefunden hatte, dämmerte es bereits, und die dünne Schicht Wasser über dem Matsch war schon wieder zugefroren gewesen. Das Mädchen hätte die Nacht in der Kälte wohl kaum überlebt. Dorthie war heiser gewesen von ihren Hilfeschreien, aber der Wind hatte ihre Rufe auf das Meer hinausgetragen, wo sie ungehört verklungen waren. Sie hatte Dorthie befreit und nach Hause getragen. So erleichtert war sie gewesen, dass sie nicht einmal mit ihr geschimpft hatte …

»Iiih!«

Der Schrei war von oben gekommen. Zwei Stufen auf einmal nehmend rannte Sina die schmale Treppe hoch. Die Klappe zum Dachboden war offen. Ein eisiger Hauch wehte durch die Luke ins Haus. Anna, ihre Magd, würde sie schelten; es war schwierig genug, das alte Schifferhaus warm zu bekommen. Die Backsteinmauern waren zwar solide, aber durch die Kanten des Rohrdaches pfiff der Wind, und durch die rissigen Fußbodendielen stieg die Kälte empor. Geld wäre da, um sie zu erneuern – aber Vaters Arbeit ging nun einmal vor. Wie war Dorthie auf den Speicher gekommen? Die Leiter war zu steil für sie, der Abstand der Stufen zu groß! Vielleicht sollte sie doch lieber mehr mit ihr vor dem Ofen sitzen und sticken, statt Dorthie auf ihre Wanderungen mitzunehmen, dann wäre die Kleine auch weniger abenteuerlustig, dachte Sina widerstrebend. Flink zog sie sich die Sprossen hoch und steckte ihren Kopf durch die Luke.

»Dorthie?«, rief sie. Sina blinzelte. Ihre Augen mussten sich erst an das Dämmerlicht gewöhnen. Nur durch einzelne Luken drangen Sonnenstrahlen auf den Speicher, fahl wie fadenscheinige Seidentücher. Einige Bereiche des Dachbodens waren abgetrennt und lagen vollständig im Dunkeln. Dorthie war nicht zu entdecken.

»Du hässliches Biest, du hast mich erschreckt!«, hörte sie ihre Schwester jetzt rufen.

Sinas Anspannung flaute schlagartig ab. So schlimm konnte es also nicht sein! Dorthie war ein Himmelsgeschenk. Sie war geboren worden, als niemand mehr damit gerechnet hatte, dass ihre Mutter noch weitere Kinder bekommen würden, und umso willkommener. Ihre Mutter hatte mit einer Freude auf die Geburt reagiert, die Sina zum ersten Mal den Stich der Eifersucht hatte spüren lassen. Aber schnell hatte sie gefühlt, dass ihre Mutter sie weiterhin liebte. Niemand würde Sina den Platz in ihrem Herzen streitig machen. Im Gegenteil, es war Liebe genug für sie alle da. Und auch Sina selbst hatte sich schnell in das kleine Wesen verliebt. Ihr gefielen Dorthies Fröhlichkeit, ihre Fantasie und auch ihr Mut. Der Gedanke, dass ihr etwas zustoßen könnte, war unerträglich. Aber hier schien es sich ja nicht um einen Notfall zu handeln.

Sina zog sich auf die staubigen, krummen Bohlen. Die Düfte des Speichers nahmen sie gefangen und lenkten sie einen Augenblick ab. Der schwere Geruch des Korns mischte sich in den würzigen Duft des Hopfens. Es roch zitronig nach den eingelagerten Quitten, nach Kräutern wie Kamille, Minze und dem Lavendel, der aus dem Süden kam. Bilder von sommerlichen Wiesen stiegen in ihr auf. Von Schmetterlingen, die Blüten liebkosten. Von mohnblumengesprenkelten Kornfeldern. Von … nein, Schluss damit! Sina richtete sich trotz der niedrigen Balken auf. Endlich war es mal praktisch, klein zu sein. Mit ihrer zierlichen Figur wurde sie oft für jünger gehalten, als sie war, was sie ärgerte. Aber da half alles nichts! Auch heute Abend würde wieder eine große Portion auf ihrem Teller liegen. »Iss, Kind«, hörte sie schon die weiche Stimme ihrer Mutter im Ohr. »Du wächst noch, außerdem leben wir in schlechten Zeiten, da brauchst du etwas zum Zusetzen.«

Dabei ging es ihnen doch gut! Ihr Vater war als Schiffer wegen seiner Erfahrung und Zuverlässigkeit gefragt. Früher hatte er weite Handelsreisen unternommen. Seit einigen Jahren aber steuerte er mit seinem Schiff hauptsächlich die näher gelegenen Ostseehäfen an. Meist lieferte er für den Herzog, dem das Land hier größtenteils gehörte, die Ernteerträge nach Stralsund, wo sie verkauft wurden. Er fuhr aber auch Getreide aus, das die Stralsunder Händler auf Rügen aufgekauft hatten. Die Insel hatte ertragreiche Böden; hier wuchs mehr, als verbraucht wurde. Derzeit verschiffte er allerdings die Heringe, die vor Mönchgut gefangen worden waren. Schließlich wohnten sie direkt an der Mönchguter Vitte bei Wangernitz.

Sina war froh, dass er zwischen den kürzeren Reisen bei ihnen sein konnte, und nicht, wie andere Schiffer, monate- oder jahrelang unterwegs war. Andererseits liebte sie besonders seine Berichte von fernen Reisen, konnte sich an seinen mitgebrachten Erinnerungsstücken kaum sattsehen. Von dem Anteil an den Waren, der ihm als Schiffsführer zustand, und dem Erlös aus ihrem Verkauf konnten sie ein sorgenfreies Leben außerhalb der Stadt führen. »Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich mich nicht mit den anderen Stralsunder Schiffern um jeden Auftrag schlagen muss, sondern meine festen Auftraggeber habe«, freute er sich oft.

Die mahnenden Worte über schlechte Zeiten, die ihre Mutter immer wieder sprach, konnte Sina also nicht nachvollziehen. Abgesehen davon fühlte sie sich wohl, wie sie war. Sie war siebzehn Jahre jung und musste keinen Hunger leiden, sondern hatte Rundungen an den richtigen Stellen, mehr brauchte sie nicht.

»Was mach’ ich nur mit dir, du Biest?«

Dorthies Frage riss Sina aus ihren Gedanken, und sie ging endlich zu der Trennwand, hinter der sie ihre Schwester vermutete. Hier hingen die Dorsche, Barsche und Hechte zum Trocknen. Die Luft, die der Seewind durch das geöffnete Fenster zu ihnen trug, war salzgeschwängert und klamm. Dorthie hockte vor dem Gaubenfenster, das den Blick über die Küstenlinie freigab. Sie war vollkommen vertieft, deshalb hatte sie ihren Ruf nicht gehört. Auch jetzt bemerkte sie Sina nicht. Jähe Zärtlichkeit wallte in ihr auf, weil sie genau wusste, was in Dorthie vorging – sie kannte es von sich selbst. Es wurde Zeit, dass der Vater heimkehrte, schon allein, damit diese bangen Blicke auf die See aufhörten. Jeder in ihrer Familie hatte seine Art und Weise, die Angst um ihren Vater in Schach zu halten. Und dennoch richtete jeder immer wieder den Blick auf den Horizont.

Sina kniete sich neben ihre Schwester. Das kleine Mädchen blickte sie ruhig an. Sinas Anwesenheit schien Dorthie nicht zu erstaunen. Ihre große Schwester war immer da, wenn sie sie brauchte. Wortlos schob sie sich auf Sinas Beine und schmiegte sich an sie. Die Wangen des Mädchens waren eiskalt; sie musste schon eine Weile hier gesessen haben. Sina legte die Arme um Dorthie, wärmte sie. Vor ihnen lag ein angebissener Apfel, aus dem sich ein kräftiger Wurm schlängelte. Sie lachte hell, von plötzlicher Fröhlichkeit erfüllt.

»Sag nicht, dieser winzige Wurm hat dir so einen Schrecken eingejagt!«

Schmollend zog Dorthie die Stirn kraus. »Er ist nicht winzig. Er ist groß und dick! Ich hab in den Apfel gebissen. Und da hab ich ihn gefühlt, es war – iih!« Das Mädchen schüttelte sich.

Sina beobachtete fasziniert, wie sich der Wurm wand, nach einem neuen Fleck suchend, in den er sich hineinfressen konnte. Er hatte sich kreuz und quer durch die Frucht genagt, braune Wurmlöcher lagen dicht an dicht. Dabei war der Apfel von außen zwar schrumpelig, aber beinahe unversehrt.

»Ja, es ist tatsächlich ein gewaltiges Exemplar. Groß wie eine Seeschlange, die dich verschlingen kann. Sie kommt angekrochen«, ihre Finger wanderten über Dorthies Arm, »schnappt dich«, kitzelten sie unter den Achseln, »und dann …« Unvermittelt prustete Sina auf die weiche Haut an Dorthies Hals. Das Mädchen kicherte und versuchte sich wegzubiegen, rutschte schließlich zu Boden. Sina kitzelte sie, bis ihre Schwester japste und auch sie selbst vor Lachen Seitenstiche bekam.

Als sie wieder zu Atem gekommen waren, fingerte Sina ihr kleines Klappmesser heraus. Sie teilte den Apfel und reichte ihrer Schwester das einzige unversehrte Stück. Misstrauisch musterte Dorthie es, biss dann aber hinein. Die Reste des Apfels warf Sina aus der Gaube. Die Schweine oder die Vögel würden sich darüber freuen, je nachdem, wer den Apfelstrunk zuerst fand.

»Flieg, kleine Seeschlange!«, rief sie.

Dorthie sah mitleidig hinterher. »Armer Wurm!«

Sina musste lächeln. Ihre Schwester hatte noch mit dem kleinsten Wesen Mitgefühl, auch darin waren sie sich ähnlich.

»Eben hat er dir noch Angst gemacht!«

»Das stimmt nicht! Ich hatte keine Angst! Ich hab mich nur erschreckt! Das ist etwas anderes«, verteidigte sich Dorthie.

»Das stimmt«, gab Sina zu und schloss das Gaubenfenster. Jetzt erst bemerkte sie, dass es vollständig von Eisblumen überwuchert war. Milchig drang das Licht durch die Blätter. Das Meer war nur noch ein hellblauer Streifen, unwirklich fast. Es waren die ersten Eisblumen, die sie in diesem Jahr sah. Wie fein verästelt sie waren! Kunstwerke, wie sie kein Kupferstecher schöner erschaffen könnte. Sina legte die Hand auf die Scheibe. Prickelnd schmolz die dünne Eisschicht unter ihrer Wärme. Erste Tropfen rannen ihren Handballen und kitzelnd ihren Arm hinunter, ein herrliches Gefühl. Dorthie schob ihre Hand neben Sinas.

»Ich war sicher, er kommt heute«, flüsterte die Kleine. Sina konnte nachfühlen, wie enttäuscht sie war. Auch sie hatte schon oft nach ihrem Vater Ausschau gehalten, hatte das Ende seiner Handelsreisen herbeigesehnt. Er war schon vor Wochen aufgebrochen und müsste bald zurück sein. Wenn es weiter so fror, würde sich bald auf der Ostsee Eis bilden – eine weitere Gefahr neben Winterstürmen, Seeräubern und Seuchen. Und trotzdem würde Sina ihren Vater liebend gerne einmal auf einer seiner Reisen begleiten, einmal auf seinem stattlichen Segelschiff fahren. Sie wünschte sich, einmal etwas anderes von der Welt zu sehen als diesen Hof, diese Bucht, diese Insel.

Mönchgut, der Zipfel im Südosten der Insel Rügen, auf dem sie lebten, war die meiste Zeit des Jahres eine karge, von Wind und Meer zerfurchte Landschaft. Die Halbinsel wurde von drei Seiten vom Wasser umspült. Hätte es nicht einzelne Bergrücken gegeben, hätte sich die See längst auch dieses Land geholt, so wie die Stadt Vineta, die der Sage nach irgendwo hier auf dem Boden des Meeres lag, bewohnt nur noch von Fischen und Meerjungfrauen. Nur im Frühjahr und ihm Herbst herrschte an der Mönchguter Vitte reges Treiben. Dann kam der Hochseehering von der offenen See vor die Küste, um zu laichen. Dann wurde jedes Boot zu Wasser gelassen, jeder Junge, der alt genug war, zum Fischen mitgenommen. Unzählige Kaufleute fanden sich hier ein, brachten Gehilfen und Arbeiter mit, die die Fische einsalzten und vertonnten. Dem Herzog, dem Mönchgut gehörte, kam dieser Andrang sehr gelegen, spülte er doch viel Geld in seine Kassen. Doch während man früher die Fische mit bloßen Händen hatte fangen können, weil sie dicht an dicht im Wasser schwammen, hatten die Heringsfischer dieses Jahr erneut über sinkende Erträge geklagt. Der Fang war mager gewesen. Strafte Gott sie? Aber wofür? Zogen die Schwärme woandershin? Oder waren es einfach zu viele Fischer, die den Heringen nachsetzten? Ihr Vater hatte erzählt, ganze Flotten holländischer Schiffe seien in der Ostsee auf Fischfang. Sina gefiel diese Erklärung besser, mit dem Zorn Gottes wollte sie lieber nichts zu tun haben …

»Ganz sicher war ich, dass er kommt«, wiederholte Dorthie, der es offenbar nicht passte, dass Sina nicht auf ihren Seufzer reagiert hatte.

Sina lächelte ihre kleine Schwester ermutigend an. »Er wird schon kommen. Wenn nicht heute, dann morgen«, versicherte sie.

»Und wenn nicht morgen?« Dorthie sah Sina so prüfend an, wie es nur kleine Kinder vermochten. Mit ihren grünen Augen und den dunklen Locken hatte sie schon jetzt eine große Ähnlichkeit mit ihrer Mutter Ebba, die eine Schönheit war. Obgleich Ebba sich schlicht kleidete und nie viel Aufhebens um ihr Aussehen machte, zog sie mit ihrer Anmut doch alle Blicke auf sich, wenn sie auf den Markt ging. Sina war dann immer ganz stolz auf ihre Mutter und zugleich froh, dass es ihr nicht ebenso ging. Wenn sie einen einfachen Kittel trug, die Haare unter einem Tuch verbarg und den Blick gesenkt hielt, sah ihr niemand nach. Und das war gut so, wenn sie beispielsweise zu ihrem Geheimversteck am Strand ging. Dann war sie wie die Eisvögel, die sie so sehr liebte. Oft schon hatte sie die zierlichen Vögel beobachtet, wie sie schnell und unauffällig von einem Ort zum anderen flatterten. Nur wenn die Eisvögel saßen, funkelte ihr schillernd blaues Gefieder über dem Hellbraun ihrer Brust. Manchmal nannten ihre Eltern Sina zärtlich »Eisvogel«, weil ihre Augen eben dieses leuchtende Blau hatte und ihr glattes, langes Haar kastanienfarben war. Sie mochte diese Farben an sich, auch wenn sie anderen nicht aufzufallen schienen. Wenn die Junggesellen des Dorfes den Frauen bei ihrem geselligen Beisammensein in der Spinnstube einen Besuch abstatteten, wurden vor allem jene junge Frauen angehimmelt, die ihre körperlichen Reize offen herausstellten. Sie hingegen saß dann bei den Mägden und jungen Mädchen, die sie im Lesen und Schreiben unterrichtete, und sprach höchstens einmal mit Asmus, mit dem sie schon seit Langem befreundet war.

»Was ist, wenn er auch morgen nicht kommt?«, durchbrach Dorthie ihren Gedankenfluss.

Sina löste ihre Hand von der Scheibe und wischte sie an ihrem Rock ab. Was war nur mit ihr los? Sie hatte schon wieder geträumt! Es wurde Zeit, dass sie etwas tat, sonst würde sie nur noch ihren Gedanken nachhängen!

»Dann kommt er übermorgen.«

»Und wenn nicht …«

Sina lachte. Zärtlich umschloss sie Dorthies Finger. »Er kommt auf jeden Fall. Vater kehrt immer zu uns zurück.«

Sie standen auf. Noch einmal warf Sina einen Blick auf die Scheibe, auf die Abdrücke ihrer Hände. Ein ungleiches Paar, und doch zusammengehörend. Auf das Meer in der Ferne, das sie durch die Umrisse ihrer Hände klar erkennen konnte. Weiße Gischt, die Wellen krönend. Aufgeplusterte Wolken, wie zerrissene Federkissen auf Blau. Sonnenstrahlen wie Schwerter.

»Komm, lass uns an den Strand gehen. Mutter wird es uns erlauben. Wer weiß, wann wir wieder einen so schönen Tag haben.«

*

Die Stiege hinunter, durch den schmalen Flur im ersten Stock, die Treppe in die Stube. Im Nu waren sie unten. Das Haus war verwinkelt und heimelig. Es hatte bereits ihren Großeltern väterlicherseits gehört, die Sina aber leider nicht mehr kennengelernt hatte. Ihr Großvater war als Schiffer mit dem damaligen Herzog unterwegs gewesen und hatte ihm einmal das Leben gerettet. Daraufhin hatte der Herzog ihm und seinen Nachkommen die Erlaubnis erteilt, das Haus an Mönchguts Vitte zu bewohnen. Gerade weil es klein war, hatte ihre Mutter es so eingerichtet, dass jeder Bereich bestmöglich genutzt wurde. Unter der Treppe hingen Würste und Schinken. Eingemachtes stand auf schmalen Borden. Es gab einen Vorratskeller und einen weiteren, den Vater seine Schatzkammer nannte. Der Zugang zu diesem Keller war durch einen Wandvorhang verborgen, und Sina liebte ihn besonders, weil ihr Vater darin neben seinem Geld und seinen Büchern auch sein Seemannszeug verwahrte. Gerade heute hatte sie sich wieder ein Stück Tau aus dem Keller geholt, um einen Straßenräuberstek zu üben. Mit diesem Knoten konnte man gut ein Boot an einem Pfahl festmachen, denn das eine Ende hielt fest und das andere ließ sich mit einem kurzen Ruck sofort lösen. Doch der Knoten musste gut sitzen, sonst funktionierte es nicht. Außerdem wollte sie ja nicht ewig daran fummeln müssen – darüber würden sich die Schiffskinder, die Matrosen des Vaters, ja sonst lustig machen. Also half nur üben …

Tau und Stock lagen unberührt auf dem Stuhl in der Stube, wo Sina sie nach Dorthies Aufschrei fallengelassen hatte. Es war ein gemütlicher Raum mit Stickbildern an den Wänden und bestickten Kissen auf der Bank des Kachelofens. Eine hübsch geschnitzte Eingangstür führte zum Dorf hin. Auf der anderen Seite grenzte das Haus an die lehmbeschlagene große Diele mit ihrem fuderhohen Einfahrtstor und den Stall. Darin wohnten Mägde und Knechte, aber auch die Schiffskinder, wenn sie hier Halt machten. Hier wurde im Winter das Getreide gedroschen, hier war aber auch eine offene Feuerstelle, an der alle Bewohner zusammenkommen konnten. Am Waldrand konnte Sina die Kate der Bauern sehen.

Sina wollte sich schon ihren Umhang überwerfen, da bemerkte sie die offene Tür des Vorratskellers. Hatten die Bauern das Wintergemüse gebracht? Es hatte wieder gefroren, also war es Zeit, dass es aus der Erde kam. Sie ging hinunter, um zu sehen, ob sie helfen konnte. Im Vorratskeller roch es süßlich nach den zahlreichen Äpfeln, die ihre Bäume dieses Jahr getragen hatten. So viele waren es gewesen, dass ihr Knecht einige Regale in Vaters Keller hatte aufbauen müssen. Es würde dem Schiffer nicht gefallen, wenn Obst in seinem Allerheiligsten lagerte, dachte Sina. Andererseits könnten sie diese Borde ja zuerst wieder leeren. Ihre Mutter und die Magd Anna waren dabei, Pastinaken, Rüben und Lauch einzulagern. Die Außenluke stand offen. Davor stand ein beladener Karren. Sofort fassten Sina und Dorthie mit an.

»Denkst du daran, das Gemüse vorsichtig wegzulegen, Lütte?«, erinnerte Ebba ihre kleine Tochter. »Es bekommt sonst Stellen und wird schnell schlecht.«

»Mit schlechten Äpfel hat Dorthie heute schon Bekanntschaft gemacht«, sagte Sina lächelnd und berichtete von dem gefräßigen Wurm. Ihre Mutter wog plötzlich düster eine Rübe in der Hand.

»Von innen heraus verdorben also. Nicht alles ist eben so makellos, wie es scheint«, sagte sie. Sina kannte diese Stimmungsumschwünge ihrer Mutter schon. Es war dann so, als ob ihre ebenmäßigen Gesichtszüge in sich zusammenfallen würden, als ob die Schönheit mit einem Schlag verblasste. Die Stimmungsschwankungen wurden häufiger, je länger ihr Vater fort war. Ebba konnte in einem Moment mit ihnen fröhlich ein Lied singen und im nächsten trübsinnig aus dem Fenster starren. Oft gab es nicht mal einen ersichtlichen Grund für die Traurigkeit. Sina hatte gelernt, damit zu leben, und wusste, dass dieser Zustand selten lange anhielt. Für Dorthie hingegen war er verwirrend, deshalb lenkte Sina ab.

»So viel Obst und Gemüse haben wir! Reichlich für den Winter! Es ist ein gutes Jahr gewesen. Und vielleicht kann Vater auf seine nächste Fahrt sogar unsere selbst geernteten Äpfel mitnehmen«, plapperte sie.

Als ihr klar wurde, dass sie damit erst recht einen wunden Punkt berührt hatte, war es schon zu spät. Ihre Mutter riss das fleckige Laub der Rübe ab und steckte die Kugel in eine Kiste mit Sand. Dann massierte sie heftig ihre geröteten Fingerspitzen. Jedes Mal, wenn ihr Ehemann Gideon zu einer Seefahrt aufbrach, begann sie eine neue Stickarbeit. Jeder Stich war ein Gebet für seine sichere Heimkehr, und das Tuch durfte nicht fertig werden, ehe er nicht zurückgekehrt war. Dieses Mal hatte sie das Kirchenlied »Es kommt ein Schiff geladen« in zarten Stichen festgehalten und dazu ein detailgenaues Schiff, bei dessen Entwurf Sina ihr geholfen hatte. Die Darstellung des Ankers gelang ihrer Mutter mühelos, war er für sie doch das Zeichen für den Halt, den Gott in den Stürmen des Lebens bot. Aber mit Rumpf, Masten und Segeln hatte sie ihre Schwierigkeiten – in diesen Dingen kannte sich Sina besser aus. Jetzt war das Leinentuch bereits über und über mit Stickereien bedeckt und die Finger der Mutter rot gepunktet und geschwollen.

»Er muss erst mal von dieser Fahrt zurückkehren. Danach will ich lange, lange Zeit nichts von einer neuen Seereise hören. Es wird Zeit, dass er kommt. Ich habe schon keinen Platz mehr auf meinem Stickwerk«, sagte die Schifferfrau und legte eine gebrochene Pastinake beiseite, die sie noch heute verarbeiten würde. Die dunklen Haarspitzen, die aus Ebbas Haube hervorlugten, ließen sie blass erscheinen. Wie zart sie war! Ebba kümmerte sich um alles, sorgte sich um jeden, führte das Haus, wie es ein Mann nicht besser tun könnte. Und doch wirkte sie manchmal so verloren.

Sina schloss ihre Mutter für einen Moment in die Arme. »Du könntest ein Neues beginnen«, schlug sie vor.

Ebba löste sich und strich über Sinas Haar. »Auf keinen Fall! Das würde Unglück bringen. Bevor dieses Tuch fertig ist, wird euer Vater zurückkehren«, sagte sie, als könnte sie sich damit selbst überzeugen. »Die Hoffnung ist der Anker der Seele, heißt es. Und wir hoffen, dass Vater bald kommt.« Zärtlich drückte Ebba nun auch Dorthie einen Kuss auf die Stirn.

Behände lagerten sie weiter das Gemüse ein. Auch Ebba und Dorthie fassten wieder an. Schweigsam arbeiteten sie eine Weile nebeneinander.

Als sie fertig waren, nahm Sina ihre Schwester an die Hand. »Nun komm, du Lütte! Wir wollen hinaus. Es ist so schön! Wir dürfen doch, Mutter?«

Ebbas Blick war besorgt. Sina verstand das nicht so recht. Was sollte ihnen hier schon geschehen? Sie kannten die Gegend in- und auswendig. Kein Mensch verirrte sich um diese Zeit in ihre Ecke Rügens. Nur noch die Schweine trieben sich unter der Aufsicht ihrer Hirten in den Wäldern herum, fraßen Eicheln und wurden fett.

»Aber haltet euch vom Wasser fern!«, mahnte Ebba ihre große Tochter.

Sina lachte. Das war schwer auf Mönchgut! »Natürlich, Mutter. Jedenfalls, bis ich Vaters Schiff sehe!«

*

Die Geschwister ließen das schilfrohrgedeckte Fachwerkhaus hinter sich. Fröhlich sprachen sie ein paar Worte mit dem Knecht Alf, der im Hof Holz hackte. Er war derzeit der einzige Mann im Haus und kam mit der Arbeit kaum hinterher. Als Nächstes musste das Dach aus Schilfrohr ausgebessert werden. Auch die Büsche um das Haus hatten einen Schnitt nötig. Auf der Wiese am Haus graste ihre Kuh, von den Hühnern umwuselt. Die Schweine dösten im Windschatten des Schuppens; es waren seit dem Schlachtfest nur noch zwei. Am Tor wuffte ihnen ihr treuer Hund Aco kurz entgegen.

Sina und Dorthie schlugen einen Bogen um das Feld mit dem Winterroggen, passierten den Weg zum Dorf und rannten in den Wald. Kahl ragten die Buchenäste in den winterlichen Himmel. Ein Adler flog auf, einen Hasen in den Krallen. Zwischen den Bäumen kam das Meer in Sicht. Schnell hatten sie die Bucht mit dem feinen Sandstrand erreicht. Sina zog die Schuhe aus. Ja, es war kalt, aber sie liebte es einfach, den feinen Sand zwischen den Zehen zu spüren. Dorthie suchte sogleich nach Muscheln und runden Kieselsteinen. Sie hingegen ging zu den Findlingen. Sie lagen zwischen Land und Strand, als hätte ein Riese sie hier fallengelassen, und waren von Sanddornbüschen beinahe überwuchert. Mit einem Stück Treibholz hebelte sie die Äste beiseite, sodass zwischen den Steinen ein Spalt sichtbar wurde. Er war am Boden etwa einen Meter breit, lief in der Höhe aber schmal zu. Noch einmal sah sie nach Dorthie. Völlig in sich versunken bildete das Mädchen Muster aus Muscheln und Steinen.

Voller Vorfreude zwängte sich Sina durch den Spalt. In einem kleinen Hohlraum lag es – ihr Boot! Stolz nahm sie in sich auf, wie das Sonnenlicht auf die glattgehobelte Oberfläche fiel. Das war allein ihr Werk! Vor einigen Wochen war das Boot nach einem Sturm in diese Bucht gespült worden, zerschmettert, eine Seite halb aufgerissen. Kein Name war daran gewesen und kein Zeichen. Sina hatte sich im Dorf umgehört, aber niemand schien ein Boot zu vermissen. Also konnte sie es behalten! Sie hätte am liebsten gejubelt, musste sich beherrschen, es nicht zu verraten. Jeder hätte gefragt, was sie denn mit einem Boot wolle. Und ihre Mutter wäre ohnehin dagegen gewesen. Sie aber wünschte sich dieses Boot mehr als alles andere, wollte beweisen, dass sie damit umgehen konnte, wollte auf eigene Faust Erkundungsfahrten an der Küste entlang unternehmen.

Aber bis dahin lag noch viel Arbeit vor ihr. Unauffällig hatte sie Werkzeug beiseitegeschafft, Holz, Nägel, Bolzen. Hatte dem Bauern beim Zimmern zugesehen und den Knecht befragt. Stück für Stück hatte sie es repariert. Jetzt war es beinahe fertig. Nur noch Feinarbeiten waren zu erledigen. Außerdem fehlte die Bodensalbe, um das Boot vor dem Schiffswurm zu schützen, der das Holz zerfraß. Die aber war nicht so leicht zu beschaffen. Sie freute sich schon auf den Moment, in dem sie ihrem Vater ihr Boot zeigen würde. Sicher würde er ihr erlauben, es zu behalten. Ganz bestimmt wäre er dafür. Sie hoffte es zumindest.

Sina zog ein Stoffbündel zwischen den Felsen hervor und wickelte das Zieheisen aus. Langsam und vorsichtig begann sie mit dem Eisen und einem Sandstein die Rudergriffe zu glätten.

»Das ist also dein Geheimversteck.«

Erschrocken sah Sina auf. Ihr Freund Asmus schob sich durch den Felsspalt und kniete sich zu ihr. Seine rotblonden Haare waren windzerzaust, die grünen Augen vom Wind gerötet. Sie kannten sich seit ihrer Kindheit, sein Vater war der Verwalter des fürstlichen Ackergutes. Asmus’ Schwester Sophie war ihre beste Freundin. Als Kinder waren sie oft zusammen durch die Gegend gestromert. Hatten im Speicher des Gutes und auf Vaters Schiff herumgetollt. Inzwischen sahen sie sich nur noch, wenn andere dabei waren, sonst schickte sich das für eine junge Frau einfach nicht mehr. Obgleich Asmus sie in letzter Zeit öfter nach dem Schließen der Spinnstube nach Hause gebracht hatte. Die anderen Mädchen hatten schon darüber getuschelt. Dass er jetzt hier war, überraschte sie sehr.

»Wie hast du mich gefunden?«, wollte sie wissen.

»Ich wollte euch besuchen. Aber dann sah ich Dorthie und dich hierhergehen. Also bin ich euch nach.« Er streckte lächelnd die Hand aus. »Lass mich mal, ich helfe dir«, bot er an.

»Ich schaff das schon«, erwiderte Sina, doch als er nicht nachließ, gab sie nach und reichte ihm das Zieheisen. »Wenn du unbedingt willst …«

Sie beobachtete ihn, als er es ansetzte. Er bewegte sich bedächtig, wie es seine Art war.

»Es gibt bestimmte Dinge, die ihr Frauen lieber lassen solltet. Das Reparieren von Booten gehört dazu. Oder hast du schon mal von einer Schiffbaumeisterin gehört?«, fragte er. Sina lächelte in sich hinein. Sie wusste, dass die meisten so dachten. Dafür aber hatten manche Frauen schon viel erreicht – und auch sie war mit dem Boot ganz schön weit gekommen.

»Frauen arbeiten in Bergwerken, sieden Salz, es gibt sogar Baumeisterinnen. Nur weil wir noch nie von Schiffbaumeisterinnen gehört haben, kann es sie dennoch geben«, gab sie zurück.

Asmus grinste sie an. »Das möchte ich sehen, wie du zu den Schiffszimmerleuten nach Stralsund gehst und da mitarbeiten willst. Oder am besten gleich zur Sankt-Marien-Bruderschaft der Schiffer in Stralsund.«

»Du weißt, dass ich das tun würde. Die Schifferkompanie …«

Er lachte. »Ja, ich weiß. Ich sehe dich noch vor mir, wie du furchtlos die Steilküste hinabgekugelt bist. Selbst die größeren Jungen haben sich das nicht getraut. Aber langsam wird es doch auch für dich mal Zeit, erwachsen zu werden, findest du nicht?«

Sein Blick hatte einen weichen Ausdruck angenommen, den sie gar nicht von ihm kannte. Es verwirrte sie, ihn so nah zu spüren. Asmus war groß und breit gebaut. Ihre Höhle erschien ihr auf einmal eng. Eine Gänsehaut prickelte langsam über ihren Arm zum Nacken. Asmus neigte den Kopf noch weiter zu ihr, sodass sie seine hellen Wimpern hätte zählen können. Seine schmalen Lippen waren leicht geöffnet. Wollte er sie etwa küssen? Sie wusste, dass sich die Jungfrauen des Dorfes mit ihren Liebsten im Wald zum Stelldichein trafen. Für sie hatte sich diese Gelegenheit noch nie ergeben. Sicher, einige der Fischer und Knechte hatten sie hin und wieder zu küssen versucht, aber sie hatte sich den Männern stets entzogen. Warum sollte sie sich von ihnen anfassen lassen? Aber Asmus … Sina schloss die Augen und spitzte erwartungsvoll die Lippen.

»So ein Mist!«

Aufgeschreckt öffnete sie die Lider wieder. Asmus hatte das Zieheisen verrissen und eine Kerbe in den Bootsrand gehauen. Mit hellroten Wangen warf er das Eisen in den Sand.

Sina strich über den Schnitzer. »Ist nicht schlimm, das kriege ich wieder hin«, sagte sie aufmunternd.

Scheu wanderten seine Augen über ihr Gesicht und blieb an ihren Lippen hängen. Wagte er nun etwa doch nicht, sie zu küssen? Dabei war er doch der Mann. Musste er nicht die Initiative ergreifen? Sie hätte es so gern einmal versucht! Ohne noch länger nachzudenken, beugte sie sich zu ihm und presste ihren Mund auf seinen. Dann spürte sie seine Zunge auf ihren Lippen, unbeholfen und feucht. Schmeckte das Süßholz, auf dem er gegen die Zahnschmerzen kaute.

Doch plötzlich löste sich Asmus. Sein Gesicht war nun hochrot. Er mied ihren Blick und zwängte sich unbeholfen durch den Spalt hinaus.

Sina blieb verwirrt zurück. Hatte sie etwas falsch gemacht? Hätte sie nicht …? Wollte er nicht …? Dabei war sie so sicher gewesen, dass …! Sie versteckte das Zieheisen und eilte ihm nach.

Wolken waren aufgezogen. Der Wind war beißend, aber Dorthie buddelte unverdrossen im Sand. Asmus lehnte am Findling, den neuen, geschmückten Dolch in seinem Gürtel umfassend. Sie bemerkte erst jetzt, dass er sein gutes Wams trug. Er musste sich von der Arbeit weggestohlen haben, um sie zu treffen. Jetzt hielt er den Blick gesenkt. Das schlechte Gewissen überfiel sie erneut.

»Entschuldige, ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen.«

»Schon gut. Das war … schön.« Asmus lächelte befangen.

Sie schwiegen, bis Sina es nicht mehr aushielt. »Wie läuft euer Geschäft? Macht sich der Winter schon bemerkbar?«

Asmus warf ihr einen dankbaren Blick zu. Er schien froh zu sein, dass sie das Thema wechselte. Hatte er denn noch nie ein Mädchen geküsst? Oder warum hatte er so reagiert?

»Die Ernte ist fast eingebracht, die Vitte abgebaut. Am Sonntag wird es den Dankgottesdienst geben. Sophie und ich werden wohl bald nach Stralsund aufbrechen, um dort einige Zeit bei unseren Verwandten zu verbringen«, sagte er.

Sina bückte sich nach ihren Schuhen, die noch im Sand lagen, und zog sie wieder an. Inzwischen waren ihre Füße kalt geworden.

»Ich würde auch gerne mal nach Stralsund fahren. Aber Mutter will ja nicht. Nie will sie diesen Ort verlassen …«

»Wenn dein Vater es wollte, würde sie ihm auch folgen. Überrede ihn doch, das wäre schön.« Jetzt wirkte Asmus hoffnungsvoll. Sie verstand ihn einfach nicht. Wollte er sie doch um sich haben? War es etwa nicht so verkehrt gewesen mit dem Kuss? Sie nahm einen Stein auf und warf ihn weit hinaus aufs Meer. Mit einem dumpfen Glucksen durchschlug er die Wasseroberfläche.

Asmus berichtete detailliert von den Ereignissen des Tages, er nahm alles immer ganz genau. »Vater lässt mich jetzt sogar schon die Bücher führen«, erzählte er zufrieden. »Ach ja – und Julius hat geschrieben. Es scheint ihm gut zu gehen an der Universität.«

Sina freute sich mit ihm über diese Nachricht. Da sein älterer Bruder an der Pommerschen Landesuniversität in Greifswald studierte, konnte sich Asmus Hoffnungen machen, dauerhaft bei der Verwaltung des Adelshofes mitzuarbeiten und eines Tages die Stelle seines Vaters zu übernehmen.

»Und Sophie?«, erkundigte sich Sina nach ihrer Freundin. Asmus Lippen kräuselten sich spöttisch. »Die näht und näht. Sie kann es am wenigsten von uns allen abwarten, wieder in Stralsund die Bälle und Vergnügungen der feinen Gesellschaft zu besuchen! Als ob es nichts Wichtigeres gäbe! Wie gut, dass du anders bist.«

Plötzlich ergriff er ihre Hand, zog sie an sich und küsste sie noch einmal. Seine Lippen waren warm und feucht, wie seine Hände. Mit einem leisen Schmatz löste er sich und strahlte sie mit hochrotem Gesicht an. »Das wollte ich schon lange tun! Du bist mir nur zuvorgekommen. Aber jetzt muss ich zurück!« Er lief einige Schritte, winkte ihr zu und verschwand im Wäldchen.

Sina schwirrte der Kopf. Am Ende hatte er es doch geschafft, sie zu überraschen! Aufgewühlt spürte sie in sich hinein. Mit Kichern und erhitzten Gesichtern sprachen die anderen Mädchen von ihren gestohlenen Küssen. Asmus zu küssen war nicht unangenehm gewesen, aber wo war das Herzklopfen, von dem sie immer gehört hatte? Nun, vielleicht kam das noch, beim nächsten Mal – wenn es denn ein nächstes Mal geben würde. Sie hatte ja schließlich noch keine Erfahrung damit …

Sie ging zu Dorthie, die in ihrem Lieblingsspiel den puderzarten Sand in die Luft warf. In weichen Böen stieg er auf, bildete Schleier und Verwehungen. Das Mädchen juchzte. Offenbar hatte sie nichts mitbekommen von Asmus und ihrer großen Schwester. Sina freute sich, die Kleine so fröhlich zu sehen, und ließ sich nur zu gerne von ihr ablenken.

»Eine Katze, eine Sandkatze, sieh nur! Die spitzen Ohren, der lange Schwanz!«, rief Dorthie. Sina versuchte das Tier in den fliegenden Sandkörnern zu erkennen, aber da hatte ein Windstoß sie schon wieder verweht.

»Zu spät: ins Meer gehuscht!«, bedauerte sie.

»Zum Fischefangen!« Hell lachte Dorthie auf und schaufelte wieder eine Handvoll Sand in die Luft.

Jetzt erkannte Sina einen hohen Mast und einen dicken Rumpf in dem Sandbild, aber noch bevor sie es aussprechen konnte, schrie ihre Schwester schon: »Ein Schiff!«

»Ja, ein Schiff!«, bestätigte Sina.

Dorthies Stimme überschlug sich fast: »Dahinten, ganz weit weg!«

Ganz weit weg? Sinas Herz raste, als sie den Horizont absuchte.

Ein Schiff!

*

Sie zerrte ihr Boot aus der Höhle, schleppte es zum Meer. Flugs die Ruder unter der Sitzbank hervorgezogen. Ein Stoß – schon schaukelte es in der Brandung. Hoffentlich würde ihre Arbeit halten! Noch sah es gut aus. Die Planken saßen so eng, dass auch ohne Bodensalbe noch kein Wasser durch die Ritzen drang. Sina half Dorthie hinein und sprang hinterher. Doch als sie die ersten Ruderschläge tat, überfiel sie das schlechte Gewissen. Eigentlich sollte sie auf ihre Mutter hören! Andererseits wollte sie hinausfahren, sie musste es einfach. Und ihre Mutter wusste, dass sie sie nicht anlügen würde. Sie konnte es gar nicht. So, wie andere nicht lesen oder nicht schreiben konnten, konnte Sina nicht lügen. Selbst bei kleinen Dingen ging es nicht. Sie musste immer die Wahrheit sagen, auch wenn es ihr Ärger einbrachte. So zügig ruderte sie, dass sie ihre Muskeln spürte. Ihre Schwester konnte es kaum abwarten. Unruhig rutschte sie auf der Sitzbank hin und her. Sina warf einen Blick über die Schulter. Das Schiff war jetzt gut zu erkennen. Nur ein Mast, die Segel gebläht im Wind. Der Schriftzug – es war die Ebba! Vater hatte sein Schiff nach seiner geliebten Frau benannt, damit sie auch auf Reisen immer bei ihm war. Schon steuerte es auf den Anleger zu. Schnell drehte sie sich um.

»Vater!«, rief sie.

Auch Dorthie konnte nicht mehr an sich halten. Die Geschwister winkten so wild, dass ihr Boot ins Wanken geriet. Ihre Schwester klammerte sich mit einer Hand am Bootsrand fest und schwang die andere weit ausholend durch die Luft. Dorthie strahlte, aber gleichzeitig liefen Tränen über ihre Wangen. Breitbeinig hielt Sina auf ihrem Boot das Gleichgewicht. Rock und Haare flatterten im Wind. Sie konnte jetzt den Steuermann erkennen, andere Seeleute. Da trat ein Mann an die Reling, die Arme vor Freude weit schwenkend. Der Wind trug seine Stimme zur ihr.

»Mine Döchterken! Endlich daheim!«

Sina ließ sich ins Boot zurücksinken und einen Augenblick treiben. Es kam immer wieder vor, dass Männer nicht von ihren Handelsreisen zurückkehrten. Sie hatten Glück gehabt, wieder einmal. Froh legte sie sich in die Riemen und ruderte dem Schiff hinterher.

*

Sein Gesicht war von Wind und Wetter gerötet, die Lippen aufgesprungen. Sein braunes Haar mit den feinen weißen Strähnen flatterte im Wind. Wie Pfeffer und Salz sähen seine Haare aus, scherzte Ebba oft. Doch jedes Mal, wenn er von einer Fahrt zurückkam, schien weniger Pfeffer in der Mischung zu sein, schien er weißer geworden zu sein. Ihr Vater war einige Jahre älter als seine Frau, und langsam sah man es ihm an, dachte Sina seltsam berührt.

»Meine Mädchen!«

Dorthie sprang ihm in den Arm. Wild ließ er sie durch die Luft wirbeln, dann drückte er auch Sina fest an sich. Sie atmete seinen Tabaksduft ein. Die Gewohnheit des Rauchtrinkens hatte er von einer früheren Reise mitgebracht. Seitdem hatte er stets eine Tonpfeife und sein ledernes Tabaksäckchen im Seesack. Doch da ließ er schon wieder von ihnen ab. Dorthie klammerte sich an seinen Hals, als ob sie ihn nie mehr loslassen wollte.

»Wie war die Reise? Wie sind die Geschäfte verlaufen? Hast du alles erreicht, was du wolltest? Kommst du jetzt aus Stralsund?«, sprudelte es aus Sina heraus.

Sein Blick flackerte in Richtung Schifferhaus. »Später, Kind. Jetzt nicht. Ich muss erst mal dringend mit deiner Mutter sprechen«, vertröstete er sie, wandte sich an seinen Steuermann Sten und gab ihm Anweisungen, die die Waren auf dem Schiffsboden betrafen: »Bring unsere Säcke in die Diele und den Rest zum Ackergut, zu Verwalter Mielich.«

Er wollte sich von Dorthie losmachen, aber das kleine Mädchen begann zu weinen, also ließ er sie, wo sie war, und eilte mit ihr davon. Sina sah ihrem Vater enttäuscht nach. Was war mit ihm los? Er hatte keine ihrer Fragen beantwortet. Sich nicht über die Herkunft ihres Bootes gewundert. Dabei hatten sie sich doch so lange nicht gesehen!

Am Anleger luden die Matrosen den Leichter ab. Da die größeren Schiffe zu viel Tiefgang hatten, konnten sie nicht direkt an der Küste vor Anker gehen. Deshalb wurden die Waren auf diesen flachen Booten an Land gebracht. Sten gab die Anweisungen, fasste aber auch mit an. Er war ein kräftiger Seemann mit felsig zerfurchtem Gesicht und sanftem Gemüt, der schon seit Jahren unter Sinas Vater diente.

»Goden Dag, Sten. Gut, euch alle so wohlbehalten wiederzusehen«, sprach sie ihn an.

»Wir sind auch froh, euch gesund und munter zu sehen«, gab er zurück und warf ihr einen merkwürdigen Blick zu, den sie nicht zu deuten wusste.

Die zwei Seeleute, die gerade einen Sack auf den Steg hoben, riefen ihr etwas zu, doch Sina ging nicht darauf ein. Sten war ein Rügier durch und durch. Oft behauptete er, dass seine slawischen Vorfahren noch die heidnischen Götter im Tempel bei Kap Arkona verehrt hätten. Normalerweise fragte Sina ihn gern nach den alten Sagen und Geschichten aus, jetzt aber interessierte sie anderes.

»Was ist mit Vater los? Er wirkte so unruhig«, fragte sie.

Sten griff den letzten Sack und warf ihn ohne Hilfe an Land. »Gerüchte in Stralsund. Snakk hen, Snakk her. Fragt ihn selbst, Jungfer Sina«, meinte er knapp. »Wir müssen abladen, bevor die Nacht anbricht.«

Die Seeleute kletterten wieder in den Leichter und stießen ihn vom Steg ab.

Sina kehrte ebenfalls zu ihrem Boot zurück. Inzwischen war etwas Wasser durch die Ritzen gedrungen. Kurzerhand schaufelte sie es mit den Händen hinaus. Dann ruderte sie zurück zur Bucht, um es wieder zu verstecken. Ihr Vater war also tatsächlich erst in Stralsund gewesen. Das hatte sie schon vermutet, mussten doch bestimmte Waren in der Hansestadt verzollt werden. Aber was für Gerüchte machten in der Stadt die Runde? Und was hatten sie damit zu tun?

Wenn auch ihr Vater für Stralsunder Kaufleute arbeitete, hielten sie sich doch von der Stadt fern. Ihre Mutter mochte das Stadtleben nicht. Sie war der Ansicht, dass die Mädchen auf der Insel alles lernen konnten, was sie fürs Leben brauchten. Lesen, Schreiben und Rechnen hatte sie ihnen selbst beigebracht, auch Handarbeiten und Singen. Und Sina hätte sich keine bessere Lehrerin wünschen können. Inzwischen versuchte sie, sich manches auch selbst beizubringen, und ihr Vater unterstützte sie dabei. Fremde Sprachen zum Beispiel, in denen sie sich – ein paar Sätze wenigstens – mit den Seeleuten des Vaters unterhalten konnte. Und natürlich Knotenkunde und das Seemannslatein.

«Wenn du keine Frau wärst, du hättest das Zeug zum Schiffer«, sagte ihr Vater manchmal. Er meinte es als Scherz, aber Sina wusste, dass ein Körnchen Wahrheit darin steckte. Das mochte ihre Mutter gar nicht hören. Sie war froh, dass sie nur Töchter hatte und keinen Sohn, der vielleicht auch eines Tages zur See fahren würde und um den sie sich ängstigen müsste. Und doch hatte sie Sina nie verboten, mit ihrem Vater ein Schiff zu betreten. Schließlich war es ja Ebba gewesen, die ihm keinen Sohn geschenkt hatte.

*

Es dämmerte bereits, als Sina zum Haus ging. Kein Mensch war zu sehen, aber drinnen war die Luft wie aufgeladen. Der Knecht hatte einige Hühner geschlachtet. In der Küche bereitete die Magd ein Willkommensmahl vor. Sina vermutete ihre Eltern im Schifferkeller. An der Schwelle saß Dorthie, in der Hand einen Trillervogel. Die Tonfigur hatte die Gestalt einer Eule.

»Sieh nur, was Vater mir mitgebracht hat!«, sagte sie begeistert.

Sina freute sich mit ihr. Vater liebte es, Kleinigkeiten von seinen Reisen mitzubringen. Mal war es ein wohlgeformter Stein, mal ein hübsches getrocknetes Blatt. »Euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen«, war einer seiner Lieblingssprüche aus der Bibel.

Sina schlug den Vorhang zur Seite und wollte die Tür zum Keller öffnen. Doch als sie die Stimme ihrer Mutter vernahm, hielt sie inne. Ihr Tonfall klang heftig. Ihre Eltern hatten kaum je gestritten, warum ausgerechnet jetzt? Sie müssten doch glücklich sein, nach so langer Zeit wieder zusammen zu sein! Es sollte ein Freudenfest geben!

Die nächsten Worte ihrer Mutter ließen sie stutzen: »… dieses Haus nicht verlassen. Hier sind wir sicher, nirgendwo sonst!«, rief sie aus.

Was meinte ihre Mutter damit? Was für einen Grund könnte es geben, von hier wegzugehen?

Beunruhigt, wie sie war, hätte sie am liebsten gelauscht, doch das tat man einfach nicht. Ihre Eltern würden schon mit ihnen reden, wenn es etwas zu besprechen gab, darauf vertraute sie.

Hinter sich hörte sie ein erneutes feuchtes Prusten und wandte sich ihrer Schwester zu. »Zeig mal her, Lütte, wir finden zusammen heraus, wie es geht.«

*

Als ihre Eltern aus dem Keller kamen, schien der Streit behoben. Die Wangen ihrer Mutter waren gerötet, und sie ging in die Küche, um nach dem Abendessen zu sehen. Es roch bereits verführerisch nach Kräuterhuhn. Ihr Vater setzte sich im Schneidersitz zu Dorthie und Sina auf den Stubenboden. Seine Arbeit musste bis morgen warten, es war bereits dunkel. Er nahm sich Zeit für sie, und Sina freute sich darüber. Jeder Moment mit ihrem Vater war kostbar für sie. Die Schwestern hatten inzwischen herausgefunden, dass sie der Pfeife die unterschiedlichsten Töne entlocken konnten, wenn sie etwas Wasser hineinfüllten. Dorthie hatte wieder bei ihrer großen Schwester auf dem Schoß gesessen, rutschte jetzt aber näher an den Vater heran.

»Sind es die Stralsunder Gerüchte, über die du so dringend mit Mutter sprechen wolltest?«, fragte Sina ihren Vater geradeheraus.

Er blickte sie ebenso überrascht wie ernst an. Sina fürchtete schon, er könnte aufstehen und ihr friedliches Beisammensein wäre vorüber, ehe es überhaupt begonnen hatte.

»Was weißt du davon?«

»Nichts … eigentlich. Sten hat es nur kurz erwähnt.«

»Was hat er sonst noch gesagt?«, fragte der Schiffer prüfend. Plötzlich wusste Sina, warum seine Schiffskinder ihn so ehrerbietig behandelten. Er konnte eine Autorität ausstrahlen, die einem zwangsläufig Respekt abnötigte.

»Nur, dass es Gerüchte in Stralsund gibt, nichts weiter«, sagte sie verlegen.

Er nickte. »Gut. Alles andere hätte mich auch gewundert. Sten ist ja kein Maulklapperer«, sagte er und fügte hinzu: »In der Stadt gibt es immer Gerüchte. Das geht uns nichts an. Euch Kinder schon gar nicht. Wer Hände ümmer in frömde Asche stökt, verbrennt sik ok wol eens«, sagte er mit einer der plattdeutschen Redewendungen, die er so liebte.

Ihr Vater holte gemächlich seine Pfeife hervor und begann, sie zu stopfen. Sina ließ sich von der Ruhe anstecken, die er dabei ausstrahlte, und sie spürte, wie die Anspannung von ihr abfiel. Wenn ihr Vater sagte, dass es um nichts Wichtiges ging, dann war es auch so. Als die Pfeife fertig gestopft war, legte er sie neben sich, lächelte seinen Töchtern zu und hob zu sprechen an.

»Du hast gefragt, was wir erlebt haben. Das will ich euch erzählen«, begann er. »Als wir zwei Tage auf See waren, hörten wir eine zauberhafte Melodie. Ich wies meinen Steuermann an, der Musik zu folgen. Lange Zeit kreuzten wir, ohne etwas zu finden. Seenebel zog auf, und wir waren schon dabei, uns weit vom Kurs zu entfernen, als …«

»Seid ihr deshalb so spät gekommen?«, fragte Dorthie dazwischen.

Ihr Vater lachte, und kleine Fältchen breiteten sich auf seinem sonnengegerbten Gesicht aus. »Hör gut zu, dann erfährst du es. Wir vernahmen also diese wundervolle Melodie.« Er nahm Dorthies Vogelpfeife und blies einige Töne darauf, die allerdings eher schräg als schön klangen.

»Das hörte sich aber gar nicht wunderbar an«, befand das Mädchen. Ihr Vater verteidigte sich gespielt schmollend. »Bin ich eine Meerjungfrau?!«

»Habt ihr eine Meerjungfrau gesehen?« Nun hatte er Dorthies volle Aufmerksamkeit.

Vage neigte ihr Vater den Kopf, Sina zwinkerte er zu. Er wollte es spannend machen. »Sei nicht so ungeduldig! Wir fuhren also durch den Nebel. Nicht die Hand konnten wir mehr vor dem Leib sehen, so dicht war der Nebel. Wir folgten der Melodie wie einem seidenen Band, das uns zog. Immer ging es Nord-Nord-Ost – also gar nicht unsere Richtung.«

Er fasste in seine Gürteltasche und holte einen Kompass aus filigran verziertem Silber hervor. Wenn man ihn aufklappte, sah man im Deckel die geografischen Breiten verschiedener Ostseestädte. Ihre Mutter hatte ihrem Mann diesen Taschenkompass geschenkt, und er trug ihn stets bei sich, sogar an Land. Fasziniert beobachtete Dorthie, wie die Kompassnadel hin- und herschwang und sich schließlich einpendelte. Dann reichte ihr Vater den Kompass an Sina weiter, die ihn schon als Kind geliebt hatte und auch heute noch gerne betrachtete. Sie wünschte sich, auch eines Tages so einen Kompass zu besitzen; ein einfacher würde ihr schon reichen. Aber letztlich: Was sollte sie damit, wenn sie ohnehin irgendeinen Kaufmann heiraten und an Land bleiben würde? Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Erzählung ihres Vaters zu.

»… saß auf einer kleinen Insel und sang lieblich. Ihre Stimme hatte uns zu ihr geführt. Es war eine Frau, wie ich noch keine gesehen habe. Wie sah sie wohl aus, Sina?«

Sie lächelte ihren Vater an, kannte sie doch die vielen Geschichten über Meerjungfrauen oder Sirenen, die Seemänner in ihr Reich zu locken versuchten. »Sie war wunderschön. Die langen Haare fielen ihren nackten Oberkörper hinab. Doch statt der Beine hatte sie ab der Hüfte einen Schlangenschwanz«, beschrieb Sina das Meereswesen.

Ihre Schwester schnaubte ungläubig. »Woher willst du das denn wissen? Du bist doch gar nicht da gewesen!«

»Meinst du, ich lüge dich an? Sei doch nicht albern! Ich habe es in einem Buch gelesen. Warte nur, bald kannst du es selbst lesen.«

Aus der Küche war jetzt das Klappern der Teller zu hören. Der Tisch wurde gedeckt.

»Das Schlangenweib rief mich zu sich. Um die Insel herum waren Felsen. Wir konnten nicht näher mit dem Schiff heran. Ich durfte die Ebba nicht gefährden, konnte aber auch dem Gesang nicht widerstehen. Mein treuer Steuermann Sten wollte mich aufhalten, doch ich sprang von Bord und schwamm zu der Insel.«

Dorthie sog die Luft ein und steckte den Daumen in den Mund. Das tat sie nur noch, wenn sie sehr müde war – oder sehr erschrocken.

Vater hielt inne, weil ihre Mutter zu ihnen trat, und wandte sich ihr zu. Sie musste gehört haben, dass er über das Schiff sprach, das er nach ihr benannt hatte.

Zärtlich legte sie die Hand auf die Schulter ihres Mannes. »Geschichten schon vor dem Essen? Und ich habe alles verpasst! Ich denke, du bist so hungrig!«

»Das bin ich auch. Aber ich glaube, die Kinder wollen wissen, wie die Geschichte ausgeht. Und dir erzähle ich sie liebend gerne später noch einmal, min Hart.« Er nahm ihre Hand und hauchte einen Kuss auf ihren Handrücken.

Ein Lächeln umspielte die Lippen ihrer Mutter, als sie in die Küche zurückging.

Dorthie wippte ungeduldig auf ihren Knien. Sie hatte eine Idee. »Vielleicht hättest du Sinas Boot nehmen können.«

Sina wurde rot. Sie hatte ihrem Vater eigentlich selbst in einer stillen Stunde von dem Boot erzählen wollen. Jetzt könnte es so wirken, als ob sie es ihm verheimlichen wollte.

»Sinas Boot?« Er zog die Augenbrauen hoch.

»Ich habe ein Boot gefunden. Ein Wrack eigentlich. Es ist in der Sandbucht angespült worden«, erklärte Sina.

Dorthie nickte. »Sina hat es heil gemacht«, sagte sie stolz.

»Soso.« Ihr Vater sah Sina prüfend an. »Weiß Mutter davon?«

Sina schüttelte den Kopf. »Ich zeige es dir morgen. Dann kannst du entscheiden, was damit geschehen soll.«

»Du hättest es deiner Mutter erzählen sollen. Sie hat hier das Sagen, wenn ich nicht da bin.«

Trotzig nagte Sina auf der Unterlippe. Sie wusste, dass ihr Vater recht hatte. Sie hatte ihrer Mutter absichtlich nicht von dem Boot erzählt, und jetzt musste sie auch die Verantwortung dafür tragen.

»Ich musste es einfach haben. Du kennst das doch auch, oder? Ich wollte dieses Boot unbedingt!«, sagte sie und fügte schnell hinzu: »Ich erzähle es ihr, in Ordnung?«

Der Schiffer ließ sich wortlos seinen Taschenkompass zurückgeben und steckte ihn wieder ein.

Dorthie streckte sich nach ihrem Vater aus. Wie ein Ring legte sich ihre kleine Hand um seine kräftigen Finger. »Was hat die Meerjungfrau denn nun gesagt?«, wollte sie wissen.

»Sie wollte mich zum Ehemann nehmen. An ihrer Seite sollte ich über das Meer herrschen. Über die gesamte Ostsee. Ich wollte aber nicht. Ich sagte ihr, dass ich eine Familie auf Rügen habe, die ich sehr liebe. Die Meerfrau war natürlich traurig, aber ich versprach ihr, das nächstbeste Schiff mit Junggesellen zu ihr zu schicken. Zum Abschied gab sie mir Geschenke für euch mit. Für dich diese Trillerpfeife, damit du auch so liebliche Musik machen kannst wie sie. Und für dich, Sina, hat sie mir etwas anderes gegeben.«