Das geht nicht gut aus - Benjamin Schmidt - E-Book

Das geht nicht gut aus E-Book

Benjamin Schmidt

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Beschreibung

Benjamin Schmidt erzählt die Geschichte einer Liebe und deren Verzweigungen ins Ungewisse. Die Person wartet, ohne zu wissen, auf was. Eigentlich ist das jetzt das Alter, in dem Karriere, Beziehung und alles auf eine neue, bedeutsamere Ebene gehoben und Entscheidungen für die Zukunft getroffen werden sollten. Stattdessen bricht alles zusammen und es ändert sich nichts. Nur die Leute im Club werden jünger und erlauben sich verunsichert zu hoffen. Den Leuten in der Oper dagegen, ist das Scheitern zu vertraut. Übergenug Abende, die mit dem Tod der Hauptfigur enden. Danach wird applaudiert und alle finden sich wieder ein in ihrer eigenen Tragödie. Wenn Menschen die Wahl haben, entscheiden sie sich für das Falsche. Die Person weiß das. Aber dass es immer so bleiben soll, ist fast nicht zu ertragen. Woher dieser verzehrende Hunger nach der Liebe, wenn doch von Anfang an klar ist: Das geht nicht gut aus?

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Seitenzahl: 234

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ähnliche


Das geht nicht gut aus

Benjamin Schmidt

Roman

Impressum

1. Auflage: November 2025© Verlagsrechte: Edition Outbird (www.edition-outbird.de), Inh. Tristan Rosenkranz, Haeckelstraße 15, 07548 GeraBei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich an: [email protected].

Alle Rechte, einschließlich des Rechts zur vollständigen und auszugsweisen Wiedergabe in jeglicher Form, sind vorbehalten. Alle handelnden Personen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Die Nutzung des Inhalts für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ist ausdrücklich verboten.

Covergrafik: Benjamin SchmidtLektorat: Vanessa-Marie Starker, Merri Holste, Tristan RosenkranzeBook-Formatierung/-konvertierung: Hannah RafalskiHerausgeber: Tristan Rosenkranz

ISBN: 978-3-948887-92-6

Preis: 7,49 €

Die Edition Outbird ist Mitglied im Lese-Zeichen e. V., im Thüringer Literaturrat, im Schöne-Bücher-Netzwerk und im Phantastik-Autoren-Netzwerk e. V..

inhaltsverzeichnis

nach der tür

der horror

etwas drittes

bitte nicht lächeln

einsam wie papa

unangenehm

nachtmahr

la bohème

mehr als klimt

einer von vielen

fick dich, buch

meine kinder

rusalka

wie ich es will

öh. äh. rollolo

teufel trägt prada

happy end

ich wer?

kribbeln

knöpfchen

tristan und isolde

mono-logie by eva hanson

danke

ich widme dieses buch dir und mir …

nach der tür

sie fragt, ob es okay für mich wäre, würde sie axel küssen. eine so verstörende frage, aus einem so schönen mund. neles mund. die welt stürzt ein. panik! ich verschlucke mich augenblicklich am getränk. bier schießt aus der nase. tränen fließen. der ganze kopf steht unter wasser, säuft ab, so fühle ich. echt mal, nele! was als nächstes?

da wirst du unvermittelt angestoßen, aus dem bestehenden sachverhalt gerissen – und noch während du trinkst! wie sollst du reagieren? was noch alles ertragen? ad hoc will deine freundin axel küssen, so mir nichts, dir nichts, und du so ... ja. kein thema, geht schon in ordnung, macht ihr mal! gut, das JA an sich hast du mehr so abgehustet, den rest hinterher gerasselt. jahahaha!

saudumm irgendwie. jetzt denke ich anders darüber. geht das in ordnung? ich schwanke. nicht etwa wegen der fiesen mengen alkohol, mit denen ich mir heute abend so total schmerzfrei den damm geflutet habe, ich schwanke überwiegend in meiner zuversicht und bin in gewisser weise unzufrieden mit meiner reaktion. liegt auch daran, dass die augen trocknen, das bild sich schärft und ich DAS jetzt so sehe! axel. nele. und wie sie sich küssen.

an sich nicht tragisch so ein kuss. ein zeichen der zuneigung, ein harmloser austausch von zärtlichkeit nur. wird bestimmt nicht schlimmer auf der welt, wenn leute sich küssen. aber warum sie sein gesicht dabei so tätscheln muss? ginge das nicht auch anders – weniger leidenschaftlich, meine ich – also irgendwie mit weniger genuss? will mir leider so gar nicht gefallen, das. spontan huste ich weiter. stört keinen. wird wegignoriert.

warum dieses gesicht in den händen halten? an und für sich ist es gar kein gesicht. nur augen, nase, bart. die augen geschlossen. die nase irgendwie an nele plattgedrückt. der bart überall sonst, wo ein gesicht zu erwarten wäre. dass nele auf typen mit einer behaarung solcherart anspringt, ist mir neu. nie wäre ich auf den gedanken gekommen, mich zu fragen, ob jemand wie axel für sie attraktiv sein könnte. NEIN! Das wäre meine Antwort gewesen. abstoßend ist das. warum lässt einer sich so unverschämt verwildern? soll das irgendwie sexy sein? der ungestüme naturbursche? für einen mann erschreckend männlich, oder nicht?

wie sachte ihre finger durch sein barthaar streifen! von einem kuss war die rede! wer hat was von anfassen gesagt?

ist egal, meine antwort wäre trotzdem dieselbe gewesen. wenn deine freundin anmeldet, irgendeinen axel küssen und dabei anfassen zu wollen, was willst du sagen? nein? das wäre wahnsinn! im übrigen, wo sollte sie mit ihren händen sonst hin? die könnte sie ja schlecht hinter ihrem rücken verschränkt halten. und wie sähe das auch aus? irgendwo muss sie sich ausbalancieren dürfen. hat ja auch schon einen in der krone, die gute. in dem zustand muss sie beim küssen nähe und distanz behutsam mit den händen justieren dürfen, sonst kann es leicht zu unfällen kommen. kopfnuss oder nase im auge. nele hat eine recht spitze nase und axel die sonnenbrille über die stirn geschoben. praktisch beim knutschen, wird er sich gedacht haben, aber dort wird sie ihm nichts nützen. bald wird er sich an ein glasauge gewöhnen müssen, oder gleich augenklappe.

ey, wie viel zeit braucht es für einen einzigen kuss? details, die vorher nicht geklärt wurden, und die beiden küssen sich jetzt schon unnötig lange, wenn du mich fragst. aber mich fragt eben keiner. nur, ob ich noch am gespräch teilnehmen würde, so aus der restlichen runde heraus. freunde fragen auch gerne mal, wozu freunde denn da wären, und dann bleibt nur diese frage im raum stehen. ich antworte also mit ja, meine stattdessen nein, stehe auf und gehe. die bar scheint mir ein vielversprechendes ziel. das kind ist eh schon in den brunnen gefallen und knutscht dort mit axel. wie schnell das jetzt auch ging alles! kurz auf die schulter geklopft. darf ich? ja? und ruckzuck festgesaugt.

wer fragt da überhaupt? eindeutig eine fangfrage! kann das wer verbieten? hernach stehst du nur als kontrollfreak da: guck mal, wie herrisch und egoistisch! echt keinen bock darauf. axel hat auch nicht gefragt. wir hätten andernfalls eine ganze zeremonie daraus machen müssen. willst du? und willst du? und du auch? ja. ja? was, echt jetzt? na gut, du darfst nun küssen, wen du willst, wenn es dich glücklich macht ... aber macht es dich glücklich?

noch was zu trinken bitte! ja. keine ahnung. bier? ja. bier! rum-cola. habt ihr? cuba libre? ist dasselbe. oder? ach. egal. irgendwas. beides. hauptsache alkohol.

deutlich neben der spur bin ich. echt krass. ich brauche total lange für meine bestellung und registriere meine unklarheit mit einer unnatürlichen klarheit. so einem ungewöhnlichen bewusstsein über die eigene langsamkeit. das ist faszinierend unangenehm.

die bar schwimmt. meine augen verengen sich zu schlitzen und versuchen angestrengt, die bardame zu fokussieren, die mir aufdringlich nach vorn über den tresen gebeugt gegenübersteht. ihre blicke stellen fragen, auf die ich keine antworten weiß. auch ihr mund bewegt sich, aber die musik ist zu laut. ich verstehe kein wort. kein einziges. stattdessen fallen mir die enormen brüste auf, die eng aneinander geschmiegt an ihrem körper liegen. peinlich, immer wieder hinsehen zu müssen. meine augen springen nervös zwischen meinen getränken auf dem tresen, den nebenstehenden dehydrierten, dem schnapsregal und der barfrau hin und her, in deren aussichtsreichen ausschnitt sie ärgerlicherweise immer wieder landen. angespannt erwarte ich mein wechselgeld und mutmaße, am auf und ab der brüste ungeduld abzulesen. verunsichert krame ich einen weiteren schein aus meiner tasche hervor und sogleich wird er von langen, bunten fingernägeln vom tresen gefischt. das wechselgeld bleibt aus. ich entschwinde mit meinen getränken. aber wohin? waren das nicht unsere plätze? alle weg plötzlich. einmal kurz umgedreht und fort. alle fort. der klassiker. jetzt stehe ich da. ey, geht es noch entbehrlicher, als mit zwei getränken hilflos festgewachsen inmitten eines clubs? es steht mir bis hier. überreichlich.

scheiß party! party grundsätzlich. scheiße. alles eine große scheiße! ungesellig auch. unsozial. was zusammen machen, heißt es immer. ja, aber was? WAS DENN GENAU? zusammen in der schlange stehen vor dem club? sich gemeinsam taxieren lassen, ob man cool und exklusiv genug ist für den club? kompatibel mit den anderen coolen und exklusiven, zwischen denen du hernach nicht mehr auffallen wirst im club?

nach der tür vereinzelung. dümmlich daneben stehen. dümmlich mittendrin stehen. immer dümmlich aber. vielleicht lernst du so jemanden kennen? dreimal nein! aber du wirst stundenlang deine freunde suchen, die du verloren hast im trubel, im gewühl der menschlichen substanz. dann findest du sie und überlegst, wie du sie wieder vom hals kriegst, schreist ihnen irgendwas ins ohr, lässt dir selbst auch ein bisschen spucke an die backe quatschen und niemand versteht etwas. alle lächeln. alle nicken. du befreist dich aus zahllosen umarmungen, die das ende jeglicher konversation markieren. du bist hier. du bist allein mit allen anderen hier, die mit dir und allen anderen hier allein sind. und deine freundin küsst axel.

ich würde ja auch jemanden küssen, nur um was auszugleichen, was auszubalancieren, so ad libitum. aber wie hoch dann das risiko, den ballast alleweil auf ein und derselben waagschale abzuladen, während dagegen die andere immer nur leer und restlos der reichweite entsteigt? unsinn, das alles. am ende fängst du dir nur eine erkältung ein. lass die anderen doch ihre viren in sämtlichen mundhöhlen verteilen. sollen sie doch! was fragen sie mich um erlaubnis? ich jedenfalls küsse niemanden. mir würde es genügen, meine getränke abzustellen und nicht mehr so zerfahren im raum umherschauen zu müssen. mann, ey!

wie wohl der restliche abend noch verläuft? bei uns kann axel nicht pennen. da protestiere ich! obwohl, wenn nele nachher noch mit zu ihm ... dann doch lieber die couch freiräumen. auf der couch wäre aber platz für zwei. sogar drei. huch, jetzt ist deine fantasie ganz mit dir durchgegangen.

ah! guck doch, da wird was frei! fabelhaft. wird keinen stören, wenn ich mich dazu setze. einfach platznehmen, lächeln, telefon raus, beschäftigt tun. klappt hervorragend. schreibst du eben charlie. einfach so. wie es ihr geht. was sie gerade macht. was du so machst ... du bist mit freunden tanzen, aber du tanzt nicht, und auch sonst ist es total beschissen hier. du denkst an sie, blabla, das wird reichen. sie antwortet bestimmt.

in mir und um mich herum wird es leerer. die menschen verziehen sich nach und nach. ich strahle eine unangenehme ernüchterung aus, vermute ich. so eine graue langeweile. ich bin der überdruss. es ist gar keine absicht.

dieser eklige graufilter, den ich mir angesoffen habe, vertreibt jeglichen flair, der sich mir hier zu offenbaren versucht, aus der gesamten szenerie. zu meinem unglück sehe ich bereits das, was sich erst morgen den zuständigen, also den reinigungskräften, dem aufräumtrupp, oder wem auch immer, zeigen wird: charakterlose räume, ausstaffiert mit verramschtem mobiliar, klebriger fußboden, aufnahmefähige leere.

wird es auch bald nicht mehr geben das. irgendwas soll gebaut werden, abgerissen, asphaltiert. wann ist es endlich soweit? dieses andauernde gefühl des niedergangs, immer kämpfen, unerträglich. das ganze leben ein ringen um jeden weiteren tag am beatmungsgerät. es müsste irgendwie anders gehen.

there is love in revolution steht auf einem flyer, der an meiner schuhsohle haftet. naja, zumindest wenn du rückwärts liest. aber laufen revolutionen immer so hoffnungslos dröge innerhalb der systemisch vorgegebenen strukturen ab, die an und für sich verändert werden sollen? ich stelle mir so eine revolution of love irgendwie weniger persistent und frustrierend vor. bei so viel ernüchterung im kampf gegen windmühlen bleibt der teil mit love schon mal auf der strecke.

übermächtigen gegnern stehen wir mit unserer abgearbeiteten liebe gegenüber, konzernen, gesellschaftern, investoren, den unternehmern im porzellanladen, die alles kleinkriegen, um jeden preis und ohne rücksicht auf verluste. nach ihnen die sintflut! aber wieso denn nach ihnen? wieso nicht erst nach uns? wir wollen auch unsere schäfchen im trockenen wissen.

wir sind mit im game, wollen den kapitalismus stürzen und urlaub auf bali machen. zumindest malle!

wir wollen die welt sehen und sie mit einer vernünftigen handykamera abbilden. wir wollen party machen, drogen nehmen, essen gehen. shoppen wollen wir! fetischmode, dj-equipment, e-reader. kosmetika. bodybuilding-supplements. rennräder. airfryer. duftkerzen. schuhe. unbedingt schuhe!

gerne vintage oder second hand. es ist für alle alles da. in teuer. in billig. für diese eine kulinarische reise zu den bekanntesten weinbaugebieten europas, für jene ein weinabo über korkenknaller, volle traube, was auch immer punkt com. für die einen tomorrowland, für die anderen dieser club hier, um den gekämpft werden darf. wer sich langweilt, kann sich unentgeltlich auf tiktok, youtube, insta und threads verlustigen. oder auch facebook für total narzisstische choleriker. wir haben einfach alles und bemerken in unserer antikapitalistischen haltung nicht, wie geil wir kapitalismus eigentlich finden. einfach weitermachen. das system muss sich ändern, denn wir erwarten von diesem system, das wir von ganzem herzen ablehnen, dass es sich ändert. zum guten hin. uns zu liebe. noch bevor wir selbst es tun müssen. gut so. nur gehen uns dann irgendwann die argumente aus. wir geben vor, strukturen einreißen zu wollen, in deren architektur wir es uns schön und komfortabel gemacht haben. nebenbei kämpfen wir halt, egal gegen wen, revolution spielen. zur not kämpfen wir gegen uns selbst. das lenkt davon ab, wie substanzlos unsere motivation in wahrheit ist. weil ... there is also no love in revolution.

auch diesen ort werden wir aufgeben müssen. die hoffnung stirbt zuletzt, heißt es, aber ich glaube, dass sie sterben MUSS. solange es noch hoffnung gibt, bewegt sich nichts. wenn du glaubst, dass alles noch zu retten wäre, bleibst du arrestant deiner eigenen hoffnung, mit der angst als vollzugsbeamten, als unbarmherzigen kerkermeister. nur ist da nichts mehr zu retten. nicht einmal ein anrecht auf hoffnung. welches anrecht auch? ein anrecht, das nicht für alle gilt, ist überhaupt kein anrecht, sondern eine anmaßung. eine schamlosigkeit. frech und dummdreist, aber akkurat!

heute noch auf eine zukunft bestehen ... auf wessen kosten? und wessen zukunft, wo doch für die allermeisten schon die gegenwart mehr als menschenunwürdig ist. derweil wir in clubs abhängen und uns den luxus gestatten, von revolution zu fantasieren und verunsichert zu hoffen, der ersehnte wandel des systems würde von seinen nutznießern vollzogen werden.

aber lieber behaupten, opfer bringen zu können, als zu behaupten, bereits opfer gebracht zu haben. lieber ein träumer als ein märtyrer. ein bisschen demut oder zumindest dankbarkeit würde sicher dabei helfen, dieser art dumm-deutscher besinnungslosigkeit zu entgehen.

die deutschen sind ja immer sehr besorgt, weil sie alles haben, und darüber hinaus der festen überzeugung, es stünde ihnen zu. immer dieselben korrodierten gedanken, an denen die welt zu genesen hat. allerorts frusten sie ihren imaginierten opferstatus geschichtsvergessen heraus, verloren in dieser durch die immer gleichen konservativen und reaktionären kräfte pervertierten zeit.

du kannst ihnen so viel zucker in den arsch blasen, wie du willst, sie werden in panik geraten, dass – wenn alle zucker bekommen – nicht mehr genug für den eigenen arsch übrigbleibt. diese panik ist hochansteckend. dann wird der zucker plötzlich rar, weil alle ihn an sich raffen, raffen, raffen, immer raffen! dabei ist zucker gar nicht gut, die leute werden schlaff, antriebslos, müde und krank. und trotzdem wollen sie mehr, mehr davon, immer mehr. anschließend wird abgerissen, asphaltiert. autobahnen, parkplätze, shopping-center, lagerhallen und paläste und penthäuser und tempel und wolkenkratzer, alles aus zucker ... halt! stopp!

total den faden verloren jetzt. aber don‘t panic! gar nicht schlimm. sehr gut sogar, den faden verlieren. primissima! wenn du nämlich weiter daran festhältst, an sinn und zusammenhang glaubst, dann räumst du automatisch ein, dass es sinn und zusammenhang gäbe. ist aber nicht! nur chaos ist. nur inkonsistenz, weshalb wir auch keine revolution erleben werden, sondern eine repetition. nochmal ganz von vorn alles. niemals etwas neues wagen. den fortschritt verteufeln und das denken diskreditieren. immer die gleichen fehler machen und uns auf dasselbe hohe ross schwingen, das uns wieder und wieder aus dem sattel werfen wird, bis es uns endlich das genick gebr ...

keinen gedanken kannst du zu ende bringen, ohne angerempelt zu werden! nele, echt mal! was als nächstes? schon wieder alkoholhaltiges im falschen hals. schon wieder schmelzen die augen. tanzen die lichter. diffuses leuchten. die musik entsprechend tanzbar und laut. zu laut! nele klopft mir den rücken, während ich mich bemühe, möglichst leise in meiner armbeuge zu sterben. als könnte sich einer der zu techno tanzenden zugekoksten davon gestört fühlen. keiner hier stört sich an irgendwas. das elektronische hämmern nimmt kein ende, renitent werden bässe in alle räume gepumpt, schwitzende körper durchvibriert, aufkommende gedanken absorbiert und alles andere en passant ignoriert. und dies ist nun das leben, für das wir uns entschieden haben.

während sich meine atemwege beruhigen, spüre ich, wie sich in meinen gedankengängen eine gewisse nervosität anreichert. blaue augen. nele. was ist los? wen will sie diesmal küssen? mich? achso! ja. da wird auch nicht gefragt ... let‘s go.

wie viele information sich per kuss übermitteln lassen! nele zum beispiel ist todmüde, aber das ist bei ihr noch nicht angekommen. ich bemerke es gleich, als sich unsere lippen berühren. zudem langweilt sie sich, aber auf gute art. alles ganz entspannt. sie möchte spielen. sie hat lust auf sex. das spricht sie sogar aus! direkt an mich gerichtet. lust auf sex, ich wusste es! schon bevor ... ach, ist egal!

ich auch! ich habe auch lust auf sex! so unerwartet das jetzt auch gekommen sein mag und obwohl ich betrunken genug wäre, mich schnurstracks mit ihr auf den weg zu den toiletten zu machen, bleibe ich sitzen. nele auf meinem schoß. dann diese worte, noch nicht zu ende gedacht, schon ausgesprochen: ok, mit wem denn? mein loses mundwerk out of control. ja, mit wem denn? mit wem wohl? du rindvieh! zu spät jetzt, es ist raus, es ist mehr als unerfreulich. saudumm, mein verhalten. nele schaut etwas desorientiert, umgeht aber meinen latenten trotz. es müsste sich natürlich jemand finden, der auch lust hat, sagt sie. nur geübte nelekenner wären imstande, die mitschwingende provokation ihren mundwinkeln abzulesen. eine gut gemeinte provokation, unaufdringlich, reizvoll und trotzdem ausreichend einschüchternd.

was denn mit mir wäre? ach, nele, das weißt du doch. aber ja, lass uns sex haben! das musst du mich nicht dreimal fragen. wohin also? nicht aufs klo? natürlich nicht. total eklig, genau. also abhauen? nach hause? einfach davonstehlen? was ist mit axel? warum ich nach axel frage? keine ahnung! aber da ist er auch schon.

wie sie sich anlächeln ... unheimlich. als ob sie sich ein leben lang kennen. die zungen schieben sie sich gegenseitig in den rachen, plötzlich sind sie seelenverwandt. hallo, ich bin auch noch da! ja, und wir würden dann auch so langsam mal ...

aber nele hat es so gar nicht mehr eilig. im intellektuellen austausch mit axel ergreift sie plötzlich meine hand, so als ob sie mich beschwichtigen müsste. wie ein kind, dem beiläufig ein lutscher ins maul gestopft wird, damit mami sich mal fünf minuten ungestört mit einem erwachsenen unterhalten kann. sie nimmt keinerlei notiz von mir, hält mit mir körper- und mit axel blickkontakt, was mir auf ganzer linie missfällt.

plötzlich will axel wissen, ob alles okay mit mir sei. wie kommt er darauf? was sollte nicht okay sein? zwar könnte ich über die dinge buchführen, die mich in dieser sekunde ankotzen, aber fahrt nur fort mit eurer abschiedsmanie. ich bleibe derweil an der hand von frauchen, damit sie mich nicht an der leine halten muss.

endlich kommen sie zum ende. nele solle sich melden, wenn sie mal reden will. nele meint, auch er könne sich gerne melden. es ist furchtbar. ich kenne keinen film, der derart mies ist, dass er für diese szene hier vorbild hätte sein können. nele sagt, wir müssten los, hätten zu hause noch was vor. dabei schaut sie verschwörerisch zu mir herüber. ich versuche zu lächeln, was mir nicht schwerer fällt, als einen salto rückwärts zu machen.

ein paar letzte worte. eine umarmung. gefolgt von einem unangenehmen eiertanz, dessen ergebnis ein flüchtiger abschiedskuss ist. und wieder weiß axel nicht, wohin mit seiner sonnenbrille. welcher vollkoffer trägt auch im club eine sonnenbrille? na gut. war es das jetzt? let‘s go.

draußen ist es kalt und unsexy. nele zieht sich bei jedem luftzug schildkrötenhaft in ihren mantel zurück. wie üblich lässt der nachtbus auf sich warten und wir sitzen aneinandergelehnt an der haltestelle, um irgendwie nähe herzustellen, ohne die hände aus den taschen nehmen zu müssen. später im treppenhaus ein duett unterschiedlicher seufzer anstelle eines gesprächs. durchaus effektiv als ersatzkommunikation. alles ist gesagt.

ich liege zuerst im bett und lausche den geräuschen aus dem badezimmer. die augen sind mir schon ein paarmal zugefallen, aber ich kann erst richtig schlafen, wenn nele auch da ist. oft frage ich mich, was sie so lange treibt, und ich vermute, im bad findet eine allabendliche inspektion statt, um zu verhindern, ganz plötzlich alt geworden zu sein. da werden nochmal das gesicht gewaschen und geradegezogen, ein paar mitesser ausgequetscht, der körper nach neuen flecken, falten und überschüssiger haut abgesucht, die brüste prüfend in den händen gewogen, einfach der ungeschminkte istzustand ermittelt. mache ich auch. nur eben morgens. würde sonst das zusammenleben mit nele erschweren. am morgen ist vieles auch ein bisschen egaler und es genügt, wenn dir der blick in den spiegel verrät, dass du noch da bist.

endlich huscht nele zu mir unter die decke und schockt mich aus meinem dumpfen dämmerzustand heraus. aber ich bin umgehend wieder ruhiggestellt, als sich mit ihr auch diese ganz neletypische wärme breit macht. etwas unbeholfen suchen wir uns in der dunkelheit. ich spüre ihre hände unter mein shirt fahren, ihre lippen, die küsse auf meinem gesicht verteilen, dann ist es still. wir atmen. flüstern. gute nacht.

während wir schlafen, wird woanders noch getanzt, gefeiert und gevögelt. mag sein, manche schließen freundschaft, verlieben oder trennen sich gerade, telefonieren noch stundenlang, bringen ein baby zur welt oder sagen sich bereits guten morgen. geht weiter das leben, aber nicht für alle, nicht überall. für manche ist die party nun endgültig vorbei und endet jäh unter dem einsatz von maschinengewehren.

der horror

was wäre ein ganz normaler morgen? ich weiß nicht, vielleicht ist es dieser. von vernunfts wegen müsste ich widersprechen, andererseits sitzt der horror längst mit uns am frühstückstisch. der horror frisst uns aus der hand, ist an menschen gewöhnt. der horror kriecht des nachts gänzlich unbeachtet zu uns ins bett, weil er albträume hat und nicht schlafen kann. und so wachst du dann eben auf. außen schweißnass, innen ausgetrocknet. du weißt nicht, wo du bist. du weißt kaum, wer du bist und wie du bis zu diesem unbarmherzigen morgen dein leben gelebt hast. die augen zu öffnen, ist nur ein weiterer albtraum, der auf dich wartet, eine tortur, genau wie das durchbewegen und zählen deiner gliedmaßen, doch es muss sein. du bist orientierungslos, du willst herausfinden, ob du ein mensch bist, oder doch das ungeheure ungeziefer, wonach du dich fühlst. du willst etwas oder jemanden finden, der sich wie ein puzzleteil in deine erinnerungslücken fügt. du willst nichts und niemanden finden, der sich wie ein puzzleteil in deine erinnerungslücken fügt. du willst aufstehen. auf keinen fall willst du aufstehen. ein mit bedürftigen partygästen gefüllter hochgeschwindigkeitszug entgleist in deinem gehirn. das katastrophengebiet wird weitläufig abgesperrt. dann riecht es nach kuchen.

nele ist es, die nach kuchen riecht. das hat sie immer schon getan. wie apfelkuchen, frisch aus dem ofen. wie schön, ich bin ein ungeheures ungeziefer und meine freundin ist eine süßspeise. toxic relationship. shit happens, nele. relationshit. mann, ey! könntest du bitte das denken unterlassen?

am frühstückstisch wirkst du fast wie ein mensch. du fragst dich, wie du wohl für nele riechst. wie du für sie gerochen hast, bevor du duschen warst, als ihr miteinander geschlafen habt und du dich noch wie eine schabe gefühlt hast. dir fällt auf, dass ihr für erotische unternehmungen des nachts häufig zu vollgeklatscht seid und am morgen für gewöhnlich zu kaputt. aber dann halt trotzdem. nur wie geht das nach einer solchen nacht überhaupt? was macht dich am morgen danach so lecker? ob nele bemerkt hat, dass du an sie und axel denken musstest, als ihr euch geküsst habt? was denkst du?

ich denke nicht, das du nach kuchen riechst. aber du hast geduscht und dir die zähne geputzt, also immerhin! der horror ist gebürstet und gekämmt und der verbliebene duft ist der von kaffee.

diebisch schielst du auf den zarten wellengang an seiner oberfläche, legst beide hände um die tasse, als ob du sie beruhigen könntest. das vibrieren eines telefons ist imstande, die schönste harmonie in einen einzigen missklang zu verwandeln. fünf neue nachrichten von charlie und es vibriert weiter.

nele erkundigt sich, wer so früh schreibt. du willst nicht lügen, sagst die wahrheit, charlie schreibt. und schon ist das abbild des tages um neles mundwinkel ein wenig trüber. jede weitere vibration ein leidiges stechen, das ihre freude unterspritzt und wie botox ihre sonst so lebhaften züge zu einem kalten puppengesicht zurechtzieht.

keine ex-partner, ich weiß. weder die eigenen, noch die des anderen. nicht der beste freund oder die beste freundin. keine arbeitskollegen! so lauten die regeln. darauf haben wir uns verständigt. dabei fällt auf, dass charlie den fleischgewordenen vertrauensbruch verkörpert: als arbeitskollegin kennen gelernt, als beste freundin lieben gelernt und nachfolgend als partnerin an sie gewöhnt.

charlie war derzeit bereits in festen händen, wovor gefühle naturgemäß keinen halt machen, und ich hatte den eindruck, schon zu viele trennungen durchstanden zu haben, um es nicht mal ganz anders als bisher zu versuchen. ihren freund konnte charlie von der polysache nur schwer überzeugen, aber überraschenderweise gab er nach und uns den nötigen raum, um uns wie geile teenager die wände rauf und runter zu vögeln.

das ist noch gar nicht so lange her. dann kam nele. sie kam aus köln und einer gescheiterten dreierbeziehung, die dann aber als zweierbeziehung noch recht erfolgreich weiterlief. nur ohne nele. kurz: ihr freund UND ihre freundin haben sich von ihr getrennt. irgendwie doppelt beschissen.

dann trifft sie mich, ritter in verbogener rüstung, fest entschlossen, mich durch einen pulk besoffener festivalbesucher zu balgen und in die erste reihe vor dem bierstand zu gelangen. ich falle auf. es liegt an dem kleid, für das ich ein kompliment bekomme. ich würde hot darin aussehen. ich antworte, dass es ihr viel besser stehen würde, aber für eine transaktion wäre ich noch viel zu nüchtern. daraufhin schlägt sie vor, mich auf die nötigen getränke einzuladen, und angetan von ihrem koketten charme, muss ich nicht lange überlegen. und schon pflügen wir uns hand in hand durch die menge.

das war einer dieser tage, von denen eigentlich nichts mehr zu erwarten ist, und plötzlich passieren kleine wunder. anfangs war meine laune echt unterkellert. dieses festival war für charlie und mich eingeplant. ihre idee, die karten hatte ich besorgt. doch je länger die sache zwischen uns anhielt, desto fragiler wurde sie zwischen ihr und ... ihm.

was habe ich ihrem typen brechdurchfall an den hals gewünscht, weil er es uns trotz schlecht gespielter zustimmung so schwer machte! keine gelegenheit ließ er aus, um unsere beziehung zu reglementieren, wie viele tage wir am stück miteinander verbringen, an welchen orten wir intim sein durften, welche aktivitäten okay und welche nicht okay wären, alles wollte ihn etwas angehen. ständig hing er sich wie ein teebeutel irgendwo rein, bis es bitter wurde. er nahm enormen einfluss auf uns. besonders charlie kränkelte unter den andauernden konflikten. sie war häufig niedergeschlagen, sagte regelmäßig verabredungen ab, und wenn nicht, blieb sie dennoch abwesend. als ich ihr von meiner begegnung mit nele erzählte, schienen ihre augen etwas ganz anderes zu sagen, als ihr mund, der vorgab, sich für mich zu freuen.

nele hingegen schien hocherfreut, als ich sie von charlie in kenntnis setzte, war erleichtert fast. wie schön es wäre, auf einen menschen zu treffen, der nicht dieser spießigen wahnvorstellung von liebe nacheiferte, die von disney in unsere gehirne gestreamt würde, irgendwie so hatte sie sich ausgedrückt.

mich hatte sie sein lassen. mir die liebe zu charlie zugestanden. und die wut. und die trauer. die enttäuschung und den schmerz, als es zu ende ging.

charlie ertrug es nicht gerne, dass da eine andere war. jetzt ist sie glücklich mit ihrem freund. und ich bin glücklich mit nele. bis gestern jedenfalls. bis zu diesem amourösen fiasko mit axel! bis ich charlie in alkoholgeschwängerter verzweiflung getextet habe. bis sie ihre antworten daraufhin als beharrliches vibrieren an unseren frühstückstisch brachte.

einen bestimmten zeitpunkt gab es, an dem wurde es UNSER frühstückstisch. von da an gab es auch unsere regeln. keine ex-partner. nicht der beste freund. nicht die beste freundin. keine arbeitskollegen! und charlie wurde zum roten tuch.

stelle dir ein system vor, in dem alle gleich sind. alle haben die gleichen rechte. alle haben die gleichen chancen. alle leben selbstbestimmt und genießen eine gänzlich kompromisslose freiheit. es gibt keinerlei regeln, trotzdem tun alle das richtige. niemand wird verletzt. zu viel glück, um undankbar zu sein. zu viel geborgenheit, um einsam zu sein, zu viel hingabe, um neidisch zu sein und generell einfach viel zu viel liebe überall.