Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Das Gesetz der Eiche - Jessica van Houven

Sei clever und wachsam. Am Ende bleiben nur die Stärksten. London, King's College: Während die junge Studentin Nola die ersten Vorlesungen besucht, erfährt sie von der mysteriösen Studentenverbindung Sword & Eagle, deren Existenz bislang niemand bestätigen konnte. Angetrieben von bruchstückhaften Erinnerungen, die sich zurück in ihr Gedächtnis drängen, begibt sie sich auf die Spuren des Geheimbundes. Doch ehe Nola ihre Theorien beweisen kann, wirft sie die Bekanntschaft zu dem düsteren und unnahbaren Shane aus der Bahn. Als ausgerechnet er ihre Hilfe braucht, wird ihr eigenes Leben komplett auf den Kopf gestellt. Ohne Vorwarnung gerät sie in einen gefährlichen Sog krimineller Machenschaften.

Meinungen über das E-Book Das Gesetz der Eiche - Jessica van Houven

E-Book-Leseprobe Das Gesetz der Eiche - Jessica van Houven

Das Gesetz der Eiche

Das Gesetz der EichePrologNeustartIm PubEinbruchAlte GeschichtenNachforschungenDie LogeEin Mythos am CollegeDer AuftragEntspanntes WochenendePerspektivenIm richtigen LichtUnerwartete HilfeStammbaumMachtkämpfeDrohungenDas Gesetz der EicheErsehnter DurchbruchDas zweite RätselNeue PläneAbgeblätterter LackEpilogImpressum

Das Gesetz der Eiche

Für Papa

Prolog

Die Schritte der Gruppe hallten von den kargen Kellermauern wider. Irgendwo fielen einzelne Wassertropfen leise auf den Steinboden und Schatten, die nicht ihre waren, schienen über die Wände zu huschen. Etwas knirschte unter den Schuhen, ehe der Boden endlich fester wurde. Grober Stein ging in edle Fliesen über. Der Gang öffnete sich zu einem großen runden Raum, dessen Decke, wie eine Kuppel gewölbt, gut fünf Meter über ihnen war. Warmes, gelbliches Licht, das von Lampen stammte, die in die Vorsprünge eingearbeitet worden waren, um den Raum indirekt zu beleuchten, erhellte die Umgebung nur notdürftig. 

     Vor den soeben eingetroffenen Leuten thronten drei Stühle auf einer marmornen Empore, die man über Stufen links und rechts erreichen konnte. Die Empore ragte zwei Meter über der Gruppe, sodass die Männer, die auf den Stühlen saßen, auf sie alle hinabblickten. Hinter den Stühlen waren Deckenstrahler angebracht, die in den Raum hinein leuchteten. Zum einen dienten die Strahler als Hauptlichtquelle und zum anderen warfen sie geschickt Schatten, sodass man die Gesichter der drei Männer nicht erkennen konnte. Der Mann in der Mitte hob nun die Hand und alle gerade eingetretenen Personen blieben stehen. Der Raum war relativ gut gefüllt, doch es herrschte absolute Stille.

     Der Mann erhob sich. »Brüder!« Reglos schaute er auf sie hinab. »Eine wichtige Zeit bricht an. Eine Zeit voller Entscheidungen und Taten. Unser Orden soll untergraben werden. Geschwächt und vernichtet! Das können und werden wir nicht zulassen. Zu lange herrscht schon die alte Fehde mit unserem Feind, der wir nun ein Ende bereiten und aus der wir als endgültiger Sieger hervorgehen werden. An unserer Seite wissen wir nun einen starken Verbündeten, mit dem uns der Sieg gelingen wird. Wir werden uns alte und neue Mittel zu Nutze machen, um die Schlacht zu unseren Gunsten zu entscheiden.«

     Gebannt schaute die Gruppe nach oben. Der Vorsitzende trat einen Schritt zur Seite und mit einer dezenten Handbewegung bedeutete er einem der neben ihm Sitzenden aufzustehen.

     »Wir haben Aufgaben für jeden von euch ausgearbeitet, mit denen unser Feind geschwächt wird, ehe er dies mit uns tun kann. Wir müssen schnell handeln und zielstrebig sein. Das System unseres Feindes untergraben, ihm seine finanziellen Mittel entziehen. Es geht hier um unsere Existenz, Brüder! Versagt ihr, versinkt unser Orden und wir verlieren alles. Wir müssen unseren Status jetzt absichern. Aus zuverlässiger Quelle haben wir erfahren, dass unsere Feinde unmittelbar vor einem Schlag gegen uns stehen, der uns in der Öffentlichkeit nicht nur diffamieren, sondern auslöschen wird. Keiner von uns würde mehr eine Zukunft haben. Wir würden den Schutz unseres Ordens verlieren und ihn nie wieder aufbauen können. Seid euch also des Verlustes bewusst, den wir erleiden würden, solltet ihr versagen. Jeder hat in der kommenden Zeit seinen Beitrag zu leisten. Es werden schwierige und harte Wochen werden, ehe wir unseren Feind bezwungen haben. Schaffen wir es, werden wir eine Position erlangen, aus der heraus wir alles erreichen können.«

     »Jeder erhält nun einen Zettel mit einem Zeichen. Dieses Zeichen symbolisiert eure Zugehörigkeit zu einer Arbeitsgruppe. Findet euch bitte an der Position dieses Zeichens ein – ihr seht die Symbole an den Wänden«, fuhr er fort. Mit einer ausladenden Geste deutete er auf die Symbole, die unter den Stoffbannern mit dem Ordenswappen angebracht worden waren. »Jede Gruppe ist dazu angehalten, ihre Mission nicht zu gefährden. Daher solltet ihr keinesfalls mit einem Außenstehenden darüber sprechen. Unser aller Schicksal steht auf dem Spiel. Leistet euren Beitrag. Wir werden ein Auge auf euch haben.«

     Mit diesem letzten Hinweis waren sie entlassen. Ein Raunen ging durch den Raum. Zwei in schwarz gekleidete Männer schritten die Reihen entlang und verteilten gefaltete, mit Namen versehene Zettel. Die Anwesenden schauten auf das Papier, um das Symbol darauf zu erkennen und fanden sich dann an dem entsprechenden Platz ein.

     Unsicherheit über die Bedrohung von außen hatte sich breitgemacht. Ihnen allen war bewusst, dass sie alles verlieren konnten, was sie bislang erreicht hatten. Geld, Status, nichts wäre mehr übrig. Es stand außer Frage, dass es ihr Leben für immer ins Negative verändern konnte, wenn sie versagten.

    Entschlossenheit breitete sich auf den Gesichtern aus. Die Menschen dort draußen, die Menschen in den Straßen Londons hatten keine Ahnung, was tatsächlich hinter vielen verschlossenen Türen und Mauern vor sich ging. Die Brüder waren privilegiert, einen anderen Blickwinkel einnehmen zu dürfen. Sie waren Teil von etwas Großem.

Neustart

Weiß. Blendend weiß, wie gebleichte Zähne, strahlte ihr die helle Fassade des Gebäudes entgegen. Langsam ließ sie ihren Blick über die hohen Säulen im zweiten Stock gleiten, überlegte, zu welcher Ordnung die Kapitelle gehörten, ehe sie aufgab. Sie war überwältigt von dem Baustil und der Tatsache, dass nur ein Stück weiter die hochmodernen Glasfronten der Hochhäuser zu finden waren. Der Kontrast zwischen alten und neuen Gebäuden war äußerst faszinierend. Fast wie der Kontrast zwischen ihrem alten Leben und dem neuen. 

     Der große Innenhof des Somerset House war von Touristen und Einheimischen bevölkert. Kinder kreischten, als sie durch die sprudelnden Wasserfontänen liefen. Der noch sommerliche Septembertag bot die beste Voraussetzung für solch eine kleine Auszeit. Es wunderte sie nicht, dass es zahlreiche Leute hierher zog. Obwohl das Somerset House direkt an der Themse lag, in unmittelbarer Nähe zur Waterloo Bridge und weiter südwestlich zum Trafalgar Square, konnte man hier Abstand vom schnelllebigen Alltag in Londons Zentrum nehmen.

     Nola konnte sich gut vorstellen, wie Königin Elizabeth I. dort gelebt hatte, ehe sie gekrönt worden war. Das hatte sie im Internet nachgelesen, nachdem sie zum ersten Mal hier vorbeigekommen war. Ein Gebäude voller Geschichten aus der Vergangenheit. Was würden die Mauern erzählen, könnten sie reden?

     Immer wieder hatte es Bauarbeiten und Veränderungen gegeben. Ein paar der Flügel waren erst viel später gebaut worden und die Verwendung der Räume hatte häufig gewechselt. So war der Ostflügel zum Beispiel Teil des King’s College London. Der Grund ihres Hierseins.

     Sie hatte sich am King’s College für den Studiengang in Management und Business eingeschrieben und das erste Semester hatte diese Woche begonnen.

     Noch immer konnte sie nicht fassen, dass sie tatsächlich in London studierte und lebte. Natürlich war sie schon ein paar Mal in der Hauptstadt gewesen, aber ihr bisheriges Leben hatte im nordöstlich gelegenen Ipswich stattgefunden. Das war absolut kein Vergleich zum pulsierenden London, in dem sich so viele Kulturen vermischten und sich eine einzigartige Stadt gebildet hatte. Nola hatte geahnt, dass es überwältigend sein würde von einer deutlich kleineren Stadt hierhin umzuziehen und war froh, dass sie schon in den Ferien hergekommen war.

     Nola war zwar weder kontaktscheu noch unbeholfen, aber auch sie musste sich erst einmal zurechtfinden. Die Entscheidung, nach einer Wohngemeinschaft zu suchen, war ebenfalls richtig gewesen.

     Ihre Mitbewohnerin Eliza studierte schon etwas länger am King’s College und hatte zahlreiche Tipps auf Lager, die sie bereitwillig teilte. Liz war eine hübsche langhaarige Blondine mit tiefblauen Augen und zahlreichen Sommersprossen auf der Stupsnase. Sie war einundzwanzig und studierte Medizin. Liz liebte das, was sie tat und das, was sie später als Ärztin erreichen konnte. Sie war in ihrem letzten Bachelorjahr und besuchte die Vorlesungen, Kurse und praktischen Einheiten am Guy’s Campus, der etwas entfernt vom Hauptsitz der Universität auf der anderen Themseseite lag. Ihr eleganter Kleidungsstil passte zu der hoch gewachsenen, schlanken Liz und verriet einem, dass sie aus gutem Elternhaus stammte und sich die Abstecher in teure Boutiquen leisten konnte.

     Die letzten vier Wochen waren wie im Flug vergangen. Sie hatten sich gemeinsam die Stadt angesehen und Liz hatte zu vielen Plätzen und Gebäuden etwas erzählen können. Nola fühlte sich immer wohler in London, was nicht zuletzt an der gemütlichen kleinen Wohnung lag, die nun ihr Zuhause war.

     Jäh wurde sie aus ihren Gedanken gerissen, als sie plötzlich angesprochen wurde. Sobald sie ihre Mitbewohnerin sah, wurde Nolas fröhliches Grinsen breiter.

     »Na, Frischling. Wie war dein erster Tag?«, begrüßte Liz sie.

     Sie hatten sich heute Morgen für die Mittagspause verabredet, denn die Kurse würden bei Liz erst in der nächsten Woche beginnen. Da der Studiengang sehr anspruchsvoll war und viele Zusatzarbeiten sowie Praktika vorgesehen waren, würde es bei der Blonden dann zeitlich ganz anders aussehen.

     »Es war super. Ich frage mich momentan zwar, wie ich das Pensum schaffen soll, aber ich schätze, da wächst man rein. Ich bin wirklich froh, dass ich früher hergekommen bin, um mich schon am Campus und in der Stadt umsehen zu können. Wenn ich mir überlege, ich wäre heute zum ersten Mal hier und hätte die Gebäude suchen müssen…« Statt den Satz zu beenden, schüttelte sie bloß den Kopf, was ihre langen braunen Haare hin und her schwingen ließ.

     Die neuen Freundinnen unterschieden sich im Aussehen grundlegend. So war Nola deutlich kleiner als Liz, kam exakt auf einen Meter einundsechzig und hatte haselnussbraune Augen mit grünen Sprenkeln darin. Zudem trug Nola mit Vorliebe lässige Jeans und Shirts. Dennoch hatten sie sich direkt gut verstanden und viele charakterliche Ähnlichkeiten entdeckt. Ohne Liz hätte Nola sich vermutlich nicht nur langsamer eingelebt, sondern auch bereits einige Male in London verlaufen. Immerhin war allein der Campus schon verwirrend genug.

     Für jeden Fachbereich gab es ein eigenes Gebäude oder einen Flügel im großen Gebäude, welches an das Somerset House grenzte. Man konnte die Erstsemester problemlos an den fragenden Mienen und den Campuskarten in ihren Händen erkennen. Nola freute sich auf diesen Neuanfang, aber sie hatte auch großen Respekt vor den Anforderungen, die von den Professoren an die Studenten gerichtet wurden. Sie zweifelte nicht daran, dass sie es schaffen würde, aber sie musste sich selbst eine Eingewöhnungsphase zugestehen.

     »Was hattest du denn für unsere Pause im Sinn?«

     »Ich dachte, wir setzen uns hier ein wenig hin. Am Wasser ist es mir zu ungemütlich. Da hecheln die ganzen Jogger und Fahrradfahrer vorbei und das Hupkonzert brauche ich auch nicht bei unserem kleinen Lunch. Ich habe Sandwiches mitgebracht.« Zur Verdeutlichung hob Liz eine Tüte in die Höhe, in der ihr Mittagssnack wartete und wedelte damit hin und her. Zustimmend nickte Nola und so sahen sie sich nach einem freien Platz im Innenhof um. 

     Nola war froh, dass Liz und sie sich auf Anhieb so gut verstanden hatten. Sie war sehr locker und ging schnell auf Menschen zu, hatte sich aber vorgenommen, nicht zu aufdringlich zu sein. Da sie sehr schnell festgestellt hatte, dass Liz so unkompliziert war wie sie selbst, hatte sie sich ihr gegenüber gleich öffnen können.

     »Wie sind denn die Leute so? Lässt sich ja meist schon ein erster Eindruck gewinnen, ob jemand Nettes dabei ist.«

     »Ich habe mich mit zwei Mädels unterhalten, die schienen ganz nett zu sein. Gerade eben als ich aus der Vorlesung herausgekommen bin, habe ich mich noch mit einem Studenten ausgetauscht. Er ist zwar im zweiten Jahr, muss aber die Vorlesung wiederholen. Es sind jedenfalls ein paar sympathische Leute dabei. Da mache ich mir keine Sorgen. Ich bin ja nicht gerade auf den Mund gefallen«, meinte Nola lachend.

     »Das bist du wirklich nicht. Du machst das schon! Wir unternehmen zwar so viel gemeinsam wie möglich, aber ich werde ab nächster Woche echt wieder eingespannt sein. Da will ich sichergehen, dass du gescheiten Ersatz hast«, scherzte Liz und beschleunigte nebenbei plötzlich ihre Schritte. Sie hatte ein freies Fleckchen im Schatten entdeckt, was momentan ein regelrechtes Wunder war und flitzte darauf zu, um es sofort zu blockieren.

     Nola ließ sich neben ihr auf dem Boden nieder, lehnte sich an das Geländer in ihrem Rücken, denn Bänke standen hier im Innenhof keine. Sie beschloss, auf jeden Fall noch einmal mit ihrer Kamera herzukommen und das Somerset House zu knipsen. Dieses Hobby würde sie in London richtig ausleben können.

     »Ich hoffe, es stört dich nicht, dass ich noch einen guten Freund eingeladen habe? Er war während der Ferien nicht in der Stadt und gesellt sich normalerweise häufiger in meinen Pausen oder Freistunden dazu.«

     »Kein Problem! Ich habe mich schon gewundert, wer die ganzen Sandwiches essen soll.« Nola schielte in die Tüte, die Liz ihr hinhielt und angelte nach einer der Packungen. Aus ihrer Umhängetasche zog Nola anschließend noch eine Wasserflasche und das Mittagessen konnte beginnen.

     Während sie aßen, schauten sie sich Nolas Vorlesungsplan an. Liz ließ sich darüber aus, wie schrecklich der Montag sein würde, da direkt um acht Uhr morgens eine Vorlesung war. Ansonsten war es überraschend entspannt, weil an jedem Tag ein paar kleine Lücken vorhanden waren. Die würde Nola vermutlich brauchen, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen und in der Bibliothek nach Literatur zu suchen. Obwohl ihr alles noch so fremd und kompliziert vorkam, war sie sich sicher, dass sie schnell mit allem zurechtkommen würde.

     »Hallo Ladys. Wenn ich mich nicht irre, bin ich hier eingeladen.« Die männliche Stimme ließ die beiden jungen Frauen leicht zusammenzucken und von dem Vorlesungsplan aufschauen.

     »Da bist du ja!« Liz erhob sich freudig und umarmte den schlanken Braunhaarigen, dessen kurze Haare ihm wild verwuschelt vom Kopf abstanden. Er drückte Liz fest an sich, gab ihr einen Kuss auf die Wange und schien sich sehr über das Wiedersehen zu freuen. Als er sich von ihr löste, richteten sich seine dunkelbraunen Augen auf Nola. Er hatte einen leichten Dreitagebart und lächelte ihr mit einem schiefen Grinsen freundlich entgegen.

     »Na hola, du hast mir gar nicht gesagt, dass deine neue Mitbewohnerin so gut aussieht, Liz!« Ohne dabei aufdringlich zu sein, zwinkerte er Nola zu und reichte ihr letztlich seine Hand. »Ich bin Oliver. Liz hat schon ein bisschen von dir geschwärmt.«

     »Ich bin Nola. Freut mich. Geschwärmt kann dann ja nur Gutes bedeuten. Damit kann ich leben«, erwiderte sie und rutschte ein Stück zur Seite, damit er auf Elizas anderer Seite Platz nehmen konnte.

     »Du darfst nicht alles ernst nehmen, was er von sich gibt. Er hält sich manchmal für unwiderstehlich, dann muss man ihn auf den Boden der Tatsachen zurückholen«, informierte Liz grinsend, was Oliver empört nach Luft schnappen ließ.

     »Manchmal? Ich halte mich grundsätzlich für unwiderstehlich! Bitte halte dich doch an die Tatsachen, meine Liebe. Aber jetzt gib mir erst einmal mein Mittagessen und erzähl mir, wie die Zeit ohne mich war.«

     Nola schmunzelte amüsiert und konnte sich vorstellen, dass sie mit Oliver gut auskommen würde. Liz verdrehte zwar die Augen, gab ihm dann aber die letzte Packung mit Sandwiches. Ihr war anzusehen, dass sie sich wirklich über seine Rückkehr freute.

     »Die Zeit war super, weil Nola und ich viel unternommen haben. In den ersten Tagen haben wir Touristen gespielt und ich habe ihr die wichtigsten Punkte der Stadt gezeigt. Sie war zwar schon einmal in London, aber das ist eine ganze Weile her. Bevor sie eingezogen ist, habe ich noch das Praktikum beendet, das ja zwei Monate lang ging. Und jetzt kommt der Uni-Alltag wieder. Was soll ich da groß erzählen, das du nicht selbst kennst?«

     Aufmerksam hatte er Liz zugehört und nickte nun leicht. »Also alles beim Alten. Nichts Besonderes in meiner Abwesenheit passiert. So mag ich das. Abgesehen von Nola natürlich. Du bist eine Neuigkeit. Mit Liz um die Häuser zu ziehen, war ein guter Einstieg für dich. Gibt niemanden, der dir die Stadt besser hätte zeigen können! Außer mir! Und jetzt erzähl mir mal etwas von dir, statt mich mit deinen Hundeaugen anzuschauen.«

     Nola konnte nicht anders und musste lachen. Seine flapsige Art machte das Gespräch unglaublich angenehm und zwanglos. »Ich weiß ja nicht, was du wissen möchtest. Die Fakten kennst du anscheinend schon von Liz. Ich fange jetzt an zu studieren und komme ursprünglich aus Ipswich.«

     »Was studierst du? Du hast dann dieses Jahr die Schule beendet? Und wie ist das Leben in Ipswich?«

     »Management und Business. Die Schule habe ich allerdings schon vergangenes Jahr beendet, bin also jetzt zwanzig. Ich habe ein Jahrespraktikum gemacht, um mich zu orientieren und sicher zu sein, was ich machen möchte. Denn die Alternativen in Ipswich sind nicht so vielfältig wie in London. Es ist okay, ich mag es dort, aber ich wollte definitiv in eine größere Stadt. Die Universität ist super und wenn man so eine Chance bekommt, dann sollte man sie nutzen«, antwortete sie auf die zahlreichen Fragen.

     »Ach sooo, ich dachte, du wärst eins der Küken, die direkt von der Schule kommen, mit ihren zarten achtzehn Jahren. Verschätzt!« Es war nicht abwegig, wobei mittlerweile viele Schulabsolventen erst ins Ausland gingen und reisten, ehe sie sich für eine Universität entschieden.

     »Was ist denn mit dir? Was studierst du hier?«, fragte Nola neugierig. Wer viel fragte, musste in ihren Augen auch mit Gegenfragen rechnen. Ob er gemeinsam mit Liz Medizin studierte und sie sich von dort kannten? Während sie aufmerksam zu Oliver sah, spielte sie nebenbei an ihrer silbernen Kette mit dem Blatt-Anhänger.

     »Hier? Nein, nein. Ich bin nicht auf dem King’s College. Ich bin am Imperial College eingeschrieben. Drüben beim Hyde Park, falls du die Stadtkarte schon etwas im Kopf hast. Da bin ich im vorletzten Jahr Elektro- und Informationstechnik. Deinem Blick entnehme ich, dass du damit nicht so viel anfangen kannst.«

     »Er ist einer von denen, die viel am Computer hängen, über irgendwelchen Quellcodes brüten und zumindest ein kleines Nerd-Gen haben. Falls du mal jemanden brauchst, der dir irgendetwas erfindet, frag Oliver. Er baut dir sicher gerne einen Hochleistungsakku für dein Handy oder so etwas«, mischte Liz sich wieder mit in das Gespräch ein.

     »Siehst du, Nola? Ich werde zutiefst missverstanden. Nerd sagt sie!«, witzelte er gut gelaunt weiter und brachte die Mädels zum Lachen. »Ansonsten hat sie natürlich Recht. Wir basteln tatsächlich sehr viel herum und programmieren diverse Dinge. Der neueste Plan ist ein Roboter, der sich um deinen Haushalt kümmert. Wir reden nicht von den kleinen Prototypen, die sich noch mit abgehakten Bewegungen vorwärts quälen, sondern von einer vollwertigen Haushaltshilfe, die mit einer entsprechenden Software bespielt wird.«

     Nola staunte nicht schlecht. Das klang wirklich gut und sehr fordernd. Oliver konnte wohl kaum auf den Kopf gefallen sein, wenn er erfolgreich einen solchen Studiengang belegte. Nola hatte keine große Ahnung von Technik. Sie kam mit den Alltagsgegenständen klar und konnte sich helfen, wenn mal etwas nicht funktionierte. Sie konnte sich aber nicht annähernd mit Olivers Fähigkeiten messen. Er tauchte anscheinend in die Tiefen der Computerprogrammierung ein, was für sie nur unverständliches Kauderwelsch war.

     »Klingt gut! Ich habe bloß angenommen, dass du hier studierst, weil wir uns auf unserem Campus treffen. Wo habt ihr euch denn kennengelernt?«

     »Wir sind uns klassisch in einem Pub über den Weg gelaufen. Ich habe die Pub-Tour der Erstsemester mitgemacht und wir kamen ins Gespräch. Er war mit einigen seiner Verbindungsleute dort. Du hast ja schon miterlebt, wie locker der Umgang hier ist. Zack, schon ist man in einer Unterhaltung. So haben wir uns dann angefreundet«, war es Liz, die antwortete.

     »Heißt ja nicht, dass man nur Freundschaften an der eigenen Uni pflegen muss«, fügte Oliver achselzuckend hinzu.

     Ob man die Vorlesungspläne verglich, wenn man an der gleichen Fakultät war oder nur in einem anderen Fachbereich, war vollkommen irrelevant. Wichtig fand Nola nur, dass man in dieser riesigen Stadt überhaupt Anschluss hatte und sich mit diesen Leuten gut verstand. Mit jedem Tag, den sie hier verbrachte, verblassten ihre anfänglichen Bedenken, dass sie länger brauchen würde, um sich komplett einzufinden. Schon jetzt hatte sie eine gute Basis gefunden und glaubte, mit Liz und Oliver die ersten Kontakte geknüpft zu haben, die zu einer Freundschaft reifen konnten.

Im Pub

Die letzte Vorlesung ihrer ersten Woche war vorüber und Nola drängte neben den anderen Studenten nach draußen. Sie fand sich schon jetzt ganz gut zurecht, obwohl es viele Verwinkelungen und Verbindungen zu anderen Gebäuden gab. Bis sie den Campus gänzlich im Kopf hatte, würde es noch dauern, aber ihre Vorlesungssäle und Seminarräume fand sie mit Leichtigkeit.

     »Das ging schon weit über die Grundlagen der Businessentwicklung hinaus, was der Professor da von sich gegeben hat, findest du nicht auch? Mir raucht der Kopf immer noch.«

     Nola wartete gerade darauf, endlich den Raum verlassen zu können, doch vor der Tür hatte sich eine Menschentraube gebildet. Alle wollten möglichst zeitgleich hinaus und es staute sich zurück. Neben ihr stand der freundliche Student, mit dem sie schon am ersten Tag kurz gesprochen hatte. Der Blonde trug seine Haare sehr kurz und wirkte mehr wie ein Sportler als jemand, der Management studierte. Seine grünlichen Augen strahlten ihr fröhlich entgegen und machten ihn sehr sympathisch. Er war im zweiten Jahr, musste aber zwei Vorlesungen und zwei weitere Seminare wiederholen. Weshalb, wusste sie natürlich nicht.

     »Stimmt. Anfangs denkt man, dass man relativ langsam an die Inhalte herangeführt wird und dann allem gut folgen kann. Leider legen die Professoren ein ziemliches Tempo vor. Ich glaube, die Grundlagen haben wir heute schon abgehandelt und ab nächster Woche geht es ans Eingemachte«, stimmte sie seufzend zu.

     Wie würden die nächsten Semester aussehen, wenn man schon in den ersten Wochen gefühlt alle Themen behandelte? Andererseits hatten schon ganz andere Leute studiert, die nicht halb so clever und fleißig gewesen waren. Damit zerstreute Nola ihre eigenen Zweifel.

     »Man merkt sofort, dass man an einer renommierten Universität gelandet ist, wo man seine Leistung erbringen muss. Außerdem sieben die ohnehin im ersten Jahr ordentlich aus. Ist ja klar, dass sie nur die Studenten behalten wollen, die das hier wirklich wollen. So faule Leute wie ich, müssen dann halt noch einmal ran.« Ernst blickte er sie an, lächelte ihr dann wieder gut gelaunt entgegen. »Keine Sorge. Ich will dir keine Horrorgeschichten erzählen, aber du kannst dir sicherlich denken, dass sie am Anfang mehr fordern und später etwas entspannter werden. Übrigens – ich bin Ben.«

     Nola stellte sich ihm ebenfalls vor und konnte ihm anschließend nur Recht geben, was das Verfahren der Universität anging. Die Studenten sollten es sich nicht zu leicht machen und deshalb wurde vermutlich gerade zu Beginn ein größeres Augenmerk auf die Leistung gelegt, mehr Druck erzeugt.

     »Das kriegen wir schon hin. Aber gut zu wissen, dass es irgendwann etwas leichter wird.« Trotzdem hatte sie Angst, dass sie nicht gut genug war und in den Klausuren versagen würde. In einer neuen Stadt, umgeben von unbekannten, neuen Leuten, an einer Universität – ihr Leben war ein gänzlich anderes geworden.

     Die Schlange vor ihnen löste sich endlich auf, sodass auch sie aus dem Saal hinaustreten konnten. Die meisten Studenten eilten schon zu ihren nächsten Vorlesungen oder wollten sich in der Zeit dazwischen einen Kaffee organisieren.

     »So, das Wochenende ruft. Plagen wir uns lieber nicht weiter mit dem Professor herum. Wir dürfen das Studentenleben nicht vergessen! Wir sehen uns am Montag, Nola.« Kurz hob Ben die Hand, grinste ihr entgegen und verschwand dann in den Korridor zu ihrer Linken.

     Sie schlenderte etwas langsamer nach rechts und ließ die Woche Revue passieren. Gedankenverloren suchte sie sich ihren Weg die Treppe hinab und in das nächste Gebäude, welches mit diesem verbunden war. Dort wollte Nola den Ausgang benutzen, der sie direkt gegenüber der Themse entließ. Sie eilte die letzten Stufen hinunter, sah zur breiten Tür hinüber, die ihr Ziel war, und rempelte in diesem Augenblick jemanden mit der Schulter an. Erschrocken wirbelte ihr Kopf herum.

     »Pass bloß auf!«, zischte der braunhaarige Kerl und musterte sie abfällig von seiner erhöhten Position. Er war zwar ohnehin größer als sie, hatte aber schon zwei weitere Treppenstufen erklommen. Seine breiten Schultern und die muskulöse Statur trugen zu einem sehr einschüchternden Auftreten bei. Von oben sah er auf sie herab, ließ Nola sein ganzes Missfallen spüren. Sie hatte Blau immer für die kältere Augenfarbe gehalten, aber der eiskalte Blick seiner braunen Augen verursachte Nola eine unangenehme Gänsehaut. Seine Haare waren eher kurz geschnitten und mit perfektionierter Lässigkeit gestylt. Wäre er nicht so offensichtlich eingebildet, hätte sie ihn als verdammt gut aussehend bezeichnet.

     »Entschuldige. Das war wirklich keine Absicht«, brachte sie perplex hervor und war von seiner Unfreundlichkeit überrascht. Konnte doch mal passieren! Kein Grund, so unfreundlich zu reagieren.

     »Dämliche Erstsemester«, spie er verachtend aus und wandte sich um, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen.

     Ungläubig sah sie ihm noch wenige Sekunden nach, ehe sie sich aus der Starre löste. Da hatte wohl jemand einen ziemlich schlechten Tag. Aber gut, man konnte nicht nur nette Menschen treffen. Leicht kopfschüttelnd nahm Nola ihren Weg wieder auf und dachte an den bevorstehenden Abend mit Liz und Oliver.

***

Nachdem sich die beiden jungen Frauen für den Abend fertig gemacht hatten, waren sie gegen neun Uhr zum Pub aufgebrochen. Es lag in Soho, nicht weit von ihrer kleinen Wohnung entfernt.

     Nola war sich im Klaren darüber, dass sie die Wohnung in Bloomsbury nur wegen ihres Vaters bekommen hatte, denn er zahlte die Miete für sie. Bloomsbury war eine der besseren Gegenden, in denen die Mietpreise sehr stattlich, aber irgendwie noch bezahlbar waren. Eine Ecke wie Kensington hätte sie sich hingegen niemals leisten können oder wollen.

     Schon als sie um die Ecke kamen, standen einige Leute vor dem Pub und tranken ihr Feierabendbier. Viele Studenten des University Colleges tummelten sich hier, da die Universität nicht weit entfernt war und alle genossen sie den relativ milden Abend.

     Liz und Nola quetschten sich an ihnen vorbei ins Pub mit der schwarzen Fassade. Links vom Eingang befand sich die dunkle Holztheke, die bereits von Studenten belagert wurde. Die Luft war warm und drückend, weshalb Nola direkt ihre dünne Jacke auszog. Im hinteren Bereich entdeckten sie Oliver, der schon mit der ersten Getränkerunde auf sie wartete.

     Fuump. Der Pfeil traf mit einem dumpfen Geräusch auf die Dartscheibe. Gerade so überhaupt auf die Scheibe. Nola ließ den Kopf hängen.

     »Das ist echt nicht mein Spiel! Wieso habe ich mich von dir bequatschen lassen?!«, wollte sie von Oliver wissen, der sich köstlich zu amüsieren schien.

     »Indem ich gewinne, hältst du mich bei Laune. Das ist doch auch nicht schlecht! Sieh es mal so, dass die Pfeile wenigstens steckenbleiben und du kein so hoffnungsloser Fall bist, dass sie direkt auf den Boden fallen.«

     »Na danke.« Sie gab ihm einen leichten Schubs gegen die Schulter und räumte dann das Feld, damit er die nächsten drei Würfe machen konnte. Nach der dritten Runde Guiness hatte sie sich überreden lassen, mit ihm Darts zu spielen. Bisher war sie die herausragende Verliererin. Liz unterhielt sich derweil mit einem Kumpel von Oliver, der sich vor einer halben Stunde zu ihnen gesellt hatte.

     »Was sagst du denn so nach deiner ersten Uni-Woche? Macht es noch Spaß?« Er warf ihr einen Seitenblick zu, kniff dann ein Auge zu, um die Dartscheibe anzupeilen.

     Gequält stöhnte Nola auf. »Ja schon. Es ist anders als ich dachte. Kann man nicht mit Schule vergleichen, weil es eine ganz andere Welt ist. Es wird bestimmt anstrengend, aber ich will es schaffen, also muss ich da durch und hoffe, dass es leichter wird. Ich komme ja ganz gut klar, aber ich will es mir auch nicht schön reden«, sagte sie schließlich ehrlich.

     In seinem nächsten Wurf, der vorherige war natürlich im inneren grünen Kreis stecken geblieben, hielt er inne und sah zu Nola. »Das legt sich. Wir werden dich einfach regelmäßig ins Pub zerren, damit du deine Sorgen beim Spielen vergessen kannst.« Er grinste Nola breit an.

     Ein paar Momente schwiegen sie und Oliver sah zu, wie Nola die nächsten drei Würfe minimal besser platzierte. »Und du bist in so einer Verbindung? Ich dachte, so etwas gibt es gar nicht mehr. Ist das so ein Alpha-Omega-Delta-Kram?« Sie hatte die Information aus Elizas Kommentar zu Beginn der Woche aufgeschnappt und es hatte Nola nicht ganz losgelassen. Jetzt schien der ideale Augenblick, um neugierig nachzuhaken.

     »Was?« Er begann zu lachen und schnappte sich sein Bierglas, um einen Schluck zu trinken. »Du hast ja Vorstellungen… Klar gibt es noch Verbindungen. Vor allem sind wir an alten, elitären Universitäten gelandet, liebste Nola. Da gehört das zum guten Umgangston. Wobei sich fast nur die Amis am griechischen Alphabet vergreifen«, sagte Oliver.

     Nola wusste nur, dass Studentenverbindungen so etwas wie Vereine waren, in die man aufgenommen werden konnte. Man knüpfte dort Kontakte zu anderen Mitgliedern, unternahm in der Freizeit etwas gemeinsam und vernetzte sich zudem mit Mitgliedern über Jahrgänge hinweg. Das klang interessant, aber sie wusste nicht, was so eine Verbindung überhaupt machte. Da konnte man ebenso gut eine Arbeitsgruppe gründen oder direkt einen Verein.

     Das Bild, das sie ansonsten von Studentenverbindungen hatte, war durch amerikanische Filme geprägt. Die Studenten einer Verbindung schmissen dort eine Party nach der anderen und lebten gemeinsam in einem großen Verbindungshaus.

     Mit seiner lockeren Art hätte Oliver da problemlos hineingepasst. Wie Nola wusste, war er im vorletzten Jahr und würde sein Studium bald abschließen. Der Dreiundzwanzigjährige hatte schon jetzt große Pläne für seinen Start ins Berufsleben und wollte bei einer der großen IT-Firmen in London Fuß fassen.

     »Was ist das denn für eine Verbindung? Ich habe echt keine Ahnung davon. Was macht ihr da?«, sprach sie die ersten Fragen aus, die ihr in den Sinn kamen.

     Oliver übernahm die Pfeile und sprach währenddessen weiter. »Wir nennen uns die Goldene Mitte, etwas stilvoll Lateinisches. Ist ja nicht so wichtig. Jedenfalls sind wir einfach eine Gruppe von Leuten, die an Technik interessiert sind. Wir picken uns die besten Studenten heraus und die werden gefördert. Wenn du eine gute Idee für eine Erfindung oder irgendeinen Prototypen hast, dann setzt die Verbindung oftmals mehr Hebel in Bewegung, damit du daran experimentieren kannst, als es der Fonds der Fakultät tut«, erklärte er bereitwillig.

     »Also wird nicht jeder aufgenommen?«

     »Nein, denn dann wären wir ja bloß wie jeder ins Leben gerufene Arbeitskreis von Studenten. Unsere Verbindung wird von Ehemaligen finanziert und gefördert. Einige haben auch eine lehrende Position innerhalb der Verbindung, stehen uns Studenten zur Seite. Ist eine feine Sache.«

     Nola reagierte nicht, als er die Pfeile auf den Tisch legte und ihr somit signalisierte, dass sie an der Reihe war. Sie hielt ihr Glas umklammert und schaute ihn an. »Das klingt… gut. Irgendwie habe ich etwas anderes erwartet. Ich weiß auch nicht, aber ich denke bei Studentenverbindungen direkt an viele Partys. Bei euch ist es eher unspektakulär und so bodenständig.« Nola grinste schief und zuckte leicht mit den Schultern, um ihm nicht vielleicht mit ihrer Aussage auf den Fuß zu treten.

     Sie hatte Universitätsclubs als etwas Besonderes und sogar Geheimnisvolles angesehen, weil sie vor ein paar Jahren eine äußerst merkwürdige und heftige Reaktion darauf miterlebt hatte. Anscheinend war es doch falsch gewesen, so zu denken. 

     »Du hast echt zu viele Filme geguckt. Du kannst in unsere Mitgliederliste schauen, da ist nichts Geheimes dran. Tut mir leid, dich zu enttäuschen. Aber…« Oliver wackelte mit den Augenbrauen und hob einen Zeigefinger in die Höhe, um sich ihre Aufmerksamkeit zu sichern. »… vielleicht findest du es ja spannend, dass es noch weitere Verbindungen an den Universitäten gibt und jede Menge alte Geschichten. Da herrschen so einige Konkurrenzkämpfe untereinander.«

     »Na! Was erzählt er wieder für einen Schwachsinn?!« Liz platzte in das Gespräch hinein und lehnte sich mit ihren Unterarmen auf Nolas Schultern. »Können wir gleich mal weiterziehen? Wir wollten doch noch woanders hin.«

Einbruch

Er presste sich mit dem Rücken an die kalte Steinmauer und warf einen Blick um die Ecke. Niemand zu sehen. Er sah sich noch weiter um. Wo stand die nächste Laterne und bis wohin fiel ihr Licht? Wo konnte er sich im Schatten bewegen und wie gelangte er über die Mauer? Rasch hatte er seinen weiteren Weg ausgekundschaftet und wollte sich schon von der Mauer abstoßen, als sich ein Motorengeräusch näherte. Am liebsten hätte er die Augen verdreht, doch er blieb konzentriert. Ein schwarzes Taxi kroch auf die Kreuzung zu und fuhr geradeaus an ihm vorbei. Lautlos atmete er aus und linste ein weiteres Mal um die Ecke. Kein weiteres Auto in Sicht.

     Nun hielt ihn nichts mehr und er lief geduckt los, an der Mauer entlang und sprang auf Höhe einer bewachsenen Mauerstelle katzengleich ab. Seine Schuhspitze fand minimal Halt in den Efeuranken, aber es reichte aus. Schnell hatte er sich über die Mauer gehangelt und kam auf der anderen Seite auf beiden Füßen auf.

     Von seinen sorgfältigen Recherchen wusste er, dass der Mann, den er besuchen wollte, zwar keine Kameras an der Rückseite seines Hauses angebracht hatte, dafür jedoch leider ein paar Bewegungsmelder. Vor ihm erstreckte sich der sorgsam gepflegte und gestutzte Rasen bis zu einer Terrasse, die im Dunkeln lag. Nur vereinzelte Büsche würden ihm Sichtschutz bieten.

     Er setzte sich wieder in Bewegung und rannte nach links. Sein Ziel war nicht die Terrasse, die sonst jeder drittklassige Einbrecher ins Visier genommen hätte. Im Schutz der Mauer näherte er sich der linken Hausseite, ohne einen Bewegungsmelder zu aktivieren. Schließlich überbrückte er ein schmales Stück Rasen, um an die Hauswand zu gelangen. Sein Blick richtete sich nach oben zu den Fenstern im ersten Stock.

     Prüfend fuhr seine Hand über die alten Steine, aus denen das Haus gebaut war und er begann triumphierend zu grinsen. So schön alte Gebäude waren, die Fassaden luden zum Klettern ein und boten genügend Halt.

     Die Hände musste er sich nicht erst an der Hose abwischen, denn sie waren trocken. Er wusste, was er tat. Die kleinen Vorsprünge und Fugen nutzend, schob er sich langsam an der Wand hinauf. Schwieriger wurde es erst, als er am Fenstersims angelangte und mit einer Hand versuchte, das Fenster zu öffnen. Er verkniff sich ein verächtliches Schnauben, als er erkannte, dass es ein alter Holzrahmen war. Er angelte nach dem dünnen Draht in der Seitentasche seiner schwarzen Hose und schob diesen dann unter dem Rahmen durch. Mit ein wenig Geduld konnte er die Drahtschlaufe, die nun im Hausinnern war, um den Haken legen der das Fenster verschlossen hielt. Der alte Mechanismus war leicht zu knacken. Er zog den Draht einfach in die andere Richtung, nachdem er die Schlaufe um den Haken geschlungen hatte.

     Dann brauchte er nur noch den Rahmen hoch zu drücken und schob das Fenster somit nach oben auf. Es klemmte ein wenig und knarrte, was ihn erstarren ließ. Er hörte jedoch keine weiteren Geräusche. Nach wenigen Sekunden hatte sich Shane Zutritt zum Haus verschafft.

     Das Arbeitszimmer lag nach hinten in Richtung Terrasse. Er musste also den Flur finden, denn auf der richtigen Etage war er schon. Mit einer kleinen Taschenlampe beleuchtete er kurzzeitig den Raum, in dem er gelandet war. Ein verstaubtes Gästezimmer.

     Er lauschte an der Zimmertür, dann griff er in die Innenseite seiner Jacke, zog eine dunkle Stoffmaske hervor und streifte sie sich über das Gesicht. Langsam drückte er die Klinke hinunter. Nur, weil das Haus von außen still ausgesehen hatte, bedeutete dies nicht, dass der Besitzer schon schlief. Im Gegenteil. Oft saß Frederick bis in die Nacht über seinen Aufzeichnungen.

     Der Flur war leer und dunkel. Shane wandte sich nach rechts und am Ende des Flurs wieder links. Nun lagen drei Türen zu seiner Rechten. Alle hatten ihre Fenster zur Rückseite des Hauses. Nur unter einem Türspalt schimmerte Licht. In zwei Sätzen war er an der Tür und lauschte auch hier wieder. Er hörte ein Kratzen, das er nicht direkt zuordnen konnte. Dazu drang immer wieder ein Murmeln durch die Tür. Shane wollte nicht noch mehr Zeit verstreichen lassen und öffnete die Tür. Stück für Stück. Nur gerade so weit, dass er sich in das Zimmer schieben konnte.

     Gegenüber der Tür befanden sich die Fenster, allerdings von dunklen Vorhängen verhüllt, weshalb er draußen im Garten kein Licht gesehen hatte. Rechts standen hohe Bücherregale und ein abgewetzter Sessel, links nahm ein großer Holzschreibtisch die meiste Fläche in Beschlag. Ein übergewichtiger Mann mit schütterem Haar saß dort mit dem Rücken zur Tür, schrieb etwas und schien nichts um sich herum wahrzunehmen. Lautlos näherte sich Shane dem Mann. Dann ging alles ganz schnell.

     Mit einer Hand drückte er dem Mann die Klinge eines Dolches an die Kehle, mit der anderen Hand fasste er nach dem Kopf des Mannes, damit dieser der Klinge nicht entkommen konnte. Erschrocken, überrumpelt und voller Angst begann Frederick zu schnaufen.

     »Was… was wollen Sie?«

     »Halt die Klappe, Freddie«, befahl Shane und überflog nebenbei die Notizen, die der Mann bis eben gemacht hatte. »Was schreibst du da? Gedichte? Wo sind die Aufzeichnungen des Ordens?«

     Langsam schien dem Mann zu dämmern, worum es hier ging und dass es sich nicht um einen normalen Einbruch handelte. Schweiß trat auf seine Stirn, was Shane angeekelt bemerkte. »Bist du einer von ihnen? Auf welcher Seite stehst du?«

     »Das geht dicht nichts an, Freddie. Wenn du mir bei drei nicht gesagt hast, wo ich deine Unterlagen finde, war es das sowieso mit dir. Eins… Zwei…« Er verstärkte den Druck der Klinge. Blut trat aus einem feinen Schnitt am Hals. Frederick begann zu zittern.

     »Im Regal… Sie sind im Regal. In einem Fach hinter dem Buch Das Bildnis des Dorian Gray.«