Das geschenkte Leben - Robert A. Heinlein - E-Book

Das geschenkte Leben E-Book

Robert A. Heinlein

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Beschreibung

Johann Sebastian Smith ist reich. So reich, dass er sich alles im Leben kaufen kann. Sogar das Leben selbst. Als er im stolzen Alter von fünfundneunzig Jahren im Sterben liegt, beschließt der geistig topfitte Smith sein Gehirn in einen anderen Körper transplantieren zu lassen. Die Operation ist ein voller Erfolg: Der alte, gebrechliche Mann erwacht im gesunden, jungen Körper ... einer schönen Frau!

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EPUB

Seitenzahl: 634

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Das Buch

Johann Sebastian Smith hat alles, was man sich nur wünschen kann: Er ist ein findiger Geschäftsmann, hat zahlreiche Frauen in seinem Leben verführt, und er ist einer der reichsten Männer der Welt. Nun allerdings liegt er, im Alter von fünfundneunzig Jahren, im Sterben. Doch auch dafür hat der geistig noch topfitte Smith eine bahnbrechende Lösung parat: Als erster Mensch überhaupt lässt er sein Gehirn in einen anderen Körper transplantieren. Die Operation ist ein grandioser Erfolg, jedoch mit einer überraschenden Wendung: Als Johann Sebastian Smith nach dem Eingriff zum ersten Mal in den Spiegel sieht, blickt ihm statt eines kraft strotzenden Mannes das wunderschöne Gesicht seiner Sekretärin Eunice entgegen. Nachdem er den ersten Schrecken überwunden hat, sieht Johann Sebastian Smith seinem neuen Dasein voller Optimismus entgegen. Doch das Leben als begehrenswerte, junge Frau ist komplizierter, als er es sich je hätte träumen lassen …

Der Autor

Robert A. Heinlein wurde 1907 in Missouri geboren. Er studierte Mathematik und Physik und verlegte sich schon bald auf das Schreiben von Science-Fiction-Romanen. Neben Isaac Asimov und Arthur C. Clarke gilt Heinlein als einer der drei Gründerväter des Genres im 20. Jahrhundert. Sein umfangreiches Werk hat sich millionenfach verkauft, und seine Ideen und Figuren haben Eingang in die Weltliteratur gefunden. Die Romane Fremder in einer fremden Welt und Mondspuren gelten als seine absoluten Meisterwerke. Heinlein starb 1988.

Mehr über Robert A. Heinlein und seine Romane erfahren Sie auf:

ROBERT A. HEINLEIN

Das

geschenkte

Leben

ROMAN

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

I WILL FEAR NO EVIL

Deutsche Übersetzung von Günter M. Schelwokat

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Überarbeitete Neuausgabe: 07/2018

Copyright © 1970 by Robert A. Heinlein

Copyright © 2018 dieser Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Das Illustrat GbR, München,

unter Verwendung eines Motivs von Irina Bg/Shutterstock

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-18047-8V001

www.diezukunft.de

1

Der Raum war altmodisch, im Neobarock der 1980er-Jahre, aber er war groß, hoch und luxuriös. In der Nähe imitierter Aussichtsfenster stand ein automatisiertes Krankenhausbett, das fehl am Platze wirkte, jedoch weitgehend hinter einem prächtigen chinesischen Wandschirm verborgen war. Zwölf Meter davon entfernt befand sich ein Konferenztisch, der ebenfalls nicht zur Einrichtung passte. Am Kopfende des Tisches stand ein mit einem Lebenserhaltungssystem ausgerüsteter Rollstuhl. Kabel und Schlauchleitungen verbanden den Rollstuhl mit dem Bett.

Nahe beim Rollstuhl saß eine junge Frau an einem fahrbaren Schreibmaschinentisch, auf dem sich Mikrofone, eine Sprechschreibmaschine, Telefon, Kalenderuhr, Steuertasten und andere Utensilien drängten.

Die junge Frau war schön, und ihr Benehmen war das der perfekten, unaufdringlichen Sekretärin, aber sie war nach der zurzeit beliebten »Halb und Halb«-Mode gekleidet, was ihr ein ziemlich exotisches Aussehen verlieh. Sie steckte in einem hautengen Jerseyanzug, der ihre rechte Körperhälfte schwarz und die linke scharlachrot umhüllte. Am roten Fuß trug sie eine schwarze Sandale, am schwarzen eine rote. Die Zweiteilung in Scharlachrot und Schwarz setzte sich in der Bemalung ihres Gesichts und ihrer Hände fort.

Auf der anderen Seite des Rollstuhls war eine ältere Frau in konventioneller Krankenschwestertracht. Sie beachtete nur die Instrumente auf ihrer fahrbaren Kontrollkonsole und den Patienten im Rollstuhl. Um den Konferenztisch saßen neun oder zehn Männer, die meisten von ihnen in der sportlich-legeren Kleidung, wie sie bei älteren Vorstandsmitgliedern beliebt war.

Im Rollstuhl kauerte ein sehr alter Mann. Bis auf seine ruhelosen und misstrauischen kleinen Augen sah er wie ein schlecht einbalsamierter Leichnam aus. Keine kosmetischen Mittel waren verwendet worden, um seine Hinfälligkeit zu übertünchen.

»Ghoul«, sagte er leise zu einem der am Tisch sitzenden Männer. »Sie sind ein verdammter Ghoul, Parky. Hat Ihr Vater Ihnen nicht beigebracht, dass man wartet, bis jemand aufgehört hat zu atmen, bevor man ihn beerdigt? Oder hatten Sie gar keinen Vater? Streich diese Sätze, Eunice. Meine Herren, Mr. Parkinson hat angeregt, dass man mir den Rücktritt als Vorstandsvorsitzender nahelegt. Darf ich wissen, wer seinen Vorschlag unterstützt?«

Er wartete, blickte von Gesicht zu Gesicht und sagte dann: »Nanu? Wer lässt Sie im Stich, Parkinson? Sie, George?«

»Ich hatte nichts damit zu tun.«

»Aber Sie würden gern mit Ja stimmen. Da keine weiteren Vorstandsmitglieder sich dem Antrag anschließen, verfällt er der Ablehnung.«

»Ich ziehe meinen Antrag zurück.«

»Zu spät, Parkinson. Löschungen im Sitzungsprotokoll werden nur auf einstimmigen Beschluss gemacht, und ich, Johann Sebastian Smith, bin dagegen. Diese Regel habe ich schon eingeführt, bevor Sie überhaupt lesen gelernt haben.«

Smith blickte wieder in die Runde. »Aber ich habe Neuigkeiten. Wie Sie von Mr. Teal gehört haben, sind unsere Unternehmungen gesund. Die Ertragslage ist überall gut. Ich sehe das als einen guten Zeitpunkt an, mich von den Geschäften zurückzuziehen.«

Smith wartete, dann sagte er: »Sie können Ihre Münder wieder schließen. Machen Sie nicht so ein selbstzufriedenes Gesicht, Parkinson; ich habe noch mehr Neuigkeiten auf Lager. Ich werde als Vorsitzender des Aufsichtsrats die Oberleitung behalten, mich aber nicht mehr um die Tagesgeschäfte kümmern. Unser juristischer Chefberater, Mr. Jake Salomon, wird mein Stellvertreter im Aufsichtsrat, und …«

»Moment, Johann. Ich habe keineswegs vor, diesen Zirkus zu leiten.«

»Davon ist auch nicht die Rede, Jake. Aber du kannst den Vorsitz übernehmen, wenn ich gerade nicht zur Verfügung stehe. Oder ist das zu viel verlangt?«

»Nein, ich glaube nicht.«

»Danke. Mr. Byram Teal wird Vorstandsvorsitzer und Präsident der Unternehmensgruppe Smith. Er tut die Arbeit schon lange; es ist an der Zeit, dass er auch den Titel bekommt – und die Bezahlung, die Optionen auf Stammaktien und all die anderen Nebeneinnahmen und Privilegien und Steuerschlupflöcher. Nicht mehr als recht und billig.«

Parkinson sagte: »Hören Sie mal, Smith!«

»Für Sie immer noch Mr. Smith. Was haben Sie zu sagen?«

Parkinson beherrschte sich. Nach kurzer Pause sagte er: »Wie Sie wollen, Mister Smith. Ich kann dies nicht akzeptieren. Ganz abgesehen davon, dass Sie Ihren Assistenten ohne vorherige Rücksprache mit den übrigen Vorstandsmitgliedern kurzerhand zum Vorsitzenden und Präsidenten der Unternehmensgruppe machen, muss ich berücksichtigt werden, wenn es zu einem Wechsel in der Führungsspitze kommt. Ich vertrete den zweitgrößten Block von stimmberechtigten Aktien.«

»Ich habe in Erwägung gezogen, Sie zum Präsidenten zu machen.«

»Tatsächlich?«

»Ja, ich habe darüber nachgedacht – und dann musste ich lachen.«

»Sie …«

»Sprechen Sie es nicht aus, ich könnte Sie verklagen. Sie vergessen, dass ich noch immer die Aktienmehrheit halte. Und was Ihren Block angeht – In der Satzung steht, dass jeder, der zehn oder mehr Prozent der stimmberechtigten Aktien vertritt, automatisch in den Vorstand einzieht, ob er dort gern gesehen ist oder nicht. Byram, wie ist der letzte Stand bei Aktienverkäufen und Kapitalanteilen?«

»Wollen Sie eine vollständige Übersicht, Mr. Smith?«

»Nein. Sagen Sie Mr. Parkinson, wo er steht, das genügt.«

»Ja, Sir. Mr. Parkinson, Sie kontrollieren derzeit weniger als neun Prozent des stimmberechtigten Kapitals.«

Smith hüstelte. »Damit sehe ich die Voraussetzungen für Ihren weiteren Verbleib im Vorstand als nicht mehr gegeben an, Mr. Parkinson. Jake, du regelst alle mit seinem Ausscheiden verbundenen Formalitäten. Byram, bis zur Entscheidung über einen Nachfolger für Mr. Parkinson verwalten Sie seinen Geschäftsbereich. Weitere Fragen? Keine. Dann können wir die Sitzung beenden. Bleib noch eine Weile da, Jake. Sie auch, Eunice. Und Byram, wenn Sie noch etwas zu besprechen haben.«

Parkinson sprang auf. »Sie werden noch von mir hören, Smith!«

»Daran zweifle ich nicht«, sagte der alte Mann. »Einstweilen meine Grüße an Ihre Schwiegermutter, und sagen Sie ihr, dass Byram sie weiterhin reich machen wird, obwohl ich Sie gefeuert habe.«

Parkinson ging ohne ein weiteres Wort. Die anderen standen nun gleichfalls auf, um den Raum zu verlassen. Smith sagte sanft: »Jake, wie kann einer fünfzig Jahre alt werden, ohne Fingerspitzengefühl zu entwickeln? Die einzige kluge Handlung im Leben dieses Burschen war, dass er sich eine reiche Schwiegermutter aussuchte. Ja, Hans?«

»Johann«, sagte Hans von Ritter, »mir hat nicht gefallen, wie du mit Parkinson umgesprungen bist.«

»Danke. Du bist wenigstens offen mit mir. Das ist heutzutage selten.«

»Dass du ihn aus dem Vorstand entfernt hast, ist in Ordnung; er ist ein Quertreiber. Aber es war nicht nötig, ihn zu demütigen.«

»Kann sein. Eine von meinen kleinen Freuden, Hans. Ich habe in diesen Tagen nicht viele.«

Während ein Diener den Konferenztisch aufräumte und die Stühle ordnete, fuhr von Ritter fort: »Ich habe nicht vor, mich so behandeln zu lassen. Wenn du nur Jasager um dich haben willst, dann lass uns bei dieser Gelegenheit feststellen, dass ich viel weniger als fünf Prozent der stimmberechtigten Aktien kontrolliere. Willst du meinen Rücktritt?«

»Lieber Gott, nein! Ich brauche dich, Hans – und Byram wird dich noch mehr brauchen. Und du irrst dich; mit Jasagern kann ich nichts anfangen. Ein Mann muss den Mut haben, seine eigene Meinung zu vertreten, auch wenn sie nicht die meine ist. Aber wenn einer gegen mich aufmuckt, dann soll er es intelligent tun. Du tust das. Du hast mich mehrmals gezwungen, meine Meinung zu ändern – keine leichte Sache bei meinem Eigensinn. Aber was Parkinson angeht: Ich war berechtigt, ihn öffentlich zusammenzustauchen, weil er öffentlich meinen Rücktritt verlangt hatte. Nichtsdestoweniger hast du recht, Hans; eine Retourkutsche ist kindisch. Noch vor zehn Jahren würde ich niemals einen Mann gedemütigt haben. Jemanden demütigen heißt, ihn zur Revanche zwingen. Ich hätte es vermeiden sollen. Aber ich werde senil, wie wir alle wissen.«

Von Ritter sagte nichts. Smith fuhr fort: »Willst du bleiben und Byram helfen?«

»Ah … ich werde bleiben. Solange du dich benimmst.« Er wandte sich zum Gehen.

»Gut. Hans? Wirst du bei meiner Totenwache tanzen?«

Von Ritter blickte zurück und lachte. »Mit Vergnügen!«

»Dachte ich mir. Danke, Hans. Adieu.« Smith wandte sich an Byram Teal. »Was gibt es, Byram?«

»Morgen kommt der Vertreter des Generalstaatsanwalts aus Washington, um mit Ihnen über unsere Übernahme der Homecrafts Ltd. zu sprechen. Ich glaube …«

»Sie werden mit ihm sprechen. Wenn Sie nicht mit ihm fertigwerden, habe ich den falschen Mann ausgewählt. Was sonst?«

»Die Meeresfarm fünf meldet, dass sie einen Gärtnereiarbeiter verloren hat. Ein Hai hat ihn erwischt.«

»Verheiratet?«

»Nein. Auch keine abhängigen Familienmitglieder.«

»Nun«, sagte der alte Mann, »tun Sie, was gut aussieht, was immer es ist. Wir dürfen in der Öffentlichkeit nicht den Eindruck entstehen lassen, wir scherten uns nicht darum.«

Jake Salomon sagte: »Umso weniger, als es sich so verhält.«

Smith schnalzte missbilligend. »Kannst du Gedanken lesen, Jake?«

»Johann, du hast kein Herz, hattest nie eins – nur eine Rechenmaschine und Kurstabellen.«

Smith lächelte. »Jake, für dich werden wir eine Ausnahme machen. Wenn du stirbst, werden wir versuchen, es nicht zu bemerken. Keine Blumen, nicht einmal die übliche ganzseitige Traueranzeige in unseren Hauszeitschriften.«

»Darüber wirst du nichts zu sagen haben, Johann. Ich werde dich um zwanzig Jahre überleben.«

»Du willst auch bei meiner Totenwache tanzen?«

»Ich tanze nicht«, antwortete der Anwalt, »aber du bringst mich in Versuchung, es zu lernen.«

»Spar dir die Mühe. Ich werde dich überleben, Jake. Wollen wir wetten? Nein, lieber nicht; ich brauche deine Hilfe, um am Leben zu bleiben. Byram, kommen Sie morgen vorbei, wann es Ihnen am besten passt. Ich bin immer da, he he«, Smith kakelte in seiner fistelnden Altmännerstimme, dann wandte er mit einem vogelähnlichen Ruck seinen Kopf zur Seite und sagte: »Lassen Sie uns allein, Schwester; ich will mit meinem Anwalt reden.«

»Nein, Sir. Doktor Garcia hat Ihre ständige Überwachung angeordnet.«

Smith blickte verdutzt, dann schnarrte er: »Miss Bettpfanne, ich habe meine Sprechgewohnheiten angenommen, als die Herren vom Obersten Gerichtshof noch schmutzige Worte auf Hauswände und Gehsteige schrieben. Aber ich werde versuchen, mich so einfach auszudrücken, dass Sie mich verstehen. Ich habe Sie angestellt. Ich zahle Ihr Gehalt. Dies ist mein Haus. Ich sagte Ihnen, dass Sie hinausgehen sollen. Das ist ein Befehl.«

Die Krankenschwester machte ein trotziges Gesicht und schwieg.

Smith seufzte. »Jake, ich werde alt – ich vergesse, dass sie ihren eigenen Regeln folgen. Kannst du Doktor Garcia ausfindig machen und klären, wie wir zwei trotz dieses allzu getreuen Wachhundes ein vertrauliches Gespräch führen können?«

Kurz darauf traf Dr. Garcia ein, warf kurze Blicke auf Instrumente und Patient und räumte ein, dass man die Überwachung eine Weile den Geräten überlassen könne.

»Ja, Doktor«, sagte die Krankenschwester. »Können Sie eine Schwester zu meiner Ablösung schicken? Ich möchte diese Stelle aufgeben.«

»Nun, Schwester …«

»Moment, Doktor«, sagte Smith. »Miss MacIntosh, ich bitte um Verzeihung, dass ich Sie Miss Bettpfanne genannt habe. Kindisch von mir, ein weiteres Zeichen zunehmender Senilität. Sie haben Ihre Arbeit gut getan, trotz meines in vielen Fällen unvernünftigen Benehmens. Ich würde mich freuen, wenn Sie Nachsicht mit einem alten Mann üben und bleiben würden.«

»Ah … kommen Sie mit hinaus, Schwester«, sagte der Arzt.

Als die beiden gegangen waren, sagte Jake Salomon trocken: »Du bist nur dann senil, wenn es dir in den Kram passt, Johann.«

Smith schmunzelte. »Ich nütze Alter und Krankheit aus. Es sind die einzigen Waffen, die ich noch habe.«

»Du hast Geld.«

»Ah, ja. Ohne Geld würde ich nicht mehr leben. Aber ich bin in diesen Tagen sehr reizbar und frustriert. Wenn man immer aktiv gewesen ist, kann man sich mit diesem Gefangenenleben nicht abfinden. Aber es ist einfacher, all das mit Senilität zu erklären; Gott und meine Ärzte wissen, dass mein Körper senil ist.«

»Ich nenne es schlechte Laune, Johann, nicht Senilität – denn du kannst sie kontrollieren, wenn du willst. Aber bei mir kommst du damit nicht durch, verlass dich darauf.«

Smith schmunzelte. »Ich weiß, Jake. Ich würde es auch nicht versuchen, weil ich dich brauche. Noch dringender, als ich Eunice brauche – obwohl sie viel hübscher ist. Was sagen Sie, Eunice? War mein Benehmen in letzter Zeit schlecht?«

Seine Sekretärin zuckte die Achseln. »Manchmal sind Sie ziemlich ekelhaft, Boss. Aber ich habe gelernt, das zu ignorieren.«

»Siehst du, Jake? Würde Eunice wie du sein und sich weigern, meine Launen hinzunehmen, müsste ich mich ändern. Wie es ist, gebrauche ich sie als Überdruckventil.«

Salomon sagte: »Eunice, wenn Sie von diesem boshaften alten Wrack die Nase voll haben, können Sie jederzeit bei mir anfangen, zu einem besseren Gehalt, als Sie es bei ihm kriegen.«

»Eunice, Ihr Gehalt ist ab sofort verdoppelt!«

»Danke, Boss«, sagte sie. »Ich habe es auf Band genommen. Und die Zeit. Ich werde die Buchhaltung verständigen.«

Smith kakelte. »Siehst du, warum ich sie behalte? Versuche nicht, mich zu überbieten, du alter Ziegenbock.«

»Senil«, knurrte Salomon. »Da wir gerade vom Geld sprechen, wen willst du auf Parkinsons Vorstandssessel setzen?«

»Das hat keine Eile. Was er an Aufgaben in der Verwaltung hatte, kann Byram nebenbei erledigen. Hast du einen Kandidaten, Jake?«

»Nein. Obwohl mir eben einfiel, dass Eunice ein guter Tipp sein könnte.«

Eunice machte ein erschrockenes Gesicht, dann wurde ihre Miene ausdruckslos. Smith zupfte nachdenklich an der Decke, die seine Beine umhüllte. »Der Gedanke war mir noch nicht gekommen. Aber es könnte eine perfekte Lösung sein. Eunice, hätten Sie Lust, Vorstandsmitglied und Direktorin in der Dachgesellschaft zu werden?«

Eunice schaltete die Tonaufnahme aus. »Sie machen sich beide über mich lustig! Hören Sie auf damit.«

»Liebes Kind«, sagte Smith sanft, »Sie wissen, dass ich in Geldangelegenheiten nicht scherze. Und für Jake ist Geld der einzige Gegenstand, der ihm heilig ist – er hat seine Tochter und seine Großmutter nach Rio verkauft.«

»Nicht meine Tochter«, sagte Salomon. »Bloß Großmutter – und sie brachte nicht viel. Aber es gab uns ein zusätzliches Zimmer.«

»Aber Boss, ich verstehe nichts von der Leitung einer Konzernabteilung!«

»Das wäre auch nicht nötig. Die Direktoren einer Holding beschäftigen sich nicht mit Problemen der Produktion und so weiter, sie legen die Unternehmenspolitik fest. Außerdem wissen Sie mehr über Verwaltung als die meisten anderen Vorstandsmitglieder; Sie sind seit Jahren in alle wichtigen Entscheidungen eingeweiht, Eunice. Und ich sehe echte Vorteile in Jakes halb scherzhafter Anregung. Sie haben an allen Vorstandssitzungen teilgenommen, um das Protokoll aufzunehmen. Das werden Sie auch weiterhin tun, ebenso wie Sie meine persönliche Sekretärin bleiben. Der Unterschied wird hauptsächlich darin liegen, dass Sie eine Menge Geld verdienen und zu allen Vorstandsentscheidungen Ihre Stimme abgeben werden. Nun kommen wir zur Schlüsselfrage: Sind Sie bereit, immer wie Jake Salomon zu stimmen?«

Sie blickte verwirrt. »Wenn Sie es wünschen … Aber ist das wirklich Ihr Ernst, Boss?«

»So wie Jake, oder wie ich, sofern ich anwesend bin. Wenn Sie sich zurückerinnern, wird Ihnen klar werden, dass wir in wesentlichen Punkten der Firmenpolitik immer gemeinsam abgestimmt haben. Lesen Sie notfalls die Protokolle nach, dann sehen Sie es.«

»Das ist mir schon vor geraumer Zeit aufgefallen«, meinte sie, »doch ich habe es nicht als meine Aufgabe angesehen, diesen Umstand zu kommentieren.«

»Jake, sie ist unser neues Vorstandsmitglied. Noch ein Punkt, Eunice: Sollte sich herausstellen, dass wir Ihren Posten brauchen, werden Sie Ihren Vorstandssessel in einem solchen Fall freiwillig räumen? Ich würde dafür sorgen, dass Sie finanziell nicht darunter zu leiden hätten.«

»Selbstverständlich, Sir. Ich brauche nicht bezahlt zu werden, um darin einzuwilligen.«

»Trotzdem, Sie sollen dabei nicht verlieren. Jetzt fühle ich mich besser. Eunice, ich musste Teal den Vorstandsvorsitz überlassen, aber ich möchte Jake mehr Einfluss auf die Unternehmenspolitik verschaffen. Dafür braucht er möglichst viele sichere Stimmen, die ihn unterstützen. Gut, Eunice, Sie werden also in den Vorstand gehen. Jake wird das in einem Vertrag fixieren, und er wird für die Eintragung ins Handelsregister sorgen. Willkommen in den Reihen des Establishments, Eunice. Sie sind von der Lohnsklavin in die Klasse der kapitalistischen Ausbeuter, Imperialisten, Kriegstreiber, Reaktionäre, Faschisten, Unterdrücker und Blutsauger aufgestiegen. Was für ein Gefühl haben Sie dabei?«

»Vorläufig noch keins«, sagte Eunice nüchtern. »Das wird sich wohl erst mit dem großen Geld einstellen.«

»Ich habe keine Zeit«, grollte Salomon. »Dein Vokabular in Ehren, Johann, aber ist die Konferenz beendet?«

»Was? Im Gegenteil! Jetzt kommt der streng geheime Teil, der Grund, warum ich die Krankenschwester fortschickte. Kommt näher, Kinder.«

»Johann, lass mich eine Frage stellen, bevor du Geheimnisse ausplauderst. Hat dieses Bett ein Mikrofon? Auch der Rollstuhl könnte mit einem Abhörgerät versehen sein.«

»Eh?« Der alte Mann blickte verdutzt. »Ich hatte immer einen Klingelknopf am Bett … bis sie anfingen, mich rund um die Uhr zu überwachen.«

»Zehn zu eins, dass du abgehört wirst. Eunice, liebes Kind, könnten Sie nachsehen?«

»Ich weiß nicht – ich kenne mich mit den Geräten nicht aus; sie sind nicht wie die an meinem Stenotisch. Aber ich werde nachsehen.« Eunice verließ ihren Platz und studierte die Konsole neben dem Rollstuhl. »Diese zwei Skalen sind bestimmt mit Mikrofonen verbunden; sie sind für Herzschlag und Atmung. Aber sie zeichnen keine Stimmen auf, denn die Zeiger schlagen nicht aus, wenn wir reden. Was diese anderen Instrumente bedeuten, weiß ich nicht. Und man könnte die Stimmengeräusche vor einem Geräuschfilter abzapfen. Tut mir leid.«

»Macht nichts«, sagte der Anwalt. »Seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hat es in diesem Land keine wirkliche Zurückgezogenheit mehr gegeben. Ich könnte einen Mann anrufen, von dem ich weiß, und Sie in Ihrem Bad fotografieren lassen, und Sie würden es überhaupt nicht merken.«

»Wirklich? Was für eine schreckliche Vorstellung. Wie viel berechnet dieser Mensch für eine solche Arbeit?«

»Viel. Es hängt von den Schwierigkeiten ab und wie groß die Gefahr einer Strafanzeige für ihn ist. Nie weniger als ein paar Tausend Dollar, und von da aufwärts. Aber er kann es.«

Eunice schaute nachdenklich drein, lächelte dann. »Mr. Salomon, sollten Sie jemals ein solches Bild von mir haben wollen, so rufen Sie mich an, damit ich Ihnen ein Konkurrenzangebot machen kann. Mein Mann hat eine ausgezeichnete chinesische Kamera, und ich lasse mich lieber von ihm als von irgendeinem Fremden in der Badewanne fotografieren.«

»Zur Sache, bitte!«, krächzte Smith. »Eunice, wenn Sie diesem alten Lüstling Aktfotos verkaufen wollen, dann tun Sie es in Ihrer Freizeit. Ich verstehe zwar nichts von diesen technischen Geräten, aber ich weiß, wie wir das Problem lösen können. Eunice, gehen Sie zu dem Raum, von dem aus die medizinischen Einrichtungen überwacht werden – ich glaube, es ist die Tür neben meinem Wohnzimmer. Dort werden Sie Miss MacIntosh finden. Bleiben Sie etwa drei Minuten dort. Ich warte zwei Minuten und rufe dann: ›Miss MacIntosh! Ist Mrs. Branca bei Ihnen?‹ Wenn Sie mich hören, wissen wir, dass sie schnüffelt. Wenn nicht, kommen Sie nach Ablauf der drei Minuten wieder zurück.«

»Ja, Sir. Soll ich Miss MacIntosh irgendeine Erklärung geben?«

»Erzählen Sie dem alten Schlachtross, was immer Sie wollen. Ich will einfach nur wissen, ob sie lauscht.«

»Ja, Sir.« Eunice begab sich zur Tür und drückte im gleichen Moment auf den Öffner, als der Summer ertönte. Die Tür glitt zur Seite und zeigte Miss MacIntosh, die überrascht zurückfuhr.

Nachdem sie sich erholt hatte, meinte die Schwester: »Darf ich einen Moment hereinkommen?«

»Sicher«, erwiderte Smith.

»Danke, Sir.« Die Krankenschwester ging zum Bett hinüber und betätigte vier Schalter an der Konsole. Dann baute sie sich vor ihrem Patienten auf und sagte: »Jetzt ist Ihre Privatsphäre vollständig gewahrt, jedenfalls soweit es meine Geräte betrifft, Sir.«

»Danke sehr.«

»Ich bin eigentlich nicht befugt, die akustische Überwachung abzustellen, es sei denn auf Anweisung des Arztes. Ihre Privatsphäre war allerdings trotzdem nicht beeinträchtigt. Ich bin genau wie ein Arzt gehalten, das Privatleben eines Patienten zu achten, deshalb lausche ich niemals den Gesprächen in einem Krankenzimmer. Ich höre sie nicht einmal! Sir.«

»Regen Sie sich wieder ab. Wenn Sie nicht gelauscht haben, woher wussten Sie dann, dass wir über dieses Thema gesprochen haben?«

»Oh! Weil mein Name erwähnt wurde. Meinen Namen zu hören lässt mich aufmerken. Ist ein bedingter Reflex. Allerdings nehme ich an, Sie glauben mir nicht?«

»Ganz im Gegenteil. Schalten Sie bitte wieder ein, was Sie da eben abgeschaltet haben. Und dann behalten Sie bitte im Auge, dass ich meine Privatsphäre brauche … im Gegenzug werde ich darauf achten, Ihren Namen nicht zu erwähnen. Ich bin jedoch froh, dass ich Sie jederzeit direkt erreichen kann. Für einen Mann meines Gesundheitszustandes ist das sehr beruhigend.«

»Äh, ja, Sir.«

»Und ich möchte Ihnen danken, dass Sie meine Eigenheiten ertragen. Und meine schlechte Laune.«

Sie lächelte fast. »Oh, das ist gar nicht so schlimm, Sir. Ich habe zwei Jahre lang in einer geriatrischen Klinik gearbeitet.«

Smith blinzelte überrascht und grinste dann. »Touché! Haben Sie dort Ihre Abneigung gegen Bettpfannen entwickelt?«

»Ganz genau. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, Sir …«

Als sie gegangen war, sagte Salomon: »Glaubst du wirklich, sie würde nicht lauschen?«

»Natürlich wird sie, das kann sie gar nicht verhindern, ganz besonders jetzt, wo sie krampfhaft versuchen wird, es nicht zu tun. Aber sie ist stolz, Jake, und ich hänge lieber von Stolz ab als von irgendwelchen technischen Geräten. Okay, ich werde müde, also will ich es kurz machen. Ich will einen Körper kaufen. Einen jungen.«

Eunice Branca zeigte kaum eine Reaktion. Jake Salomons Züge erstarrten zu der nichtssagenden Maske, die er für Pokerspiele und Staatsanwälte bereit hielt. Nach kurzer Pause fragte Eunice: »Soll ich aufnehmen, Sir?«

»Nein. Oder vielleicht doch. Sagen Sie dieser Nähmaschine, dass sie für jeden von uns eine Kopie machen und das Band löschen soll. Unsere Kopien kommen in den Safe, und du tust deine zu den Papieren, die das Finanzamt nicht sehen darf, Jake.«

»Ich werde meine Kopie an einen noch sichereren Ort unterbringen – wo ich die Akten schuldiger Klienten verwahre. Aber ich muss dich darauf hinweisen, Johann, dass ich nicht berechtigt bin, einen Klienten zu beraten, wie er Gesetze brechen oder umgehen kann. Ich darf ihm nicht mal erlauben, eine solche Absicht zu diskutieren.«

»Hör schon auf, du alter Gauner. Seit Jahren berätst du mich zweimal die Woche, wie ich Gesetze brechen oder umgehen kann. Zu welchem anderen Zweck würde die Wirtschaft so viele Juristen beschäftigen?«

»Ich habe nicht gesagt, dass ich mich immer an die Ehrenordnung meines Berufsstandes gehalten hätte; ich sagte dir bloß, was sie verbietet. Ich leugne nicht, dass mein Berufsethos einen gewissen Spielraum hat – aber ich werde nichts mitmachen, das nach Körperraub, Entführung oder Beihilfe zur Sklaverei aussieht.«

»Erspare mir den Sermon, Jake; was ich will, ist moralisch und ethisch in Ordnung. Ich brauche deine Hilfe, dass alles völlig legal zugeht. Ich weiß selber, dass wir uns hier keine riskanten Auslegungen leisten können.«

»Hoffentlich.«

»Ich weiß es. Ich sagte, dass ich einen Körper kaufen will – legal. Das schließt Körperraub, Entführung und Sklaverei aus. Ich will einen legalen Ankauf tätigen.«

»Kannst du nicht.«

»Warum nicht? Nimm diesen hier«, sagte Smith und zeigte auf seine Brust. »Er ist nicht mal als Dünger viel wert; nichtsdestoweniger kann ich ihn einem anatomischen Institut vermachen und dafür dreißig Dollar kassieren. Du weißt es.«

»Ich glaube, ich muss das näher erklären. Einen eigentumsrechtlichen Besitz an einem menschlichen Wesen gibt es nicht. Das ist im Antisklavereiartikel der Verfassung festgelegt. In diesem Sinne ist dein Körper nicht dein Eigentum, weil du ihn nicht verkaufen kannst. Aber ein Kadaver ist Eigentum, obwohl er nicht oft wie andere Eigentumswerte behandelt wird und besonderen Hygienebestimmungen unterliegt. Aber er ist tatsächlich Eigentum der Erben. Wenn du einen Kadaver kaufen willst, lässt sich das einrichten, nehme ich an. Aber warst du es nicht, der eben erst jemand als Ghoul beschimpft hat?«

»Was ist ein Kadaver, Jake?«

»Eh? In unserem Fall der tote Körper eines Menschen. Die juristische Definition ist komplizierter, läuft aber auf das Gleiche hinaus.«

»Es ist der kompliziertere Aspekt, der mich interessiert, Jake. Gut, wenn einer tot ist, dann kann man ihn als Eigentum betrachten und vielleicht kaufen. Aber was ist Tod, Jake, und wann tritt er ein? Was sagt das Gesetz?«

»Das Gesetz ist, was der Oberste Gerichtshof sagt. Glücklicherweise wurde dieser Fall in den Siebzigerjahren durch ein Grundsatzurteil geklärt. Viele Jahrhunderte lang war ein Mensch tot, wenn sein Herz zu schlagen aufhörte. Dann galt er für etwa ein Jahrhundert als tot, wenn ein zugelassener Arzt ihn auf Atmung und Herztätigkeit untersuchte und einen Totenschein ausstellte. Das hatte zuweilen schreckliche Folgen, weil Ärzte auch Fehler machen. Und dann kamen die ersten Herzverpflanzungen und führten zu völliger juristischer Verwirrung. Aber der Fall jenes Henry M. Parsons aus Rhode Island regelte die Sache: Ein Mensch ist tot, wenn alle messbare Gehirntätigkeit endgültig aufgehört hat.«

»Und was bedeutet das?«, beharrte Smith.

»Das Gericht hatte keine weitergehende Definition. Aber in der Anwendung – sieh mal, Johann, ich bin Anwalt für Wirtschafts- und Handelsrecht, kein Spezialist für medizinische Jurisprudenz oder Gerichtsmedizin. Ich müsste erst Nachforschungen anstellen, bevor ich …«

»Gut, du bist nicht Gott. Du kannst deine Bemerkungen später revidieren. Was weißt du jetzt?«

»Wenn der genaue Zeitpunkt des Todes wichtig ist, wie zum Beispiel bei Mordfällen oder wenn es um Organtransplantationen geht, dann entscheidet irgendein Arzt, dass die Gehirntätigkeit erloschen ist und nicht wieder anfangen wird. Sie machen verschiedene Versuche und sprechen von ›irreversiblem Koma‹ und ›völliger Abwesenheit neutraler Aktivität‹, oder von ›irreparabler Schädigung der Großhirnrinde‹, aber es läuft alles darauf hinaus, dass ein Arzt dafür bürgt, dass dieses Gehirn tot ist und nicht mehr zum Leben erwachen wird.

Herz und Lunge sind heutzutage irrelevant; sie gelten genau wie Hände, Füße oder andere Körperteile als austauschbar. Das Gehirn allein zählt. Und die Meinung eines Arztes über das Gehirn. In Verpflanzungsfällen sind fast immer zwei Amtsärzte anwesend, die nichts mit der Operation zu tun haben und darüber wachen, dass keine kriminellen oder unerlaubten Handlungen vorkommen. Das geschieht hauptsächlich, um einer restriktiven Gesetzgebung zuvorzukommen. Das Problem bei einer Transplantation besteht ja darin, dass sie das betreffende Organ herausholen müssen, solange es noch lebt, sich zugleich aber gegen Mordanklagen und Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe schützen müssen. So verteilen sie die Verantwortlichkeit und geben einander Rückendeckung.«

»Ja«, sagte Smith. »Jake, du hast mir nichts gesagt, was ich nicht schon wusste – aber deine Bestätigung hat mich erleichtert. Nun weiß ich, dass es getan werden kann. Also, ich will einen gesunden Körper zwischen zwanzig und vierzig, noch warm und mit noch funktionierendem Herzen, ohne andere Schäden, deren Reparatur übergroße Schwierigkeiten machen würde, aber mit einem Gehirn, das unter allen legalen und medizinischen Aspekten tot und noch mals tot ist. Ich will den Körper kaufen und dieses mein Gehirn in seinen Schädel verpflanzen lassen.«

Eunice saß ganz still. Jake zwinkerte ungläubig. »Wann willst du diesen Körper haben? Im Laufe des Tages?«

»Oh, bis nächsten Mittwoch, ungefähr. Das sollte früh genug sein. Garcia sagt, er könne mich einstweilen in Gang halten.«

»Ich schlage vor«, sagte Jake, »dass wir dir bei der Gelegenheit gleich ein neues Gehirn besorgen – dieses hat zu funktionieren aufgehört.«

»Lass deine Späße, Jake; es ist mein Ernst. Mein Körper fällt auseinander. Aber mein Verstand ist klar, und mein Gedächtnis ist nicht schlecht – ich habe die gestrigen Börsennotierungen aller Aktien im Kopf, die für uns interessant sind. Ich kann noch immer logarithmische Rechnungen ohne Tabelle machen; ich kontrolliere mich täglich, weil ich weiß, wie es um mich steht. Ich habe so viele Hunderte von Millionen, dass ich schon lange aufgehört habe, sie zu zählen. Aber mein Körper ist nur noch mit Klebeband und Draht zusammenzuhalten – sozusagen.

Nun habe ich mein Leben lang immer wieder gehört: ›Du kannst deinen Reichtum nicht mitnehmen.‹ Und vor acht Monaten, als sie mich mit all diesen unwürdigen Schläuchen und Kabeln ans Bett fesselten, fing ich an, über diese alte Redensart nachzudenken. Und ich sagte mir, wenn ich meinen Reichtum nicht mitnehmen kann, werde ich eben nicht gehen!«

»Ha! Du wirst gehen, wenn der Knochenmann dir mit dem Zeigefinger winkt.«

»Vielleicht. Aber ich werde so viel wie nötig für den Versuch ausgeben, ihm ein Schnippchen zu schlagen. Wirst du mir dabei helfen?«

»Johann, wenn du von einer Herztransplantation sprechen würdest, würde ich sagen: ›Viel Glück, und Gott steh dir bei‹; aber eine Gehirntransplantation … Hast du eine Ahnung, was das bedeutet?«

»Nein, und du auch nicht. Aber ich weiß mehr darüber als du; ich hatte jede Menge Zeit und konnte viel lesen. Du brauchst mir nicht zu sagen, dass noch nie eine erfolgreiche Verpflanzung eines menschlichen Gehirns gelungen ist. Ich weiß es. Du brauchst mir nicht zu erzählen, dass die Chinesen es mehrmals versuchten, aber ohne wirklichen Erfolg, obwohl drei von ihren Patienten noch leben, wenn ich richtig informiert bin. Es ist einfach nicht gelungen, ein zufriedenstellendes Verwachsen von Gehirn und motorischem Nervensystem zu erreichen. Die Gehirne leben in den fremden Körpern, können sie aber nicht steuern.«

»Möchtest du so ein Fall werden?«

»Nein. Aber es gibt zwei Schimpansen, die auf Bäumen klettern und Bananen essen, während wir hier reden – und jeder von ihnen hat das Gehirn, mit dem der andere angefangen hatte.«

»Oho! Diese Australier.«

»Doktor Lindsay Boyle. Er ist der Neurochirurg, den ich haben muss.«

»Boyle. Es gab einen Skandal, nicht wahr? Musste er nicht auswandern, weil kein Krankenhaus in Australien ihn haben wollte?«

»Richtig, Jake. Schon mal von beruflicher Eifersucht gehört? Die meisten Neurochirurgen sind mit der Idee verheiratet, dass eine Gehirnverpflanzung zu kompliziert sei. Aber wenn du tiefer in die Materie eindringst, wirst du feststellen, dass die gleichen Ansichten vor fünfzig Jahren über Herzverpflanzungen geäußert wurden. Wenn du Neurochirurgen nach diesen Schimpansen fragst, werden sie dir im günstigsten Fall sagen, dass es ein Schwindel sei – obwohl von beiden Operationen Filme existieren. Oder sie reden von den vielen Fehlschlägen, die Boyle erlebte, bevor er gelernt hatte, wie es gemacht wird. Jake, sie hassen ihn so, dass er in seinem ganzen Heimatland keinen Operationssaal bekommen konnte, als er die Transplantation eines menschlichen Gehirns versuchen wollte. Diese niederträchtigen Schurken!«

»Wo ist er jetzt, Johann?«

»In Buenos Aires.«

»Kannst du so weit reisen?«

»Vielleicht, in einem Flugzeug, wo alle diese mechanischen Monstrositäten Platz haben, mit denen sie mich am Leben erhalten. Aber zuerst brauchen wir einen Körper. Und die bestmögliche Klinik für Neurochirurgie, mit Hilfscomputer und einem Stab von Chirurgen, die ihn unterstützen, und was sonst noch dazugehört. Ich denke an das Johns-Hopkins-Krankenhaus. Oder an die Stanford-Universitätsklinik.«

»Ich wage die Prognose, dass keine dieser beiden Institutionen einem so umstrittenen Mann wie Boyle das Operieren erlauben wird.«

»Selbstverständlich werden sie es tun. Weißt du nicht, wie man eine Universität bestechen kann?«

»Ich habe es nie versucht.«

»Du tust es mit richtig großen Batzen Geld, ganz offen, mit einer akademischen Prozession, um der Sache Würde zu geben. Aber vorher informierst du dich, was sie wollen – eine Tribüne für das Sportstadion, eine Schwimmhalle, einen gut ausgestatteten neuen Lehrstuhl. Aber der Schlüssel ist viel Geld. Von meinem Standpunkt aus gesehen, ist es besser, lebendig und wieder jung und mittellos zu sein, als der reichste Leichnam in der teuersten Marmorgruft des Landes.« Smith lächelte. »Es würde mir Spaß machen, jung und pleite zu sein. Also sei nicht knauserig.

Ich weiß, dass du Boyle alle Türen öffnen kannst; es ist nur eine Frage, wer wie bestochen werden muss. Das schwierigste Problem liegt anderswo, und zu seiner Lösung bedarf es nicht der Bestechung, sondern einfach der Bereitschaft, Geld auszugeben. Ich meine die Lokalisierung eines geeigneten lebenswarmen Körpers. Jake, in diesem Land werden allein bei Verkehrsunfällen jedes Jahr neunzigtausend Menschen getötet – täglich etwa zweihundertfünfzig. Viele von diesen Opfern sterben an Kopfverletzungen. Ein überdurchschnittlicher Prozentsatz von ihnen ist zwischen zwanzig und vierzig Jahren alt und abgesehen von einem gebrochenen Schädel und einem ruinierten Gehirn bei guter Gesundheit. Das Problem ist, einen zu finden, während der Körper noch lebendig ist, ihn dann am Leben zu erhalten und auf dem schnellsten Weg in den Operationssaal zu bringen.«

»Verfolgt von Frauen und Verwandten und Polizisten und Anwälten.«

»Gewiss, ohne vorausschauende Planung geht es nicht. Man könnte eine Art Finderlohn aussetzen, bloß dürftest du es nicht so nennen. Ambulanzhubschrauber mit Herz-Lungen-Maschinen und von uns bezahltem Personal müssen rund um die Uhr bei den Punkten bereitstehen, wo der Verkehr am schlimmsten und die Unfallhäufigkeit statistisch am höchsten ist. Großzügige Spenden für den Unterstützungsfonds der Verkehrsstreifenbeamten, Tausende von unterschriftsreifen Verzichtserklärungen und verschwenderischen Abfindungen für die Hinterbliebenen – wenigstens eine Million Dollar. O ja, ich vergaß beinahe, dass ich eine seltene Blutgruppe habe, und eine Transplantation wird wahrscheinlich eher gelingen, wenn sie nicht auch noch das Blut austauschen müssen. In diesem Land gibt es etwa eine Million Menschen meiner Blutgruppe. Keine unmögliche Zahl, wenn du sie durch die Altersspanne – zwanzig bis vierzig – und gute Gesundheit weiter reduzierst. Sagen wir dreihunderttausend im Höchstfall. Jake, wenn wir große Zeitungsanzeigen brächten und günstige Sendezeiten im Fernsehen kauften, wie viele von diesen Leuten könnten wir aus den Büschen locken? Wenn wir eine Million Dollar als Köder auslegten? Mit einem Vorschuss für jeden potenziellen Spender und seine Ehehälfte, der bereit ist, im Voraus zu unterschreiben?«

»Johann, ich weiß es wirklich nicht. Aber ich wäre nicht gern mit einer Frau verheiratet, die eine Million kassieren könnte, wenn sie mir ›aus Versehen‹ einen Hammer in den Schädel schlagen würde.«

»Das sind Details, Jake. Schreib es so, dass niemand morden und davon profitieren kann – und Selbstmord muss auch ausgeschlossen sein. Ich will kein Blut an meinen Händen haben. Das eigentliche Problem ist, gesunde junge Leute meiner Blutgruppe ausfindig zu machen und ihre Namen und Adressen in einem Computer zu speichern.«

»Entschuldigen Sie, Boss«, sagte Eunice, »aber haben Sie daran gedacht, den Verein der Spender seltenen Blutes zu konsultieren?«

»Welche Idee! Ich werde wirklich senil. Nein, daran hatte ich nicht gedacht, Eunice – und wie kommt es, dass Sie davon wissen?«

»Ich bin Mitglied, Sir.«

»Dann sind Sie eine Blutspenderin?«

»Ja. Blutgruppe AB, Rhesus negativ.«

»Ich will verdammt sein, Mädchen! Ich habe auch AB negativ.«

»Ich dachte es mir schon, als Sie die Zahl erwähnten, Boss. Sie ist so klein. Weniger als ein halbes Prozent der Bevölkerung. Mein Mann ist auch AB negativ und Blutspender. Ich lernte Joe kennen, als wir eines Tages beide in ein Krankenhaus gerufen wurden, um einem Neugeborenen und seiner Mutter Blut zu geben.«

»Nun, ein dreifaches Hoch auf Joe Branca! Ich wusste, dass er ein schlauer Bursche sein muss – er packte Sie gleich, und ließ nicht mehr locker, wie? Ich will Ihnen was sagen, liebes Kind: Wenn Sie heute Abend nach Hause kommen, sagen Sie Ihrem Joe, dass er nur einen Kopfsprung in ein trockenes Schwimmbecken zu machen braucht, und Sie werden nicht nur die hübscheste Witwe in der ganzen Stadt sein, sondern auch die reichste.«

»Boss, Sie haben einen bösartigen Humor. Ich würde Joe für keine Million Dollar hergeben. Geld kann einen in einer kalten Nacht nicht warmhalten.«

»Wie ich zu meinem Leidwesen erfahren musste, Eunice. Jake, kann mein Testament angefochten werden?«

»Jedes Testament kann angefochten werden. Aber ich glaube nicht, dass man bei deinem Erfolg damit haben würde. Ich habe genügend Sicherheitsklauseln eingebaut.«

»Nehmen wir an, ich verfasse ein neues Testament, das im Großen und Ganzen dem alten entspricht, von ein paar Änderungen abgesehen – wäre das auch unanfechtbar?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Du hast es selbst gesagt. Senilität. Jedes Mal, wenn ein Reicher in fortgeschrittenem Alter stirbt, der erst kurz zuvor sein Testament geändert hat, wird es von jedem, der sich etwas davon verspricht, angefochten – in deinem Fall von deinen Enkeltöchtern. Sie werden versuchen, Senilität und Beeinflussbarkeit zu unterstellen. Und ich nehme an, sie kämen damit durch.«

»Ein Jammer. Ich wollte Eunice eine Million hinterlassen, damit sie nicht in Versuchung gerät, ihren Ehemann zu töten.«

»Boss, Sie machen schon wieder Scherze auf meine Kosten. Üble Scherze.«

»Eunice, ich habe vorhin schon gesagt, dass ich über Geld nicht scherze. Wie können wir die Sache handhaben, Jake, wenn ich schon zu senil bin, um mein Testament zu ändern?«

»Nun, der einfachste Weg bestünde in einer Lebensversicherung, die bereits nach einer einzigen Zahlung fällig werden könnte … was in Anbetracht deines Alters und Gesundheitszustandes etwas mehr als eine Million kosten dürfte, nehme ich an. Aber sie würde das Geld bekommen, selbst wenn dein Testament für ungültig erklärt würde.«

»Mr. Salomon, hören Sie nicht auf ihn.«

»Johann, soll die Million an dich zurückfallen, wenn du aufgrund irgendwelcher Umstände Eunice überleben solltest?«

»Mmm … nein, besser nicht. Ein Richter könnte beschließen, die Angelegenheit genauer unter die Lupe zu nehmen, und selbst Gott weiß nicht, was einem Richter alles in den Sinn kommen kann. Lass es dem Roten Kreuz zukommen, oder nein, besser dem Verein der Spender seltenen Blutes.«

»In Ordnung.«

»Sieh zu, dass die Prämie gleich morgen früh bezahlt wird, oder nein, erledige das noch heute Abend, vielleicht lebe ich nicht mehr bis morgen.«

»Wird erledigt. Eunice, passen Sie auf, dass Sie nicht über all die Drähte und Schläuche stolpern, wenn Sie gehen. Morgen müssen Sie dann nicht mehr vorsichtig sein – jedenfalls nicht, solange Sie sich nicht erwischen lassen.«

»Sie haben beide einen garstigen Sinn für Humor«, schniefte Eunice. »Boss, ich will das Geld nicht haben. Ich will keine Million, weder für Joes Tod noch für Ihren.«

»Wenn Sie es wirklich nicht wollen, Eunice«, sagte ihr Arbeitgeber sanft, »können Sie als Begünstigte zurücktreten und stattdessen den Verein der Spender seltenen Blutes einsetzen.«

»Oh … stimmt das, Mr. Salomon?«

»Ja, Eunice. Allerdings ist es sehr angenehm, Geld zu haben. Ihr Mann würde es vielleicht nicht sehr schätzen, wenn Sie eine Million Dollar ausschlagen.«

»Äh …« Eunice verstummte nachdenklich.

»Jake, du weißt also, was du zu tun hast. Boyle muss verständigt werden, und wenn er eine Erlaubnis braucht, in diesem Land als Chirurg zu arbeiten, wirst du sie ihm besorgen. Und so weiter. Miss MacIntosh!«

»Ja, Mr. Smith?«, kam eine Stimme von der Konsole.

»Ich möchte ins Bett.«

»Ja, Sir. Ich werde Doktor Garcia Bescheid sagen.«

Jake stand auf. »Bis morgen, Johann. Du bist ein verrückter Dummkopf.«

»Wahrscheinlich. Aber ich habe Spaß mit meinem Geld.«

»Man sieht es. Eunice, darf ich Sie nach Hause bringen?«

»O nein, Sir, danke. Mein Wagen ist im Keller.«

»Eunice«, sagte Smith, »können Sie nicht sehen, dass der alte Ziegenbock darauf brennt, Sie nach Hause zu bringen? Seien Sie gnädig mit ihm. Einer von meinen Wächtern wird Ihren Wagen zu Ihrer Wohnung bringen.«

»Ah … danke, Mr. Salomon. Ich bin einverstanden. Schlafen Sie gut, Boss.«

»Einen Moment«, befahl Smith. »Bleiben Sie so stehen. Jake, schau dir dieses Fahrgestell an. Eunice, Sie haben wirklich wundervolle Beine.«

»Das haben Sie mir schon einmal gesagt, Sir – und mein Ehemann erzählt mir das auch des Öfteren. Boss, Sie sind ein schmutziger alter Mann.«

Er kicherte. »Das bin ich, meine Liebe … und zwar schon seit meinem sechsten Lebensjahr.«

2

Jake Salomon half ihr in den Mantel, und sie gingen in die Tiefgarage. Als sie in Salomons Wagen saßen, sperrten der Fahrer und sein bewaffneter Begleiter die Fondtüren zu und nahmen vorn ihre Plätze ein. Eunice sah sich erstaunt und neugierig um. »Wie groß! Ich wusste, dass ein Rolls-Royce geräumig ist, aber dies ist ja ein Salon. Ich habe noch nie in einem gesessen.«

»Es ist nur dem Namen nach ein Rolls. Das Triebwerk, weiter nichts. Alles Übrige wird von Skoda geliefert und in England bloß noch zusammengebaut. Sie hätten vor fünfzig Jahren einen Rolls sehen sollen, bevor Benzinmotoren verboten wurden. Das war ein Traum!«

»Dieser ist traumhaft genug. Ich glaube, mein kleiner Rutscher würde in dieses Abteil passen.«

Eine Stimme von der Decke sagte: »Wohin, Sir?«

Salomon berührte einen Schalter. »Einen Moment, Rockford.« Er hob seine Hand und sagte: »Wo wohnen Sie, Eunice?«

»Siebenunddreißigste Straße hundertachtzehn, dann in die neunzehnte Etage. Aber ich glaube nicht, dass dieser Koloss in den Wagenaufzug hineinpassen wird.«

»Wenn nicht, werden Rockford und sein Kollege Sie mit dem Personenaufzug hinaufbringen und zu Ihrer Tür geleiten.«

»Das ist sehr nett von Ihnen. Joe will nicht, dass ich allein in Personenaufzügen fahre.«

»Joe hat recht. Wir werden Sie abliefern wie einen Eilbotenbrief. Haben Sie es eilig?«

»Ich? Joe erwartet mich zu keiner bestimmten Zeit. Mr. Smiths Arbeitsstunden sind so unregelmäßig, dass ich nie weiß, wann ich nach Hause komme. Heute bin ich früher als sonst fertig.«

»Gut.« Salomon berührte wieder den Mikrofonschalter. »Siebenunddreißigste Straße, Nummer hundertachtzehn, Rockford. Das ist die Zone achtzehn, glaube ich.«

»Neunzehn B, Sir«, sagte Eunice.

»Sehr gut, Sir.«

Salomon nahm die Hand vom Schalter und wandte sich wieder zu Eunice. »Das Fondabteil dieses Wagens ist zum Fahrer schalldicht abgeschlossen, wenn ich nicht diesen Schalter drücke; die zwei können zu mir sprechen, aber nicht hören, was wir uns erzählen. Und das ist sehr nützlich, denn ich muss Anrufe machen und möchte auch mit Ihnen diskutieren. Viele Dinge müssen gleichzeitig in Angriff genommen werden. Sie haben ihn gehört.«

»Sie sollten sich nicht überarbeiten, Mr. Salomon. Morgen ist auch noch ein Tag.«

»Mrs. Branca, ich arbeite seit sechsundzwanzig Jahren für Johann Smith, und seit fünfzehn Jahren ist er der einzige Klient meiner Kanzlei. Heute hat er mich zum Mitregenten über ein Industrieimperium gemacht. Und trotzdem – würde ich einen seiner Befehle nicht so ausführen, wie er es sich vorstellt, wäre ich morgen ohne Arbeit.«

»Oh, sicherlich nicht! Er ist von Ihnen abhängig. Er verlässt sich auf Sie.«

»Er verlässt sich auf mich, solange er sich auf mich verlassen kann, und nicht eine Minute länger. Vor allem muss ich seine Entscheidungen absichern. Seine Enkelinnen liegen seit Jahren auf der Lauer und ärgern sich über jeden Dollar, den er vor seinem Tod noch ausgibt. Wenn sie von diesem Transplantationsplan hören, sind sie imstande, vor Gericht zu ziehen und seine Entmündigung zu beantragen.«

»Sie haben natürlich Angst, dass er eine Menge Geld verpulvert, auf das sie spekulieren.«

»Genau. Sie sind Harpyien. Und hatten nichts mit der Bildung seines Vermögens zu tun. Kennen Sie Johanns Familienverhältnisse? Er hat drei Frauen überlebt – und die vierte heiratete ihn wegen seines Geldes, als er fünfundachtzig war. Fast fünfzig Jahre jünger als er. Der alte Dummkopf. Ein paar Jahre später kostete es ihn Millionen, sie wieder loszuwerden. Seine erste Frau gab ihm einen Sohn und starb dabei. Der Sohn fiel, als er versuchte, irgendeinen wertlosen Hügel zu erobern. Zwei weitere Frauen, zwei Scheidungen, eine Tochter von jeder dieser zwei Frauen. Die Töchter verschafften ihm insgesamt vier Enkelinnen. Jetzt sind die Exfrauen und ihre Töchter alle tot, und ihre räuberischen Abkömmlinge warten schon lange, dass Johann stirbt, und sind wütend, weil er ihnen den Gefallen noch nicht getan hat.«

Salomon grinste in sich hinein. »Bei der Testamentseröffnung wird für sie der Schock ihres Lebens fällig sein. Johann hat darin verfügt, dass jede von ihnen auf Lebenszeiten ein kleines laufendes Einkommen erhält – und mit einem nominellen Dollar abgefunden wird, sollte sie das Testament anfechten. Aber nun entschuldigen Sie mich bitte; ich muss Anrufe machen.«

»Gewiss. Darf ich meinen Mantel ausziehen: Es ist ziemlich warm.«

»Soll ich die Kühlung einschalten?«

»Nur wenn es Ihnen zu warm ist. Aber dieser Mantel ist schwerer, als er aussieht.«

»Ich bemerkte, dass er schwer ist. Kugelsichere Einlage?«

»Ja. Ich bin ziemlich viel allein unterwegs.«

»Kein Wunder, dass Ihnen warm ist. Ziehen Sie ihn aus. Ziehen Sie alles aus, was Sie möchten.«

Sie grinste ihn an. »Mir scheint, Sie sind auch ein schmutziger alter Mann.«

Jake Salomon griff zum Telefon. Eunice Branca wand sich aus ihrem schweren Mantel, hob die Fußstütze auf ihrer Seite, streckte sich aus und begann sich zu entspannen.

Was für ein seltsamer Tag! … Vorstandsmitglied mit Direktorengehalt … kaum zu glauben, so viel Geld … jedenfalls muss ich sehen, dass Joe nicht zu viel davon in die Finger kriegt … manche Männer verstehen Geld und können damit umgehen, wie der Boss, oder Mr. Salomon, und manche verstehen es nicht und können nichts damit anfangen, wie Joe … aber ein liebevoller und gutmütiger Mann, wie ein Mädchen sich keinen besseren wünschen kann … Hauptsache, wir wiederholen nicht den Fehler mit dem gemeinsamen Konto … Der liebe Joe! Er ist gut zu einem Mädchen … möchte wissen, was er denken würde, wenn er mich mit dem alten Ziegenbock in dieser Luxuskutsche sehen könnte? … es würde ihn wahrscheinlich amüsieren, aber besser, ich sage nichts … der Verstand eines Mannes arbeitet irgendwie anders als bei unsereinem … auch falsch, von Mr. Salomon als einem alten Ziegenbock zu denken; hat sich gewiss nicht wie einer benommen … ob er zu alt ist? … nein, wie sie heutzutage noch die ältesten Knacker mit Hormonen aufmöbeln, kann einer, solange er sich auf den Beinen hält … bei einem wie dem Boss ist natürlich alles vorbei … ob er wirklich glaubt, er könne seine Jugend zurückholen, indem er sein Gehirn verpflanzen lässt? … Lungen und Nieren und auch Herzen, gut – aber ein Gehirn? …

Salomon schaltete das Telefon aus. »Erledigt«, sagte er. »Wenn ich nach Hause komme, geht es erst richtig los, aber jetzt wollen wir uns ein wenig unterhalten. Erzählen Sie mir von sich, Eunice – wie alt Sie sind, wie lange verheiratet und zum wievielten Mal, Zahl der Kinder, warum das Fernsehen sie noch nicht engagiert hat, was Ihr Mann macht, wie Sie Johanns Sekretärin geworden sind, Zahl der Verhaftungen und weshalb … Sie können mir auch sagen, dass ich mich zum Teufel scheren soll; Ihre Privatsphäre gehört schließlich Ihnen. Aber ich würde Sie gern besser kennenlernen; wir werden von jetzt ab viel zusammenarbeiten.«

»Es macht mir nichts aus, von mir zu erzählen, denn ich habe keine Geheimnisse«, sagte Eunice. (Ich erzähle ja doch nur, was ich auch wirklich erzählen will.) Sie ließ ihre Fußstütze herunter und setzte sich aufrecht. »Ich bin achtundzwanzig, das erste Mal verheiratet und noch ohne Kinder, obwohl ich für zwei die Genehmigung habe. Mit achtzehn gewann ich einen Schönheitswettbewerb, mit einem Jahresvertrag für Auftritte in verschiedenen Städten des Landes, Probeaufnahmen fürs Fernsehen, die üblichen Sachen. Aber dann fiel ich beim nationalen Schönheitswettbewerb durch und begriff, wie viele hübsche Mädchen es gibt. Zu viele. Und als ich von ihnen hörte, was man alles durchmachen muss, um ins Fernsehen zu kommen und dort zu bleiben, da gab ich auf. So scharf war ich nicht darauf. Ich ging wieder zur Schule und ließ mich als Programmiererin und Sekretärin ausbilden, und danach suchte ich mir einen Arbeitsplatz. Der war hier in der Hauptverwaltung. Später arbeitete ich als Aushilfe für Mr. Biermann, während seine reguläre Sekretärin ein Kind bekam … dann kam sie nicht zurück, und ich blieb, und als Mr. Biermann in den Ruhestand ging, fragte mich Mr. Smith, ob ich es bei ihm versuchen wolle, und so ergab es sich, dass ich heute hier sitze. Ich kann sagen, dass ich sehr viel Glück gehabt habe.«

»Sie sind ein kluges und tüchtiges Mädchen, Eunice. Aber ich glaube bestimmt, dass Ihr Aussehen viel damit zu tun hatte, dass Johann Sie als seine persönliche Sekretärin behielt.«

»Ich weiß«, sagte sie. »Andererseits hätte er mich nicht behalten, wenn ich mit seiner Arbeit nicht zurechtgekommen wäre.«

»Das ist richtig«, stimmte er zu, »allerdings gibt es recht beeindruckende Statistiken, die beweisen, dass schöne Frauen im Durchschnitt intelligenter sind als der eher häusliche Typ.«

»Oh, das glaube ich nicht! Nehmen Sie zum Beispiel Mrs. Biermann – sie sieht wirklich sehr bieder aus, ist aber ausgesprochen clever.«

»Ich sagte ›im Durchschnitt‹«, erwiderte er. »Was ist denn ›Schönheit‹? Ein weibliches Nilpferd muss seinem Partner schön erscheinen, sonst wäre die Art innerhalb einer Generation ausgestorben. Was wir als ›Schönheit‹ bezeichnen, ist mit Sicherheit nur eine Art Sammelbegriff für diverse überlebenswichtige Charakteristika. Und dazu gehört auch die Intelligenz. Glauben Sie, ein männliches Nilpferd würde Sie für schön halten?«

Sie kicherte. »Wahrscheinlich nicht.«

»Sehen Sie? In Wirklichkeit sind Sie gar nicht schöner als ein weibliches Nilpferd. Sie sind lediglich eine Ansammlung bestimmter Charakteristika, die für das Überleben unserer Art von Nutzen sind.«

»Wahrscheinlich haben Sie recht.« (Hmpf! Gib mir nur eine Chance, dann zeige ich dir schon, was ich bin.)

»Doch da Johann – und ich – zu Ihrer Spezies gehören, empfinden wir Sie als schön. Johann war davon immer sehr angetan.«

»Ja, das weiß ich.« Sie streckte ihr scharlachrotes Bein von sich und betrachtete es kritisch. »Ich ziehe mich so an, weil es dem Boss gefällt. Als ich anfing, trug ich so wenig wie die anderen Mädchen in den äußeren Büros – Sie wissen schon, Hautmalerei und sonst nicht viel. Dann, als ich für Mr. Biermann arbeitete, fing ich an, ganz züchtige und einfache Kleider zu tragen – hochgeschlossen und so, nicht mal durchscheinend –, denn er war eine Art Puritaner und verachtete Mädchen, die halb nackt oder dreiviertel nackt herumliefen. Wenn die Frauen nicht als Ware angesehen werden wollen, sagte er immer, dann sollen sie sich auch nicht als Ware ausstellen. Das nahm ich mir damals zu Herzen, und so blieb ich bei meinen einfachen Kleidern, als ich bei Mr. Smith anfing.

Bis er mich an einem Samstagabend zu sich bestellte. Er hatte ein paar brandeilige Sachen und wollte, dass ich sofort zu ihm käme. Ich hatte eine Art Bikini an, und Joe hatte mich gerade bemalt, weil wir zu Freunden wollten. Joe ist Künstler, habe ich Ihnen das schon gesagt?«

»Ich glaube nicht.«

»Er ist es wirklich. Er macht meine Hautmalerei, gestaltet sogar mein Gesicht. Nun, ich raste sofort los – Sie wissen, wie ungeduldig Mr. Smith ist, und ich war noch neu bei ihm und wollte ihn nicht warten lassen. Ich fuhr sogar durch ein aufgegebenes Gebiet, das ich sonst immer umgehe.«

»Eunice, Sie sollten niemals in ein aufgegebenes Gebiet fahren. Mein Gott, Kind, selbst die Polizei riskierte es nur in gepanzerten Fahrzeugen. Sie könnten vergewaltigt und ermordet werden, und kein Mensch würde jemals davon erfahren.«

»Ja, ich weiß, Mr. Salomon. Nun, damals war ich noch etwas leichtsinnig, und außerdem hatte ich Angst, meinen Job bei Mr. Smith zu verlieren. Ich entschuldigte mich für meinen Aufzug und versuchte ihm zu erklären, warum ich so gekommen war, aber er fand es gut. Von da an hörte ich auf, wie eine Nonne herumzulaufen. Er fiel nie aus der Rolle, wissen Sie. In all den Jahren, die ich für Mr. Smith gearbeitet habe, hat er nie auch nur meine Hand berührt. Er macht bloß schmeichelhafte Bemerkungen, wenn ich wieder mit einem neuen Kostüm komme – zuweilen sind sie ziemlich gesalzen, und dann schelte ich ihn und drohe, es meinem Mann zu sagen, und er gackert vor Vergnügen. Alles ganz harmlos.«

»Sicher. Aber Sie müssen vorsichtiger sein, wenn Sie zur Arbeit fahren oder von der Arbeit kommen. Ich meine nicht bloß, dass Sie die aufgegebenen Zonen meiden sollen. Mit Ihrem Aussehen und der Art, wie Sie sich kleiden, sind Sie überall in Gefahr. Ist Ihnen das nicht klar? Weiß Ihr Mann es nicht?«

»Oh, ich bin vorsichtig, Sir; ich weiß, was passieren kann. Ich lese die Zeitung wie Sie. Aber ich habe keine Angst. Obwohl ich keine Erlaubnis habe, trage ich immer einen Revolver bei mir – und eine Sprühdose mit Tränengas. Und ich weiß damit umzugehen. Der Boss hat mir den Revolver besorgt, und seine Wächter haben mir das Schießen beigebracht.«

»Hmm. Als Jurist wäre ich verpflichtet, Sie zu melden. Aber als ein Mensch, der weiß, was für ein tödlicher Dschungel diese Stadt ist, finde ich es richtig und vernünftig. Wenn Sie den Mut haben, sich im Fall eines Angriffs schnell und wirksam zu verteidigen, und wenn Sie danach klug genug sind, sich schnell davonzumachen und der Polizei nichts zu sagen. Das sind viele Wenns Eunice.«

»Wirklich, ich fürchte mich nicht. Wenn Sie mein Anwalt wären, würde alles, was ich Ihnen erzähle, unter Ihre Schweigepflicht fallen, nicht wahr?«

»Ja. Wollen Sie mich zu Ihrem Anwalt machen?«

»Ah … ja, Sir.«

»Sehr gut. Ich bin es. Erzählen Sie.«

»Nun, eines Abends wurde ich zum Blutspenden gerufen. Ich musste allein fahren, Joe war nicht da. Es machte mir nichts aus, ich war schon öfter nachts gerufen worden und allein gefahren. Ich habe meinen kleinen Wagen in unserer Wohnung und bleibe darin, bis ich im Innern des Krankenhauses oder wo immer bin. Aber – kennen Sie dieses alte Krankenhaus auf der Westseite, Zu Unserer Lieben Frau, oder wie es heißt?«

»Ich fürchte, nicht.«

»Spielt keine Rolle. Es ist ein alter Kasten aus der Zeit, bevor die Regierung die Versuche aufgab, die Sicherheit auf den Straßen zu garantieren. Kein Wagenaufzug, kein Parkplatz im Gebäude. Nur ein offener Platz mit einem Zaun und einem Wächter am Tor. Es passierte, als ich ausstieg. Jemand versuchte, mich zwischen den geparkten Wagen anzuspringen. Ich weiß nicht, ob er meine Geldbörse oder mich wollte. Ich weiß nicht mal, ob es ein Mann war, es könnte auch eine Frau gewesen sein …«

»Unwahrscheinlich.«

»Wie dem auch sei, bevor er mich greifen konnte, hatte er schon zwei Kugeln im Leib. Ich sah nicht lange nach, wer es war oder ob er tot war. Ich sprang wieder in meinen Wagen und sauste ab, direkt nach Hause. Ich meldete es nicht der Polizei, ich sagte Joe nichts davon. Sie sind der Erste, dem ich es anvertraue.«

»Ich sehe, Sie sind ein tapferes Mädchen und können schießen, wenn es sein muss. Aber Sie haben bei Ihrem Leichtsinn auch sehr viel Glück gehabt. Hmm. Johann hat einen gepanzerten Wagen wie diesen und vier Wachen, die immer zu zweit Schichtdienst tun, falls er den Wagen braucht.«

»Natürlich hat er Wachen, mehr als vier, möchte ich meinen. Aber ich weiß nichts von seinem Wagen.«

»Er hat einen Rolls-Skoda. Eunice, wir werden uns nicht länger darauf verlassen, dass Sie schießen können. Sie können Ihren Wagen verkaufen oder Blumen darin pflanzen; von jetzt an werden Sie Leibwächter und einen gepanzerten Wagen haben. Immer.«

Eunice machte ein erschrockenes Gesicht. »Aber Mr. Salomon! Selbst mit meinem neuen Gehalt könnte ich nie …«

»Hören Sie mich an, liebes Kind. Sie wissen, dass Johann nie wieder in einem Wagen fahren wird. Aber er hat immer noch seinen gepanzerten Rolls mit doppelter Besatzung – zwei Fahrer, zwei Beifahrer mit Schrotflinten. Zurzeit werden sie vielleicht einmal in der Woche gebraucht, um irgendeine Fahrt zu machen. Die meiste Zeit sitzen sie herum, schlagen sich die Bäuche voll, trinken Bier und spielen Karten. Morgen früh wird mein Wagen Sie abholen und zur Arbeit bringen; morgen Nachmittag wird Johanns Wagen für Sie bereitstehen und Sie nach Hause bringen. Und von da an wird er immer auf Abruf zu Ihrer Verfügung sein.«

»Ich weiß nicht, ob der Boss das mögen wird.«

»Das soll nicht Ihre Sorge sein, Eunice. Ich werde ihm meine Meinung darüber sagen, dass er sich nie um Ihre Sicherheit gekümmert hat. Und wenn er Schwierigkeiten macht, wird er feststellen, dass ich genauso eigensinnig sein kann wie er. Seien Sie vernünftig, Eunice; diese Regelung wird ihn keinen Dollar kosten. Es sind Betriebskosten, die ohnedies anfallen. Wechseln wir das Thema. Was halten Sie von seinen Plänen?«

»Ist eine Gehirntransplantation möglich? Oder ist es nur der verzweifelte Griff nach einem Strohhalm? Ich weiß, dass er inmitten all dieser Maschinerien zur Lebenserhaltung nicht glücklich ist; ich habe die Läden nach den frechsten Moden durchkämmt, aber es wird immer schwieriger, ein Lächeln aus ihm herauszukriegen. Ist dieser Plan überhaupt durchführbar?«

»Darauf kommt es nicht an, Eunice; er hat es befohlen, und wir werden es machen. Hat dieser Blutspenderverein ein Verzeichnis aller AB-Negativen?«

»Lieber Himmel, nein. Soviel ich weiß, sind weniger als viertausend registriert.«

»Zu dumm. Wie denken Sie über seine Idee, Anzeigen und Sendezeiten im Fernsehen zu kaufen?«

»Beides würde sicherlich eine Menge Geld kosten. Aber er kann es sich leisten.«

»Gewiss. Aber es stinkt.«

»Wieso?«

»Eunice, wenn diese Transplantation stattfinden soll, darf es keine Publizität geben. Erinnern Sie sich an den Wirbel, als sie anfingen, Leute tiefzukühlen? Nein, Sie sind zu jung. Ein paar schlaue Geschäftsleute hatten die Idee, wohlhabenden Alten Plätze in einer medizinischen Tiefkühlklinik zu verkaufen. Der Gedanke war, dass sie sich dort kurz vor ihrem Tod einfrieren lassen sollten, um dreißig oder vierzig Jahre später, wenn Krebs und andere Krankheiten heilbar und neue Techniken zur Lebensverlängerung entwickelt wären, wiederbelebt zu werden. Das berührte einen empfindlichen Nerv, und ein Aufheulen ging durch das Land. Die Leute kamen mit ihrem Projekt nicht durch, weil die Politiker die Stimmung in der Bevölkerung nicht ignorieren konnten. Der Mann auf der Straße sagte sich, da die meisten Leute es sich nicht leisten können, soll niemand es haben. Es ist ein neuralgischer Punkt. Was würde geschehen, wenn einer der reichsten Männer des Landes im Fernsehen und durch die Presse verkündete, dass er den lebenswarmen Körper eines anderen kaufen will – bloß um sein eigenes stinkendes, egoistisches Leben zu retten?«

»Ich glaube nicht, dass der Boss so schlecht ist. Wenn Sie seine Krankheit und Schwäche berücksichtigen, ist er sogar sehr nett.«

»Sie reden an der Sache vorbei, Eunice. Ich will Ihnen sagen, was geschehen würde, wenn Sie es sich nicht denken können. Ein neuer Aufschrei von Empörung wäre die Folge. Die Pfarrer würden ihn verdammen, die Ärztevereinigungen würden sich distanzieren, und im Kongress würden Gesetzesentwürfe zur Verhinderung solcher Praktiken eingebracht. Der Volkszorn würde sich über ihn ergießen – und nicht nur in Leserbriefen an die Zeitungen. Was will der Mann eigentlich?, wäre die einhellige Meinung. Jetzt ist er fünfundneunzig Jahre alt, älter als die meisten, und hat immer noch nicht genug. Selbst wenn das Bundesgericht entscheiden würde, dass an einer solchen Transplantation im Prinzip nichts Ungesetzliches ist, würde die Entscheidung zu spät kommen – inzwischen wäre Johann längst tot. Also keine Publizität. Hat der Blutspenderverein Unterlagen über diese anderen AB-Negativen, die nicht als Spender registriert sind?«

»Ich weiß es nicht. Aber ich glaube nicht.«

»Wir werden es feststellen. Ich glaube, wir können davon ausgehen, dass siebzig bis achtzig Prozent der Bevölkerung irgendwann im Leben eine Blutgruppenuntersuchung mitgemacht haben. Die Ergebnisse müssen irgendwo archiviert sein, und mit dem Informationsverbund, wie wir ihn heute haben, kommt es nur darauf an, welche Fragen man wo und wie stellen muss. Ich kenne eine Firma, die wir damit beauftragen können. Ich werde diese Nachforschungen in Gang bringen, die Detailarbeit auf Sie abwälzen und dann nach Südamerika zu diesem Metzger Boyle fliegen. Und …«

»Mr. Salomon! Dicke Luft voraus.«

Salomon drückte auf den Schalter und brummte: »Muss das sein?« Dann ließ er sich zurückfallen. »Diese zwei Teufel fahren zu ihrem Vergnügen durch die aufgegebene Zone. Sie hoffen, dass jemand auf den Wagen schießen wird, damit sie einen Vorwand haben zurückzuschießen. Tut mir leid, Eunice. Mit Ihnen an Bord hätte ich Befehl geben sollen, diese Zonen zu umfahren.«

»Es ist mein Fehler«, sagte Mrs. Branca. »Ich hätte Ihnen sagen sollen, dass es fast unmöglich ist, in meine Gegend zu kommen, ohne eine schlechte Zone zu durchqueren. Wenn ich zum Boss fahre, mache ich immer einen weiten Umweg. Aber hier drinnen sind wir sicher, nicht?«