• Herausgeber: Goldmann
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2008
Beschreibung

Wer seinen Feind besiegen will, muss ihn verteidigen

Als Avvocato Guerrieri seinem neuen Mandanten zum ersten Mal im Gefängnis begegnet, verschlägt es ihm den Atem: Denn vor ihm sitzt niemand anders als Fabio Paolicelli, der Intimfeind seiner Jugendtage. Aus dem gewaltbereiten Teenager, der als Rädelsführer einer Jugendgang in Bari von sich reden machte, ist mittlerweile ein braver Familienvater geworden. Mit dem vorgeworfenen Drogenschmuggel habe er nichts zu tun, beteuert er. Ob Guerrieri seinem Mandanten glauben kann, weiß er nicht. Seine Verwirrung steigert sich noch, als er Natsu kennenlernt, die schöne Ehefrau Paolicellis, zu der er sich sofort hingezogen fühlt. Weil Natsu seine Gefühle erwidert, steht Guerrieris Entschluss fest: Er wird Paolicelli verteidigen. Auch wenn er dabei alles andere als redliche Motive verfolgt …

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Seitenzahl: 365

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Inhaltsverzeichnis
 
Kapitel 0
Kapitel 1
Kapitel 2
 
Copyright
0
Als Margherita sagte, sie müsse mit mir reden, dachte ich, sie sei schwanger.
Es war ein Spätnachmittag im September. Erfüllt von dem dramatischen Licht des scheidenden Sommers, das bereits das Halbdunkel des Herbstes und seine Geheimnisse in sich birgt.
Ein guter Moment, um zu erfahren, dass ich Vater werde, dachte ich buchstäblich, während wir uns in einem Straßencafé niederließen, die tief stehende Sonne im Rücken.
»Ich habe einen neuen Job angeboten bekommen. Es ist ein sehr gutes Angebot. Allerdings müsste ich dafür etliche Monate ins Ausland gehen. Vielleicht sogar für ein ganzes Jahr.«
Ich starrte sie an, als hätte ich mich verhört oder den Sinn ihrer Worte nicht richtig erfasst. Was hatte dieser Job mit dem Kind zu tun, das wir in ein paar Monaten bekommen würden? Das verstand ich nicht, und sie erklärte es mir.
Eine große amerikanische PR-Agentur - sie nannte mir auch den Namen, aber ich vergaß ihn sofort, vielleicht hörte ich ihn auch gar nicht - hatte ihr angeboten, die Werbekampagne für die Neu-Lancierung einer Fluggesellschaft zu leiten. Hier nannte sie einen sehr bekannten Namen. Sie meinte, es handle sich um eine einmalige Gelegenheit.
Eine einmalige Gelegenheit. Billardkugeln gleich prallten diese Worte immer wieder gegen die Wände meines Hirns, was so weh tat wie das dumpfe Pochen bei einem Migräneanfall. Mir war plötzlich, als kreise der Sinn dieser ganzen Geschichte um einen unsichtbaren Punkt, den ich weder ausmachen noch genau erkennen konnte.
»Wann hast du dieses Angebot bekommen?«
»Im Juli. Erste Kontakte gab es vorher schon, aber das offizielle Angebot kam im Juli.«
»Bevor wir in den Urlaub gefahren sind«, sagte ich, als hätte das irgendeine Bedeutung.
Die es vielleicht auch hatte.
Dann fiel der Groschen. Wenn sie es mir im September sagte, also zwei Monate nach dem Angebot und wer weiß wie lange nach den ersten »Kontakten«, dann hieß das, sie hatte sich bereits entschieden, wenn nicht gar zugesagt.
»Du hast bereits zugesagt.«
»Nein. Ich wollte vorher mit dir reden.«
»Aber du hast dich schon entschieden.«
Sie zögerte kurz - es war das einzige Mal -, dann nickte sie.
Und ich dachte, du wolltest mir sagen, du seist schwanger. Ich dachte, mein ödes Leben bekäme mit zweiundvierzig urplötzlich, wie durch Zauberhand, noch einen Sinn und einen Zweck. Durch dieses Kind, diesen Jungen - oder dieses Mädchen -, dem ich vor dem Altwerden noch rasch etwas hätte beibringen können.
Das sagte ich nicht. Ich behielt es für mich, wie etwas, wofür man sich schämt, obwohl man es nur gedacht hat. Weil man sich für seine Schwäche schämt, für seine Verletzlichkeit.
Stattdessen fragte ich sie, wann es losgehe, und mein Gesicht muss dabei absurd ruhig gewirkt haben, denn sie sah mich mit einem Anflug von Besorgnis und Verwunderung an. Von der Straße klang das lang gezogene, wütende Knattern eines frisierten Motorrads herüber, und ich dachte, dass ich dieses Geräusch im Gedächtnis behalten würde. Dass ich es wieder hören würde, jedes Mal, wenn mir diese unerwartete, grausame Szene in den Sinn kam.
Sie wusste nicht, wann es losgehen würde. In zehn, vierzehn Tagen vielleicht. Bis Ende des Monats musste sie auf alle Fälle in Mailand sein, Mitte Oktober in New York.
Also wusste sie sehr wohl, wann es losging. Dachte ich.
Wir schwiegen, zwei, drei Minuten lang. Oder auch länger.
»Willst du nicht wissen, warum?«
Nein, das wollte ich nicht. Und selbst wenn - ich sagte trotzdem nein. Ich wollte nicht, dass sie ihre Gründe - zweifellos ausgezeichnete Gründe - bei mir ablud, um ihr Gewissen zu erleichtern oder ihr Herz oder wo auch immer unsere Schuldgefühle sich befinden mögen. Ich wollte, dass ich meinen Schmerz behielt und sie ihren. In den kommenden Wochen und Monaten würde ich noch ausreichend Gelegenheit haben, mich mit dieser Frage, den Erinnerungen und allem Übrigen zu quälen.
Aber für diesen milden, grausamen Septembernachmittag war das genug.
Ich stand auf und sagte, ich würde nach Hause zurückkehren oder vielleicht ausgehen.
»Guido, sei doch nicht so. Sag bitte was.«
Ich sagte aber nichts. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
»Ich gehe doch nicht für immer. Wenn du so reagierst, machst du mir Schuldgefühle.«
Worte, die ihr leidtaten, sobald sie sie ausgesprochen hatte. Vielleicht las sie etwas in meinem verzweifelten Gesicht, vielleicht wurde ihr einfach nur klar, dass das, was sie tat, nicht richtig war. Wahrscheinlich war es unvermeidlich - sie hatte es sich in all diesen Wochen gewiss gründlich überlegt -, aber richtig war es mit Sicherheit nicht.
Sie brachte noch andere Dinge vor, mit gebrochener Stimme. Doch sie hörten sich an wie das, was sie waren. Ausreden.
Und während sie diese Dinge vorbrachte, hörte ich ihr schon nicht mehr zu. Die ganze Szene nahm die Unwirklichkeit eines Negativs an und grub sich mir als solches ins Gedächtnis ein.
1
Während ich darauf wartete, dass die Richter den Saal betraten und die Sache meines Mandanten zum Aufruf kam, sah ich im Zuschauerraum eine junge Frau. Eine Asiatin mit deutlich europäischem Einschlag; sie war hübsch und wirkte etwas verloren.
Ich fragte mich, weshalb sie wohl hier war, und wandte mich mehrmals nach ihr um, indem ich wie beiläufig meine Bank umrundete.
Sie schien mich anzusehen, was natürlich Unsinn war. So eine hätte dich nicht einmal in deinen besten Zeiten angesehen, dachte ich. Was für Zeiten das gewesen sein sollten, hätte ich allerdings selbst nicht zu sagen gewusst.
Über derlei Gedanken vergingen mindestens zehn Minuten. Dann kamen die Richter endlich aus dem Beratungszimmer, die Verhandlung begann, und ich hörte auf, über idiotische Fragen nachzudenken.
 
Es war ein Prozess wegen bewaffneten Raubüberfalls, und der Hauptzeuge - das Opfer - wurde vernommen. Es war ein Schmuckvertreter, dem sie die Musterkollektion abgenommen hatten und ebenso die völlig überflüssige Pistole, die er bei sich getragen hatte.
Zwei der Täter waren kurz nach dem Überfall mit der Diebesbeute im Wagen festgenommen worden. Sie hatten sich für ein Schnellverfahren entschieden und waren bereits zu verhältnismäßig milden Haftstrafen verurteilt worden. Meinem Mandanten wurde vorgeworfen, Schmiere gestanden zu haben. Das Opfer hatte ihn auf dem Polizeipräsidium in einem Album mit Fotos von Vorbestraften wiedererkannt. Das Verfahren fand in Abwesenheit des Angeklagten statt, da mein Mandant - Herr Albanese, Amateurfußballer und Profiverbrecher - untergetaucht war, als er erfuhr, dass man ihn suchte. Er hatte gerade erst eine Haftstrafe verbüßt und wollte nicht schon wieder ins Gefängnis. In diesem Fall sei er unschuldig, behauptete er.
Die Vernehmung durch den Staatsanwalt dauerte nicht lange. Der Schmuckvertreter war seiner Sache sicher und kein bisschen eingeschüchtert durch die Umstände. Er bestätigte sämtliche im Laufe der Ermittlungen gemachten Aussagen, einschließlich der Lichtbildvorlage, das Foto wurde in die Prozessakte aufgenommen, und dann durfte ich mit dem Kreuzverhör beginnen.
»Ihrer Aussage zufolge handelte es sich bei den Tätern um drei Personen. Zwei haben Ihnen Ihre Musterkollektion und die Pistole abgenommen, ein Dritter stand, so schien Ihnen, etwas abseits und passte auf. Richtig?«
»Ja. Der Dritte stand an der Ecke, später sind sie aber alle drei zusammen weggelaufen.«
»Können Sie uns bestätigen, dass der Dritte, also der Mann, den Sie hinterher auf dem Foto wiedererkannt haben, rund zwanzig Meter von Ihnen entfernt stand?«
»Ja, fünfzehn, zwanzig Meter.«
»Gut. Dann schildern Sie uns jetzt doch einmal kurz den Ablauf der Lichtbildvorlage, die am Tag nach dem Überfall auf dem Polizeipräsidium stattfand.«
»Ich bekam verschiedene Alben zur Ansicht vorgelegt, und in einem davon war das Bild dieses Mannes.«
»Hatten Sie ihn früher schon einmal gesehen? Ich meine, vor dem Überfall?«
»Nein. Aber als ich sein Gesicht in dem Album sah, war mir sofort klar: Den kennst du. Und dann fiel mir ein, dass er es war, der Schmiere gestanden hatte.«
»Spielen Sie Fußball?«
»Verzeihung?«
»Ich fragte, ob Sie Fußball spielen.«
Der Vorsitzende wollte wissen, was diese Frage mit dem Gegenstand unseres Prozesses zu tun hätte. Ich versicherte ihm, das werde sich innerhalb weniger Minuten erweisen, worauf er mich bat fortzufahren.
»Spielen Sie Fußball? Nehmen Sie an irgendwelchen Meisterschaften oder Turnieren teil?«
Der Zeuge bejahte. Ich zog aus meiner Akte ein Foto von zwei Fußballmannschaften hervor, eines von denen, die gern vor einem Spiel gemacht werden. Daraufhin bat ich den Richter, es dem Zeugen vorlegen zu dürfen, und ging zu diesem hinüber.
»Erkennen Sie jemanden auf diesem Foto?«
»Klar. Da bin ich, da sind meine Mannschaftskameraden...«
»Können Sie uns sagen, wann dieses Foto gemacht wurde?«
»Das war letzten Sommer, vor dem Endspiel eines Turniers.«
»Erinnern Sie sich noch an das genaue Datum?«
»Ich glaube, es war der zwanzigste oder einundzwanzigste August.«
»Etwa einen Monat vor dem Raubüberfall.«
»Ja, das könnte stimmen.«
»Kannten Sie die Spieler der gegnerischen Mannschaft?«
»Den einen oder andern, nicht alle.«
»Betrachten Sie das Foto bitte noch einmal und sagen Sie mir, welche Spieler der anderen Mannschaft Sie erkennen.«
Er nahm das Foto in die Hand und studierte es, indem er den Zeigefinger über die Gesichter der Fußballer gleiten ließ.
»Den hier kenne ich, aber ich weiß nicht, wie er heißt. Der hier heißt, glaube ich, Pasquale... an den Nachnamen erinnere ich mich nicht. Der da...«
Er machte ein seltsames Gesicht, drehte sich verwundert nach mir um und betrachtete dann wieder das Foto.
»Haben Sie noch jemanden erkannt?«
»Der hier... ähnelt...«
»Wem?«
»Er ähnelt ein wenig dem auf dem Foto...«
»Sie meinen den Mann, den Sie im Album vom Polizeipräsidium erkannt haben?«
»Ja, ein wenig ähnelt er ihm. Natürlich ist es nach so langer Zeit nicht einfach...«
»Sie haben Recht, es handelt sich in der Tat um dieselbe Person. Erinnern Sie sich jetzt wieder?«
»Ja, könnte sein, dass es derselbe ist.«
»Gut, Sie erinnern sich also. Dann frage ich Sie: Würden Sie jetzt immer noch behaupten, dass der Mann, der an jenem Augustabend in der gegnerischen Fußballmannschaft spielte, derselbe war wie der, der an dem Raubüberfall teilnahm?«
»Na ja... wenn Sie mich so fragen... jetzt fällt mir das natürlich schwer.«
»Dafür habe ich volles Verständnis. Ich will meine Frage einmal anders formulieren. Als Sie überfallen wurden und in zwanzig Metern Entfernung den dritten Komplizen erblickten, war Ihnen da bewusst, dass es sich möglicherweise um denselben Mann handelte, gegen den Sie einen Monat zuvor Fußball gespielt hatten?«
»Nein, natürlich nicht… dafür war er einfach zu weit weg...«
»Richtig, dafür war er zu weit weg. Ich habe keine weiteren Fragen an den Zeugen, danke.«
Der Vorsitzende setzte einen neuen Termin an. Während er den Protokollführer die nächste Verhandlung aufrufen ließ, wandte ich mich um und suchte die junge Asiatin. Ich brauchte ein paar Sekunden, bis ich sie entdeckte, denn sie saß nicht mehr dort, wo ich sie anfangs gesehen hatte. Sie stand jetzt dicht neben der Tür, bereit zu gehen.
Unsere Blicke begegneten sich kurz. Dann drehte sie sich um und verschwand in den Fluren des Gerichtsgebäudes.
2
Das Telegramm traf zwei Tage später ein. Mit der üblichen Formulierung
Der Strafgefangene, Herr Soundso, derzeit in Untersuchungshaft, beauftragt Herrn Rechtsanwalt Soundso mit seiner Verteidigung in der Sache Soundso. Er bittet ihn, ihn zur Besprechung im Gefängnis zu besuchen.
In diesem Fall hieß der Inhaftierte nicht Soundso, sondern Fabio Paolicelli, nannte die Nummer des Verfahrens und bat mich dringlichst, ihn im Gefängnis zu besuchen.
Fabio Paolicelli. Wer war das bloß? Der Name sagte mir etwas, aber ich kam nicht darauf, was. Das irritierte mich gewaltig, denn ich hatte schon seit einiger Zeit den Eindruck, mein Namensgedächtnis lasse nach. Darin sah ich ein besorgniserregendes Indiz für den Niedergang meiner geistigen Fähigkeiten. Was natürlich Unsinn war, denn ich hatte mir noch nie gut Namen merken können, mit zwanzig so wenig wie heute. Aber wenn man die vierzig überschritten hat, häufen sich die dummen Gedanken, und die harmlosesten Vorkommnisse werden zu bedrohlichen Alterserscheinungen.
Wie auch immer, ich zerbrach mir ein paar Minuten lang den Kopf und ließ es dann gut sein. Ich würde sowieso bald erfahren, ob ich diesen Kerl wirklich kannte, dazu brauchte ich ihn nur im Gefängnis zu besuchen.
Ich rief Maria Teresa herein und fragte, ob wir am Nachmittag Termine hätten. Sie meinte, Herr Abbaticchio sei angemeldet, aber der würde erst gegen Abend, kurz vor Büroschluss kommen.
In Anbetracht der Tatsache, dass es jetzt vier Uhr war, dass wir Donnerstag hatten und man inhaftierte Mandanten donnerstags bis sechs besuchen kann, vor allem aber in Anbetracht der Tatsache, dass ich nicht die geringste Lust hatte, die Prozessunterlagen für den nächsten Tag zu studieren, beschloss ich, Herrn Fabio Paolicelli kennenzulernen, der mich ja dringlichst zu sehen wünschte. So würden, wenigstens für diesen Nachmittag, einmal alle zufrieden sein. Mehr oder weniger.
Seit einigen Monaten fuhr ich Rad. Nach Margheritas Abreise hatte ich ein paar Veränderungen vorgenommen. Ich kann nicht genau sagen, warum, aber sie hatten mir gutgetan. Dazu gehörte, dass ich mir ein schönes, altmodisches Fahrrad kaufte, schwarz und ohne Gangschaltung, die mir in Bari sowieso nichts genützt hätte. Zu meiner Freude war ich innerhalb kürzester Zeit ganz ohne Auto ausgekommen. Zuerst radelte ich nur bis zum Gericht, später auch zum Gefängnis, das etwas weiter entfernt liegt, und zuletzt verzichtete ich sogar abends, wenn ich ausging, auf meinen Wagen. Ich ging sowieso immer alleine aus, egal wohin.
Ein bisschen riskant ist es schon, in Bari Fahrrad zu fahren: Radwege gibt es nicht, und für die Autofahrer sind Radler in erster Linie ein Ärgernis; aber man kommt grundsätzlich schneller an sein Ziel als mit dem Wagen. Und so stand ich schon eine Viertelstunde später ziemlich durchgefroren vor der Gefängnispforte.
Der Wachbeamte, der an diesem Nachmittag Dienst hatte, war neu und kannte mich nicht. Deshalb nahm er seine Aufgabe sehr genau. Er kontrollierte meine Ausweispapiere, überprüfte meine Zulassung, nahm mir das Handy ab. Am Ende ließ er mich ein, und dann musste ich die übliche, lange Flucht von Stahltüren durchqueren, die sich bei meinem Durchgang öffneten und schlossen, bis ich den für die Mandatenbesprechungen vorgesehenen Raum erreichte. Der, auch das nichts Neues, so einladend war wie der Wartesaal eines Leichenschauhauses in der Provinz.
Sie ließen sich Zeit. Mein neuer Mandant erschien erst nach einer guten Viertelstunde, als ich bereits erwog, den Tisch und ein paar Stühle anzuzünden, der Kälte wegen und um auf mich aufmerksam zu machen.
Ich erkannte ihn sofort. Dabei war es über fünfundzwanzig Jahre her, dass ich ihn zuletzt gesehen hatte.
Das war Fabio Paolicelli alias Fabio Raybàn, mit Betonung auf der zweiten Silbe, wie in Bari üblich. Den Spitznamen hatten wir ihm aufgrund der Sonnenbrille gegeben, die er ständig trug, sogar nachts. Jetzt war mir auch klar, weshalb ich mich nicht an ihn erinnert hatte. Für mich, für uns alle war er immer nur Fabio Raybàn gewesen.
Die siebziger Jahre. Eine lange, fahle Tagesschau in Schwarz-Weiß, die in meiner Erinnerung mit Bildern der verwüsteten Piazza Fontana in Mailand beginnt, wie sie unmittelbar nach dem Bombenattentat aussah. Obwohl ich damals erst sieben Jahre alt war, erinnere ich mich noch sehr genau an alles: an die Fotos in den Zeitungen, an die Fernsehberichte, sogar daran, was meine Eltern untereinander oder mit Freunden, die zu Besuch kamen, sprachen.
Eines Nachmittags, ich glaube, es war am Tag nach dem Attentat, fragte ich meinen Großvater Guido, warum sie diese Bombe gelegt hätten, ob in Italien Krieg herrsche und wenn ja, gegen welches Land. Er sah mich an und sagte nichts. Es war das einzige Mal, dass er keine Antwort auf meine Fragen fand.
Ich erinnere mich noch an fast alle wichtigen Ereignisse jener Jahre, und meine Erinnerungen sind mit den Nachrichtensendungen verbunden, in denen zunehmend junge Gesichter auftauchten, Gesichter wie die unseren.
Ich selbst machte, wenn auch sporadisch und eher halbherzig, bei Aktionen der außerparlamentarischen Linken mit.
Fabio Raybàn hingegen war ein faschistischer Schläger.
Und möglicherweise mehr als ein simpler Schläger. Über ihn, und über andere wie ihn, wurde damals viel gemunkelt. Es war die Rede von bewaffneten Raubüberfällen, die als Mutprobe galten. Von paramilitärischen Trainingslagern in den abgelegensten Winkeln der Murgia, bei denen undurchsichtige Gestalten aus den Rängen der Armee und der Geheimdienste ihre Finger mit im Spiel hatten. Von so genannten Arierfesten in luxuriösen Vorstadtvillen. Vor allem aber hieß es, Raybàn habe dem Schlägertrupp angehört, der einen achtzehnjährigen, an Kinderlähmung erkrankten Kommunisten durch Messerstiche getötet hatte.
Am Ende eines langwierigen Prozesses war einer dieser Faschisten wegen Mordes verurteilt worden. Dass er sich daraufhin im Gefängnis umbrachte, kam vielen sehr gelegen, denn damit war es unmöglich geworden, die Mittäter zu identifizieren.
In den Tagen unmittelbar nach dem Mord war Bari erfüllt vom Rauch der Tränengasbomben, vom beißenden Gestank brennender Autos, vom Geräusch hastiger Schritte auf menschenleeren Straßen. Metallkugeln sprengten Schaufenster, Sirenen und Blaulichter sprengten die graue Nachmittagsstille der letzten Novembertage.
Die Faschisten waren professionell organisiert. Mehr noch, sie waren organisiert wie professionelle Verbrecher. Ihre politischen Argumente hatten die Form von Brechstangen, Ketten und Messern. Solange sie nicht gleich zur Pistole griffen. Damals reichte es schon, mit der falschen Zeitung, dem falschen Buch oder auch nur der falschen Kleidung die Via Sparano in der Nähe der San-Ferdinando-Kirche entlangzugehen - eine Gegend, die damals als schwarze Zone galt -, um brutal verprügelt zu werden.
Einmal passierte es auch mir.
Ich war vierzehn Jahre alt und trug immer einen grünen Parka, auf den ich sehr stolz war. Eines Nachmittags ging ich mit zwei Freunden, die wie ich fast noch Kinder waren, im Stadtzentrum spazieren, als wir plötzlich umringt wurden. Von Jungs, die sechzehn oder siebzehn waren, aber aussahen wie Männer. In diesem Alter machen zwei Jahre einen Riesenunterschied.
Unter ihnen befand sich ein blonder Typ, groß, schlank, mit einem David-Bowie-Gesicht. Er trug eine schwarze Rayban-Sonnenbrille, obwohl es bereits dunkel war. Seine Lippen waren nur ein Strich, und die Art, wie er lächelte, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.
Ein kleiner, vierschrötiger Kerl mit gebrochenem Schneidezahn trat auf mich zu und nannte mich einen roten Bastard. Ich solle sofort diesen Scheißparka ausziehen, oder sie würden mir das Rizinusöl verabreichen, das ich verdient hatte.
Obwohl ich vor Angst wie gelähmt war, fragte ich mich noch, was er wohl mit diesem Satz meinte. Ich hatte bis dahin noch nie etwas von Rizinusöl, faschistischen Säuberungsaktionen und Ähnlichem gehört.
Mein Freund Roberto machte sich in die Hose. Nicht nur im übertragenen Sinne. Ich sah den feuchten Fleck, der sich auf seiner verwaschenen Jeans ausbreitete, während ich mit bebender Stimme fragte, warum ich ihn denn ausziehen solle, meinen Parka. Der Typ versetzte mir einen Schlag zwischen Wange und Ohr. Mit aller Kraft.
»Zieh ihn aus, Scheißgenosse.«
Ich hatte entsetzliche Angst und war den Tränen nahe, aber meinen Parka zog ich nicht aus. Krampfhaft bemüht, nicht zu weinen, fragte ich noch einmal, warum. Und der Typ versetzte mir noch eine Backpfeife, dann einen Faustschlag und dann Fußtritte und noch mehr Faustschläge und Ohrfeigen, mitten unter Leuten, die vorübergingen und wegsahen.
Irgendwann - ich kauerte auf dem Boden und versuchte mich vor den Schlägen zu schützen - brachte jemand sie dazu, wegzulaufen.
Was danach passierte, ist mir besonders klar und deutlich in Erinnerung geblieben.
Ein Mann, dem Akzent nach aus Bari, hilft mir beim Aufstehen und fragt mich, ob er mich ins Krankenhaus bringen solle. Ich sage nein, ich wolle nach Hause. Den Hausschlüssel hätte ich dabei, sage ich noch, als würde ihn das interessieren oder mache in dieser Situation irgendeinen Sinn.
Dann trolle ich mich, und meine Freunde sind nicht mehr da. Ich weiß auch nicht, wann sie verschwunden sind. Unterwegs weine ich. Weniger vor Schmerz wegen der eingesteckten Prügel als vor Demütigung und Angst. Kaum etwas bleibt so gut in der Erinnerung haften wie Demütigung und Angst.
Verdammte Faschisten.
Und während ich noch weine und schniefe, sage ich mir laut, dass ich meinen Parka jedenfalls nicht ausgezogen habe. Dieser Gedanke richtet mich auf und lässt meine Tränen versiegen. Meinen Parka habe ich nicht ausgezogen, ihr Scheißfaschisten. Und ich erinnere mich genau an eure Gesichter.
Eines Tages zahle ich es euch heim.
 
Als Paolicelli das Anwaltszimmer betrat, fiel mir das alles wieder ein, alles auf einmal. Mit der Heftigkeit einer Sturmböe, die Fenster aufreißt, Türen zuknallt, Papiere durcheinanderwirbelt.
Er streckte mir die Hand hin. Ich zögerte einen Moment, bevor ich sie ergriff, und fragte mich, ob er es gemerkt habe. Erinnerungen stiegen in mir auf: verschwommene Gegenstände, Geräusche, Jungen- und Mädchenstimmen, Gerüche, Angstschreie, die Lieder der Inti Illimani, das Gesicht eines namenlosen Mitschülers, der mit siebzehn auf dem Schülerklo an einer Überdosis Heroin starb. Verzauberten Wesen gleich, die, jäh vom Bann erlöst, aus den Kellern und Dachstuben des Gedächtnisses dringen, in denen sie gefangen waren, stürmten diese Erinnerungen auf mich ein.
Er hingegen erinnerte sich mit Sicherheit nicht an mich.
Um nicht allzu brüsk zu erscheinen, ließ ich ein paar Sekunden verstreichen, bevor ich ihn fragte, warum er mich beauftragen wolle und warum er einsaß.
»Die Polizei hat mich vor eineinhalb Jahren wegen internationalen Rauschgifthandels festgenommen. Beim anschließenden Prozess wurde ich im abgekürzten Verfahren zu sechzehn Jahren Haft verurteilt, und zu einer extrem hohen Geldstrafe - so hoch, dass ich mich nicht einmal an den genauen Betrag erinnere.«
Tja... Schicksal, Faschist. Jetzt zahlst du für alles, wofür du damals nicht bezahlt hast.
»Ich war auf der Heimreise aus dem Urlaub, aus Montenegro. Im Hafen von Bari führten die Zollfahnder Stichproben mit Drogenspürhunden durch. Als sie zu meinem Wagen kamen, führten sich die Tiere auf wie verrückt. Ich wurde auf die Wache gebracht, und mein Wagen wurde auseinandergenommen. Beim Abschrauben des Bodenblechs kamen vierzig Kilo lupenreines Kokain zum Vorschein.«
Vierzig Kilo lupenreines Kokain rechtfertigten ein so hohes Strafmaß allerdings, selbst im so genannten abgekürzten Verfahren. Das Märchen von den Stichproben konnten sie jedoch ihren Großmüttern erzählen, die Herren Zollfahnder. Sie hatten bestimmt einen Hinweis bekommen. Irgendjemand musste ihnen gesteckt haben, dass ein Drogenkurier die Grenze passieren würde, und daraufhin hatten sie das Stück von der Routinekontrolle aufgeführt. Um ihren Informanten zu schützen.
»Das Rauschgift gehörte mir nicht.«
Paolicellis Worte unterbrachen jäh meinen Gedankengang.
»Wie meinen Sie das? War außer Ihnen denn sonst noch jemand in Ihrem Wagen?«
»Jawohl, meine Frau und meine Tochter. Wir kehrten gerade von einer Woche Urlaub am Meer zurück. Das Rauschgift war nicht von mir. Ich habe keine Ahnung, wer es in meinen Wagen geschmuggelt hat.«
Da haben wir’s, dachte ich. Schämt sich, weil er das Rauschgift im selben Wagen transportiert hat wie Frau und Kind. Typisch Faschist: taugt noch nicht mal zum Verbrecher.
»Verzeihung, Herr Paolicelli, Sie meinen, jemand hat das Kokain ohne Ihr Wissen in Ihren Wagen geschmuggelt? Wie soll das zugegangen sein? Ich meine, wir reden hier immerhin von vierzig Kilo, von einem Riesenpaket im Unterboden Ihres Fahrzeugs. Also, ich bin zwar kein Experte auf dem Gebiet, aber so etwas zu verstauen kostet doch Zeit. Haben Sie das Auto denn irgendjemandem ausgeliehen, solange Sie in Montenegro waren?«
»Ausgeliehen nicht, aber es stand die ganze Woche über auf dem Hotelparkplatz. Und der war so voll, dass wir den Schlüssel an der Rezeption abgeben mussten - damit der Portier das Auto, wenn nötig, umparken konnte. Wenn Sie mich fragen, hat irgendjemand, der mit dem Portier unter einer Decke steckte, die Drogen in meinen Wagen geschmuggelt - vermutlich in der letzten Nacht vor unserer Abreise. Und in Italien, irgendwo hinter der Grenze, hätte dieser Jemand, oder ein Gehilfe, das Rauschgift dann wieder an sich gebracht. Ich weiß, es klingt absurd, aber dieses Zeug gehörte nicht mir. Das schwöre ich Ihnen.«
Ja, eben. Es klang absurd.
Es war eine der vielen absurden Geschichten, die man in Gerichtssälen, auf Polizeiwachen, in Gefängnissen zu hören bekommt. Typen, die beispielsweise mit einer Pistole erwischt werden, behaupten durch die Bank, die hätten sie vor einer Minute zufällig gefunden, in der Regel unter einem Busch oder Baum oder in einer Mülltonne - ein Klassiker. Und obwohl die Knarre frisch geölt ist und eine Kugel im Lauf hat, behaupten sie, dass sie gar nicht wüssten, wie man so etwas benützt; sie seien gerade im Begriff gewesen, zur Polizei oder zu den Carabinieri zu gehen, um das Ding abzuliefern. Eben aus diesem Grund trugen sie die Kanone ja geladen im Hosenbund und trieben sich - beispielsweise - vor einem Juwelierladen herum oder in der Nähe eines zwielichtigen Rivalen.
Ich wollte Paolicelli sagen, es sei mir vollkommen egal, dass er vierzig Kilo Rauschgift von Montenegro nach Italien geschmuggelt habe, und es interessiere mich auch nicht, ob er das vorher schon getan habe und wie oft. Er könne mir also ruhig die Wahrheit erzählen, das würde die Sache sogar einfacher machen. Ich sei Strafverteidiger und vertrete nun einmal Leute wie ihn. Und natürlich falle es mir im Traum nicht ein, mir irgendein Urteil über meine Mandanten anzumaßen. Das war es mehr oder weniger, was ich ihm sagen wollte, aber ich tat es nicht, denn ich merkte plötzlich, was da in meinem Kopf ablief. Und es gefiel mir überhaupt nicht.
Mir wurde klar, dass ich ein Geständnis von ihm wollte. Um absolut sicher zu sein, dass er schuldig war, und um ihn seinem langjährigen Sträflingsschicksal entgegenführen zu können, ohne mit meiner Verantwortung als Anwalt, der Deontologie oder ähnlichen Dingen in Konflikt zu geraten.
Ich begriff, klar und deutlich, dass ich eher sein Richter - und vielleicht auch sein Henker - sein wollte als sein Anwalt. Ich wollte eine alte Rechnung begleichen.
Und das war nicht in Ordnung. Ich sagte mir, dass ich die Sache überdenken müsse, denn wenn ich den Eindruck hatte, diesen Impuls nicht kontrollieren zu können, musste ich dieses Mandat niederlegen. Oder besser: es gar nicht erst annehmen.
»Was ist nach Ihrer Festnahme passiert?«
»Nachdem die Zollbeamten das Rauschgift gefunden hatten, schlugen sie mir vor zu kollaborieren. Sie sagten, sie wollten eine... wie nennt man das?«
»Eine kontrollierte Übergabe?«
»Ja, genau, eine kontrollierte Übergabe machen. Sie sagten, sie würden mich mit meinem Wagen und dem Rauschgift fahren lassen. Ich solle die Drogen übergeben, als wäre nichts geschehen. Sie würden mir folgen und im geeigneten Moment die Personen festnehmen, die auf die Lieferung warteten. Sie meinten, das brächte mir einen beträchtlichen Strafnachlass, so dass ich mit drei Jahren davonkäme. Ich sagte ihnen, das Rauschgift gehöre nicht mir und ich wisse deshalb auch gar nicht, zu wem ich sie führen solle, aber die Zöllner meinten, dann müssten sie mich eben festnehmen und meine Frau auch, denn es sei offensichtlich, dass wir unter einer Decke steckten. Ich bin in Panik geraten und habe mich schnell berichtigt; ja, sagte ich, das Rauschgift gehöre tatsächlich mir, aber meine Frau wisse nichts davon. An diesem Punkt telefonierten die Beamten mit dem Staatsanwalt, und der ordnete an, lediglich mich festzunehmen; vorher sollten sie aber meine Aussage zu Protokoll nehmen. Also protokollierten sie meine Aussage und verhafteten mich dann. Meine Frau durfte daraufhin gehen.«
In seinem an sich höflichen Ton schwang Verzweiflung mit.
Er bat mich um eine Zigarette, und ich sagte ihm, ich hätte keine Zigaretten, da ich seit zwei Jahren nicht mehr rauchte. Auch er hatte, wie er mir sagte, vor über zehn Jahren aufgehört zu rauchen, am Tag nach seiner Einlieferung ins Gefängnis aber wieder damit angefangen.
Wen hatte er eigentlich bei seiner Festnahme als Verteidiger angegeben? Und weshalb hatte er später beschlossen zu wechseln? Aus der Art, wie er mich ansah, bevor er mir antwortete, schloss ich, dass er auf diese Frage gewartet hatte.
»Bei meiner Festnahme wollten sie wissen, wer mein Anwalt sei, er müsse benachrichtigt werden. Ich meinte, ich hätte keinen Anwalt. Meine Frau war da noch anwesend - unsere kleine Tochter war von einer Freundin abgeholt worden. Ich sagte ihr, sie solle sich auf die Suche nach einem guten Anwalt machen. Bereits am nächsten Morgen hatte sie einen gefunden.«
»Wer war das?«
Hier begann der merkwürdige Teil der Geschichte, sofern Paolicelli die Wahrheit sagte.
»Meine Frau verließ gerade das Haus, als ein Unbekannter sie ansprach. Er sagte, er sei von Freunden geschickt worden, die uns helfen wollten, und riet ihr dringend, einen Anwalt aus Rom zu meinem Verteidiger zu ernennen, einen gewissen Corrado Macrì; der würde mich da rausholen. Er drückte ihr einen Zettel in die Hand, auf dem ein Name und eine Handynummer standen, und meinte, sie solle diesen Anwalt am besten gleich mit dem Mandat beauftragen, damit er mich noch vor der Vernehmung durch den Haftrichter im Gefängnis besuchen könne.«
»Und was hat Ihre Frau getan?«
Paolicellis Frau, die keine bessere Lösung wusste, beauftragte tatsächlich den Anwalt Macrì. Dieser kam innerhalb weniger Stunden aus Rom, als habe er nur auf dieses Mandat gewartet. Er besuchte Paolicelli im Gefängnis und sagte ihm, er solle sich keine Sorgen machen, er würde alles in Ordnung bringen. Als Paolicelli wissen wollte, wer ihn denn geschickt habe und wer der Mann sei, der seine Frau auf der Straße angesprochen hatte, wiederholte er nur, er solle sich keine Sorgen machen. Er müsse lediglich seine Ratschläge befolgen, dann würde sich alles fügen. Vor allen Dingen sollte Paolicelli bei der Vernehmung durch den Haftrichter vom Recht der Aussageverweigerung Gebrauch machen, denn andernfalls würde er möglicherweise seine Lage noch verschlimmern.
Ich fragte mich, wie viel Phantasie man brauchte, um sich eine Verschlimmerung seiner Lage vorzustellen, sagte es aber nicht laut.
Jedenfalls legte Macrì Haftbeschwerde ein und kam damit nicht durch - der Richter bestätigte die Notwendigkeit der Untersuchungshaft.
Hätte mich auch gewundert, wenn er anders entschieden hätte, dachte ich. Aber auch das sagte ich nicht laut.
Macrì legte jedoch erneut Beschwerde ein, diesmal beim Kassationshof, mit der Begründung, es liege ein - nicht näher definierter - Verfahrensfehler vor, der ihm Anlass zu der Hoffnung gebe, Paolicelli könne doch aus der U-Haft entlassen werden.
Die Hoffnung stellte sich als unbegründet heraus, denn der Kassationshof bestätigte nur das erste Urteil. Macrì freilich verbreitete weiterhin Optimismus. Er meinte zu Paolicelli, und auch zu dessen Frau, sie sollten sich keine Sorgen machen, mit ein wenig Geduld werde sich alles regeln. Der Ton, in dem er das sagte, klang - wie Paolicelli mir erklärte - vielsagend. So, als hätte er ein As im Ärmel, das er im geeigneten Moment auszuspielen gedachte.
Der Prozess begann, Macrì schärfte Paolicelli noch einmal ein, keinerlei Aussage zu machen, und beantragte in der ersten Verhandlung ein so genanntes abgekürztes Verfahren. Wie es ausgegangen war, wusste ich bereits.
»Und was hat Macrì dann gesagt?«
»Er meinte wieder, ich solle mir kein Sorgen machen, er würde alles in Ordnung bringen.«
»Sollte das ein Witz sein?«
»Nein, er meinte, es sei abzusehen gewesen, dass es in erster Instanz so ausging - dabei hatte er mir in den Wochen davor immer wieder versichert, ich käme schlimmstenfalls mit vier, fünf Jahren davon. In zweiter Instanz würde er alles wieder hinkriegen. Als er mir dann allerdings seine Berufungsschrift präsentierte, eine knappe Seite, auf der so gut wie nichts gesagt wurde, bin ich in die Luft gegangen.«
»Und?«
»Ich sagte ihm, er spiele mit meinem Leben. Und ich wisse genau, wer ihn geschickt habe. Und dann meinte ich noch, ich hätte jetzt die Schnauze voll, ich würde den Richter anrufen und ihm alles erzählen.«
»Was wollten Sie dem Richter denn erzählen?«
»Ich hatte nichts Bestimmtes im Sinn. Dieser Satz war mir in meiner Wut einfach so herausgerutscht. Ich glaube, ich wollte ihn rütteln, irgendeine Reaktion auslösen. In Wahrheit habe ich bis heute keine Ahnung, wer ihn mir geschickt hat. Aber er muss mir geglaubt haben, er muss gedacht haben, ich hätte dem Richter wirklich etwas Wichtiges zu erzählen.«
»Wie hat er reagiert?«
»Sein Ton änderte sich schlagartig. Er meinte, ich solle gut aufpassen, was ich tat und vor allem, was ich sagte. Leuten, die sich falsch benähmen, könne im Gefängnis Schlimmes passieren.«
Ich merkte, dass Paolicelli kurzatmig geworden war. Er keuchte und musste Luft holen, bevor er weitersprach.
»Es gab nichts, was ich dem Richter hätte erzählen können. Außer, dass diese Drogen nicht mir gehörten. Und das hätte er mir nicht abgenommen, ebenso wenig, wie Sie es mir abnehmen.«
Ich wollte ihm schon widersprechen. Dann sagte ich mir jedoch, dass er Recht hatte, blieb still und ließ ihn weiterreden.
»Jedenfalls meinte dieser Mensch, wenn ich kein Vertrauen mehr zu ihm hätte, sei es sinnlos, dass er mich weiter verteidige. Er lege das Mandat nieder, ich dürfe aber nicht vergessen, was er mir gesagt hatte. Wenn ich verlangte, mit dem Richter zu sprechen, würden sie es sofort erfahren. Dann ging er.«
Jetzt war ich es, der eine Zigarette gebraucht hätte. Das kam inzwischen nur noch sehr selten vor, überwiegend in Momenten, in denen die Dinge unklar wurden. Und wenn Paolicelli die Wahrheit sagte, war diese Geschichte unklar, das war zumindest sicher.
»Ach, zwei Dinge habe ich noch vergessen.«
»Ja?«
»Das eine: Er ließ sich nicht bezahlen. Er wollte keinen Heller, obwohl er doch bestimmt hohe Ausgaben gehabt hatte, Reisekosten, Spesen. Aber es war nichts zu machen: Jedes Mal, wenn ich zu ihm sagte, ich wolle ihn bezahlen, meinte er nur, ich solle mir deshalb keine Sorgen machen. Wenn wir alles in Ordnung gebracht haben - er sprach immer davon, alles in Ordnung zu bringen -, könne ich ihm ja ein kleines Geschenk machen. Und das andere: Als der Staatsanwalt die Freigabe des Wagens anordnete, der im Übrigen auf meine Frau angemeldet ist, bestand Macrì darauf, ihn persönlich abzuholen. Dieses Verhalten ist doch nicht normal für einen Rechtsanwalt, oder?«
Nein. Das war es tatsächlich nicht.
Die ganze Sache mit dem Anwalt war höchst suspekt. Zu verwickelt, um erfunden zu sein. Deshalb wusste ich nicht recht, woran ich war. Ich versuchte, das Ganze zu verstehen, und das merkte Paolicelli, denn er unterbrach mich nicht. Was wäre, wenn er mit diesen Drogen wirklich nichts zu tun hatte? Wenn es wirklich jemanden gab, der sich dieses System ausgedacht hatte, um kiloweise Kokain über die Grenze zu schmuggeln? Je länger ich über die Angelegenheit nachdachte, desto schizophrener wurden meine Überlegungen. Auf der einen Seite erschienen sie mir wie Phantasiegeschichten, wie sie höchstens in Filmen oder Romanen vorkommen. Andererseits empfand ich die Vorstellung, Paolicelli könne die Wahrheit sagen, als entsetzlich realistisch. Irgendwie erinnerte mich die ganze Geschichte an die Vexierbildchen, die ich als Kind in Schmelzkäsepackungen gefunden hatte: Die Abbildungen auf diesen Bildchen veränderten sich, je nachdem, wie man die Bildchen drehte: Die Hauptfigur bewegte sich, andere Figuren tauchten auf.
Die italienische Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel »Ragionevoli dubbi« bei Sellerio editore Palermo.
 
 
 
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1. Auflage
Copyright © der Originalausgabe 2006 by Gianrico Carofiglio
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2007 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Satz: Uhl + Massopust, Aalen Druck und Einband: GGP Media GmbH, Pößneck
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eISBN : 978-3-894-80429-9
 
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