Das Geräusch einer Schnecke beim Essen - Elisabeth Tova Bailey - E-Book + Hörbuch

Das Geräusch einer Schnecke beim Essen E-Book

Elisabeth Tova Bailey

4,8
8,99 €

Beschreibung

Durch eine Krankheit ist die Journalistin Elisabeth Bailey ans Bett gefesselt. Als sie von einer Freundin eine Topfpflanze geschenkt bekommt, unter deren Blättern eine Schnecke sitzt, beginnt sie diese zu beobachten. Nachts wird ihr neues Haustier aktiv, fährt seine Fühler aus, geht auf die Jagd und vollführt seltsame Rituale. Fasziniert beschäftigt sich Bailey mit Biologie und Kulturgeschichte der Schnecke und erfährt Verblüffendes über ein unterschätztes Lebewesen. Nun hat sie die Geschichte dieser besonderen Freundschaft aufgeschrieben - ein Buch der Entschleunigung und darüber, wie sich in einem kleinen Detail der Natur die Vielfalt des Lebens finden lässt.

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Seitenzahl: 144

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Nagel & Kimche eBook

Elisabeth Tova Bailey

Das Geräusch einer

Schnecke beim Essen

Aus dem Englischen

von Kathrin Razum

Nagel & Kimche

Der Biophilie gewidmet

Titel der Originalausgabe:

The Sound of a Wild Snail Eating

2010 Algonquin Books of Chapel Hill, North Carolina, USA

© 2012 Nagel & Kimche

im Carl Hanser Verlag München

Herstellung: Andrea Mogwitz und Rainald Schwarz

Satz: Gaby Michel, Hamburg

ISBN 978-3-312-00530-7

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

Unser gesamtes lieferbares Programm

und viele andere Informationen finden Sie unter:

www.hanser-literaturverlage.de

Ein kleines Haustier ist oft

ein ausgezeichneter Gefährte.

Florence Nightingale, Notes on Nursing

[Anmerkungen zur Krankenpflege], 1912

Die Natur ist die Zuflucht des Geistes …

reicher noch als die menschliche Vorstellungswelt.

Edward O. Wilson, Biophilia, 1984

INHALT

PROLOG9

ERSTER TEIL Die Veilchentopfabenteuer

1. Ackerveilchen  15 – 2. Entdeckung  20 – 3. Erkundungen  27

ZWEITER TEIL Ein grünes Königreich

4. Der Waldboden  35 – 5. Leben in einem Mikrokosmos  40 – 6. Zeit und Raum  44

DRITTER TEIL Vergleiche

7. Tausende Zähne  53 – 8. Teleskopfühler  58 – 9. Wundersame Spiralen  65 – 10. Geheimrezepte  71

VIERTER TEIL Das kulturelle Leben

11. Einsiedlerkolonien  79 – 12. Mitternachtssprung  84 – 13. Die Gedanken einer Schnecke  92 – 14. Tiefschlaf  99

FÜNFTER TEIL Liebe und Geheimnis

15. Hermetisches Leben  107 – 16. Schneckenaffären  111 – 17. Untröstlich  120 – 18. Nachkommenschaft  123

SECHSTER TEIL Vertrautes Terrain

19. Befreit  131 – 20. Winterschnecke  136 – 21. Frühlingsregen  141

22. Nächtlicher Sternenhimmel  144

EPILOG  147

DANKSAGUNG  155

ANHANG

Terrarien  161

AUSGEWÄHLTE BIBLIOGRAPHIE  163

QUELLENHINWEIS  169

PROLOG

Viren sind ein integraler Bestandteilder Grundstruktur allen Lebens.

Luis P. Villarreal, The living and dead chemical called a virus[Die lebende und tote chemische Verbindung, die man Virus nennt], 2005

Aus meinem Hotelfenster blicke ich über den tiefen Gletschersee auf das Alpenvorland und die Berge. Als es dämmert, verschmelzen die Hügel mit dem Gebirge, dann verschwindet alles im Dunkeln.

Nach dem Frühstück spaziere ich durch die gepflasterten Dorfstraßen. Es ist kein Frost mehr, und riesige Rosmarinbüsche strecken sich der Sonne entgegen. Ich nehme einen Weg, der sich die steilen, wilden Hügel hinaufwindet, an Schafherden vorbei. Hoch oben auf einem Felsvorsprung mache ich Rast und esse Brot und Käse. Später am Nachmittag entdecke ich am Ufer alte Tonscherben, deren Kanten von Zeit und Wasser glattgeschliffen wurden. Ich erfahre, dass im Dorf eine böse Grippe umgeht.

Ein paar Tage verstreichen, dann folgt eine Nacht voll Fieberphantasien. Meine Träume werden durch das An- und Ablegen von Fähren gestört. Passagiere rufen in der Dunkelheit, schrecken mich aus dem Schlaf. Jedes Mal wenn ich wieder einschlafe, zerrt das Wassergeräusch des Sees an mir. Irgendetwas stimmt nicht mit meinem Körper. Alles fühlt sich verkehrt an.

Am nächsten Morgen bin ich schwach und kann nicht denken. Einige meiner Muskeln gehorchen mir nicht. Mein Zeitgefühl wird schwammig. Ich verirre mich, die Straßen führen in zu viele Richtungen. Wie in einem Nebel ziehen die Tage an mir vorüber. Ich packe meinen Koffer, doch aus irgendeinem Grund kann ich ihn nicht hochheben. Er scheint am Boden festzukleben. Irgendwie gelange ich zum Flughafen. Während des Flugs über den Atlantik sitzt ein kranker Chirurg neben mir, er niest und hustet unaufhörlich. Mein ausnahmsweise genommener, dringend benötigter Urlaub ist nicht so verlaufen wie erhofft. Aber das wird schon alles wieder, ich will nur noch nach Hause.

Nachdem ich in Boston umgestiegen bin, lande ich kurz vor Mitternacht auf meinem kleinen Flughafen in Neuengland. Als ich auf dem Parkplatz meinen Wagen aus dem Schnee ausgraben will und mich vorbeuge, wird die Schaufel zur Krücke, mit der ich mich aufrecht halte. Ich weiß nicht, wie ich nach Hause komme. Am nächsten Morgen sinke ich direkt nach dem Aufstehen ohnmächtig zu Boden. Zehn Tage Fieber mit hämmernden Kopfschmerzen. Mehrmals in der Notaufnahme. Laboruntersuchungen. Ich bin so krank wie noch nie in meinem Leben. Die Lungenentzündung in meiner Kindheit, das Pfeiffersche Drüsenfieber in meiner Collegezeit – das alles war nichts im Vergleich zu dieser Krankheit.

Ein paar Wochen später liege ich auf der Couch und sinke in eine tiefe Dunkelheit, falle und falle, bis ich unvorstellbar fern von allem bin. Ich schaffe es nicht mehr zurück, ich erreiche meinen Körper nicht. In der Ferne die Sirene eines Krankenwagens, die Stimmen von Ärzten. Meine Augenlider schwer wie Felsbrocken. Ich versuche, sie zu heben, nur für ein paar Sekunden, doch sie schließen sich unwillkürlich wieder. Das einzige, was ich noch tun kann, ist atmen.

Die Ärzte werden mich wiederherstellen. Sie werden diesem Zustand ein Ende machen. Ich atme weiter. Was ist, wenn mein Atem stehenbleibt? Ich muss schlafen, aber ich habe Angst vor dem Schlafen. Ich versuche aufzupassen – wenn ich einschlafe, wache ich vielleicht nie wieder auf.

ERSTER TEIL

Die Veilchentopfabenteuer

…ich möchte Sie bitten…, zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen.

Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, 1903

1. Ackerveilchen

Vor meinen FüßenWann bist du dorthin gelangt?Du kleine Schnecke.Kobayashi Issa (1763–1827)

In den ersten Frühlingstagen ging eine Freundin von mir im Wald spazieren und entdeckte zufällig auf dem Weg eine Schnecke. Sie hob sie auf und trug sie in der offenen Hand vorsichtig zu dem Studio, in dem ich zur Genesung untergebracht war. Am Rand des Rasens sah sie ein paar Ackerveilchen stehen. Mit einem Pflanzenheber grub sie einige davon aus, pflanzte sie in einen Terrakottatopf und setzte die Schnecke unter die Blätter. Dann brachte sie den Topf zu mir in die Wohnung und stellte ihn neben mein Bett.

«Ich habe eine Schnecke im Wald gefunden. Ich habe sie dir mitgebracht, sie sitzt hier unter den Veilchenblättern.»

«Wirklich? Warum hast du sie denn mitgebracht?»

«Ich weiß auch nicht. Ich dachte, du hast vielleicht Freude daran.»

«Lebt sie noch?»

Sie hob das eichelgroße, braune Schneckenhaus hoch und betrachtete es.

«Ich glaube schon.»

Warum, fragte ich mich, sollte ich an einer Schnecke Freude haben? Was in aller Welt sollte ich mit ihr anfangen? Aufstehen und sie in den Wald zurückbringen konnte ich nicht. Sie interessierte mich nicht sonderlich, und falls sie wirklich noch lebte, war die Verantwortung – gerade für etwas so Abwegiges wie eine Schnecke – einfach zu groß.

Meine Freundin umarmte mich, verabschiedete sich und fuhr davon.

Mit vierunddreißig Jahren wurde ich auf einer kurzen Europareise von einem mysteriösen viralen oder bakteriellen Krankheitserreger befallen, der schwerwiegende neurologische Symptome hervorrief. Ich hatte mich für unverwundbar gehalten. Aber das war ich nicht. Und ich hatte geglaubt, falls es doch einmal Probleme geben sollte, würde mich die moderne Medizin schon wiederherstellen. Aber dem war nicht so. Auch den Fachärzten mehrerer großer Kliniken gelang es nicht, den Urheber der Infektion zu identifizieren. Über Monate hinweg war ich immer wieder im Krankenhaus, und es kam zu lebensbedrohlichen Komplikationen. Ein noch nicht zugelassenes Medikament, das mir schon in der Erprobungszeit zugänglich gemacht wurde, stabilisierte meinen Zustand, doch es sollte mehrere zermürbende Jahre dauern, bis ich zumindest teilweise genesen war und wieder arbeiten konnte. Meine Ärzte meinten, die Krankheit liege hinter mir, und ich wollte ihnen glauben. Ich war so froh, mein altes Leben fast vollständig wiederzuhaben.

Doch dann erlitt ich aus heiterem Himmel mehrere tückische Rückfälle und war schließlich wieder bettlägerig. Weitere aufwendigere Untersuchungen brachten zutage, dass die Mitochondrien in meinen Zellen nicht mehr richtig funktionierten; alle nicht bewusst gesteuerten Körperfunktionen, darunter auch Herzfrequenz, Blutdruck und Verdauung, waren gestört. Das mittlerweile zugelassene Medikament, das mir zunächst geholfen hatte, zeigte nun gefährliche Nebenwirkungen; wenig später sollte es wieder vom Markt genommen werden.

Auch wenn der Körper zu nichts mehr zu gebrauchen ist, jagt der Geist doch weiter wie ein Bluthund auf den gewohnten Neuronenbahnen dahin und versucht, die Antworten zu einem Wust von Fragen aufzuspüren – das Warum,Was und Wann und das unvorstellbar ferne Wie. Eine erschöpfende Suche, und die Antworten entziehen sich. Manchmal herrschten in meinem Kopf nur Lustlosigkeit und Leere, zu anderen Zeiten waren meine Gedanken in wildem Aufruhr, und ich wurde von unsagbarer Traurigkeit und einem kaum erträglichen Verlustgefühl übermannt.

Bei guter Gesundheit erscheint es einem selbstverständlich, dass das Leben einen Sinn hat, und es ist erschreckend, wie rasch eine Krankheit diese Gewissheit zunichtemachen kann. Ich schaffte es mit Mühe und Not, den einzelnen Moment zu bewältigen, und jeder dieser Momente zog sich hin wie eine endlose Stunde, doch zugleich verstrichen ganze Tage unbemerkt. Auch ungenutzt durchlebte Zeit vergeht, als hätte die Zeit einen unstillbaren Hunger und vertilgte den Tag komplett, ohne einen Krümel, eine Spur, eine Erinnerung zu hinterlassen.

Man hatte mich in einem Studio untergebracht, wo ich besser versorgt werden konnte. Mein Bauernhaus, das ungefähr fünfundsiebzig Kilometer entfernt lag, wurde verschlossen. Ich wusste nicht, ob und wann ich je wieder dorthin würde zurückkehren können. Vorläufig war mir eine Rückkehr nach Hause nur möglich, indem ich die Augen schloss und mich erinnerte. Ich sah den Vorfrühling, die violetten Ackerveilchen – gleich denen an meinen Bett –, die sich im ganzen Garten ausbreiteten. Und die duftenden rosa Stiefmütterchen, die ich in dem kleinen Waldgarten nördlich meines Hauses gepflanzt hatte – auch die blühen jetzt bestimmt. Obwohl sie in diesen nördlichen Regionen eigentlich nicht winterfest waren, überdauerten sie irgendwie. In Gedanken konnte ich ihren süßen Duft riechen.

Vor meiner Krankheit waren meine Hündin Brandy und ich oft durch den ausgedehnten Wald hinter dem Haus zu einem versteckten, in den Bergen entspringenden Bach gelaufen. Sein vom Wetter und den Jahreszeiten erzählendes Lied begleitete uns, während wir mal hier, mal dort auf Steinen, die halb aus dem Wasser lugten, das Bachbett überquerten. Auf dem Rückweg fand ich an einer sehr sumpfigen Stelle auf kleinen Inseln aus Wurzelwerk und Moos winzige wilde Veilchen, weiß mit zartlila gestreiftem Kelch.

Die Ackerveilchen an meinem Bett waren frisch und lebendig, im Gegensatz zu den sonst üblichen Schnittblumen, die andere Freunde mitbrachten. Die Schnittblumen hielten immer nur ein paar Tage, und sie hinterließen trübes, übelriechendes Wasser. In meinen Zwanzigern hatte ich mir mein Geld als Gärtnerin verdient, daher war ich froh, dieses kleine Stückchen Garten direkt neben meinem Bett zu haben. Ich konnte die Veilchen sogar mit meinem Wasserglas gießen.

Aber was war nun mit der Schnecke? Was sollte ich mit ihr anfangen? So klein sie war, hatte sie doch friedlich vor sich hingelebt, als meine Freundin sie aufhob. Welches Recht hatten wir, in ihr Leben einzugreifen? Wobei ich mir nicht vorstellen konnte, wie das Leben einer Schnecke überhaupt aussah.

Ich erinnerte mich nicht daran, auf meinen zahllosen Spaziergängen im Wald je Schnecken gesehen zu haben. Vielleicht, dachte ich mit Blick auf das unscheinbare braune Tier, lag das an ihrem unauffälligen Äußeren. Den Rest des Tages blieb die Schnecke in ihrem Gehäuse, und ich war zu erschöpft von dem Besuch meiner Freundin, um noch einen weiteren Gedanken an meine Schnecke zu verschwenden.

2. Entdeckung

Die Schnecke steht aufUnd legt sich wieder schlafenOhne viel Trara.

Kobayashi Issa (1763–1827)

Um die Abendessenszeit stellte ich überrascht fest, dass die Schnecke halb aus ihrem Gehäuse gekommen war. Sie lebte also. Der sichtbare Teil ihres Körpers war fast fünf Zentimeter lang und feucht. Der Rest war in dem zweieinhalb Zentimeter hohen Schneckenhaus verborgen, das sie elegant auf dem Rücken balancierte. Ich sah zu, wie sie langsam an der Seite des Blumentopfs hinabkroch. Während sie dahinglitt, wedelte sie sanft mit den Fühlern.

Den ganzen Abend lang erkundete die Schnecke die Außenwand des Topfes und den Untersetzer, in dem er stand. Ihr gemächliches Tempo faszinierte mich. Ich fragte mich, ob sie im Lauf der Nacht davonkriechen würde. Vielleicht würde ich sie nie mehr wiedersehen, und das Schneckenproblem würde sich in Wohlgefallen auflösen.

Doch als ich am nächsten Morgen nachschaute, war die Schnecke wieder im Topf; in ihr Gehäuse zurückgezogen, schlief sie unter einem Veilchenblatt. Am Abend zuvor hatte ich einen Briefumschlag gegen den Lampenfuß gelehnt. Jetzt entdeckte ich direkt unter dem Absender ein rätselhaftes quadratisches Loch. Ich war verblüfft. Wie konnte über Nacht ein Loch – noch dazu ein quadratisches – in einem Umschlag erscheinen? Dann fielen mir die Schnecke und ihre Betriebsamkeit am Abend ein. Sie war offenkundig nachtaktiv. Und sie musste so etwas wie Zähne besitzen, die einzusetzen sie sich nicht scheute.

Als gesunder Mensch hatte ich ein sehr aktives Leben geführt, das mit Freunden, Familie und Arbeit, mit den Freuden des Gärtnerns, Wanderns und Segelns und dem gewohnten Alltagstrott ausgefüllt war: Frühstück machen, den Wald erkunden, zur Arbeit fahren, ein Buch lesen, aufstehen, um etwas zu holen. Jetzt wäre schon Letzteres – aufzustehen, um irgendetwas, egal was, zu holen – eine echte Leistung gewesen. Für mich auf meinem Lager war das Leben außer Reichweite.

Die Monate verstrichen, und es fiel mir zunehmend schwer, mir in Erinnerung zu rufen, warum die endlosen Details eines von Gesundheit geprägten Lebens und einer guten Arbeitsstelle so wichtig gewesen waren. Es war seltsam zu beobachten, dass meine Freunde ihr geschäftiges Leben kaum in den Griff bekamen, wo sie doch all das tun konnten, was ich nicht tun konnte, ohne einen Gedanken darauf verschwenden zu müssen.

Hatte früher die Zukunft mit zahlreichen möglichen Marschrouten gelockt, gab es jetzt nur noch einen, jedoch nicht gangbaren Weg. Also wandten sich meine Gedanken stattdessen den reichhaltigen Sedimentschichten der Vergangenheit zu. Ein Windhauch, der durch das offene Fenster hereinkam, weckte die Erinnerung an eine Überquerung der Penobscot Bay auf dem Bugspriet eines Schoners. Der schlichte Wunsch, mir die Zähne zu putzen, führte mir das Badezimmer in meinem Bauernhaus mit seinem Ausblick auf die alten Apfelbäume und den Mohnblumengarten vor Augen. Es hatte mich heiter gestimmt, die über dem Mohn aufgehängte Wäsche zu sehen: Vor den Gelb-, Orange- und Rottönen hoben sich die blauen Laken und die Nachthemden, deren Ärmel zu den Blumen hinunterreichten, sehr schön ab.

An meinem zweiten Morgen mit der Schnecke entdeckte ich wieder ein quadratisches Loch, diesmal in einer neben meinem Bett liegenden Liste. Mit jedem weiteren Morgen tauchten weitere Löcher auf. Ihre quadratische Form verblüffte mich nach wie vor. Meine Freunde waren überrascht und amüsiert, wenn sie von mir eine Postkarte mit einem kleinen Loch erhielten, das mit einem Pfeil und dem hingekritzelten Kommentar versehen war: «Von meiner Schnecke gefressen.»

Mir dämmerte, dass die Schnecke etwas Richtiges zu fressen brauchte. Normalerweise ernährte sie sich vermutlich nicht von Briefen und Umschlägen. In einer Vase neben meinem Bett standen ein paar längst verwelkte Blumen. Eines Abends legte ich einige der welken Blüten in den Untersetzer des Veilchentopfs. Die Schnecke war wach. Sie kroch den Topf hinunter, inspizierte die Gabe interessiert und machte sich daran, eine der Blüten zu verzehren. In kaum wahrnehmbarer Geschwindigkeit begann ein Blütenblatt zu verschwinden. Ich horchte genau hin. Ich konnte hören, wie sie fraß. Es klang, als mampfte jemand sehr Kleines unablässig Selleriestangen. Gebannt sah ich zu, wie die Schnecke im Lauf einer Stunde systematisch ein komplettes purpurrotes Blütenblatt verspeiste.

Das leise, anheimelnde Geräusch der Schnecke beim Fressen gab mir ein Gefühl von Gemeinschaft, von Zusammenleben. Und es freute mich, dass ich die welken Blumen, die neben meinem Bett standen, weiterverwerten konnte, um ein bedürftiges kleines Lebewesen damit zu ernähren. Ich für meinen Teil mochte meinen Salat ja lieber frisch, aber der Schnecke war vergammelter Salat eindeutig lieber, denn an den lebenden Veilchen, in deren Schutz sie schlief, hatte sie noch kein einziges Mal geknabbert. Man muss die Vorlieben anderer Lebewesen respektieren, egal wie groß oder klein sie sind, und das tat ich mit Freuden.

Das Studio, in dem ich untergebracht war, hatte viele Fenster und einen schönen Ausblick auf eine Salzwiese. Doch die Fenster waren weit von meinem Bett entfernt, und ich konnte mich nicht aufsetzen, um hinauszuschauen. Licht fiel durch die Fenster zwar herein, aber die Welt, die sie umrahmten, lag außerhalb meines Blickfeldes. Anders als in meinem Bauernhaus, das voller Farben war, erwachte ich hier jeden Morgen in einem Raum, dessen Wände und Decke vollkommen weiß waren – ich fühlte mich in einer kahlen weißen Kiste eingesperrt.

In den ersten Jahren meiner Krankheit hatte ich unzählige Stunden auf einer Bettcouch in meinem Bauernhaus verbracht, das in den 1830er Jahren erbaut wurde, und zu den von Hand behauenen Deckenbalken hinaufgeschaut. Ihre warmen, goldbraunen Farbtöne waren Balsam für meine Seele gewesen. Die Astlöcher erzählten Geschichten von Bäumen und einstiger Wildnis, und die quadratischen Nagelköpfe, die hier und da herausragten, hatten einmal einen Zweck erfüllt. Sämtliche Zimmer im Haus waren mit einer Kalk-Kasein-Farbe gestrichen. In dem Zimmer, in dem ich lag, war es ein dunkles Blau, wandte ich den Kopf, konnte ich Rot in der Küche, Grün im Bad und ein ruhiges Grau im Wohnzimmer sehen.